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Full text of "Jahrbuch des Vereins für Niederdeutsche Sprachforschung"

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Niederdeutsches  Jahrbuch. 


Jahrbuch 


des 


Vereins  fiir  niederdeutsche  Sprachforschung. 


V . 


Jahrgang  1905. 


XXXI. 


[>?^Ä^^f>?E5^=^i5]^<i>JC:T^-<<l 


NORDEN  nnd  LEIPZIG. 

Diedr.  Soltau's  Verlag. 

1905. 


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L/yysrJ^^ 


JmaaJ^ 


Druck  von  Diedr.  Soltau  in  Norden. 


Inhalt. 


3eite 

Altvil.     Ein  neuer  Erklärungsversuch.    Von  F.  Mentz 1 

Dat  Ei  was  intwei.    Von  Robert  Sprenger 19 

Eine  Sammlung  plattdeutscher  Sprichwörter  und  Kernsprüche  nebst  Erzählungs- 
bruchstücken Yon  John  Brinckman.    Von  A.  Römer 20 

I.   Mecklenburgischer  Yolksspiegel  aus  plattdeutschen  Sprichwörtern 

und  Eemsprüchen 22 

IL    Aus  Brinckman's  Notizbuch  von  1854 29 

III.    Bruchstücke  von  Erzählungen  John  Brinckman's 31 

Bruchstücke  von   Bruder  Philipps  Marienleben   aus   dem   Jahre   1324.     Von 

Fritz  Goebel 36 

Ein  niederdeutsches  Lied  auf  die  Schlacht  an  der  Conzer  Brücke  am  1.  August 

1675.    Von  Fritz  Goebel 38 

Niederdeutsche  Dichtungen  Altlivlands.    Von  Th.  vonRiekhoff 44 

Sprichwörter  und  Redensarten  aus  Stapelholm.     Von  Heinrich  Carstens     .    58 

Zu  Fritz  Reuters  Stromtid.    Von  R.  Sprenger 60 

Zu  Reuters  Kein  Hüsung.    Von  R.  Sprenger 61 

Zu  Meister  Stephans  Schachbuch.    Von  R.  Sprenger 62 

Die  Mundart  der  Prignitz.    Von  E.  Mackel 65 

Einleitung 65 

Phonetische  Darstellung  der  Laute 85 

Geschichtliche  Darstellung  der  Laute 94 

Die  Vokale  der  Stammsilben 94 

Kurze  Vokale 94 

Lange  Vokale 105 

Die  Vokale  in  nebentonigen  und  unbetonten  Silben 121 

Die  Konsonanten 133 

Halbvokale,  1  und  r 133 

Nasale 139 

Verschluss-  und  Reibelaute 141 

Übersicht  der  Entsprechungen  vom  heutigen  Bestände  der  Mundart  aus  156 


Altvil. 

Ein  neuer  Erklärungsversuch. 


Das  Sachsenspiegelwort  altvil  hat  bis  jetzt  allen  Erklärungs- 
versuchen einen  hartnäckigen  Widerstand  entgegengesetzt.  Denn  wenn 
man  auch  von  jeher  darüber  einig  war,  dass  es  einen  mit  einer 
körperlichen  oder  geistigen  Anomalie  behafteten  Menschen  bezeichnen 
sollte,  so  gingen  doch  die  Ansichten  über  die  Art  derselben  und  noch 
mehr  über  die  Etymologie  des  Wortes  weit  auseinander.^) 

Die  betreffende  Stelle  des  Sachsenspiegels  lautet,  nach  Homeyer*), 
folgendermassen:  Uppe  altvile  tmde  uppe  dverge  ne  irstirft  weder  len 
noch  erve,  noch  uppe  kropelkint  Sve  denne  de  erven  sint  und  ire  nesten 
mage,  de  solen  se  halden  in  irer  plage.  Für  altvile  gibt  Homeyer  aus 
andern  Handschriften  noch  die  Lesarten  altifile,  oltuile,  altweile,  altveile, 
alfwile,  aldefil,  alevile,  antvile,  vltfyle,  aluyle,  alczu  vil,  aide  weyp  und 
dommen  luden.  Ausser  an  dieser  Stelle  kommt  das  Wort  noch  vor 
im  Kichtsteig  Lehnrechts,  Kap.  28,  §  5*):  .  .  .  sint  blindeti  stummen 
lamen  meselsuchtigen  altvile  unde  dwerge  nicht  lenerven  en  sin  .  .  •  ; 
ferner  in  den  Goslarischen  Statuten*):  Uppe  de  meselsüchtighen 
man  unde  uppe  altvile  unde  uppe  dwerghe  unde  uppe  kröpel  ne  ervet 
nen  erve;  we  aver  ire  erve  is,  de  sul  se  halden  na  deine  dat  de  Stade 
ires  gudes  is  dat  uppe  se  ghevallen  were,  endlich  im  Berliner  Stadt- 
buche ^):  Äv  altuile  vnd  dwerge  vnd  kropel  kint  en  steruet  weder  lehn 
nochte  erue.  Wi  dartu  dan  erue  sint  vnd  or  negeste  mage,  di  scolen 
sy  holden  in  ore  plage.  Es  ist  klar  und  schon  anderweitig  betont 
worden®),  dass  die  drei  letzten  Stellen  von  der  ersten,  der  im  Sachsen- 
spiegel, abhängig  sind;  sie  tragen  demnach  zur  Erklärung  des  Wortes 
nichts  bei;  ob  sie  vielleicht  für  die  Feststellung  der  Wort  form  von 
Wert  sind,  wird  sich  später  zeigen. 

Die  Stelle  im  Sachsenspiegel  ist  verständlich  und  stets  ver- 
ständlich  gewesen   bis   auf  das  Wort  altvile.    Dass  dessen  Sinn  aber 


*)  Das  mnd.  Wörterbuch  von  Lübben -Walther  (1888)  gibt  als  wahrscheinliche 
Bedeutung  des  Wortes  an  „Schwach-,  Blödsinniger **  und  bezeichnet  die  Etymologie 
als  unsicher 

')  Des  Sachsenspiegels  1.  Teil,  3.  Aufl.,  Berlm  1861,  S.  160. 

>)  Homeyer,  Des  Sachsenspiegels  2.  Teil,  1.  Bd.,  Berl.  1842,  S.  620. 

*)  Hrsg.  V.  Göschen,  Berl.  1840,  S.  10,  Z.  19—22. 

B)  Fidicin,  Hist.-dipl.  Beiträge  zur  Gesch.  d.  Stadt  Berlin  I  (Berl.  1887) 
S.  114—115.  Ich  benutze  diese  Ausgabe  anstatt  der  neuen  -von  Clauswitz  (1888), 
weil  letztere  die  Orthographie  der  Hs.  nicht  so  genau  wiedergibt. 

*)  A.  Höfer,  Altvile  im  Sachsenspiegel  (Halle  1870),  S.  1. 

Niederdeutsohes  Jahrbuoh  XXXI.  l 


schon  am  Ausgange  des  Mittelalters  nicht  mehr  bekannt  war,  zeigen 
einmal  die  zahlreichen  verschiedenen  Ijefearten,  dann  die  verschiedene 
Wiedergabe  des  Wortes  in  den  alten  Übersetzungen  des  Sachsen- 
spiegels (vgl.  u.)  und  besonders  der  Umstand,  dass  es  glossiert 
worden  ist.  Homeyer^)  führt  aus  Handschriften  des  15.  Jahrh.  zwei 
Glossen  an:  altuvole  videlicet  ermotraditus  und  Altvil  sint  de  dar  heider 
kunne  rnechte  hebben,  man  und  vrouwen  teyken.  Diesen  Glossen  schliesst 
sich  auch  die  von  Homeyer  mitaufgefiihrte  Erklärung  des  Vokabularius 
an:  die  zuviel  haben  an  menlichen  glidern  als  zers  und  futt  Nach  der 
zweiten  Glosse  und  dem  Vokabularius  wären  also  unter  den  altvile 
Zwitter  zu  verstehen,  und  auch  das  ermotraditus  der  ersten  wird 
zweifellos  aus  hermuphroditus  verderbt  sein^).  Diese  Auffassung  des 
Wortes  hat  bis  jetzt  wohl  die  meiste  Zustimmung  gefunden:  das  mhd. 
Wörterbuch  von  Benecke -Müller -Zarncke^)  und,  ihm  folgend,  Lexer*) 
tragen  sie  vor,  und  Rotermund  hat  sie  in  seine  1895  erschienene 
Sachsenspiegelübersetzung  aufgenommen.  Etymologisch  suchte  man 
sich  diese  Bedeutung  auf  verschiedene  Weise  klar  zu  machen.  In 
den  Glossen  und  im  Vokabularius  ist  einfach  angenommen,  altvil 
stehe  für  altovele  (wofür  die  erste  Glosse  die  Nebenform  altuvole^) 
einsetzt),  und  in  ebenderselben  Auffassung  bringen  einige  md.  Hand- 
schriften alczu  vil  sogar  im  Text.  Gegen  diese  Erklärung  wandte 
sich  aber  schon  Riccius^)  mit  dem  Einwand,  dass  man  bei  dem 
^ allzuviel^  doch  mit  demselben  oder  mehr  Recht  an  andere  Glieder 
denken  könnte  als  gerade  an  die  Geschlechtsteile.  Denn  ein  Zwitter, 
meint  er,  sei  wohl  im  Stande,  die  Pflichten,  die  eine  Erbschaft  auf- 
lege, zu  erfüllen,  ein  Dreibeiniger  oder  Dreiarmiger  aber  viel  weniger. 
Darüber  Hesse  sich  ja  streiten,  sicher  ist  aber,  dass  der  Ausdruck 
^allzuvieP  für  ;,Zwitter"  im  höchsten  Masse  unbestimmt  und  irre- 
führend wäre  und  den  Anforderungen,  die  man  in  Bezug  auf  Klarheit 
des  Ausdrucks  an  ein  Rechtsbuch  zu  stellen  hat,  in  keiner  Weise 
entsprechen  würde.  Dazu  kommt,  dass,  wie  Leverkus')  hervorgehoben 
hat,  zuviel  mnd.  nie  anders  als  to  vele  oder  to  (tu)  vole  heisst,  eine 
solche  Form  einzusetzen  giebt  uns  aber  die  Überlieferung  kein  Recht. 
J.  Grimm®)  dachte  deshalb  an  ahd.  widello,  widillo,  hermaphroditus, 
woraus,  wie  er  meinte,  wil  hätte  entstehen  können,  dem  al  ver- 
stärkend vorgetreten  sei;  dies  würde  zu  der  allerdings  handschriftlich 
auch  überlieferten  Form  alwile^)  führen.     Indessen   scheint   er  selbst 


0  Ssp.  P,  S.  160. 

*)  K.  J.  Th.  Haupt  (Neues  Laus.  Mag.  47,  1870,  S.  289)  will  allerdings  eine 
Beziehung  auf  Irmin  oder  auf  Hermes  darin  linden! 

3)  III,  314a. 

*)  Mhd.  Handwörterbuch  I,  45. 

»)  Vgl.  Leverkus  in  Zschr.  f.  dt.  Philol.  3,  318. 

•)  Spicilegium  iuris  Germ,  ad  Engau  (Gott.  1750),  S.  66. 

')  a.  a.  0. 

»)  Rechtsaltertümer  1*,  S.  566. 

»;  Vgl.  Homeyer,  Ssp.  I  (1.  Aufl.),  S.  33;  in  der  3.  Aufl.  S.  160  ist  diese 
Lesart  nicht  mehr  aufgeführt. 


von  dieser  Lösung  nicht  befriedigt  gewesen  zu  sein,  denn  in  der 
Geschichte  der  deutschen  Sprache^)  nimmt  er  Zusammensetzung  des 
Wortes  aus  vil  (multus)  und  alta  (membrum)  an;  das  alta  nennt  er 
aber  dann  selbst  ;,ein  sonst  unerhörtes  Wort^.  Es  leuchtet  ein,  dass 
auch  auf  diese  Weise  nur  ein  höchst  unglücklicher  Ausdruck  zustande 
kommt,  denn  er  könnte,  wie  A.  Höfer  ^)  richtig  betont,  doch  nur 
„vielgliedrig,  gliederreich"  bedeuten.  Grimm  hätte  wenigstens  für 
das  unerhörte  alta  lieber  gleich  die  Bedeutung  membrum  pudendum 
ansetzen  sollen,  denn  so  lässt  sich  der  Einwand  von  Biccius  (s.  o.) 
auch  hier  mit  Erfolg  vorbringen.  —  Ungezwungener  suchte  Homeyer^) 
die  Bedeutung  „Zwitter*'  dadurch  zu  gewinnen,  dass  er  das  tvil  für 
eine  Ableitung  von  twe,  zwei,  ansah,  dem  das  al  verstärkend  vor- 
getreten sei.  Ein  von  twS  abgeleitetes  tvil  gibt  es  nun  allerdings,  es 
ist  aber  in  der  Bedeutung  ;, Zwitter"  ebensowenig  nachzuweisen  wie 
das  Grimmsche  alta  für  Glied,  sondern  es  heisst  „Stamm  oder  Ast, 
der  gabelförmig  gewachsen  ist".*)  Kosegarten ^)  meinte  deshalb, 
altvil  bedeute  gewissermassen  „Allzweig",  d.  h.  einen,  der  alle  mensch- 
lichen Zweige  (=  Geschlechter)  umfasst.  Dass  auch  dies  sehr 
bedenklich  und  künstlich  ist,  leuchtet  wohl  jedem  ein:  man  spricht 
nicht  von  „alle",  wenn  überhaupt  nur  zwei  vorhanden  sind;  auch, 
dass  menschliche  „Zweige"  gemeint  sind,  folgt  nicht  ohne  weiteres, 
und  schliesslich  ist  die  Bezeichnung  der  beiden  menschlichen  Geschlechter 
als  Zweige  auch  nicht  sofort  verständlich. 

Die  etymologischen  Erklärungen  für  altvil  =  Zwitter  sind 
also  sämtlich  sehr  unbefriedigend.  Ausserdem  aber  spricht  auch  ein 
sachlicher  Grund  dagegen.  Zwar  die  Glosse  „Dar  umme  ne  nemen 
disse  nen  erve,  dor  dat  se  vort  nene  misrakede  hindere  ne  maken^j  die 
Zacher^)  gegen  „Zwitter"  anführt,  scheint  mir  nicht  beweisend,  denn 
sie  kann  sich,  wenigstens  so  wie  sie  bei  Homeyer')  angegeben  ist, 
auch  auf  die  dverge  und  kropelkint  beziehen,  und  ausserdem  galten 
Zwitter  durchaus  nicht  für  unfähig,  Kinder  zu  erzeugen*).  Auch 
Leverkus'^)  Nachweis,  dass  „Zwitter"  und  widello  ursprünglich  gar 
nicht  einen  Hermaphroditen,  sondern  das  erstere  einen  Bastard, 
das  letztere  einen  Verschnittenen  bezeichnet  habe,  dass  also  unser 
Altertum  für  die  in  der  Tat  äusserst  seltenen  zweigeschlechtigen 
Missgeburten  nicht  einmal  eine  Bezeichnung  gehabt  zu  haben  scheine, 
bringt  uns  nicht  weiter.  Denn  wenn  auch  Bastarde  und  Verschnittene 
an  der  Sachsenspiegelstelle  unmöglich  in  Frage  kommen,  so  könnte 
ja  doch  altvil  gerade  das  von  Leverkus  vermisste  deutsche  Wort  für 

1)  S.  947,  Anm. 

«)  Altvile  im  Ssp.  S.  12. 

3)  Ssp.  II 1,  S.  560  u.  I»  S.  396. 

*)  Vgl.  Schiller -Lübben,  Mnd.  Wtb.  IV,  S.  646. 

»)  Wtb.  der  niederd.  Spr.  S.  286. 

•)  Zschr.  f.  Reclitsgesch.  N.  F.  9,  germ.  Abt.  S.  5G. 

')  Ssp.  l\  S.  160. 

«)  Vgl.  Höfer,  Altvüe  im  Ssp.  S.  17,  Anm. 

»)  Ztschr.  f.  dt.  Philol.  3,  S.  320. 

1* 


hermaphroditus  sein.  Sehr  wichtig  dagegen  ist  der  schon  von  Höfer  ^) 
und  etwa  gleichzeitig  mit  ihm  von  Leverkus  ^)  betonte  Umstand,  dass, 
eben  wegen  der  Seltenheit  des  Vorkommens  wirklicher  Zwitter,  an 
unserer  Stelle  eine  Vorschrift  über  solche  keineswegs  vermisst  wird, 
sehr  wohl  dagegen  eine  Bestimmung  über  Dumme  und  Schwach- 
sinnige. 

Und  so  suchen  denn  in  der  Tat  mehrere  Erklärer  eine  derartige 
Bedeutung  für  altvil  wahrscheinlich  zu  machen.  Wir  müssen  jedoch, 
ehe  wir  uns  mit  diesen  Auffassungen  beschäftigen,  zuerst  noch  einige 
andere  Deutungen  streifen,  die  ihnen  zeitlich  vorangehen. 

Während  die  Glossen,  wie  wir  gesehen  haben,  das  Wort  aus 
den  drei  Bestandteilen  al-to-vil  entstanden  sein  Hessen,  Homeyer  da- 
gegen al-tvil  abteilte,  ging  Moriz  Haupt  auf  die  ebenfalls  oben 
erwähnte  Grimmsche  Abteilung  alt-vil  zurück,  hielt  aber  das  alt  für 
das  bekannte  Adjektivum.  Er  hat  in  seiner  Zeitschrift^)  zuerst  auf 
den  mhd.  Namen  Altfil  hingewiesen  und  glaubte  dadurch  altvile  sowohl 
gegen  das  von  Grimm  früher  angezogene  altvile  wie  gegen  die  Lesart 
antvile  gesichert.  Über  die  Bedeutung  des  Wortes  sprach  er  sich 
nicht  aus,  sondern  mit  Rücksicht  auf  die  lat.  Übersetzung  von  altvil^ 
homuncio*),  und  auf  den  Umstand,  dass  in  den  Bilderhandschriften 
des  Sachsenspiegels  der  altvil  als  ein  kleiner  Mann  erscheine,  wies  er 
dann  auf  das  greisenhafte  Aussehen  der  Zwerge  hin,  ^die  wie  Eiben 
und  Wichtel  ja  auch  in  den  Sagen  und  Märchen  immer  alt  erscheinen. 
Es  kommt  also  darauf  an,  für  vil  eine  Erklärung  zu  finden.*'  Diese 
zu  liefern,  bemühte  sich  zunächst  Sachsse^),  allerdings  mit  sehr 
wenig  Erfolg.  Er  fasste  das  ganze  Wort  einfach  als  Deminutivum 
von  alt,  genauer  von  der  Maskulinform  alto  (also  etwa  =  'Alterchen', 
von  dem  alten  Aussehen  elender  Kinder),  deren  o  bei  der  Deminution 
in  V  übergegangen  sei,  so  wie  aus  gotisch  magtis  magvila,  aus  smero 
smervili  werde.  Er  beachtete  nicht,  dass  in  den  beiden  letzten  Worten 
das  u  bez.  o  zum  Stamm  gehört,  während  es  bei  alto  nur  flexivisches 
Element  ist,  ein  Deminutivum  also  nur  von  dem  Stamm  alt  gebildet 
werden  konnte.  Eine  weitere  Widerlegung  ist  demnach  überflüssig. 
Etwas  mehr  Anspruch,  ernst  genommen  zu  werden,  könnte  vielleicht 
die  von  Sachsse  nebenbei®)  versuchte  Deutung  der  Lesart  alwile  als 
Deminutivum  von  alf,  Elf,  erheben,  wenn  sie  auch  nicht,  wie  er  meint, 
aus  alpil,  alboil  entstanden  sein  könnte,  sondern  einfach  durch  An- 
fügung der  Verkleinerungssilbe  il  an  den  Stamm  alb.  Sachsse  weist 
dazu  darauf  hin,  dass  nach  dem  Volksglauben  die  Elfen  gern  neu- 
geborene Kinder  raubten  und  ihre  eigenen  dafür  hinlegten.  Solche 
;, Wechselbälge ^  sollten  also  nach  ihm  durch  die  alunle,  die  ;,Elfchen", 


0  Altvile  im  Ssp.  S.  29. 
2\  Q,.  a   0. 

«)  6  (1848),  S.  400. 

*)  Vgl.  Homeyer,  Ssp.  I«,  S.  160. 

*)  Zschr.  f.  deutsches  Recht  14  (1853),  S.  6. 

•)  Ebd.  S.  8. 


bezeichnet  sein.  Auch  Höfer  hat  in  seiner  nachher  zu  besprechenden 
Schrift  von  dieser  Erklärung  Notiz  genommen  und  meint  ^),  dass  eine 
derartige  Auffassung  vielleicht  bei  der  lat.  Uebersetzung  tianus  und 
nq)timiiis  im  Spiele  gewesen  sei,  und  schliesslich  hat  K.  J.  Th.  Haupt 
dieselbe  zur  Grundlage  einer  längeren  Auseinandorsetzung^)  gemacht, 
in  der  er,  da  die  formale  Richtigkeit  der  Sachsse'schen  Ableitung 
ihm  zweifellos  war,  sie  auch  sachlich  durch  Heranziehung  z.  T. 
höchst  weit  hergeholter  und  zweifelhafter  Parallelen  aus  der  Mytho- 
logie und  Sage  zu  bekräftigen  suchte.  Die  Beziehung  zu  den  Alben 
oder  Elfen  wird  uns  noch  weiter  zu  beschäftigen  haben,  die  sprach- 
liche Berechtigung  der  in  Rede  stehenden  Ableitung  aber  muss 
durchaus  verneint  werden.  Denn  selbst  angenommen,  dass  die  Lesart 
alwile  die  bestbeglaubigte  wäre  —  worüber  noch  zu  handeln  sein 
wird  —  so  konnte  doch  eine  mit  dem  /-Suffix  gebildete  Verkleine- 
rungsform vor  alf  zur  Zeit  des  Ssp.  nur  alvel  oder  ehel  lauten,  denn 
das  i  dieses  Suffixes  war  damals  im  Mnd.  schon  völlig  zu  e  abgeschwächt. 
Eine  solche  Form  findet  sich  aber  wenigstens  unter  den  mir  bekannt 
gewordenen  Lesarten  nicht  ein  einziges  MaP). 

Mit  weit  mehr  Sprachkenntnis  als  Sachsse  und  K.  J.  Th.  Haupt 
versuchte  A.  Höfer  das  Wort  zu  deuten.  Seine  ausführliche  Mono- 
graphie ^jAltvile  im  Sachsenspiegel^*)  gibt  zugleich  zum  ersten  Male 
einen  Ueberblick  über  das  gesamte  bis  dahin  für  das  Wort  vor- 
handene Material.  Er  nahm,  wie  M.  Haupt,  das  alt  als  das  bekannte 
Adjektivum,  das  tnle  aber  setzte  er  dem  hd.  ;,Feile^  gleich  und  über- 
setzte altvile  demnach  mit  ^Alte  Feile**^).  Zur  Begründung  dieser 
seltsamen  Deutung  wies  er  hin  auf  die  1839  ohne  weitere  Erklärung 
belegte  Schelte  ^Alte  Feile*  ^);  auch  im  Englischen  sei  ßle  „a  term 
of  contempt  for  a  worthless  person,  a  coward  etc.  An  odd  fellow 
is  still  termed  a  rum  old  file" ').  Die  schon  erwähnten  mhd.  Namen 
Altvil^  Altfil  will  H.  gleichfalls  in  diesem  Sinne  auffassen.  Eine 
weitere  Stütze  sucht  er  in  den  Uebersetzungen^).  Altvile  wird  in 
mehreren  lat.  Handschriften  mit  filitis  fatuus  übersetzt,  und  die  ndl. 
Haager  Handschrift  292  (nicht  282,  wie  bei  Höfer  verdruckt  ist)  gibt 


»)  Altvile  im  Ssp.  S.  7  f. 

*)  Der  Alvil  des  Ssp.  und  seine  mythischen  Verwandten.  (Neues  Laus. 
;.  47,  1870,  S.  254-292.) 

*)  Ich  habe  bei  einer  kurzen  Erwähnung  von  altvü  in  den  Deutschen  Ge- 
schichtsblättern (1904,  April-Heft,  S.  173)  besonderen  Wert  auf  den  fehlenden 
Umlaut  gelegt,  doch  ist  das  vorhandene  i  des  Suffixes,  an  dem  ich  dort  keinen 
Anstoss  nehme,  sicher  ein  stärkerer  Beweis  für  die  Unmöglichkeit  der  Sachsse'schen 
Ableitung.  —  Die  Form  aJbel  (alwel)  kommt  übrigens  in  Thüringen  (Salzungen) 
vor  (vgl.  Hertel,  Thür.  Sprachschatz  S.  58)  und  bedeutet  dort  einen  Tölpel  oder 
Dummkopf. 

*)  Halle,  Waisenhaus  1870. 

«)  S.  26. 

•)  Deutsches  Schimpfwörterbuch  (Arnstadt  1839),  S.  4. 

')  Citat  von  Höfer  (S.  27),  nach  Halliwell's  Dict.  of  arch.  and  prov.  words. 

«)  S.  29. 


6 

dommen  biden.  Der  Stumpfheit  der  alten  Feilen  soll  die  Dumm- 
heit der  Altvile  entsprechen. 

Wir  haben  schon  oben  Höfer  (und  Leverkus)  darin  Recht  ge- 
geben, dass  man  an  der  Stelle  des  Ssp.  den  Hermaphroditen  nicht 
vermisst,  vielmehr  eine  Bestimmung  über  Dumme  und  Schwach- 
sinnige, neben  den  mit  körperlichem  Fehl  behafteten  über  geistige 
Krüppel,  zu  erwarten  berechtigt  ist.  Nicht  weniger  ist  zuzugeben, 
dass  vile  „  Feile  **  bedeuten  kann,  denn  es  steht  nichts  im  Wege,  das 
i  in  vile  als  lang  anzusehen.  Nichts  gestattet  uns  aber,  anzunehmen, 
dass  die  vermissten  Blödsinnigen  auf  diese,  man  kann  nicht  anders 
sagen  als  höchst  geschmacklose  und  dabei  unverständliche  Weise  ein- 
geführt worden  seien.  So  hat  denn  auch  Höfers  Deutung  wohl  insofern 
Anklang  gefunden,  als  er  unter  den  altvile  geistig  Minderwertige  ver- 
stehen wil,  fast  gar  keinen  dagegen  seine  sprachliche  Erklärung  des 
Ausdruckes^).  Auch  die  Zustimmung  von  R.  Hildebrand,  die  Höfer ^j 
mit  Genugtuung  verzeichnet,  ist  doch  recht  vorsichtig,  denn  Hilde- 
brand sagt^)  nur,  A.  Höfer  habe  wahrscheinlich  gemacht,  dass  die 
Bedeutung  ;,  Blödsinniger '^  und  die  Form  altvile  war.  Von  ^Alte 
Feile^  sagt  Hild.  also  kein  Wort.  Noch  weniger  wiegt  die  von 
J.  J.  Smits  aus  Twenthe  beigebrachte  Parallele*),  die  Höfer  an  der- 
selben Stelle  anführt,  denn  das  von  jenem  als  in  Twenthe  gebräuchlich 
erwähnte  olde  feile  in  der  von  Höfer  für  altvile  angenommenen  Be- 
deutung hat  sprachlich  mit  letzterem  nichts  zu  tun,  da  die  Feile 
ndl.  vijl  heisst.  Ndl.  feile^)  könnte  nur  mit  mnd.  feil  „fehlerhaft, 
schlecht*,  veilen  „fehlen",  hd.  fehlen  zusammenhängen^),  und  insofern 
wäre  der  von  Höfer  ebenda  kurzerhand  als  „haltlos"  bezeichnete 
Versuch  von  de  Fries  und  de  Wal,  altvile  als  „ganz  fehl"  (allet-vile) 
zu  erklären,  formell  wohl  beachtenswert). 

Auf  ganz  anderem  Wege  als  Höfer  suchte  dann  Leverkus®) 
die  Bedeutung  „blödsinnig"  für  altvil  zu  erweisen.  Während  Höfer 
mit  M.  Haupt  auf  Grund  der  mhd.  Form  altßl  geglaubt  hatte,  alt- 
vile abteilen  zu  sollen,  hielt  L.  an  der  Homeyerschen  Abteilung  al- 
tvil (-twil)  fest  und   suchte   dem  Einwurf,   dass  nd.  twil  hd.  zwil  sein 


0  Vgl.  die  Besprechung  im  Lit.  Cbl.  1870,  Sp.  498  f.  und  Mnd.  Wb.  1, 
8.  V.  altvil. 

«)  Germ.  N.  R.  3  (1870),  S.  418. 

')  Der  Sachsenspiegel,  hg.  v.  J.  Weiske.  4.  Aufl.  v.  R.  Hildebrand  (Leipzig 
1870),  S.  124.    (In  neuerer  Aufl.  wiederholt). 

*)  Nieuwe  Bydragen  voor  regtsgeleerdheid  en  wetgeving  20  (1870),  S.  155. 

**)  AUg.  ndl.  ei  und  twenth.  ei  stimmen  durchaus  überein  (vgl.  J.  H.  Behrns 
im  Taalk.  Mag.  3,  1840,  S.  383). 

•)  Vgl.  Kluge,  Wtb.  6,  s.  v.  fehlen;  Mnd.  Wtb.  5,  S.  222. 

'")  Es  war  mir  leider  unmöglich,  festzustellen,  wo  dieser  Versuch  von  de  Fries 
und  de  Wal  erschienen  ist.  Auch  eine  Anfrage  bei  der  Amsterdamer  Universitäts- 
bibliothek blieb  in  dieser  Beziehung  ergebnislos.  Höfer,  der  (Germ.  N.  R.  3,  419) 
später  einmal  mehr  zu  geben  verspricht,  hat  sein  Versprechen,  so  viel  ich  sehe, 
nicht  eingelöst. 

8)  Zschr.  f.  dt.  Philol.  3  (1871),  S.  317—323.  Der  Aufsatz  ist  nach  des 
Verf.  Tode  von  Lübben  veröffentlicht  worden,  welcher  auf  S.  323—330  ein  Schluss- 
wort hinzugefügt  hat. 


müsste  (vgl.  auch  unten),  dadurch  zu  begegnen,  dass  er  tril  mit  mnd. 
dwelen  oder  dwalen,  ahd.  tivelmi,  in  Verbindung  brachte.  Für  den 
Wechsel  von  tv  (tw)  mit  etymologisch  berechtigtem  dw  brachte  dann 
Lübben  in  seinem  Schlussworte ^)  genügende  Beispiele;  tivere  nacht 
hätte  er  auch  aus  der  von  Homeyer^j  angeführten  Glosse  zu  Ssp.  I, 
70,  3  belegen  können.  Das  genannte  dwelen,  divalen  habe  ursprüng- 
lich bedeutet  „sich  drehen",  dann,  aufs  Geistige  übertragen,  ;,irr- 
sinnig,  verdummt,  betäubt  sein*'.  Von  demselben  Stamme  werden 
dann  eine  Reihe  von  Nominalbildungen  angeführt  mit  der  Bedeutung 
„Narr",  „dumm",  „schwindlig"  u.  dgl.,  leider  ist  twil  nicht  darunter. 
Am  nächsten  steht  ihm  noch  duilsk,  schwindlig,  Hvilsch,  widerspenstig, 
„eigentlich  wohl  wirrköpfig".  Auch  TU  Eulenspiegel  und  Teil  werden 
herangezogen.  „So  wird  denn  altwil  (aüvil)^  —  schliesst  Lübben')  — 
„um  das  Resultat  dieser  Untersuchung  zusammenzufassen,  einen  be- 
zeichnen, der  dauernd  und  für  immer  —  denn  das  liegt  in  der  Zu- 
fügung  von  al  —  irrsinnig  und  deshalb  erbunfähig  ist." 

Auch  von  dieser  Deutung  kann  man  nicht  sagen,  dass  sie 
zwingend  ist.  Es  muss  eine  ungewöhnliche  Schreibung  angenommen 
werden,  um  zu  einem  Worte  tml  „Narr"  oder  dgl.  zu  gelangen,  das 
sonst  nicht  belegt  ist. 

Zu  einem  ähnlichen  Ergebnisse  wie  Leverkus  und  Lübben  kam 
auch  Rochholz  in  seiner  Abhandlung  über  mundartliche  Namen  des 
Cretinismus  *).  Er  hielt  altvile  für  eine  altdeutsche  Bezeichnung  für 
Kretinen  und  brachte  ebenfalls  Teil  und  TU  (DU)  damit  in  Verbindung. 

Dass  Letzteres,  wie  Lübben  wollte,  mit  üvelen,  dwelen  zusammen- 
hänge, leugnete  Wo  est  e^),  der  es  vielmehr  auf  ein  verlorenes  starkes 
Verbum  '  fUan  zurückführte  und  dem  hd.  ^Ziel"  gleichsetzte.  Dies 
Substantivum  tU  {=  Ziel,  d.  i.  was  getroffen  wird  oder  werden  soll) 
erlaube  dann,  dem  in  Rede  stehenden  tU  die  Bedeutung  „getroffen" 
beizulegen.  AlftU  sei  sonach  der  vom  Geschosse  der  Elbe  getroffene, 
d.  i.  Blödsinnige  oder  Verrückte.  Aus  dem  nicht  mehr  verstandenen 
alftU  sei  dann  altßl  geworden  und  dies  habe  man  als  „Zwitter"  auf- 
gefasst.  Also  wiederum  Bezug  auf  die  Elfen,  aber  leider  eine  Er- 
klärung auf  Grund  einer  handschriftlich  nicht  beglaubigten  Lesart 
und  unter  Zuhülfenahme  mindestens  ungewöhnlicher  Bedeutungs- 
wandlungen. 

Woeste  schlägt  aber  gleichzeitig  noch  eine  andere  Erklärung 
vor :  so  wie  in  Worten  wie  aldrune  (alrune),  holde  fatter  (hohle  Fässer), 
Kärdel  (kärel,  Karl),  merdel  (merula)  ein  d  eingeschoben  worden  sei,  so 
sei  dies  auch  in  altfil  geschehen.  Das  dann  vorauszusetzende  ursprüng- 
liche "^alfil  erklärt  er  im  Hinblick  auf  südwestf.  feien,  foppen,  als  ;,Ganz- 
narr.  Verrückter".  Diese  Deutung  schliesst  sich  zwar  mehr  an  die  Über- 
lieferung an,  da  ja  auch  alevUe  überliefert  ist,  aber  die  Einschiebung 

»)  Ebd.  S.  323  f. 

«)  Ssp.  I»,  S.  227. 

»)  Zschr.  f.  dt.  Philol.  3,  S,  330. 

*)  Ebd.  S.  331—342. 

5)  Zschr.  f.  dt.  Philol.  6,  1875,  S.  209  f. 


V 


8 

des  d  ist  doch  sehr  bedenklich  (der  Fall  liegt  ja  bei  d  zwischen  r 
und  l  ganz  anders  als  zwischen  /  und  /*;  höchstens  holde  fatter  durfte 
bßigezogen  werden)  und  ein  fil^  Narr,  m.  W.  nicht  nachweisbar.  Über 
den  von  Woeste  in  einer  Anmerkung  gegebenen  Hinweis  auf  die 
Ähnlichkeit  zwischen  altvil  und  dem  arabisch-persischen  al-fil  (Läufer 
im  Schachspiel)  vgl.  den  Nachtrag  auf  S.  18,  Anm.  5. 

Eine  Erklärung  von  Zacher,  die  dieser  schon  im  Anschluss  an 
Leverkus-Lübbens  Aufsatz  in  Aussicht  gestellt  hatte  ^),  ist  leider  erst 
nach  seinem  Tode  durch  R.  Schröder^)  auszugsweise  veröffentlicht 
worden.  Z.  hält  a.  für  hochdeutsch  wegen  des  schon  von  M.  Haupt 
(s.  0.)  erwähnten  bairischen  Eigennamens,  deshalb  seien  auch  die 
beiden  ersten  Verse  der  Ssp.- Stelle  ursprünglich  hochdeutsch,  Vs.  3 — 6 
seien  jüngerer,  nichts  Neues  hinzufügender,  nur  ergänzend  ausführender 
niederdeutscher  Zusatz.  Das  ^bloss  verstärkende  und  deshalb  ent- 
behrliche Präfix  aU^  bedarf  für  ihn  der  Erklärung  nicht,  das  übrig 
bleibende  twil  erklärt  er  wie  Lübben  durch  Zusammenstellung  mit  got. 
dvals^  sowie  Til^  Teil  u.  s.  w.,  als  ;,geistig  gestört^  und  betont  im 
Anschluss  an  die  lat.  Übersetzung  neptunius  den  elfenhaften  Charakter 
der  altvile.  Leider  können  wir  auch  dieser  Auslegung  nicht  bei- 
stimmen. Wenn  Z.  auf  Grund  von  bair.  Ältßl  das  Wort  für  hochdeutsch 
erklärte,  so  musste  er  auch  bei  seiner  Deutung  nicht  von  aüwil  aus- 
gehen, sondern  von  altfiP)^  dann  aber  durfte  er  das  al  nicht  als 
Präfix  abtrennen,  denn  ein  Wort  tfil  wäre,  wie  schon  Höfer  bemerkt 
hat*),  durchaus  undeutsch.  Über  ttoil^  Tor,  dumm,  haben  wir  schon 
oben  gehandelt. 

Damit  sind  wir  mit  den  bisherigen  Erklärungen  zu  Ende. 
Inhaltlich  teilen  sie  sich,  wie  wir  gesehen  haben,  in  der  Hauptsache 
in  zwei  Gruppen :  1)  die,  welche  altvil  2^^  „Zwitter"  auffassen,  2)  die, 
welche  „Blödsinnige"  darunter  verstehen  wollen,  denn  auch  Höfers 
;,Alte  Feile"  und  K.  J.  Th.  Haupts  u.  a.  ^ Wechselbälge"  kommen 
schliesslich  auf  Geistesschwache  hinaus.  Wichtiger  aber  ist,  dass  die 
einzelnen  Erklärungen  von  formell  verschiedenen  Grundlagen  ausgehen : 
die  Glossen  zerlegen  das  Wort  in  al-to-vilej  Grimm  fusste  in  seiner 
ersten  Erklärung  auf  der  Form  almle^  in  der  zweiten  trennt  er  alt- 
vile^ so  auch  M.  Haupt,  Höfer  und  Woeste,  letzterer  unter  Annahme 
von  Umstellung  (alftil).  Homeyer  dagegen,  Kosegarten,  Leverkus- 
Lübben  und  Zacher  trennten  al-tml^  wobei  Leverkus- Lübben  das  tw 
als  dw  auffassten;  Sachsse  und  K.  J.  Th.  Haupt  gingen  auf  die  von 
Grimm  zuerst  bevorzugte  Form  altoile  zurück. 

Daraus  ergibt  sich  für  uns  die  unabweisbare  Notwendigkeit, 
vor   Allem   die    Form   des   Wortes   mit  möglichster   Sicherheit   fest- 

0  Zschr.  f.  dt.  Philol.  3,  S.  331. 

2)  Zschr.  f.  Rechtsgesch.  9,  Germ.  Abt.,  S.  55—58. 

')  Andernfalls  hätte  Z.  nachweisen  müssen,  dass  in  bair.  Altfil,  welches 
auch  ÄUvil  geschrieben  wird,  das  /  für  v  verschrieben  und  letzteres  als  w  zu  lesen 
sei ;  doch  kommt  v  für  w  m.  W.  in  obd.  Denkmälern  kaum  vor.  Vermutlich  hätte 
sich  Z.,  wenn  es  ihm  vergönnt  gewesen  wäre,  seine  Erklärung  völlig  auszuarbeiten, 
auch  hierüber  geäussert. 

*)  Altv.  im  Ssp.  S.  24. 


zustellen.  Hierbri  sind  wir  nun  allerdings  in  einer  bedeutend  glück- 
licheren Lage,  als  die  bisherigen  Erklärer,  denn  mittlerweile  ist  durch 
Latendorf^)  die  Form  altwil  als  in  der  2.  Hälfte  des  19.  Jahrh. 
in  Mecklenburg  noch  bekannt  erwiesen  und  damit  höchstwahr- 
scheinlich gemacht  worden,  dass  sowohl  ahvile  falsche  Lesart  als  auch 
die  von  den  Glossen,  sowie  M.  Haupt,  Grimm,  Höfer,  Woeste  vertretene 
Aufifassung  des  v  als  f  fehlerhaft  ist.^)  Dies  überhebt  uns  indessen 
nicht  der  Pflicht,  zu  untersuchen,  wenigstens  soweit  dies  durch  zuver- 
lässige Handschriftenabdrücke  möglich  ist,  wie  weit  die  Überlieferung 
mit  der  modernen  Form  des  Wortes  in  Einklang  steht.  Zunächst  ist  altvile 
zweifellos  besser  überliefert  als  ahvile:  Dies  geht  aus  der  Varianten- 
angabe bei  Homeyer  hervor  und  ist  von  Zacher*)  ausdrücklich  an- 
erkannt worden.  Auch  der  Richtsteig  Lehnrechts,  die  mitteldeutschen 
Übersetzungen,  die  Goslarer  Statuten  und  das  Berliner  Stadtbuch 
haben  das  t  Ob  das  v  aber  als  f  zu  lesen  ist,  oder  als  w^  lässt  sich 
aus  den  Handschriften  nicht  entscheiden.  Die  Berliner  Hand- 
schrift, der  Homeyer  folgt,  schreibt  zwar  hinter  rf,  s  und  t  ein  v 
(bezw.  w)  auch  für  w^  also  dverge,  sve  und  tvei^)^  sie  setzt  aber  anderer- 
seits auch  V  für  /*,  z.  B.  untvangen  (P  160).  Aus  ihr  lässt  sich  also 
nichts  ersehen,  aber  wenigstens  steht  sie  der  modernen  mundartlichen 
Form  nicht  entgegen.  Dasselbe  gilt  von  dem  durch  Sachsse*)  ab- 
gedruckten Cod.  Pal.  167,  der  uppe  oltuile  U7ide  uppe  dtierge  schreibt 
und  ti  sowohl  für  w  wie  für  v  und  f  verwendet. 

Anders  scheint  es  beim  ersten  Anblick  mit  der  von  Lübben  und 
von  Alten  herausgegebenen  Oldenburger  Bilderhandschrift  des 
Ssp.^j  zu  sein.  Sie  schreibt  unsere  Stelle  folgendermassen :  Uppe  alt- 
file  unde  dwerghe  ne  irsterft  noch  len  noch  erue  noch  tippe  cropelskint. 
Hier  ist  ausser  Zweifel,  dass  der  Schreiber  alt-file  meinte.  Die  Olden- 
burger Hs.  ist  jedoch,  wie  schon  R.  Schröder')  betont  hat,  als  nieder- 


»)  Ndd.  Korrbl.  5  (1880),  S.  17  f. 

')  Latendorf  schreibt  zwar  in  der  Überschrift  seiner  Mitteilung  und  einmal 
im  Text  altvil^  wohl  um  mit  der  Überlieferung  im  £inklang  zu  bleiben,  aber  die 
heutige  Form  gibt  er  zwei  Mal  als  altwil  an. 

»)  a.  a.  0. 

^)  Worauf  Höfer  (S.  23  Anm.)  seine  Annahme  stützt,  dass  Hom.  die  Schrei- 
bung der  Hs.  eigenmächtig  und  entgegen  den  guten  Hdschr.  geändert  und  v  für 
w  eingesetzt  habe,  ist  nicht  ersichtlich ;  es  hätte  auch  gar  kein  Grund  hierfür  vor- 
gelegen. Hom.  sagt  vielmehr  Ssp.  P,  S.  99  ausdrücklich,  dass  er  nur  die  unter- 
schiedslos gebrauchten  v  und  u  der  Hs.,  je  nachdem  ein  Konsonant  oder  Vokal 
folgt  (also  nach  modernem  Gebrauche)  unterschieden  habe. 

^)  Sachsenspiegel  od.  Sächsisches  Landrecht  .  .  .  mit  Übersetzung  . . .  v. 
C.  R.  Sachsse.    Heidelberg  1848. 

')  Der  Sachsenspiegel,  Landrecht  und  Lehnrecht.  Nach  dem  Oldenburger 
Codex  picturatus  von  1336  hrsg.  v.  A.  Lübben.  Mit  Abbildungen  in  Lithogr.  u.  e. 
Vorwort  zu  denselben  von  F.  v.  Alten.  Oldenburg  1879.  Die  Ausgabe  soll  zwar 
(nach  V.  Amira  in  den  Abh.  der  Bayer.  Ak.  d.  W.,  philos -philol.  Kl.  22,2,  S.  863 
Anm.  1)  ziemlich  fehlerhaft  sein,  aber  mangels  einer  besseren  müssen  wir  doch 
mit  ihr  operieren. 

')  Litbl.  f.  germ.  u.  rom.  Phil.  1  (1880),  Sp.  327.  Vgl.  auch  v.  Amira  in 
der  Einl.  zu  seiner  Faksimile-Ausg.  der  Dresdener  Bilderhs.  des  Ssp.  S.  9,   Sp.  2. 


10 

deutsche  Rückübersetzung  einer  hoclideutschen  Vorlage  für  den  Text 
des  Sachsenspiegels  von  untergeordnetem  Werte:  ausserdem  aber  lässt 
sich  wahrscheinlich  machen,  dass  in  der  Vorlage  sowohl  altvile  (altiiile) 
wie  altßle  gestanden  haben  kann.  Auf  S.  VII  der  Vorrede  von  Lübben 
erfahren  wir  nämlich,  dass  in  der  Hs.  v  und  w  sich  manchmal 
gegenseitig  vertreten,  dass  aber  vor  und  nach  t  regelmässig  f  stehe 
(ein  Brauch,  der  sich  auch  sonst  in  ndd.  Handschriften  findet). 
Auf  S.  22  steht  aber  doch  utvaren  und  auf  S.  34  lantvolk.  Es 
scheint  demnach,  als  ob  das  sonstige  f  hinter  t  auf  Rechnung  des 
Schreibers  zu  setzen  ist,  der  eine  gewisse  Regelmässigkeit  der 
Orthographie  herstellen  wollte,  aber  in  diesen  beiden  Fällen  nicht 
aufgepasst  und  das  v  der  Vorlage  unverändert  übernommen  hat. 
Dies  wird  um  so  wahrscheinlicher,  als  aus  dem  kritischen  Apparate 
unter  dem  Texte  auf  S.  22  hervorgeht,  dass  in  der  Hs.  vt- utvaren 
steht,  also  eine  Doppelschreibung,  welche  die  Unaufmersamkeit  des 
Schreibers  deutlich  dartut.  Auch  noch  eine  andere  Stelle  ist  geeignet, 
seine  ünzuverlässigkeit  ins  Licht  zu  stellen.  Auf  S.  80  ist  die  Rede 
von  dem  Hof  wart  (Hofhund).  Hof  wart  ^  das  Lübben  richtig  in  den 
Text  gesetzt  hat,  steht  aber  nicht  in  der  Handschrift,  sondern  honuart. 
Vermutlich  stand  in  der  Vorlage  houiiart]  der  Schreiber  las  dies 
fälschlich  als  homiart  und  schrieb  das  Wort,  das  er  wahrscheinlich 
nicht  verstand,  seiner  irrigen  Lesung  entsprechend  ab.  Es  hindert 
uns  also  nichts,  anzunehmen,  dass  in  der  Vorlage  des  Old.  Codex 
gestanden  hat  altvile  oder  altuile^  und  dass  der  Schreiber  in  dem  ihm 
unverständlichen  Worte,  seinem  orthographischen  Prinzipe  getreu,  für 
das  V  oder  w,  weil  es  hinter  t  stand,  ein  f  einsetzte.  Dass  v  oder  u 
in  der  Vorlage  auch  für  w  stehen  konnte,  vielleicht  auch  immer  stand, 
geht  sowohl  aus  dem  eben  angeführten  houuart  hervor  als  auch  aus 
Schreibungen  wie  an  der  veyde  statt  anderweide  (S.  26)  und  umgekehrt 
wiyit  statt  vint  (S.  42).  Der  Schreiber  wollte  die  ii  und  v  der  Vorlage 
dem  s.  Z.  herrschenden  Gebrauche  entsprechend  umändern,  hat  dies 
aber  hie  und  da  vergessen  oder  sie  falsch  umgeändert. 

Demnach  steht  auch  die  Oldenburger  Handschrift  der  modernen 
mundartlichen  Form  nicht  im  Wege.  —  Die  Goslarer  Statuten 
(s.  0.)  haben:  uppe  altvile  (Hs.  C  oltvile)  tmde  tippe  dwerghe.  Da 
sich  aber  auch  in  ihnen  einige  Stellen  finden,  wo  v  für  w  gesetzt  ist 
und  umgekehrt^),  so  lässt  auch  ihre  Angabe  sich  mit  der  modernen 
Form  altwil  vereinigen. 

Das  Berliner  Stadtbuch  (s.  o.)  schreibt:  av  altuile  vnd  dwerge; 
auch  es  verwendet  v  und  u  in  der  Regel  für  den  Laut  f  oder  b,  doch 
steht   S.    107    wolgeuunen  gud  u.   z.    bezeichnender   Weise    gewisser- 


*)  Z.  B.  S.  83,  Z.  2:  vant  statt  want;  Göschen  hat  want  in  den  Text  gesetzt, 
die  Handschrift  A  aber,  die  auch  altvile  hat,  bietet  vant.  S.  27,  Z.  37  steht 
silvolde  statt  des  gewöhnl.  silwolde  (vgl.  Mnd.  Wtb.  4,  S.  467  f.).  Umgekehrt  hat 
Göschen  S.  37,  Z.  21  ghevunden  in  den  Text  gesetzt,  während  die  Hs.  A  ghewunden 
schreibt;  anstatt  vüre  (S.  65,  Z.  24)  steht  in  A  wure\  auch  S.  66,  Z.  39  steht 
wunde  doch  wohl  für  funde. 


11 

massen  in  einem  Zitat,  nämlich  bei  der  Wiedergabe  eines  Spruches, 
der  bei  Rückforderung  gestohlener  oder  geraubter  Sachen  gesprochen 
wurde.  In  dem  diesem  Spruche  folgenden  Satze  steht  dann  wol- 
(jeininnen.  Man  sieht  also,  dass  der  Schreiber  sich  bei  der  Anführung 
des  Spruches  an  eine  ältere  Fassung  hielt,  und  so  mag  es  auch  bei 
altuile  gewesen  sein.  Jedenfalls  ist  im  Berliner  Stadtbuche  die  Lesung 
altwile  (d.  h.  des  u  als  ?/')  nicht  unmöglich. 

Der  Rieht  steig  Lchnrechts  hat  altrile  unde  dwerge^)  und 
setzt  V  nie  für  w  (wenigstens,  wenn  H.'s  Abdruck  getreu  ist).  Aber 
er  schreibt  doch  entfenien^)^  also  sonst  f  nach  t,  behandelt  demnach 
altvile  doch  auf  besondere  Art,  d.  h.  er  hat  es  vielleicht  aus  einer 
Vorlage,  in  der  v  auch  für  w  stand,  unverändert  übernommen. 

Die  md.  Handschriften  des  Ssp.,  zu  denen  wir  uns  jetzt  zu 
wenden  haben,  sind  für  unser  Wort  von  besonderem  Interesse.  Hat 
man  doch  gerade  durch  sie  beweisen  wollen,  dass  die  Form  altwil 
falsch  sei,  sie  müsste  sonst  in  der  Übersetzung  alzwil  lauten,  denn 
dass  die  Übersetzer  das  Wort  einfach  unverändert  aus  dem  Nieder- 
deutschen übernommen  hätten,  sei  nicht  anzunehmen^).  Bereits 
Homeyer*)  hat  dieser  Behauptung  gegenüber  mit  vollem  Recht  auf 
das  niederdeutsche  dingslete^)  hingewiesen,  das  gleichfalls  unverändert 
in  md.  Fassungen,  z.  B.  der  Leipziger  Hschr.  (s.  u.),  der  Quedlin- 
burger Hschr.,  sich  findet,  obgleich  es  einen  viel  ausgesprocheneren 
ndd.  Charakter  hatte  als  altvile  und  obwohl  die  Verhochdeutschung 
nach  Analogie  von  herisliz  gewiss  nicht  schwer  war.  Auch  das  mit 
(Umjslete  verbundene  unlust  (Unruhe,  Unaufmerksamkeit),  das  eben- 
falls sowohl  in  dem  niederdeutschen  wie  in  dem  md.  Texte  steht, 
dürfte  in  letzteren  einfach  aus  dem  Niederdeutschen  übernommen  sein, 
denn  es  ist  sonst  hochdeutsch  nicht  sicher  nachweisbar;  die  Belege, 
die  Lexer  in  seinem  Mhd.  Handwörterbuche  aus  hd.  Quellen  dafür 
beibringt,  sind  sämtlich  derart,  dass  in  ihnen  auch  das  hd.  unhist, 
das  mit  dem  in  Rede  stehenden  nichts  zu  tun  hat,  enthalten  sein 
kann.  Dies  unlust  konnte  um  so  eher  in  die  md.  Texte  übergehen, 
als  es  sich  mit  dem  gleichlautenden  hd.  Worte  äusserlich  völlig  deckte 
und  der  Unterschied  in  der  Bedeutung  den  Übersetzern  wohl  kaum 
zum  Bewusstsein  kam®).  Vielleicht  wäre  hier  auch  das  unten  zu 
besprechende  wiirt  zu  nennen.  Besonders  aber  ist  aufmerksam  zu 
machen    auf  die   Überschrift   des    12.  Artikels    des   2.  Buchs   in   der 


0  Homeyer,  Ssp.  II,  1,  S.  520. 
2)  Ebd.  S.  535. 

»)  Vgl.  Leverkus  in  Zschr.  f.  dt.  Philol.  3,  S.  319,  und  Höfer,  Altv.  i.  Ssp. 
S.  25. 

*)  Nach  Höfer  in  Germ.  N.  R.  3,  S.  418.  Vgl.  dazu  auch  Roethe,  Die  Reim- 
vorreden des  Ssp.  S.  75. 

^)  Ssp.  I,  59,  2.  Es  bedeutet  „Störung  des  Gerichts  durch  vorzeitiges 
Weggehen**. 

•)  Vgl.  hierzu  auch  den  Nachtrag  auf  S.  19. 


12 

ältesten  Leipz.  Hs.,  in  deren  Anfang  (wie,  uri,  wo)  die  Worte  wie  und 
wo  nach  Hildebrand  unübersetzt  aus  dem  Nd.  übernommen  sind. 

Die  Behauptung  Höfers  ^),  dass,  falls  altvil  unverändert  in  md. 
Fassungen  übergegangen  sei,  dies  nur  in  diesem  einen  Falle  ge- 
schehen und  fast  ohne  Beispiel  sein  würde,  ist  also  durchaus  hinfällg; 
es  sind  vielmehr  Beispiele  genug  für  ähnliche  Übergänge  vorhanden, 
und  wir  können  ruhig  die  in  md.  Handschriften  erscheinenden  Formen 
des  Wortes  zur  Feststellung  seiner  richtigen  Gestalt  verwerten. 

Die  älteste  Leipziger  Handschrift  des  Ssp.,  abgedruckt  von 
Weiske-Hildebrand^),  schreibt:  Uffe  altvile  (oder  altuile,  W.  hat^)  ii 
und  V  modernisiert)  unde  uffe  twerge  und  verwendet  i'>  sonst  nicht 
für  w  ausser  in  drei  Fällen,  die  aber  gerade  sehr  bezeichnend  sind. 
In  dem  34.  Art.  des  1.  Buches,  §  1,  schreibt  sie  mrt  für  das  mnd. 
tvurt  (wort^  Hofstelle)  und  der  Korrektor  hat  dies  in  tmrt  gebessert*). 
Für  dasselbe  nd.  Wort  hat  sie  im  48.  Art.  des  2.  Buches,  §  5,  wahr- 
scheinlich ursprünglich  vourt  gehabt,  was  der  Korrektor  wiederum  in 
wtirt  verbessert  hat^).  Ferner  lautet  der  Schluss  der  Überschrift  des 
29.  Art.  des  3.  Buches  in  der  Hs. :  wer  daz  erbe  teilen  und  verkisen 
sal.  Für  verkisen  hat  der  Herausgeber  natürlich  richtig  eingesetzt 
wer  ktsen^).  Die  drei  Fälle  beweisen  aber  deutlich,  einmal,  dass  in 
der  Vorlage  der  Hs.  v  bezw.  u  auch  für  w  gebraucht  wurde,  und 
zweitens,  dass  der  Schreiber  manchmal  gedankenlos  abschrieb,  er 
wird  also  auch  altvile  so  übernommen  haben. 

Die  Jenenser  Handschrift  des  Richtsteigs  Lehnrechts 
schreibt')  altuile  getwerge.  Da  sie  sonst  für  v  oder  ic  nie  u  schreibt, 
so  ist  klar,  dass  der  Schreiber  altuile  aus  der  Vorlage  übernahm,  ohne 
es  zu  verstehen,  sonst  hätte  er  es  seiner  sonstigen  Schreibweise  ent- 
sprechend geschrieben.  In  der  Vorlage  aber  konnte  das  ti  sehr  wohl 
auch  für  w  stehen,  somit  ist  also  auch  hier  die  Form  altwile  nicht 
ausgeschlossen. 

Die  Dresdener  Handschrift,  die  jetzt  in  der  Faksimile- 
ausgabe von  K.  V.  Amira  vorliegt®),  schreibt  alt  vilen^)  und  Höfer ^^) 
führt  diese  Form  natürlich  als  für  seine  Deutung  günstig  an.  Es 
mag  auch  wohl  sein,  dass  dies  ;,Alte  Feilen^  bedeuten  soll,  d.  h. 
dass  der  Schreiber  sich   das   niederdeutsche   altvile  so  zurecht  legte. 


1)  Altv.  im  Ssp.  S.  25. 

*)  Der  Sachsenspiegel  (Landrecht)  nach  der  ältesten  Leipziger  Handschrift 
hrsg.  V.  J.  Weiske.  5.  Aufl.  v.  R.  Hildebrand.  Leipzig  1877.  S.  5.  (Die  6.  Ausg. 
war  mir  nicht  zugänglich.) 

s)  Vgl.  S.  VIl  der  Vorrede. 

*)  S.  20. 

ß)  S.  64. 

•)  S.  87. 

')  Homeyer,  Ssp.  H,  1,  S.  520. 

®)  Die  Dresdener  Bilderhandschr.  des  Ssp.  hrsg.  v.  Karl  v.  Amira.  I.  Lpz. 
1902.    Fol. 

»)  Tafel  10  bei  Amira. 

*<0  Germ.  N.  R.  3,  S.  418. 


13 

Was  aber  seinen  Deutungen  für  Wert  beizumessen  ist,  das  zeigt 
seine  durchaus  falsche  Wiedergabe  des  oben  erwähnten  dingslete  durch 
^Unrecht^^). 

Im  Anschluss  an  die  md.  Formen  des  Wortes  suchen  wir  uns 
am  besten  auch  gleich  mit  den  oberdeutschen  Überlieferungen  ab- 
zufinden. Da  sind  zunächst  die  beiden  Stellen  bei  Fi  schart^),  wo 
einmal  von  Ältmlischen  Flaschen  und  dann  von  Alttvilischer  Cantzelij- 
scher  Teiitischer  Schrifftartlickeyt  die  Rede  ist.  Bereits  Grimm  ^) 
brachte  diese  Stellen  mit  unserm  alttnl  zusammen  und  meinte,  alt- 
wilisch  bedeute  ;,seltsam,  zwitterhaft*',  ein  Zusammenhang  mit  ;, Weile*' 
(Zeit)  sei  nicht  anzunehmen.  Sachlich  wäre  nun  ein  Zusammenhang 
mit  Zeit  durchaus  nicht  abzuweisen,  denn  ein  Wort  wie  „vorzeitlich, 
vorsintflutlich**  würde  hier  sehr  wohl  passen,  aber  einmal  dürfte 
„Weile**  in  der  Bedeutung,  die  es  durch  diese  Zusammensetzung  an- 
nehmen würde,  nie  üblich  gewesen  sein,  so  dass  selbst  ein  Fischart  sich 
dieselbe  nicht  hätte  erlauben  dürfen,  und  dann  pflegt  Fischart  eben 
nicht  Wile  zu  schreiben  sondern  Weile,  er  hätte  also  wohl  altweilisch 
gesetzt,  wenn  er  an  Weile  gedacht  hätte.  —  Höfer  hat  nicht  ernstlich 
versucht,  die  Fischartstellen  zu  erklären.  Er  sagt*):  „Hat  aber 
Fischart  hier  nicht  'weile'  gemeint,  so  kann  er  an  viel  Anderes  eher 
gedacht  haben  als  an  die  ihm  wahrscheinlicher  verborgen  gebliebene 
Korruption  einer  Sachsenspiegelhandschrift.  Zudem  ist  zuversichtlich 
anzunehmen,  dass  Fischart  das  Wort  in  seiner  wahren  Gestalt  und 
Bedeutung  sehr  wohl  kannte,  selbst  gebrauchte  und,  falls  ers  im 
Sachsenspiegel  oder  sonst  gelesen,  auch  verstanden  haben  würde.** 
Das  sind  nichtssagende  Phrasen.  Offenbar  passten  Höfer  die  Fischart- 
stellen sehr  schlecht,  weil  durch  sie  das  v  als  w  erwiesen  wird.  — 
Ich  glaube  vielmehr,  dass  Fischart  gerade,  um  etwas  recht  Seltsames 
zu  bezeichnen,  zu  dem  Ssp.-Wort  gegriffen  hat,  das  er  vielleicht 
keineswegs,  wie  Höfer  meint,  ohne  Weiteres  verstand,  sondern  das 
ihm  als  das  Urbild  des  Rätselhaften  und  Unverständlichen  erschien. 
Darum  bezeichnet  er  auch  die  Schreibart  der  Kanzlei,  die  bekanntlich 
auch  heute  noch  oft  schwer  verständlich  ist,  als  altwilisch.  Und  eben 
wegen  der  Dunkelheit  des  Wortes  behielt  er  auch  die  niederdeutsche 
Form  bei  oder,  richtiger  gesagt,  musste  er  sie  beibehalten.^)  Seine 
Schreibung  stimmt,  wie  schon  angedeutet,  mit  der  Latendorfs  überein. 

Es  bleiben  die  drei  bairischen  Urkundenstellen,  wo  ver- 
mutlich einunddieselbe  Person  einmal  Marquart  Ältvil^)  und  zweimal 
Marchwart  AltfiV)  genannt  wird.     Hier  ist  nun  allerdings  der  /"-Laut 


0  Tafel  34  bei  v.  Amira. 

*)  Geschichtsklitt.,  hrsg.  v.  Alsleben  (Hall.  Neudrucke  66—71),  S.  40  u.  41. 
^)  Dt.  Wtb.  s.  V.  aUwüisch. 
*)  Altv.  im  Ssp.  S.  13  f. 

^)  Dass  er  übrigens  auch  sonst  sich  vor  ndd.  Formen  nicht  scheute,  beweisst 
die  Form  Liffkindecken,  ebd.  S.  36. 
•)  Mon.  Boica  VII,  450. 
')  Ebd.  II,  344  u.  VIIT,  428. 


14 

des  V  ausser  Zweifel.  Erklären  können  wir  ihn  aber  vielleicht  ebenso 
wie  in  der  Dresdener  Handschrift,  nämlich  durch  Missverständnis: 
die  besagte  Persönlichkeit,  von  der  wir  sonst  nichts  wissen,  stammte 
vielleicht  entweder  selbst  aus  Niederdeutschland  oder  ihre  Vorfahren 
waren  von  dort  nach  Baiern  eingewandert;  der  niederdeutsche  Name 
Altwil  (nach  nd.  Art  Ältvil  geschrieben)  wurde  dann  in  bairischem 
Munde  als  alt-vil,  alt-fil  aufgefasst^)  und  von  dem  bairischem  Schreiber 
entsprechend  geschrieben;  möglich,  dass  man  dabei  an  alt  und  file 
(feile)  dachte^).  Vielleicht  ist  aber  auch  K.  J.  Th.  Haupt  im  Rechte, 
der^)  annimmt,  dass  diese  bair.  Namen  überhaupt  mit  unserm  altwil 
gar  nichts  zu  tun  haben.  Für  diesen  Fall  könnte  Björkman  das 
Richtige  treffen,  der^)  meint,  dass  der  Name  aus  mlat.  alphilus  ver- 
deutscht bezw.  volksetymologisch  umgedeutet  sei.  Schliesslich  könnten 
sie  auch  „Alte  Feile*  bedeuten;  ein  solcher  Beiname,  einem  Manne 
aus  irgend  einem  Grunde  gegeben,  wäre  zwar  nicht  schön,  aber  doch 
denkbar.  — 

Wir  finden  also,  dass  die  durch  Latendorf  gebuchte  moderne 
Form  altioil  mit  der  Überlieferung,  soweit  wir  sie  an  der  Hand  des 
gedruckten  Materials  prüfen  konnten,  allerdings  nur  einmal  (bei 
Fischart)  zweifellos  übereinstimmt,  dass  aber  8  von  den  1 1  unter- 
suchten Fällen  ihr  nicht  unbedingt  entgegenstehen,  d.  h.  dass  sie 
ebensowohl  für  altioil  wie  für  altvil  (altfil)  zeugen  können.  Von  den 
zwei  Fällen,  die  durchaus  für  f  sprechen,  ist  das  alt  vilen  in  der  Dres- 
dener Handschrift,  wie  wir  gesehen  haben,  höchst  verdächtig  (auch 
durch  das  angefügte  n,  das  sonst  nirgends  steht),  und  auch  die  bai- 
rischen  Belege  lassen  sich  nicht  als  beweisend  anerkennen.  Wir 
können  also  auch  der  geschriebenen  Überlieferung  gegenüber  ohne 
Bedenken  unserer  Erklärung  die  Form  altwil  zugrunde  legen,  umso- 
mehr  als  dieselbe,  wie  wir  sehen  werden,  auch  eine  durchaus  be- 
friedigende Etymologie  ermöglicht. 

Zunächst  gibt  uns  Latendorfs  Mitteilung  aber  auch  unzweideutig 
die  Bedeutung  des  Wortes.  Es  heisst  darin:  „Auf  einer  Bauern- 
versammlung in  der  Nähe  von  Schwerin  hörte  er  [nämlich  L.'s  Ge- 
währsmann, der  Advokat  Groth  aus  Schwerin],  wie  sich  die  Land- 
leute darüber  unterhielten,  dass  die  Unterirdischen  im  Petersberg  ein 
ungetauftes  Kind  gestohlen,  und  dafür  eines  der  Ihrigen,  ein  alttoil 
untergeschoben  hätten.*  Bei  den  „Unterirdischen*  haben  wir  zweifel- 
los an  Alben,  Eiben,  Elfen  zu  denken,  und  so  bestätigt  sich 
die  schon  von  Sachsse  geahnte,  von  K.  J.  Th.  Haupt  mit  vielen 
Sonderbarkeiten  weiter  verfolgte,  auch  von  Höfer,  Lübben,  Woeste, 
Zacher  und  Björkman^)  nicht  geleugnete  und  von  Rochholz  ein- 
gehender   begründete   Beziehung    der    alttvile   zu    jenen    Fabelwesen. 


*)  über  die  bair.  Ausspr.  von  fremdem  v  als  /  vgl.  Weinhold,  Bair.  Gramm. 
S.  135,  §  131. 

')  Ob  die  einmal  vorkommende  ndd.  Schreibung  Marquart  AUvil  noch  auf 
diesen  ndd.  Ursprung  hindeutet,  wage  ich  nicht  zu  entscheiden. 

'i  a.  a.  0.  S.  255. 

*)  Zs.  i  dt.  Alt.  43,  1899,  S.  U6  ff.     Vgl.  unten  S.  18,  Anm.  5. 


15 

Altunl  bezeichnet  ein  von  den  Elfen  untergeschobenes  Kind,  einen 
Wechselbalg.  Dass  diese  Bedeutung  auch  für  die  a.  im  Ssp.  gut 
passt,  leuchtet  sofort  ein,  wenn  man  sich  klar  macht,  dass  die  vom 
Volksglauben  als  Wechselbälge  bezeichneten  Geschöpfe  nichts  Anderes 
sind,  als  Kretins,  d.  h.  an  Körper  und  Geist  zurückgebliebene, 
missgestaltete  Personen,  .  wie  sie  in  allen  Gegenden  mitunter  vor- 
kommen. Eben  weil  die  unglücklichen  Eltern  derselben  nicht  zugeben 
wollten,  dass  es  ihre  Kinder  seien,  bildet  sich  der  Glaube  aus,  dass 
das  echte  Kind  gestohlen  und  ein  Elfenkind  untergeschoben  worden 
sei^).  Dass  der  Verfasser  des  Ssp.  oder  genauer  derjenige,  der  aus 
alten  Rechtsüberlieferungen  die  Stelle  über  die  a.  in  den  Ssp.  ein- 
setzte^), noch  an  Wechselbälge  glaubte,  ist  durchaus  nicht  unwahr- 
scheinlich. Glaubte  doch  noch  Luther  daran*),  wenn  er  sie  auch 
nicht  mit  den  Elfen  sondern  mit  dem  Teufel  in  Verbindung  brachte. 
Dass  mau  die  Kretins  und  sonstige  Blödsinnige  auch  anderweitig  mit 
elbischen  Wesen  in  Beziehung  setzte,  hat  Rochholz  in  seinem  oben 
erwähnten  Aufsatze  durch  Beispiele  nachgewiesen.  „Dar  sin  die  elwen 
rmef^  wird  in  Westfalen  von  einem  Besessenen  gesagt,  ein  elbentrötsch 
„ist  jener  Aprilnarr,  der  sich  gegen  eine  erdichtete  Gefahr  als  Nacht- 
wache auf  die  Feldmark  hinausstellen  lässt^*).  Zu  der  Bedeutung  von 
a.  als  Elfenkind  stimmt  dann  auch  die  Übersetzung  neptunius  (vgl. 
Wasserkopf).  Weiterhin  passen  aber  auch,  da  die  Wechselbälge  eben 
auch  geistig  verkrüppelte  Geschöpfe  sind,  die  sonst  noch  verwendeten 
Ausdrücke  fatims,  vanus,  dommen  hiden  u.  dgl.  gut  darauf. 

Ist  demnach  die  Beziehung  der  a.  zu  den  Elfen  ausser  Zweifel, 
so  liegt  nichts  näher,  als  diese  Beziehung  auch  in  dem  Namen  selbst 
zu  suchen.  Dazu  braucht  man  aber  nicht  mit  Sachsse  ein  unmög- 
liches Deminutivum  zu  bilden,  mit  K.  J.  Th.  Haupt  eine  weniger 
beglaubigte  Lesart  heranzuziehen  oder  mit  Woeste  eine  Umstellung 
aus  alftU  anzunehmen.  Sondern  altwil  ist  einfach  entstanden 
aus  alftivil.  Der  erste  Bestandteil,  alf,  Elfe,  ist  dann  ohne  Weiteres 
klar  (über  den  Ausfall  des  f  vgl.  u.),  und  fiir  das  übrig  bleibende 
twil  bietet  sich  ungesucht  die  schon  von  Kosegarten  hervorgehobene 
Bedeutung  ^yZweig*',  u.  z.  in  dem  Sinne  von  „Spross*.  Ein  alftunl 
ist  dann  ein  Albenspross,  ein  Elfenkind,  genau  wie  es  sich  aus  der 
Latendorfschen  Mitteilung  ergeben  hat.  Ein  direkter  Beleg  für  die 
Verwendung  von  twil  für  ;,Spros8^  fehlt  mir  zwar;  ich  weiss  wohl, 
dass  tml(l)  ursprünglich,  als  Ableitung  von  twS,  eine  Astgabelung 
bezeichnet  (so  heute  noch  als  twäl  im  Mecklenburgischen),  aber  da- 
neben bestand  schon  im  Mnd.  die  Bedeutung  von  Ast  oder  Zweig 
schlechthin;  dies  geht  hervor  aus  Bildungen  wie  twillstern  „viele 
Nebensprossen    treiben^,    twiilstric/,    was   viele   Nebensprossen   hat*), 


*)  Vgl.  Ploss,  Das  Kind  1*,  S.   118  f.    Wuttke,   Der  deutsche   Volksaber- 
glaube ^  S.  383  f. 

2)  Vgl.  Sachsse  in  der  Zschr.  f.  dt.  Recht  14,  S.  2. 
8)  Vgl.  Tischreden  (Ausg.  v.  Kroker)  S.  198,  Nr.  352. 
Zschr.  f.  dt.  Phüol.  3,  R.  336  f.  u.  340. 
Brem.  Wtb.  5,  S.  141. 


? 


16 

dretwelt  ;,dreigeteilt*'^).  Man  kann  also  ohne  besonderen  Zwang  für 
twil  die  Bedeutung  ;,Spross"  annehmen,  jedenfalls  nicht  mit  mehr 
Zwang  als  man  zur  Annahme  der  früheren  Erklärungen  nötig  hat. 
Hat  doch  das  Wort  ;, Zweig*  dieselbe  Bedeutungsentwickelung  durch- 
gemacht. Auch  daran,  dass  im  heutigen  Mecklenburgischen  das  Wort 
twäl  lautet,  braucht  man  keinen  Anstoss  zu  nehmen,  denn  als  zweiter, 
minder  betonter  Bestandteil  eines  Kompositums  konnte  sich  die  alte 
Form  mit  kurzem  i  wohl  erhalten^)  Bemerkenswert  ist  allerdings, 
dass  a.  in  L.'s  Mitteilung  sächlichen  Geschlechtes  ist  (Akk.:  ein  altwil)^ 
während  twil  und  twäl  sonst  durchaus  männlich  sind.  Aber  von  Be- 
deutung ist  auch  dies  nicht,  denn  einmal  kam  es  L.  und  seinem 
Gewährsmann  sicher  weit  mehr  auf  die  Form  des  Wortes  und  seine 
Existenz  überhaupt  an  als  auf  sein  grammatisches  Geschlecht,  sodass 
in  Bezug  auf  letzteres  wohl  ein  Irrtum  unterlaufen  konnte,  dann  aber 
ist  auch  ein  Übergang  des  Kompositums  in  das  sächliche  Geschlecht 
keinesweges  ausgeschlossen  wegen  der  Analogiewirkung  von  ^das 
Kind*;  ähnlich  wird  ja  in  Norddeutschland  für  das  Kind  auch  das 
Balg  und  das  Wurm  gesagt.  Aus  dem  Sachsenspiegel  und  den 
anderen  Stellen,  wo  a.  überliefert  ist,  lässt  sich  das  Geschlecht  nicht 
ersehen. 

Ist  so  die  Bedeutung  von  twil  aufgeklärt,  so  bleibt  noch  übrig, 
den  Ausfall  von  f  im  ersten  Teile  des  Wortes  zu  rechtfertigen.  Es 
gibt  mehrere  niederdeutsche  Appellativa,  die  mit  alf,  elf  zusammen- 
gesetzt sind,  Kosegarten ^)  führt  an:  alfhofj  elfklatte,  alfranken,  alfriide^ 
alftost^).  In  keinem  derselben  schwindet  das  f,  aber  es  bietet  auch 
nur  das  eine  alftost  dieselbe  Konsonantenverbindung  wie  *alftivil, 
folglich  darf  streng  genommen  nur  dies  zum  Vergleiche  herangezogen 
werden.  Kosegarten  hat  das  Wort  aus  Schellers  handschriftlichem 
Sassisch-Niederdeutschem  Wörterbuche,  das  besonders  die  Mundart 
der  Braunschweiger  Gegend  berücksichtigt.  Ich  habe  nun  einen 
Kenner  der  ostfälischen  Mundart,  Herrn  Th.  Reiche  in  Braunschweig, 
gefragt,  ob  das  Wort  vielleicht  auch  altost  gesprochen  würde,  aber 
von  ihm  erfahren,  dass  es  ihm  überhaupt  unbekannt  ist  und  dass 
Scheller  (wie  übrigens  schon  Kosegarten  auf  S.  X/XI  seines  Wörter- 
buches betont  hat)  sehr  unzuverlässig  ist.  Mit  Sicherheit  kennen 
wir  demnach  keine  mit  alf  zusammengesetzten  Appellative,  welche 
dieselbe  Konsonantenverbindung  aufweisen  wie  *alftwil,  und  können 
deshalb  aus  dem  bei  den  anderen  erhaltenen  f  nichts  gegen  unsere 
Ableitung  folgern.  Dagegen  lässt  sich  ein  Ausfall  von  f  belegen 
durch  den  niederdeutschen  Ortsnamen  Älstedde  (Regierungsbez.  Münster), 
der  früher  Älfstide,  Älfstedi  lautete^).     In  mittel-  und  oberdeutschen 

»)  Mnd.  Wtb.  1,  574. 

*)  In  ähnlicher  Weise  beisst  in  Thüringen  rechts  der  Saale  nicht  weit  von 
Jena  die  Herbstzeitlose  Oksenbiddl,  während  sonst  die  ganze  Gegend  baidl  (Beutel) 
spricht. 

»)  Nd.  Wtb.  S.  226  f. 

^)  Weitere  sind  mir  nicht  bekannt  geworden. 

^)  Vgl.  Friedländer,  Die  Heberegister  des  Kl.  Freckenhorst  (Münster  1872), 
S.  49,  und  Erhard,  Reg.  Hist.  Westfaliae  1,  Cod.  dipl.  Nr.  103b. 


17 

Gegenden  finden  sich  weitere  Beispiele  für  den  Verlust  von  f  nach  /; 
z.  B.  liudolstadt,  dann  Wolsfeld  (10.  Jh.  Wolfesfelt^)  bei  Trier,  Wol- 
kramshausen  (aus  Wolfgrhneshusen^)\  Wolfskirchen  im  Unter -Elsass 
heisst  mundartlich  Wolschkirche^),  Nun  darf  man  ja  die  bei  Orts- 
namen und  Eigennamen  überhaupt  vor  sich  gehenden  Lautwandelungen 
nicht  ohne  weiteres  auch  für  Appellativa  annehmen,  aber  ich  meine 
doch,  dass  ein  Name  wie  Alfstedde,  bei  dem  das  alfj  genau  wie  bei 
^alffwil,  an  betonter  Stelle  steht,  schwer  ins  Gewicht  fällt.  Ferner 
schreibt  John  Brinkman*)  sülstig  für  sülfstig,  damit  ist  also  der  Ausfall 
auch  anderweitig,  wenn  auch  nur  im  modernen  Niederdeutschen,  belegt. 
Zum  Schwunde  des  f  gerade  bei  *alftivil  könnte  auch  das  nur  durch 
das  t  von  dem  f  getrennte,  ihm  nahe  verwandte  w  beigetragen  haben, 
indessen  wäre  dieser  Konkurrenz  wohl  eher  das  w  zum  Opfer  ge- 
fallen. —  Möglicherweise  liegt  die  Sache  aber  auch  etwas  anders. 
Statt  alf  erscheint  nämlich  in  nd.  Kompositis,  entgegen  der  Regel, 
wonach  auslautendes  b  im  Niederdeutschen  stets  zu  f  wird,  auch  alb, 
sogar  alh,  z.  B.  Albdag  als  Name  eines  Grafen  in  Friesland ^),  alhrun^ 
alhker  ebenfalls  als  Personennamen®).  Altwil  könnte  sonach  auch 
auf  ^albtwil  oder  "^alhtwil  zurückgehen.  Ausfall  des  b  (oder  vielleicht 
besser  Angleichung  desselben  an  das  l)  Hesse  sich  ebenfalls  durch  das 
oben  erwähnte  Alstedde  belegen,  für  das  im  9.  und  10.  Jahrh.  auch 
Alhsteti  vorkommen  solF).  Auch  die  Namensform  Aldach^)  könnte  man 
dafür  herbeiziehen,  falls  diese  aus  Albdach  (Albdag)  und  nicht,  wie 
Kosegarten  meint,  aus  Adeldach  verkürzt  ist^).  Für  den  Schwund 
oder  die  Angleichung  von  b  wäre  vielleicht  anzuführen  swahj  swdl(e)ke 
aus  swalewe  u.  s.  w.,  denn  das  dort  verschwundene  w  ist  ja  von  b 
im  Nd.  nicht  allzu  verschieden,  auch  hellinc  aus  helbelinc^^)^  ganz 
besonders  aber  der  oben  erwähnte  Name  alhnm,  falls  dieser  mit 
almna,  Alraune,  identisch  ist.  Gewöhnlich  wird  das  al-  letzteren 
Wortes  ja  mit  all  ^omnis*'   zusammengebracht   und   das  Ganze   dem- 


*)  Förstemann,  Altdt.  Namenbuch  2^  1645. 

«)  Ebd.  1646. 

*)  Das  Reichsld.  Els.-Lothr.,  herausg.  v.  Statist.  Biireau  des  Minist,  f.  E.-L., 
3,  Sp.  1227. 

*)  Sämtl.  Werke  1  (Berlin,  Werther  1900),  S.  152. 

»)  Mon.  Germ.  1,  38  b. 

*)  Crecelius,  Collectae  ad  augendam  nom.  propr.  sax.  et  fris,  scientiam 
spectantes  III  a,  S.  (>8. 

')  Förstemann,  Namenbuch  2*,  S.  55.  Doch  habe  ich  den  Namen  an  den 
von  F.  angegebenen  Stellen  vergeblich  gesucht. 

»)  Kosegarten,  Nd.  Wtb.  S.  210. 

*)  Mittel-  und  oberdeutsche  Zusammensetzungen  zeigen  selbstverständlich 
immer  die  Form  alb  oder  alp,  so  albleich,  albschoss,  albrass,  alpthonar;  auch  hier 
erhält  sich  das  b  (p),  wie  im  Nd.  das  /»  aber  auch  hier  findet  sich  in  anderen 
Verbindungen  Schwund  desselben:  so  ist  ÄUgäu  entstanden  aus  Albgäu  (vgl.  Mon. 
Boica  23,  214  und  Baumann,  Gesch.  des  Allgäus),  der  Ort  Ältertheim  bei  Würz- 
burg wird  im  11.  Jahrh.  Albdrudeheim  genannt  (Dronke,  Cod.  dipl.  Fuld.  Nr.  323 
wozu  zu  vergleichen  Mühlbacher,  Register  der  Karolinger  1  ^  S.  260) ;  ferner  vgl. 
thüringisch  saldhi  für  selbthier  (Hertel,  Thür.  Sprachschatz  S.  227), 

10;  Vgl.  Roethe,  Reimvorreden  des  Ssp.  S.  94,  und  Lexers  Wtb.  I,  Sp.  1228. 

Niederdentsohes  Jahrbuch  XXXI.  9 


18 

gemäss  wiedergegeben  „alle  Geheimnisse  kennend^  ^).  Die  ahd. 
Nebenform  alarun  und  heutige  Dialektformen,  wie  schweizerisch 
alerune  u.  dgl.,  berechtigen  auch  dazu.  Aber  daneben  stehen  die  von 
Kosegarten  ^)  und  Woeste^)  erwähnten  alhrünerij  deren  Wesen  und 
Treiben  sich  mit  dem  der  Alraunen  so  vollkommen  deckt,  dass  man 
kaum  umhin  kann,  sie  mit  diesen  zu  identifizieren.  So  hält  denn 
auch  Schwyzer*)  den  durch  Wackernagels  treffende  Konjektur  in  den 
Text  von  Tacitus  Germania  (Kap.  8)  eingesetzten  Frauennamen  Albruna 
für  eins  mit  Alraune  und  übersetzt  ihn:  „Mit  der  göttlichen  Zauber- 
kraft der  Elfe  begabt*^.  Wahrscheinlich  sind  sowohl  alaruna  wie 
albruna  in  dem  Worte  alruna,  Alraune,  zusammengeflossen,  dies  bleibt 
aber  auch  dann  eine  wertvolle  Stütze  unserer  Ableitung  von  altwil. 
Jedenfalls  ergibt  sich  aus  den  obigen  Beispielen,  dass  die  Ent- 
stehung von  altml  aus  *alftml  oder  "^albtwil  (^alhtunl)  lautlich  sehr 
wohl  möglich  ist.  Da  diese  Ableitung  ausserdem  mit  der  durch 
Latendorfs  Mitteilung  gesicherten  sachlichen  Bedeutung  des  Wortes 
aufs  Beste  übereinstimmt,  so  glaube  ich,  dass  sie  der  Wahrheit  näher 
kommt  als  die  bisher  vorgetragenen  Etymologien.  Sollte  ich  doch 
das  Richtige  nicht  getroffen  haben,  so  würde  es  mich  freuen,  wenn 
ein  Glücklicherer,  durch  meine  Untersuchungen  angeregt,  endgültiges 
Licht  über  diese  uralte  Bezeichnung  verbreitete^). 


*)  Vgl.  Schrader,  Reallex.  der  idg.  Altertumsk.  S.  36. 

2)  j^d.  Wtb.  S.  205. 

»)  Westf.  Wtb.  S.  4. 

*)  Tacitus  Germania  herausg.  v.  Schweizer  -  Sidler,  6.  Aufl.  v.  Schwyzer 
(19a2),  S.  19. 

^)  Nachtrag  zu  S.  8.  Erst  während  der  Korrektur  bin  ich  auf  Björkmans 
Äusserungen  über  a,  (Zs.  f.  d.  Alt.  43,  1899,  S.  146—150)  aufmerksam  geworden. 
Er  weist  hin  auf  die  Ähnlichkeit  desselben  mit  mlat.  alphilus,  alphinus  „Läufer  im 
Schachspiel".  Dieser  sei  in  Deutschland  umgedeutet  worden  zum  „Alten**,  in 
Frankreich  zum  „Narren".  Andrerseits  habe  sich  auch  in  Deutschland  die  Ent- 
wickelung  zu  „Narr"  einstellen  können,  da  eine  Wurzel  *a2b-  »Tor,  Narr"  höchst 
wahrscheinlich  vorhanden  gewesen  sei.  alphilus  bezw.  *aUfilus  seien  zur  Zeit  der 
Überlieferung  des  Ssp.  in  Deutschland  wegen  der  Popularität  des  Schachspiels 
möglicherweise  geläufige  Wörter  gewesen.  Sollte  aber  der  betr.  Vers  älter  sein 
als  die  Zeit,  in  der  das  Schachspiel  nach  Deutschland  kam,  so  habe  wahrscheinlich 
an  der  Stelle  ursprünglich  ein  mit  *aZb-  zusammengesetztes  Wort  gestanden,  das 
als  „elbisches  Wesen,  Wechselbalg"  gedeutet  worden  sei  oder  von  vornherein  diese 
Bedeutung  gehabt  habe.  Dies  sei  dann  später  mit  dem  in  seiner  Bedeutung  von 
der  genannten  Wurzel  *a?t)-  beeinflussten  mlat.  alphilus  bezw.  *alhfilus  identifiziert 
worden.  B.'s  Vermutung  berührt  sich,  wie  man  sieht,  mit  der  schon  erwähnten 
Andeutung  von  Woeste.  Auch  v.  d.  Linde  (Gesch.  u.  Lit.  des  Schachsp.  2,  S.  168) 
hat  schon  alphilus  mit  Ältfil  zusammengebracht  und  bereits  J.  K.  C.  Nachtigall 
fragt  (Deutsche  Monatsschr.  1797,  Juni,  S.  106),  ob  Alficus  (so!)  vielleicht  von  dem 
deutschen  Alp  herkomme,  ohne  jedoch  von  altvil  zu  sprechen.  Um  B.'s  Vor- 
schlag annehmbar  zu  machen,  müsste  vor  allen  Dingen  die  Geläufigkeit  von  alphilus 
usw.  für  die  damalige  Zeit  in  Deutschland  erwiesen  sein.  Das  ist  sie  aber  nicht, 
nicht  einmal  als  deutsche  Bezeichnung  für  den  Läufer  im  Schachspiel  ist  alfil 
gebräuchlich,  es  heisst  auch  nicht  einmal  „Narr",  sondern  „der  Alte,  Schütze, 
doppelter  Söldner",  auch  „Hund"  soll  vorgekommen  sein  (vgl.  K.  G.  Anton  im 
Allg.  Lit.  Anzeiger  1798,   Sp.   545—550).    Und  selbst  wenn  man  „der  Alte"   für 


19 

aus  aJphtlus  entstanden  hält,  so  beweist  dies  noch  nichts  für  die  Entwickelung  des 
Wortes  nach  „Narr"  hin,  eine  solche  ist  aber  für  altvil  nötig.  Die  einzige  Stütze 
für  die  Annahme  letzterer  Bedeutungsentwickelung  ist  eben  das  zu  erklärende 
Wort,  wir  können  deshalb  B.'s  Hoffnung,  dass  sein  Vorschlag  vielleicht  zur  end- 
gültigen Lösung  des  Problems  führen  könnte,  nicht  als  begründet  ansehen. 

Nachtrag  zu  S.  11.  Ähnlich  äussert  sich  auch  Roethe  in  der  S.  11, 
Anm.  4  augeführten  Schrift  S.  89.  Die  ganze  Frage  der  Behandlung  dieser  Wörter 
in  den  md.  Handschriften  wird  durch  seine  Annahme,  dass  dingslete,  unlust  usw. 
alte,  schon  damals  z.  T.  nicht  mehr  verstandene  Eechtsausdrücke  waren,  am  besten 
gelöst.  Zu  diesen  gehört  eben  auch  altvil,  das  Roethe  natürlich  nicht  erwähnt, 
weil  er  sich  nur  mit  dem  Texte  Eikes  beschäftigte. 

STRASSBURG  i.  E.  F.  MentZ. 


Dat  Ei  ^vas  int^vei. 


Die  Redensarten:  Dat  Ei  was  intwei  (titschen  de  ollen  Frün'fi) 
„das  Ei  war  entzwei  (zwischen  den  alten  Freunden)^  =  Das  Ein- 
vernehmen war  gestört,  das  Band  war  zerrissen,  und:  Dat  Ei  brecht 
intwei,  „bricht  entzwei*'  =  die  Freundschaft  ist  vorbei  sind  von 
C.  Fr.  Müller,  Der  Mecklenburger  Volksmund  in  Fritz  Reuters  Schriften 
Nr.  156  (S.  24)  nicht  erklärt.  Auch  Ernst  Brandes,  Zur  Sprache 
Fritz  Reuters  (Zschr,  f.  d.  Unterr.  Bd.  XVIII,  S.  492)  weiss  sie 
nicht  zu  deuten.  Meines  Erachtens  beziehen  sie  sich  auf  eine  alte 
Fabel,  die  sich  schon  in  der  lateinischen  Sammlung  des  Romulus 
als  Nr.  42  (s.  Hervieux,  Les  fabulistes  2,  595)  findet  und  von  Gerhard 
von  Minden  (Ausgabe  von  Leitzmann  Nr.  104),  sowie  im  Magdeburger 
Äsop  (Gerhard  von  Minden  von  W.  Seelmann  Nr  41)  bearbeitet  ist. 
Der  Inhalt  ist  folgender: 

Ein  Mann  beherbergt  einen  Drachen  in  seinem  Hause,  und  beide 
halten  treue  Freundschaft.  Als  der  Drache  eines  Tages  in  ein  fremdes 
Land  ziehen  will,  vertraut  er  dem  Manne  seinen  Schatz  und  dazu  ein 
Ei.  Er  bittet  ihn,  es  sorglich  zu  hüten,  denn,  wenn  es  zerbrochen 
werde,  so  verliere  er  damit  sein  Leben.  Kaum  ist  der  Drache  fort- 
geflogen, so  zerbricht  der  Mann  das  Ei,  um  in  den  Besitz  des 
Schatzes  zu  gelangen.  Sogleich  erscheint  der  Drache  wieder  und 
erklärt,  dass  er  durch  Übergabe  des  Eies,  das  ein  gewöhnliches 
Kranichei  sei,  nur  seine  Treue  habe  prüfen  wollen.  Nun  sei  es  mit 
der  Freundschaft  vorbei.     Gerhard  schliesst  die  Fabel  mit  der  Moral: 

„Pröve,  wem  du  löven  tvidt, 
so  heft  din  love  gine  sclmlt, 
ive  dem  jenen,  de  bedrückt 
sinen  mint!  de  schrift  nicht  enlücht.^ 

NORTHEIM.  Robert  Sprenger. 


20 


Eine  Sammlang  plattdeutsclier  Sprichwörter  und  Kernsprüclie 
nebst  Erzälilungsbrnclistilcken  von  John  ßrinckman. 


Als  Suphan  unlängst  über  den  Entwurf  Goethes  zu  einem  Werke 
über  Italien  Mitteilungen  veröffentlichte,  sagte  er  unter  Anderm:  ;,Ein 
Interesse  an  der  Volkskunde  Hess  den  Dichter  die  Sprichwörter  genau 
beachten,  aus  denen  er  Charakter,  Art  und  Sitten  der  Menschen  zu 
erkennen  glaubte.^ 

Aus  dem  gleichen  Grunde  schenkte  Brinckman  den  Sprichwörtern 
seiner  mecklenburgischen  Heimat  besondere  Aufmerksamkeit.  Aber 
auch  das  Interesse  des  Schriftstellers  leitete  ihn:  Er  sammelte  volks- 
tümliche Redewendungen  und  Sprichwörter,  um  sie  in  seinen  platt- 
deutschen Erzählungen  an  geeigneter  Stelle  zu  verwenden.  ^) 

Das  ist  ganz  deutlich  erkennbar,  wenn  man  ein  altes  Schul- 
notizbuch Brinckmans  vom  Sommer  1854  zur  Hand  nimmt.  Da  finden 
sich  u.  a.  die  ersten  Niederschriften  von  Kasper-Ohm^),  sowie  von 
den  Gedichten  „De  Fastelabendspredigt" ^)  und  „Dat  Leed  vun  dat 
Pack''^).  Auf  den  letzten  Seiten  des  Notizbuches  aber  stehen  eine 
Reihe  charakteristischer  Ausdrücke,  Redensarten,  Sprichwörter,  wie 
sie  dem  Autor  gelegentlich  einfielen.  Er  notierte  sie  mit  Bleistift  und, 
wenn  sie  benutzt  waren,  wurden  sie  von  ihm  durchstrichen. 

Diese  erste  Sammlung  setzte  der  Dichter  weiter  fort,  bis  sie 
endlich  zu  einem  abgerundeten  Ganzen  sich  entwickelt  hatte.  Dann 
schrieb  er  sie  in  der  Absicht  einer  Veröffentlichung  nieder. 

In  dem  Manuskript  des  Generalrheders,  das  ich  Dank  der 
Freundlichkeit  des  Brinckman  -Verlegers  Herrn  Wilhelm  Werther- 
Rostock  benutzen  durfte,  fand  ich  am  Ende  des  Heftes  jene  Zusammen- 
stellung unter  dem  Titel:  „Mecklenburgischer  Volksspiegel''.  Die 
Sammlung  umfasst  264  Nummern  mit  einigen  Nachträgen.  Es  lässt 
sich  leicht  nachweisen,  dass  sie  im  zweiten  Lustrum  der  fünfziger 
Jahre  entstanden  ist.  In  meiner  Hand  befindet  sich  eine  Rede,  m*it 
der  Brinckman  in  Güstrow  die  Vorträge  eines  Vereins  zu  wissen- 
schaftlicher Unterhaltung  eröffnet  hat.  Aus  mehreren  Hinweisen, 
z.  B.  auf  Ernst  Bolls  Geschichte  Mecklenburgs  (1.  Teil  1855,  2.  Teil 
1856),  ergiebt  sich,  dass  der  Verein  in  der  zweiten  Hälfte  der  fünf- 


^)  Vgl.  auch  Reuters  Werke  hrsg.  von  W.  Seelmann.   Bd.  1.  Einleitung.  S.  62*. 

2)  Erschienen  1855. 

8)  Vagel  Grip,  1859,  S.  140  ff. 


21 

ziger  Jahre  begründet  sein  muss.  Am  Schlüsse  dieser  ungedruckten 
Rede  heisst  es: 

„Der  ihr  (der  mecklenburgischen  Mundart)  erb-  und  eigentümlich 
angehörende  Hausschatz  an  Sprichwörtern  und  Kernsprüchen  ist 
unerschöpflich,  und  sie  erinnern  in  ihrer  kaustischen  Scblagfertigkeit, 
ihrer  plastischen  Rundung,  ihrer  gründlichen  Welt-  und  Herzenskunde 
nicht  selten  an  die  mit  Recht  gepriesene  Spruchweisheit  der  Hindus.^ 
Im  Anschluss  hieran  steht  im  Manuskript  der  durchstrichene  Satz: 
;,Um  aber  Ihre  Geduld  nicht  allzuscharf  auf  die  Probe  zu  stellen, 
gestatte  ich  mir  hier  abzubrechen  und  möchte  Ihnen  nur  noch  zum 
Schluss  einen  kurzen  Versuch  vorlegen,  worin  einige  jener  Sprüche, 
wie  ich  glaube,  rein  plattdeutsch  gedacht  und  in  echt  volkstümlicher 
Weise  zur  Anwendung  kommen." 

Die  Entstehungszeit  der  Sammlung  ist  also  erwiesen  und  in 
Verbindung  damit  lässt  sich  nun  auch  feststellen,  dass  Brinckman 
den  erst  1886,  sechzehn  Jahre  nach  seinem  Tode  veröffentlichten 
Generalrheder  schon  etwa  30  Jahre  vorher  geschrieben  hat!  Hiermit 
steht  in  Einklang,  dass  das  Manuskript  des  Generalrheders  von 
Brinckmans  eigener  Hand  stammt,  während  die  nach  1860  ent- 
standenen Erzählungen  in  ihrer  druckfertigen  Fassung  meist  von  der 
Gattin  des  Dichters  niedergeschrieben  wurden;  so  namentlich  auch 
der  Roman  ;,Von  Anno  Toback*',  der  im  Brinckman-Nachlass  zur 
Veröffentlichung  kommt,  und  der  sich  als  eine  Erweiteining  des 
Generalrheders  darstellt. 

Die  vollständige  Mitteilung  der  Sprichwörter-Sammlung  ist  aus 
sachlichen  und  persönlichen  Gründen  geboten.  Es  finden  sich  Sprüche 
darin,  die  selbst  in  dem  grossen  deutschen  Sprichwörter-Lexikon  von 
Wander  fehlen.  Für  zahlreiche  andere  wird  die  dort  nicht  erwähnte 
plattdeutsche  Form  festgestellt  und  das  Vorkommen  in  Mecklenburg 
erwiesen.  Die  Veröffentlichung  empfiehlt  sich  aber  auch  wegen  der 
Person  des  Dichters,  der  jene  Sprichwörter  gesammelt  und  sie  in 
seinen  Schriften  mannigfach  benutzt  hat. 

An  die  Sammlung  aus  dem  Heft  des  Generalrheders  füge  ich 
Ausdrücke  und  Redensarten  an,  die  Brinckman  im  Schulnotizbuch 
vom  Sommer  1854  mit  Bleistift  notiert  hat. 

Und  in  diesem  Zusammenhange  mögen  einige  unbekannte  Bruch- 
stücke des  Dichters  folgen.  Wie  die  Skizze  und  das  unvollendete 
Werk  eines  Malers  grade  in  die  Technik  seines  Schaffens  Einblick 
gewähren,  wird  man  auch  in  den  Erzählungsfragmenten  noch  mit 
grösserer  Schärfe  die  Arbeitsweise  des  Dichters  erkennen.  Die  beiden 
ersten  Bruchstücke,  zwei  ländliche  Idyllen,  fanden  sich  als  schwer 
leserliche  Bleistiftskizzen  in  dem  mehrfach  erwähnten  Notizbuch.  Die 
beiden  andern  stehen  auf  Einzelblättern.  Ich  verdanke  die  kleinen 
Entwürfe  den  Söhnen  des  Dichters,  Herrn  Konsul  Max  Brinckman- 
Harburg  und  den  Herren  Franz  und  August  Brinckman  in  Hamburg. 

An  der  Orthographie  ist  keine  Änderung  vorgenommen. 


22 


I.    Mecklenburgischer  Volksspiegel  aus  plattdeufscben  Sprichwörtern 

und  Eernsprüclien. 

Gesammelt  und  herausgegeben  von  John  Brinckman. 

1.  Kloppt  man  an,  so  wad  juch  updahn,  sär  de  Dehw,  schlöhg  een 
Fack  in  un  stöhl  sick  'n  Hahmel. 

2.  Wenn  de  Prache  keen  Glück  hebben  schall,  velüst  he  dat  Brot 
uht  de  Kiep. 

3.  Wat  ick  nich  weet,  mahkt  mi  nich  heet. 

4.  'N  bäten  schehw  is  liekers  lehw. 

5.  Äwer  Krüz  höllt  dubbelt,  harr  de  Jung  segt,   harr   sick  Zucke 
up'n  Honnig  streugt. 

6.  Rennlichkeit  möht  sien,  sär  de  Dagläunesch,  un  fegt  den  Disch 
mit  'n  Bessen. 

7.  Mank  dei  Dehw  möht  man  nich  von  Galgen  un  Rad  spräken. 

8.  Ümkiehrt  is  ook  führt  un  umführt  is  dubbelt  führt. 

9.  Wenn    de    Kugel    ierst   uht    den   Lohp    rut   is,    hührt    sei    den 
Düwel  to. 

10.  Klook  Lühr  fast  ehr  Dohk  an  fief  Zippeis. 

11.  Een  Hew  ick  is  bäte  as  tein  Harr'  ick. 

12.  Wat  de  Pap  nich  will,  nimmt  de  Koste. 

13.  Wer  anne  Lühr  achte'n  Aben  söcht,  hett  sülst  all  mal  achte 
säten. 

14.  Wenn  man  de  Pogg  perrt,  denn  quarrts. 

15.  De  Koh  vegett  ümme,  dat  se  Kalw  wäst  is. 

16.  In't  Berr  en  warmes  Jumfernbeen  is  bäte  as  tein  heete  Steen. 

17.  Wer  an  dat  Lütt  nich  nohg  hett,  hett  an  Nicks  nich  nohg. 

18.  Unglück  hett  jümme  'ne  scharp  Tung. 

19.  Dahgs  Oss  un  Nachts  Bull,  sär  Koste  Pickhamel,  as  de  Preiste 
werre  friegen  wull. 

20.  Suhrkohl  un  Speck  is  goht  för'n  Smidt,   man  nich  för'n  Sniere. 

21.  Teilt  Schaap  frett  ook  de  Wulf. 

22.  Nu  will  wi  mahl  seihn,  sär  de  Blinn,  wua  de  Lahm  danzt. 
•    23.   Wat  keen  Küken  warrn  schall,  kümmt  in  de  Pann. 

24.  Jug  Dag  is   ook  man  Nacht,   sär  de  Blinn   to   den  Dohwen  un 
den  Stamelbuck. 

25.  Wer  kegeln  will,  möht  ook  upsetten. 

26.  Wat  ne  Nettel  warrn  will,  brennt  bi  Tieden. 

27.  Doa  hühren  stark  Behn  tau,  goht  Glück  tau  drägen. 

28.  Ick   kann  an  mien   Nahwe   sien   Bären   sehn,   wenn   mien   riep 
sünd. 

29.  Liehr  du  mi  Kuhlboarss  kennen,  min  Vahre  is  Fische  wäst. 

30.  Vespräken  is  adlich,  hellen  buhrsch. 

31.  'N  Ei  is  'n  Ei,  sär  de  Pap  un  langt  nah  dat  Gohsei. 

32.  Hoflfoahrt  möht  Pien  lieden. 

33.  Klook  Häuhne  legt  ook  mennigmal  in't  Nettel. 


23 

34.  Wat  'n  Haken  warrn  will,  dat  böhgt  sick  von  sülst. 

35.  Wer  de  Katt  in'n  Sack  köfft,  veköflft  ook   de  Koh  för'n  Kahv. 

36.  Wer  't  nich  in'n  Kopp  hett,  möht  't  in  dei  Behn  hebben. 

37.  De  Fühl  dregt  sick  doht  un  de  Flietig  löpt  sick  doht. 

38.  Fett  swemmt  baben. 

39.  In'n  lerrigen  Bädelsack  steckt  oft  miehr  Glück  in,  as  söss  Pier 
von  'n  Eddelhoff  trecken. 

40.  Wenn  dei  Schötteln  lerrig  sünd,  hett  de  Mund  Fierabend. 

41.  Meunigmal  bitt  de  Tung  scharpe  as  dei  Tähn. 

42.  Wenn't  Supp  rägent,  sünd  dei  meisten  Schöttels  umstülpt. 

43.  Dat  is  all  man  uht  Lehw,  sär  de  Schult,  harr  sien  Fru  mit  de 
Rung'  äwe'n  Brägen  slahn. 

44.  Jere  Dehw  hett  sienen  Griff,  sär  Koste  Rohd,  dünn  lähwt  he 
noch. 

45.  Alltau  grahr,  is  ook  man  Schahr. 

46.  Wer  jümme  up  sien  Kopp  bisteiht,  de  kümmt  ook  woU  tauletzt 
up'n  Kopp  tau  stahn. 

47.  W^er  kümmt  in  Dokters  Hannen, 
de  kümmt  ook  bald  tau  Ennen. 

48.  Wua  de  Tuhn  am  siedsten^)  is,  is  am  liebsten  äwestiegen. 

49.  Wer  weet,  wuahen  he  gähn  sali  un  wua  he  gähn  möht,  is  all 
halw  doa. 

50.  Dat  Backen  geiht  gaut,  äwest  dat  Anrühren. 

51.  Wen  de  Kau  tauhührt,  de  fast  se  ook  an  'n  Swauz. 

52.  Hüht  wad't  'n  heeten  Dag  —  sär  de  Hex  —  as  se  vebrennt 
warrn  schüU. 

53.  He  biert  man  sau,  äwest  he  farkt^)  nich. 

54.  Wua  Holt  haut  wad,  fallen  Spöhn. 

55.  Reden  is  keen  Gold  un  von  'n  Snack  lett  sick  Nicks  hahlen. 

56.  Murjahn  was  'n  olt  Hund  un  müsst  sick  doch  geben. 

57.  Wua  uns  dat  gähn  möht,  sär  de  Rossappel  tum  Gravensteine, 
dünn  legen's  beir  in  de  Pütt. 

58.  Wua  geiht  dat  uns  arm  Rostocke  Kinne  hia  an  Buhrd,  sär  de 
Kajütenwächte  to  den  Pudel  un  roahrt,  ick  krieg  Slähg  un  du 
möhst  Knaken  freten. 

59.  Wat  achte  'n  Tuhn  jung  wad,  wad  up  de  Landstraat  olt  un 
an'n  Galgen  kolt. 

60.  Is  keen  Pott  sau  scheef,  hett  doch  sien  Stülp. 

61.  Pack  sleit  sick.  Pack  vedregt  sick. 

62.  Den  Een  sien  Uhl  is  den  Annen  sien  Nachtigal. 

63.  Weck  Lühr  ehr  Kuhrn  is  anne  Lühr  ehr  Kaff. 

64.  Wenn  de  Kauh  doht  is,  wad  de  Stall  buhgt. 

65.  Wat  kümmt,  dat  gelt,  all  dat  Anne  dühst  nich. 

66.  Von  'n  Ossen  kann  man  nich  miehr  as  Rindfleesch  velangen. 

67.  Is  keen  ring  Punt  wat  de  Katt  mahkt. 


*)  niedrigsten.     *)  Ferkel  kriegen. 


24 

68.  Wer  sien  N  .  .  .  s  uhtlehnt,   möht  dörch   dei  Rippen   seh 

69.  'N  bäten  driest  is  nich  uhtveschamt. 

70.  Je  duUe  se  schriegt,  je  iehre  se  friegt. 

71.  Wat  'n  gauren  Haken  werrn  will,  böhgt  sick  von  sülst. 

72.  Dat  kümmt  von   de  lang  Predigt,    sär    de  Preeste,    harr   sick 
dei  Bücksen  vuU  dahn. 

73.  Hew  di  man  nich  sau  —  sär  de  Hahn  tau  de  Marrick  —  dien 
Vahre  hett  dat  ook  all  sau  gähn. 

74.  Sonn  Muhl  sonn  Snack,  sonn  N — s  sonn  K — ck. 

75.  Gröhn  Christnacht,  witt  Ostern. 

76.  Wenn  man  den  Düwel  an  de  Wand  mahlt,   steiht  he   all  in  de 
Huhsdöhr.  —  Oder: 

77.  Wenn  man  von  'n  Wulf  spreckt,  is  he  nich  wiet  aw. 

78.  Man  nich  sau  ängstlich,  sär  de  Ahreboahr  tau  de  Pogg,  dat  is 
gliek  äwe.  —  Oder: 

79.  Dat  is  man  'n  Aewegang,  harr  de  Kähksch  tau  den  Aal  seggt, 
harr  em  awtreckt. 

80.  Slachte,  Garwe,  Schinne 
Sund  Swestebrohre  Kinne. 

81.  Klauk  Oogen  sehn  vähl,  wat  ne  klauk  Tung  nich  nahseggt. 

82.  Wat  'n  rechten   Sniere  is,   wegt  vull  sähen  Punt,   un  wenn  he 
dat  nich  wägen  deiht,  denn  is  he  nich  gesund. 

83.  Jidwe  Amt  hett  sien  Last,  sär  de  Voss,   güng  nah'n  Häunestall. 

84.  April  kolt  un  natt  mahkt   hühpend  Föhre  ^)   un  hühpend  Vatt. 

85.  Ben  Dühwel  is  ümme   äwe'n  annern,   sär  de  awsett  Koste  tau 
den  Preeste,  as  de  Suprintndent  kehm. 

86.  Na,  denn  helpt  dat  nich!  sär  de  Dühwel  tau  Toppstäten. 

87.  Je  luhsige,  je  muhsige. 

88.  Wenn  de  Pott  äwe  den  Kätel  lacht,   wat  schall  denn  de  Kell 
dohn. 

89.  Ne  will   Diern  is   sau   swär  tau  häuden  as  'n  Sack  vull  Fläuh. 

90.  Vesöhk  mahkt  klauk  Lühr,  man  keen  riek  Lühr. 

91.  Wer  doa  lang  hen  geiht,  de  mahkt  dat  lang. 

92.  Holl  di  Kopp  un  Pöten  warm, 
Slah  ook  nich  tau  vull  dei  Darm, 
Holl  de  Achtedöhr  di  apen, 

Wat  Leegs  schall  di  denn  bedrahpen? 

93.  Pack  sleit  sick,  Pack  vedregt  sick.     (Vgl.  61.) 

94.  Wenn  de  Hunge  den  Döst  friegt,   sprekt  de  Düwel   den   Segen. 

95.  Wenn  dei  Wiewe   dull  roarn,   denn  hewt  sei    nicks   Gaurs   in'u 
Sinn. 

96.  Mit  dat  Allemeist  is  dei  Meisten  dehnt. 

97.  Dei  ollen  Bück  hewt  dei  stiewsten  Hührn. 

98.  Unwennt  Arbeit  bringt  Kwesen. 

99.  Jerst  Ohm,  denn  Ohm's  Kind. 


*)  gehäuftes  Fuder. 


25 

100.  Wenn  't  ook  alle-Joahr  man  een  is,   tauletzt  helpt  sick't  doch. 

101.  Mann's  Hand  hürt  haben. 

102.  Väjil  Swien  mahkt  den  Drank  dünn. 

103.  Ick  hew  'n  gohren  Woahrsegge,  sär  de  Käksch  to  den  Slachter, 
dünn  halt  se  den  Däsen^). 

104.  Wat  Een  hett,  dat  weet  man  woll,  man  nich  wat  Een  krigt. 

105.  Keen  Antwurt  ig  ook  een. 

106.  Märzsnee  deiht  de  Saat  weh. 

107.  Frugensrat  un  Röwsaat  gerött  man  alle  sähen  Jahr. 

108.  Fühl  Lür  kamt  up  'n  gülden  Stohl. 

109.  Frugensarbeit  is  behenn,  äwe  ahn  Enn. 

110.  Wenn  de  Frugens  waschen  un  backen, 
Hebbens  den  Deubel  in'n  Nacken. 

111.  All  wat  nich  is,  kann  man  ook  Nicks  von  seggen. 

112.  Wat  nich  soet't,  mag  jo  woll  sürn. 

113.  Wat  nich  is  dat  is  nich,  kann  äwest  noch  warrn. 

114.  Kloksnacken  geiht  lang  got,  äwest  't  Anhürn. 

115.  Wen  nich  kümmt  to  rechte  Tiet, 
De  geiht  ok  de  Mahltiet  quit. 

116.  Spei  in't  Für,  piss  inne  Bür.     (Bure  =  Bettbezug.) 

117.  Kinnemaat  un  Kalwemaat  möt  oll  Lür  weten. 

118.  De  Fru  un  de  Aw*)  hürt  in  de  Stuw. 

119.  Wen   dei   letzten    Druppen   ut   de    Kaun   hebben   will,    föllt   de 
Deckel  up  de  Näs'. 

120.  Lütt  Lür  grot  Uhren. 

121.  Irst  'ne   Näs'   un   denn   'ne   Brill,   irst   'ne    Parr   un   denn   'ne 
Quarr  ^). 

122.  De  lütten  Teckels  zachern^)  am  dullsten. 

123.  Hungrig  Mag  un  döstig  Tung'n 
Hewt  beir  all  snurrig  Lere  sung'n. 

124.  Baben  dicken  Buk,  ünnen  Fiek^)  un  Muk®). 

125.  De  Mölle  vehunget  ümme  am  letzten. 

126.  Mölle,  Mure  —  Mehldew,  Dagdew. 

127.  Got  makt  Mot  un   Mot  makt   Aewemot  un  Aewemot  deiht  nie 
nich  got. 

128.  Wenn  de  Düwel  de  Trumpet  hett,  kann  he't  Müntstück  ok  kriegen. 

129.  Wenn  'k   nu  man  ierst  leg,   harr  de  Jung  segt,   harr  in't  Berr 
seten. 

130.  Wat  got  is,  römt  sick  von  sülst. 

131.  Dat  Hemd  is  nege  as  de  Rock. 

132.  Wenn  Schit  Geld  un  de  N — s  'n  Büdel  wier,  harr  de  Dagläune 
't  Meist. 

133.  Natt  Rogg  möt  kiehrt  warrn   —   sär  Paste  Kräwt   —   harr  de 
Garw  uppen  Kopp  stellt. 


*)  Wage  (Dezimer).    ')  Ofen.    *)  Wiege.    *)  schimpfen     *)  Beulenkrankheit 
der  Tiere.    •)  Mauke. 


26 

134.  Mureswet  kost  jere  Drup  'n  Dale.  • 

135.  Wu   se   singt,   doa  is   got  sin,   sär  de  Düwel,  spunnt  sin  Grot- 
more  in'n  Immenrump  ^). 

136.  So  mennig  Pal,  so  mennig  Aal. 

137.  Sleist  du  min  Jurn,  sla  ick  din  Jurn. 

138.  Lewe  eng  un  woll  as  wit  un  weh. 

139.  Dat  wat  nich  so  heet  uteten,  as  dat  upfüllt  is. 

140.  'N  goden  Nawe  is  bete  as  witlüftig  Vetterschaft. 

141.  Doa  is  ken  Hund  negen  Joar  dull,  he  löppt  enmal  an. 

142.  He  is  so  ful,  dat  em  dat  led  deit,  wat  he  gan  lirt  hett. 

143.  De  Woch  fängt  schön   an,   sär   de  Dew  Mandag,   dünn  süll  he 
hängt  warrn. 

144.  Wu  de  Wulf  liggt,  doa  bitt  he  nich. 

145.  Dat  Best  is  wat  en  mit  de  Tän  doavon  awtreckt. 

146.  De  Bur  de  nich  moet,  de  roegt  nich  Hänn  noch  Foet. 

147.  011  Fru  un   oll  Koh  sünd  noch  wirt  wurto,    oll  Mann   oll  Pird 
de  sünd  nicks  mir  wirt. 

148.  Twe  hart  Sten  malen  slicht. 

149.  011  Schulln  moet'n  nich  betalen  un  ni  Schulln  moet'n  olt  warrn 
laten. 

150.  Wenn  en  deit  wat  he  kann,   denn  kann  he  nich  mir  don  as  he 
deit  2). 

151.  Wu  Holt  hangt  wad,  falln  Spoen. 

152.  Geduld  sürt  Holtappeis  ut. 

153.  'N  Spill  Koarten  is  'n  Düwel  sin  Gesaugbok. 

154.  Herrnog^)  makt  't  Ve  fett. 

155.  Nich  Jere  bedt  de  to  Kirch  geit. 

156.  Ni  Dessen  fegen  got,  ore: 

Ni  Regiment  scharp  Putzmetz. 

157.  Eddelmann  Bur  de  is  irst  stur. 

158.  Krumm  Holt  giwt  ok  grar  Für. 

159.  Scharprichte  is  'n  scharpen  Balbire. 

160.  Flitig  Growes*)  sünd  ümme  blank. 

161.  Wen  sin  egen  Scholmeiste  is,  hett  'n  Narr  tom  Schöle^). 

162.  Wat  di  nich  jäkt,  schast  du  ok  nich  kratzen. 

163.  Ken  Supp  so  dür  as  de  'n  umsüs  ett. 

164.  De   Fru   kann   in   er   Schört   mir  ut  't   Hus   rut  dragen  as  de 
Mann  in  ne  Austwag  rinnfürt. 

165.  011  Zogen  lickt  ok  girn  Solt. 

166.  Ful  Lür  geit  't  von  Hand  as  de  Klatt  ut  'n  Klatthamel. 

167.  Närig  Husfru  —  vuU  Spoarbüss. 

168.  Ni  Docte  ni  Kirchhof. 


*)  Bienenkorb.  *)  Vgl.  Reuters  Motto  zu  Läuschen  II  und  die  Überschrift 
zum  16.  Läuschen.  ^)  Ilerrenauge.  *)  Spaten.  ^)  Wander,  Deutsches  Sprich- 
wörter-Lexikon Bd.  IV  S.  383  kennt  diesen  Gedanken  nur  in  einem  russischen 
Sprichwort:   „Die  nur  bei  sich  in  die  Schule  gehen,  gehen  in  die  Narrenschule." 


27 

169.  Brukst  'n  Dew,  nimm  em  von  Galgen. 
Hest  em  brukt,  häng  em  werre  an. 

170.  Harr  ick  un  hew  ick  hat 
Sandacke  lerrig  Fat. 

171.  Abens  wad  de  Ful  flitig. 

172.  God  Awkat,  slicht  Nawe. 

173.  Für  un  Wate,  gor  Denstlür^),  slicht  Herrn. 

174.  Na  un  na  makt  de  Vagel  sin  Nest. 

175.  Wu  dulle  en  den  Mess  uprürt,  wu  duUe  he  stinkt. 

176.  Drinkt  en  Gos,  drinken's  all. 

177.  En  wist  sacht  uppe  Wiem,  man  nich  uppe  Häune. 

178.  Wen  an  'n  Galgen  schall,  vesüppt  nich. 

179.  Wenn  de  Wiwe  hacken,  racken,  backen  un  snacken,  denn  hewt's 
'n  Düwel  an  Nacken. 

180.  De  best  Fidel  stickt  in'n  Geldfick»). 

181.  De  best  Katt  is  de  Geldkatt. 

182.  Büst  girn  gesund:  Frett  as  ne  Katt,  drink  as  'n  Hund. 

183.  Wat  di  nich  brennt,  dat  blas  ok  nich. 

184.  Wen  Vägel  fangen  will,  moet  nich  mit  'n  Knüppel  mank  schlau. 

185.  Gott  velett   ken  Dütschen,   hunget  em   nich,   so   döst  em  doch. 

186.  Wen  nich  sen  will,  den  helpt  ok  ken  Brill  nich. 

187.  Wo  de  Messwag  nich  hengeit,  kümt  de  Austwag  nich  her. 

188.  Doa  is  ken  Narr  so  klok  nich,  finnt  doch  sin  Meiste. 

189.  Slicht  Handwerk,  sär  de  Prache^j,  wat  sin  Mann  nich  närt. 

190.  Wu  Poggen  sünd,  doa  sünd  ok  Areboars. 

191.  Jungs  rut,  Hunn  rut,  Kandaten  ok  rut,  sär  Doerslag,  duun  lewt 
he  noch. 

192.  Wad  de  Nawel   noch   so   got   awbunn   un   wad  doch  an'n  Dot 
anbunn. 

193.  Wen  de  Ogen  nich  updeit,  moet  'n  Büdel  updon. 
194.'  Ken  Wittfru  nimmt  'n  olt  Mann  an  Geld. 

195.  Ken  Hund  frett  ne  Bratwust,  de  he  nich  stalen  hett. 

196.  Boar  un  Oss  fangen  ken  Voss. 

197.  Legenleges*)  brukt  vel  Muslöck. 

198.  'N  good  Jage  lett  sick  nich  upp'u  Lop  kieken. 

199.  Ut'n  Swinswanz  lett  sick  ken  sidn  Halsdok  maken. 

200.  Brenn  min  Kart^),  putz  min  Dacht. 

201.  Doctes  sünd  den  lewen  Gott  sin  Oltflickes. 

202.  Geist  du  mit  Hunn  to  Berr,  steist  du  mit  Fleu  werre  up. 

203.  Gott  makt  gesund  un  de  Docte  krigt't  Geld. 

204.  Tovel  is  bitter  un  wenn't  lurre  Honnig  wir. 

205.  Arbeit  is  ne  sur  Wöttel®),  äwest  soet  Awt. 

206.  Mit  egen  Pitsch  un  fram  Pird  is  got  führen. 

207.  Wen  Glück  hett,  bi  den  kalwt  'n  Oss. 


*)  Wurzel. 


*)   gute   Dienstleute.     ')   Geldtasche.      *)   Bettler.     *)   Lügner.     '^)    Kerze. 


28 

208.  Hängt  't   Swin   an   de   Post  un   de   Giezhals   an  'n  Strick,   den 
kümt  man  an  de  Flomen. 

209.  Narrn  wassen  unbegaten. 

210.  Bös  Hunn  moet  'n  Knüppel  hebben. 

211.  Sülst,  dan  ball  dan. 

212.  Hungeliden  is  'n  seke  Inkam. 

213.  Wii  Geld  is,   doa  is  de  Düwel,   wu  kens  is,   doa  is  te  twemal. 

214.  Wu  gröte  de  Oss  wu  gröte  dat  Glück. 

215.  Ken  Narr  is  so  dumm,  he  finnt  en,  de  em  för  klok  höUt. 

216.  Swart  Käu  gewt  ok  witt  Melk. 

217.  Trekst  di  'ne  Katt  grot,  kratzt's  di  de  Ogen  ut. 

218.  Dat's  'n  slicht  Snurre,  de  ne  apen  Doer  vörbi  geit. 

219.  Wen  'n  Düwel  los  sin  will,  bliw  uppn  Krüzweg  stan. 

220.  Segt  hül  Gott,  seggt  de  Düwel  hott. 

221.  Wen  ken  Krüz  hett,  de  köfft  sick  en. 

222.  En  Fulstrick^)  kost  mir  as  'n  Dutz  flitig  Lür. 

223.  Irst  ne  Näs  un  denn  ne  Brill, 

irst  ne  Parr  un  denn  ne  Quarr.     (Vgl.  121.) 

224.  Alle  Anfang  is  swar,  sär  de  Dew,  stöl  sick  'n  Amboss. 

225.  Is  ken  Kinnespill,  wenn  'n  olt  Wif  danzt. 

226.  In  de  Mal  is  't  Best,  dat  de  Sack  nich  nahseggt. 

227.  Wen  lawt^)  sin  will,  moet  dot  bliben. 

228.  Wen  schimft  sin  will,  de  moet  frigen. 

229.  Wu  de  Sten  liggt,  doa  mosst  he^). 

230.  Man  drist  un  gottsfürchtig,   sär  de  Dew,   stoel  'n  sülven  Altar- 
lüchte, 

231.  Wisst  vesteken,  wickelt  in  'n  bescheten  Plünn.^) 

232.  Wen  da  kümmt  in  Doctes  Hänn, 
de  kümt  ok  sacht  to  Enn. 

233.  Wen  sick  tom  Schap  makt,  frett  de  Wulf. 

234.  Anne  Lür  Käu  hewt  ümme  'n  grot  Uere^). 

235.  Kirchgan  sümt  nich,  Wagensmärn  hinnet  nich. 

236.  Lew  is  as  Däu,  föllt  up  Rosen  un  Mess. 

237.  Trettst  du  min  Hon,  wast  du  min  Han. 

238.  An  oll  Hüser  un  oll  Wiwer  is  ümme  wat  to  liickeu. 

239.  Doarna  de  Mann  is,  wad  em  de  Wust  brart. 

240.  Dat  Geld  lett  sick  nich  anrüken,  wu't  mit  vedent  is. 

241.  Wenn  de  Ful  slöppt,  is  he  am  flitigsten. 

242.  De  Ful  dreggt,  de  Flitig  löppt  sick  dot. 

243.  Wat  grot  warrn  schall,  moet  lütt  anfangen. 

244.  'N  lütt  Kind  is  bete  as  'n  Kalw,  löppt  irst  Joar  nich  in  't  Kurn. 

245.  Bi  'ne  lerrig  Krüv  un  Roep®)  bit  sick  de  Pir. 

246.  Lütt  Kinne  danzen  de  Mutte  uppe  Schört,  grot  Kinne  up't  Hart. 


*)  Faulstrick,  fauler  Mensch.  ^)  gelobt.  *)  setzt  er  Moos  an.  Wander 
a.  a.  0.  IV  S.  817:  Wo  de  Stein  lit,  da  begraset  he  seck.  *)  Flicken.  ^)  Euter. 
®)  Krippe  und  Raufe. 


29 

247.  Bestellt  wen  de   Hewamm,   bestellt  he  ok  glik  de  Dodengräwe. 

248.  Wu  ne  Weg  steit,  doa  steit  ok  'n  Sarg. 

249.  Wat   de   Olln   to    Hus   uppn  Rack  bringt,   bringt  de  Kinn  uppe 
Strat. 

250.  Wenn  twe  Wiwe  tohop  kamt,  denn  warrn's  kcn  Poar. 

251.  Wen  kann  all  weten,  wuvel  Talg  'n  sölten  Hamel  liett. 

252.  Dat  Schlicht  dreggt  en  schlicht 

un  dat  Gor^)  mag  en  nich  draegen. 

253.  Wen  voer  de  Höll  want,  moet  den  Diiwel  tum  Frünn  hoUen. 

254.  Mitte  Tit  wad  't  best  Speck  ranzig. 

255.  En  Jere  is  Dew  in  sin  egen  Noarung. 

256.  Mennigen  kennt  all  Lür  er  holl  Taen,  man  nich  sin  egen  Noars. 

257.  Prestekinne  un  Moellerinne  de  moet  ken  Minsch  nemen. 

258.  Bichtpennink  un  Lichtpeu&ink  kam  nich  uppn  drürren  Arben. 

259.  De  Bur,  de  sin  Mess  veköflFt,  moet  sin  Hawer  von  de  Gos  borgen. 

260.  Woahrheit  finnt  man  'ne  slicht  Harbarg. 

261.  En  Drupp  helpt  de  annen  up. 

262.  He  is  so  klok,  he  künn  de  Marrik  unne  de  Wros'  bläken  hiir'n^). 

263.  As  dat  föllt,  so  bullert  dat. 

264.  Unglück  blösst  ümme  ne  scharp  Trumpet. 

Nachträge: 

a.  De  Arbeit  geiht  er  ünne  von  de  Hand  as  Pick. 

b.  Hand  von  'n  Sack!     Dat  hürt  Hamer! 

c.  De  Concurs  frett  de  Mass  up  as  de  Saeg  ehr  Parken,  harr  de 
Awkaht  seggt  un  doabi  sehg  he  uht,  as  ob  he  sülm  en  von  de 
gatlichsten  un  scharpsten  Kuhsen  von  de  oll  Saeg  wier. 

d.  Ick  will  em  so  tamm  mahken,  dat  he  uht  de  Hand  fräten  liehrt. 

e.  Dat's  gliek  vähl,  ob  de  Kahl  to  dat  Für  ore  dat  Für  to  de 
Kahlen  kümt,  upgahn  deiht  dat  doch. 


II.    Ans  Brinekman's  Notizbuch  von  1854. 

He  frett  sick  de  Quuck  an  'n  Hals. 

Stäkling  mit  'n  Strohhalm  angeln. 

Mit  Himp  un  Hamp.^) 

Mit  Huhn  un  Pardühn.^) 

knasch  —  brähsig  —  pil  pall  prall. 

Dat  heet  den  Swanz  achte  dei  Uhren  awsniden. 

Heel  macklig  —  Topgast  —  Klühsgatcn. 

Dat  dühst  nich. 


*)  das  Gute.  ')  den  Regenwurm  unterm  Rasen  bellen  hören.  ^)  Die  Zeilen 
^  und  4  sind  auch  in  der  Handschrift  durch  Punkt  von  einander  getrennt  und  stehen 
in  zwei  Zeilen.  Über  die  vielfach  erörterten  Ausdrücke  selbst  vgl.  Ndd.  Kor- 
respondenzblatt 21,  S.  52. 


»0 

Dat  geiht  all  vor  Mancheste  weg. 

Uhlenspegel.     Muscbe  Büx. 

Rammdühsig  —  appeld  watsch  —  steenpöttig. 

He  lett  sick  nich  hissen  un  nich  locken. 

Ei  is  'n  Ei,  sär  de  Pahp  un  langt  nah  dat  Gohsei.    (Vgl.  I,  31.) 

Wat  kümmt  dat  gelt,  all  dat  Anne  is  belämmert. 

Hinne  föllt  de  Oss  aw. 

Vespreken  is  adlich,  hoUen  buhrsch.     (Vgl.  I,  30.) 

Doa  wasst  keen  Gras  äwe. 

Bambuhse  —  Barribal. 

Kann  sien,  kann  nich  sien,  kann  doch  sien,  de  Mäglichkeit  is  doa. 

Sienen  Jesum  nich  kennen. 

Blockwagen. 

Wenn  Lazarus   dat  Molt  un   Simson   Wate   drögt,   velaht  juch 

denn  doarup,  denn  wat  dat  Bia  mal  acht, 
bandig  —  pukig. 
Nüstebleek  —  Peilen. 
Nimm  di  nicks  vor,  sleit  di  nicks  fehl,  sär  de  oll  Fru,  as  se  'n 

Pankooken  wenden  wuU  un  em  up  dei  Kahlen  smeet. 
Hähg  un  Plähg. 
dwallig  —  Speigaten. 

Wer  'n  Hans  slan  will,  findt  woll  'n  Knüppel. 
Aewe  jere  Windei  kakeln, 
schräg  un  knapp. 
Grappen  in  'n  Kopp. 
Vefumfeien  —  vesusengen. 
Kloppt  man  an,   sau  wat  juch   updahn,   sär  de  Dehw,   slöhg  'n 

Fack  in  un  stöhl  sick  'n  Hamel.     (Vgl.  I,   1.) 
In  Nettel  leggen. 

Upkieken  as  'n  Hohn  nah  'n  Wiehmen. 
Wenn  de  Koh  doht  is,  wad  de  Stall  bätert.     (Vgl.  I,  64.) 
Last  tum  Teigen. 
Hand  un  Pittschaft  darup  geben. 
Rocktalgen  un  Trossen. 
Mit  Rust  befallen  as  'n  Weithalm. 
Lustig  as  'n  Sparrling  in  de  Weithock. 
Mager  as  'n  Faselswin. 
Quadux. 

Blöhr  Hunn'  warrn  nich  fett. 
Langbeenig  as  'n  Aareboahr. 
tiillen. 

Schnackig  as  'n  oll  Waschwief  bi  de  Balg. 
Achte  dat  Nett  fischen. 
As  Poggen  in  'n  Pohl. 
Krank  as  'n  Hohn,  dat  den  Pipps  hett. 
kunterbunt. 
BoUies  un  Grotties  un  Slampies. 


31 

Holland  is  in  Not. 

Gieper  —  veschwupsen  —  Slafitten. 

undähg  —  schäwsch. 

oller  Knast. 

Von  'n  Ossen  kann  man  blohss  Rindfleesch  verlangen. 

Jung  Lühr  möht  lustig  sien,   sär  de  Dagläunesch,   as   dat  Kind 

ehr  uht  de  Kiep  föll  un  den  Barg  dahltründelt. 
He  hürt  Gras  wassen  un  Fläuh  hohsten. 
He  rückt  nah  vemischte  Nachrichten, 
swart  as  ne  Oahr  de  de  Brand  hett.     (Kramelatin). 
Een  Hahmel  mit  fief  Behn. 
Kehn  Hohn  kratzt  ümsünst. 
Aewe  de  Knäwel  haugen. 
Kräpelkram  —  undähg. 
Stief  as  'n  vefrorn  Maikäwe. 
Aewe  Krühz  holt  dubbelt,  harr  de  Jung  seggt,  harr  sick  Zucke 

up'n  Honnig  strengt.     (I,  5.) 
Fett  swemmt  haben. 
Wat  ick  nich  weet,  mahkt  mi  nich  heet,  sär  de  Kähksch,  drögt^) 

de  Melkfatt  mit  smutzig  Kinnedohk. 
Bäten  scheef  is  liekes  lehw  —  as  oll  pucklich  Juhr  (Rosskamm) 

tau    dat   vemüket   Fahlen    sär,    dat   sick    dat   Krütz    aw- 

schaben  harr. 
Gab  nah  Ceylon  un  warr  Pavian,  doa  mahkst  din  Glück. 
'N  Kierl  de  tau  ne  Messfork  tau  schlicht  is. 
Je,  wat  ick  seggen  wuU,  wull  ick  seggen. 

He  seiht  uht,  as  wenn  Smolt  sien  Vahre  un  Botte  sien  Mohre  is. 
Wenn  de  Haben  instörrt,  sünd  alle  Swählken  dobt. 


HI.    Brnclistttcke  von  Erzählungen  John  Brinfkman's. 

A.     Fidel-Kern. 

Hoch  an  'n  Haben  ünne  de  Wölk,  de  so  witt  un  kruhs  utsehg 
as  'n  Lappen  LamwuU,  de  goht  rein  waschen  is,  sung  de  Lewark 
haben  in  de  Lucht  un  tirilirt  ehr  Stückschen  so  hell  un  söt,  as  je 
de  Lewark  sungen  hett.  De  Snepp  murkt  in  dat  Bohkholt,  denn  dat 
was  um  Palraarum,  un  de  Sünn  schient  grelP)  un  iewrig  in  de  apen 
Schnehs^)  von  den  Dannenkamp  rinne  nah  dat  bäten  Snee,  dat  si6k 
achte  de  Grabenbuhrt  vekröhp  as  'n  Schandoar  nah'n  Landstrieker. 
De  Hahn  an  den  stuhwen  Turn*)  von  de  Groten  Hagensch  Kirch 
wiest  nah  de  Westsied  hen,  un  de  annern  Hahns  in  dat  Dörp  up'n 
Eddelhof  un  den  Preistehof  un  vor  de  Daglänes  ehr  Döhren  kreigten 
so  luht  von  Tuhn  un  Rick*),   un   een   noch  duller  as  de  anner,   grar 


*)  trocknet.     ^)  hell.     ^)  Schneise,  Durchbau  im  Walde.     *)  am   stumpfen 
Turm.    5)  Zaun  und  Geländer. 


32 

as  Lür,  dei  dat  ürame  un  ümme  ehr  Nawes  vetellen  möhten,  wat  sei 
doch  eenmal  vähl  to  dohn  hebben,  nich  Rauh  un  nich  Rast  von  vor 
Dau  un  Dahg  bet  in  de  sinkende  Nacht,  un  wua  dat  eenmal  warrn 
schall,  wenn  dat  so  bibliwt.  Dei  Lünkens  un  Gählgöschens^)  hüppt 
von  Böhm  to  Böhm  un  Teigen  to  Teigen  dörch  de  groht  Kastanien 
vor  den  Eddelhof,  dei  all  Knuppen^)  harrn  sau  groht  as  Wallnäht, 
un  piept  so  grell  un  harrn  sick  sau  vähl  tau  vetellen  as  School- 
kinnes,  de  von  de  Köster  uht  de  School  kamen.  Up  dat  Ruhrdack 
von  de  Veehschuhr^)  seeten  dei  Dubeu  in  dei  warm  Morgensünn  un 
reckten  dei  Flägels  un  streckten  dei  lütten  röhren  Behn  so  fühl  as 
Katenfrugens  an  Sünndagmorrn,  äwest  dei  Büffets*)  fegten  an  sei 
rümm  un  gurrten  un  kurrten  un  pickten  mit  de  Snabe^s  nah  sei, 
as  wenn  ehr  dat  Füer  up  dei  Nagels  brenn  in  Kähk  un  Stall.  Up 
den  Pohl^)  bi  den  Schapstall  flöten®)  dei  Ahnten  un  packten  un 
packten')  un  stöken  den  Kopp  deep  in  dat  Wahte  un  smeten  dei 
Start  äwe  Enn,  as  wenn  sei  koppheeste  scheeten  wulln,  un  achte  up 
den  Pierstall  un  de  Strohmiet  kakelt  en  Hahn  un  kullerten  dree 
Kuhnhahns  un  iewerten  sick  aw,  bet  ehr  de  Kopp  sau  bruhn  würr 
as  Backbeern  äwe'n  ollen  türksch  Gant®),  de  da  druhss®)  up  een 
Beihn  stünn,  goar  nich  up  sei  hühren  dehr  un  mit  een  Oog  nah  dei 
Kreigen  pliert,  dei  schohwenwies  äwe  den  Eddelhof  hentohgen  un 
karkten^®).  Dei  Käuh  bölkten  in  'n  Veehstall  un  rehten  an  dei  Klaben  ^^) 
un  Käden  ungeduldig  un  niepen^^)  nah  den  dreesch  frischen  Klehveslag 
buten  as  Jungs  nah  'n  Klingklahs^^).  De  Schehpe  harr  de  Schaap  uht  'n 
Stall  drähben  un  schurr  ehr  frisch  Bohnenfohre  in  dei  Röhpen,  un  dei 
ollen  Schaap  bahben  un  dei  Ölämmes^*)  huppten  un  Sprüngen  so 
schnahksch*^)  för  dwass,  as  ob  sei  pohlsch  danzen  wulln.  Achte  dat 
Backhuhs  un  de  Reetbahn  leht  de  Kutsche  'n  Rappen  an  de  Lonsch^^) 
lohpen.  Dat  was  een  heel  schmucken  Hingst,  stark  von  Knaken  un  mit 
vähl  Tem^irament  un  Bloot  un  brenscht^')  so  krähnsch^®)  un  slöhg 
mennig  mal  achte  uht,  dat  dat  Gnittsand  up  dat  Steendack  flöhg. 
Äwest  wenn  he  trotten  dehr,  denn  was  he  en  woahres  Bild  von  Pierd, 
un  de  oll  Rittmeiste,  den  de  Eddelhof  tauhührt  un  de  swart  Hingst 
ook,  freut  sick  äwe  den  schönen  Rappen,  strehk  sick  vegnögt  den 
griesen  Snauzboart  un  sär  to  den  Kutsche: 

^Wann  ward  er  doch  dreijährig.  Buller?" 

^Fastnacht,  Herr  Rittmeister,  grade  Fastnacht.  Morgen  werden's 
sieben  Wochen." 

„Ja  ja!  Schon  recht.  Der  wird  seine  sieben  Zoll,  wenn  er 
volljährig  is,  meinst  Du  nich  auch.  Buller?" 

„0,  he  wad  sacht  noch  'n  bäten  gröhter. 


*)  Sperliuge  und  Goldammern.  ^)  Knospen.  ^)  Viehschiippen.  *)  Täuberiche. 
^)  Pfuhl.  <*)  schwammen.  '')  schrieen  (die  Enten).  ^)  Gänserich.  ®)  verschlafen. 
^^)  schrieen  (die  Krähen).  ")  Joch.  ^^)  begehrten.  *^)  Ruklas.  ")  Miitter- 
lämmer.  ^^)  possierlich.  ")  Longe,  lange  Leine.  ")  wiehert.  ^®)  mutig, 
übermütig. 


BS 


B.     De   röhr   Möhl. 

Wua  Zehn^)  doa  achte  hoch  up  'n  Barg  ligt,  sär  MöUe  Zickel, 
dat  weit  jie  all.  Na,  nahst  führt  jie  dörch  Sehknitz  un  denn  kahmt 
jie  bi  Kleisten  vörbie,  linksch  in  en  grautes  Holt  an  twei  Mil  lang 
nicks  as  Dann  un  werre  Dann  un  tau  Sommetiet  sonn  Sand,  dat 
dei  Rahd  mahlt  un  quiekt  as  up  'n  Snee,  wenn  dat  sau  kolt  is, 
dat  dat  Pickelsteen  früst  un  de  Swamm  in  de  Piep  veklahmt.  Gaht 
jie  doa  längsch  den  Goldbarger  See  dörch  dei  Wooste  Hair,  denn 
kahmt  jie  tauletzt  an  een  graut  Wahte,  wat  sei  Zerahn  nennt  un  kort 
achte  de  Zerahn  ligt  een  Hof,  dei  duntaumal  een  Eddelmann  tauhürt 
un  ook  noch  tauhürn  mag,  wenn  he  nich  all  dot  is  ore  em  veköfft 
ore  Vedahn  hett.  Wua  he  heeten  deiht,  dat  weet  ick  nich  mihr,  as 
dat  upstehrs  all  bald  föftig  Joahr  her  is,  dat  deiht  äwest  nicks  tau 
Sahk.  Den  Junke  sien  Hoff  lagg  ook  dicht  an  een  graut  Wahte,  von 
wua  ne  dehpe  Bähk  na  de  Zerahn  güng  un  'n  vittel  Wegs  von  'n 
Hoff  ne  Möhl  drehw,  un  de  heeten  sei  de  röhr  Möhl,  wiel  de  Stennes^) 
all  rot  anstrikt  wieren.  De  röhr  Möhl  hürt  ook  an  den  Junke  sien 
Hof,  un  de  harr  Michel  Brant  as  MöUe  in  Tietpacht.  De  oll  Brant 
Michel  sien  Vahre  harr  se  vor  em  hatt  woll  an  viertig  Joahr,  bet 
he  mal,  as  he  sien  Strohdack  utflickt,  mit  een  graut  Bunt  Schöw  von 
de  Lerre  dahl  schöbt  un  doabi  mit  den  Kopp  sau  duU  gegen  een 
Steen  schlöhg,  de  ünne  lagg,  dat  sei  em  för  doht  in't  Hus  drögen. 
De  Chigorius  würr  hahlt  un  leht  em  väl  Bloot.  Tauletzt  kehm  he 
werre  tau  sick;  äwest  de  Sprahk  was  weg,  un  de  krehg  he  ook  nie 
nich  werre,  sau  dat  he  blohss  dahlen^)  künn  as  een  lüttes  Kind  un 
Nümms  recht  wüsst,  wat  he  wull.  Aewehaupt  was  dat  von  Stund  aw 
nich  miehr  recht  richtig  mit  em,  sau  dat  he  de  Möhl  ga  nich  mihr 
vörstahn  künn.  He  grient  sick  jümme,  wenn  een  mit  em  spröhk  un 
künn  wiere  nicks  as  sick  ne  Piep  stoppen,  Goarn  wickeln  un  Tüffken 
schellen,  dat  was  't  all. 

Nu  müsst  doa  woll'n  Insehn  dahn  warrn,  un  dat  würr  doa  ook. 
De  Junke,  as  he  sick  den  ollen  Brant  mal  besöhg,  wüsst  gliek 
Bescheed  un  leht  Michel  Brant,  de  grar  as  Möllegesell  in  dei  Frömd 
gähn  was,  nahschrieben. 

Dat  Ihrst,  wat  Michel  Brand  dehr,  as  he  an't  Hubs  kehm 

C. 

De  lew  Gott  hett  narsch  Kostgänges  in  disse  Welt,  sär 
oll  Burgwedel  von  Hanstörp,  dünn  lew  he  noch.  Snurrig  Burssen 
sünd  doa  mank,  dat  moet  woahr  wesen.  Un  wen  den  Kante  Hahn  ut 
Rostock  un  den  Gastgewe  Burren  in  Warnemünn  kennen  dohn  deit,  de 
wet  ok,  wat  se  dat  fustdick  achte  de  Uren  hebben,  un  wat  en  soeken 
kann  twe  lang  un  twe  bret   un  Land  in  un  Land  ut  un  Barg  up  un 


^)  Zehna,  eine  halbe  Meile  von  Güstrow.     ^)  Ständer.     ^)  lallen. 

Niederdeatsches  Jahrbuch  XXXI.  3 


34 

Barg  dal  in  oll  Land  Mckolbörg  un  finnt  kcn  twe  sonn  appeldwatfiche 
Deubels,  as  de  two  beir  west  sünd,  noch  hüt  nn  disson  Dag  sünd,  un 
wenn  de  lew  Gott  se  noch  en  lütten  Stot  leben  latcn  will,  bliwen  bet 
se  de  Pust  utgeit  un  se  er  Ventil  toknippen.  Burren  hew  ick  all 
kannt  von  Anno  Toback.  Grow  as  Bohnenstroh,  druss  as  'n  Kutschpir 
un  swinplitsch^)  as  ne  Pogg  in  Mandschin  was  he  von  lütt  up,  un 
doa  wier  wat  an  em  un  in  em  un  um  em  un  wo  he  güng  un  stünn 
un  wen  he  lacht  un  roart  un  sproek  ore  sweg,  dat  let  sick  all  so 
kantig  an,  as  wenn  he  up  un  up  ut  lurre  Vierkanten  tohupsett  wir, 
un  as  wenn  de  Todaten  to  em  lurre  fotgrot  Wörpels  un  Gnittsten-) 
west  wieren.  Sin  Kopp  seg  ut,  as  wier  he  von  'n  Dische  lotrecht 
huwelt^)  voern,  achte,  haben  un  an  beir  Sire.  Wat  sin  Vare  em 
nalet,  dat  wier  'n  lütt  beten  mihr  as  nicks,  un  wat  sien  More  her- 
schoet,  'n  lütt  beten  mihr  as  recht  nicks,  un  doa  na  Magister 
Simaxen,  dei  uns  Jungs  de  Mathesim  bibröcht,  Minus  un  (I)  Minus  en 
bandiges  Plus  giwt,  so  köfft  Burr  sick  doamit  voer  nu  hento  dortig 
Joar  sin  Gasthus  un  grar  äwe  'n  Goarn  un  hantiert  doa  in  voer 
Däu  un  Dag  bet  wit  achte  nachtslapen  Tit  un  but  sin  Hus  twestöckig 
mit  'n  Frontspiss  un  'n  groten  Flägel  achte  an,  mit  'n  groten  Saal 
in,  un  ick  wet  nich,  wovel  Stuwen  un  Kamer  fast  un  vierkantig  doa 
stünn  as  he  sülm — 

D. 

Wen  wet,  wu  Nurwegen  liggt? 

Na,  Nurwegen  liggt  achte  de  Belt  un  den  Schagen  un  dat 
Kattegat.  Doa  is  Drontheim  in  un  Bargen,  Krischanssand  un 
Tromsoe.  Doa  wad  Roggen  henbröcht  un  Gasten,  un  doa  wad 
Stockfisch  herhalt  un  Hiring,  Tran  un  Gammelost  ^),  un  de  Kirls  sünd 
doa  all  Flassköpp,  Blagogen  un  Rotsnuten,  un  dat  letzt  kümmt  von 
den  velen  Toddy,  un  dat  Frugensminsch  is  doa  ok  Flassköpp,  Blagog, 
äwest  wisssnutig,  un  dat  kümmt  — 

Na  nu  holl  man  up.  Dat  Nurwegen  men  ick  jo  nich.  Ick  men 
dat  anne  Nurwegen,  dat  doa  unne  an  de  Grow^)  in  Rostock  liggt 
dicht  bi  dat  Lazaretdur,  as  nämlich  de  Grow  noch  was  un  as  sonn 
Hambörge  Flet  dörch  Rostock  stinken  der.  Den  Schippekrog,  dat 
schön  oll  Norwegen  von  vor  Anno  Toback,  lang  voer  Pralown  un 
Hartmann  ehr  Tit,  men  ik,  as  Kehmzowensch  doa  noch  wirtschaften 
der.  Dat  was  sonn  ächten  sekern  Nothaben  foer  sonn  ächten  olln 
Kaptein,  voerut  to  Wintetit,  wenn  de  Geljassen  un  Mufferdeys,  Huke- 
schone  un  Briggs  all  voer'n  Pahl  an'n  dubbelt  Tross  uppe  Warnow 
sorrt^) —  —  — 

*  * 


*)  pfiffig,  listig,  entstanden  aus  swinde  (mnd.  'hstig')  und  politisch.  *)  Würfel 
und  Kiessteine.  *)  vom  Tischler  zurechtgehobelt  *)  alter  Käse.  ^)  Grube.  '*)  mit 
Tauen  festgebunden. 


B5 

Diesem  Fragment  seien  noch  ein  paar  Bemerkungen  angefügt: 
Die  alte  Rostocker  Schifferkneipe  ;,Norwegen^  wird  auch  in  „Kasper- 
Ohm*'  erwähnt,  in  dem  Kapitel  vom  ^feinen  Taktus^.  Keppen  Pött 
verkehrte  dort  selber  in  höchsteigener  Person;  denn  Köster  Knaak 
berichtet  dem  Vater  von  Andrees:  „Slag  Klock  fünf  gingen  Harr 
Kaptein  nach  „Nurwegen^  bei  Kehmzowen  zu  seinem  ordinären  Parti 
Klevergassen.^  Kasper-Ohm  war  also  Stammgast  in  Norwegen  und 
spielte  da  regelmässig  seine  Partie  Klabrias. 

Auch  ein  anderer  Typus  John  Brinckman's  suchte  mit  Vorliebe 
jene  Schifferkneipe  auf:  Peter  Lurenz,  der  Held  aller  möglichen 
phantastischen  Grosstaten  und  „Duzbruder"  von  Nelson.  Denn  in 
der  Einleitung  zu  „Peter  Lurenz  bi  Abukir"  bemerkt  der  Dichter: 

„Von  Peter  Lurenz  werden  eine  Menge  ähnlicher  Geschichtchen, 
alle  von  gleich  stupender  Form  und  Fassung,  erzählt,  wie  er  sie  in 
der  s.  Z.  vornehmlich  von  alten  Schiffskapitänen  frequentierten,  an 
der  Grube,  einem  vormals  Rostock  durchschneidenden  Kanal,  gelegenen 
Kneipe  „Norwegen''  vorzutragen  pflegte, '^ 

Die  Heldentaten  von  Abukir  aber  lässt  Brinckman  seinen  Peter 
Lurenz  anderswo  erzählen:  in  der  Bierstube  des  nicht  minder  originellen 
Brauers  Block. 

CHARLOTTENBURG.  A.  Römer. 


8* 


36 


Bruchstücke 
von  Bruder  Philipps  Marienleben 

aus  dem  Jahre  1324. 


Unter  den  reichhaltigen  Sammlungen  des  um  die  nieder- 
sächsische Volkskunde  sehr  verdienten  Schriftstellers  Hans  Müller- 
Braue  1  auf  Haus  Sachsenheim  bei  Zeven  befinden  sich  auch  einige 
niederdeutsche  Handschriften  und  Drucke,  von  denen  ich  bereits  die 
Praelocutio  eines  Osterspiels  und  eine  Erklärung  der  zehn  Gebote 
samt  dem  Apostolicum  zum  Abdruck  gebracht  habe.^)  —  Die  nach- 
stehend veröffentlichten  Bruchstücke  einer  niederdeutschen  Version 
von  Bruder  Philipps  Marienleben  bieten  uns  zusammen  nur  55  Verse, 
die  genau  den  Versen  9495—9538  und  10123—10133  der  mittel- 
hochdeutschen Ausgabe   dieser  Dichtung  von  Rückert  entsprechen.^) 

Obwohl  wir  von  der  im  Mittelalter  so  beliebten  Dichtung  Bruder 
Philipps  drei  vollständige  niederdeutsche  Handschriften  besitzen,  — 
von  den  zahlreichen  hochdeutschen  ganz  abgesehen  —  so  beanspruchen 
doch  die  vorliegenden  kurzen  Fragmente  ein  ganz  besonderes  Interesse 
dadurch,  dass  sie  eine  genaue  Datierung  bieten  und  etwa  hundert 
Jahre  älter  sind  als  die  übrigen  erhaltenen  niederdeutschen  Manu- 
scripte.  ^) 


*)  Jahrbuch  des  Vereins  für  niederdeutsche  Sprachforschung  Bd.  XXII 
(1896)  p.  144—149. 

2)  Bruder  Philipps  des  Carthäusers  Marienleben.  Zum  ersten  Male  heraus- 
gegeben von  Dr.  Heinr.  Rückert.  XXXIV.  Band  der  Bibliothek  der  deutschen 
National-Literatur.     Quedlinburg  und  Leipzig  1853. 

^)  Die  Angaben,  welche  Goedecke  in  seinem  Grundriss  zur  Geschichte  der 
deutschen  Dichtung  (Zweite  Auflage.  Bd.  I  p.  229  f )  über  die  niederdeutschen 
Hss  von  Bruder  Philipps  Marienleben  macht,  sind  nicht  ganz  genau.  —  Wir  haben 
drei  vollständige  niederdeutsche  Hss.  von  dieser  Dichtung:  1)  eine  Münchencr 
Papierhs.  in  niederrheinischer  Mundart  aus  dem  Jahre  1428.  Cod.  germ.  No.  441. 
(Vgl.  K.  Roth,  Dichtungen  des  deutschen  Mittelalters.  Stadtamhof  1845  p.  VI. 
und  Die  deutschen  Handschriften  der  K.  Hof-  und- Staatsbibliothek  zu  München. 
Theil  I.  Münschen  1866  p.  72.)  2)  Eine  Wolfenbüttel  -  Helmstedter  Papierhs. 
aus  dem  Jahre  1449.  cod.  996,  die  neun  niederdeutsche  geistliche  Dichtungen 
enthält;  darunter  an  siebenter  Stelle  unser  Marienleben  f.  95— 209  ^  3)  Eine 
Wolfenbüttel  -  Helmstedter  Papierhs.  des»  fünfzehnten  Jahrhunderts,  cod.  1039. 
(Vgl.  0.  von  Heinemann,  Die  Handschriften  der  herzoglichen  Bibliothek  zu  Wolfen- 
büttel Abth.  I.  Die  Helmstedter  Handschriften  Bd.  2.  Wolfenbüttel  1886  p.  287  f. 
und  p.  311.)  Aus  dieser  letzten  Hs.  hat  bereits  Kinderling  einige  Mitteilungen 
gemacht.    (Deutsches  Museum.   Leipzig  1788.    Bd.  1  p.  126  ff.  und  Bd.  2  p.  340  if.). 

Eine  vierte  Papierhs.  aus  dem  Jahre  1474  hat  sich  zu  Ende  des  achtzehnten 
Jahrhunderts  im  Besitze  des  Diaconus  Kinderling  zu  Calbe  an  der  Saale  befunden. 
Vgl.  J.  C.  Adelung  Magazin  für  die  deutsche  Sprache.  Leipzig  1783  II,  1 
p.  63  ff.  und  II,  3  p.  121  ff.  An  dieser  letzten  Stelle  wird  von  Adelung  der 
Anfang  der  Kinderlingschen  Hs.,   etwa  900  Verse,  mitgeteilt.   —   Kinderling  hat 


37 


Die  Handschrift,  ein  schön  und  deutlich  geschriebenes,  aus  einem 
Buchdeckel  gelöstes  Pergamentdoppelblatt  in  8^  (13x  19  cm)  ist 
bereits  von  Borchling  beschrieben  worden,  auf  dessen  Angaben  ich 
daher  hier  verweise.  ^)  —  Auf  der  stark  verwischten  letzten  Seite  des 
zweiten  Blattes  findet  sich  der  Anfang  einer  hochdeutschen  Advents- 
predigt, deren  erste  Zeilen  Borchling  ebenfalls  bereits  mitgeteilt  hat. 

Der  jetzige  Besitzer,  Herr  Müller,  hat  unsere  Handschrift  nebst 
zahlreichen  anderen,  meist  lateinischen  Pergamentblättern  von  einem 
Lüneburger  Antiquitätenhändler  erworben. 

Im  folgenden  Abdruck  ist  die  nicht  ganz  konsequente  Schreib- 
weise des  Originals  genau  beibehalten. 


De  in  allen  vroude  gaf  [Blatt  1.] 

My(t)  eynen  breyten  steyne  do 

Dat  graf  se  bouene  deckeden  to 

D(a)t  stof  noch  erde  mochte  dar  in 

Reysen  up  dat  godes  schrin 

De  vrowen  dar  nach  ghingen  heym 

hl  de  stat  tu  ihrl'm 

De  iunger  wolden  *)  nicht  ghesceyden 

Van  deme  graue,  se  wolden  beydeu 

As  de  engel  en  gheböt 

Do  de  sele  up  furde  got 

By  deme  graue  dre  taghe  sateu 

Unde  wolden  dat  nicht  allevne  laten 

Och  de  wölke  nicht  erghinc 

De  suluen  dre  tage  vrae  se  vinc 

An  (d)em  drutten  tage  vrö 

Gy(nc)  en  allen  eyn  slap  tö 

Van  hymele  ih'c  quam  her  neder 

Vnd(e)  furde  marien  sele  her  weder 

Eyn  schar  der  enghele  myt  em  quam 

De  reynen  sele  ih'c  nam 

In  e(re)n  lif  se  varen  heyt 


Marian  leuendich  stan  up  heyt         [Vo] 

He  nam  den  lif  vnde  och  de  sele 

Myt  dem  engele  michaele 

Vn  vorden  se  in  dat  hymelrich 

Des  vroweden  alle  de  enghele  sich 

Yh  sungen  alghemeyne 

Gelouet  si  nv  maria  de  reyne 

Gelouet  sy  got  de  se  erkoru 

Hat.    vn  is  van  yr  geboru 

Der  iungeren  eyne  sunte  thomas 

In  der  suluen  wile  was 

Van  den  anderen  vt  gegangen 

Syn  gebet  hat  he  an  geuaugen 

Do  he  an  syme  gebede  lach 

Schinberlich  dat  alle  sach 

Dat  ih'c  mit  sunte  michele 

Vuorde  beyde  lif  vü  sele 

Marien  vp  tu  hymelrich 

Vn  dat  de  engele  vrouden  sich 

Och  horde  he  der  enghele  sanc 

De  hadden  suter  stemme^)  clanc 

Se  loueden  alle  got  ghemeyne 


dauQ  später  noch  des  öfteren  auf  seine  Hs.  hingewiesen  und  Stellen  daraus  mit- 
geteilt. (Deutsches  Museum  1788.  Bd.  1  p.  126  ff.  und  Bd.  2  p.  340  ff.  Kinder- 
ling,  Geschichte  der  Nieder-Sächsischen  Sprache.  Magdeburg  1800  p.  342  ff.)  — 
—  Später  ist  diese  Hs.  in  von  der  Hagens  Besitz  gekommen  (vgl.  F.  H.  von  der 
Hagen  und  J.  G.  Büsching,  Literarischer  Grundriss  zur  Geschichte  der  Deutschen 
Poesie.  Berlin  1812  p.  256  ff.)  Über  den  jetzigen  Verbleib  vermag  ich  nichts 
anzageben.  — 

Die  im  Deutschen  Museum  1788  Bd.  I  p.  61  ff',  und  p.  112  ff',  von  dem 
Braunschweiger  Konsistorialrat  C.  A.  Schmid  herausgegebenen  „Fragmente  eines 
alten  Gedichts  von  der  heil.  Maria"  stehen  in  keinem  Zusammenhange  mit  Bruder 
Philipps  Marienleben 

^)  C.  Borchling,  Mittelniederdeutsche  Handschriften  in  Norddeutschland  und 
den  Niederlanden.  Erster  Reisebericht.  Aus  den  Nachrichten  der  K.  Gesellschaft 
der  Wissenschaften  zu  Göttingen.   Geschäftliche  Mitteilungen.    1898  Heft  2  p.  236  f. 

^)  Hs.  worden. 

^)  Hs.  stenme. 


38 

Got  is  my  leyder  wenich  erkant    [Blatt  2.]    De  sulue  ih'c  müt  vns  gheuen 

In  dem  orden  van  kartus  Trost  dorch  syner  muter  leuen 

Ghescreuen  han  ich  in  dem  hus  Marien  leuent  geyt  hir  uz 

Tu  seiden  dit  sulue  bükelyn  Nun  help  uns  er  leue  kynt  ihesus 

Sunte  ioseph  was  de  mauer  myn  Am E N. 

De  marien  huter  was  Ut  sit  solamen  dicatur  ab  omnibz  AmeN.  ^) 
De  ih'c  godes  sun  genas^) 

Dit  buch  is  geschreuen  n»  godes  bort  dusent  iar.    dre  hundert  iar.   In  deme  verentwinteghesten 

iare.   In  deme  dsghe  der  heylighen  driualdicheyt. 

HANNOVER.  Fritz  Goebel. 


Ein  niederdeutsches  Lied 
anf  die  ScMacht  an  der  Gonzer  Brücke  am  1.  Ängnst  1675. 


Die  Schlacht  an  der  Conzer  Brücke  unweit  Trier  gilt  mit  Recht 
als  eine  der  schönsten  Taten  in  der  ruhmvollen  Geschichte  des  alt- 
hannoverschen Heeres.  Wenige  Wochen  nachdem  Kurfürst  Friedrich 
Wilhelm  von  Brandenburg  bei  Fehrbellin  die  von  Ludwig  XIV.  ins 
Land  gerufenen  Schweden  Wrangeis  siegreich  zurückgewiesen  hatte, 
wurde  hier  auf  dem  westlichen  Kriegsschauplatz  am  1.  August  1675 
der  französische  Marschall  Crequi  entscheidend  geschlagen,  als  er 
den  Versuch  machte,  das  von  dem  kaiserlichen  Heere  belagerte  Trier 
zu  entsetzen.^) 

Auf  diesen  Sieg  deutscher  Waffen  sind  in  den  Ländern  der 
Braunschweig-Lüneburger  Herzöge  mehrfache  Gedichte  entstanden.*) 
Hatten  doch  hier  drei  Fürsten  aus  dem  Weifenhause  (Georg  Wilhelm, 
Herzog  von  Celle,  Ernst  August,  Bischof  von  Osnabrück,  der  für 
sein  Haus  später  die  Kurwürde  erwarb,  und  dessen  jugendlicher  Sohn 


*)  Hs.  genans. 

^)  Die  Subscriptio  sowie  die  folgende  Datierung  sind  mit  roter  Tinte 
geschrieben. 

•)  Über  die  weiteren  Einzelheiten  dieses  Feldzuges  verweise  ich  auf:  W. 
Havemann,  Geschichte  der  Lande  Braunschweig  und  Hannover.  Bd.  III.  Göt- 
tingen 1857.  S.  268  if.  und  von  Sichart,  Geschichte  der  Königlich-Hannoverschen 
Armee.  Bd.  L  Hannover  1866.  S.  381  ff.  Eine  sehr  eingehende  Darstellung  der 
Schlacht  gibt  von  der  Decken,  Feldzüge  des  Herzogs  Georg  Wilhelm  von  Zelle 
am  Rhein  und  an  der  Mosel,  in  den  Jahren  1674  und  1675.  (Vaterländisches  Archiv 
des  historischen  Vereins  für  Niedersachsen.     1838.     S.  105  ff.) 

*)  Die  Königliche  Bibliothek  zu  Hannover  birgt  in  ihren  reichhaltigen  sog. 
Memorienbänden  etwa  ein  Dutzend  lateinischer,  französischer  und  hochdeutscher 
Gedichte  auf  den  Sieg  an  der  Conzer  Brücke. 


39 

Georg  Ludwig,  der  spätere  König  Georg  I.  von  England)  ihre 
braven  Truppen  persönlich  mit  grosser  Tapferkeit  gegen  den  Feind 
geführt.  —  Nach  dem  Urteile  der  Zeitgenossen  gebührte  der  Haupt- 
ruhm des  Tages  den  cellischen,  osnabrückischen  und  wolfenbüttelschen 
Truppen,  und  Kaiser  Leopold  selbst  hat  den  weifischen  Herzögen  in 
warmen  Worten  seinen  Dank  für  die  dem  deutschen  Reiche  bewiesene 
Treue  ausgesprochen. 

Das  hier  mitgeteilte  Gedicht  ist  uns  in  zwei  verschiedenen,  nur 
wenig  von  einander  abweichenden,  gleichzeitigen  Drucken  von  je  zwei 
Quartblättern  erhalten.  Der  eine  wird  auf  der  Königlichen  Bibliothek 
zu  Hannover  aufbewahrt  in  einem  alten  Sammelbande  von  verschieden- 
artigen Gelegenheitsgedichten  auf  Georg  Wilhelm,  den  letzten  Herzog 
von  Celle  (No.  XXIII  p.  288  c.  d.).i)  Der  zweite  findet  sich  auf  der 
königlich  bayrischen  Staatsbibliothek  zu  München  (P.  o.  germ.  229. 15.).^) 

Unser  Lied  sollte  nach  der  Melodie  des  ;,Henneke  Knecht" 
gesungen  werden,  dessen  grosse  Beliebtheit  ja  durch  mehrfache 
Zeugnisse  bekannt  ist.^) 

Auch  ein  in  Göttingen  entstandenes  längeres  niederdeutsches 
Gedicht  auf  die  vergebliche  Bestürmung  der  Stadt  durch  den  kaiser- 
lichen General-Lieutenant  Piccolomini  und  den  Erzherzog  Leopold 
im  Jahre  1641  ist  dem  Henneke  Knecht  nachgebildet.*)  Der  Beginn 
dieses  Liedes,  das  erst  1730  gedruckt  wurde,  lautet: 

Picclemin,  wat  wuttu  dauhn, 
Wuttu  verdeinen  dat  Kayser  Lohn, 
Ell  grater  Generahl  blieven, 
Sau  maustu  henna  Göttingen  thein 
Un  maust  sei  da  verdrieven. 


^)  Anscheinend  nach  demselben  Text  brachte  schon  im  18.  Jahrhundert  der 
gelehrte  hannoversche  Bibliothekar  Daniel  Eberhard  Baring  das  Lied  wieder  zum 
Abdruck  (Beytrag  zur  Hannoverischen  Kirchen-  und  Schul-Historia.  Hannover  1748. 
S.  49  ff.).  —  Auch  hat  er  bereits  in  einem  früheren  Werke  auf  deu  in  seinem 
Besitz  befindlichen  Druck  hingewiesen.  (D.  E.  Bariugii  Descriptio  Salae  principatus 
Calenbergici  locorumque  adiacentium.  Oder  Beschreibung  der  Saala  im  Amt 
Lauenstein  ff.    Lemgo  1744.     S.  150.) 

*)  Der  Münchener  Text  ist  mit  mehreren  willkürlichen  Änderungen  unter 
Hinzufugung  einer  modernen  hochdeutschen  Übersetzung  abgedruckt  bei:  F.  W. 
Freiherr  von  Ditfurth,  die  historischen  Volkslieder  vom  Ende  des  dreissig- 
jährigen  Krieges,  1648  bis  zum  Beginn  des  siebenjährigen,  1756.  Heilbronn  1877. 
S.  43  ff. 

*)  Baring  (Descriptio  Salae  ff.  S.  150)  berichtet,  dass  mau  auch  „bey  anderen 
Vorfallen  Lieder  als  Parodieen"  nach  dem  Henneke  Knecht  gedichtet  habe. 

*)  Daniel  B.  Shumway,  A  low  German  bailad,  commemorating  the  siege  of 
Güttingen  in  the  thirty  years'  war.  (Americana  Germanica.  Vol.  III.  S.  46  ff.) 
Vgl.  ferner:  Protokolle  über  die  Sitzungen  des  Vereins  für  die  Geschichte  Göttingens 
im  achten  Vereinsjahre  1899—1900  geführt  von  A.  Tecklenburg.  Göttingen  1900. 
S.  8  ff.  Hier  ist  das  interessante  Gedicht  zum  zweiten  Male  abgedruckt  nebst 
einigen  Mitteilungen,  die  Dr.  Seedorf  über  dasselbe  in  der  Sitzung  des  genannten 
Vereins  vom  18.  ^Nov.  1899  gemacht  hat. 


40 

Falls  die  Ansicht  Dr.  Seedorfs  richtig  ist,  ^)  dass  das  Göttinger  Gedicht 
in  die  Zeit  der  dargestellten  Ereignisse  fällt,  so  müssen  wir  -  wohl 
annehmen,  dass  der  Dichter  unseres  Liedes  dasselbe  gekannt  und 
benutzt  hat.  Durch  die  dem  Anfang  beider  Lieder  gemeinsam  zu 
Grunde  liegende  erste  Strophe  des  Henneke  Knecht  lässt  sich  die 
auffallende  Übereinstimmung  allein  nicht  erklären. 

Das  Lied  von  der  Schlacht  an  der  Conzer  Brücke  weist,  von 
den  Anfängen  der  ersten  und  zweiten  Strophe  abgesehen,  keine 
Anklänge  an  den  Henneke  Knecht  auf,  von  dem  dagegen  das  Göttinger 
Lied,  in  einem  weit  grösseren  Masse  abhängig  ist,  wie  bereits  Shumway 
gezeigt  hat. 

Wie  der  Henneke  Knecht,  so  ist  auch  das  Lied  auf  die  Schlacht 
an  der  Conzer  Brücke  von  einer  lateinischen  Version  begleitet. 
Während  wir  es  aber  im  ersten  Falle  mit  einer  eigentlichen,  ziemlich 
genauen  poetischen  Übersetzung  zu  tun  haben,  so  ist  hier  das 
lateinische  Gedicht,  welches  mir  besonders  zum  Lobe  des  Herzogs 
Georg  Wilhelm  von  Celle  verfasst  zu  sein  scheint,  um  die  Hälfte 
kürzer  als  das  niederdeutsche  Lied,  von  dem  es  auch  in  seinen  letzten 
vier  Strophen  völlig  abweicht. 

Leider  bleibt  der  Dichter  unseres  Liedes  ungenannt;  falls  er 
mit  dem  Verfasser  der  vorangestellten  lateinischen  Version  und  des 
lateinischen  Hexameters,  der  das  Chronostichon  auf  das  Jahr  1675 
in  sich  birgt,  identisch  sein  sollte,  so  würden  wir  in  dem  ;,ohlen 
ehrliken  Dütschen"  wohl  einen  Untertanen  Georg  Wilhelms,  des 
letzten  Herzogs  von  Celle,  vor  uns  haben.  —  Hierauf  würde  auch 
schliessen  lassen,  dass  der  auf  der  Königlichen  Bibliothek  zu  Hannover 
aufbewahrte  Text  sich  in  einem  alten  Sammelbande  findet,  welcher 
nur  Gedichte  auf  diesen  Fürsten  enthält.  —  Georg  Wilhelm  war  in 
seiner  Art  ein  tüchtiger  Regent,  der  trotz  der  vielen  Ausländer,  die 
er  an  seinen  Hof  nach  Celle  gezogen  hatte,  auch  die  bescheiden  in 
der  treuherzigen  Sprache  seiner  Landeskinder  auftretende  Dichtung 
nicht  verachtet  hat.  Die  ersten  interessanten  Spuren  der  neueren 
niederdeutschen  Gelegenheitsdichtung,  der  wir  im  Laufe  des  acht- 
zehnten Jahrhunderts  an  den  Höfen  des  weifischen  Fürstenhauses  nicht 
selten  begegnen,  weisen  uns  gerade  nach  Celle  an  den  Hof  Georg 
Wilhelms.  ^) 

Das  nachstehende  Lied  scheint  mir  ein  besonderes  litterarisches 
Interesse  zu  beanspruchen,  dadurch  dass  es  wohl  eines  der  letzten 
historischen  Volkslieder  sein  dürfte,  welche  die  niederdeutsche  Dichtung 
hervorgebracht  hat. 

Der  Abdruck  giebt  den  Text  der  Königlichen  Bibliothek  zu 
Hannover  in  unveränderter  Form  wieder;  die  wenigen  Varianten  des 
Münchener  Textes  (M.)  sind  in  Fussnoten  beigefügt. 

1)  a.  a.  0.    S.  8. 

)  Vgl.  meine  Arbeit:  Einige  Proben  aus  der  hannoverschen  Hofdichtung 
am  Ende  des  17.  Jahrhunderts.  (Hannoversche  Geschichtsblätter.  IL  Jahrg.  1899. 
No.  14,  15  und  16.) 


41 


Ehn  platdütsch  Leed^) 

van  der  grüliken  Schlacht 

Darinue  mit  Gades  Hülpe  de  strafe  Dütschen 

de  hochmödigen  Frantzosen 

he£fet  överwuimen 

bie  Trier  / 

Im  Jahr 

1675.  den  1.  Dag  des  Austmahndes  / 

Uppesettet 

van 

Enem  ohlen  ehrliken  Datschen. 

To  singen  na  der  Wiese: 

Ileuneke  Knecht  wat  wultu  dohn  etc. 


Gedrückt  to 
Dütschborg  /  ^)  im  Jahre 
DVX  GVlLIeLMe  hostes  Infensos  fLIge  Georgl.») 


I. 


1. 
Dux  de  Greqvi  qvid  nunc  agesV 
Si  fortis  Heros  permanes 

In  hoc  feroci  hello, 
Ad  Treviros  volo  properes, 

Hostem  ut  fuges  duello 

2. 
Ad  haec  Greqvi  inqvit  illico: 
Qvid  fiet  hoc  de  Villico 

Qvi  Treviros  aggressus? 
Ad  patrios,  faciam,  Lares 

Ut  mox  recedat  fessus. 

3. 
Duces  Leonis  stemmate 
Orti,  suo  cum  milite 

Non  has  timebant  minas, 
Exercitu  suo  advolant 

Vires  premunt  Parisiuas 


4. 
Exoritiir  acre  praelium, 
Et  magna  strages  hostium 

Est  facta  tunc  Gallorum. 
Sternunt  Duces  praenobiles 

Qvos  Lyneburgicorum 

5. 
Tormenta  Galli  bellica 
In  castra  veniunt  Cellicß, 

Vexilla,  Commeatus.*) 
Uaec  gloria  decet  Principem 

Leone  qvi  prognatus. 

6. 
Hunc  Principem  serva  Deus, 
Conatui  adsis  illius, 

Ut  ceruere  Triumphator 
Possit  suos  nos  subditos 

Et  Patriae  Servator! 


^)  Der  Titel  des  Münchener  Druckes  hat  eine  andere  Zeilenabsetzung;  im 
übrigen  ist  er  dem  des  hannoverschen  Textes  vollkommen  gleichlautend. 

^)  Es  ist  mir  leider  nicht  gelungen,  festzustellen,  welcher  Druckort  sich  hinter 
diesem  Namen  verbirgt. 

^)  Das  Cbronostichon  ergiebt  aufgelöst  die  Zahl  1675. 

*)  In  der  Schlacht  an  der  Conzer  Brücke  fielen  80  Fahnen  und  Standarten, 
die  gesamte  Artillerie  sowie  die  Zelte  und  das  Gepäck  der  französischen  Armee 
in  die  Hände  der  Verbündeten. 


42 


II. 


1. 

Düc  Krequi,  hör,  wat  wultu  dohn? 
Wultu  verwarffn  dat  grote  LohnV 

En  goht  Frantzose  bliefen? 
So  mostu  hen  na  Trier  gähn, 

De  Dütschen  dar  weg  driefen. 


5. 

De  Frantzmann  wul  dar  nich  heruth, 
Bet  he  möst  speien  um  de  Bruth, 

Umt  Brod,  dat  kam  to  Water, 
De  Dütschen  wulln  öt  nehmen  weg, 

Do  brumd'  he  afs  en  Kater.') 


2. 

De  Frantzmann  sprack  ehn  trotzig  Wort, 
De  Dütschen  wil  ick  jagen  fort, 

Canalij'^)  ick  wil  dick  faten. 
Och!  setestu  biem  Qrütte  Pott', 

Et  möchte  dick  wol  baten. 


6. 

De  Spiet  un  Schimp  wör'  all  to  groth, 
Ufsck  Lüen,  van  so  hogem  Bloth, 

Ded'  he  füll  Ivers  spreken. 
Vor  Hochmoth  un  vor  grotem  Tom 

Wol  öhm  dat  Harte  breken. 


3. 

De  Dütschen  sahn:  Bistu  so  dull'^) 
Un  kumst,  wi  schlaet  de  Huet  die  vuU, 

Du  schast  den  Hänger  kriegen, 
Du  segst  von  Enoljen,  töff  du  man, 

Dien  Muhl  schal  boUe  schwiegen. 


7. 

Duc  Krequi  sprack:   Mick  wunjert  mau, 
Dat  se  wilt  vor  Soldaten  stahn, 

Un  up  üsck*)  Kehreis  luhren, 
Man  hört  an  ören  Worden  wol 

Et  sind  Haagpütjen^)  Buren 


4. 

Kum  an,  wt  gat  Rucks  up  dick  lohfs, 
Un  wen  du  wöhrst  de  schwarte  Drohfs, 

Wi  wilt  deck  so  to  kielen, 
Dat  Blöd  die  duller  lopen  schal 

Afs  steken  dick  de  Heu. 


8. 

Drup  gingen  se  im  Grull  to  hoop. 
De  ehn  sä  stah,  de  anner  loop. 

De  Kerels  sick  to  schlügen 
Veel  duller,  asse  wen  se  sick 

Haartaget  in  den  Krögen. 


^)  Nach  dem  Bericht  eines  Augenzeugen  der  Schlacht,  des  Feldpredigers 
Berkkemeyer,  hatten  die  Franzosen  nicht  geglaubt,   dass  die  Verbündeten  ihnen 

ernsthaften  Widerstand  bieten  würden   „ es  waren  neu  geworbene  Völker 

und  sei  dahero  die  Lüneb.  Cannaillie  genannt,  .  .  .  . "  (Vaterländisches  Archiv 
des  historischen  Vereins  für  Niedersachsen.    Jahrg.  1838.     S.  294  ff.) 

2)  M.  duU, 

')  Berkkemeyers  Aufzeichnungen  berichten  hierüber  „ welche  Schiffe 

hernacher  die  Mosel  hinunter  in  Trier  fahren  wollten,  wurden  aber  von  dehnen 
unsrigen  mit  Regiments  Stükken  gezwungen  bey  unsz  anzulanden  und  kam  das 
Brod  unsz  woll  zu  passe." 

*)  M.  üszck. 

^)  M.  Haagputjen. 


43 


De  Dütschen  stünnen  afs  eu  Pahl, 
Un  schlögen  wol  twe-  und  dremahl 

In  ene  Stäh,  den  Hanen, 
De  sick  dat  nich  yermoen  wöhrn, 

Begun  darbie  to  schwanen. 


11. 

Se  leegen  dar  heeP)  hupen  wiefs', 
Öhr  Groht  de  Dütschen  mackden  priefs, 

Un  nehmen  vehl  gefangen,^) 
Wiel  se  so  rohfft  un  brennet  heift 

Schöln  se  van  rechte  hangen 


10. 

En  ider  kehrd'  um  siene  Zöhr',  *) 
üü  wul  van  Harten  gern  gähn  döhr, 

Man  öhm  sat  in  den  Hacken 
De  Dütsch',  un  blauer  Bohnen  vehl 

Gaff  he  öhm  in  den  Nacken. 


12. 

Dem  leven  GOtt  sie  hier  vor  Loff, 
He  make  de  vördan  to  Stoff 

De  Ohrsaeck  heffet  geven 
To  düssem  Krieg',  in  welckem  ifs 

Manch  Moderkind  gebleven. 


HANNOVER. 


Fritz  Goebel. 


^)  Ditfurth,  der  diese  Stelle  in  „sinem  Zöhr'^  ändert,  bemerkt  dazu:  „Zöhr, 
vielleicht  das  niederdeutsche  Ter,  Tier,  T8r  =  Eifer,  Streben."  —  Diese  Inter- 
pretation hat  mich  nicht  befriedigt,  obwohl  ich  nichts  Sicheres  an  ihre  Stelle  zu 
setzen  vermag.  [Zöre,  Zur,  bei  Lauremberg  Sör,  heisst  Gaul.  Das  Wort  wird 
gewöhnlich  nur  für  alte,  minderwertige  Pferde,  sogen.  Kracken  gebraucht.    W.  S.] 

2)  M.  hee. 

^)  Von  den  Siegern  wurden  6000  gefallene  Franzosen  auf  dem  Schlachtfelde 
begraben;  in  Gefangenschaft  gerieten  1500,  worunter  sich  viele  Offiziere  befanden. 


44 


Niederdeutsche  Dichtungen 

Altlivlands. 


Auf  einem  aus  einem  Heft  oder  Band  herausgerissenen  Folio- 
blatt, das  sich  mit  einigen  anderen  Archivalien  unter  Napierskyschen 
Abschriften  in  Riga  fand  und  dem  Revaler  Stadt-Archiv  angehört 
hat,  haben  sich  Spottverse,  die  gegen  den  Rat  und  die  Gilden  Rigas 
gerichtet  sind,  erhalten.  Das  der  Tendenz  nach  von  der  erzbischöf- 
lichen Partei  ausgegangene  Pasquill  behandelt  die  Vorgänge  des 
Jahres  1472,  da  nach  dem  Tode  Johann  von  Mengede's  und  der  ein- 
jährigen Zwischenregierung  Johann  Wolthuss  von  Herse's  das  Intriguen- 
spiel  um  den  Alleinbesitz  Rigas  zwischen  Ordenstneister  und  Erzbischof 
aufs  neue  begann.  Wenn  sich  der  Verfasser  der  Notiz,  die  sich  unter 
der  Abschrift  des  Gedichts  findet,  nach  der  ich  den  Abdruck  gebe, 
mit  seiner  Behauptung  nicht  irrt,  dass  es  die  Handschrift  des 
Laurentius  Schmidt  sei,  so  ist  dieser,  der  von  1541 — 1569  Stadt- 
sekretär von  Reval  war,  doch  wohl  kaum  der  Verfasser  des  nach 
1542  niedergeschriebenen  Gedichts,^)  sondern  wir  müssen  annehmen, 
dass  es  eine  poetische  Reminiszenz  ist,  die  er  aufgezeichnet  hat, 
denn  die  historischen  Vorgänge  Rigas,  vor  allem  die  Stimmung  der 
Parteien  sind  zu  genau  zum  Ausdruck  gebracht.  Sollte  L.  Schmidt 
aber  dennoch  der  Verfasser  sein,  so  müsste  der  Konflikt  zwischen 
Wilhelm  von  Brandenburg  und  Riga  ihm  die  Veranlassung  geboten 
haben,  sich  in  den  fast  ein  Jahrhundert  zurückliegenden  Streit  zu 
vertiefen  und  ihn  poetisch  zu  bearbeiten,  wie  es  bei  dem  von  K. 
Höhlbaum  aus  dem  Revaler  Ratsprotokoll  vom  13.  Febr.  1571  ver- 
öffentlichten Gedicht  auf  ;,die  Hansa  und  Nowgorod"  der  Fall  ist. 
Sollte  aber  der  Revaler  Stadtsekretär  seiner  Parteistellung  nach 
wirklich  dem  Markgrafen  Wilhelm  von  Brandenburg  zugeneigt  haben? 

Johann  von  Mengede  hatte  es  verstanden,  die  unter  dem  Kirch- 
holmer  Vertrage  schwer  tragende  Stadt  Riga  auf  seine  Seite  zu  ziehen, 
indem  er  ihr  den  Gnadenbrief  vom  7.  November  1454  erteilte,  und 
bis  zur  Meisterwahl  Bernd's  von  der  Borch  herrschte  Ruhe  und  Friede, 
da  Erzbischof  Silvester  Stodewäscher  sich  der  Macht  des  Ordens 
hatte  beugen  müssen  und  durch  seine  an  der  Stadt  geübte  Treu- 
losigkeit sich  selbst  und  seinem  Anhang  den  Boden  unter  den  Füssen 
fortgezogen  hatte.  Bernd  von  der  Borch  aber  suchte,  als  er  zur 
Regierung  gekommen  war,  Stimmung  für  sich  zu  machen  und  zwar 
scheint  er  die  kleine  Gilde   zuerst   gewonnen   zu  haben.     Aus   einem 


^)  über  demselben  steht :  Tempore  Laurentü  Smedes  /  inchoatus  /  anno  etc. 
XL II  14  die  mensis  Nomvembris. 


45 

alten  Notizbuch  derselben  ersehen  wir,  dass  schon  zu  Ostern  1472 
der  0.  M.  ^)  diese  auffordern  Hess,  ihm  den  FAd  nach  dem  Kirch- 
holmschen  Vertrage  zu  leisten.  Nach  einer  Beratung  ward  ihm  aber 
zur  Antwort  gegeben:  „Wenn  unser  Herr,  der  Meister,  aufs  Rathaus 
käme,  so  wollten  wir  ihm  thun  alles,  was  wir  ihm  pfiichtig  wären 
zu  thun."  —  Vergebens  suchten  die  Abgesandten  des  0.  Ms.,  der 
Landmarschall  Cord  von  Esselrode  und  der  Komtur  Wilh.  von  Boynk- 
husen  die  kleine  Gilde  zu  überreden,  mit  dem  Vorgeben,  sie  „wären 
mächtig,  hier  oder  an  einer  andern  heimlichen  Stätte"  den  Eid  ent- 
gegenzunehmen; diese  blieb  bei  ihrer  Erklärung.  —  Trotzdem  ging 
nachher  das  Gerücht,  die  Glieder  der  kleinen  Gilde  hätten  dem 
Meister  gehuldigt  und  „gemeiniglich  wurde  verlangt,  dass  die  Ver- 
räter gefangen  genommen,  ihrer  5  oder  6  in  den  Turm  geworfen 
und  ihnen  die  Köpfe  abgehauen  werden  sollten;  es  sollte  dann  wohl 
anders  werden".  Bernd  v.  d.  Borch  hatte,  die  Gegensätze  in  der 
Stadt  ausnutzend,  der  kleinen  Gilde  Aussichten  auf  Teilnahme  an 
den  Ratsversammlungen  gemacht  und  daher  erklärt  es  sich,  dass  die 
zwei  Glieder  des  Rats,  die  Sonnabend  nach  Ostern  am  Feste  des 
Vogelschiessens  der  kleinen  Gilde  teilnahmen,  sehr  „quat"  waren 
und  sprachen,  diese  hätte  „sehr  übel  gethan  bei  der  Stadt".  Obgleich 
die  kleine  Gilde  sich  damit  verteidigte,  dass  sie  nicht  anders,  denn 
als  fromme  Leute  getan,  und  nie  anders  zu  tun  gedächten,  erschien 
doch  kein  Glied  des  Rats  den  Sonntag  darnach,  da  der  Schützen- 
könig seinen  Schinken  gab,  trotzdem  der  Rat  nach  alter  Gewohnheit 
eingeladen  war.  Bernd  v.  d.  Borch  aber,  der  die  St.  Katharinen- 
kirche  besah,  wurde  von  zwei  der  Brüder  aus  der  Gildstube  mit 
Ehrwürdigkeit  und  Gruss  aufgefordert,  ob  er  mit  ihnen  in  die  Gild- 
stube gehen  und  des  Schützenkönigs  und  der  gemeinen  Brüder 
Bier  schmecken  wolle.  Der  Meister  leistete  der  Einladung  Folge  und 
es  wurde  nach  den  Älterleuten  und  nach  dem  Rate  gesandt,  von  dem 
jetzt  auch  etliche  kamen  und  „machten  sich  lustig  mit  dem  Meister 
und  denen,  die  mit  ihm  waren".  Der  Meister  sandte  15  Stof  rheinischen 
Weins  nach  und  Hess  die  Älterleute  bitten,  dass  sie  „die  cleyne 
Gifte  nicht  sollten  vei'schmähen  und  schenken  das  den  Frauen",  und 
ebenso  Hess  er  „noch  von  seiner  eigenen  Kost"  holen  und  blieb,  bis 
dass  die  Glocke  neun  Schall  schlug.  Da  geleitete  ihn  der  Rat  und 
die  Älterleute  sämtlich  bis  in  die  Vor  bürg  und  das  „dankte  er  uns 
und  unsern  gemeinen  Brüdern,  dass  wir  ihm  gütlich  getan  hätten 
und  sprach,  er  wollte  das  verschulden,  als  ihn  Gott  leben  Hesse". 
Am  anderen  Tage  sandte  er  der  kleinen  Gilde  vier  Tonnen  Bier  mit 
der  Bitte,  es  nicht  zu  verschmähen,  sondern  um  seinetwillen  zu  trinken. 
Auf  diese  Weise  hatte  Bernd  v.  d.  Borch  sich  jedenfalls  Boden 
bei  den  Gliedern  der  kleinen  Gilde  geschaffen  und,  als  er  der  Stadt 
den  Mengedeschen  Gnadenbrief  bestätigte,  da  zögerte  auch  der  Rat 
nicht,    dem  0.  M.   die  Huldigung   zu   leisten.     Johann  Soltrump,   der 


*)  [d.  h.  Ordensmeister.] 


46 

Bürgermeister  Rigas,  scheint  die  treibende  Kraft  gewesen  zu  sein, 
und  gegen  ihn  richtet  sich  besonders  der  Ilass  Silvester  Stodcwäscher's, 
der  den  Tod  Soltrump's  (1477)  noch  überdauerte.  Denn  als  trotz 
des  vom  Erzbischof  verhängten  Bannes,  der  jeglichen  Gottesdienst 
untersagte,  der  Bürgermeister  Soltrump  in  der  St.  Petrikirche  feierlich 
bestattet  wurde,  forderte  Silvester  bei  10  000  Mark  Strafe  von  der 
Stadt,  dass  der  Leichnam  aus  der  geweihten  Erde  herausgenommen 
werde;  und  bei  Strafe  von  1000  Mark  sollten  alle,  die  den  Ver- 
storbenen zu  Grabe  getragen,  beläutet  und  besungen  hatten,  sich  in 
Kokenhusen  vor  den  Erzbischof  binnen  6  Tagen  verantworten.  Dazu 
kam  es  jedoch  nicht,  da  der  Rat  sich  seinem  Verlangen  wider- 
setzte und  gegen  ihn  in  Rom  Beschwerde  erhob.  — 

Einer    weiteren    Erklärung     bedarf    es    zum    Verständnis     des 
Pasquills  nicht.  — 

Wil  gie  boren  ein  nie  gedichte? 

Darvon  wil  ich  jw  singen, 

Wo  idt  de  Rigeschen  hebben  uthgerichtet. 

Ich  fruchte,  idt  wil  ehn  misgelingen. 
5     Erben  rechten  hern^)  hebben  se  vorkam. 

Des  mögen  se  sich  wol  frowen! 

Darmede  hebben  se  orhe  lof  vorlorn; 

Idt  wert  onhen  noch  wol  rowen. 

Weren  se  vrodemans  gewesen, 
10     Se  hedden  sich  bet  besunnen 

Und  hedden  dat  ersten  bet  bedacht, 

Wat  darvon  muchte  kamen. 

Do  men  schref  twe  und  seventich  jar  up  sanct  Anno  72 

Dionisius  dach, 

Grot  wunder  mochte  man  boren; 
15     Up  dem  rathuse  dat  geschach, 

AI  wo  de  Rigeschen  schworen 

Den  werdigen  orden^)  uth  Liflande. 

Nemant  konde  onhe  des  weren; 

Se  mögen  des  nummer  sin  bekant 
20     Vor  fursten  und  ock  vor  hern. 

Soltrump  ^)  swor  den  ersten  ehedt; 

Sin  lof,  dat  wolde  sich  melden. 

Dat  kint,  dat  in  der  wegen  licht, 

Dat  mot  des  noch  entgelden. 
25     Dar  itlige  burger  stunden  und  sworen  den  ehedt; 

Onhe  was  so  rechte  bange; 

Dat  was  onhe  gantz  von  herten  let; 

Se  deden  dat  alle  von  dwange. 


1 


)  Erzbischof  Silvester  Stodewäscher. 
*)  Bernd  v.  d.  Borch. 
•)  Johann  S.,  Bürgermeister  von  Riga. 


47 


Se  worden  beide  bleok  und  rot, 
30     Dat  deden  se  von  rouwen; 

Se  dachten  ahn  de  groten  not, 

De  sich  dar  wurde  vornien. 

Dar  sworen  ock  etlige  tor  sulvigen  stunde, 

Onhe  was  so  rechte  leve  tho  mode, 
35     De  vorreders  ahn  orhes  herten  grünt, 

God  geve  onhe  dat  nummer  tho  gude. 

De  broder  uth  der  kleinen  gilde, 

Dat  weren  se,  de  ick  meine; 

Dat  se  dreven,  dat  was  gar  stille. 
40     Se  deden  des  nicht  alleine.  — 


Ebenfalls  unter  den  Napierskyschen  Abschriften  fanden  sich 
zwei  von  einer  Hand  des  15.  Jhs.  beschriebene  Blätter  in  8^*,  von 
(leren  Schrift  der  Verfasser  der  Anmerkung  unter  der  Abschrift  sagt, 
(lass  sie  ihm  aus  den  Revaler  Kämmereibüchern  bekannt  sei.  Das 
eine  Blatt  enthält  einen  Brief  in  schwedischer  Sprache,  das  andere 
Notizen,  die  vielleicht  zu  den  Kämmereirechnungen  dienten.  Hier 
finden  sich  auch  folgende  Knüttelverse,  deren  Kenntnis  ich  ebenso, 
wie  die  der  Spottverse  auf  Riga  dem  Herrn  Oberlehrer  C.  Mettig  in 
Riga  verdanke,  dem  ich  hiermit  meinen  besten  Dank  sage  für  das 
Interesse,  das  er  meiner  Arbeit  auf  dem  Gebiete  der  livländischen 
Literaturgeschichte  entgegenbringt  und  für  jede  Förderung,  die  mir 
zu  teil  geworden. 

De  de  schone  juncvrauwen  plegen  will 

Unde  suverke  perde  riden  will. 

De  behoffet  woU  sulver  unde  golt  in  der  taschen, 

Win  unde  krud  in  der  vlasschen.  — 


Die  Pasquille  auf  die  Witwe  Herssefelt  und  das  poetische  Bitt- 
l^esuch  des  alten  Landsknecht  sind  dem  Revaler  Ratsarchiv  ent- 
nommen, dem  die  Handschriften  —r  es  sind  Papierfoliobogen  — 
angehört  haben  und  daher  von  mir  übergeben  worden  sind,  nachdem 
sie  von  Hand  zu  Hand  gehend  nach  längerer  Irrfahrt  in  meine  Hände 
gelangt  waren.  — 

Die  Familie  Herssefelt,  die  wohl  aus  Hersfeld  im  Hessen- 
Nassauischen  stammt,  war  in  Altlivland  weit  verbreitet.  In  den  von 
J.  G.  L.  Napiersky  edierten  ^Erbebüchem  der  Stadt  Riga  1384 — 1579^ 
tritt  uns  bereits  1409  ein  Glied  der  Familie  entgegen,  die  unter  den 
Namensformen  Herzevelde,  Hersefeld,  Hersfeld  noch  bis  ins  16.  Jh. 
vertreten  ist^)  und  ebenso   sind  in  Reval  die  Hersefelt's   angesehene 

*)  Genannt  werden  Hans,  Wernerus  und  her  Tylmann. 


48 

Bürger  der  Stadt  gewesen,  von  denen  mehrere  städtische  Ämter 
bekleidet  haben.  So  war  ein  Paul  Hersefelt  1471  Schaffer  der 
Schwarzhäupter  ^),  und  in  seiner  Revaler  Ratslinie  führt  F.  G.  von 
Bunge  drei  Hersefelts  an,  die  Ratsherren  gewesen  sind:  Johann  H. 
1494,  1497  und  1512,  Martin  H.  1535,  1539^)  und  1540  und  Tilemann  H. 
1532.  Der  Ratsherr  Martin  Hersefelt,  der  1533  Schaffer  der  grossen 
Gilde  ^)  war,  wird  ausserdem  in  der  bei  Bunge  abgedruckten  Ver- 
ordnung der  grossen  Ämter  de  anno  1539  als  Untervogt,  Schott-Herr 
und  Fischer-Herr  angeführt,  und  seiner  geschieht  in  den  Ratsproto- 
kollen mehrfach  Erwähnung,  sowie  eines  wohl  nicht  mit  ihm  identischen 
Martin  Hersefelt,  der  1503*)  Ratsherr  war.  Ich  setze  einige  Stellen 
aus  den  Protokollen  hierher:  „Am  Tage  Catharinae  47.  In  Thomas 
Vegesacks  sachen  vptosoken  Anno  xvten  vnd  ixten  eine  vorlatinge,  so 
Gurt  Meier  oder  Merten  Hersefelde  boscheen  sin  sal;  vptosoken." 
„Anno  48  den  21ten  September.  Quemen  vor  vnse  Radt  de  vormundere 
Zeligen  hern  Merten  Hersefel :  etwa  vnsers  Rats  mede  Burgermeistern 
nhagelaten  wedewen  vnd  kindere  vnd  Jürgen  Herike,  hebben  zampt 
vnd  in  Sonderheit  gemechtiget  den  Ersamen  Jacob  Wilkens,  mede- 
burger  tho  Lübeck,  allen  vnd  itzliegen  nalat  zeligen  Hans  Hericken 
ahn  geredenn  vnd  vngeredenn  vpt  proftateligeste  vnd  furderliegeste 
ergenannten  freunden  tom  besten  her  innen  to  schicken."  „Den  18ten 
Juni  Anno  xlixt^n.  Togedenken  vnd  vptosoken,  wo  Idt  vormals  des 
Closters  haluen  durch  hern  Merten  hersefel :  vnd  zeligen  hern  Henrich 
Dellinckhusen  geworuen.  (und  weiter  unten  wird  das  Kloster  näher 
bestimmt)  extract  vth  dem  priuilegio  das  Closter  ton  sustern 
bolangende"  u.  s.  w.  Das  Revaler  Ratsarchiv  bewahrt  ferner  aus 
den  vierziger  Jahren  des  16.  Jhs.  eine  „Rekenschop  vndt  Beschedt 
von  wegen  des  gemenen  Kastens  zu  sunte  Oleff"  (B.  1.  4.)  auf,  an 
welchem  Bericht  ein  Hans  Hersefelt  beteiligt  ist.  ^)  Auch  seiner  thun 
die  Ratsprotokolle  Erwähnung.  Der  Hans  Hersefeldeschen  z.  B.  wird 
mit  neun  andern  Revaler  Bürgern  anbefohlen  „dat  se  sich  vorplichten 
einen  dudeschen  Jungen  oder  magt  dar  bie  tho  holden"  (Ratsprotokoll 
vom  30.  Mai  1554).  Überhaupt  kommen  seit  der  Mitte  der  50er 
Jahre  in  den  Protokollen  die  Namen  Hans,  Merten  und  besonders 
Tilemann  H.  vor,  die  mit  den  oben  angeführten  gleichen  Namens 
nicht  identisch  zu  sein  brauchen  und  auch  nicht  sein  können.  Die 
äusseren  Verhältnisse  der  Familie  scheinen  günstig  gewesen  zu  sein. 
Bei  der  Aufzählung  von  Claus  Schomakers  Besitz  heisst  es  „in  der 
Susternstraten  alles  twischen  Herr  Thomas  Vegesack  vnd  Hans  Herse- 
feldes  husern".     Am  21.  Juni  1549   findet   eine  Verhandlung  mit  der 


^)  E.  V.  Nottbeck:  Revals  alte  Scbaffer  Poesie  und  Reime.  Beiträge  zur 
Kunde  Ehst-,  Lif-  und  Kurlands  V.  p.  390  ff. 

*)  Vom  Stadtarchivar  0.  Greiffenhagen  aus  dem  Archiv  ergänzt.  Briefliche 
Mitteilung. 

')  cf.  Anm.  2. 

*)  cf.  Anm.  3. 

*)  1540-1544.    Briefliche  Mitteilung  des  Stadtarchivars  0.  Greiffenhagen. 


49 

Hersefeldschen  ^des  garden  haluen^  statt.  Am  7.  Febr.  1555  lässt 
Herr  Jasper  von  dem  Hersefeldeschen  Huse  500  mark  afschriuen.  ebenso 
Henrich  Empsinkhof  am  8.  März.  —  Dieser  überlässt  das  ^hus  in 
der  Karriestraten^  Tilemann  Hersefeld  und  empfängt  e  contrario  ein 
Haus  in  der  Quappenstrasse  (den  17.  Juni  1556)  u.  s.  w. 

Leider  sind  die  Ratsprotokolle  der  fünfziger  Jahre  so  schlecht 
geschrieben  und  so  lückenhaft  und  unordentlich  geführt,  dass  sie 
mehr  den  Eindruck  eines  Brouillons  machen,  das  dem  Sekretär  des 
Rats  nur  zur  weiteren  Ausführung  gedient  hat.  Daher  sind  wir  denn 
auch  in  der  sich  an  die  Hersefeldschen  Pasquille  knüpfenden  Streit- 
sache viel  auf  Vermutungen  angewiesen.  Sicher  ist  aus  den  Spott- 
gedichten, dass  die  Witwe  Hersefeld  drei  Kinder  und  zwar  zwei 
Söhne  und  eine  Tochter  gehabt  hat  (cf  I.  V.  29  und  II.  C.  V.  10). 
Diese  führte  den  Namen  Catharina,  denn  auf  die  im  Pasquill 
angegriffene  Witwe  H.  bezieht  sich  jedenfalls  das  Protokoll^)  vom 
Jahre  1547,  das  undatiert  vor  dem  14.  Oktober  steht.  „De  sache 
darhene  wielen  de  Hersefeldesche  das  gelt,  dar  de  geburenen  an- 
furderinge  vmb  gescheen.  ij  deile  darvon  entrichtet  vnd  das  dridde 
deil  dem  megedeken  Catharinen  tom  besten,  so  noch  unberaden  vor- 
handen, hir  beholden.  Mit  angehefter  bede  von  wegen  orhes  ampts 
dar  Innen  to  sehende,  dat  sodane  gelt  den  kindern  von  zeligen 
Tedinckhusen^)  herkommende  vnd  wes  dar  tor  stede.  orhen  zeligen 
vader  tobohorende.  das  se  des  selben  nha  orhen  rechten  ock  mede 
to  gete  .  .  tede  also  das  dat  selbe  in  gude  bowaringe  vnd  vp  ge- 
wisse rente  mochte  gelecht  werden."  Ob  der  Vater  Martin  oder 
Hans  Hersefeld  war,  lasse  ich  unentschieden,  glaube  aber  die  Ver- 
mutung aussprechen  zu  dürfen,  dass  die  Mutter  Anne  und  einer  der 
Söhne  Martin  hiess,  denn  Sonnabend  post  purificationis  Mariae  1556 
wird,  nachdem  ^Tylemann  Hersefeld  de  old:  getuget,  hern  Märten  vnd 
der  moder  Anneken  vergunt  to  teikende".  — 

Im  folgenden  will  ich,  soweit  die  Revaler  Ratsprotokolle  das 
Material  bieten,  den  sich  an  die  Pasquille  knüpfenden  Streit  dar- 
zustellen suchen,  der  aber  durch  die  lückenhafte  Unklarheit  der 
Protokolle  dunkel  bleibt.  —  Des  Donnerstags  vor  Estomihi  1554  oder 
wie  es  damals  hiess,  des  ^Donnerdages  Ihn  vastelauende^  trug 
es  sich  zu,  dass  ein  „schantbref  vor  der  Dusterschen  Dore  gebunden" 
war  und  von  den  Bewohnern  gefunden  wurde.  —  Dies  scheint  die 
gewöhnliche  Art  der  Verbreitung  anonymer  Spottgedichte  gewesen  zu 
sein,  denn  in  einer  andern  Klage,  die  Anno  1554  den  28.  August 
vor  dem  Rat  verhandelt  wird,  hebt  der  ;,vor  einen  uprorer  vnd  moyt- 
maker'^  der  Stadt  Reval  Gescholtene  als  fünften  Punkt  hervor,  dass 
ihm  ^ein  schandtbref  ahn  siner  dore  geslagen  in  nachtslapender  tit". 
Ebenso  finden  wir  unter  dem  6ten  Aug.  1547  im  Ratsprotokoll  die  Notiz 

*)  Die  Zitate  aus  den  Protokollen  sind  von  mir  wortgetreu  gegeben  und 
sollen  zugleich  zeigen,   wie  lückenhaft  und  abgerissen  die  Protokolle  geführt  sind. 

^)  J505  war  ein  Hans  Tidinchusen  Ratsherr.  Die  "Witwe  H.  könnte  eine 
geborene  Tedinckhusen  sein. 

Niederdeutsches  Jahrbuch  XXXI.  4- 


50 

verzeichnet:  ^^Nachdem  Lucas  Greninge,  unserm  medeburger,  eine  smehe 
schrifte  ahn  de  doeren  in  nachtslapender  tit  geslagen  (das  ursprüng- 
liche ;,gekleuet*  ist  ausgestrichen),  wor  anhe  ein  Ersam  Radt  gar  keinen 
gefallen,  vnd  wener  ein  Ersam  Radt  konte  oder  muchte  to  weten  kregen, 
wens  hant  dat  suluige  were,  alsdan  solde  einer  also  dar  ouer  gestrafet 
werden,  dat  sich  der  ander  dar  anhe  to  spegelen  solde  hebben.^  — 
„Fridags  post  oculi  Anno  1556  trat  de  angewante  frundschop  sowol 
Tylmann  hersefeldts,  als  seines  eheligen  gemhals  Catherineken^  vor 
den  Rat  wegen  des  ;,libelli  famosi*  und  es  wird  ;,vp  belangen  gedachten 
Tylmanns  to  teikende  vorgunt^,  dass  die  Dustersche  „desulue  eren- 
rurige  schrifte  von  sich  nicht  to  nicht  gebe,  noch  afhendich  mache 
bie  X  mark  ledigen  suluers".  Nachdem  Hermann  Duster,  der  Gatte, 
zweimal  „der  orsache  der  breue^  vergeblich  vorgeladen  worden  —  er 
entschuldigt  sich  mit  Krankheit  —  findet  endlich  den  13.  Mai  1556  die 
erste  Verhandlung  wegen  des  Pasquills  statt.  Hermann  Duster  sagt 
aus,  dass  er  „tho  11  in  der  nacht  to  hus  gekommen",  als  man  den 
Brief  bereits  an  der  Tür  gefunden.  Seine  Frau,  bei  der  er  Hans 
Boismann  getroffen,  hätte  ihm  gesagt,  „he  solde  dar  nicht  vmb  vor 
den  radt  gan",  obgleich  „he  ehr  sunsten  wol  geraten  hebben  wolde, 
wes  se  sich  vorholden  solde".  Auf  die  Frage,  ob  das  Spottgedicht 
iemand  vorgelesen  worden  sei,  musste  Hermann  Duster  gestehen, 
dass  seine  Frau  es  der  Pakebusch  vorgelesen,  und  „dat  se  den  schant- 
bref  mit  Hans  Boismann  wol  gelesen,  he  mit  ehr  vnd  se  mit  emhe". 
Ausserdem  hatte  seine  Frau  ihm  gesagt,  dass  Herr  Arnt  Pakebusch, 
Benedictus  Kock  oder  Thomas  Schröder  an  dem  Abend  „bie  emhe 
Im  huse  gewesen".  Auf  die  Forderung  des  Klägers  „bie  einer  pyne 
touorgesageten  bref  oder,  wo  wele  derseluen  sien,  tor  negesten  kumpst 
mit  recht  to  stellende",  wird  verfügt  „bie  XX  ^  tor  negesten  kumpst 
den  bref  intobrengen",  eine  Verfügung,  die  am  17.  Mai  erfüllt  wird,  und 
da  das  Protokoll  verzeichnet  „de  breue  ingeb.  wegen  der  Dusterschen", 
so  muss  unterdessen  auch  das  zweite  Pasquill  auf  dem  oben  angeführten 
Wege  in  die  Hände  Frau  Dusters  gelangt  sein.  —  Obgleich  sie  sich 
rühmt,  „se  wete  sich  des  tor  erhe  wol  to  uorandtworden",  muss  sie 
den  14.  Mai  „bie  hogerer  poen"  vor  den  Rat  zitiert  werden  und 
späterhin  proponiert  Arnt  Tritze,  der  de  Dustersche  excusert,  ihr 
„Vormünder  oder  biesorger"  zu  setzen,  „wielen  de  man  dar  nicht 
duchtich  to,  to  schichten",  was  aber  abgewiesen  wird:  „den  man  dar 
nicht  hüten  to  laten,  mach  nicht  wesen;  ehr  man  das  hoeuet."  — 
Erst  am  12.  Juni  findet  wieder  ein  Verhör  und  zwar  der  Zeugen 
statt,  über  das  das  Protokoll  aber  nur  sehr  dürftige  Angaben  enthält. 
Nur  die  Fragen  „wo  vnd  von  wem  he  den  bref  bekommen?"  und  „ofte 
he  den  bref  ock  Jemandts  mher,  als  den  4  gewesen,  mher  vorgelesen, 
als  den  4?"  sind  protokolliert.  —  Die  erste  Frage  ist  wohl  an 
Hermann  Duster  gerichtet,  die  zweite  an  den  von  ihm  genannten 
Hans  Boismann,  dessen  Zugeständnis  „to  boke  to  teikende  vergunt" 
wird.  Auf  H.  Boismann  fällt  so  der  Verdacht,  der  Abfassung  und 
Absendung  der  Schmähgedichte  nicht  fern  gestanden  zu  haben,  und 
dieser  Verdacht  mehrt  sich  durch  weitere  Aussagen.     „Item  wes   he 


51 

ferner  vt,  he  (Hans  Boismann)  gesecht,  dat  he  den  bref  so  verdigen 
lesen  vnd  duden  konde;  vnd  wener  he  an  der  hersefeldeschen  doer 
gehangen,  so  were  he  nicht  manck  de  lüde  gekamen.  ^  —  Es  nimmt 
aber  die  Untersuchung  einen  immer  langsameren  Gang.  —  Unter  dem 
24.  Juli  56  lesen  wir  im  Protokoll :  ;,Tyleman  vnd  Hans  Hudde  (dessen 
Anteilnahme  am  Pasquillenstreit  völlig  dunkel  ist).  De  Dustersche 
vorbaden  laten.  De  Dustersche  excuseret.  begert  vormunder  oder 
biesorger.^  ^Anno  5G  den  12.  September  heft  ein  Ersam:  Radt  der 
Dusterschen  vor  vulmechtige  nur  alleine  vnd  nicht  wider  de  tosprache, 
so  vele  de  gefundene  smehe  schrifte  anlanget,  to  boke  to  teikende 
togelaten  vnd  vorgunt:  nemblich  Tomas  Luter,  Johan  Kindlein  vnd 
Amt  Trieszen.  Alles  sunder  geferde.  Sodans  ist  vp  belangen  Arnt 
Tritzen  to  teikende  vorgunt.*'  Nun  sollte  man  annehmen,  dass  der 
Rechtsstreit  einen  schnelleren  Fortgang  genommen  hätte.  Durchaus 
nicht!  ;,Den  25.  September  56  stellt  Tylemann  H.  die  Frage:  vor 
weme  weren  se  de  schantbreue?  Se  examineren  vnd  fragen  tor 
negesten  kumpst.  Ehr  hebbe  Idt  nicht  rechte  vorstan.^  Aber  zur 
Beantwortung  kommt  es  nicht,  denn  vergeblich  folgt  eine  Zitation 
der  andern,  und  nur  immer  dringlicher  wird  die  Bitte  des  Klägers, 
die  Dustersche  vorzuladen.  ^20.  Novembris  Anno  56.  Tylman  Herse- 
felt  vnd  Hans  Hudde  noch  Amt  Tritzen  vnd  de  Dustersche  vorbaden 
laten.*'  ;,Frigedages  post  purificationis  virginis  Mariae  (Febr.  57) 
Tylmans  peticio  de  Dustersche  persönlich  vorbaden  to  laten.  erlouen 
wollen.*'  „S.  Martii  57.  Tylman  Hersefelt:  noch  der  Dusterschen 
belanget;  vmb  gods  willen  gebeden,  ensmals  hirher  vorforderen 
vnd  vulmechtige,  de  Idt  orhenthaluen  hir  vorantworden  möchten.** 
„2.  April  Anno  57.  Item  der  Dusterschen  haluen.  vorlaten.  bie 
den  Dener  anseggen  laten  bie  X  Daler  tho  compareren ;  wo  nicht, 
sin  de  negesten  schuldich,  se  vortreden,  se  scheidede  oder  nicht;  ein 
radt  wolde  ein  pant  halen  laten.  vorgunt  to  teikende.*'  „6.  April  57. 
bie  XX  Daler  anthoseggen  der  Dusterschen,  tor  negesten  kumpft, 
dat  se  kome  oder  aber  erbe  frende  schicke.*'  „11.  Juni  57.  Tilman 
de  Dustersche  begeret  bie  broke  tho  uorbaden.**  „12.  Juni  57.  Der 
Dusterschen  P.  begeren  Dilation,  ohr  procurator  si  nicht  thor  stede; 
begeren,  efte  Tylman  ock  mher  tho  ohr  tho  seggen,  efte  de  Zeddel.** 
;,17.  Juni  57.  Tileman  vergunt,  de  Dustersche  vorbaden  to  laten.** 
;,29.  Juni  57.  De  Dustersche  thor  negesten  kumpt  noch  bie  X  Daler; 
sal  thor  negesten  kumpst  arresteret  werden.**  —  Endlich,  am  6.  August 
57,  findet  wieder  eine  Verhandlung  Tylman  Hersefeldts  und  Hans 
Huddes  wider  die  Dustersche  statt  und  zwar  vor  dem  Niedergerichte ; 
sie  soll  dazu  angehalten  werden,  mit  ja  oder  nein  ihre  Aussage  zu 
befestigen;  ,.protest  vor  god,  dem  Rade  vnd  Jedermenniglich ;  ent- 
schuldiget, so  ehr  etwas  ohrer  vngelimplichen  worde  haluen  beiegende 
vnd  wider  fhare.**  Hans  Boismann  begert  Aufschub  und  nachdem 
die  ;,vpschuft  vorgunt**  finden  wir  nur  noch  unter  dem  18.  August 
57  die  Notiz  „Tylman  vor  sich  vnd  Hans  Hudde*^ ;  damit  ist  dann 
der  Hersefeldtsche  Pasquillenstreit  aus  den  Ratsprotokollen  ver- 
schwunden und  wir  haben  kaum  irgendwelche  wesentliche  Aufklärung 


52 

über  die  Tatsachen,  die  den  Spottgedichten  zu  Grunde  liegen,  erhalten. 
Diese  selbst  geben  aber  kaum  eine  genügendere  Aufklärung  und  leider 
kann  ich  sie  nicht  so  fertig  lesen  und  deuten,  wie  Hans  Boismann. 
Der  Verfasser,  der  sich  wohl  Tyleman  Hersefeldt  zum  Hohne  den 
falschen  Namen  Tyllemann  beigelegt,  muss  der  Gilde  angehört  haben, 
und  der  alte  Gegensatz  zwischen  Gilden  und  Rat  gibt  den  Gedichten 
die  Färbung,  die  sich  z.  B.  in  folgenden  Versen  spiegelt: 

Det  wert  he  alle  dage  nicht  w^einich  beklaget, 
Wol  et  eynem  't*  rade  gansz  W'Ol  bohaget, 

oder  He  hadde  geren  gedruncken  eyn  wilkomenn  van  gilde  her. 
De  ludde  seggen,  et  is  yor  ein  nicht  gesodenn  usw. 

oder  Vnd  roege  de  gilde  nicht,  dat  is  min  rath, 

Edder  dat  lest  wort  uel  erger  vnnd  kuath. 

Ausserdem  muss  aber  die  Witwe  Hersefeldt  den  Hass  der  Gilde- 
brüder durch  irgendwelche  verleumderische  Angriffe  erregt  haben, 
durch  die  augenscheinlich  eine  Revaler  Schöne  schwer  beleidigt 
worden  ist: 

Gedencke  ock  frowe  der  smeliken  nucke  vnd  stucke. 

De  du  mit  dinen  loggen  und  drogen  hesst  gesmucket, 

Do  du  wult  dinen  negesten  sin  er  bostelen  und  bereuen  .... 

Do  du  de  erlicke  yunfer  butten  de  er  wolth  forgettenn. 

und:  Se  wetten  wol,  wo  se  dat  erlicke  kint  bosedenn 

Myt  logen,  drogen  wedder  got  vnd  alle  sedde. 

Vielleicht  stehen  die  Pasquille  mit  einem  Vorgang  in  Verbindung, 
der  sich  in  dem  Ratsprotokoll  vom  13.  Mai  1556  unmittelbar  an  die 
Verhandlung  des  Hersefeldtschen  Streits  anschliesst;  es  ist  nur  zu 
bedauern,  dass  der  Sekretär  sich  nicht  veranlasst  gefühlt  hat, 
den  Namen  der  Jungfrau,  der  den  Ratsgliedern  natürlich  bekannt 
war,  zu  nennen.  Es  handelt  sich  dabei  um  folgendes.  Euert  Becker 
war  die  Gildestube  der  Kanutigilde  zu  seiner  Koste  verweigert  worden. 
Es  scheint  der  Ruf  der  Braut  kein  unangetasteter  gewesen  zu  sein, 
denn  ;,de  Junfer  war  in  den  Winachten  nicht  gebeden^  zu  den  Weih- 
nachtsdrunken .der  „sanct  Olefs  Gilde *'.  ;,So  de  darhenne  queme, 
solden  fruwen  vnd  Junfer  dar  vthstaen^'  und  ebenso  hatten  sich  die 
Brüder  der  Kanutigilde  geäussert,  „wener  de  persone  darhenne  ge- 
beden,  solden  orhe  fruwen  dar  wedder  vthgan;  derwegen  de  kanute 
gilde  ehr  de  koste  dar  geweiert.  ^  Die  Duldung  bescholtener  Personen 
war  eben  in  der  Gilde  verpönt.  —  Den  13.  Mai  56  traten  nun  ^Euert 
Becker  vnd  de  oldesten  vth  den  beden  gilden"  vor  und  der  Rat,  der 
es  vor  gut  ansah,  ihm  die  Gildestube  zu  vergönnen,  ordnete  an, 
dass  ^Junk  vnd  old  in  beden  gilden  gefraget  werde,  ofte  se  ock 
etwas  anders  von  der  personen  wüsten,  anders  als  tor  erhe^.  Das 
sollten  sie  zum  nächsten  Termin  vorbringen.  Den  19.  Mai  erfolgte 
die  Antwort.  Beide  Gilden  sagen  durch  ihre  Vertreter  aus:  ;,se 
wüsten  anders  nicht  von  ehr,  als  tor  erhen.^  Zugleich  scheint  es 
auch   zu   einer   ;,mishelicheit"    zwischen    den   beiden   kleinen    Gilden 


53 

gekommen  zu  sein.  Der  Oldermann  und  die  Oldesten  der  Sanct  Olafs- 
Gilde  hatten  gemeint  ^dat  brutber  sei  in  der  kannten  gilde  to 
bruwen*,  worüber  sich  diese  entrüstet,  denn  was  die  St.  Olaigilde 
abgelehnt,  dazu  wäre  sie  gut  genug.  —  Hatte  doch  ausserdem  des 
Bräutigams  eigner  Mund  die  Gilden  „geschendet^,  d.  h.  wohl  schlecht 
über  sie  gesprochen,  wogegen  sich  Euert  Becker  damit  verteidigt, 
dass  er  es  getan,  weil  er  gemerkt  habe,  „dat  se  enhe  den  gildestauen 
nicht  gunnen^.  Um  die  Sache  zu  schlichten,  werden  drei  Ratsglieder 
abgesandt:  „her  herman,  her  Juen  kap:,  koninge.*'  Ich  war  nun  zuerst 
geneigt  in  Euert  Becker  den  „erlossen  liouen^  (I.  V.  8)  zu  sehen, 
der  gerne  „eyn  wilkomenn  van  gilde  ber^  getrunken  hätte,  und  in 
seiner  übel  berüchtigten  Braut  die  Catharina  Hersefeldt,  Erbittert 
über  die  Zurückweisung  ihrer  Tochter  hätte  die  Witwe  Hersefeldt 
dann  schlecht  von  den  Gilden  und  anderer  Bürger  Töchtern  geredet 
und  dadurch  das  poetische  Strafgericht  über  sich  heraufbeschworen; 
so  würde  sich  alles  aufs  beste  fügen.  Leider  ist  aber  die  Deutung 
nicht  möglich,  denn  Evert  Becker  ist  Bräutigam  und  die  Verse  ^ydt 
is  gesehen  woll  Xiij  wecken  uor  der  tydth^  und  „vormer  din  gesiechte 
vordan  mit  sodan  27  weckensz  kinth^  können  nicht  auf  eine  Braut, 
sondern  allein  auf  eine  verheiratete  Frau  bezogen  werden,  da  doch 
nur  die  Hochzeit  der  Zeitpunkt  ist,  von  dem  eine  zu  frühe  Geburt 
gerechnet  werden  kann.  —  So  muss  schon  „Catharineken^,  die 
Gemahlin  Tyleman  Hersefeldts,  für  uns  die  beschmähte  Tochter  der 
Witwe  Hersefeldt  bleiben,  und  ihre  Hochzeit  können  wir  in  den  Juni 
1555  verlegen,  da  sich  die  Worte:  ;,got  heft  en  gegeuen,  yck  men, 
en  stolt  ni  yar*',  doch  wohl  auf  die  Geburt  des  „27  weckensz  kinth" 
beziehen.  Über  die  näheren  Beziehungen  der  Pasquille  bleiben  wir 
aber  in  Dunkel.  Möglich  ist  es  ja  auch,  dass  die  Kränkung,  die  der 
Braut  Euert  Beckers  widerfahren,  auf  Verleumdungen  der  Witwe 
Hersefeldt  zurückzuführen  ist;  dann  wäre  jene  „de  erlicke  yunfer*^. 
Irgend  einen  Zusammenhang  zwischen  der  Beckerschen  und  der  Herse- 
feldtschen  Sache  glaube  ich  annehmen  zu  müssen,  da  die  Verhand- 
lungen derselben  in  einem  fortlaufenden  zusammenhängenden  Protokoll 
gebracht  worden  und  nicht,  wie  sonst,  durch  einen  Strich  getrennt  sind. 
Es  ist  mir  ein  Bedürfnis,  auch  an  dieser  Stelle  dem  Herrn 
Stadtarchivar  0.  Greiifenhagen  in  Reval  für  die  grosse  Liebens- 
würdigkeit, mit  der  er  mir  die  Benutzung  des  Archivs  ermöglicht,  und 
für  vielfache  Auskunft  meinen  besten  Dank  zu  sagen. 

I. 

leue  frundinne,  ^)  lattet  iw  nicht  vorwunderenn, 
dat  dusse  breff  an  yw  doer  is  gebundenn; 
dut  is  iw  ock  gesehen  to  gefallenn. 
ick  wet,  gi  ock  sin  belogen  van  en  by  allenn. 
5     do  de  hör  er  logen  smuckede  mit  godes  lidenn. 


*)  Das  auf  leue  folgende  Wort  ist  ausgeschnitten  und  frundinne  über  die 
leere  Stelle  geschrieben.    Ursprünglich  stand  wohl  der  Name  „Dustersche". 


54 

dar  heft  er  got  wedder  for  lattenn  glydenn 

also,  dat  se  ys  gewordenn  einn  stinckende  hör, 

do  er  de  erlosse  boue  in  dem  winckel  schor. 

dut  is  vor  de  besendinge,  de  iw  geschag. 
10    wo  smecket  der  fruntschop  wedder  ymme  das? 

dot  wol  vnd  lattet  dut  einem  idderen  senn, 

wo  der  hören  is  geschenn, 

ick  menne  de  formunders  vnde  de  pleppener, 

de  einem  idderen  wolden  bringen  vmm  sin  er. 
15     dut  mach  so  wat  hen  swewenn, 

se  werdenth  eren  part  ock  an  den  eren  boleuen. 

dut  wil  ick  so  latten  bliuenn. 

lat  sen,  wat  de  schele  papenkint  kan  bodriuenn? 

de  duuel  hadde  em  de  ogen  vorblendet, 
20     do  de  hör  worth  geschouenn  vnde  geschendet. 

got  heft  en  gegeuen,  yck  men,  en  stolt  ni  yar. 

de  frunde  mögen  sick  frowen  alle  gar! 

ia,  wer  dat  van  dem  glupschen  bouen  nicht  geschenn, 

my  wer  lede,  he  most  dorch  de  gadderen  senn. 
25     godt  heft  en  wol  to  hope  gefogeth, 

so  dat  dem  fruntschop  an  hören  vnd  bouen  noget. 

se  wetten  wol,  wo  se  dat  erlicke  kind  bosedenn 

myt  logen  drogen,  wedder  got  vnd  alle  sedde. 

yck  men,  got  heft  der  herssefeltschen  dre  kinder  gegeuen. 
30     got  lat  kenn  erlik  man  den  dach  boleuenn. 

dut  ys  vor  ogen,  se  sin  alle  gewisse. 

dar  behodde  vns  foer  de  her  iesu  christ.    amen. 
Aldus  bin  ick  mit  der  warheit  berich[t] 
sust  hadde  ick  dat  better  gedieht.  — 

IL 

A.     dem  ersamenn 

Lesser  kome  dussen 
breff  flfe  ge.^) 

B.     ^^4^    1.     Ach  leibe  nabersch,  ych  wil  eur  sagen, 

de  hör  ist  achter  ynn  gegnagenn 

2.  myt  einer  stufenn  taffenn 
szwisschenn  szwe  rufe  lappenn. 

3.  yo  de  tappe  stiuer  steit, 

yo  der  horenn  sagter  deith. 

4.  ych  wyll  enn  nich  nennen, 

yr  worth  en  alle  so  wall  (?)  kennenn. 
No.  1.     dusse  sertte  ys  vor  handenn, 
Nö.  2.     dar  vm  dat  yth  mot  wanderenn 
Nö.  3.     van  dem  enenn  tho  dem  anderenn.^) 


^)  Adresse  auf  dem  zu  einem  Briefumschlag  gefaltenen  Bogen. 
^)  Die  drei  letzten  Zeilen  sind  in  der  Mitte  des  Briefumschlags  übers  Kreuz 
geschrieben  und  an  den  vier  Seiten  steht  je  eines  der  vorhergehenden  Reimpaare. 


55 

C.    Bedencke  frowe  aim  dat  suchtenn  vnd  kermen, 

welckz  dagelickz  ge8[ch]ut  van  den  elendygen  armenn 

um  eynenn  nygen  funt,  welckz  dyn  sellyge  man  her  for  bracht, 

dat  nycht  drade  wert  woryen  ouer  stach. 
5     Des  wert  he  alle  dage  nicht  weinich  boklaget, 

wol  et  eynem  't*  rade  gansz  wol  bohaget. 

Gedencke  ock  frowe  der  smeliken  nucke  und  stucke, 

de  du  mit  dinen  loggen  und  drogen  hesst  gesmucket, 

do  du  wult  dinen  negesten  sin  er  bostelen  und  bereuen. 
10     und  best  nu  uor  dut  und  dat  einen  def,  ock  j  hör  und  j  bouen 

yn  dinem  husse.     Dat  is  war  und  anders  nycht, 

des  heft  ein  yder  ein  waraftich  borich[t]. 

Noch  letz  du  di  hir  nicht  an  genogenn, 

de  wyl  du  bist  geschennet  mit  boren  und  bouenn, 
15     de  du  alle  dage  bi  diner  taffeien  best  sittenn. 

Dut  wort  einem  ideren  alle  dage  witlick 

beide  butten  und  binnen  landes,   ock  to  Dorpt  und  to  Rige. 

0,  wogeren  haddes  stu  dar  welcke  by, 

de  di  den  rei  holpen  uormeren  und  bi  di  stundenn! 
20     Socke  nich  wit,  blif  in  din  strate  bi  din  egen  frundenn! 

Ick  men  der  boren  formunderschen  yn  bosundereiln, 

de  de  hoer  plegen  van  den  auen  bet  an  den  morgen  to  wachtenn 

vnde  dussen  horenyeger  so  geringe  achttenn. 

Ick  men,  em  wedder  uor  nu  kortz  en  smalle  er. 
25     He  hadde  geren  gedruncken  eyn  wilkomenn  van  gilde  ber; 

de  lüde  seggen,  et  is  vor  ein  nicht  gesodenn, 

dar  vmme  krycht  he  nicht  vann  der  bradenn. 

Nu  du  sust,  dat  et  dij  nicht  wil  gelingenn, 

denck  nu,  wo  sagt  idt  deyt,  enem  van  sin  er  to  bringenn? 
30    Kunstu  nu  welck  to  dy  schrapenn  und  rapenn, 

du  schult  dar  nycht  vm  slapenn; 

dar  umme  geit  idt  di,  alsz  einn  beschettenn  koe, 

de  einenn  iderenn  gerenn  hadde  dar  tho. 

Ick  rade  di,  lat  af  vnd  lat  di  genogenn, 
35    du  best  genoch  ann  de  hoer  vnd  an  de  bouenn, 

vnd  roege  de  gilde  nicht,  dat  is  min  rath, 

edder  dat  lest  wort  uel  erger  vnnd  kuath. 

Dut  schriue  ick  di  to  einer  voreringe;  nu  idth  ys  geschenn, 

vp  dat  du  vnd  de  dinen  dut  mögen  senn, 
40    dat  wi  ydt  better  wettenn, 

do  du  de  erlicke  yunfer  butten  de  er  wolth  forgetten. 

Wes  ock  boricht,  dat  yck  dut  hebbe  geschreuen,  dar  ick  sath. 

Mi  ducht,  dat  horkint  ys  gemacket  in  der  stath. 

Ytd  is  gesehen  woU  xiij  wecken  uor  der  tydth; 
45    dar  vm  wort  se  idt  bittidenn  kuith. 

We  duth  gogelwerck  heft  gedaenn, 

dat  wyl  ick  vp  dut  pas  lattenn  stann. 

Ick  hoer,  se  plach  geren  vp  der  luten  to  spellenn; 


56 

vnder  der  tidth  heft  men  er  nam  gatte  getelleth, 
50     bet  so  lange,  dat  de  klanck  is  gekomen  ouer  alle, 

welckz  nicht  wit  ys  gesehen  vann  dem  stall. 

Woltu  di  nicht  latten  genogenn,  um  kunschop  to  wettenn, 

se  sin  dar,  de  di  nicht  werden  vorgettenn* 

Mi  dacht,  ick  hebbe  eynenn  hoerenn  snuuenn; 
55     holt  Stil  mit  der  sacke,  edder  idt  werth  di  geruuenn. 

Wo  ick  denn  horenn  drucker  betenggc  to  nennen, 

so  werth  em  einn  ider  woU  kennen. 

Duth  nim  to  herttenn  ofte  to  gemotte, 

etth  si  sur,  bitter  edder  soette, 
60     vnd  lat  et  dy  wolgefallenn,  als  ick  ock  van  di  se, 

vnd  lat  di  nicht  sinnen,  et  do  di  we. 

Besunder  holt  di  krum  mit  dinem  hupenn 

vnd  lat  se  sick  wedder  betidenn  bokruppenn 

vnd  vormer  din  gesiechte  vordan  mit  sodan  27  weckenszkinth, 
65     so  werden  se  alle  noch  einsz  so  geswind. 

Hir  wil  ick  dut  bi  latten  bliffenn 

vnnd  wil  di  dusse  hören  vnd  bouenn  to  schinenn, 

so  he  dat  noch  ens  also  kann  doenn, 

so  sal  he  sin  geeret  vnd  hebben  lof  vnd  ken  hoenn. 
70     Hir  hestu  dy  na  to  richtenn, 

dar  kanstu  einem  iderenn  mede  boswichtenu, 

duth  horkint  is  vorhandenn, 

duth  wert  ock  kenn  erliker  wor  anderenn. 
(Bild  eines  Priapus.)  Aldus  gemercketh  Tyllemann. 

Lat  di  üich  ruwenn,  de  hör  let  sick  geren  schuwen 


Das  dem  Revaler  Rat  überreichte  poetische  Bittgesuch  eines 
alten  Landsknechts  gehört  derselben  Zeit,  wie  die  Hersefeldtschen 
Pasquille  an,  denn  nicht  nur  die  Handschrift,  sondern  auch  der  einzige 
einen  Anhaltspunkt  gebende  Vers  (13):  ^Wo  her  Juen  datt  weth^ 
weist  auf  die  Mitte  des  16.  Jahrhunderts  hin;  es  ist  wahrscheinlich 
der  in  der  Zeit  oft  als  Ratsglied  genannte  Herr  Juen  Kappenberch 
gemeint.  In  den  Ratsprotokollen  habe  ich,  so  weit  ich  sie  durch- 
gesehen, nichts  auf  das  Bittgesuch  Bezügliche  gefunden  und  kann 
so  nicht  angeben,  ob  die  Bitte  um  eine  Reiterzehrung  erhört  worden 
ist.  Das  Gedicht  macht  nicht  den  Eindruck,  als  ob  es  von  einem 
Landsknecht  verfasst  worden  ist;  jedenfalls  ist  er  nicht  einer  von 
denen,  die  mit  wildem  Humor  singen  konnten:  ,,Und  wirt  mir  dann 
geschossen  ein  flügel  von  meinem  leib  u.  s.  w.^  Ob  es  nicht  für  den 
Landsknecht  von  einem  Schreiber  verfasst  ist? 

Erbare  w^)  gunstighe  leuenn  herenn, 

Latet  mj  gneten  oldes  denstes  myner  bede! 

Iw  loff  will  ick  wider  vorbreden 

By  forsten,  heren,  grauen,  Ritteren  vnd  stedenn. 

*)  wohlweise  (?). 


57 

5    In  Dudeslant  ist  myn  synn 

Mit  gades  gnade,  wo  he  will. 

Wolde  nu  noch  godt  schicken  vnd  foghenn, 

Datt  ick  tho  Reuall  myn  leuent  mochte  ouen 

Und  dragen  ghedult  mit  lyden. 
10     0  godt,  voghe  dat  nu  by  tydenn! 

Schall  ick  noch  auer  de  zee, 

Datt  wyll  my  don  we, 

Wo  her  Juen  datt  weth. 

Ock  ist  myn  budell  licht, 
15     Ist  mj  ein  hoghe  pine,  datt  is  wis. 

Ein  Ruterteringhe  sy  ick  bogheren. 

Godt  loflf!     Iw  Erbar  w  kan  er  woll  enberen, 

Unnd  latenn  mj  nu  gneten, 

Datt  ick  mj  etlicke  Jar  nicht  leth  verdreten. 
20     Nu  geit  mj  datt  older  ahn, 

Datt  ick  nicht  alles  don  kann, 

Wo  nu  ein  Junck  man, 

de  In  de  Joget  ist  wis. 

Im  older  wert  he  ock  gris, 
25     Dar  tho  dan  schaden  gheledenn. 

Vorbrent  em  dat  hus,  szo  weth  he  de  stede, 

Moth  dan  soken  syn  broth  auer  sze  vnd  zlant,^) 

Szo  wert  em  vngheluck  erst  bokant. 

Hefftt  he  dan  nicht  vorworuen, 
30    Werlick  ist  mit  mj  vordoruen, 

We  Deus^)  mins  ghedutes  nicht  will  louen, 

Do  wo  ick  late  sich  nicht  lenger  touen. 

De  winter  kumpt  hir  bolde  ahn, 

Wo  sta  ick  dan,  ick  olde  man? 
35    Idermans  doer  wert  tho  geslaten, 

Szo  mot  ick  gan  vpp  der  Straten. 

Thom  lösten  vinde  ick  wert  off  werdinnen. 

Watt  schall  ick  dan  beginnen? 

Ist  dann  In  minem  seckelin  nicht, 
40     Szo  kent  mj  de  wert  off  werdin  nicht. 

Duth  sy  Iw  gheschencket  Erbar  w  herenn. 

Nu  wilt  myner  nicht  enberen 

Und  will  erlick  denen  tho  Iwen  eerenn. 

Des  helppe  mj  Jesus  Christ, 
45    De  twischen  Iwer  Erbar  w  vnd  mj  midtler  ist. 

De  schicke  vnnd  voghe  nha  synem  gottlicken  willen, 

Dat  alle  hadt  vnd  nidt  werde  ghestillet. 

ERRAS  (Estland).  Th.  von  Riekhoff. 


*)  Lies  szant  —  ^)  Lies  We  de  nu  (?) 


58 


Sprieh^vörter  und  Redensarten 

aus  Stapelholnn. 

(Vgl.  Bd.  30,  S.  78.) 


He  het  en  Fick^)  vun'e  Düwel.     Ist  verschwenderisch,     (Drage,) 

He  sitt  op't  Pierd,  as  de  Esel  op'n  Plumbom.  (Kleinsen. 
Schütze  I,  303.) 

He  het  sik  vernickelt,^)  as  Jakob  Borgers  sin  Kind,  dat  wul  in 
3  Dag  ni  pissen.     (Erfde,)     Jakob  Bärgers  wohnte  bei  Hohn, 

He  dreit  sik  as'n  Lus  op'n  Studentenbüdel.  (Drage,  In  Eider- 
stedt:  He  dreit  sik  as'n  Lus  op'n  Büdel.) 

He  het  een  in't  Holt  lopen.  Ist  im  Oberstübchen  nicht  ganz 
richtig,     (Drage,     Dithm,:  He  het  een  to  Holt  jag.) 

Heft  Mügg'n  ok  Rüggen?  Wenn  Kinder  über  Rückenschmerzen^ 
die  vom  Bücken  herrühren,  klagen,     (Kleinsen,     Schröder,  Nr.  748.) 

Hell  ut  de  Tut !     (Süderstapel,     Dithmarschen :  Hell  ut  de  Kapp ! 

Hochmot  weent,  Demot  lacht.     (Drage,) 

Holt  stopp!  Siewert,  ni  in'e  Wustketel.  Soll  herstammen  vom 
Wursfsammeln  am  Fastnachtsmontag,  wo  einer  namens  Siewert  bald  in 
den  Wurstkessel  gefallen  wäre, 

„Ik  will  mal  rein  Kram  maken,*'  sä  de  ol  Peter  Messer  (har 
de  ol  Peter  Messer  seggt),  un  stek  sik  en  Finger  in'n  Ars.     (Drage,) 

„Ik  riskir  de  Bass!"  sagg  Repen.  (Erfde,)  Repen  war  Uhr- 
macher in  Tielen  bei  Erfde, 

Jede  hunnert  Mark  het  sin  Verstand.  (Drage,  Vgl,  Ark  hunnert 
Mark  het  sin  Verstand.     Nissen,  Friesische  Findlinge  I,  132.) 

Jed'r  Minsch  het  sin  Last  un  Plag,  un  het  he  d'  ni  an'e  Föt, 
so  het  he  d'  an'e  Klöt.     (Drage.) 

;,Lat't  rieten!"  seggt  Repen.  (Erfde.  Vgl.  Schütze  III,  294: 
rieten  laten.) 

„Lat  di  langsam,"  [seggt  Peter  Jebens.  (Erfde.)  Peter  Jebens 
wohnte  in  Erfde. 

Lat't  weihn,  lat't  rieten, 

de  dr'  keen  Land  het,  brukt  ok  ni  to  dicken.     (Drage.) 

;,Mein  un  Klein  is  man  blots  en  beten  Bücken  un  Rücken,"  sä 
de  gude  Diern  (Fru);  ;,awer  Eten  kaken  un  Bett  opmaken,  dat  kost 
Knaken."     (Drage,     Auch  in  Dithmarschen  bekannt,) 

Menschenkinner  hebt  Menschendinger,  un  dar  mut  mit  speit 
warn.     (Meggerdorf) 

„Mit  den  möt  wi  ok  bald  öwern  Snapp!"  hdsst  es  in  Seth  von 
einem,  der  bald  sterben  miiss,     Snapp  =  Spitze,  Ecke,  Winkel.     Die 


^)  Tasche,  Geldtasche.     *)  Vernickt,  ist  aufsetzig  geworden. 


59 

Sether  Heide  bildet  zmschen  der  Landstrasse  nach  Norderstapel  und 
dem  Kirchweg  nach  Süd  er  Stapel  bei  Seth  einen  „Snapp^.  S.  Nd,  Jahrb. 
XXVII,  60. 

Nu  ward't  Dag  rund  um  Schosteen.  Wenn  einem  ein  Licht  auf- 
geht. (Süderstapel.)  In  Dithmarschen  heisst  es:  ;,Nu  ward't  Dag 
op'n  Don.*' 

^Nu  kamt  s'  ut  de  School!^  Vmi  einer  Schar  Vögel.  (Süder- 
stapel.    Vgl.  Engl,  to  shol,  Schwann,  Menge. 

0,  du  Arwer  Dammer!  Dei*  Erfder  Damm  ist  ein  sehr  langer 
Damm  von  Norderstapel  "nach  Erfde.  Wer  diesen  Weg  gehen  muss, 
wird  bedauert.  Oder  stammt  die  Bedensari  aus  der  Zeit,  wo  die  Häuser 
am  Erfder  Langendamm  Gefahr  hatten,  überschwemmt  zu  werden? 
(Süderstapel.) 

„Rein  Fatt!^  sä  Kroger,  do  fret  he  dat  Schüttel  mit  op. 

Rieke  Mann  in't  Brot!     Schimmel  im  Brot.     (Drage.) 

Se  het  dat  so  hild  as  Peter  Biel,  de  lep  un  sehet.     (Süderstapel.) 

Se  het  sik  mit  'n  Tambour  slan  un  het  em  de  Trummel  afnahm. 
Sie  ist  schwanger.     (Drage.     Vgl.  Schröder  Nr.  127.) 

Set  sik  op  as  Tesack  sin  Kater,  de  wul  ni  pissen.     (Erfde.) 

So  wellerli  as  N.  N.  sin  Kater,  de  wul  op  'n  Wiehnachten 
keen  Rom  slappen.    Oder:  —  de  schul!  söten  Rom  slappen  un  wul  ni. 

So  wellerli  as  Kopper  sin  Bock.     Kopper  wohnt  in  Süderstapel. 

So  eni  as  en  Pütt  vull  Müs.     (Süderstapel.) 

In  Dithmarschen:  So  egen  as  Jan  Held,  de  schuU  an  Galgen 
un  wull  ni. 

So  vull  as  Hopp  (=  Hopfen).     Ganz  voll.     (Süderstapel.) 

„So  old,  as  de  Weg  na  de  Wohld",  heisst  es  von  eitlem  Alten. 
(Bergenhusen  und  Süderstapel.) 

In  Dithm.  heisst  es  vmi  einem  Alten:  „De  is  al  mit  Steenbock 
vor  Tonn  (Tönning)  wen.  So  old  as  de  Bremer  Wohld.  (Schütze 
IV,  373.) 

Teen  recken  un  Sliepsteen  trecken,  dar  is  de  Düwel  öwer  vun  't 
Smäd'n  gähn.  (Erfde.)  „Teen  recken"  und  Schleifstein  drehen  sind 
die  schwersten  Arbeiten  für  einen  Schmied.  Beim,  „Teen  recken"  wurde 
frfi/ier  in  eine  alte  abgesetzte,  stiellose  Schaufel  oder  in  einen  ebensolchen 
Spaten  allerlei  altes  Eisen  hineingepackt,  dann  im  Feuer  weissglühend 
gemacht  und  zn  langen  dünnen  Stangen  ausgearbeitet.  Von  diesen  Stangen, 
„Teen,  Nagelteen,"  von  „teen"  =  ausrecken,  ausziehen,  wurden  Nägel 
gemacht. 

Twee  harte  Steen  malt  selten  kleen.  (Drage.  Vgl.  Schütze 
IV,  191.     Schröder  Nr.  911.) 

Vun  'e  Disch  na  de  Wisch.  Vom  Essen  aufstehen  und  nach  dem 
Abort  gehen.     (Süderstapel.     Vgl.  Schütze  I,  223;  IV,  366.) 

„Ward  en  gut  Botterjahr",  heisst  es,  wenn  der  Hintere  (de 
Arskarf)  juckt.     (Bergenhusen.     Vgl.  Schröder  Nr.  286.) 

Wat  man  bespart  mit  de  Mund,  dat  is  för  Katt  un  Hund. 
(Drage.    Vgl.  Sparmund  fritt  Katt  un  Hund.     Schütze  IV,  161.    t'  geen 


60 

men  spaert  vor  den  Mond,  eet  de  Katt  of  Hond.  Schütze^  ehd,  Wat 
man  bespart  mit  de  Mund,  dat  frett  Katt  un  Hund.  Pommersche 
Blätter  für  Volkskunde  X,  3J 

Wat  mehr  weert  is   as  'n  Lus,   dat  mut  mit  to  Hus.     (Drage.) 

Wenn  de  Kinner  to  Mart  kamt,  kriecht  de  Kramers  dat  Geld. 
(Vgl.  Schröder  Nr.  1047.) 

Wenn  de  Swien  to  Kark  goht,  möt  se  ers  Drank  hinbring'n, 
heisst  es  von  einem,  der  zum  ersten  Male  zur  Kirche  geht.    (Süderstapel.) 

Wer  sin  egen  Näs  afsnitt,  schänd't  sin  egen  Gesicht.  Verwandte 
darf  man  nicht  beschimpfen,  man  trifft  sich  selber  mit.  (Drage.  Vgl, 
Schütze  III,  141.) 

Wer  op  'n  helen  Mars  ni  sitten  kann,  de  mut  op  'n  twein 
towegs.     (Drage.) 

Wer  zum  ersten  Male  nach  Süderstapel  oder  Friedrichstadt  zu 
Markt  will,  von  dem  sagt  man,  er  müsse  erst  einem  alten  Weibe,  das 
beim  Eingange  in^s  Dorf  (der  Stadt)  bereit  stände,  den  Hinteren  lecken. 
(Bergenhusen  in  Stapelholm.) 

DAHRENWURTH  bei  Lunden.        Heinrich  Carstens. 


Zu  Fritz  Reuters  Stromtid. 


1.)  Die  bekannte,  auch  von  Conrad  Beckmann  illustrierte  Scene 
des  Kapitel  13  (Ausgabe  Seelmann  Bd.  2,  S.  232  f.),  wo  Jung  Jochen 
ruhig  zusieht,  wie  Bauschan  die  Wurst  frisst,  und  sich,  ohne  selbst 
zuzugreifen,  damit  begnügt,  seine  Frau  zu  Hilfe  zu  rufen,  ist  höchst 
wahrscheinlich  angeregt  durch  eine  ähnliche  Scenö  in  Karl  Immer- 
manns „Oberhof"  II.  Buch,  2.  Kapitel: 

;,  Jetzt  war  er  (der  Hofschulze)  schon  von  seinem  beaufsichtigendem 
Gange  in  die  Nähe  des  Herdes  zurückgelangt.  Ein  Topf,  welchen 
die  Mägde  zu  tief  in  die  Gluten  geschoben,  war  im  Überkochen 
begriffen  und  drohte  seinen  Inhalt  zu  verschütten.  Schon  war  ein 
Teil  des  letzteren  in  das  Feuer  gewallt,  welches  sich  zischend  gegen 
diesen  Feind  wehrte.  —  Der  Hofschulze  hätte  nun  allerdings  dem 
Fortschritte  des  Unheils  durch  Abrücken  mit  eigener  Hand  Einhalt 
tun  können,  aber  er  war  weit  entfernt,  so  die  Haltung  des  Braut- 
vaters, welche  ihm  verbot,  irgend  etwas  an  diesem  Tage  selbst 
anzufassen,  zu  verlieren.  Vielmehr  stand  er  ruhig  neben  dem  über- 
kochenden Topfe,  ruhig  wie  jen^r  spanische  König,  welcher  die 
glühende  Kohle  lieber  seinen  Fuss  versengen  Hess,  als  dass  er  sie 
etikettewidrig  selbst  weggenommen  hätte.  Er  begnügte  sich  damit: 
„Gitta!^  zu  rufen,  auch  nicht  hastig  und  leidenschaftlich,  sondern 
langsam  und  ruhig.     Es   dauerte   daher  einige  Zeit,   bevor  die  Magd 


61 

Gitta  herbeikam,  und  als  sie  endlich  gekommen  war,  erschien  die 
Hilfe  zu  spät,  denn  der  Topf  hatte  nichts  mehr  zu  verschütten.^ 

2.)  Kapitel  35  (Ausgabe  Seelmann  Bd.  3,  S.  77,  Z.  9).  „Und 
da  is  en  junger  Mensch  aufgetreten  und  hat  spöttschen  gefragt,  woans 
es  aber  mit  die  Sneidermamsells  werden  sollt?  was  die  in  die  Zunft 
aufgenommen  werden  könnten,  oder  nicht?  —  Und  das  haben  die 
ollen  Sneidermeisters  nich  gewollt." 

Es  ist  nicht  unwahrscheinlich,  dass  Reuter  Chamissos  Gedicht 
„Kleidermachermut''  gekannt  und  einen  Zug  daraus  mit  eigenem 
Humor  verwendet  hat.     Das  Gedicht  lautet: 

Und  als  die  Schneider  revoltiert,  — 

Courage,  Courage! 
So  haben  gar  grausam  sie  massakriert 
Und  stolz  am  Ende  parlamentiert: 

Herr  König,  das  sollst  du  uns  schwören. 
Und  drei  Bedingungen  wollen  wir  stell'n:  — 

Courage!  Courage! 
Schaff  ab,  zum  Ersten,  die  Schneider-Mamsell'n; 
Die  das  Brod  verkürzt  uns  Schneidergesell'n, 

Herr  König,  das  sollst  du  uns  schwören. 

NORTHEIM.  R.  Sprenger, 


Zu  Reuters  Kein  Hüsung. 


1.)     Kapitel  3,  ;,De  Schimp*',  V.  160  f.: 

Un  günnten  uns  man  blot  de  Städ, 
Un  as  en  Minsch  taum  Hinsehen  stün'n 

und  Kapitel  9,  ^De  Fluch*',  V.  291  f.: 

Ji  hewwt  kein  Hart  uns  tau  verstahn; 
As  Minschen  staht  Ji  nich  taum  Hinsehen. 

erinnert   an   Schillers   Teil   IL   Aufzug,   2.    Scene,    V.    324   ff.: 

Der  alte  Urständ  der  Natur  kehrt  wieder, 
Wo  Hensch  dem  Henschen  gegenübersteht. 

2.)     Kapitel  6,  ;,De  Lust^,  V.  172  ff.     Die  Schilderung  der  Jagd 
erinnert  an  Bürgers  ^Wilden  Jäger^;  vgl.  besonders  die  Verse: 

„Hailoh!  Hailoh!''  —  Los  geiht  de  Hatz! 
Dörch  gräune  Saat  un  grise  Stoppel, 
Dörch  Busch  un  Feld  un  Wisch  un  Koppel. 

und  Bürgers  erste  Strophe: 

Laut  klifft'  und  klafft  es,  frei  vom  Koppel 
Durch  Korn  und  Dorn,  durch  Heid'  und  Stoppel. 


62 

3.)     Kapitel  9,  „De  Fluch^,  V.  73  hat  Müller  in  seiner  Ausgabe 
Bd.  7,  S.  81  die  Interpunktion  so  geändert,  dass  der  Vers 

Un  will  de  Lud'  doch  nich  bedreigen 

noch  Daniel  gegeben  wird.  In  allen  früheren  Ausgaben  (6.  Aufl.  von 
1872  S.  141  unten)  gehört  er  noch  zu  den  Worten  der  Frau  Rosen- 
hagen. Mit  Recht!  Diese  kommt  dem  aus  Verlegenheit  stammelnden 
Daniel  zu  Hilfe,  indem  sie  für  ihn  die  Rede  beschliesst,  ihm  ins  Wort 
fällt.     Dies  scheint  mir  viel  natürlicher  als  Müllers  Änderung. 

NORTHEIM.  R.  Sprenger. 


Zu  Meister  Stephans  Sehaehbueh. 


524.     He  makede  in  synen  daghen 
Enen  man  van  ere  ghoten 
Grot  unde  ivyt  unde  lanck  gevloten 

Statt  gevloten  ist  gevoten  zu  lesen;  vgl.  Reinke  Vos  6195:  Beinke  was 
runty  vet  unde  wol  gevot.     gevot  ist   contrahiert   aus  gerodet,   genährt. 

Scipio,  der  es  verschmäht,  die  gefangene  Braut  eines  anderen 
zu  missbrauchen,  spricht: 

655.      Wortimme  scholde  ik  de  rosen  dorren 
Efte  maken  to  ener  gorren, 
De  ik  myt  wyszheit  noch  myt  loelde 
Noch  myt  nener  hande  ghelde 
Noch  myt  kunste  noch  myt  inachte 
Bringhen  mochte  in  de  ersten  achte. 

Das  Glossar  fragt  dorren,  verwelken  lassen?  Schiller-Lübben  erklärt 
dorren  ^dürr  werden^,  dorren  steht  aber  hier  für  darren,  derren 
;,dürr  machen**,  das  im  Mnd.  Wb.  fehlt,  gurre  ^schlechtes  Weibsbild" 
ist  belegt  in  Pfeiffers  Germania  3,  422,  8. 

695.  myt  molden  noch  jetzt:  met  molle^i  Schambach  S.  137; 
Danneil  S.  139. 

716.  ghesproken  =  gespraken  ^eine  Zusammenkunft  zu  gemein- 
samer Besprechung,  gesprake  halten**  (vgl.  Morgensprache)  fehlt  im 
Mnd.  Wb. 

1095  verlangt  der  Zusammenhang: 

Ene  vrouwe  de  ere  horch  nicht  wert, 

*Eine  Frau,  die  ihre  Burg  nicht  verteidigt.' 


63 

1307.      Wente  wy  sen  den  armen  slan 
Beyde  hesr hatten  unde  van 
linde  in  mongher  futnde  werken 
Dat  recht  myt  den  armen  sterben, 
Dar  de  ryke  dyket  vore^ 
Wente  he  des  richters  herte  more 
Maket  myt  gude  unde  myt  ghelde. 

Im  Glossar  S.  19  wird  erklärt:  diken  (swv.)  büssen:  dar  de  rike  diket 
vore,  wofür  der  Reiche  büsst  (Geld  zahlt).  Statt  des  in  dieser 
Bedeutung  nicht  weiter  belegten  diken  ist  zu  lesen:  iken,  vgl.  Mnd. 
Wb.  n,  696. 

1549.     Dyn  prys  unde  ok  dyn  houe  danck 
De  mote  tvesen  der  helle  stanck. 

Statt  des  nicht  weiter  belegten  hovedank,  das  im  Gloss.  S.  42  durch 
„Hofdank"  erklärt  wird,  ist  heuedanck  (hehhedank)  „Habedank''  zu 
lesen.  Das  Wort  fehlt  im  Mnd.  Wb.,  doch  vergleiche  über  die  Formel 
habe  dank!  als  substantiviertes  Masculinum  verwendet:  Lexer  I,  1130; 
M.  Heynes  Deutsches  Wb.  II,  6. 

1965  f.  ist  der  Beim  meyster :  besten  Stephan  unmöglich  zuzutrauen. 
Es  wird  zu  lesen  sein: 

Dar  was  ok  tippe  eyn  meyster  van  kunsten 
Der  men  do  vant  wol  en  der  besten. 

2385    f.      Wie    der   Lübecker    Druck    V.    2381    richtig    louede, 
'gelobte'  statt  lonede  liest,  so  ist  auch  hier  zu  schreiben: 

Dat  he  mer  louede  den  heren 
Den  he  gheuen  mochte  myt  eren. 

2475.     De  erde  gift  suluer  unde  golt 
Blmnen  gras  derte  wolt 

(hrte  „Tiere"  fügt  sich  nicht  in  den  Zusammenhang.  Zu  lesen  ist 
(krto,  dazu  (vgl.  Gloss.  S.   17). 

2505.      Wy  hebben  ghelesen  van  den  ioden 
Do  se  sik  to  gode  boden 
Do  se  van  hungere  weren  vale 
Unde  leden  grote  quäle 
An  dem  wolde  dar  se  lepen, 

wolt  in  der  Bedeutung  „Wüste"  ist  nicht  weiter  belegt.  Ich  vermute 
an  der  wilde.  Vgl.  mhd.  wilde  f.  'Wildniss'.  Nach  ten  Doornkaat 
Koolmans  Ostfries.  Wörterbuch  III,  551  heisst  in  Ostfriesland  ein 
Stück  wüst  und  unangebaut  liegendes  Land  eine  wilde. 

2528.  sin  lif  wert  vil  dicke  gestucket.  Im  Glossar  S.  89  wird 
die  Vermutung  ausgesprochen,  dass  gestuket,  zusammengestaucht  zu 
lesen  sei,  doch  findet  sich  für  stuke  nach  Vilmars  Hess.  Idiot.  S.  405 
auch  stucke. 


64 

2570.     He  Hpracli  de  arsfe  de  den  witi 
Vant  also  dat  seholde  sin 
De  was  her  noe  ghenant. 

Statt  arste  ist  erste  zu  lesen;  vgl.  3816  erste  statt  arste. 

3057.     Ik  Jxope  rindere  efte  per  de, 

Äcker,  rissche  na  eren  tcerde 

rissche  wird  im  Glossar  S.  103  als  „Fische*  erklärt,  doch  ergibt 
der  Zusammenhang,  dass  tvische  „Wiesen*^  zu  lesen  ist;  vgl.  Mnd. 
Wb.  V,  739. 

3314.  In  der  Überschrift  zu  diesem  Verse  wie  in  V.  3316  passt 
seriuersy  scriuer  nicht  in  den  Zusammenhang,  der  vielmehr  scroders, 
scroder  „Schneider*  verlangt. 

3325.     Er  er  worde  hebben  se  hale 
Komen  se  myt  en  in  de  sale 
linde  taten  alle  böse  tvenken 
Dat  gude  vroutven  moghe  krenken. 
Wat  den  oghen  kumpt  ter  dore 
Dat  bringhed  et  allent  dem  Herten  vore, 

sale  V.  3326  wird  im  Gloss.  S.  78  als  Plural  von  sal,  Wohnung, 
erklärt;  nach  dem  Zusammenhange  ist  aber  tale,  Rede,  Unterhaltung, 
zu  vermuten,  wenken  wird  im  Gloss.  S.  114  als  sw.  v.  ^=  „winken* 
erklärt;  zur  näheren  Erläuterung  dient  die  im  Mnd.  Wb.  V,  670 
angeführte  Stelle  aus  dem  Eccles.  (Sir.  27,  25):  De  dar  wenket  mit 
den  oghen,  de  smedet  nicht  gudes  (annuens  oculis  fabricat  iniqua). 
Die  Verse  3329  f.   bedürfen  noch  der  Erklärung   oder  Verbesserung. 

4526.     In  groter  wollust  ghegt  dyn  voet 
Unde  untellick  is  din  moet 
Unde  hevest  der  vroude  tvesen  quyd. 

Statt  des  nicht  in  den  Zusammenhang  passenden  untellick  lese  ich 
untemelick,  unziemlich. 

4618  ist  ursprünglich  Randnote;  vgl.  4625. 

4668.     Ok  wesen  se  truwe  also  den  heren 

Dat  se  sik  suluen  nicht  sweren  besmeren. 
Unde  ere  consciencie  mede. 

Zu  lesen  ist:  Dat  se  sik  suluen  nicht  besweren, 

4731.      canate   scheint   aus    karnute   (kornute,   kornote)    entstellt. 

Die  V.  4730  ff.  erzählte  Geschichte  behandelt  den  von  Rüdiger 
von  Hunkhofen  im  „Schlegel*  bearbeiteten  Stoff;  vgl.  v.  d.  Hagen, 
Gesammtabenteuer  II,  S.  LVIII  ff. 

NORTHEIM.  R.  Sprenger. 


65 


Die  Mundart  der  Prignitz. 


Einleitung. 

§  1.  Die  im  Folgenden  dargestellte  Mundart  wird  in  den  beiden 
brandenburgischen  Kreisen  der  West-  und  Ostprignitz  (WPri  und  OPri) 
gesprochen.  Zu  Grunde  gelegt  ist  die  Mundart  des  Pfarrdorfes 
Boberow,  in  der  nordwestlichen  Ecke  der  Westprignitz.  *) 


*)  Die  gebrauchten  Lautzeichen  werden  §  47  erklärt.  Von  den  angewandten 
Abkürzungen  bedürfen  nur  die  folgenden  der  Erläuterung: 

Behaghel,  Pauls  Gr.  =  Geschichte  der  deutschen  Sprache  in  Pauls 
Grundriss  B.  I.    2.  Aufl. 

Bratring,  s.  §  10. 

Gott.  =  Gottonianus,  Londoner  Uandschr.  des  Heliand. 

Gedike,  s.  §  10. 

Graupe  =  Graupe,  de  dialecto  marchica  quaestiunculae  duae.  Berliner 
Dissertation  1879. 

Heilig  =  Heilig,  Grammatik  der  ostfränkischen  Mundart  des  Tauber- 
grundes.   Lautlehre. 

Hindenberg,  s.  §  10. 

Holt  hausen,  As.  El.  =  F.  Holthausen,  Altsächsisches  Elementarbuch. 

Maurmann  =  Maurmann,  Grammatik  der  Mundart  von  Mülheim  a.  d.  Ruhr. 

Mon.  =  Monacensis,  Münchener  Handschr.  des  Heliand. 

Rom.  =  Romania. 

Schlüter  bei  Dieter  =  Laut  und  Formenlehre  der  altgermanischen 
Dialekte,  herausgegeben  von  Dieter.  Altsächsisch.  Band  I,  Leipzig 
1898.    Band  II,  Leipzig  1900. 

Tümpel,  Ndd.  Stud.  =  H.  Tümpel,  Niederdeutsche  Studien.  Bielefeld 
und  Leipzig  1898.       

mbr.,  mmeckl.  =  mittelbrandenburgisch,  mittelmecklenburgisch,  d.  h.  die 
mittelniederdeutsche  Sprachperiode  des  Märkischen  und  Mecklen- 
burgischen. 

Meckl.,  meckl.  =  Mecklenburg,  mecklenburgisch. 

mlat.  =  mittellateinisch.  Pom  ==  Pommern. 

mnl.  =  mittelniederländisch.  SPri  =  Südprignitz. 

NPri  =  Nordprignitz.  ug.  =  urgermanisch. 

OPri  =  Ostprignitz.  vlat.  =  vulgärlateinisch. 

Pri  =  Prignitz.  WPri  =  Westprignitz. 

Es  ist  mir  eine  angenehme  Pflicht,  auch  an  dieser  Stelle  all  den  Herren  zu 
danken,  die  mir  in  liebenswürdigster  Weise  durch  Angaben  und  Winke  mancherlei 
Art  beigestanden  haben.  Unter  ihnen  gebührt  ein  ganz  besonderer  Dank  Herrn 
Prof.  Fr.  Jacobs  in  Metz,  dem  treuen  Freunde  und  gründlichen  Kenner  seiner 
heimatlichen  Mundart  der  Prignitz. 

Es  war  mir  auch  vergönnt,  auf  der  Eönigl.  Bibliothek  zu  Berlin  die  Karten 
von  Wenkers  „Sprachatlas  des  Deutschen  Reichs"  einzusehen.  Wenn  auf  einige 
üngenauigkeiten  und  Irrtümer  in  diesen  Karten  aufmerksam  gemacht  worden  ist, 
so  ist  es  stets  mit  der  Ehrerbietung  geschehen,  die  dem  gewaltigen  Werke  gebührt. 

Niederdeutsches  Jahrbuch  XXXI.  5 


66 

Lage  und  Grenzen  des  Gebietes  lassen  sich  sehr  leicht  be- 
stimmen. Die  Prignitz  bildet  den  nordwestlichen  Vorsprang  der 
Provinz  Brandenburg ;  sie  schiebt  sich  wie  ein  Keil  zwischen  Mecklen- 
burg, Hannover  und  die  Altmark.  Im  Norden  und  Nordwesten  stösst 
die  Prignitz  ohne  deutliche  natürliche  Grenze  an  Mecklenburg,  im 
Südwesten  ist  die  Elbe  die  Grenze,  im  Süden  die  Havel  mit  der 
Dosse  und  im  Osten  wiederum  ungefähr  die  Dosse,  die,  aus  Mecklen- 
burg kommend,  in  einem  weiten  Bogen  an  Wittstock  vorbei  nach 
Süden  fliesst  und  erst  in  ihrem  Unterlaufe  eine  westliche  Richtung 
einschlägt.  Doch  ist  auch  das  zur  Ostprignitz  gehörige  Gebiet  östlich 
der  Dosse  mitberücksichtigt  worden. 

§  2.  Die  Mundart  der  Prignitz  steht  ganz  auf  niederdeutscher 
Lautstufe.  Nur  Lehnwörter  aus  dem  Hochdeutschen  zeigen  die  hoch- 
deutsche Lautverschiebung. 

Genauer  genommen  gehört  die  Mundart  dem  Ostniederdeutschen, 
d.  h.  den  niedersächsisch-niederfränkischen  Mischmundarten  in  dem 
ehemals  slavischen  Gebiete  östlich  der  Elbe  an.  Es  lassen  sich 
wiederum  unterscheiden  das  Nordwestprignitzische  und  das  Südost- 
prignitzische ;  der  Hauptunterschied  ist,  dass  im  ersteren  das  nieder- 
sächsische Element  mehr  als  im  letzteren  vorherrscht.  Vom  Alt- 
märkischen im  Westen,  wenigstens  dem  in  dem  Striche  an  der  Elbe 
gesprochenen,  unterscheidet  sich  das  Westprignitzische  nicht  merklich. 
Fast  ebenso  unmerklich  geht  nach  Osten  zu  das  Ostprignitzische  in 
das  Uckermärkische  des  Kreises  Neu-Ruppin  über.  Der  w^ichtigste 
Unterschied  vom  Havelländischen  nach  Süden  hin  ist  der  allgemeine 
Schwund  des  End-e  im  Prignitzischen.  Auch  sind  die  Mundarten  der 
Kreise  Neu-Ruppin  und  Westhavelland  noch  mehr  vom  Hochdeutschen 
durchsetzt:  sogen,  s  impurum  ist  in  den  beiden  Kreisen  zu  s  ge- 
worden, Verkehrswörter  wie  die  Zahlen  sind  schon  vielfach  ver- 
hochdeutscht.  Nach  Norden  und  Nordwesten  zu  aber,  d.  h.  zwischen 
dem  Prignitzischen  auf  der  einen  und  dem  Mecklenburgischea  und 
Hannoverschen  auf  der  anderen  Seite,  liegt  eine  deutliche  Mundarten- 
grenze vor  (s.  §  6).  Der  Prignitzer  erkennt  sofort  den  Mecklenburger 
an  seiner  Mundart,  und  umgekehrt.  Die  Bauern  von  Cremmin  (Meckl.) 
und  Warnow  (Pri),  Semmerin  (Meckl.)  und  Milow  (Pri),  Pols  (Meckl.) 
und  Seedorf  (Pri)  ackern  und  heuen  nebeneinander,  aber  sie  sind 
sich  bewusst,  dass  sie  eine  verschiedene  Mundart  sprechen. 

§  3.  Die  eigenartigen  Umstände,  unter  denen  die  Mundart  der 
Pri  entstanden  ist,  machen  es  nötig,  kurz  auf  die  Geschichte  der 
Landschaft  einzugehen. 

Zu  Tacitus'  Zeit  wohnten  in  der  heutigen  Prignitz  swebische 
Semnonen  (Bremer,  Pauls  Gr.  HI  927  ff.).  Um  700  ist  ihr  Land 
schon  von  Slawen  (Wenden)  besetzt  gewesen.  In  der  Prignitz  sassen 
die  Ljutizen,  von  den  Deutschen  Wilzen  genannt  (vgl.  Wils-nack), 
Nördlich  von  ihnen  jenseits  der  Eide  sassen  die  Obodriten.  Nach 
slawischer  Sitte  wird  ein  breiter  Gürtel  von  Wäldern  und  Sümpfen 
die  beiden  Stämme  von  einander  geschieden  haben,  und  es  ist  vielleicht 


67 

nicht  zufällig,  dass  noch  heute  weite  Waldungen  das  alte  Grenzgebiet 
anfüllen.  Sie  beginnen  östlich  von  Dömitz  und  ziehen  sich  von  Grabow 
in  Meckl.  mit  einer  nördlichen  Ausbuchtung  über  Ludwigslust,  Neu- 
stadt, Parchim  nach  der  mecklenburgischen  Seenplatte  mit  der  Müritz, 
der  nach  Süden  zu  wieder  die  Wittstocker  Heide  vorgelagert  ist. 
Diesseits  und  jenseits  des  unbewohnten  Gürtels  scheinen  eine  Kette 
von  Burgwällen  den  Bewohnern  zum  Schutz  und  zur  Verteidigung 
gedient  zu  haben.  Spuren  solcher  Burgwälle  sind  in  der  heutigen 
Prignitz  bei  den  Dörfern  Pinnow  (WPri)  und  Jabel  (OPri)  und  am 
Karwebach  gefunden  worden  (cf  Zache,  Brandenburgia  X  177  f), 
alle  drei  nicht  weit  von  der  Landesgrenze. 

Um  die  Mitte  des  12.  Jahrhunderts  war  das  Land  nordöstlich 
der  Elbe  von  den  Deutschen  endgültig  zurückerobert  worden,  und 
zwar  die  heutige  Pri  von  Albrecht  dem  Bären,  der  westliche  Teil  des 
heutigen  Mecklenburg  von  Heinrich  dem  Löwen.  Die  Pri  gehörte 
nach  der  Eroberung  zur  Diözese  Havelberg,  Erzdiözese  Magdeburg. 
Das  Bistum  Havelberg  erstreckte  sich  wiederum  bis  zur  Eide  und 
umfasste  auch  den  Murizzi-Gau  mit  Plan  und  Röbel.  Das  Land 
nördHch  von  der  Eide  gehörte  zu  den  Diözesen  Ratzeburg  und 
Schwerin,  Erzdiözese  Bremen-Hamburg.  Die  Markengrenze  war  also 
auch  die  Diözesangrenze.  An  der  Eide  entlang  lagen  die  mecklen- 
burgischen Grenzburgen,  wie  Dömitz,  Grabow,  Neustadt,  Parchim, 
Flau,  Malchow;  ihnen  parallel  zogen  sich  die  neuen  Grenzfestungen 
der  terra  Havelberg  oder  der  Vormark,  also  etwa  Lenzen,  Dallmin, 
Putlitz,  Meyenburg,  Freyenstein.  Denn  terra  Havelberg  oder  Vormark 
Hess  dieser  mit  der  heutigen  Altmark  eng  verbundene  Teil  der  neu- 
gegründeten Markgrafschaft  Brandenburg.  Der  heutige  Name  Prignitz 
taucht  erst  im  14.  Jahrhundert  auf. 

Anm.  Zar  Zeit  der  Wendenherrschaft  hiess  die  Prignitz  terra  Bri-  oder 
Pfizanorum  (s.  u.  a.  Helmold,  Chron.  Slav.  I,  37.  88).  Die  meisten  stellen  Brizani 
und  Prignitz  sprachlich  zusammen  (s.  vor  allem  Müschner,  Zs.  f.  Ethnologie  18, 376). 
Wohl  mit  Recht.  An  die  Brizani  scheinen  noch  zu  erinnern:  Gross-,  Mittel-, 
Klein-Breese  bei  Wittenberge,  Breetz  bei  Lenzen,  Bresch  bei  Putlitz.  Alle  diese 
Namen  werden  zum  aslav.  breza  Birke  gestellt.     Prignitz  also  „Das  Birkenland*. 

Das  Land  zwischen  diesen  Grenzburgen,  ja  diese  Grenzburgen 
selbst  waren  Jahrhunderte  lang  strittig  zwischen  den  Markgrafen  von 
Brandenburg  oder  brandenburgischen  Grossen  und  den  mecklen- 
burgischen Herren,  von  denen  für  die  Westprignitz  die  Grafen  von 
Dannenberg  und  von  Schwerin  in  Betracht  kommen.  Die  Oberhoheit 
über  das  Land  bis  zur  Eide,  der  alten  Markengrenze,  nahmen  die 
Brandenburger  Markgrafen  jedenfalls  in  Anspruch,  und  jeweiliger 
Besitz  der  Grafen  von  Dannenberg  und  von  Schwerin  südlich  der 
Eide  muss  auf  Belehnung  zurückgeführt  werden ;  auch  ist  ihr  Einfluss 
dort  sicherlich  nie  gross  gewesen.  Die  heutige  Grenze  datiert  erst 
aus  dem  14.  Jahrhundert.  1354  wurde  Burg  und  Stadt  Grabow  für 
Mecklenburg  erobert,  1358  kam  das  Land  Neustadt-Mamitz  mit  der 
übrigen  Grafschaft  Schwerin  durch  Kauf  an  Mecklenburg. 

5* 


68 

§  4.  Mitte  des  12.  Jh.  also,  genauer  1157,  wurde  die  Prignitz 
von  Deutschen  besiedelt.  Die  Eindeutschung  ging  schnell  und  gründ- 
lich vor  sich;  die  Hohenzollern  fanden,  ausser  den  vielen  slavischen 
Orts-  und  Personennamen,  wohl  kaum  noch  ein  wendisches  Wort  vor; 
selbst  die  Flur-  und  Feldnamen  sind  durchaus  deutsch. 

Anm.  Ich  glaube,  dass  namentlich  Namen  von  Fischen  wendischen  Ur- 
sprungs sind,  wie  plöts  Plötz,  kr^ts  Karausche,  pits  in  kurplts  Peitzger,  denn 
die  Fischerei  verblieb  hauptsächlich  den  Wenden  (Kietze). 

Für  die  Erkenntnis  der  heutigen  Mundart  ist  die  Frage  nach  der 
Herkunft  dieser  Ansiedler  von  grösster  Wichtigkeit.  Während  Mecklen- 
burg fast  ausschliesslich  von  Sachsen  kolonisiert  wurde,  ist  die 
Mark  von  Sachsen  und  Niederfranken  germanisiert  worden.  Der 
beiderseitige  Anteil  an  der  Ansiedlung  bildet  eine  Streitfrage.  Ich 
bin  durchaus  der  Meinung  Rudolphs  (die  niederländischen  Kolonieen 
der  Altmark  im  12.  Jh.,  Berlin  1889,  bes.  S.  92,)  und  Bremers 
(Pauls  Gr.  III,  S.  873),  dass  Helmold,  Chron.  Slav.  I,  88  in  Bezug 
auf  die  Einwanderung  von  Holländern  übertrieben  hat,  und  dass 
auch  in  der  Pri  das  sächsische  Element  überwog.  Es  lag  in  der 
Natur  der  Sache,  dass  die  Ansiedler  hauptsächlich  aus  der  Altmark, 
dem  daran  grenzenden  Ostfalen  und  aus  Nordthüringen  kamen.  Die 
zur  Schutzwehr  gegen  die  Slawen  neuangelegten  Burgen  wurden  von 
Albrecht  dem  Bären  sicherlich  treuergebenen  sächsichen  Adligen  und 
Dienstleuten  anvertraut;  die  auf  dem  Lande  angesiedelten  ritter- 
mässigen  Vasallen,  die  unter  dem  Befehl  der  Inhaber  der  Haupt- 
burgen standen,  werden  auch  Sachsen  gewesen  sein,  s.  Riedel,  Cod. 
diplom.  Brandenb.  I,i  S.  17.  Eine  beredte  Sprache  redet  auch  die 
Übereinstimmung  vieler  Ortsnamen  in  der  Pri  mit  solchen  der  Alt- 
mark oder  anderen  altsächsischen  Gegenden,  s.  Riedel  a.  a.  0.  S.  18 
und  Die  Mark  Brandenburg  im  Jahre  1250,  I,  443,  II,  46  ff.  Die 
beiden  westprignitzischen  Ortschaften  Strigleben  und  Sargleben  (mnd. 
Sarkeleve,  Strigleve),  weisen  mit  ihrem  -leben  vielleicht  auf  nord- 
thüringische Ansiedlung,  wenn  auch  4eve  wohl  nur  eine  ümdeutschung 
von  slaw.  -low^  4af  ist,  vgl.  Seelmann,  Ndd.  Jb.  XII,  S.  7  ff.,  bes. 
S.  15  und  24.  Um  Perleberg  und  Pritzwalk  herum  finden  sich  viele 
Dörfer  auf  -hagen;  vgl.  ö.  von  Perleberg:  Spiegelhagen,  Rosenhagen, 
Burghagen,  Simonshagen  —  zwischen  Perleberg  und  Pritzwalk: 
Wolfshagen  —  nördl.  von  Pritzwalk:  Schönhagen,  Steffenshagen,  Giesen- 
hagen,  Falkenhagen,  Rapshagen,  Ellershagen  —  zwischen  Pritzwalk 
und  Kyritz:  Brüsenhagen.  Sie  werden  von  vielen  als  sächsisch- 
westfälische Siedelungen  angesehen.  Ich  weise  noch  hin  auf  die 
Endung  -losen  (slaw.?)  die  sich  in  der  Altmark  (Aulosen),  in  der 
Pri  (Cumlosen),  in  Meckl.  (Gorlosen)  findet. 

Es  scheint  mir  aber  doch,  als  ob  immerhin  der  südliche  Teil 
der  Pri  unter  grösserer  Beteiligung  von  niederfränkischen  Ansiedlern 
kolonisiert  worden  sei  als  der  nördliche.  Dafür  sprechen  zunächst 
einige   sprachliche   Eigentümlichkeiten  dieses   Gebietes.     0.   Bremer 


69 

hat  in  seiner  ^Ethnographie  der  germanischen  Stämme^  (Pauls  Gr.  III) 
auch  die  heutigen  mundartlichen  Verhältnisse  für  die  Beurteilung  der 
Kolonisationsfrage  herangezogen  und  S.  896  f.  und  898  f.  eine  Reihe 
von  sprachlichen  Merkmalen  angeführt,  die  für  das  sächsische  oder 
aher  für  das  niederfränkische  Element  sprechen  sollen.  (Vgl.  dazu 
auch  Braune,  P.  Br.  Beitr.  I,  1  und  neuerdings  M.  Siewert,  Ndd.  Jb. 
29,  S.  66  f.)  Im  Gegensatz  zur  nördl.  Pri  und  zu  Meckl.  sind  nun 
der  südlichen  Hälfte  zwei  der  wichtigeren  Bremerschen  Kriterien  für 
das  Niederfränkische  eigentümlich:  intervokalisches  d  ist  hier  zuj, 
g  vor  Vokalen  ebenfalls  zu  j  geworden.  Dazu  kommen  noch  eine 
Reihe  anderer  Besonderheiten  in  Lautstand  und  Wortgebrauch,  wor- 
über §  7  zu  vergleichen  ist.  Es  darf  auch  nicht  unerwähnt  bleiben, 
dass  der  Südprignitzer  den  Nordprignitzer  wegen  seiner  sonoreren, 
langsameren  Sprache  und  wegen  der  grösseren  Modulation  im  Satze 
leicht  für  einen  Mecklenburger  hält,  vgl.  auch  §  8  a.  Zu  den  sprach- 
lichen Merkmalen  aber  kommen  noch  einige  ethnographische.  Frou 
Gour  (=  Frö  Göde)y  die  in  ganz  Mecklenburg  bekannt  ist,  treibt  in 
den  12  Nächten  ihr  Wesen  nur  in  der  nördlichen  Pri,  bes.  der  West- 
I^rignitz;  südlich  etwa  der  Landstrasse  Wittenberge -Perleberg -Pritz- 
walk  -  W^ittstock  ist  sie  durchaus  unbekannt.  Nicht  so  weit  nach 
Süden,  jedenfalls  aber  etwas  weiter  nach  Süden,  als  ß.  Mielck,  die 
Bauernhäuser  der  Mark,  Berlin  1899  S.  1  annimmt,  reicht  das  Ver- 
breitungsgebiet der  altsächsischen  Bauernhäuser.  L.  Fromm  gibt 
im  „Archiv  für  Landeskunde  in  Mecklenburg«  Jg.  16  (1866)  S.  291  f 
als  Grenze  des  Verbreitungsgebietes  nach  Süden  zu  eine  Linie  an,  die 
sich  von  Meyenburg  über  Putlitz,  Karstadt,  Mankmus  nach  Lenzen 
an  der  Elbe  ziehen  würde.  Das  stimmt  mit  meinen  eigenen  Wahr- 
nehmungen überein.  Von  Boberow  ist  im  besonderen  zu  sagen,  dass 
bis  1800  hier  alle  Bauernhäuser  altsächsisch  waren.  Das  älteste 
stammte  aus  dem  Jahre  1600.  Heute  sind  nur  noch  zwei  altsächsische 
Häuser  im  Dorfe,  und  auch  sie  dienen  nicht  mehr  zum  Wohnen.  — 
Es  ist  gewiss  nicht  zufällig,  dass  diese  Grenzlinie  ganz  genau  sowohl 
mit  der  Sprachlinie  zusammenfällt,  die  das  monophthongische  vom 
diphthongischen  Gebiet  trennt,  einer  Linie,  die  auch  für  den  Wort- 
gebrauch von  Bedeutung  ist,  als  auch  mit  der  Sprachlinie,  nördlich 
von  der  intervokales  d  >  r  gewandelt  ist,  s.  §  7,  1  u.  2. 

Dem  gegenüber  muss  festgestellt  werden,  dass  der  Beweiskraft 
der  beiden  Bremerschen  Kriterien  für  stärkere  niederfränkische  An- 
siedlungskontingente  in  der  SPri  Abtrag  getan  wird  durch  die 
Wahrnehmung,  dass  ein  anderes  ^niederfränkisches«  Kriterium,  die 
Diphthongierung  der  auslautenden  und  antevokalischen  t  und  ü  zu 
äi  und  ou  (z.  B.  fräi  <  as.  frl  frei,  botwn  <  as.  büan  bauen),  für  die 
ganze  Pri,  also  auch  für  den  an  Meckl.  unmittelbar  anstossenden 
Teil  gilt,  so  dass  für  diese  Erscheinung  die  politische  Grenze  zwischen 
Meckl.  und  Pri  auch  die  Mundartengrenze  ist,  vgl.  §  6,  1);  noch 
mehr  aber  durch  die  Wahrnehmung,  dass  zwei  der  allerwichtigsten 
Kriterien,    die    Endung    -(e)n   im  Plur.  Praes.    (sächs.   -(e)t)   und   die 


70 

Erhaltung  des  n  in  uns  (sächs.  us)  nicht  nur  in  der  ganzen  Pri 
gelten,  sondern  ihr  auch  noch  mit  ganz  Mecklenburg  gemeinsam 
sind.  Dass  aber  Meckl.  überwiegend  von  Sachsen  besiedelt  worden 
ist,  nimmt  auch  Bremer  an.  Vgl.  zu  der  ganzen  Frage  meinen 
Aufsatz:  Über  die  Entstehung  der  Mundarten,  Programmabhandlung 
des  Königl.  Prinz  Heinrich-Gymnasiums,  Berlin  1906. 

§  5.  Von  vorneherein  wäre  man  geneigt  anzunehmen,  dass  sich 
Niederländer  hauptsächlich  in  der  Eibniederung  angesiedelt  hätten. 
Hier  kommt  zunächst  die  sogen.  Lenzer  Wische  in  Betracht.  Die 
Lenzer  Wische  ist  das  Gebiet  zwischen  der  Löcknitz,  Elbe  und  Eide; 
sie  erstreckt  sich  von  Lenzen  bis  in  die  Nähe  von  Dömitz  und  um- 
fasst  die  Ortschaften  Mödlich,  Gr.-  und  Klein -Wootz,  Rosensdorf, 
Kietz,  Unbesandten,  Besandten,  Baarz,  Gaarz,  alle  an  der  Elbe; 
dann  Bäkern,  Seedorf,  Breetz  an  der  Löcknitz,  Eidenburg  und  Moor 
nördlich  von  der  Löcknitz.  Es  ist  ein  merklicher  Unterschied  zwischen 
diesen  Dörfern  und  den  anliegenden  Dörfern  auf  der  „Höhe^.  Sie 
treiben  Viehwirtschaft,  während  die  Höhendörfer  Körnerbau  treiben. 
Die  meisten  Bauernhäuser  sind  noch  jetzt  niedersächsisch.  Die 
Wischer  Bauern  dünken  sich  mehr  als  die  der  Höhendörfer;  Heiraten 
zwischen  Wische  und  Höhe  sind  nicht  beliebt.  Die  Dörfer  der  Wische 
sind  z.  T.  Fadendörfer,  und  die  Flureinteilung  ist  flämisch,  d.  h.  das 
Feld  schliesst  sich  in  langen  Streifen  an  die  Höfe  an.  Die  Bewohner 
halten  sich  selbst  für  Nachkommen  von  Niederländern ;  der  in  Lenzen 
vom  grossen  Kurfürsten  als  Amtmann  eingesetzte  holländische  Admiral 
Gysel  van  Lyr  erkannte  in  den  Einwohnern  von  Mödlich  seine  Lands- 
leute und  liess  sich  in  der  Kirche  dieses  Dorfes  beisetzen.  Aber  es 
steht  auch  fest,  dass  die  Lenzer  Wische  erst  vom  grossen  Kurfürsten 
neu  besiedelt  worden  ist,  nachdem  sie  durch  Überschwemmungen  und 
den  30jährigen  Krieg  so  gut  wie  entvölkert  war.  Ein  Teil  der  neuen 
Ansiedler  wird  tatsächlich  aus  den  Niederlanden  gekommen  sein;  ein 
nicht  geringer  Bruchteil  stammt  aber  aus  dem  Lüneburgischen.  Aus 
der  Form  der  Häuser  lässt  sich  nicht  direkt  auf  niederländische 
Herkunft  schliessen.  Virchow  hält  sie  für  westfälisch  (Zs.  f.  Ethnologie 
1886,  S.  422);  von  Binzer  in  der  Literar.  Beilage  der  Hamb.  Nach- 
richten vom  18.  Juli  1897  schliesst  aus  der  Stellung  des  Pferdekopfes 
auf  den  Giebeln  auf  die  südliche  oder  mittlere  Lüneburger  Heide  und 
führt  für  die  Herkunft  des  Hauptteiles  der  Ansiedler  aus  dieser  Gegend 
noch  eine  Reihe  anderer  Merkmale  an.  Die  Mundart  hat  sich  in  der 
Tat  nach  der  sächsischen  Seite  hin  ausgeglichen ;  doch  hat  die  Lenzer 
Wische  einige  sprachliche  Eigentümlichkeiten,  die  sie  von  der  Nachbar- 
schaft abheben.  Der  Bauer  der  „Höhe*'  erkennt  den  Bauern  der 
Wische  an  den  weit  eingesetzten  Diphthongen  au,  äy,  äi  (<  germ.  ö; 
Umlaut  dazu;  e,  io):  es  heisst  in  der  Wische  also  kau,  käy,  präistd, 
während  die  Nachbardörfer  kou,  köy,  preistä  (=  Kuh,  Kühe,  Prediger) 
sagen;  es  heisst  in  der  Wische  häy  Heu,  väftäy  Webstuhl,  fräy9n 
freuen,  auf  der  Höhe  entlabialisiert  häi,  tat,  fräün;  die  Praeterita 
der   modalen   Hülfszeitwörter   lauten   in   der  Wische   kim,  muxt,  zol, 


71 

auf  der  Höhe  umgelautet  kiln,  miM,  zül  =  konnte,  mochte,  sollte 
(vgl-  §  ^)5  ich  bin  gewesen,  gekommen:  in  der  Wische  ik  hef  vest, 
Mm,  auf  der  Höhe  ik  bün  vest,  kam;  die  Wische  sagt  für  Kartoffeln 
aufnehmen  tävl  luzln,  die  angrenzende  Höhe  tilvl  raky,  u.  a. 

In  Bezug  auf  die  Diphthonge  au,  äy,  äi  sei  hier  noch  folgende 
bemerkenswerte  Tatsache  hervorgehoben :  An  der  Mecklenburger 
Landesgrenze  entlang  lauten  sie  in  der  Pri  im  äussersten  Westen, 
d.  h.  in  der  Lenzer  Wische  au,  äy,  äi,  dann  aber  oii,  öy,  ei,  ja  in 
der  OPri  ö,  o,  e:  Meckl.  fangt  umgekehrt  im  Westen  mit  ou,  öy,  ei 
an  und  endigt  im  Osten,  um  Röbel  herum,  mit  den  weiten  Diph- 
thongen au,  äy,  äi. 

Auch  die  Bewohner  der  beiden  südlich  von  Lenzen  an  der  Elbe 
gelegenen  Dörfer  Jagel  und  Lütkenwisch  halten  sich  für  Nachkommen 
von  Niederländern.  Es  gebe  in  Holland  zwei  Nachbardörfer  mit  ähn- 
lichen Namen.  Ich  habe  solche  Dörfer  trotz  eifrigen  Bemühens  nicht 
auffinden  können.  Die  Feldmark  in  diesen  Dörfern  war  ehedem  in 
Gewanne  geteilt,  auf  Grund  der  Dreifelderwirtschaft,  die  bis  zur 
sogen.  Separation,  d.  h.  etwa  bis  1840,  in  der  ganzen  Pri  ge- 
herrscht hat. 

§  6.  Es  ist  schon  gesagt  worden,  dass  die  Mecklenburger 
Landesgrenze  zugleich  eine  Mundartengrenze  ist.  Die  wichtigsten 
sprachlichen  Abweichungen  an  der  Landesgrenze   sind  nun  folgende: 

1)  As.  l  und  ü  vor  Vokal  sind  in  Meckl.  erhalten  geblieben,  in 
Pri  zu  äi  und  ou  diphthongiert;  meckl.  bü9n  bauen,  frtan  heiraten 
(od.  bügy^  f^'^V)   entspricht  prign.  homn^   fräidn   (s.  §  4  und  §  243). 

2)  As.  'äja-  in  den  Wörtern  nhd.  mähen,  drehen,  säen,  Krähe 
u.  s.  w.  ist  in  Meckl.  durch  ai,  in  Pri  durch  ä  vertreten.  Meckl. 
sagt  also  mäieUj  dräidn^  zäwn^  väian^  kläian,  kräi  —  Pri :  mä9nj  drädn^ 
zmi^  vä9n,  kläan^  krä.     Vgl.  §  7  und  §  76. 

3)  e,  i  -|-  r  -h  Gaumen,  Lippenlaut  und  r,  s,  t  sind  in  Meckl.  ä 
(etwas  mehr  als  halblang),  in  Pri  zu  ä  (etwas  mehr  als  halblang) 
geworden.  Meckl.  sagt  also:  haix  Berg,  bäik  Birke,  maiky  merken, 
ärgän  ärgern,  stäfm  sterben,  häftst  Herbst,  bast7i  bersten,  gastn  Gerste 
u.  s.  f.  (vgl.  Nerger  §  159,2)  für  bäfx^  bäik^  mäiky^  äigän  stäfm^ 
hdtvst,  bästn^  gästn.  Dieses  a  vor  r  findet  sich  in  Meckl.  schon  seit 
dem  16.  Jh.,  s.  Nerger  §  13  und  vgl.  Lübben  §  19.  Meckl.  sagt 
auch  dat  das,  dass,  dan  den,  7nan  nur,  a7iä  ander,  gant7i  Gänserich 
für  dät^  däuy  män^  änä^  gäntä  in  Pri  (s.  §  48,  Anm.  2). 

4)  Wo  sonst  in  Pri  ä  steht  (s.  §§  51,  54)  spricht  Meckl.  e, 
z.  B.  krem  Kränze;  hem  Hemd;  het  hat;  zext^  lext  sagt,  legt;  em  ihm, 
ihn;  fem  Leder,  lerix  leer,  verä  wieder  —  für  kräm^  häffi^  hät^  zäxt^ 
läxt,  aw,  lärä,  lärix,  värä, 

b)  e  <  e  und  germ.  ai,  ö  <  o  und  germ.  au  vor  r  -h  Zahnlauten 
sind  in  Meckl.  >  ^  und  ü  geworden,  in  Pri  e  und  ö  geblieben.  Meckl. : 
pUtVierd^  län  ehren;  j>?7^^  Pforte,  iiä  Ohr  —  Pri:  ped^  eän;  pö9t^  öä. 
Auffallend  ist,  dass  auch  einige  Dörfer  der  WPri  dieses  i  und  ü  haben : 
Glövzin  im  Norden,   Vehlgast   und   Jederitz    südlich   von   Havelberg. 


72 

Der  Übergang  von  e  >  l  lässt  sich  schon  in  mnd.,  und  zwar  auch  in 
mbr.  Urkunden  nachweisen;  vgl.  Tümpel,  Ndd.  Stud.  S.  35  f. 

6)  e  {<  germ.  ai)  und  ö  (<  germ.  au)  sind  in  Meckl.  zu  ei^  ou 
diphthongiert,  in  Pri  nicht.  Meckl.  eiyi  ein,  dout  tot  —  Pri:  en^  döt. 
Es  lauten  also  mnd:  ö  {=  ug.  ö,  ahd.  uo)  und  mnd.  ö  (=  ug.  au) 
einerseits,  mnd.  e  (=  germ.  io^  e^)  und  mnd.  e  {=  germ.  ai)  im 
Mecklenb.  gleich,  vgl.  gout  gut  und  grout  gross ;  deip  tief  und  ein  ein. 

7)  Einzelheiten:  Abweichenden  Umlaut  hat  Meckl.  in  zun  Sonne,. 
drägy  tragen,  beyk  Bank,  pröym  proben,  rVÜcy  riechen  (Pri:  zun^ 
drägy^  bayk^  proum^  rüky)\  abweichende  Tondehnung  in  mKl  Mühle, 
äl  Elle,  änt  Ente,  ämk  Ameise  (Pri:  möl^  el,  änt^  dmk);  abweichende 
Rundung  föftäin  15,  fölt  fällt  u.  a.  (Pri:  fäftäin^  fält)^  umgekehrt 
aber  fäl  viel,  späln  spielen  für  prign.  /"ä/,  spkln]  abweichende  Meta- 
thesis  in  dötäin^  dötix  13,  30  (Pri:  drütäin,  drälij-);  abweichende  Ver- 
kürzung in  plimi  Pflaume  (Pri :  plüm) ;  abweichende  Länge  in  veist^ 
veit  weisst,  weiss,  zln  sein  (Pri:  vetst^  vet^  zin)  u.  a.  m. 

8)  Abweichender  Wortgebrauch :  ,Storch'  heisst  in  Meckl.  (westl,) 
ädaböä,  (östl.)  äibödrä^  in  Pri  (westl.)  heinodä^  (östl.)  knäpnä\  Klösse 
heissen  in  Meckl.  klümp^  in  Pri  klMn\  Kartoffel  aufnehmen  in  Meckl. 
kdtüvl  kläian^  in  Pri  tiivl  raky\  lex  heisst  in  Meckl.  1.  mager,  2.  schlecht, 
in  Pri  mager,  strichweise  niedrig;  meckl.  knäp  Dummheiten, 
Streiche  ist  in  Pri  unbekannt,  ebenso  ütnäidn  ,ausnähen',  weglaufen 
(Pri:  ütrttn). 

9)  Für  OPri  kommen  noch  einige  Unterschiede  hinzu,  die  für 
WPri  nicht  gelten.  OPri  ist  mit  Ausnahme  der  kleinen  Westecke  um 
Porep  herum  monophthongisch;  in  dem  angrenzenden  Teile  von  Meckl., 
also  um  Röbel,  Malchow,  Waren,  Penzlin  herum,  werden  germ.  ö,  e,  io 
gerade  als  weite  Diphthonge  gesprochen  (vgl.  §  5).  In  OPri  ist 
intervokales  d  nicht  zu  r  geworden  wie  in  Meckl.  und  dem  nördlichen 
Teile  von  WPri. 

§  7.  Es  folgen  die  Laut-  und  Wortlinien  innerhalb  der 
Prignitz.  Ich  fange  von  der  mecklenburgischen  Landesgrenze  an  und 
behandle  zuerst  die  horizontalen  Sprachlinien  (von  der  Elbe  ab 
in  östlicher  Richtung  gehend). 

1  a.     Die  monophthongische  Linie. 

Von  der  Mecklenburger  Landesgrenze  bis  zu  dieser  Linie  werden 
(wie  in  Meckl.)  germ.  as.  ö  (ahd.  uo)^  der  Umlaut  dazu,  germ.  as.  e, 
io  diphthongisch,  und  zwar  ou^  öij,  ei  (in  der  Lenzer  Wische  nach 
§  5  aiiy  äy,  äi)  gesprochen,  südlich  dieser  Linie  öj  ö,  e.  Es  stehen 
sich  also  gegenüber:  houn  Huhn,  höynä  Hühner,  preistä  Prediger, 
zein  sehen,  hei  er  und  hörij  honä,  prestä,  zeuy  he.  Die  Grenze  ist 
haarscharf.  Sie  beginnt  an  der  Elbe  südlich  von  Gandow  bei  Lenzen, 
geht  zunächst  ungefähr  die  Löcknitz  entlang,  und  zieht  sich  von 
Wustrow  leicht  nordöstlich  in  einem  etwa  2  Meilen  weiten  Abstand 
parallel  der  Landesgrenze  bis  Premslin  (an  der  Berlin-Hamburger 
Chaussee,  zwischen  Perleberg  und  Karstadt);  von  da  schärfer  nord- 
östlich über  Blüthen  ungefähr  die  Landstrasse  Karstädt-Putlitz  entlang 


73 

und  in  der  Richtung  dieser  Strasse  bei  immer  geringer  werdendem 
Abstand  von  der  Landesgrenze  bis  zur  Landesgrenze,  so  dass  von 
OPri  nur  ein  kleiner  Zipfel,  mit  Porep  im  Mittelpunkte,  zum  diphthon- 
gischen Gebiet  gehört.  Die  diphthongischen  Grenzdörfer  sind: 
Gandow,  Wustrow,  Verbitz,  Birkholz,  Mesekow,  Glövzin-Premslin, 
Blüthen-Strehlen,  Bresch,  Pirow,  Lütkendorf,  Porep  (OPri);  die 
monophthongischen:  Lütkenwisch  (a.  d.  Elbe),  Jagel,  Lanz, 
Laaslich,  Nebelin,  Quitzow,  Schönfeld,  Guhlow,  Beetz,  Gühlitz, 
Mansfeld,  Telschow,  Stepenitz.  Von  Städten  ist  diphthongisch  nur 
Lenzen.  Alle  übrigen  Städte  der  Pri,  auch  Putlitz,  Meyenburg,  sind 
monophthongisch. 

Anm.  1.  Seelmann  hat  nicht  recht,  wenn  er  Ndd.  Jb.  18,  145  das  süd- 
westliche Mecklenburg  zum  monophthongischen  Gebiet  rechnet. 

Anm.  2.  Die  einschlägigen  Wenkerschen  Karten  geben  die  Grenze  nnr 
QQgenaa  an.  Am  genauesten  ist  noch  die  müde-Earte.  Sie  fängt  richtig  an, 
wendet  sich  aber  bald  mit  einem  Keil  nach  Norden,  sodass  Verbitz  und  Bambow 
bei  Lenzen  mod  sprechen  sollen  und  Boberow  hart  an  der  monophthongischen 
Linie  zu  liegen  kommt.  Aber  Bambow  spricht  wie  Boberow  fnöi/r,  und  die 
Verbitzer  lachen  über  das  5  der  Lanzer.  In  anderen  Karten  (Bruder,  drei,  fliegen, 
Gänse  (d.  h.  gös,  gäus)  ist  die  Grenze  noch  ungenauer,  in  der  westlichen  Hälfte, 
wo  sie  sich  hart  an  der  mecklenburgischen  Grenze  entlang  zieht,  1 — IV«  Meilen 
zn  weit  nördlich :  Lenzen,  Boberow,  Karstadt  werden  dort  dem  monophthongischen 
Gebiet  zugewiesen.  Ich  bemerke  hier  ausdrücklich,  dass  ou,  öy,  ei  sich  in  jedem 
einzelnen  Worte  Tollkommen  decken. 

Dass  die  eigentümlich  weite  Aussprache  dieser  Diphthonge  in  der  Lenzer 
Wische  (§  5)  auf  den  Karten  nicht  zu  Tage  tritt,  ist  nicht  verwunderlich.  Die 
Übersetzer  (z.  B.  der  in  Mödlich)  fanden  ja  nichts  Auffälliges  an  ihrer  Aussprache, 
anch  hätten  sie  kaum  ein  Mittel  gehabt,  sie  auszudrücken. 

1  b.  Das  diphthongische  Gebiet  hat  noch  eine  Reihe  weiterer 
sprachlicher  Besonderheiten,  besonders  im  Wortgebrauch:  Webstuhl, 
freuen,  streuen,  Heu  heissen  hier  entlabialisiert  (abgesehen  von  der 
Lenzer  Wische,  §  5):  väftdi,  fräion,  strämi,  hat,  sonst  väftöyj  fröydn, 
ströij9n,  höy  (vgl.  §  98  u.  Anm.) ;  ,euch,  euer'  heisst  joii^  im  monoph- 
thongischen Gebiet  y«e  (Meckl.:  ^w^r);  , Schwalbe':  swMk  (s.  §  131),  im 
monophth.  Gebiet  sivalv;  Ziehbrunnen  zöt,  im  monophth.  Gebiet,  aber 
auch  schon  in  Karstadt,  Glövzin,  Premslin,  Porep:  pütn  (§  68);  der 
,Wiesenbaum' :  bäsböm  (auch  in  Reetz,  Gühlitz,  Mansfeld,  Putlitz), 
im  monophth.  Gebiet  väsböm  (s.  §  126  Anm.,  §  188);  ,Egge':  ex 
(Lenzer  Wische:  Ar),  im  monophth.  Gebiet  äxt;  ,Kossät':  kosä,  im 
monophth.  Gebiet  kotsd;  ,Enterich'  väffkä  (§  121  d),  im  monophth. 
Gebiet  ärjil;  vrädn  dichter  Wasserdampf,  im  monophth.  Gebiet  väzn 
(mnd.  wasem). 

2  a.     Die  r  :  d  :j -Linie. 

a)  Intervokales  d  (<  as.  [),  d,  d  =  hd.  d,  t)  in  Wörtern  wie 
,müde',  ,Leute',  , Braten'  ist  wie  in  Meckl.  zu  r  geworden  auf  einem 
Gebiete,  dessen  südliche  Grenzlinie  sich  bis  Nebelin  mit  der  diphthon- 
gischen Linie  genau  deckt,    dann  aber   an  Glövzin-Premslin   nördlich 


74 

vorbeigeht,  so  dass  Karstadt  an  der  Berlin-Hamburger  Chaussee  und 
Eisenbahn  das  Grenzdorf  ist,  und  von  hier  nicht  nordöstlich,  sondern 
östlich  bis  an  die  *Grenze  von  OPri  geht,  so  dass  die  monophthon- 
gischen Dörfer  Reetz,  Gühlitz,  Guhlow,  Back,  Tacken,  Lockstedt, 
Mansfeld  noch  r  haben,  während  Schönfeld,  Gr.-Buchholz,  Gramzow, 
Strigleben  bereits  d  haben.  Vom  Schnittpunkt  der  r-Linie  mit  der 
Kreisgrenze  bildet  diese  die  Grenzlinie,  d.  h.  die  r-Linie  geht  von 
da  an  direkt  nach  Norden  bis  zum  Schnittpunkt  mit  der  meckl. 
Landesgrenze,  Putlitz  (WPri)  hat  schon  (/,  Porep  (OPri)  noch  r  mit 
Ausnahme  der  Endung  -den,  die  dn  gesprochen  wird  {brädn  Braten). 
So  ist  Lenzen  wiederum  die  einzige  Stadt,  die  r  spricht.  Die  oben 
angeführten  Wörter  heissen  also  nördlich  und  westlich  der  angeführten 
Linie:  möyvj  lyr,  brärn. 

Anm.    Die  monophthongischen  Dörfer,  wie  Reetz,  sagen  natürlich  mor  u.  s.  f. 

ß)  Südlich  des  r-Gebietes  in  WPri,  und  südlich  der  meckl.  Landes- 
grenze in  OPri  (die  ja  kein  r-Gebiet  hat)  liegt  eine  Zone,  in  dessen 
kleinerem  westlichen  Teile,  d.  i.  den  Dörfern  der  Eibniederung  von 
Lütkenwisch  bis  Wittenberge,  d  ganz  verstummt  ist,  in  dessen 
grösserem  östlichen  Teile  d  als  d  erhalten  ist.  Die  südliche  Grenze 
dieses  Gebietes  ist  ungefähr  die  Landstrasse  Wittenberge-Perleberg- 
Pritzwalk-Wittstock.  In  der  WPri  ist  dieses  Gebiet  nur  ein  etwa 
1^/2  Meilen  breiter  Gürtel,  in  der  OPri  umfasst  es  die  ganze  nördliche 
Hälfte  des  Kreises.  In  diesem  Gebiete  sprechen  also  die  Dörfer  der 
Eibniederung:  l&  Leute,  mo  müde,  Jr&w  Braten  (so  auch  in  dem 
angrenzenden  Teile  der  Altmark),  die  übrigen  Dörfer  l^t,  mot,  brädn. 

Y)  Im  ganzen  Gebiet  südlich  der  Linie  Wittenberge-Perleberg- 
Pritzwalk- Wittstock  ist  intervokales  d  nach  langem  oder  gelängtem 
Vokale  zu  einem  i-Laute  geworden;  es  heisst  dort  also  IVii,  moi, 
brä-in  oder  bräjdn,  letzteres  dort,  wo  mnd.  -ven  vdn  statt  m  gesprochen 
wird  (s.  3  a). 

Die  y-Linie  ist  nicht  scharf;  sie  ging  früher  nördlich  der  be- 
zeichneten Landstrasse:  in  Bendwisch,  Schilde,  Premslin  hört  man, 
besonders  von  alten  Leuten,  noch  J-Formen.  Sadenbeck  nordöstlich 
von  Pritzwalk  wird  von  den  alten  Einwohnern  des  Dorfes  noch  Zäjanbek 
genannt.  Von  den  Dörfern  an  der  Chaussee  haben  J-Formen,  ver- 
mischt mit  ö?-Formen :  Spiegelhagen,  Pankow,  Kuhbier.  Jetzt  weichen 
die  J-Formen  auch  südlich  der  bezeichneten  Landstrasse,  namentlich 
in  der  Umgebung  der  Städte,  zurück.  Von  Dörfern  an  der  Chaussee 
kennen  sie  Weisen  bei  Wittenberge,  Techow  bei  Wittstock  nicht  mehr, 
und  auch  in  den  Dörfern  südlich  der  Chaussee  sind  sie  namentlich 
in  der  Umgebung  von  Pritzwalk  (Kemnitz,  Giesensdorf,  Buchholz, 
Sarnow,  Bölzke)  und  von  Wittstock  fast  ganz  verschwunden.  Blumen- 
thal hat  als  ein  Hauptverkehrsdorf  schon  die  c?-Formen  angenommen, 
während  die  Nachbardörfer  Grabow,  Christdorf  noch  J-Formen  kennen, 
namentlich  aber  in  weniger  häufigen  Wörtern:  in  Grabow,  Christdorf 
habe  ich  Leute  getroffen,  die  väin  waten,   aber  brädn  braten  sagten. 


75 

Anm.  1.  Der  Wandel  von  d  ">  j  ist  belegt  aus  Drucken  und  Nieder- 
schriften Hamburgs  und  Mecklenburgs  (?)  Tom  Ende  des  16.  Jh.  ab;  s.  Nieder- 
deutsche Schauspiele  älterer  Zeit  ed.  Bolte  und  Seelmann,  S.  161 — 163.  Aus 
mnd.  Zeit  ist  der  Lautwandel  nach  Bolte  nicht  belegt,  s.  aber  die  Form  muger 
bei  Graupe,  S.  30.  Aus  dem  Ende  des  18.  Jh.  gibt  für  die  angrenzende  Alt- 
mark zahlreiche  Belege  für  j  Bratring  in  seinem  Altmärkischen  Idiotikon,  s.  Mss. 
bist  Boruss.  Nr.  77  (§  10)  und  vgl.  Höfer,  Märkische  Forschungen  I  (1841), 
S.  150  ff. 

Seelmann  meint,  dass  dieses  j  früher  nach  Norden  zu  eine  viel  weitere 
Verbreitung  gehabt  habe,  und  dass  es  sich  vom  nördlichen  Teil  der  Mark 
Brandenburg  bis  über  Hamburg  hinaus  erstreckt  habe.  Ich  halte  diese  Annahme 
nicht  für  richtig.  Das  r  in  der  nördlichen  Westprignitz,  Altmark  und  in 
Mecklenburg -Vorpommern  kann  nur  aus  d  entstanden  sein;  es  erklärt  sich 
einfach  aus  einer  Erschlaffung  der  Zungenartikulation  (§  13).  Das  ^-Gebiet  der 
Prignitz,  an  das  sich  nach  Westen  zu  das  ^'-Gebiet  in  der  Altmark  und  nach 
Osten  zu  das  ^-Gebiet  im  Kuppiner  Kreise  unmittelbar  anschliesst,  hat  seinen 
Schwerpunkt  und  sein  weiteres  Ausdehnungsgebiet  nach  Süden  zu.  Wir  haben 
vielmehr  zwei  selbständige  ^-Gebiete  anzunehmen:  das  eben  bezeichnete  im 
Süden,  und  dann  ein  anderes,  das  sich  von  Hamburg  aus  nach  Holstein  herein 
erstrekte  und  nach  Wenker  (s.  z.  B.  die  müde-Earte)  jetzt  die  Eibmündung  und 
das  Gebiet  Hitzebüttel-Lauenburg-Kiel  umfasst. 

Anm.  2.  Auch  die  r-,  d-,  ^-Linien  sind  bei  Wenker  immerhin  recht  un- 
genau. Mitten  im  r- Gebiet  sind  in  den  ,müde*  —  ,rote*  —  ,Leute*  —  Karten 
Rambow  b.  Lenzen  mit  wod,  röd^  lüdj  Boberow  mit  rö,  lue  eingetragen.  Beide 
Dörfer  sprechen  möyrj  röi\  Vir.  Die  Fehler  rühren  ersichtlich  daher,  dass  der 
Übersetzer  in  Rambow  aus  der  Altmark,  der  in  Boberow  aber  aus  Sieversdorf, 
Kreis  Westhavelland,  stammte :  Die  Übersetzer  haben  einfach  die  ihnen  geläufigen 
Formen  eingesetzt.  Cumlosen  a.  d.  Elbe  soll  nieur^  aber  ?-ö  sagen;  es  sagt 
gleichmässig  mZ  und  rö.  Südlich  von  Pritz walk -Wittstock  ist  vom  eigentlichen 
möi-Gebiete  mit  besonderer  Farbe  ein  mö^- Gebiet  abgegrenzt,  in  das  dann  viele 
??iö-ii-Formen  eingetragen  sind.  Sicher  haben  die  Übersetzer  mog  mit  g  geschrieben. 
Aber  eben  in  diesem  Gebiete  wird  g  vor  Vokalen  wie  j-  gesprochen,  und  die 
Übersetzer  haben  mit  diesem  g  meistens  einfach  j  gemeint,  wie  sie  es  ja  gewöhnt 
sind  zu  sprechen.  So  hatte  schon  Bratring  (s.  o.)  für  j  <  d  konsequent  g 
geschrieben :  bägen  beten,  bläger  Blätter.  So  Hess  schon  Heinr.  Jul.  von  Braun- 
schweig in  seiner  Susanne,  Wolfenbüttel  1593,  eine  märkische  Frau  weger 
Wetter,  brogen  gebraten  sagen  (s.  Hollands  Ausgabe  S.  146).  In  Bratrings  Heimat 
wird  eben  auch  g  vor  Vokalen  j  gesprochen.  Nun  ist  im  südlichsten  Teile  der 
Prignitz  auslautendes  j  <  d  allerdings  zu  x  geworden.  Aber  irreführend 
bleibt  diese  Abgrenzung  eines  wo^^-Gebietes  unter  allen  Umständen.  Man  ver- 
gleiche die  Bruder -Karte.  Dort  ist  das  dem  mog-  entsprechende  Gebiet  (das 
hier  kleiner  ist,  da  es  sich  um  die  Endung  -der  handelt)  als  brö-i-Gehiet  ver- 
zeichnet, und  in  dieses  sind  nun  wieder  zahlreiche  &rö^- Formen  eingetragen. 

Anm.  3.  In  einem  bestimmten  Teile  des  y- Gebietes  sind  in  mnd.  -üde(n), 
-ide{n)y  ti-^,  i-i  >  öt/,  ki  diphthongiert.  ,Leute*,  »schneiden'  heissen  hier  also 
löy-ij  sudLi-dn]  s.  §§  103  und  246» 

2  b.  Die  y- Linie  ist  zugleich  die  Grenzlinie  zwischen  dem  niks 
und  Mis^- Gebiet.  Auch  diese  Grenze  ist  nicht  scharf,  und  nist  weicht 
im  Westen  gegen  niks^  im  Osten  gegen  nist  zurück.  Westliche  Dörfer 
an  der  Grenze  (z.  B.  Breese,  Tuchen)  sprechen  nist  und  %iiks^  östliche 


76 

nist  und  nist  nebeneinander.  Namentlich  dringt  in  der  Nähe  der 
Städte  niks  und  nist  vor;  Wittenberge,  Perleberg,  Pritzwalk  verbreiten 
niks^  Kyritz  niät.  In  Gr.-Breese  bei  Wittenberge  heisst  es  niks  und 
nist^  in  Rosenhagen,  Spiegelhagen,  Düpow  bei  Perleberg  nur  niks,  in 
Tuchen  nist  und  niks,  in  Kemnitz  bei  Pritzwalk  niks,  in  Bölzke  noch 
nist,  in  Holthausen,  Rehfeld,  Berlitt  bei  Kyritz  und  so  auch  zwischen 
Kyritz  und  Wittstock  niät.  Die  Wenkersche  ,nichts*- Karte  gibt  die 
Sachlage  richtig  an,  nur  ist  den  aus  dem  Ruppiner  Kreise  vordringenden 
nist 'Formen  östlich  von  Wittstock  und  um  Kyritz  herum  nicht  genug 
Rechnung  getragen. 

2  c.  Mnd.  dd  <  dj,  Jy  oder  <  d  nach  kurzem  Vokal  ist  nicht 
zu  j  geworden.  Doch  zeigt  sich  auch  hier  ein  bemerkenswerter  Unter- 
schied zwischen  der  nördlichen  und  südlichen  WPri.  Dort  ist  d  <  mnd. 
dd  >  r  geworden,  hier  ist  d  geblieben.  OPri  kennt  nur  die  c?- Formen. 
,Boden',  ,treten',  ,bitten',  ,klettern'  heissen  also  in  der  nördlichen 
WPri:  hörn,  pern,  birn,  klärän,  in  der  südlichen  WPri  und  in  ganz 
OPri:  hodn,  pedn.  hidn,  klädän  (OPri:  kledän), 

Anm.  r  <  d  (mnd.  dd)  nach  kurzem  Vokal  ist  also  weiter  verbreitet 
als  r  <  rf  nach  langem  Vokal,  vgl.  2a, 2. 

Auf  demselben  Gebiet,  wo  mnd.  dd  >  r  geworden,  ist  mnd.  hb 
(<  bj)  im  Auslaut  zu  f  geworden,  das  sich  vor  m  <  en  zu  m  assimiliert 
hat.  Es  heissen  dort  ,Rippe',  ,Krippe'  rif,  krif,  Mz.  rim,  krim.  Im 
südlichen  Teile  der  WPri  und  in  ganz  OPri  sagt  man  rip,  krip,  Mz. 
ripm,  kripm. 

Anm.  ,Ich  habe'  heisst  ik  hef  bmcYl  in  der  nördlichen  OPri;  die  Grenz- 
linie für  ik  hep  ist  weiter  südlich  (s.  3  c). 

Die  Entwicklung  von  mnd.  gg  <  gj  ist  der  von  mnd.  dd  und  bb 
in  Bezug  auf  das  Verbreitungsgebiet  nur  in  einigen  Wörtern  analog: 
,Brücke',  ,eggen'  heissen  in  der  nördlichen  WPri  brilx  —  hrüyy,  eyr), 
in  der  südlichen  WPri  und  in  ganz  OPri  brük  —  brüky,  eky.  Dazu 
kommt  für  WPri  noch  pox  —  poyy  Frosch,  das  im  südlichen  Teile 
pok  —  poky  heisst  (OPri  sagt  höpä).  Bei  den  anderen  Wörtern  ist 
die  Sprechweise  der  nördlichen  WPri  (d.  h.  die  Spirans  im  Auslaut 
und  Assimilation  des  g  vor  y  <  en)  auch  verbreitet  über  andere  Teile 
der  Pri:  in  der  ganzen  Pri  heisst  es  zeyy  sagen,  leyy  legen,  liyy  liegen; 
der  ganze  nördliche  Teil  von  Pri  (also  auch  von  OPri)  sagt  müx 
Mücke;  die  Mz.  heisst  im  südlichen  Teil  allerdings  müky,  Roggen 
heisstroÄjy  (statt  royy),  ,lege'  lek  nur  im  südlichsten  Teil  der  Pri,  da,  wo 
,ich  habe'  hep  lautet   (s.  3  c).     Vgl.  zu  dem  ganzen  Abschnitt  §  289. 

2  d.  Wörter  und  Wortformen,  die  dem  ganzen  J-Gebiet  gegen- 
über dem  nördlichen  Gebiet  eigentümlich  sind:  divel  Tischtuch  (fängt 
an  zu  veralten)  —  nördlich  disdouk',  klei-vä  Klee  —  nördlich  klevd, 
stöt  Stute  —  nördlich  stüt  (hd.);  häz7i  Hosen  —  nördlich  höz7i  (hd.), 
hinä  hinter  —  nördlich  axtä^  wobei  zu  bemerken  ist,  dass  kleivä, 
stöt  und  hind  in  der  ganzen  OPri  gebräuchlich  sind.  Das  Wort 
trämsn  Kornblumen  ist  südlich  der  y- Linie  (und  fast  in  ganz  OPri) 
unbekannt. 


77 

3  a.  mnd.  -ren  und  -gen  (alts.  Aian  und  -gan)  nach  langem 
Vokal  werden  in  einem  nördlichen  Teil  zu  silbenbildenden  -m  und  -y 
(den  lautphysiologischen  Vorgang  beschreibt  Bremer,  Deutsche  Phonetik 
§  14);  in  einem  südlichen  Teil  wird  -vdn  und  -j^n  bezw.  -jdn  (im 
südlichsten  Teil)  gesprochen.  ,Ofen',  ,schreiben'  und  ,Wagen'  heissen 
also  nördlich  der  Grenzlinie  am,  sri-m,  rä-y,  südlich  ä'V9n,,ärZ'imi, 
rä-yn  oder  vä'jdn.  Die  Grenzlinie  läuft  etwa  2  Meilen  südlich  von 
der  Landstrasse  Wittenberge  -  Perleberg  -  Pritz  walk  -Wittstock  -  Zechlin. 
Sie  ist  also  südlicher  als  die  sonst  fast  gleichlaufende  d  ;  J-Linie,  so 
dass  eine  Reihe  Dörfer,  die  j  für  intervok.  d  sprechen,  noch  -m  und 
-Yf  aufweisen  (z.  B.  Breese,  Kuhblank,  Unze,  Kleinow,  Gottschow, 
Tuchen,  Grube,  Kletzke- Gr. -Welle,  Grabow,  Christdorf,  Herzsprung). 
Diese  Grenzlinie  ist  wieder  ganz  scharf,  so  dass  Nachbardörfer  Spott- 
verse aufeinander  haben  (z.  B.  Kuhblank  auf  Lüben).  Die  Grenzorte 
nördlich  der  Grenzlinie,  von  der  Elbe  anfangend,  sind:  Breese,  Kuh- 
blank, Grube,  Kletzke;  Gr. -Welle  (OPri),  Kehrberg,  Schönebeck, 
Breitenfeld,  Königsberg,  Herzsprung,  Fretzdorf;  südlich  der  Grenzlinie: 
Bälow,  Lüben,  Wilsnack,  Gr.-Leppin,  Alt-Schrepkow  (OPri),  Dannen- 
walde,  Brüsenhagen,  Wuticke,  Bork,  Teetz. 

Anm.  1.  Die  einschlägigen  Wenker^schen  Karten  (s.  ,Ofen^-,  ,geblieben^- 
Karte)  geben  auch  hier  kein  ganz  klares  Bild  von  dem  Tatbestande.  Statt  -m 
und  -wen  scheidet  Wenker  oh-  und  ow-,  bläh-  und  hläw;  er  stellt  also  oben 
und  Owen,  blähen  und  bläwen  gegenüber;  durchaus  unrichtig,  denn  der  5- Laut 
ist  durch  Vorwegnahme  der  nasalen  Artikulation  ganz  verloren  gegangen;  das  n 
aber  ist^  da  der  ursprüngliche  Lippen  verschluss  des  b  beibehalten  ist,  zu  m 
geworden :  statt  -ben  wird  silbenbildendes  m  gesprochen.  Es  sind  im  ben-QeViQte 
auch  viele  m  eingetragen;  das  erweckt  den  Anschein,  als  ob  die  beiden  Zeichen 
-hen  und  m  verschiedene  Aussprache  bedeuten,  -befi  ist  aber  einfach  hoch- 
deutsche Schreibung;  die  t^-Linie  ist  ferner  zu  weit  nach  Norden  geraten, 
bes.  in  WPri,  so  dass  z.  B.  Weisen,  Breese,  Kuhblank,  Wilsnack,  Lüben, 
Gr.- Welle,  Tuchen  im  bläw-GehiQt  zu  liegen  kommen.  Ausserdem  sind  im  bläb- 
Gebiete  eine  Beihe  Dörfer  verkehrt  mit  bläw-  besonders  eingetragen,  z.  B. 
Warnow,  Boberow  (der  Übersetzer  stammt  ja  aus  dem  Westhavellande,  wo 
allerdings  bUwen  gesprochen  wird) ;  umgekehrt  sind  im  &/äi£;-Gebiete  Orte  fälsch- 
lich mit  bläb'  eingetragen,  z.  B.  Berlitt.    Die  Grenze  ist  wie  gesagt  haarscharf. 

Anm.  2.  -jen  statt  -gen  kann  naturgemäss  erst  da  anfangen,  wo  g  vor 
Vokalen  überhaupt  zu  j  geworden  ist,  s.  Linie  4.  Tatsächlich  wird  in  den 
nördlicheren  Dörfern  des  Gebietes,  wo  anlautendes  g  >  j  geworden  ist,  noch 
-gm  gesprochen. 

3  b.  Nördlich  der  -m  :  vdn  Linie  heissen  ,ich  sollte,  gesollt,  ich 
konnte,  gekonnt,  ich  mochte,  gemocht,  ich  musste,  gemusst'  mit 
Umlaut:  zillj  zült;  kün,  künt;  milxty  müxt;  milstj  müst  —  südlich  von 
ihr  ohne  Umlaut:  zol,  zolt;  kun,  kunt;  miixt,  nwxL  Die  letzteren 
Formen  hatten  wir  schon  in  der  Lenzer  Wische  (§  5)  kennen  gelernt. 
In  einigen  anderen  Verbalformen  hat  aber  die  Lenzer  Wische  ebenso 
wie  das  Gebiet  nördlich  der  3  a -Linie  Umlaut,  das  Gebiet  südlich 
wiederum  keinen  Umlaut:  ,8uchte,  gesucht;  kaufte,  gekauft;  wusste, 
gewusst;  stand'  heissen  nördlich:  zöxt^  köft,  väst,  st  im,  südlich:  zoxt, 
^oftj  vustj  stiin.    Im  io/]^- Gebiete  heisst  ünä  ,unter':  und. 


78 

3c.     Einzel- Wörter  und  -Wortformen. 

Nördlich  der  -m  :  von  Linie  heisst  in  WPri  der  ,Staar'  i^pre  (wie 
in  Meckl.)j  der  Frosch  jmx  bezw.  j)ok'  (s.  §  8,  11).)  —  südlich:  .^^töa 
und  höjHi.  In  der  "ganzen  Pri  heissen  nördlich  der  3  a-Linie :  ,ich 
habe'  ikhef,  ,nieder,  herunter'  dal  (s.  §  Hl),  ,wer'  (Fragewort)  rekd 
(s.  §  352  Anm.)  —  südlich:  ik  hep,  mlj  rd. 

4  a.  Etwa  eine  Meile  südlicher,  so  dass  Wilsnack  jetzt  nördlich 
bleibt,  fängt  die  Linie  an,  die  die  Gebiete  scheidet,  in  denen  g  vor 
Vokalen  geblieben  oder  aber  zu  J  geworden  ist.  Wilsnack  liegt  noch 
im  jr-Gebiet,  spricht  selbst  als  Stadt  aber  j  (S  9).  Sie  fängt  an  bei 
Abbendorf  a.  d.  Elbe,  geht  über  Legde  (beide  sprechen  /)  vereinigt 
sich  bei  Gr.-Leppin  (das  vor  dunklen  Vokalen  noch  g  spricht)  mit 
der  vorigen,  und  geht  mit  ihr,  jetzt  nordöstlich,  bis  Blumenthal. 
Von  hier  nimmt  sie  einen  ganz  anderen  Verlauf.  Während  Linie  3 
von  nun  an  sich  parallel  zu  der  Landstrasse  Wittstock-Zechlin  hinzog, 
geht  Linie  4  in  nordöstlicher  Richtung  weiter,  schneidet  die  Land- 
strasse Pri  tz  walk -Wittstock  zwischen  Alt-Krüssow  und  Techow  und 
weiterhin  die  meckl.  Landesgrenze  östlich  von  Wulfersdorf.  Es  bleiben 
also  in  OPri  Gr. -Welle,  Lindenberg,  Kehrberg^  KL-  und  Gr.-Wolters- 
dorf,  Bölzke,  Pritzwalk,  Kemnitz,  Krüssow,  Wilmersdorf,  Bläsendorf, 
Wulfersdorf  westlich  der  Linie  (^-Gebiet);  Dannenwalde,  Schönebeck, 
Blumenthal,  Techow -Wittstock,  Maulbeerwalde,  Zaatzke,  Wernikow 
östlich  der  Linie  (J-Gebiet);  doch  sprechen  die  drei  letzten  Dörfer 
vor  dunklen  Vokalen  noch  g. 

Anm.  1  Die  Fortsetzung  dieser  Linie  teilt  auch  die  Altmark  in  ein 
^r-Gebiet  und  ein  ^-Gebiet.  Es  gebort  ferner  nicht  nur  die  WPri  und  OPri, 
sondern  ganz  Brandenburg  südlich  und  östlich  dieser  Linie  dem  ^-Gebiet  an. 
Das  berühmte  j  der  Berliner  in  ^ü^  und  jans  ist  also  kein  verdorbenes  Hoch- 
deutsch, sondern  ebenso  wie  z.  B.  das  k  und  t  in  ik  und  dkt  und  das  e  in  bön 
Bein  eine  überkommene  Erbschaft  aus  der  ursprünglichen  niederdeutschen  Mandart. 
Vgl.  Mackel,  Herrigs  Archiv  CIX,  386. 

Anm.  2.  Es  ist  also  nicht  tiberall,  wo  intervokales  d  >  j  geworden  ist, 
auch  g  vor  Vokalen  >  j  geworden.  Gr.-Ltiben,  Kletzke  (WPri),  Gr. -Welle, 
Tuchen  (OPri)  z.  B.  sagen  gös^  gts  Gans,  Gänse,  aber  Im,  brZin  Leute,  brüten. 
Inlautendes^  vor  Vokal  ist  überhaupt  nur  im  südlichsten  Gebiet  der  Pri  zu  j 
geworden,  dort,  wo  brüten  br^m  heisst:  in  Glöwen,  Herzsprung  z  B.  heisst 
Wagen  noch  vi^m^  pflügen  noch  plbgm. 

4  b.  Im  Anschluss  hieran  behandle  ich  die  schwierige  Gruppe 
der  Wörter  ,mähen,  drehen,  säen  und  blühen'  u.  s.  w. 

a)  Einige  Orte  hart  an  der  meckl.  Grenze  in  OPri  (Suckow, 
Porep,  Meyenburg)  und  das  südlichste  Dorf  der  WPri  Jederitz  (zwischen 
Havel  und  Elbe)  sprechen  wie  Meckl.  inäidn,  Partiz.  7ndit.  In  letzterem 
Dorfe  ist  dieses  mimn  aus  mäjdn  entstanden  wie  h^äian  gekriegt  aus 
kräJ97i  (s.  §  8  b). 

ß)  Abgesehen  davon  sprechen  alle  Orte  nördlich  der  Landstrasse 
Wittenberge- Perleberg -Pritzwalk  und  westlich  der  Linie  4  a  ma9n 
(wie  im  Hd.),  blöydn  bezw.  blo9n  (letzteres  im  monophthongischen 
Gebiet);  Partiz.:  wa^;  blöyt,  bißt. 


79 

In  dem  Gürtel  zwischen  der  Landstrasse  Wittenberge-Pritzwalk 
und  der  Linie  4  a  bis  Bluraenthal,  von  Blumenthal  ah  östlich  der 
Linie  4  a  und  nördlich  der  Linie  3  a  heisst  es  mäT^on,  mhct,  hloyn, 
hioxt  im  -i'^w-Gebiete,  mä-y,  m^jct,  f^lo-y,  hloxt  im  -w-Gebiete,  letzteres 
also  um  Techow,  Wittstock,  Zechlin  herum.  Das  Gebiet  südlich 
der  Linie  4  a  in  WPri,  3  a  in  OPri  sagt  mä-in,  mä-it,  hlo-iv,  b/ö-it, 
der  südlichste  Teil  der  Pri  sogar  mäj9n  —  mä4t;  hlojdti  —  hlo-it 
Vgl.  §  123. 

5.     Die  Gans -Linie. 

Diese  Linie  bildet  den  Übergang  zu  den  vertikalen  Linien,  und 
man  könnte  sie  wohl  auch  schon  zu  letzteren  rechnen.  Sie  beginnt 
weiter  südlich  als  die  Linie  4,  —  bei  Havelberg,  —  geht  zunächst 
nördlich  über  Glöwen  und  vereinigt  sich  bei  Kunow  mit  der  Linie  4, 
sodass  sie  wie  diese  nun  in  nordöstlicher  Richtung  weitergeht,  die 
Landstrasse  Pritzwalk -Wittstock  zwischen  Krüssow  und  Techow  und 
die  mecklenburgische  Landesgrenze  östlich  von  Wulfersdorf  schneidet. 
Das  Gebiet  westlich  und  nordwestlich  spricht  (ßous  —  göy^  (im 
diphthongischen  Gebiet),  gös  —  </8s  resp.  jös  —  /os  im  monophthon- 
gischen Gebiet,  und  zwar  jös  —  yos  dort,  wo  g  vor  Vokalen  überhaupt 
zu  ,/  geworden  ist  (s.  Linie  4  a),  d.  h.  im  südlichen  Teil  von  WPri, 
soweit  das  n  geschwunden  ist.  Östlich  und  südöstlich  der  Linie  heisst 
es  gmis  —  gäm  oder  auf  einem  viel  grösseren  Gebiet  jans  —  jäm. 
Die  Grenze  ist  nicht  scharf;  in  einem  Gürtel  von  1  Meite  Breite  sind 
Doppelformen  gebräuchlich.  Die  Form  mit  n  dringt  unter  dem  Einfluss 
des  Hochdeutschen  und  der  Städte  sichtlich  vor.  In  Gr.-Leppin, 
Maulbeerwalde  heisst  die  Einzahl  gös^  die  Mehrzahl  jctn%  in  Gr.-Welle 
wird  gös  —  //ßs  neben  gans  —  gaü^  gesprochen,  letzteres  haupt- 
sächlich von  den  Jungen;  in  Bölzke,  Bläsendorf,  Wulfersdorf  heisst 
die  Einzahl  gös^  die  Mehrzahl  gb^  und  gäm. 

Anm.  Die  Wenkersche  Gänse -Karte  gibt  das  Verhältnis  im  ganzen 
richtig  an. 

§  8.     Die  vertikalen  Sprachlinien. 

1  a.  Diese  Linie  folgt  fast  genau  der  Grenze  zwischen  WPri 
und  OPri.  In  WPri  lautet  die  2.  und  3.  P.  Sing.  Praes.  und  das 
Part.  Praet.  von  den  Wörtern  hem  haben,  zeyy  sagen,  leyy  legen 
Imt^  hat  —  läxst^  läxt  —  zäxst,  zäxt,  in  OPri  hest^  het\  lexst^  lext; 
zexst,  zext.  (Es  geht  hier  also  OPri  mit  Meckl.  zusammen,  s.  §  6,  4.) 
Die  Grenze  ist  haarscharf;  die  Grenzdörfer  haben  Spottverse  auf- 
einander, z.  B.  Tuchen  und  Vieseke.  In  WPri  heisst  ,12*  tivöhn,  in 
OPri  twälm. 

1  b.  Die  Kreisgrenze  ist  auch  die  Scheide  zwischen  einzelnen 
Wörtern.  ,Frosch'  —  ,Kröte'  heissen  im  nördlichen  Teil  der  WPri 
poji\  pok  —  htiks^  im  südlichen  Teil  der  WPri  pat  —  huks ;  in  ganz 
OPri  höpä  —  huks\  höpä  ist  also  spezifisch  ostprignitzisch ;  es  scheint 
aber  vorzudringen  und  wird  bei  Havelberg  auch  schon  in  einigen 
westprignitzischen    Grenzdörfern    gebraucht.     In  Westfalen   ist  pogge 


80  ' 

da  unbekannt,  wo  es  holländischen  Charakter  annimmt;  vergl.  über 
pogge  und  höpper  in  Westfalen  Seelmann,  Gerhard  v.  Minden,  Einl. 
XX  und  S.  187.  Der  ,Storch'  heisst  in  WPri  hei-nodä,  in  OPri  knäjpnd. 
In  Havelberg  und  den  südlich  davon  gelegenen  Dörfern  wird  hei-nödä 
nicht  mehr  gebraucht;  doch  ist  es  noch  bekannt,  und  bei  Havelberg 
gibt  es  einen  Hei-nodä -Berg,  Man  sagt  hier  jetzt  stork  oder  das 
hd.  storx  oder  knäpnä. 

Für  andere  Lauterscheinungen  und  Wortformen  ist  die  Kreis- 
grenze nur  partiell  die  Scheide.  Ganz  OPri  sagt  stöt^  kleivä^  kledän 
Stute,  Klee,  klettern,  die  grössere  nördliche  Hälfte  der  WPri  stüt^ 
klevä^  klärän.  Ganz  OPri  sagt  stöä  Staar,  die  grössere  nördliche 
Hälfte  von  WPri  spre.  Linie  2  zeigte,  dass  der  nördlichste  Teil  der 
WPri  intervokales  d  in  r  verwandelt  hat.  .Diesen  Wandel  kennt  OPri 
überhaupt  nicht.  Ferner  sagt  die  nördliche  WPri  born  Boden,  rif 
—  rim  Rippe  —  Rippen,  briix  —  brüyy  Brücke,  Brücken,  während 
die  südliche  WPri  und  ganz  OPri  bodn,  rip  —  ripm^  brük  —  brühj 
sagt  (s.  §  7,  2  c). 

2.  s  in  den  anlautenden  Verbindungen  sl^  sm^  sn^  sw^  st^  sp 
wird  in  der  ganzen  WPri  und  in  der  westlichen  Hälfte  von  OPri  wie 
s  gesprochen;  in  der  östlichen  Hälfte  von  OPri  s.  Die  ungefähre 
Grenze  geht  von  Vehlgast  a.  d.  Havel  nach  Norden  übei*  Breddin, 
Barentin,  Dannenwalde,  wendet  sich  dort  nach  Nordosten  und  ver- 
einigt sich  nun  mit  den  Linien  4  und  5  (§  7),  schneidet  also  die 
Landstrasse  Pritzwalk -Wittstock  zwischen  Krüssow  und  Techow  und 
geht  in  derselben  Richtung  weiter,  aber  eher  etwas  östlicher,  bis  zur 
meckl.  Landesgrenze.  Diese  Linie  ist  aber,  wie  gesagt,  nur  ungefähr. 
Von  Osten  und  Süden  her  dringt  s  unaufhaltsam  vor;  alle  Städte, 
auch  die  der  WPri,  sprechen  s  und  verbreiten  es  ihrerseits.  Ganz 
für  s  gewonnen  ist  das  Land  östlich  der  Dosse.  Aber  auch  die  Dörfer 
in  weitem  Umkreise  um  Wittstock  und  Kyritz  sprechen  s]  Düpow  bei 
Perleberg  spricht  durchweg  .<?,  sonst  ist  in  den  Dörfern  der  WPri  und 
in  den  Dörfern  um  Pritzwalk  (OPri)  s  noch  fest;  zurückkehrende 
Soldaten  und  Dienstmädchen  geben  s  meist  wieder  auf. 

Anm.  Die  Wenker'sche  ,8chIafen'-Karte  lässt  hier  ganz  im  Stich.  Das 
ganze  Gehiet  der  Pri  ist  als  schloap-Q ehiet  bezeichnet;  sl  und  szl  sind  mit 
besonderen  Zeichen  eingetragen;  viele  Dörfer,  die  sl  sprechen,  sind  mit  sl 
angegeben.  Die  Lehrer  sprechen  eben,  selbst  wenn  sie  plattdeutsch  können, 
alle  sl.     Mir  selbst  wird  es  schwer,  noch  sl  zu  sprechen. 

§  8  a.  Man  könnte  nach  obigen  Ausführungen  folgende  Dialekt- 
grenze innerhalb  der  Pri  ansetzen:  sie  beginnt  an  der  meckl.  Landes- 
grenze in  OPri  östlich  der  Wittstocker  Heide,  schneidet  die  Land- 
strasse Pritzwalk-Wittstock  zwischen  Krüssow  und  Techow  und  zieht 
sich  in  südwestlicher  Richtung  auf  Gr.-Welle-Kunow  zu,  wo  sie  die 
WPri  erreicht.  Von  hier  zieht  sie  sich  in  westlicher  Richtung  bis 
an  die  Elbe.  Man  könnte  aber  auch  eine  Mundartenscheide  südlich 
der  Landstrasse  von  Wittenberge  nach  Wittstock  ansetzen.  Die 
Kriterien   südlich   dieser  Scheide   würden   sein:  j  für  intervokalcs  d 


81 

(2  a),  'imif  -T^en  für  -m^  -y  (3  a),  fehlender  Umlaut  in  Formen  wie 
kioit  gekonnt,  koft  gekauft,  Formen  wie  hej)  habe,  nä  nieder  (3  b,  3  c). 
Diese  Grenze  ist  vielleicht  deshalb  vorzuziehen,  weil  sie  die  Grenze 
zwischen  überwiegender  sächsischer  und  überwiegender  fränkischer 
Ansiedlung  angeben  könnte. 

§  8b.  Eine  besondere  Stellung  nimmt  das  Dorf  Jederitz  ein, 
das  einzige  Dorf  der  WPri,  das  zwischen  Havel  und  Elbe  liegt.  Es 
steht  mit  seiner  Mundart  vollständig  abseits  und  gehört  mundartlich 
zum  sächsischen  Kreise  Jerichow.  Eine  Darstellung  der  Mundart  von 
Jederitz  würde  Seiten  umfassen.  Ich  begnüge  mich  hier  folgendes 
festzustellen,  v  <  b  wird  stets  >  u  aufgelöst.  Während  die  Nachbar- 
dörfer der  Pri  sagen  ^rivdtiy  jävdUy  stärvdti,  väftöy,  ämn,  swalt  schreiben, 
geben,  sterben,  Webstuhl,  Ofen,  Schwalbe,  sagt  Jederitz  ärlun^  jäun, 
stärun,  äun,  väutöy,  swalo,  (Vgl.  Krause,  Mundart  des  Kreises 
Jerichow  I,  Nd.  Jb.  XXV,  45.)  Aber  auch  mnd.  g  in  der  Umgebung 
dunkler  Vokale  wird  zu  M;  z.  B.  in  fänl  Vogel,  wobei  wir  zunächst 
einen  Übergang  von  g  >  v  annehmen  müssen.  Ist  aber  vormals  vor 
hellen  Vokalen  g  >  j  geworden,  so  hat  sich  dieses  j  mit  dem  vorauf- 
gehenden Vokal  zu  einem  Diphthongen  verbunden:  lügen  heisst  lögon, 
gegen  jcUn^  kriegen  kräin,  Egge  äit  <  ärt.  (Vgl.  Krause,  Nd.  Jb. 
XXI,  65;  XXII,  6,  13.)  Die  Jederitzer  haben  in  der  Umgebung 
denn  auch  den  Spitznamen  Kräi-ä, 

§  9.  Die  Mundart  wird  ausnahmslos  von  jedem  Dorfbewohner 
gesprochen.  Die  Kinder  lernen  das  Hochdeutsche  erst  in  der  Schule; 
die  Erwachsenen,  namentlich  die  Frauen,  sprechen  hochdeutsch  nur 
im  Notfalle,  manche  nicht  einmal  vor  Gericht.  Die  vielen  ein- 
gedrungenen hd.  Lehnwörter  werden  als  solche  nicht  gefühlt  und 
haben  die  innere  Struktur  der  Sprache  nicht  verändert.  Es  ist  nicht 
anzunehmen,  dass  auf  dem  Lande  die  Schriftsprache  das  Nieder- 
deutsche schon  in  diesem  Jahrhundert  verdrängt. 

Anders   ist   es   in   den  Städten.     In  den  kleineren  Ackerbürger- 
städten, namentlich  in  der  nördlichen  Pri,  wie  Lenzen,  Putlitz,  Meyen- 
burg,   Freyenstein,   ebenso   in  Wilsnack  sprechen   allerdings  auch  die 
Ackerbürger  unter  sich  noch  vielfach  platt.     In  den  grösseren  Städten 
aber  mit  ausgedehnterem  Handel,  grösserer  Beamtenschaft,  Garnison, 
höherer    Schule,    wie    Wittenberge,    Perleberg,    Pritzwalk,    Wittstock, 
Havelberg,    Kyritz   ist   das  Hd.    siegreich  vorgedrungen,   und   nur  im 
kleineren  Handwerkerstande   und  von   den  Arbeitern  wird   dort   noch 
platt  gesprochen.     Doch  kann  man  sagen,  dass  auch  in  diesen  Städten 
fast  noch  jeder  Eingeborene   platt  sprechen  kann   oder  es  doch  ver- 
steht.    Auch    ist    dem    Hochdeutschen    der    Stempel    der    heimischen 
Mundart    aufgedrückt:    die    Modulation,    das    langsame    Tempo,    der 
dumpfe   Klang  des   ä  und   ä;    die   vokalische   Aussprache   des   End-r 
(=  kurz  ä)  kennzeichnen  es.     Die   unteren   Stände   lassen   auch  das 
End-e  noch   vielfach  weg    {dt   lamp    die   Lampe);    die   Dorfbewohner 
sprechen,  wenn  sie  hochdeutsch  sprechen,  es  e  statt  als  kurzes,  offenes  iL 
Die  hochdeutschen  Diphthonge  «/;  au,  du,  namentlich  aber  äif,  werden 

Niederdeutsches  Jahrbuch  XXXI.  6 


82 

von  vielen  nicht  richtig  getroffen;  Dorfbewohner,  die  hd.  sprechen, 
ersetzen  sie  vielfach  durch  die  heimischen  engeren  ei^  ou,  öy,  Städter 
setzen  sie  vielfach  überweit  ein.  Allgemein  wird  in  den  Städten 
s  impurum  als  s  gesprochen,  g  vor  Vokalen  meistens  wie  jy  auch 
dort,  wo  g  im  Niederdeutschen  erhalten  ist,  wie  in  Lenzen,  Putlitz, 
Meyenburg  (s.  §  7,  4).  Auch  dringt  für  an-  und  inlautendes  r  das 
Zäpfchen-r  vor.  Wo  Zungen-r  gesprochen  wird,  wird  es  wie  auf  dem 
Lande  mit  starker  Vibration  gesprochen. 

Anm.  Im  angrenzenden  Mecklenburg  sprechen  auch  in  den  Städten  die 
besten  einheimischen  Bürger  im  tranlichen  Verkehr  und  im  Wirtshaus  noch  gerne 
platt,  auch  die  Schüler  der  höheren  Lehranstalten  untereinander. 

§  10.  Von  älteren  Sprachdenkmälern  der  Prignitz  kann  ich 
nur  Urkunden  nennen;  sie  sind  zum  grössten  Teil  von  Riedel  im 
Codex  diplomaticus  Brandenburgensis  abgedruckt  (A  I,  II,  III,  XXV 
und  Supplementband).  Die  älteste  nd.  Urkunde  der  Prignitz  ist 
wohl  die  AI  S.  132  abgedruckte  Perleberger  Urkunde  aus  dem 
J.  1317.  Im  Perleberger  Stadtarchiv  befindet  sich  dann  noch  das 
sogen.  Rote  Buch,  das  grösstenteils  Ratsprotokolle  und  eine  Art 
Hypothekenregister  der  Stadt  Perleberg  enthält.  Es  beginnt  mit  dem 
Jahre  1480  (Riedel,  a.  a.  0.  A  I,  121  f.).  Femer  hat  0.  Vogel 
in  seiner  wertvollen  Programmabhandlung  ;,Zur  Geschichte  des  Perle- 
berger Schuhmacher-  und  Lohgerbergewerbes*^  (Perleberg  1898)  eine 
Perleb.  Zunftrolle  vom  J.  1353  und  einen  Schuhknechtsbrief  in  zwei 
Redaktionen  (vom  J.  1540  und  1546)  veröffentlicht.  Aus  meiner 
engeren  Heimat  kann  ich  aus  spätmittelniederdeutscher  Zeit  einige 
Bibelsprüche  und  persönliche  Angaben  anführen,  die  in  Kirchenstühle 
eingeritzt  waren  und  aus  dem  16.  Jh.  stammen.  Die  Boberower 
Stühle  sind  jetzt  nicht  mehr  erhalten ;  die  Inschriften  auf  ihnen  finden 
sich  aber  z.  T.  abgedruckt  bei  Ulrici,  Die  Prignitz  und  die  Stadt 
Lenzen,  Perleberg  1848,  S.  220;  in  dem  Nachbardorfe  Warnow 
existieren  Stühle  mit  ähnlichen  Inschriften  noch. 

Die  nd.  Urkunden  Brandenburgs,  auch  die  Prignitzer,  hat 
sprachlich  untersucht  B.  Graupe  in  seiner  trefflichen  Dissertation: 
De  dialecto  Marchica  quaestiunculae  duae,  Berlin  1879.  Die  Fest- 
stellungen Graupes  hat  dann  verwertet  und  durch  eigene  Einsicht 
brandenburgischer  Urkunden  erweitert  Tümpel  in  seinen  Ndd.  Studien. 
Aus  den  Urkunden  Berlins  von  1300 — 1500  hat  die  mittelniederdeutsche 
Mundart  des  alten  Berlins  darzustellen  versucht  M.  Siewert  in 
seiner  Würzburger  Promotionsschrift:  Die  niederdeutsche  Sprache 
Berlins  von  1300  bis  1500,  abgedruckt  im  Nd.  Jb.  29,  65  ff.  Die 
fleissige  Arbeit  ist  hier  aufzuführen,  da  der  Sprachstand  der  Urkunden 
Berlins  aus  mnd.  Zeit  nur  sehr  wenig  von  dem  der  Urkunden  der 
Pri  abweicht,  vgl.  Seelmann,  der  Berliner  Totentanz,  Nd.  Jb.  21, 
S.  91.  Die  die  Pri  betreffenden  Urkunden  habe  auch  ich  eingehend 
durchgesehen  und  bin  zu  der  Überzeugung  gekommen,  dass  diese 
Urkunden  wesentlich  nur  über  den  mittelprignitzischen  Wortbestand 


S3 

Auskunft  geben  können,  dass  sie  aber  für  die  Feststellung  des  Laut- 
standes jener  Zeit  mit  der  äussersten  Vorsicht  zu  benutzen  sind. 
Wir  wissen  oft  nichts  ob  wir  es  mit  dem  Originale  oder  mit  späteren 
Abschriften  zu  tun  haben;  wir  wissen  nicht,  ob  der  Schreiber  aus 
der  Prignitz  stammt.  Und  wenn  wir  das  auch  wüssten:  es  gab  eine 
Art  mnd.  Schrift-  und  Gemeinsprache,  deren  Gleichförmigkeit  vielfach 
dialektische  Unterschiede  der  Volkssprache  aufhob;  und  in  den  Schulen 
wurde  eine  traditionelle  Rechtschreibung  gelehrt,  die  für  weite  Gebiete 
massgebend  war.  Es  gilt,  was  Seelmann  in  den  von  ihm  und 
Bolte  herausgegebenen  niederdeutschen  Schauspielen  älterer  Zeit 
S.  3  sagt:  ^Die  sprachlichen  Unterschiede  im  Mittelalter  auf  nd. 
Gebiet  kommen^ in  den  Schriftdenkmälern  unter  dem  Einflüsse  der 
ausgleichenden  mnd.  Schrift  und  Schriftsprache  nur  in  sehr  beschränktem 
Masse  zum  Ausdruck.^  Vgl.  auch  Seelmann  in  der  Festschrift  der 
Gesellschaft  für  deutsche  Philologie,  Berlin  1902,  S.  69  und  s.  noch 
Tümpel,  Niederdeutsche  Studien  S.  7  ff.  und  S.  126  ff.  Im  besonderen 
ist  noch  zu  sagen:  es  gibt  so  leicht  keine  Prignitzer  Urkunde,  in  der 
sich  nicht  dasselbe  Wort  in  verschiedener  Schreibung  finde;  die 
Sprache  der  Urkunden  aus  dem  14.  Jh.  weicht  von  denen  aus  dem 
16.  Jh.  nicht  ab. 

Streng  methodisch  wäre  ich  verpflichtet  gewesen,  alle  angeführten 
Wörter  und  Formen  der  Mundart  der  Prignitz  mit  mittelprignitzischen 
oder  doch  mittelbrandenburgischen  zu  belegen.  Das  wäre  nun  einer- 
seits durchaus  nicht  möglich  gewesen,  anderseits  aber  hätte  ich  zum 
besseren  Verständnis  der  Erscheinungen  in  einem  fort  auf  das  Alt- 
sächsische zurückgehen  müssen.  Ich  habe  daher  einen  anderen  Weg 
eingeschlagen.  Ich  gehe  vom  Altsächsischen  (as.)  aus,  wenn  dieses  die 
heutige  Form  erklärt.  Wo  dieses  im  Stiche  lässt,  führe  ich  als 
Belege  die  allgemein  mittelniederdeutschen  (mnd.)  Formen  an,  wenn  sie 
mit  den  mittelbrandenburgischen,  so  weit  diese  belegt  sind,  über- 
einstimmen; nur  wo  es  von  besonderem  Interesse  war,  führe  ich  die 
mittelbrandenburgischen  (mbr.)  Formen  an.  Für  die  neuere  Zeit 
liegt  einiges  wertvolle  Material  vor.  Auf  der  Königl.  Bibliothek  zu 
Berlin  ist  ein  handschriftliches  Prignitzer  Idiotikon  aufbewahrt, 
das  mit  dem  §  7  S.  75  erwähnten  Bratring'schen  altmärkischen 
Idiotikon  zusammengebunden  ist.  Von  diesem  Idiotikon  hatte  Höfer, 
Märkische  Forschungen  I  einen  Auszug  veröffentlicht.  Eigene  Unter- 
suchung ergab,  dass  dies  von  einem  Prediger  Hindenberg  Ende  des 
18.  Jh.  niedergeschriebene  Idiotikon  etwa  100  prignitzische  Ausdrücke 
enthält,  die  dem  aus  der  Mittelmark  stammenden  Verfasser  in  der 
Prignitz  besonders  aufgefallen  sind.  Bei  genauerer  Nachforschung  nach 
dem  Verfasser  stellte  es  sich  leider  heraus,  dass  es  um  dieselbe  Zeit 
zwei  Prediger  Hindenberg  gegeben  hat,  zwei  Brüder,  aus  Haselberg 
bei  Wrietzen  a.  d.  0.  stammend.  Der  eine  war  Prediger  in  Cumlosen 
a.  d.  Elbe  (WPri  1763—1782),  dann  Oberprediger  in  Kyritz  (OPri 
1782 — 1821),  der  andere  war  Prediger  in  Techow-Heiligengrabe  (1772 
bis  1803).     So  war  es,  da  im  Manuscript  der  Vorname  des  Verfassers 

6* 


84 

nicht  angegeben  ist,  leider  unmöglich,  mit  Sicherheit  festzustellen, 
welcher  von  beiden  das  Idiotikon  abgefasst  hat,  ob  dieses  also  aus 
WPri  oder  OPri  stammt.  Für  ,Staar'  gibt  er  spree  und  für  ,Gans' 
gose  an.  Das  passt  genau  für  Cumlosen.  Techow  sagt:  stoä  und 
wenigstens  jetzt  janSj  ebenso  Kyritz  (§  7  S.  78  u.  S.  79).  Bei  adebaar 
Storch  merkt  er  an:  so  sagt  man  hier  und  in  der  Altmark:  Cumlosen 
ist  von  der  Altmark  nur  durch  die  Elbe  getrennt.  Bei  Hädetvekken 
(eine  gewisse  Art  Semmel)  erwähnt  er  das  Bassewitzfest  in  Kyritz. 
Für  ,Frosch'  gibt  er  höpper  an:  das  ist  eine  der  OPri  eigentümliche 
Bezeichnung  (§  7  S.  79).  Es  scheint*,  dass  der  Cumloser  Hindenberg 
der  Verfasser  ist,  dass  er  aber  das  Idiotikon  erst  in  Kyritz  nieder- 
geschrieben hat. 

Ungefähr  aus  derselben  Zeit  wie  dieses  Idiotikon  stammt  eine 
uns  angehende  Abhandlung,  die  dadurch  von  besonderem  Werte  für 
uns  ist,  dass  der  Verfasser  aus  meinem  Heimatsdorfe  Boberow  stammt: 
es  ist  der  bekannte  Pädagoge  Friedrich  Gedike  (geb.  1754),  der 
Begründer  des  Abiturientenexamens.  Er  hat  in  den  ^Beiträgen  zur 
deutschen  Sprachkunde"  Berlin  1794  einen  noch  jetzt  lesenswerten 
Aufsatz  über  deutsche  Dialekte  veröffentlicht.  In  diesem  führt  er 
von  S.  311  an  eine  Reihe  von  Wörtern,  Wendungen  und  Sprich- 
wörtern aus  dem  Niederdeutschen  an.  Doch  stammen  sicherlich  nicht 
alle  Beispiele  aus  Boberow.  Gedike  hat  seine  Schulbildung  in  See- 
hausen i.  d.  Altmark  und  in  ZüUichau  genossen.  Auf  Züllichau 
weisen  z.  B.  mire  und  emse  für  Ameise.  Boberow  und  die  gesamte 
Pri  sagt  ämk  und  ämk. 

Aus  der  Stadt  Pritzwalk  (OPri)  stammen  zwei  Männer,  die 
beide  Gedichte  in  der  niederdeutschen  Mundart  ihres  Geburtsortes 
verfasst  haben:  K.  H.  G.  Witte,  geb.  1767,  der  Vater  des  Wunder- 
kindes Karl  Witte,  und  Gustav  Jung,  geb.  1797.  Über  letzteren 
vgl.  Nd.  Jb.  22,  S.  85.  Die  drei  Gedichte  Wittes  sind  abgedruckt 
bei  Firmenich,  Völkerstimmen  B.  I;  das  älteste  stammt  aus  dem 
Jahre  1833.  Jung  hat  1849  einen  Band  Gedichte  unter  dem  Titel: 
Gedichte  in  plattdeutscher  Mundart,  Berlin  1849  veröffentlicht;  das 
älteste  stammt  aus  dem  Jahre  1848.  Nach  Ausweis  des  Neuen 
Nekrologs  der  Deutschen  B.  23  (1845)  hat  Witte  auch  ein  Nieder- 
sächsisches ABC-  und  Lehrbuch  verfasst  (Hamburg  und  Mainz  1803); 
ich  habe  dieses  Buch  trotz  eifrigster  Bemühungen  nicht  ausfindig 
machen  können. 

Einige  kurze  ndd.  Sprüche  aus  Havelberg  sind  bei  Firmenich, 
B.  III,  S.  120  abgedruckt.  Das  S.  121  unter  Kleinow  bei  Perleberg 
angegebene  Lied  „Hermann  slög  Lärm  an^,  das  auch  in  der  Lenzener 
Gegend  gesungen  werden  soll,  ist  in  der  Prignitz  nur  literarisch 
bekannt. 

Eine  längere  Spukerzählung  in  angeblich  ostprignitzischer  Mundart 
findet  sich  in  dem  von  Engelien  und  Lahn  Berlin  1868  heraus- 
gegebenen Buche:  Der  Volksmund  in  der  Mark  Brandenburg  S.  64  ff. 
Die  Geschichte    spielt  in   Schweinerich,    einem  Dorfe   zwischen  Witt- 


85 

stock  und  Zechlin,  und  nach  den  Eingangsworten  ist  der  Erzähler 
Lehrer  Suchsdorf  zu  Walchow  bei  Fehrbellin.  Der  Erzähler  ist  zu 
Schweinerich  geboren,  die  angewandte  Mundart  entspricht  aber  mehr 
der  in  Fehrbellin  als  der  in  Schweinerich  gesprochenen. 

Neuerdings  hat  die  Prignitz  einen  treiHichen  Dialektdichter  in 
H.  Graebke  aus  Lenzen,  jetzt  in  Berlin,  gefunden.  Er  hat  eine 
Reihe  Dichtungen  nach  Art  der  Läuschen  un  Rimels  von  Reuter 
verfasst,  von  denen  einige  seinem  grossen  Vorbilde  nicht  viel  nach- 
geben.  Er  hat  bisher  veröffentlicht  1)  Prignitzer  Kamellen  un 
Hunnenblömer,  Zürich  1896,  2)  Prignitzer  Vogelstimmen,  Berlin  1902. 
Der  Verfasser  bedient  sich  der  gemeinniederdeutschen  Rechtschreibung, 
die  Groth  und  Reuter  schaffen  halfen. 


Phonetische  Darstellung  der  Laute. 

A.    Allgemeines. 

§  11.  Der  Prignitzer  ist  wortkarg  und  erscheint  als  sprechfaul. 
Der  schweren  Lebensauffassung,  der  Nüchternheit  der  Gefühls- 
äusserungen, der  Schwerfälligkeit  und  dem  Phlegma  der  Bewegungen 
entspricht  ein  langsames  Tempo  der  Rede,  das  besonders  dann  auf- 
fällt, wenn  er  hochdeutsch  spricht. 

§  12.  Artikulationsbasis.  Der  Kehlkopf  liegt,  wenn  ich 
recht  sehe,  ein  wenig  tiefer  als  normal.  Die  Hinterzunge  berührt  in 
der  Ruhelage  den  harten  Gaumen  nicht  (s.  dagegen  Heilig  §  8). 
Die  Vorderzunge  berührt  mit  einem  breiten  Saume  die  mittleren 
Alveolen,  während  die  Zungenspitze  auf  der  Schneide  der  Unterzähne 
ruht.  Schon  daraus  geht  hervor,  dass  die  vorderen  Unterzähne  hinter 
den  vorderen  Oberzähnen  liegen.  Legt  man  die  Schneidezähne  auf- 
einander und  bringt  dann  den  Mund  in  die  normale  Ruhelage,  so 
weicht  der  Unterkiefer  ungefähr  3  Millimeter  zurück  und  steigt  zu 
gleicher  Zeit  um  etwa  1^/2  Millimeter,  so  dass  die  oberen  Schneide- 
zähne fast  3  mm  (die  oberen  Eckzähne  noch  1  mm)  in  wagerechter 
und  1  mm  in  senkrechter  Richtung  über  die  Unterzähne  hinausragen. 
Die  untere  Zahnreihe  liegt  somit  ziemlich  weit  zurück,  was  für  die 
Tonbildung  um  so  entscheidender  ist,  als  der  Unterkiefer  beim 
Sprechen  nicht  vorgeschoben  wird. 

§  13.  Die  Muskulatur  des  Kehlkopfes  ist  im  allgemeinen  rege 
und  der  Stimmton  häufig.  Im  Ansatzrohr  selbst  aber  ist  bei  der 
Lautbildung  die  Muskelspannung  nicht  stark.  Die  Zungenartikulation 
ist  schlaff  und  träge ;  die  Zunge  neigt  eher  dazu,  sich  zu  senken  und 
zu  verbreitern  (abzuflachen),  als  sich  zu  verengern  und  vorzustrecken; 
das  Zurückziehen  ist  häufig,  geht  aber  nicht  energisch  vor  sich.  Der 
Unterkiefer  wird  weder  vor-  noch  zurückgeschoben,  sondern  einfach 
gesenkt.  Er  wird  aber  auch  bei  den  weiten  (offenen)  Vokalen  nicht 
allzusehr  gesenkt;    am  meisten  beim  ä:    hier  beträgt  der  senkrechte 


86 

Abstand  der  Vorderzähne  7 — 8  ram;  beim  ä  6  mm;  beim  ä  und  ä 
nur  noch  5 — 4  mm.  Auch  die  Beteiligung  der  Lippen  ist  nicht 
kräftig  und  Lippenrundung  nicht  häufig;  namentlich  verhält  sich  die 
Unterlippe  passiv;  sie  beteiligt  sich  so  gut  wie  gar  nicht  an  der 
Rundung.  Der  Mund  ist  infolgedessen  beim  Sprechen  nur  massig 
geöffnet.  Vorstülpung  der  Lippen  bei  gleichzeitiger  starker  Ein- 
ziehung des  Mundwinkels  findet  besonders  im  Affekt,  zum  Ausdruck 
des  Bedauerns,  des  Unwillens  und  des  flehentlichen  Bittens  statt. 
Es  klingt  dann  die  Stimme  etwas  tiefer.  In  affektloser  Rede  ist  die 
Vorstülpung  nicht  energisch,  stärker  bei  o,  ü,  ü  als  bei  ö,  u,  ü;  am 
stärksten  bei  ä  (also  einem  jüngeren  Laute).  Die  spaltförmige  Öffnung 
mit  Zurückziehung  der  Mundwinkel  und  Straffziehen  der  Lippen  ist 
in  unserer  Ma.  nicht  bekannt.  Im  allgemeinen  lässt  sich  sagen,  dass 
die  Artikulationsweise  des  Prignitzers  in  starkem  Gegensatze  zu  der 
straffen  des  Franzosen  steht. 

Mit  der  schlaffen  Zungenartikulation  hängt  besonders  zusammen 
der  Schwund  des  intervokalen  d  oder  sein  Wandel  zu  r,  j  (§  7,  2); 
der  Wandel  von  g  vor  Vokal  >  j  in  der  südlichen  und  östlichen 
Prignitz  (§  7,  4);  ferner  die  Reduktion  des  r  im  Auslaut  oder  vor 
alveolaren  Lauten  zu  kurzem  ä  (§  137;  s.  auch  Bremer,  Deutsche 
Phonetik  §  82,  2  und  §  134). 

§  14.  Der  Luftdruck  ist  beim  Einsatz  verhältnismässig  stark, 
nimmt  aber  sowohl  innerhalb  des  Wortes  als  auch  innerhalb  des 
Satzes  ab.  Mit  der  Abnahme  des  Luftdruckes  innerhalb  des  Wortes 
hängen  die  Assimilationen  von  mnd.  7nd,  nd,  yg,  Id,  rd  >  m(m),  nfn), 
y(y)}  Iß)}  *Y^>^  (§  283,  284)  zusammen,  mit  der  innerhalb  des  Satzes 
die  Erscheinung,  dass  im  einfachen  Aussagesatz  die  Stimme  stark 
sinkt.  Lange  Vokale  am  Ende  der  Silbe  und  namentlich  des  Wortes 
werden  nicht  geschnitten,  sondern  verklingen  allmählich,  ein  Um- 
stand, der  dem  Norddeutschen  die  Aussprache  der  scharf  abge- 
schnittenen Endvokale  im  Französischen  (z.  B.  in  parU,  parlait,  perdii) 
sehr  schwer  macht. 

Mit  der  allmählichen  Abnahme  des  Luftdruckes  im  Worte  hängt 
auch  die  wichtige  Erscheinung  zusammen,  dass  ursprünglich  inter- 
vokale stimmhafte  Reibelaute  nach  Verstummen  des  End-e  den 
Stimmton  verloren  haben,  d.  h.  zu  stimmlosen  Lenes  geworden  sind; 
also  müs  Mäuse;  deiv  Diebe;  veig  Wage  (§  17,  §  44). 

§  15.  Mit  der  Häufigkeit  der  weiten  (offenen)  Vokale,  mit  der 
geringen  Muskeltätigkeit  der  Vorder-  und  Mittelzunge,  dann  mit  dem 
Umstände,  dass  die  meisten  Vokale  etwas  weiter  nach  hinten  arti- 
kuliert werden  als  in  Mittel-  und  gar  Süddeutschland,  ja,  als  im 
Havellande  und  um  Berlin,  steht  die  charakteristische  Erscheinung 
im  Zusammenhange,  dass  die  meisten  Vokale  dumpf,  aus  der  Kehle 
herausklingen:  der  Resonanzraum  ist  eben  länger,  der  Eigenton  des 
ganzen  Ansatzrohres  kommt  häufiger  zur  Geltung.  Lifolge  der 
weiter  nach  hinten  gelegenen  Artikulation  klingen  ^;  t%,  ü  in  ge- 
schlossener  Silbe  fast  wie   enge   e,  o,   ö;  und  das   enge  e,  öj  Ü  des 


87 

Berliners  in   jSee',   ,tot',   ,8Ü8s',   fällt   dem   Prignitzer  auf.     (Bremer, 
a.  a.  O.  §  151.) 

§  16.  Die  Exspiration  ist  ungleichmässig,  d.  h.  betonte  und 
unbetonte  Silben  wechseln  miteinander  ab.  Die  Tendenz  des  Deutschen, 
die  Stammsilbe  zu  betonen,  so  dass  zwischen  2  betonten  Silben  Lücken 
entstehen,  entgegengesetzt  zum  Französischen,  das  eine  Silbe  in  die 
andere  hineinträgt,  ist  in  unserer  Mundart  stark  ausgeprägt.  Auf 
ihm  beruht  die  Dehnung  der  kurzen  Vokale  in  offener  Stammsilbe 
(§  183  ff.),  die  Überlänge  von  Vokalen  unter  gewissen  Bedingungen 
(§  17),  die  Schwächung  der  Vokale  in  Nebensilben  (§  118  ff.)  und 
in  zusammengesetzten  Wörtern  (§  120),  Synkope  (§  115)  und  Apokope 
(§  117)  von  unbetontem  e.  Zirkumflektierte  Betonung  kennt  unsere 
Mundart  nicht. 

Anm.     Der  exspiratorische  Akzent  wird   im   Folgenden   nicht  bezeichnet. 

§  17.  Es  können  6  verschiedene  Grade  der  Zeitdauer  bei  den 
Vokalen  unterschieden  werden. 

1)  Überlänge.  Überlang  sind  lange  Vokale  und  Diphthonge 
geworden,  wenn  nach  folgenden  ursprünglich  stimmhaften  Reibelauten 
ein  e  durch  Synkope  oder  Apokope  verstummt  ist.  Der  Reibelaut 
verliert  gleichzeitig  den  Stimmton  (§  14).  Überlänge  wird  bei  langen 
Vokalen  durch  ^,  bei  Diphthongen  nicht  bezeichnet.  Also:  mü§ 
Mäuse,  dkg  Tage,  deiv  Diebe;  litt  lebt,  gelebt,  Ikvt  lobt,  gelobt. 
Näheres  s.  §  227. 

Anm.  Die  More  des  verstummenden  e  wurde  von  dem  langen  Vokale 
mit  übernommen.  Es  wäre  vielleicht  genauer  zu  sagen,  dass  hinter  dem  sehr 
lang  gesprochenen  Vokale  bei  starker  Abnahme  des  Luftdruckes  sich  ein  über- 
kurzer  Gleitvokal  (*")  entwickele,  z.  B.  m^^s.  Dieses  ^  ist  besonders  vor  /  und  r 
wahrnehmbar. 

2)  Lange  Vokale  bezw.  Diphthonge,  z.  B.  küm  kaum,  vi7i 
Wein,  deif  Dieb. 

3)  Vor  stimmlosen  Explosiven  und  Reibelauten  im  Auslaut 
werden  ursprünglich  lange  l,  ü,  Ü  in  unserer  Mundart  vielfach  nur 
halblang  gesprochen,  z.  B.  t\t  Zeit,  blif  bleibe,  brüt  Braut.  Das  ^ 
in  hd.  atibieten  ist  etwas  länger  als  das  in  Pri  anhitn  anbeissen.  Es 
heisst  aber  döt,  bröt,  zep  Seife. 

Anm.  Zwischen  laugen  und  halblangen  Vokalen  wird  im  Folgenden  kein 
Unterschied  gemacht  werden. 

4)  Einfache  Kürze:  dah  Dach,  bret  Brett,  ik  ich,  pot  Topf, 
np  auf,  dät  das,  dass,  i)öt  Töpfe,  hüt  Hütte. 

Kurze  Vokale  sind  immer  offen. 

5)  Halbkurz  sind  im  allgemeinen  die  Vokale  in  unbetonten 
Silben,   z.  B.    in   der   zweiten   Silbe  von   honU  Honig,   bräm  Bretter. 

Anm.  Wir  weisen  ausdrücklich  noch  einmal  darauf  hin,  dass  a  in 
unbetonter  Silbe  nur  halbknrz  ist.     Halbkürze  bleibt  unbezeichnet. 


88 

6)  Üb  er  kurz  ist  u.  a.  der  aus  r  vor  Alveolaren  entstandene 
a-Laut.  Wir  werden  ihn  im  allgemeinen  durch  d  wiedergeben,  also 
dedn  Mädchen;  pödt  Pforte. 

§  18.  Die  Konsonanten  sind  im  allgemeinen  kurz.  Lang  sind 
sie  in  folgenden  Fällen: 

1)  ly  m,  riy  T  sind  lang,  wenn  nach  ihnen  ein  e  verstummt  ist, 
besonders  wenn  ein  e  nach  darauf  folgendem  Reibelaut  stumm  ge- 
worden ist,  z.  B.  i^eVt  schält,  swernt  schwimmt;  dann  häP^  Hälse, 
kräm  Kränze,  zor^"^  Sorge.     (Vergleiche  §  17,  1  und  §  294.) 

2)  n  und  m  <  nd,  md,  wenn  hinter  ndj  md  e  verstummt  ist, 
z.  B.  häm  Hemde,  hun  Hunde.  In  den  meisten  Fällen  sind  solche 
m  oder  n  aber  kurz  geworden,  z.  B.  wän  Wände;  hän  (neben  seltnerem 
hän)  Hände  (§  293). 

§  19.  Ein-  und  Absatz.  Vokale  werden  fest  eingesetzt, 
und  zwar  mit  Kehlkopfverschlusslaut  oder  Stimmritzenexplosion.  Im 
Zusammenhange  der  Rede  bleiben  diese  nur  nach  einer  Pause  bestehen. 

Der  gehauchte  Einsatz  wird  mit  h  bezeichnet.  Die  stimmlosen 
scharfen  Explosivlaute  p  —  t  —  k  werden  mit  stark  gehauchtem, 
stimmlosem  Einsatz  (aspiriert)  gesprochen,  wenn  ein  betonter  Vokal 
oder  r,  l,  n  folgen,  z.  B.  thün  Zaun,  phäl  Pfahl,  khöl  Kohl;  khrans 
Kranz;  khlöä  klar;  khnei  Knie.  (Vgl.  Bremer,  Deutsche  Phonetik 
§  129.)  Ich  lasse  diesen  Hauchlaut  unbezeichnet.  Im  Inlaut  vor 
unbetonten  Vokalen  unterbleibt  nicht  nur  die  Aspiration,  sondern  die 
Fortis  wird  zur  Lenis,  z.  B.  doxdä  Tochter. 

In  den  Verbindungen  sp,  st  werden  p  und  t  nicht  nur  nicht 
gehaucht  eingesetzt,  sie  explodieren  sanfter  und  sind  stimmlose  Lenes 
geworden. 

Die  Vokale  im  weiteren  Sinne,  also  auch  n,  l,  m  werden  leise 
abgesetzt  und  verklingen  allmählich  in  einen  leisen,  stimmlosen  Hauch. 
Auslautende  p,  t,  k,  auch  die  aus  h,  d,  g  entstandenen  (§  46),  werden 
nach  betonter  Silbe  stark  gehaucht  abgesetzt:  es  wird  beim  Ver- 
schlussabsatz der  Luftdruck  im  Moment  der  Explosion  verstärkt. 
Wir  sprechen  also  phunth  Pfund,  khinth  Kind.  Dieser  gehauchte 
Verschlussabsatz  ist  dann  besonders  stark,  wenn  durch  Synkope  eines 
e  zwei  t  zusammengetreten  sind.  Dann  explodiert  das  zweite  t  mit 
neuem  Luftdruck  sehr  stark  gehaucht.  Vgl.  z.  B.  zet  setze  und  zefth 
gesetzt.  Ich  lasse  auch  den  gehauchten  Absatz  unbezeichnet.  Vgl. 
Bremer,  a.  a.  0.  §  129  und  §§  176  und  177. 

§  20.  Silbengrenze  (d.  h.  Druckgrenze)  liegt  bei  langem 
Vokal  vor  dem  Konsonanten,  z.  B.  slä-pm  schlafen;  srz-m  schreiben. 
Nach  kurzem  betonten  Vokal  ist  die  Silbengrenze  durchaus  verwischt; 
sie  fällt  in  den  Konsonanten,  z.  B.  faln  fallen.  Von  zwei  ver- 
schiedenen Konsonanten  zwischen  Vokalen  gehört  der  erste  zur  ersten, 
der  zweite  zur  folgenden  Silbe. 

§  21.  Der  musikalische  Akzent.  Die  Stammsilbe  trägt  den 
musikalischen  Hauptton,  ausser  in  der  Frage,  wo  sie  den  musikalischen 
Tiefton  trägt.     Zwischen  den  einzelnen  Silben   sind  starke  Intervalle 


89 

(Septimen  sind  häufig);  doch  ist  in  der  südlichen  Prignitz  die 
Modulation  nicht  mehr  ganz  so  stark  wie  in  der  nördlichen.  Die 
Berliner  Aussprache  erscheint  als  monoton.  Im  Aussagesatz  sinkt 
der  Ton  gleichmässig,  am  meisten  bei  der  Einwendung  und  Zurück- 
weisung, überhaupt  überall,  wo  sich  ein  leiser  Unwille  einmischt. 
Dagegen  findet  bei  der  Frage  im  letzten  Worte  eine  starke  Er- 
höhung statt. 


B.    Die  Aussprache  der  einzelnen  Laute. 

I.     Tabellarische  Übersicht  der  Artikulation  der  Laute. 


§  22. 

Bachen 

Weicher  Gaumen 
hinterer  vorderer 

Harter  Gaumen 
hinterer  mittlerer 

Zahn- 
fleisch 

Ober- 
Zähne 

Ober- 
lippe 

Nasenlaute 

mit  vorderem 

Verschluss. 

y  (b) 

V  (b) 

n 

m 

Mund-Explosiv- 
laute. 
(Verschlusslaute) 

A-     </ 

Ä-     g 

t,  d 

Vy  ^ 

Reibelaute. 

^>  §>  5 

(ach  -  Laut) 

^>  §>  5  (=  X>  J) 
ich  -  Laut 

S;     S;    Zj 
V        V 

Sf  z 

f,V,  V 

T  laterale    Reibe- 
laute mit  vorde- 
rem   Verschluss. 

l 

Zitterlaute. 

Vj    f 

Überenge  Vokale 
(Halbvokale). 

• 

J 

w 

mit    voUstän- 
®  diger  Lippen- 

S        Öffnung. 

o 

> 

mit   mittlerer 

S)     (geringer) 
a       Lippen- 
öffnung. 

Of  11 

u 

• 

ST 
0;        // 

l 
Ü 

©  mit    voUstän- 
«  diger  Lippen- 
o       öffiiung. 

.^  mit   mittlerer 
^       Lippen- 
^       Öffnung. 

Oj  ä 

e,  ä 
0;  a 

.t!  ©     mit  voll- 
|]g     ständiger 
©  o     Lippen- 
ü         öffiiung. 

a,  h 

ä 

Zungen- 
wurzel. 

Hinter 

■zunge. 

Vorder- 
zunge. 

üntei 

•lippe. 

90 


II.     Die  Aussprache  der  Vokale. 

§  23.  Enges  l  (lang  oder  halblang)  ist  der  einzige  stets 
mouilliert  gebildete  Vokal  unserer  Mundart  (Bremer,  D.  Phon.  §  63  f. 
und  §  145).  Artikulationsstelle  ist  der  mittlere  harte  Gaumen. 
Jedoch  ist  die  durch  die  Hinterzunge  gebildete  Reibefläche  nicht  ganz 
so  lang,  die  Annäherung  der  Zunge  nicht  ganz  so  gross,  die  senk- 
rechte Entfernung  der  Mittellinie  der  Zunge  vom  Gaumen  nicht  so 
klein  wie  beim  süddeutschen  l.  Es  klingt  also  nicht  ganz  so  hell 
wie  das  letztere.  Die  Lippen  werden  nicht  spaltförmig  auseinander- 
gezogen, sondern  die  Oberlippe  wird  nur  etwas  höher  hinaufgezogen 
als  beim  a. 

§  24.  Weites  i  (stets  kurz)  ist  nicht  mehr  mouilliert.  Die 
Artikulationsstelle  liegt  beim  i,  und  dasselbe  gilt  vom  u  und  ü,  ver- 
hältnismässig weit  zurück  (s.  Tabelle),  so  dass  die  Laute,  namentlich 
vor  Reibelauten   {nix  nicht),   akustisch   dem  e,  ö,  o  näher  liegen   als 

Ij      Üy      Ü. 

Anm.  In  den  Verbindungen  mnd.  ini,  ind-,  unt,  und-  scheint  n  früher 
monilliert,  kurz  i  und  u  aber  eng  gesprochen  worden  zu  sein.  Ich  habe  diese 
Aussprache  nur  noch  in  einigen  abgelegenen  Dörfern  gefunden:  in  der  nördlichen 
Wpri  in  Bresch,  Pirow,  Lütkendorf  (alle  3  bei  Putlitz)  hier  nur  noch  bei  alten 
Leuten,  in  der  südlichen  WPri  in  Kühstädt  und  vor  allem  in  Vehlgast  Zwischen 
u  und  n  entwickelt  sich  dabei  ein  schwacher  i-Laut.  Pfund  und  finden  heissen  also 
dort  puht  und  fi^n  (n  mouilliertes,  i-haltiges  n).  In  den  Dörfern  des  angrenzenden 
mecklenburgischen  Gebietes  ist  dieses  uh  und  in  noch  häufiger.  In  der  Wenker- 
scben  ,Pfund'-Karte  findet  sich  bei  mecklenburgischen  Orten  h&xküg  pt7id  angegeben. 
Offenbar  ist  damit  dieses  puHt  gemeint.  Da  enge  Aussprache  des  i  und  u  bei 
uns  stets  mit  Länge  verbunden  ist,  so  wird  dieses  kurze  enge  i  und  u  leicht 
als  lang  empfunden.  Mouilliertes  Id  und  nd  (z.  B.  hün  Hund)  führt  Bremer  aus 
dem  amring.-föhringischen  an,  Nd.  Jb.  XIII,  7. 

§  25.  Beim  e  (nur  lang)  liegt  die  Artikulationsstelle  ein  klein 
wenig  weiter  zurück,  die  Zungenspitze  etwas  tiefer  als  beim  i.  Beim 
Sj  und  ebensowenig  beim  ö  und  o,  ist  die  Annäherung  der  Hinterzunge 
an  den  Gaumen  nicht  so  gross  wie  in  der  Sprache  des  Süddeutschen 
oder  des  Berliners.  Daher  klingt  der  dumpfere  Eigenton  des  ganzen 
Ansatzrohres  mehr  mit. 

§  26.  ä  ist  eine  Nuance  weiter  als  e:  bei  a  werden  der  Unter- 
kiefer und  die  Zunge  ein  wenig  weiter  gesenkt  und  so  der  Lippen- 
spalt senkrecht  etwas  mehr  erweitert  als  beim  e, 

§  27.  ä  (gewöhnlich  Umlaut  zu  a,  z.  B.  dans  —  dam  Tanz, 
Tänze,  dann  häufig  vor  r)  wird  noch  weiter  gebildet  als  e.  Die 
Hinterzunge  hebt  sich  ein  wenig  gegen  den  hinteren  harten  Uaumen. 
Es  klingt  ein  wenig  weiter  als  das  englische  a  in  hat. 

§  28.  a  ist  fast  immer  kurz  (mnd.  ä  ist  zu  ä  geworden).  Die 
Zungenwurzel  wird  gegen  die  hintere  Rachenwand  gehoben.  Die 
Stellung  der  Hinterzunge  ist  nicht  niedrig;  die  Mundwinkel  werden 
nicht  auseinandergezogen,  ja,  die  Lippenöffnung  ist  nicht  ganz  voll- 


91 

ständig.  Die  Zähne  stehen  ^/g  cm  auseinander.  Der  Klang  ist  immer 
ein  wenig  o-haltig. 

§  29.  Weites  o.  Die  Hinterzunge  wird  an  den  weichen  Gaumen 
zurückgezogen,  die  Vorderzunge  liegt  an  der  unteren  Wand  der 
Mundhöhle,  der  Kiefernwinkel  ist  ein  wenig  kleiner,  der  Lippenspalt 
kleiner  und  schmaler  als  bei  a.  Die  Zähne  stehen  3^/2 — 4  mm  aus- 
einander,    ä  ist  noch  etwas  offener  als  0. 

§  30.  Enges  ö  (nur  lang).  Die  Lippenöffnung  ist  noch  kleiner 
als  beim  0.  Die  Artikulationsstelle  liegt  nicht  so  weit  nach  hinten, 
die  Vorderzunge  ist  etwas  gehoben ;  der  Resonanzraum  ist  beim  0 
also  grösser  als  bei  ö. 

§  31.  Bei  II  und  ü  hebt  sich  die  Zungenspitze  immer  mehr 
und  ist  bei  ü  auf  die  Alveolen  gerichtet.  Im  allgemeinen  ist  zu 
bemerken,  dass  bei  den  Weichgaumenvokalen  die  Lippen  nur  wenig 
vorgeschoben  werden  (nur  um  Bedauern,  Flehen,  Abweisung  aus- 
zudrücken, werden  sie  vorgestülpt).  Auch  findet  eigentlich  keine 
Lippenrundung  statt;  der  Spalt  wird  nur  immer  kleiner. 

§  32.  Die  Umlaute  zu  0,  ä,  ö,  u,  ü  sind  ö,  ä,  0,  ü,  fl.  Sie 
sind  Hartgaumenvokale,  und  zwar  werden  ö,  k,  o  am  hintern  harten 
Gaumen,  ü,  ü  am  vorderen  gebildet.  Die  Zungenspitze  liegt  bei  all 
diesen  Lauten  an  den  Unterzähnen,  die  Lippenöffnung  ist  ein  wenig 
grösser  als  bei  den  entsprechenden  nicht  umgelauteten  Vokalen.  Bei 
ö,  üj  Ü  sind  die  Lippen  etwas  mehr  vorgeschoben  als  bei  o,  u,  ü. 

§  33.  Der  unbestimmte,  mit  reduziertem  Stimmton  gesprochene, 
unbetonte  e-Laut,  der  der  Ruhelage  der  Zunge  entspricht,  klingt  in 
unserer  Mundart  wie  kurzes,  offenes  iL  d  verwende  ich  nur  für  den 
vokalischen  Zwischenlaut,  dessen  Artikulation  durch  die  Nachbarlaute 
mit  Notwendigkeit  gegeben  wird. 

Anm.     Genäselte  Vokale  gibt  es  iu  unserer  Mundart  nicht. 

IIL     Die  Diphthonge. 

§  34.  Unsere  Mundart  besitzt  folgende  Diphthonge:  m,  ei,  oii, 
öy  (vgl.  §  7,  1  a).  Der  erste  Komponent  in  ei,  ou,  öy  ist  nicht  ganz 
so  weit  wie  die  entsprechenden  einfachen  Vokale  e,  0,  ö,  der  zweite 
Komponent  i,  u,  y  aber  noch  etwas  weiter,  noch  etwas  mehr  nach 
geschlossenem  e,  0,  ö  herüber,  als  die  entsprechenden  einfachen  Vokale. 
Daher  liegen  die  beiden  Komponenten  dieser  Diphtonge  näher 
aneinander  als  in  den  entsprechenden  hochdeutschen  Diphthongen, 
der  erste  Komponent  trägt  den  Exspirationsgipfel,  beide  Komponenten 
sind  kurz,  der  zweite  noch  etwas  kürzer  als  der  erste.  Unter  einer 
bestimmten  Bedingung  aber  wird  der  zweite  länger  als  der  erste: 
vor  Reibelauten,  hinter  denen  ein  e  verstummt  ist,  also  in  Wörtern 
wie  hreiv  Briefe,  löy^  Geleise,  hei  öyvt  er  übt,  vgl.  §  17.  Ich  lasse 
solche  Überlänge  von  Diphthongen  unbezeichnet. 

§  35.  Hierzu  kommen  noch  eine  Reihe  unorganischer  Diph- 
thonge, bei  denen  der  erste  Komponent  lang,   der  zweite  überkurzes 


92 

ä  ist.  Sie  entstehen  dadurch,  dass  r  im  Auslaut  oder  vor  Alveolaren 
infolge  unterbliebener  Hebung  der  Zunge  zu  ä  geworden  ist,  z.  B. 
beä  Bier,  klöä  klar,  pöät  Pforte. 

IV.     Die  Aussprache  der   Halbvokale  und  Konsonanten. 

§  36.  j  wird  mouilliert  gebildet  und  wird  mit  leisem,  aber 
wahrnehmbarem  Reibegeräusch  gesprochen. 

§  37.  w  kommt  nur  vor  nach  Konsonanten,  vor  allem  nach  k, 
s,  t  und  d,  z.  B.  kwäl  Qual,  swKlk  Schwalbe,  twe  2,  dwed  quer.  Der 
bilabiale  Charakter  dieses  reduzierten  Reibelautes  tritt  am  meisten 
hervor  nach  k^  am  wenigsten  nach  d.  Die  Lippen  sind  weiter  geöflfnet, 
die  Unterlippe  noch  weniger  vorgeschoben  als  beim  ü.  Sonst  wird 
as.  w  (wie  as.  b)  labiodental,  d.  h.  v  gesprochen. 

§  38.  Die  Nasale  m,  n,  y.  Der  Verschluss  wird  beim  m  mit 
den  Lippen,  beim  n  mit  dem  vordersten  Zungensaum  und  dem  mitt- 
leren Zahnfleisch,  bei  y  (ng)  mit  der  Hinterzunge  am  weichen  oder 
harten  Gaumen  gebildet. 

§  39.  l  ist  vokalisch,  ohne  Reibegeräusch.  Die  Exspiration  ist 
bilateral.  Die  Zungenspitze  berührt  das  mittlere  resp.  hintere  Zahn- 
fleisch. Das  i*-haltige,  velare  l  in  den  Ostseegegenden  (Meckl., 
Pommern)  fehlt  bei  uns.  Silbenbildendes  /  {ßötl  Schüssel)  wird  durch 
den  /^-Laut  bestimmt. 

§  40.  Das  r  des  Prignitzers  ist  ein  Zahnfleisch -r,  doch  ist 
altes  r  nur  noch  im  Anlaut  erhalten.  Es  wird  gebildet,  indem  man 
die  Zungenspitze  am  Zahnfleisch  der  Oberzähne  zum  Schwingen  oder 
Zittern  bringt.  Dieses  sehr  stark  gerollte  Zungen -r  ist  ein 
Charakteristikum  des  Prignitzers.  Nur  in  den  Städten  beginnt  das 
Zäpfchen -r  allmählich  sich  einzunisten. 

Zu  dem  stark  ausgeprägten  r  im  Anlaut  steht  die  schwache 
Artikulation  von  ursprünglichem  r  im  In-  und  Auslaut  in  auf- 
fälligem Gegensatz.  In  der  Endung  mnd.  -ren  -eren  (=  hd.  ern),  vor 
stimmhaften  alveolaren  Lauten  und  im  Auslaut  ist  es  zu  einem  halb- 
kurzen oder  überkurzen  a-Laut  reduziert  (§  13),  z.  B.  büd  Bauer, 
büän  Bauern,  stämän  (mnd.  stameren)  stammeln,  köän  Korn,  pöät 
Pforte.  Vor  den  anderen  Konsonanten  wird  wohl  die  Zunge  noch 
gehoben,  aber  sie  erreicht  das  Zahnfleisch  nicht  mehr,  und  statt  des 
Zittergeräusches  entsteht  ein  unbestimmter  vokalischer  Laut  (den 
wir  mit  f  bezeichnen  wollen),  wobei  der  voraufgehende  Vokal  meistens 
gelängt  wird,  z.  B.  bäfk  Birke.     Vgl.  §  136. 

Das  neue  r,  das  aus  mnd.  d  {<  sls.  d^  d,  {))  zwischen  Vokalen 
in  der  nördlichen  WPri  entstanden  ist  (§  7,  2  a),  wird  im  Auslaut 
ebenfalls  mit  kräftigem  Zittergeräusch  gesprochen,  lür  Leute;  ab- 
geschwächt ist  dieses  Zittergeräusch  in  der  Endung  -fn  <  mnd.  -den, 
z.  B.  lühi  läuten. 

§  41.  Bei  f  (stimmlos)  und  v  (stimmhaft)  liegen  die  oberen 
Schneidezähne  leicht  auf  der  inneren  Unterlippe.  Der  Kiefer  wird 
nicht  zurückgezogen. 


93 

§  42.  s  (=  ß)  und  z  (=  f)  werden  wie  t,  rf,  w,  l  und  .^  (scä) 
am  Zahnfleisch  gebildet. 

§  43.  Bei  dem  cÄ-Laut  verschiebt  sich  ebenso  wie  bei  k,  g^  y, 
s  {seh)  die  Artikulationsstelle  am  Gaumen  von  selbst  und  in  allen 
Mundarten  in  gleicher  Weise  je  nach  der  vokalischen  Umgebung 
(ach-  und  ich -Laut).  Wir  müssten  drei  Artikulationsstellen  unter- 
scheiden, am  weichen  Gaumen,  am  hinteren  und  am  mittleren  harten 
Gaumen.  Wie  bei  ä:,  g,  y,  ä  begnügen  wir  uns  im  allgemeinen  mit 
einem  Lautzeichen  auch  für  den  cA-Laut:  x.  Nur  wo  es  von 
besonderem  Interesse  ist,  den  vorderen  (mouillierten)  Hartgaumenlaut 
zu  bezeichnen,  gebrauchen  wir  das  Zeichen  y.  Das  Lautzeichen  für 
den  X  entsprechenden  stimmhaften  Reibelaut  ist  3. 

§  44.  Alle  ursprünglich  stimmhaften,  sanften  Reibegeräusche 
zwischen  Vokalen  und  e  sind  nach  Verstummen  des  e  infolge  Nach- 
lassens  des  Luftdruckes  (§  14)  stimmlose  Lenes  geworden.  Wir 
bezeichnen  sie  mit  s,  ^,  f,  z.  B.:  müs  Mäuse;  dhg  Tage;  hhv  Höfe; 
Ikvt  lobt  und  gelobt.  As.  w  ist  labiodentaler  Reibelaut  geworden 
(ausser  nach  A-,  5,  rf,  ^  §  37)  und  wird  durch  v  bezeichnet. 

§  45.  6,  rf,  g  vor  betontem  Vokal  sind  stimmhafte  Laute,  bei 
deren  Artikulation  man  die  vokalische  Resonanz  des  Ansatzrohres, 
den  sogenannten  Blählaut,  hört  (Bremer,  Deutsche  Phon.  §  53  Anm.). 
Der  Blählaut  fehlt  vor  l  und  r  (z.  B.  brotirä  Bruder),  weil  wir  die 
Luft  schon  ausatmen,  bevor  wir  die  Stimmritze  schliessen,  und  nach 
Konsonant,  z.  B.  foutbayk.  Zwischen  k  und  g  vor  n  schiebt  sich  ein 
kurzer,  leiser,  geräuschloser  Schall,  z.  B.  konei  Knie,  gdnär  Gnade 
(s.  Bremer  a.  a,  0.  §  61,  Anm.  2)  Ich  lasse  dieses  9  im  Folgenden 
unbezeichnet.  Aus  mnd.  -pen^  -ten^  -ken  wird  auf  dem  ganzen  Gebiete 
pm^  tn,  ky^  d.  h.  die  Explosion  von  p^  t^  k  erfolgt  erst,  nachdem  der 
Nasenverschluss  schon  gelöst  ist;  z.  B.  släpm  schlafen;  seitn  schiessen, 
liky  lecken ;  mnd.  -ven,  -den^  -gen  werden  in  der  Südprignitz  anders  als 
in  der  Nordprignitz  behandelt  (§  7,  3  a). 

Anm.  g  ist  im  nördlichen  Teil  der  Pri  wie  in  Meckl.  im  Anlaut  durchaus 
Yerschlusslaut,  mit  allerdings  ziemlich  weit  nach  vorn  liegender  Artikulations- 
stelle. Im  südlichen  Teile  der  Pri  ist  durch  Lockerung  des  Verschlusses  g 
(oder  5  ?)  >  j  geworden  (§  7,  4). 

Inlautendes  g  scheint  schon  zu  as.  Zeit  5  gewesen  zu  sein.  Das 
silbenbildende  y  der  NPri,  z.  B.  in  vä-y  Wagen  scheint  sich  allerdings 
besser  aus  -gmi  als  aus  -jen  zu  erklären;  aber  ärtm  schreiben  muss 
ja  auch  aus  schnven  statt  schrlben  erklärt  werden.  Jedenfalls  muss 
intervokales  g  frühzeitig  zum  Reibelaut  3  geworden  sein:  dk^  Tage 
versteht  sich  nur  aus  älterem  dä-^e.  Im  Auslaut  ist  es  nach  Holt- 
hausen,  As.  El.  §  234  schon  zu  as.  Zeit  stimmlos  geworden.  So 
heute:  d^ccx  Tag,  vex  Weg.     S.  d.  flg.  §. 

Anm.     Üher  die  Aussprache  von  p^  t,  k  im  An-  und  Auslaut  s.  §  19. 

§  46.     Infolge  Nachlassens  des  Luftdruckes   sind   am  Ende   des 
Wortes    alle    stimmhaften    Geräusche    stimmlose    Portes    geworden: 


94 

d^  (/;  V  (=  as.  h),  7^y  z  zu  t^  k;  f,  x,  s;  z.  B.  hont  Hand,  het  Bett, 
hiyl'  lang,  r///'gieb,  .vr2/' schreibe,  (Jnx  Tag,  r/Ias  Glas.    (Vgl.  auch  §  41). 

§  47.  Die  angewandten  Lautzeichen  haben  folgenden 
Lautwert: 

ä  =  langes,  offenes  o  (vgl.  franz.  encore) 

a  =        „  „        ö  (vgl      „      imir). 

ä  =  Zwischenlaut  zwischen  a  und  ä  (vgl.  engl,  hat), 

y  (in  Petit-Satz  b)  =  /^  im  hochdeutschen  lang. 

Xy  -^  =  hd.  ch;  3   (in  Petit-Satz  cj)   der   stimmhafte  Laut  dazu. 

s  =^  hd.  seh. 

z  =  hd.  r  (stimmhaft). 

Ij  m,  Uj  r  =  silbenbildende  ly  niy  n,  r. 


Geschichtliche  Darstellung  der  Laute. 

L    Geschichte  der  einzelnen  Lante. 

A.     Die  Vokale  der   Stammsilben   . 

1.     Kurze  Vokale. 

As.  mnd  a. 

§  48.  a  in  geschlossener  Silbe  >  ay  z.  B.  gras  n.  Gras;  rat 
(as.  hwat)  was;  draf  (mnd.  draf)  Trab;  af  ab;  an  an;  bat  n.  (as. 
6a^A)  Bad;  gelax  n.,  in  der  Redensart:  int  gelach  rin  ohne  Ende  und 
Sinn,  mit  nhd.  Gelage  zu  dem  Zeitw.  legen  (S.  Kluge,  Wb.);  hukhak 
in  der  Redensart:  iipt  hukbak  näm  (vgl.  as.  te  haka  7ieman)  ein  Kind 
auf  dem  Rücken  tragen;  hax  in  der  Redensart  zo  vkl  as  hach 
unberechenbar  viel;  zant  m.  Sand;  bayk  f.  Bank;  drayk  m.  (as.  drank) 
Schweinetrank;  nap  n.  (as.  hnap)  Napf;  sap  n.  (as.  skap  Gefäss) 
Schrank;  spat  (mnd.  sp>at)  Spat  (Fusskrankheit  der  Pferde);  flax  n. 
(mnd.  vlach  f.  und  m.)  Strich  Landes,  Strecke  Weges;  fast  (as.  fast) 
fest;  ma^  f.  (mnd.  matte  neben  m^^^e)  Metze;  stay  f.  (as.  stanga) 
Stange;  kap  f.  Kappe;  foj;Ä:  (as.  lang)  lang,  Adv.  entlang;  foi?  C^^- 
langö)  lange;  tay  f.  Zange;  hay  bange;  half  halb;  zalv  f.  (as.  saZba) 
Salbe;  halx  m.  (as.  6a^^)  Balg,  ungeratenes  Kind;  ia/5  (mnd.  ia/^rg) 
Waschwanne;  pan  f.  Pfanne;  rfz^^aZ^  (vgl.  as.  dwahn  Betörung,  got. 
dvals  töricht,  mnd.  dwaly  dwelsch)  verdreht;  kwast  (vgl.  as.  quest  m., 
mnd.  quasty  quest  Laubbüschel)  buschiges  Ende;  vaxt  f.  (mnd.  wacht 
Gewicht,  Wage)  Deichselwage  (in  SPri  töy)\  draxt  f.  (mnd.  dracht) 
1.  Tracht  als  Last,  2.  Uterus  der  Tiere;  kramp  f.  (as.  krampo)  Krampe; 
mayk  (as.  gimang)  zwischen  Adv.  Praep.;  kat  f.  Katze;  zat  f,  (zu  as. 
sittan  sitzen)  m.  Satte;  mas  (as.  maskä)  Masche;  dan  f.  Tanne,  bes. 
Kiefer;  plax  (mnd.  plagge)  Heidescholle;  taky  m.  (mnd.  tacke)  Zacken, 
Aststumpf;  tapm  m.  (mnd.  tappe)  Zapfen,  zapfen;  lapm  m.  (as  lapjyo 
Zipfel  eines  Kleides)   Lappen;    snapm  schnappen;  zaky  (mnd.  sacken) 


95 

sinken;  jarfhj  (mnd.  janken)  gierig  sein  (nach);  blafn  (mnd.  blaff m) 
bellen;  balcy  1.  backen,  2.  kleben;  raky  (mnd.  racken  den  Unrat 
fortnehmen)  kratzen,  raffen,  (Kartoffeln)  aufnehmen;  haky  m  (vgl. 
nl.  hak  f.)  Ferse,  Absatz;  slaxtn  schlachten;  slaxtn  (zu  as.  slaht  n. 
Geschlecht)  arten  nach,  kwalstä  dicker  Schleim;  japm  den  Mund 
aufsperren,  um  nach  Luft  zu  schnappen;  klaky  mit  Geräusch  zu 
Boden  fallen;  stiaky  reden;  spalky  oder  spalkän  (vgl.  mnd.  spalk 
Geschrei,  Wirrwarr)  zwecklos  und  mit  Geräusch  herum-hantieren, 
-laufen;  layy  hinreichen,  ausreichen,  herunterlangen,  sich  jemand 
kaufen;  balky  m.  1.  Balken,  2.  der  Scheunenraum  unter  dem  Dache; 
tus  m.  (mnd.  tas)  Fach  in  der  Scheune  (neben  der  Tenne);  gnaän 
(vgl.  ne.  to  gfiash)  fest  zerbeissen;  gnapm  schnappen  nach;  matä 
m.  weicher  Schmutz;  t'altn  (zur  Wz.  walt-  wälzen?)  grosser  Haufen 
trockenen  Heues,  zum  Aufladen  zusammengestossen;  raphoun  n.  (vgl. 
dän.  rap  schnell,  an.  hrapa  eilig  stürzen  und  mnd.  rapsnavel  einer 
mit  einem  losen  Maul)  Rebhuhn;  dayky  danken;  akä  m.  Acker;  apl 
Apfel;  fakl  (as.  fakla  <  vlat.  facla  <  fdcnld)  Fackel;  fiarn  f.  (as. 
flamma  <  lat.  flammd)\  kalk  m.  (as.  calc  <  lat.  calc-em);  flas  (<  vlat. 
flasca?)  Flasche;  tos  (<  vlat.  Hasca?)  Tasche;  tastn  (mnd.  tasten 
<  afranz.  taster)  ein  Huhn  nach  einem  zu  legenden  Ei  befühlen  u.  s.  f. 

Anm.  1.  »von*  heisst  fan  und  fon;  der  Wechsel  zwischen  a  und  o 
findet  sich  schon  in  den  Heliandhandschriften  (s.  Holthausen,  As.  £1.  §  127)  und 
in  den  mbr.  Urkunden  (s.  Graupe  S.  11  und  Tümpel,  Ndd.  Stud.  S.  11  f.).  In 
rot  f.  (as.  raita,  mnd.  rotte,  nl.  rot  und  rat)  Ratte  ist  a  >  o^  in  dun  da,  dann 
damals  (as.  than)^  dn-nk  (mit  dem  Ton  auf  der  zweiten  Silbe)  vorhin,  nachher 
>  u  verdumpft. 

Anm.  2.  In  einigen  Wörtern  ist  a,  wohl  infolge  von  Unbetontheit,  >  a 
geworden :  c^t  (as.  thai,  schon  im  Cot.  zweimal  thet,  mbr.  dat  und  det)  das,  dass ; 
mm  (as.  newan  ausser  §  292,  mbr.  manj  men)  nur.   Meckl.  sagt  dat  und  man. 

Anm.  3.  Aus  dem  Hochdeutschen  scheinen  mir  entlehnt:  slay  f. 
Schlange  (gewöhnlich  arä  §  141;  das  as.  slango  ist  männlich,  vgl.  §  334  Anm.) 
und  das  Fremdwort  jo/a^^  Platz,  das  mnd.  plas  heisst  (<  franz.  place  <  lat.  plaiea. 

§  49.  a  in  oifener  Silbe  >  ä,  z.  B.  snävl  Schnabel  (§  184), 
sporadisch  auch  vor  st,  z.  B.  plästä  Pflaster  (§  194  b);  a  vor  mnd. 
Idj  It  >  0,  z.  B.  olt  alt  (§  273);  a  H-  r  im  Auslaut  und  vor  Zahn- 
lauten >  ö,  z.  B.  göä  gar;  böät  Bart  (§  249);  a  4-  r  -|-  Konsonant 
(ausser  Zahnlauten)  >  a  oder  ä  (§  265). 

As.  mnd.  e,  der  Umlaut  von  a. 

§  50.  Altes  Umlauts-e  in  geschlossener  Silbe  ist  e,  z.  B.  kern 
(as.  hebbian)  haben;  zeyy  (as.  seggian)  sagen;  zetn  setzen;  leyy  (as. 
leggian)  legen,  dazu  lex  n.  (mnd.  legge)  f.  Lage  Getreide  oder  Heu 
auf  dem  Erntewagen  über  den  Leitern;  teln  (as.  tellian)  zählen;  .^eln 
(mnd.  schellen)  schälen,  sei  f.  Schale  (von  Kartoffeln,  Obst);  klem 
klemmen;  af-,  an-ven  (as.  wennian)  ab-,  an-gewöhnen;  ven  (as.  wendian) 
wenden;    met  n.  (as.  meti  Nahrung)   in  metvost  Metwurst  und  mets  n. 


96 

(as.  mezas  d.  i.  meUas  <  metsahs)  Messer;  (hky  decken,  dazu  dek  f., 
dekl  m.  Decke,  Deckel;  hek  f.  Hecke;  het  n.  (as.  bedfd)  für  *bed} 
Holthausen,  As.  El.  §  275,  Anm.  3);  vet7i  (mnd.  wetten,  ags.  hwettan) 
wetzen,  schärfen;  net  n.  (as.  net,  netti)  Netz;  stein  stellen;  stem  (mnd. 
stemme,  vgl.  ags.  stemn)  untere  Teil  des  Stammes;  dempm  dämpfen; 
deyky  denken;  §eyky  (as.  skenkian)  schenken;  bfeyy  (as.  brengian) 
bringen;  hesp  f.  (mnd.  hespe,  haspe)  Haspe,  Türangel;  kel  f.  (mnd.  kelle) 
Kelle;  streyk  m.  (mnd.  strenk,  vgl.  ags.  streng)  Strang,  Strick;  an- 
streyy  1.  anstrengen,  2.  ansträngen,  anspannen  (Pferde);  ßesii  (mnd. 
■dessen)  von  Flachs;  stref  (mnd.  stref)  straff;  kemp  m.  (wohl  =  as. 
k&tnpjo  Kämpfer,  s.  Grimms  Dt.  Wb.  unter  Kämpe  2)  Zuchteber; 
tem-zn  bändigen  (zu  tam  zahm) ;  speit  m.  f.  (mnd.  spelte  abgespaltenes 
Stück)  Apfelschnitt;  leyä  länger;  behen  (mnd.  behende  zu  hand)  zart, 
feingebaut;  helft  f.  Hälfte;  peniyk  m.  Pfennig;  ey-kl  Fussknöchel; 
es  f.  Esche;  eV%  f.  (as.  *alisa,  mnd.  eise)  Eller;  ekä  (mnd.  ecker,  eckeren 
neben  acker,  ackeren)  Eichel;  steyl  m.  Stengel;  heyk  m.  (mnd.  henk 
und  henge)  Henkel  eines  Topfes;  veky  wecken;  streky  strecken;  pr^/H 
(vgl.  mnd.  prellinge)  zurückprallen;  eystn  (mnd.  engesten)  ängstigen; 
beyy  (zu  as.  engl  enge)  den  Leib  zusammendrücken;  eyl  (as.  engil  < 
lat.  angilus)  Engel;  trextä  (mnd.  trechter  <  lat.  trajectm'iiim,  vgl.  ags. 
tracter)  Trichter. 

Anm.  1.  In  rekia  ausstrecken;  hinreichen;  langen;  sich  erstrecken  scheinen 
2  Verba  zusammengeflossen  zu  sein:  mnd.  rekken  <  rakjan  und  mnd.  reken 
<  germ.  raikjan  >  ags.  r^can,  hochd.  reichen. 

Anm.  2.  Das  einfache  ven  fängt  ap,  darch  das  hd.  gewöhnen  verdrängt 
zu  werden.  Verdrängt  ist  mnd.  scheppen  durch  das  hd.  schaffen  und  mnd.  helle, 
as.  hellia  durch  das  hd.  hol  f.  Hölle;  doch  ist  helis,  helsn  höllisch  im  Sinne 
von  »sehr*  erhalten. 

§  51.  Eine  jüngere  Form  des  Umlaut -e  ist  d  (Meckl.  hat 
auch  hier  e,  s.  §  6,  4).     Dieses  ä  findet  sich 

1)  überall  da,  wo  ^die  umlautlose  Form  daneben  besteht  und 
als  zugehörig  empfunden  wird  oder  worden  ist"  (vgl.  Heilig  52,  4). 
a)  bei  der  Pluralbildung,  z.  B.  gast  (Sg.  gast^  as.  gast^  PL  gesti) 
Gäste;  hdn  f.  (Sg.  hant,  as.  hand  —  hendi)  Hände,  vgl.  behen  §  50; 
dam  (Sg.  dam  m.)  Damm;  gepflasterte  Strasse,  vgl.  dem  dämmen; 
zäk  (Sg.  zak  m.)  Säcke;  kam  (Sg.  kam  m.)  Kämme,  aber  kern  kämmen; 
väl  (Sg.  val)  Wälle;  stäl  (Sg.  stal)  Ställe;  gäy  (Sg.  gayk  m)  Gänge, 
vgl.  bigey  auf  dem  Posten;  kraft  (Sg.  kraft  f.,  as.  kraft  —  krefti) 
Kräfte;  fäl  (Sg.  fal  m.)  Fälle;  bäl  (Sg.  bal  m.)  Bälle;  std^i  (Sg.  stant  m.) 
Stände;  bdn  (Sg.  iaw^  m.,  mnd.  baut  —  bende)  Bänder;  pläky  für 
pläk  (auch  Sg.  jetzt  pldky  {ürplakm.^  mnd.  plack — plecke)  Flecken; 
kndst  (Sg.  knast  m.)  Knorren,  Astknoten;  ddm  (Sg.  dans  m.)  Tänze; 
st^aws  (Sg.  swans  m.)  Schwänze;  Ä^mws  (Sg.  krans  m.)  Kränze;  Aa/s 
(Sg.  hals  m.)  Hälse ;  Mfo4  (Sg.  kalf  n.)  Kälber ;  ddkä  (Sg.  daA;  m.) 
Dächer;  fdkd  (Sg.  /aÄ;  n.,  mnd.  vak^  vgl.  ags.  /«c  Zeitabschnitt)  Fächer; 
fdtd  (Sg.  /*a^  n.,  as.  fat  Gefäss)  Fässer;  Idnd  (Sg.  lant  n.)  Länder; 
/4md    (Sg.    lam   n.,    as.    /a;w&)    Lämmer,     b)  bei  der  Comparation, 


z.  B.  swdkä  (zu  swak)  schwächer;  krdykä  (zu  krank)  kränker,  c)  in 
der  Konjugation,  z.  B.  fdlst,  fdlt  (zu  faln)  fällst,  fällt;  vdät  (zu 
vasn)  wäscht,  d)  in  Ableitungen,  z.  B.  krdftix  (as.  kräftig)  kräftig; 
swdnzln  schwänzeln;  swdky  schwächen;  vds  f.  (zu  i?aiw,  vgl.  ahd. 
icesca)  Wäsche ;  ßeiysndpd  m.  (zu  snapm  schnappen)  Fliegenschnepper ; 
pldkix  fleckig;  grdfnits  Begräbnis;  jdmdlix  jämmerlich,  u.  s.  f, 

Anm.  Im  östl.  Teil  der  OPri  heisst  „Äpfel'  ^)l,  in  der  übrigen  Pri  apln 
(mbr.  appele  und  eppel).  In  gnU  f.  kleine  Mücke  (vgl.  ags.  gncet  und  mnd. 
gnitte)  stammt  das  ä,  wie  es  scheint,  ans  der  Mehrzahl. 

2)  Vor  gewissen  Konsonantenverbindungen. 

a)  Häufig  vor  Nasenlaut  +  Konsonant,  z.  B.  hdm  n.  Hemd; 
änt  f.  (mnd.  e^it,  etide^  vgl.  ahd.  enit\  das  meckl.  5w^  §  6,  7  beruht 
auf  einem  as.  *antid,  mnd.  anet)  Ente;  (^rfn^,  gdntd  m.  (mnd.  gante, 
nl.  ^^n^)  Gänserich;  tfwi,  strichweise  a^?^;  in  sprök-dmk,  pis-dmk  (mnd. 
emete,  mneke)  Ameise;  hdmp  (mbr.  hennep,  hempe)  Hanf,  dazu  hdmpm 
von  Hanf,  hdmpliyk  Hänfling;  hdnzln  (vgl.  mnd.  hensen  in  eine  Hansa 
aufnehmen;  Geld  für  die  Aufnahme  zahlen)  vom  Zusammentreten  und 
-zahlen  der  Kuhjungen  am  Pfingstabend  zu  gemeinsamem  Trinken; 
mdnix  (mbr.  mennich  neben  mannich)  manch;  kldnd  <  Kalender. 
Aber  z.  B.  kemp  Zuchteber,  ren  wenden. 

Anm.  Ein  Teil  der  OPri  sagt  l§ipk  länger,  die  WPri,  wohl  nnter  hd. 
Einfluss,  lepL  Hochdeutsch  sind  anch  kremf  Krämpfe,  kemfn  kämpfen, 
gefeynis  Gefängnis,  gestenix  geständig,  bestenix  beständig,  anstenix  anständig, 
ferner  wohl  grins  Grenze,  das  sich  im  Mnd.  noch  nicht  findet.  —  Auffallend  ist 
a  in  änä,  andere,  knks  anders,  wo  es  aus  a  entstanden  sein  muss  (so  auch  in 
glint?).  Hat  änän  ändern  eingewirkt  oder  die  Nachsilbe  k  (<  er),  die  an- 
scheinend e  In  ä  verwandelt  hat  in  Ikkk  Lecker  (Schimpfwort  für  einen  grünen 
Jungen),  /ä/ä  Teller  (mnd.  teller,  ieUör   <   afranz.  taiUoir)? 

b)  vor  cht  (chst)  und  ft  (fst)  (vgl.  Heilig,  §  52,  2),  z.  B.  zik 
fä'dxtdn  (mnd.  vorechteren,  vorachteren)  Luft  schöpfen,  eigentlich  sich 
zum  Schutze  hinter  etwas  stellen,  zu  axtd  hinter;  drdxtix  (mnd. 
drachtig)  trächtig;  krdftix  kräftig;  sldxtd  Schlächter;  geldxtd  n. 
Gelächter;  gesdft  n.  Geschäft;  grdfst,  grdft  neben  .jüngeren  gröfst, 
gröft  gräbst,  gräbt,  zu  gräm  graben.  Charakteristisch  für  WPri 
(§  8,  1  a)  sind  die  Formen  zäxst,  zäxt  sagst,  sagt,  gesagt  (mbr.  secht)^ 
läxst,  Idxt,  legst,  legt,  gelegt  (mbr.  lecht)\  hdst,  hdt  hast,  hat  (doch 
schon  mbr.  hest,  het  neben  hefst,  heft);  ,gehai3t'  heisst  hat;  neben 
zdxt,  Idxt,  pldxt  (s.  u.)  stehen  keine  a-Formen. 

Anm.  2.    Einige  dieser  Wörter  könnten  auch  unter  1  gestellt,  einzelne  unter 
1  aufgeführte  Wörter  auch  hier  aufgezählt  werden. 

Anm.  2.  Dass  cht,  ft  wirklich  die  Ursache  des  Wandels  von  e  zu  I,  ist, 
beweisen  Formen,  in  denen  auch  andere  Vokale  als  Umlauts-e  vor  diesen  Konsonanten- 
gmppen  zu  a  geworden  sind :  fkft,  fiftkin,  fkftix  (mbr.  vefte  <  viftCj  as.  ftfto, 
veftein,  veftich)  öte,  15,  50;  pikest,  plkxt  in  WPri  (mbr.  plechst,  plecht,  zu 
pleggen,  as.  plegan)  pflegst  pflegt.  Vgl.  aber  slext  schlecht,  knext  Knecht,  • 
rext  recht. 

Niederdeutsches  Jahrbuch  XXXI.  7 


98 

Anm.  3.  andextix  audächtig,  hedextix  bedächtig,  prextix  prächtig, 
nidUrextix  niederträchtig,  anch  wohl  mextüt  mächtig  sind  aus  dem  Hochdeutschen 
entlehnt.  Neben  gestuft  hört  man  das  hd.  geseß,  namentlich  in  der  Bedeutung 
Eaufmannsgeschäft. 

c)  Vor  r  +  t  (=  hd.  z).  Vor  Gaumen-  und  Lippenlauten  ist 
ä  unter  zunehmender  Reduzierung  des  r-Lautes  fast  zu  d  gedehnt 
worden  (vgl.  §§  54,  1,  57,  1,  136,  266).  Nach  §  6,  3  sagt  Meckl. 
hier  a, 

Anm.  Ob  Mnn  brennen  sein  ä  der  Zugehörigkeit  zu  brant  Brand  ver- 
dankt, oder  aber  ob  mbr.  bemen  erst  zu  hhmenj  dann  unter  hd.  Einfluss  zu 
hrknyien  geworden  ist,  ist  schwer  zu  entscheiden.  Für  die  erstere  Auffassung 
spricht  das  meckl.  brenn;  mm.  bemen  hätte  in  dieser  Mundart  barnen,  brannen 
ergeben  (§  272). 

d)  Sporadisch  vor  anderen  Konsonantenverbindungen,  z.  B.  in 
kätln  kitzeln,   §  114,  b.   Anm.  2;  twälv  12  (WPri  tivölv,  s.  §  8,  1  b). 

§  52.  As.  e  gedehnt  >  ä  m  offener  Silbe,  z.  B.  §äpl  Scheffel 
(§  185);  as.  e  gedehnt  >  ^  vor  r  im  Auslaut  oder  vor  r  4-  stimm- 
haften Zahnlauten,  z.  B.  neän  nähren,  peät  Pferd  (§  250);  as  e  H-  rd 
+  Vok.  sporadisch  >  ä,  z.  B.  färich  fertig  (§  272). 

Germ.  as.  mnd.  e. 

§  53.  e  in  geschlossener  Silbe  >  e,  z.  B.  blek  n.  Blech;  vex 
m.  Weg;  gebet  n.  (as.  gebed)  in  der  Redensart  int  gebet  näm  verhören; 
knext  m.  Knecht;  rext  recht;  drek  m.  Dreck;  velk  welk;  feit  n.  Feld; 
gelt  n.  (as.  geld  Zahlung)  Geld;  nest  n.  Nest;  fei  n.  Fell;  heim  m. 
Helm;  spek  m.  Speck;  lekr)  (mnd.  lecken  zu  leck)  leck  sein,  tröpfeln; 
lekä  (mnd.  lecker)  schmackhaft;  feig  (as.  velga)  Radfelge;  telx  st.  m. 
(mnd.  telge)  Zweig;  gest  m.  Hefe;  trekr)  (mnd.  trecken)  ziehen;  mein 
melden;  helix  (mnd.  heilich  ermattet)  lechzend;  af-bleky  (mnd.  blecken 
entblössen,  blek  Fleck,  in  grammat.  Wechsel  zu  hd.  flecken)  die  Rinde 
verlieren,  von  der  Rinde  entblössen;  zex  n.  (mnd.  segge)  Sumpfgras; 
kelä  m.  (as.  kellere  <  mlat.  cellarium)  Keller;  pel  f.  Schale  von  ge- 
kochten Kartoffeln,  pel-tüvl  Pellkartoffeln  (mnd.  "^pelle  nicht  belegt; 
aus  dem  nl.  pel?  dieses  aus  afrz.  pel,  Zw.  peler,  lat.  pellis  Fell). 

Anm.  1.  Im  Praeter,  der  ursprünglich  reduplizierenden  Ztw.  mit  dem 
Praesensvokal  a  +  Doppelkonsonanz  (§  383)  ist  durch  Ausgleichung  as.  e  >  i^ 
geworden,  also  füy  fing  (as.  feng),  hül  hielt  (as.  held).  Näheres  s.  §  380  Anm. 
und  §  366. 

Ankn.  2.  Aus  dem  Hd.  entlehnt  ist  zeltn  (as.  seldan,  mnd.  seiden  hätte 
xeln  ergehen)  und  wahrscheinlich  auch  stim  f.  Stimme  (as.  stemna,  mnd.  stemne, 
stemme  nehen  stimme). 

§  54.     Germ,  e  hat  sich  wie  Umlauts-e  zu  d  gewandelt 

1)  vor  mnd.  r  +  stimmlosen  Zahnlauten:  hdt  Herz,  gdst  Gerste 

(§  263).     Vor   Gaumen-  und  Lippenlauten  ist  dieses  d  >   d  gelängt 

worden.     (Vgl.  §§  51c,  57, 1  und  §  267). 


99 

2)  Zuweilen  vor  mnd.  ddj  dr  >  r(r),  besonders  wenn  -er  (>  ä) 
folgte  (§  51,  2  Anm.):  färä  (mnd.  vedder)  Feder;  lärä  (mnd.  ledder) 
Leder;  Im-ix  (mnd.  leddich)  leer;  häräk  (mnd.  hederik)  Hederich. 
Doch  pern  (mnd.  pedden)  traten;   ver^i  (mnd.  iveddeti)  wetten  u.  s.  f. 

3)  Sporadisch  vor  anderen  Konsonantenverbindungen,  besonders 
vor  Nasenlaut  -|-  Konsonant  (§  51,  2):  läks  f.  (as.  lekzia  Vorlesung 
eines  Abschnittes  aus  der  Bibel)  auswendig  zu  lernende  Buchstelle; 
ziiml  m.  (<  hd.  semmel,  ahd.  s&tnala  f.);  zämp  m.  (mbr.  sennep,  sempe 
<  vlat.  smapt). 

4)  Infolge  von  Unbetontheit  in  däii  (as.  thena)  dem,  den. 

§  55.  Germ.  ^*in  offener  Silbe  >  ä,  z.  B.  bräky  brechen  (§  187); 
e  -f-  auslaut.  r  oder  vor  r  +  ursprüngl.  stimmhaften  Zahnlauten 
>  e,  z.  B.  smeä  Schmiere,  geän  gerne  (§  251);  e  vor  mnd.  rd  4-  Vok. 
sporadisch  >  ä,  z.  B.  vdfn  werden  (§  272);  e  >  ö  labialisiert,  z.  B. 
smöltn  schmelzen  (§  277  a);  >  ü  in  zälm  selbst  (§  277  d  Anm.); 
as.  stve-  >  zu,  z.  B.  zäl  Schwelle.     (§  128  Anm.  1.) 

As.  mnd.  t. 

§  56.     As.  i  in  geschlossener  Silbe   >  i,   z.  B.   ik  ich;   zik 
sich;  pik  n.    (as.  pik  <  lat.  ptcem)  Pech;  ßä  Fisch;    dik   (as.   ^ÄiArii 
dicht,  dick)  dick;  Mint  blind;  kint  Kind;  vint  Wind;  riyk  m.  (as.  kring) 
Ring;  spriyk  m.  (as.  spring)  Quelle;  ftnj^i  m.  grüner  Anger;   kliyk  f. 
{mui,  klinke)  1.  Türriegel,  2.  Aufnäher  am  Frauenkleide;  giß  i,  (mnd. 
^i/if«)  Festlichkeit;    rfn/^  Trift;    diyk  Ding;    diysdax  (mnd.  dingsedach, 
s.   Kluge,  Wh.    unter   Dienstag)   Dienstag;   gou^-flik  f.    (vgl.   mnd. 
r/icig,   ags.  ^iccö   Speckseite)    Gänsebrust;    hit  f.    (as.    hittia)    Hitze; 
(j&zixt  n.    (as.    r^isiA^   Anblick)    Gesicht;   ge.^rixt  n.    (mnd.    geschrichte) 
Geschrei;   lin  f.  (as.  lindia)  Linde;   rixt  f.  (as.  rihti  Richtschnur)  ge- 
rade Richtung;    tit  f.  Zitze,    dazu   wohl   titl-mes  Meise;    bit  n.    (mnd. 
hit)  Gebiss    der  Pferde;    kin  Kinn;    spin  n.   (mnd.   spinde)   Kleider-, 
Wäscheschrank;  stil  still;  hilt  (mnd.  hilde,  hille,  das  zum  germ.  Stamme 
hildi  Kampf   gehören  wird,   vgl.   hd.  bald  <   germ.  balp  kühn)    eilig; 
bitä  bitter;  vintä  Winter;   bin  (mnd.  binnen)  binnen;   bin  (as.  bindan) 
binden;  vin  (as.  winnan  kämpfen,  erlangen;  erleiden)  gewinnen,  fä-vin 
verschmerzen;  vin  (as.  windan)  winden;  stiky  m.  (mnd.  sticke)  Pflock, 
dazu  stikydXistä  stockfinster;    äimpm  schimpfen,   ßyä  Finger;    timän 
(as.  timbron   <   Himron)   zimmern;    tipm   (vgl.    ne.    to  tip)   anrühren; 
süpm  tunken;  kipm  kippen,  auf  die  Seite  fallen;  mpm  (mnd.  tvippen) 
auf-  und  niederbewegen,   daher  vip  f.  in  upt  vip  stän  auf  der  Wage 
stehen;  glipm  entgleiten;   kniky  abbrechen,  einbrechen,  dazu  knik  m. 
lebende  Hecke,  die  durch  Abbrechen  kurz  gehalten  wird;  slik  Schlamm; 
^h  f.  Spitzhacke;  biky  die  Schale  des  Eies  von  innen  mit  dem  Schnabel 
durchstossen,  von  Küchlein  (vgl.  kelt.-rom.  beccus  Schnabel  und  Kluge, 
unter  Bicke);  äinä  (mbr.  schinner  zu  as.  biskindian  abrinden,  schälen) 
Schinder,  Abdecker;  pisn  mingere;  pliykdn   (mnd.  plinken)   blinzeln; 
'plimn  weinen;  bikbeä  f.  (mnd.  bickbere)  Heidelbeere;  der  östliche  Teil 

7* 


100 

der  OPri  sagt  dafür  köUky  (=  Kuhzecke?);  tin  (mnd.  tindej  vgl.  an. 
tindr)  nur  noch  erhalten  in  häkl-tin  Zinken  der  Flachshechel;  vinl  f. 
(as.  ivindila)  Windel;  vik  f.  (as.  wikka  <  lat.  viciä)  Wicke;  kist  f. 
(<  lat.  cistä)  Kiste;  diä  (as.  disk  <  griech.-lat.  discus)  Tisch;  pin  f. 
(as.  pin  m.?)  Pinne,  Pflock;  piy-stn  (as.  pinkoston  <  griech.-lat. 
pentecoste)  Pfingsten;  pip  m.  (<  vlat.  ptppUa)  Pfips  (Hühnerkrankheit). 

Anm.  1.  German.  Wechsel  zwischen  i  and  e  ist  in  unserer  Ma.  zu 
Gunsten  von  i  entschieden  in:  likia  (as.  likkon)  lecken;  snik  f.  (mnd.  snigge 
m.  f.)  Schnecke;  flikTn  m.  (vgl.  mhd.  vlecke)  Flicken,  Lappen  Zeug;  rik  n.  (mnd. 
rick  und  reck)  lange,  dünne  Stange;  gistin  (mnd.  gisteren,  gisterne  neben 
gesteren,  gesterne,  s.  Tümpel,  Ndd.  Stud.  S.  17  unten);  blis  m.  (mnd.  bles,  blesse) 
weisser  Stirnfleck. 

Anm.  2.  Ob  fits  f.  (vgl.  as.  vittea,  ahd.  fizxa)  eine  durch  das  „Fitzel- 
band'' abgebundene,  60  Fäden  starke  Menge  Garn,  und  slits  f.  Schlitze  aus  dem 
Hochdeutschen  entlehnt  oder  selbständige  s-Ableitungen  sind,  etwa  wie  flits  Pfeil 
in  flitS'hhi  Flitsbogen  und  flitsn  wie  ein  Pfeil  fliegen,  vermag  ich  nicht  zu  ent- 
scheiden, auch  nicht,  ob  lits  Litze  direkt  aus  dem  französ.  lice  <  lat.  licimn 
oder  aus  dem  hd.  luxe  stammt. 

§  57.     Mnd.  e  <  as.  i  ist  zu  ä  geworden 

1)  vor  mnd.  r  +  s  in  dem  veraltenden  käsbän  <  mnd.  kerseberen 
Kirschbeeren  d.  i.  Kirschen.  Vor  Gaumenlauten  ist  dieses  ä  zu  ä 
gedehnt  worden  (vgl.  §§  51,  c,  54,1  und  §  268). 

2)  vor  mnd.  dd  >  r,  z.  B.  värä  (mnd.  wedder)  wieder;  päräk  n. 
(mnd.  peddik)  HoUundermark;  in  dem  veralteten  ndrn  (mnd.  nedden) 
nieder  (vgl.  §  54, 2  und  §  242  Anm.  3).  Doch  mir  (mnd.  midde) 
Mitte  u.  a.  m. 

3)  infolge  von  Unbe  tont  hei  t  in  dm  (jxmA.  enie)  ihm,  ihn  (vgl. 
§§  48  Anm.  2,  54,  4  und  188  Anm.  4). 

§  58.  As.  i  in  offener  Silbe  >  ä,  z.  B.  tiä-y  (as.  nigun)  9 
(§  188),  >  e  m  smet  und  ähnl.  (§  197);  as.  i  vor  gedecktem  Nasen- 
laut sporadisch  >  e^  z.  B.  swera  schwimmen  (§  276);  as.  i  labialisiert 
>  ü  oder  öj  z.  B.  bün  bin,  rön  Dachrinne  (§  277  d);  as.  i  -H  r  im 
Auslaut  oder  vor  stimmhaften  Zahnlauten  >  e,  z.  B.  ^ä  ihr  (§  252); 
as.  i  -f-  r  -}-  Gaumen-  und  Lippenlaut  >  ä,  z.  B.  bärk  Birke  (§  268); 
as.  i  4-  A  +  Vokal   >   ei,  z.  B.  zei  sieh  (§  245,  3). 

As.  mnd.  o. 

§  59.  As.  0  in  geschlossener  Silbe  >  o,  z.  B.  nox  noch; 
mos  n.  (mnd.  mos,  vgl.  nl.  mos)  Moos;  rotn  (as.  roton,  ags.  rotian 
faulen)  faulen;  §ot  m.  (veraltet;  vgl.  mnd.  schot  n.)  Steuer;  dazu 
äot-geyd  alte  Bezeichnung  für  Paschgänger,  Schmuggler;  äok  n.  Schock; 
stok  m.  Stock;  hok  f.  (mnd.  hokke,  vgl.  afries.  skokka)  Getreidehocke; 
oft  oft;  /ros^  m.  Frost;  pot  m.  Topf;  ^oft  n.  Gold;  holt  n.  Holz,. 
Gehölz;  rok  Rock;  Awoi  f.  (mnd.  knocke)  Bündel  Flachs  von  einer 
bestimmten  Anzahl  Kisten;  top  f.  eine  bestimmte  Masse  von  Heede; 
flot  in  dntn-ßot  Wasserlinse,   lemna   palustris,   zu  mnd.   vlot  ==  was 


101 

oben  schwimmt,  as.  vloton  schwimmen,  vgl.  auch  nl.  flot  Rahm,  engl. 
to  fleet  abrahmen;  foly  folgen;  hopm  m.  (mnd.  hoppe)  Hopfen;  kloprii 
klopfen;  doxdä  f.  Tochter;  voky  m.  {mnd.  toocke)  Spinnrocken;  dop  m. 
Schale,  Hülse;  h^op  m.  (mnd.  kröpf p)  1.  Rumpf,  2.  Kropf)  1.  Kropf 
(der  Vögel),  2.  runde  Schwellung  am  Halse  der  Pferde;  torn  (vgl. 
mnd.  toddeln  einzeln  herausfallen,  im  Ablaut  zum  hd.  ver-zetteln) 
streuen,  besonders  von  Körnern  gesagt,  die  aus  zu  trockenen  Ähren 
oder  aus  einem  kleinen  Loche  im  Sacke  herausfallen;  kostn  (as.  koston) 
schmeckend  prüfen;  kostn  (mlat.  cöstare)  kosten,  wert  sein;  post  m. 
<  lat.  postem)  Pfosten;  klock  f.  (mnd.  klocke  <  kelt.-lat.  ^locca)  Uhr; 
kopln  (mnd.  koppelen  <  lat.  cöpulare)  zusammenbinden,  dazu  kopl  f. 
gemeinschaftlicher  Weideplatz;  kopä  n.  (as.  kopar,  mbr.  kopper ,  ags. 
copor  <  galloroman.  c6preum  für  vlat.  cupreum;  vgl.  Festschrift  für 
Adolf  Tobler,  Braunschweig  1905,  S.  263. 

Anm.  1.     got  (as.  god)  ist  hd.,  s.  §  303  a. 

Anm.  2.  As.  o  im  Auslaut  ist  zu  ö  gelängt  in  jö  (as.  eo,  io  je),  in 
max  jö  warum  nicht  gar;  ^ö  nix  ja  nicht.     Vgl.  §  108. 

§  60.  Ursprüngliches  lautgesetzliches  Schwanken  zwischen  u 
und  0  ist  in  unserer  Mundart,  z.  T.  schon  in  alter  Zeit,  durch  Aus- 
gleichung oder  durch  lautliche  Einwirkung  der  Nachbarkonsonanten 
(vgl.  Schlüter  bei  Dieter  I,  103)  entschieden 

1)  zu  Gunsten  von  w. 

a)  nach  w,  f,  h  oder  vor  ly  II,  l  +  Konsonant. 

vtilf  m.  (as.  wiilf)  Wolf;  vulk  f.  (as.  wolkan  n.  wulka  f.?,  mnd. 
wölken  n.  neben  wölke,  wulke  f.)  Wolke;  vul  f.  (mnd.  wulle)  Wolle; 
dul  (as.  dol,  mnd.  dul  töricht,  dol  toll)  toll;  ful  (as.  ful,  einmal  fol) 
voll;  stul  f.  Stolle  (Butterbrot);  grul  (vgl.  ags.  gryllan  knirschen) 
Groll;  huläfi  (mnd.  hulderen,  zu  hol  hohl)  dumpf  rollen;  vgl.  auch 
hulpm  geholfen  (as.  holpan)^  und  zül  (mnd.  sculde)  sollte  neben  zol 
(mnd.  scolde)^  s.  §  7,  3  b. 

Anm.  1.  Aber  folk  n.  (as.  folk)  Volk;  für  das  Altniederfränkische  wird 
durch  afrz.  prov.  folc  mit  geschlossenem  o  ein  */*WA;  vorausgesetzt ;  vgl.  auch 
die  zahlreichen  mit  Falk-  gebildeten  Namen.     Über  as.  fugal  s.  §  191. 

Anm.  2.  Auch  folgendes  w  und  b  begünstigt  u:  duvlt  (mnd.  duhbelt 
<  afrz.  döble,  dovble)  doppelt;  kuvU  m.  (frz.  coffre)  Koffer;  vgl.  sruvk  (zu  mnd. 
schritbben  kratzen,  rein  scheuern ;  me.  scrobben,  scrubben)  kurzer  stilloser  Scheuer- 
besen für  eine  Hand. 

b)  vor  Nasalen. 

truml  f.  (zu  as.  trumha)  Trommel;  zun  f.  (as.  sunna  f.  neben 
mnno  m.)  Sonne,  aber  unter  hochdeutschem  Einfluss,  zugleich  mit 
unorganischem  Umlaut,  wie  in  gröän  Groschen,  zöldät  Soldat:  zöndmt, 
zöndax  Sonnabend,  Sonntag  (schon  mbr.,  wie  überhaupt  mnd.  sunn- 
avend,  sundach  neben  seltnerem  sonnavend,  sondach;  Meckl.  hat  zun, 
zunämt,  zündach);  tun  (mnd.  tunne)  Tonne;  dunä  m.  (mnd.  dunner) 
Donner;  dunädax^  unter  hochdeutschem  Einfluss  jetzt  meistens  dunäsdax 
(mbr.  dunredax)  Donnerstag.     Vgl.  swum  geschwommen  (as.  swumman). 


102 

Über  kün,  kun  konnte  s.  §  7,3  b,  üher  z&mä  m.  Sommer  =  as.  smnar 
s.  §  242,  über  kä-m  <  as.  kuman  kommen  s.  §  191. 
c)  in  anderer  Umgebung: 

ktis  m.  (as.  kus,  kos,  vgl.  ags.  coss)  Kuss;  supm  m.  (mnd. 
schoppe,  vgl.  ags.  sceoppa  und  scypen)  Schuppen;  huk  m.  (as.  huk) 
Bock;  ttiky  (mnd.  tttcken)  ruckweise  zerren;  kluk  f.  (mnd.  klucke,  vgl. 
das  ags.  Ztw.  clocdan,  nl.  klokken)  Glucke.  Über  miixt,  miixt  mochte, 
gemocht  vgl.  §  7,  3  b. 

2)  zu  Gunsten  von  o  in:  fos  m.  (as.  /oAs;  auch  fuhs?);  tox 
(mnd.  toch,  vgl.  ags.  tyge)\  mol  f.  (mbr.  molde,  vgl.  mhd.  muld^) 
Mulde;  rol  f.,  Ztw.  roln  (mnd.  rolle,  rulle;  rollen,  riillen)  rollen;  Meckl. 
ruly  ruln;  olm,  olmix  (mnd.  olm,  olmich,  ulmich)  verwestes  Holz. 

Anm.  1.  Das  o  in  stopm  (as.  stoppon)]  kop  m.  (as.  kop)  Kopf,  tasn-kop 
Obertasse;  stopl  f.  (mnd.  stoppet,  vgl.  ahd.  stupfala)  bin  ich  geneigt,  auf  gallo- 
romanisches  ö  (geschlossen)  <  lat.  u  zurückzuführen,  also  auf  roman.  stöppare, 
cöppa,  siöpla  <  mlat.  stuppare,  cuppa,  st^pula  für  stipula.  Vgl.  §  235  b  und 
Festschrift  für  A.  Tobler  S.   265.     Über  hodk  Butter  vgl.  §  242. 

Anm.  2.     bedruck  m.  (mnd.  droch  n.)  Betrug  ist  halb  hochdeutsch. 

§  61.  As.  0  in  offener  Silbe  >  ä,  z.  B.  äprn  (as.  opan)  ofiFen 
(§  189);  mnd.  o  -4-  ^  im  Auslaut  oder  vor  stimmhaften  Zahnfleisch- 
lauten >  ö,  z.  B.  döä  Tor,  vöätWort  (§  253);  mnd.  o  vor  den  übrigen 
r -Verbindungen  s.  §  136  c,  §  268. 

Mnd.  ö,  d.  i.  i-Umlaut  zu  ö. 

§  62.  Der  Umlaut  zu  o  ist  ö,  z.  B.  stök  Stöcke;  fös  Füchse; 
lökä  (Sg.  lok)  Löcher;  dik-köps  (zu  kop)  eigensinnig;  köpky  n.  (mnd. 
köppeke  <  kop(pe))  Obertasse,  Schale;  pötä  Töpfer  (zu  pot)\  kost  f. 
Schmaus  in  Wörtern  wie  bräklköst,  rixtköst  (zu  kostn);  üt-hölkän  (mnd. 
kolken^  zu  hol  hohl)  aushöhlen;  döpm  (mnd.  döppen)  aus  der  Schale 
lösen;  aus  der  Schale  fallen;  kröpm  (mnd.  kröppen  krumm  biegen; 
vgl.  ags.  cropp  Baumwipfel)  stutzen  (Bäume),  dazu  wohl  kvdkröpk 
übermütig;  kösdd  (as.  kostaräri  <  mlat.  custorarius)  Küster. 

Anm.  Vielfach  ist  Ö  unorganisch,  d.  h.  durch  den  Plural  in  den  Singular, 
durch  Verbalformen  in  Substantivformen,  gedrungen,  z.  B.  in  xökß  m.  (mnd. 
socke  Filzschuh)  Socken;  sprök  n.  (mnd.  sprock)  trockenes  Leseholz,  sprök-hnk 
grosse  Waldameise;  hrölcß  brocken;  feröÄB  m  (vgl.  mnd.  bröckel  und  as.  hrokko) 
Brocken;  pölm.  (mnd.  polle  Wipfel)  Haarknoten;  Federbüschel  auf  dem  Kopf  von 
Vögeln;  gröän  (mnd.  grosse  <  mlat.  grossus)  Groschen.    Vgl.  auch  o  -|-  r  (§  269). 

§  63.  Nach  dem  Grundsatz,  dass  enge  Zusammengehörigkeit 
von  Formen  auch  Annäherung  der  Laute  nach  sich  zieht  (vgl.  ä  <  e 
als  Umlaut  von  a  §  51),  zeigt  jüngeres  o  <  a  -{-  Id,  It  (§  273)  den 
Umlaut  ö,  z.  B.  ölä  älter  zu  olt  alt;  holst,  holt  halst,  hält  zu  holn 
halten;  dagegen  faluj  fälst,  fält  (Meckl.  fölst,  fölt), 

§  64.  Altes  Schwanken  zwischen  ö  und  ü  ist  in  unserem  Dialekt 
zu  Gunsten  von  ö  entschieden  in:  höltn  hölzern;  als  Subst.  Holz- 
pantoffel (zu  holt  Holz;  vgl.  westfäl.  hilltn)\  sötn  zu  mnd.  schot  Kiegel 


103 

Verschluss,  noch  erhalten  in  äotkel  f.,  hinterer  Wagenverschluss,  vgl. 
ags.  scyttan,  ne.  to  shut)  riegeln;  möl  f.  (mhr.  mölle;  7nölne,  as. 
*mulina  in  mulinsten  <  mlat.  molinä)  Mühle;  dazu  möld  (as.  mulinari, 
mbr.  möllener,  möller  <  mlat.  molinarius)  Müller. 

§  65.  mnd.  o  >  i  in  offener  Silbe,  z.  B.  kkv  Höfe  {§  190); 
mnd.  ö  -+-  r  vor  stimmhaften  Zahnlauten  >  o,  z.  B.  vod  Worte  (§  254); 
ö  ■+•  r  vor  den  übrigen  Konsonanten  s.  §  269. 

As.  mnd.  u. 

§  66.  as.  ü  in  geschlossener  Silbe  >  ti  z.  B.  up  auf;  un  (mnd. 
unde)  und;  htipup  das  bekannte  Blasinstrument  aus  Weidenrinde; 
s^wmp  stumpf;  sult  f.  Schuld;  ^mo;^  f.  Zucht  (was  aufgezogen  wird); 
juyk  jung;  kunst  f.  das  Können,  Kunst;  luft  f.  (as,  luft  m.  f.)  Luft; 
strump  m.  (mnd.  strump  Halbhose)  Strumpf;  zump  Sumpf;  rmt  f. 
(mnd.  rüste)  Rast,  Ruhe,  nur  noch  erhalten  in  dem  fast  verschollenen 
riistkastn^  das  alte  nd.  Wort  für  das  hd.  zarx  Sarg;  sluyk  m.  Schlund; 
rump  m.  Rumpf;  im-rump  (mnd.  immen  rump)  Bienenkorb;  äruft  f. 
(zu  mnd.  schrüven  schrauben)  Schublade;  äuft  f.  (zu  mnd^  schüven) 
Schulter;  stuft  f.  Treppenstufe;  slump  m.  (mnd.  slump)  grosses  Glück, 
Zw.  slumpm  sehr  glücken;  snvk  f.  weibliches  Schaf;  klump,  klumpm 
Klumpen,  Haufen;  huts  f.  Fussbanke;  huks  f.  Frosch  (Kröte)  (zur 
germ.  Wz.  hukk  hocken,  kauern);  kum  n.  (mnd.  kum(p)  Trinkschale 
ohne  Henkel;  tuy  f.  Zunge;  duy  f.  bestimmte  Menge  spinnfertiger 
Heede;  vun  f.  (as.  wunda)  Wunde;  huyä  m.  Hunger;  vunä  n.  Wunder; 
sulä  f.  Schulter;  knupm  (mnd.  knuppe)  Knoten;  luntn  (mnd.  /t^w^ej 
Zündfaden;  mnl.  lotnpe  Lunte,  Fetzen  zum  Anzünden)  alte  Lumpen; 
mulsn  (mnd.  mulschen  verfaulen)  anfangen  zu  faulen,  mulsix  halbfaul; 
srumpl  f.  (mnd.  schrumpe)  Runzel;  humpln  lahm  gehen;  fuään  (vgl. 
mnd.  vMsken  hantieren  und  hd.  Pfuscher)  mogeln;  supsn  (mnd. 
schuppen  stossen)  Iterat.  zu  süm  schieben;  mußx  (vgl.  nl.  muf) 
schimmlig;  vuspdlix  (in  anderen  Mundarten  wisplix,  vgl.  mnl.  unspelen 
unruhig  hin-  und  hergehen)  unruhig  (von  Kindern);  sumän,  §umätit 
(mnd.  Schummer,  im  Ablaut  zu  hd.  schimmern)  dämmern,  Dämmerung; 
up-hlukf)  (zu  hlik  =  heller  Strahl)  aufblitzen;  fluykän  (vgl.  mnd. 
flunken  freundlich  tun  und  früh  nhd.  flinken  glänzen,  s.  Kluge,  Wb. 
unter  flunkern)  harmlos  lügen;  luyän  (vgl.  mnd.  lungerie  müssiges 
Umhertreiben  und  engl,  to  linger)  herumlungern;  vuxtn  (im  Ablaut  zu 
Ge-wicht  und  mnd.  wacht  Wage)  mit  der  Hebelstange  heben;  vuxthöm 
Hebelstange;  bumln  1.  baumeln,  2.  umherbummeln. 

Anm.  Hinsichtlich  des  Ausgleiches  zwischen  ursprünglich  schwankendem 
n  und  0  vgl,  §  60,  hinsichtlich  ü  für  u  vgl.  §  68,  Anm.  1. 

§  67.  As.  u  in  offener  Silbe  gedehnt  >  ä,  z.  B.  fägl  <  as. 
fugal  (§  191);  w  -f-  r  im  Auslaut  und  vor  stimmhaften  Zahnlauten 
>  ö,  z.  B.  föä  Furche  (§  255);  w  -+-  r  vor  stimmlosen  Zahnlauten, 
vor  Lippen-  und  Gaumenlauten  >  o,  z.  B.  storm  Sturm  (§  270); 
«  -H  rr  s.  §  135. 


104 


Mnd.  ü,  d.  i.  i- Umlaut  von  u. 

§  68.  Mnd.  ü  in  geschlossener  Silbe  >  ü,  z.  B.  pün  Pfunde 
(Sg.  punt,  as.  pund  <  mlat.  pondo);  välv  (Sg.  vulf)  Wölfe;  düld 
(Kompar.  zu  dul)  toller;  füld,  fillix,  füln  völler;  völlig;  füllen;  sülix 
schuldig;  gedülix  geduldig;  knüpni  knüpfen;  —  dün  (as.  thunni)  dünn; 
hülp  f.  (as.  hulpa  für  *hulpia)  Hilfe;  äürn  (as.  skuddian)  schütten, 
schütteln;  an-äiin  (as.  skundian)  anreizen;  süp  Schuppe;  sprüt  (mnd. 
sprütte)  Spritze;  grüt  f.  Grütze;  stüt  f.  Stütze;  süt  f.  (mnd.  schütte) 
Vorrichtung  zum  Stauen  des  Wassers,  Durchlass  (gehört  zu  mnd.  schot 
Verschluss;  ags.  scyttan  schliessen  §  64);  §üt  (Eigenname  =  Schütze, 
vgl.  ags.  scytta);  hüt  Hütte;  um  (as.  umbi)  um;  kül  f.  (mnd.  külde) 
Kälte;  dazu  zik  fäküln  sich  erkälten;  nüt,  unüt  (as.  nutti)  brauchbar, 
unnütz;  düxdix  tüchtig;  stülpä  (mnd.  stülper)  Blechdeckel  auf  einem 
Topfe;  stük  Stück,  Ackerstück;  drüky  drücken;  drucken;  krük  f. 
(as.  krukka  für  *krukkia,  vgl.  ags.  crycc)  Krücke;  hüls-huä  (as.  hulis) 
Stechpalme;  zun  Sünde;  lüm  f.  (vgl.  as.  lunis  st.  m.  und  lun  st.  f.) 
Lünse  eines  Wagens;  tütl  m.  (as.  tuttili  Brustwarze)  Pünktchen;  drüml 
(mnd.  drümmel)  hartes,  dickes  Exkrement  (zu  thrimman  schwellen?); 
knütn  (mnd.  knütten,  vgl.  ags.  cnyttan)  stricken;  pütn  m.  (as.  puttiy 
mbr.  pütten  <  lat.  püteus)  Ziehbrunnen  (§  7,  1  b);  küsn  n.  (mnd.  küssen, 
mnl.  cussijn  <  afrz.  cotcssin  <  mlat.  coxmus,  P.  Meyer,  Romania  21,  83. 

Anm.  1.  Alter  Wechsel  zwischen  u  und  ü  ist  in  unserer  Mundart  aus- 
geglichen zu  Gunsten  von  u  in  vuln  (mnd.  wullen,  westf.  wüllen)\  rutsn  (vgl. 
mnd.  rutschen)  rutschen;  zu  Gunsten  von  ü  in  bültn  m.  (mnd.  bülie,  afries.  bult, 
vgl.  md.  bulten,  nl.  bult)  bewachsener  Erdhaufen;  tümln  (mnd.  tuynelen^ 
taumeln;  nüki^  Mz.  (mnd.  nv^k  m.  nücke  f.)  Tücken,  Launen;  rük  in  upm  rük 
im  Nu  (vgl.  mnd.  rücken  rasch  fortbewegen,  fortreissen  und  ahd.  ruc  Bück); 
büt  f.  (mnd.  bütte,  vgl.  ags.  byit  Schlauch,  und  as.  buterik  Schlauch,  nach 
Kluge  von  mlat.  btitina,  nach  Gröber,  Archiv  für  lat.  Lexicographie  I,  254 
von  mlat.  *buUis)y  Bütte,  Butte;  plükij  (mnd.  plücken,  nl.  plukken  <  vlat. 
piluccare))  büksn  (in  anderen  nd.  Mundarten  auch  2)oA;5n  und  buksn  =  engl. 
btickskins)  Hosen. 

Anm.  2.  Über  das  t^  in  zun  sang,  /i^d  fing,  Mn  konnte,  günn  gönnen 
u.  8,  f.  8.  §§  366,  383,  398.  Über  züs  sonst  (as.  sus  so,  sonst),  ümzüs  um- 
sonst, vgl.  §  142  Anm. 

§  69.  Alter  Wechsel  zwischen  ü  und  o,  ö  (entsprechend  dem 
Wechsel  zwischen  u  und  o  §  60)  ist  zu  Gunsten  von  ü  entschieden 
in  mül  m.  (mnd.  mul,  vgl.  ags.  molde)  lockerer,  trockener  Staub, 
Kehricht;  drüpm  (mbr.  drüppe,  vgl.  as.  dropo,  westf.  dräpm)  Tropfen; 
drüpln  (mnd.  drüppen,  droppen)  tröpfeln.  Ich  erwähne  hier  auch 
tüvl(n)  1.  Kartoffel  (it.  tartufolo),  2.  Pantoffel  (mnd.  pantuffele). 

§  70.  As.  ü  in  offener  Silbe  >  ä,  z.  B.  kvl  (as.  ubil)  übel 
(§  192);  sporad.  >  ö,  z.  B.  5ÖY/  Schüssel  (§  242  und  Anm.);  as. 
w  H-  r  im  Auslaut  oder  vor  stimmhaften  Zahnlauten  >  O;  z.  B.  foä 
für,  fd-todn  erzürnen  (§  256);  mnd.  «^  +  r  vor  anderen  Konsonanten 
>   ö,  z.  B.  -yöVj;  würgen  (§271). 


105 

2.    Lange  Vokale. 

As.  mnd.  ä. 

§  71.  As.  mnd.  ä  >  ä,  z,  B.  §äp  n.  (as.  scäp)  Schaf;  vän  m. 
(as.  wän  f.  Zuversicht)  Wahn;  stän  (as.  stän)  stehen;  gän  (as.  gän) 
gehen;  an  ohne;  mäln  malen;  bräk  (mnd.  hrake  neu  gepflügtes  Land, 
zu  and.  gihräkon  abgeerntetes  Land  umbrechen)  Brache,  brach;  mal  n. 
Mal;  nät  f.  Nat;  drät  m.  (as.  ^Arörf  Faden)  Draht;  rät  m.  Rat;  zät  f. 
(as.  säd  n.)  Saat;  mät  n.  (vgl.  mnd!  mute  f.)  Mass;  s/^p  m.  (mnd. 
släp)  Schläfe;  träx  (as.  trag)  träge;  grär  f.  (mnd.  gräde)  Gräte; 
däk  m.  (mnd.  däk)  Nebel;  dät  Tat;  5/  Aal;  as  n.  Aas,  dazu  äzn  be- 
schmutzen (^^ii /w/<fop  sich  beschmutzen),  verschwenden;  trän  m.  Tran; 
kräm  Kram;  hlh&  f.  (as.  hldsa^  Blase,  Blasinstrument;  plKg  f.,  plä-y 
(mnd.  plage,  plagen)  plagen;  lk§  Lage;  rä^  Wage;  vä-y  wagen;  ääl  f. 
Schale;  Aw^a?  Qual;  sprJA; f.  Sprache;  ^w5r  Gnade;  gnärn  {a,s.  gi-näthon) 
verzeihen  (von  Gott);  drär  (mnd.  dräde)  schnell,  bald,  besonders  in 
der  Wendung  so  drär  as  sobald  als;  präin  (mnd.  prälen,  vgl.  mnl. 
präl  m.  n.  Prunk,  Prahlerei)  prahlen;  sträl  m.  (as.  sträla  Pfeil)  Strahl; 
nädl  {.  (as.  wädto)  Nadel;  tädl  {ygl.  B.\id.  zadal  Memgel)  Tadel;  ädlm, 
(mnd.  ädel,  vgl.  ags.  ädl  Krankheit)  Nagelgeschwür;  ärä  f.  (mnd. 
äder  Ader;  Mehrzahl  auch  Inneres,  Eingeweide)  Ader;  dazu  wohl 
äräkouon  (mnd.  äderkouwen)  wiederkäuen,  vgl.  as.  in-äSiri  Eingeweide 
(holst,  edderkauen,  mnl.  edercaiiwen  wird  zu  got.  it-j  ags.  ed-,  ahd. 
it-  =  wiederum  gestellt),  eine  andere  Erklärung  s.  §  142  Anm.; 
swäi^ä  m.  (mnd.  swäger)  Schwager;  rädl  (as.  rada  oder  rädo  Unkraut; 
Leitzmann,  Herrigs  Archiv  CV,  386,  Gallee,  Vorstudien  zu  einem 
Altniederdeutschen  Wörterbuch,  Leiden  1903,  setzen  rMo  m.  an) 
Kornrade;  päl  (as.  päl  <  lat.  pähis)  Pfahl;  strät  f.  as.  sträta  <  lat. 
strätä)  Strasse;  päs  in  pää-äiä  Ostereier  (sls,  pdska  <  kirchenlat.  päsca). 

Auch  hoch-  oder  schriftdeutsches  a  Yfird  ä  (der  Lautwandel 
ist  noch  lebendig),  z.  B.  straf  f.  Strafe,  kanäl  Kanal,  zöldät  Soldat. 
Dem  Hochdeutschen  entlehnt  sind  auch  ätn  Atem,  das  nicht  auf  as. 
öAmi,  mnd.  adem  beruhen  kann,  und  gräf  Graf.  Wohl  findet  sich 
schon  in  den  mbr.  Urkunden  gräve  neben  greve,  aber  gräve  hätte 
grlx)  ergeben.  Mänt  m.  (as.  mänuth)  Monat  wird  immer  mehr  durch 
das  hd.  mönat  verdrängt  und  eigentlich  nur  noch  in  Zusammen- 
setzungen wie  jünimänt  gebraucht.  Unter  Einfluss  dieses  mänt,  mehr 
noch  aber  unter  Einfluss  des  hd.  ^Mond^  hört  man  häufig  statt 
man  m.  (as.  mäno)  Mond  mänt  —  Das  einzige  Wort,  in  dem  ä  sich 
erhalten  zu  haben  scheint,  ist  da  dort,  das  neben  dem  lautgesetzlich 
aus  as.  thär,  thar  entwickelten  döä  gebraucht  wird.  Ich  glaube,  dass 
da  aus  dem  Hd.  entlehnt  ist.     (Vgl.  §  137.)     In  OPri  ist  döä  selten. 

In  der  Wenkerschen  schlafen-Karte  (schlafen  =  släpm,  as. 
däpan)  bildet  die  mecklenburgische  Landesgrenze  die  Scheide  zwischen 
einem  schlap-  und  einem  schloap-Gehiet  Ähnlich  wird  in  der  Ofen- 
Karte  zwischen  dem  ab-  und   oJ-Gebiet   geschieden.     Ich   kann   be- 


106 

zeugen,  dass  in  Mecklenburg  ebenso  släpm,  am  gesagt  wird,  wie  in 
der  Pri,  vor  allem  WPri,  släpm  und  am,  dm.  Der  Unterschied  ist 
rein  graphisch. 

Die  Übersetzer  in  Mecklenburg  haben  die  Schreibweise  Groths 
und  Reuters  angenommen,  die  in  Brandenburg  haben  den  zwischen 
ö  und  a  stehenden  Laut  durch  oa  dargestellt.     Vgl  noch  §  189  Anin.  3. 

§  72.  d  -H  A  -H  Vokal  ebenfalls  >  ä,  z.  ß.  man  m.  (as.  nidho, 
schw.  m.,  mnd.  7nan)  Mohn;  nä  Adj.  Adv.  Praep.  (as.  näh,  vgl.  den 
Akk.  näan  in  den  Werdener  Prudentiusglossen)  1.  nahe,  2.  nach, 
s.  auch  §  295  b;  tax  (mnd.  td)  zähe,  mit  grammatischem  Wechsel, 
s.  §  295  c  Anm.  Dieselbe  Entwickelung  nahm  das  aus  -aha-  schon 
in  mnd.  Zeit  entstandene  ä  in  trän  f.  (nmd,  träne,  trän  m,  as.  Mz. 
trahni,  Einz.  '*trahan)  Träne,  vgl.  trän  Tränen;  mal  n.,  dafür  durch 
Volksumdeutung  in  manchen  Dörfern,  z.  B.  Boberow,  mänt  (as.  mähal 
st.  n.  Gerichtsstätte)  Freistätte  beim  Spielen;  stäl  m.  (hd.?,  vgl.  ahd. 
stahal,  stäl,  as.  stehli  n.  Werdener  Prudentiusglossen)  Stahl;  s.  auch 
öä  f.  Ähre   <   as.  ''^ahar  §  257. 

§  73.  Westgerm,  an  >  ou  in  klou  f.  (mnd.  kläwe,  klatie,  klouive, 
klä)  Klau;  lou  (nl.  lauw,  vgl.  ahd.  läo)  lau.  In  öy-hrän  Augenbrauen 
scheint  das  ä  auf  as.  hräha  (nach  §  72)  neben  hräwa  zu  beruhen 
(germ.  brehwö?):  Heliand  1706  schreibt  Mon.  brähon  (dat.  plur.),  Cott. 
hräwon,  die  mnd.  Form  ist  hrän.     Über  hläx  blau  vgl.  §  130. 

Anm.     Germ,  auu  ergiebt  gleichfalls  ou  (§  95). 

§  74.  As.  ä  verkürzt  >  a,  z.  B.  daxt  (as.  thähta)  dachte  (§  229), 
zu  ö  in  bröxt  (as.  brähta)  brachte  (§  229,  Anm.  2);  zu  u  in  hriimlbeä 
(vgl.  as.  brärmlbusk)  Brombeere  (§  229,  Anm.  2);  ä  -{-  r  >  ö,  z.  B. 
höä  (as.  här)  Haar  (§  257). 

i- Umlaut  von  as.  ä. 

§  75.  Der  i-Umlaut  von  ä  nach  Hartgaumenlauten  und  vor 
echten  Hartgaumenlauten  (die  vielleicht  schon  im  Altsächsischen  den 
Umlaut  begünstigt  haben,  s.  as.  kesi  Käse,  geß  gäbe,  gödspreki  wohl- 
redend Cot.;  vgl.  giwegi  (?)  Ess.  Gl.)  ist  >  e  geworden:  k^  m.  (as. 
kiesi,  mnd.  kese  <  lat.  caseiis)\  sepä  (mnd.  scheper  neben  schäper  zu 
as.  skäp)  Schäfer;  lex,  flekt.  ISg  (mnd.  l^ge)  mager,  im  Süden  von 
OPri  auch  niedrig,  in  Meckl.  nichtswürdig;  ärex  (hd.?)  schräge;  dann 
auch  bekwem  (mnd.  bequeme,  vgl.  ags.  gecweme)  bequem.  Auch  vor  r 
findet  sich  stets  e  (nach  §  248),  z.  B.  s^ä  f.  (as.  scäri,  mnd.  schere) 
Scheere;  beän  (as.  gibärian,  mnd.  beren)  sich  gehaben  wie,  so  aus- 
sehen wie;  weitere  Beispiele  §  258. 

§  76.  Sonst  wird  ä  durch  ^-Umlaut  zu  ä,  z.  B.  dar  (as.  dädi) 
tat;  spar  (mnd.  späde  und  spede)  spät;  ünädänix  (mnd.  underdänich, 
tmderdenich)  Untertan;  zälix  (as.  sälig,  mnd.  sälig,  selig)  selig;  so  auch 
vor  h  oder  vor  x,  g,  das  mit  h  in  grammatischem  Wechsel  steht, 
z.  B.  smälix  Adv.  sehr  (mnd.  smeUk,  vgl.  ahd.  sinählih  schmählich); 
nägä  (mnd.  neger  neben  när)  näher;    näxst  (as.  nähist,  mnd.  biegest, 


107 

iiest)  nächste;  nSigt  f.  Nähe.  Hierher  stelle  ich  auch  krä  f.  (as. 
kräia)  Krähe;  mä9n  (mnd.  ineien,  m^gen)  mähen;  zäan  (as.  säian) 
säen;  dräsn  (as.  thräian)  drehen;  kräan  (mnd.  kreien,  kregen)  krähen; 
n&n  (mnd.  neien,  negen)  nähen;  väan  (mnd.  weien,  wegen)  wehen; 
klä9n  (mnd.  kleien,  vgl.  ahd.  chldwjan  und  Ndd  Jb.  I,  52)  krauen, 
bes.  Vieh,  um  es  zu  besänftigen;  mit  den  Fingern  betasten,  in  etwas 
herumstöbern,  in  Meckl.  stellenweise  auch  Kartoffel  aufnehmen. 

Anm.  1.  In  Meckl.  beissen  Krähe,  mähen  n.  s.  w.  krkij  miim,  klli9n 
u.  s.  w.  (s.  §  6,  2).  Schon  in  mittelmecklenb.  Zeit  lauten  die  entsprechenden 
Formen:  kreie,  meyen,  neyen,  xeyen,  kleyen,  s.  Nerger  §  44.  Entweder  ist 
das  i  (j)  Ton  -ä^a-  noch  mit  ä  vor  dem  Wirken  des  t-ümlaates  zn  ai  zusammen- 
getreten —  sai-an  <  sä.-j-an  —  (das  könnte  natürlich  erst  geschehen  sein, 
nachdem  sich  ug.  ai  zu  e  (§  81)  monophthongisiert  hatte);  oder  aber  i  (j)  ist 
erst  an  schon  umgelautetes  e  angetreten:  m&i-en  für  me-j-en.  Denn  i  (j)  hat 
sich  in  diesen  Wörtern  sicher  lange  gehalten.  Durch  Verhärtung  des  ^  >  <j 
erkläre  ich  die  mlq9n,  wäa-,  Partie,  m^t  des  §  7,  4  b  beschriebenen  Gebietes 
der  OPri.  Ob  das  i,  j  der  ebenda  besprochenen  Formen  m^-in,  rn^-it  oder 
m^J9n,  m^-it  eine  direkte  Fortsetzung  des  i  (j)  in  as.  *mkjan,  mnd.  meiert  ist, 
oder  aber  sich  sekundär  aus  <)  entwickelt  hat  (in  diesem  Gebiet  ist  ja  g,  q 
allgemein  zu  j  geworden)  vermag  ich  nicht  zu  entscheiden. 

Anm.  2.  Auch  ßln  fehlen  <  mhd.  vl,len  (<  frz.  faillir;  im  Mnd.  ist 
nur  felinge  Versäumnis  belegt)  hat  ä.  Wie  gnMix  gnädig  (§  158,  Anm.  3) 
könnte  auch  zMix  (s.  o.)  der  hochdeutschen  Kirchensprache  entlehnt  sein.  Neben 
sp^r  findet  sich  in  der  Eibgegend  auch  das  hochdeutsche  sp^t 

Anm.  3.  Übär  das  ei  im  Präteritum  der  st.  Ztw.  Kl.  IV  statt  des  zu 
erwartenden  ä  (oder  e?)  als  Umlaut  von  ä  (z.  B.  neim  nahm)  s.  §  375  Anm.  1. 

§  77.  Für  zu  erwartendes  ä  (e)  tritt  ein  jüngeres  ä  ein,  wenn 
eine  umlautslose  Form  mit  ä  <  mnd.  ä  daneben  besteht  (vgl.  §  51 
und  vor  allem  den  Umlaut  von  mnd.  tonlangem  ä  §  186);  z.  B.  nkr  : 
not  Nähte,  pKl :  päl  Pfähle,  sfklän  :  stäl  stählern,  slkprich  :  släp 
schläfrig  u.  a.  m.  Hierher  würde  kkdl  festes  Stück  Exkrement  zu 
stellen  sein,  wenn  es  zu  mnd.  qtiät  Kot  gehört,  und  auch  dhnlix, 
wenn  as.  thäm  die  Wurzel  ist,  vgl.  Kluge,  Wb.  unter  damisch. 

§  78.  Mnd.  e  -\-  r  >  e  (§  258);  mnd.  e  verkürzt  >  e,  z.  B. 
let  lässt  (§  230,  1);  verkürzt  zu  ö,  z.  B.  slöpt  schläft  (§  230,  2). 

As.  e  (=  ug.  e^,  ahd.  e,  ea,  ia), 

Vorbem.  Wie  viele  andere,  so  nimmt  auch  Holthausen,  As.  El. 
§  92  an,  dass  as.  e  =  ug  e^  geschlossenes  e  gewesen  sei.  Für 
mich  ist  es  dagegen  nicht  zweifelhaft,  dass  es  offenen  Lautwert 
gehabt  hat;  s.  Franck  ZfdA  XXXX,  51  f.,  Mackel,  eb.  254  ff.  Für 
dieses  e  schreiben  nun  einige  as.  Handschriften,  so  auch  die  Heliandhs. 
Cot.,  (s.  Holthausen  a.  a.  0.)  ie.  Dieses  ie  (ei)  findet  sich  dann  gerade 
in  mbr.  Urkunden  nicht  selten,  bes.  in  hrief  Brief  und  den  Fürwörtern 
die,  sie,  s.  Graupe  S.  19  und  Tümpel,  Ndd.  Stud.  S.  24  ff.  Im  nörd- 
lichen diphthongischen  Gebiet  der  Pri  und  im  angrenzenden  Meckl. 
(s.  §  7,  1  a)  wird  für   as.   e  ei  gesprochen,   im   südlichen  monoph- 


108 

thongischen  Gebiet  e.  Ich  möchte  annehmen,  dass  das  ei  des 
diphthongischen  Gebietes  direkt  auf  as.  ie  für  e  zurückgeht,  d.  h.  dass 
Formen  wie  z.  B.  meir  Miete,  hei  er  aus  solchen  as.  Dialekten 
stammen,  in  denen  mieda,  hie  gesprochen  wurde.  Ich  werde  bei  den 
Diphthongierungserscheinungen  (§  245)  den  Nachweis  versuchen,  dass, 
abgesehen  von  dem  ei  in  §  82,  jedes  ei  der  Prignitz  auf  ie  zurück- 
geht, sei  dieses  nun  entstanden  aus  as.  ie,  io,  ia  oder  eha,  z.  B.  in 
drei  3  <  as.  thrie,  deif  Dieb  <  as.  thiof,  knei  Knie  <  as.  knio,  zein 
sehen  <  as  sehan  u.  s.  f.  Auf  keinen  Fall  kann  as.  e  =  ug.  e^, 
soweit  es  ei  geworden  ist,  je  mit  as.  e  =  ug.  ai  lautlich  zusammen- 
gefallen sein;  sonst  könnte  es  jetzt  nicht  einerseits  meir  Miete,  dei 
die,  anderseits  sten  Stein  heissen. 

Das  ^  des  monophthongischen  Gebietes,  z.  B.  in  met  Miete, 
he  er  kann  direkt  auf  as.  e  beruhen,  dass  dann,  wohl  zuerst  im 
Auslaut,  geschlossen  worden  sein  müsste.  Es  kann  aber  auch  auf  ie 
zurückgehen:  auch  ie  <  io,  ia  ist  e  geworden;  z.  B.  dre,  de,  kne,  zen. 

§  79.  As  ß  (ie)  >  ei  bezw.  e:  kein  m.  (mnd.  ken^  vgl.  ags.  cen) 
Kien,  meir  f.,  meirn  (as.  meda  Lohn,  mMian  bezahlen,  kaufen)  Miete, 
mieten;  von  ursprünglich  reduplizierenden  Präteriten  ist  hier  nur 
noch  leit  (as.  let,  liet)  liess  zu  nennen,  die  übrigen  sind  in  andere 
Konjugationsreihen  ausgewichen,  z.  B.  slöyp  schlief,  fül  fiel  (§  383  ff.); 
dann  Pronominalformen  wie  hei  (as.  he,  hie)  er,  dei  (as.  the,  thie) 
der,  die;  endlich  Lehnwörter:  hreif  m.  (as.  href  <  vlat.  hreve  <  lat. 
brevis)  Brief;  speigl  m.  (as.  spiagal  <  vlat.  speglo  <  lat.  speculum) 
Spiegel;  teigl-sten  m.  (as.  tieglan,  mnd.  tegel,  teigel  <  lat.  tegula) 
Ziegelstein;  feivä  n.  (as.  fefra  <  vlat.  febre  <  lat.  febris);  preistä  m. 
(as.  prestar  <  pr^sbyter)  Prediger;  auch  wohl  beist  n.  (mnd.  best 
<  vlat.  besta  für  bestid)  Biest,  und  kreik  f.  (mnd.  kreke)  Pflaumen- 
schlehe. 

Anm.  1.  Man  wäre  geneigt,  auch  m<j  (mnd.  wege)  Wiege  hierher  zu 
stellen,  besonders  mit  Eücksicht  auf  mhd.  wiege  (neben  urige)  und  nl.  loieg. 
Vgl.  jedoch  Franck  a.  a.  0.  S.  54. 

Anm.  2.  krix  m.  (mnd.  knch)  und  krin  1.  haschen,  2.  bekommen  sind 
früh  aus  dem  Hd.  (bezw.  Mitteldeutschen)  entlehnt. 

§  80.     As.  e  (?)  verkürzt  >  ü,  z.  B.  hül  hielt  (§  383  und  Anm.). 

As.  e   <  ug.  ai. 

Vorbem.  Ug.  ai  ist  as.  stets  e  geworden,  nicht  nur,  wie  im 
Ahd.,  vo^  w,  h,  r  und  im  Auslaut.  In  mbr.  und  mmeckl.  Hss.  wird 
as.  e  =  i^hd.  e  meistens  durch  e,  sonstiges  as.  e  aber  durch  e  und 
ei  wiedergegeben,  und  zwar  wird  dasselbe  Wort  mitunter  in  derselben 
Hs.  bald  mit  e,  bald  mit  ei  geschrieben.  Vgl.  Graupe  S.  18,  Nerger 
§  38,  Lübben  §  28.  Im  heutigen  Meckl.  ist  jedes  ö  zu  ei  diphthon- 
giert, s.  §  6,  6.  In  der  Pri  aber  ist  gemeindeutsches  e  <  ai  als 
e  erhalten,  spezifisch  as.  e  <  ai  lautet  in  einer  festen  Gruppe  von 
Wörtern  e,  in  diner  anderen  ei,  bezw.  äi.     Es  scheint  nun,   dass  ei, 


lOd 

di  in  Wörtern  steht,  in  welchen  in  der  folgenden  Silbe  ursprünglich 
i  stand,  dass  ei,  di  also  i-Umlaut  von  e  <  ai  ist  (wenn  ai  vor  /  sich 
überhaupt  je  zu  e  gewandelt  hat).  Es  gibt  allerdings  Wörter,  in 
denen  ei  steht,  ohne  dass  sich  «-Umlaut  nachweisen  lässt.  Doch  das 
ist  vielleicht  nur  zur  Zeit  unmöglich;  vielfach  wird  auch  Ausgleich 
mit  umgelauteten  Formen  stattgefunden  haben  .und  umgekehrt.  Klee 
heisst  in  der  nördlichen  WPri  klevd,  sonst  kleivd:  im  Ags.  findet  sich 
nun  cläfre  neben  umgelautetem  cläfre.  »TeiP  heisst  del,  teilen 
dmln:  del  kann  beruhen  auf  germ.  daila-  (vgl.  ags.  dal)  oder  auf 
den  flexionslosen  Formen  von  germ.  daili-  (ags.  däl)^  ddiln  geht  auf 
as.  delian  zurück.  Es  wäre  nun  gar  nicht  merkwürdig,  wenn  eine 
andere  Gegend  z.  B.  ddil  unter  Einfluss  von  ddiln  oder  dein  unter 
Einfluss  von  del  aufwiese.  As.  bredian  breiten  liesse  breirn  erwarten. 
Die  wirkliche  Form  brern  kann  auf  bret  breit  beruhen;  umgekehrt 
kann  teiky  für  *teky  Zeichen  (as.  tekan)  unter  Einfluss  des  Zeitwortes 
teiky  <  as.  teknian  entstanden  sein.  Für  i-Umlaut  (vgl.  auch 
Behaghel,  Pauls  Gr.  I,  695)  sprechen  m.  E.  vor  allem  Wortpaare 
wie  vek  weich  —  in-veiky  (vgl.  ags.  väcan  <  germ.  waikjan)  ein- 
weichen, del  —  ddiln  (as.  delian)^  hei  heil  —  häiln  (as.  helian)  heilen. 
Von  Wichtigkeit  ist  auch,  dass  gerade  dieses  ei  (di)  auch  im 
monophthongischen  Gebiet  als  ei  (di)  erhalten  ist,  während  für 
alle  anderen  ei  dort  e  gesprochen  wird.  Wir  dürfen  aber  nicht  ver- 
gessen, dass  Ausgleich  zwischen  Formen  von  sächsischen  und 
nicht  sächsischen  Kolonisten  zu  dem  heutigen  Ergebnis  bei- 
getragen haben  kann.  —  Erwähnt  soll  noch  werden,  dass  Wörter, 
die  in  mnd.  Urkunden  fast  ausschliesslich  mit  ei  geschrieben  werden, 
wie  rein,  heide,  heidene,  weide,  reise,  auch  jetzt  in  unserer  Ma.  ei  oder  di 
haben,  dass  aber  einige  Wörter,  die  in  mbr.  Urkunden  mit  Vorliebe 
mit  ei  geschrieben  werden,  wie  vleisch,  stein,  nein,  jetzt  ße§,  sten,  ne 
lauten. 

§  81.     k%,  e  >  e  (=  ags.  ä), 

a)  vor  M7,  A,  r  und  im  Auslaut,  z.  B.  zel  Seele;  te-y  m.  (mnd. 
tewe^  te^  ten)  Zehe  (§  295, c);  ze  m  See;  sne  m.  Schnee;  e  f.  (as.  eo 
m.  Gesetz)  Ehe ;  evix  ewig ;  re  n.  (as.  reho  schw.  m)  Reh ;  reg  f.  (mnd. 
rege^  vgl.  ags.  räw)  Reihe;  we  wehe;  twe  (as.  tti%  Neutr.  zu  twene) 
2;  ne  (vgl.  ags.  nä)  nein;  ed  f.  (as.  era)  Ehre;  med  mehr;  led  f. 
(as.  Uro)  Lehre;  ledn  lehren,  lernen;  ed  (as.  er)  eher;  edst  erste, 
zuerst.  Vielleicht  gehört  hierher  auch  k^dn  (as.  keran)  kehren,  Vieh 
auskehren;  zik  kedn  an  sich  kümmern  um. 

Anm.  Mr  Herr  ist  hd. ;  as.  hQn'o  hätte  Mk  ergeben,  wie  man  auch  in 
Meckl.  noch  vielfach  sagt.  Hd.  ist  auch  l^^rx  Lerche;  noch  Hindenberg  ver- 
zeichnet das  echt  nd.  Uwei'k. 

b)  vor  anderen  Konsonanten,  z.  B.  en  ein,  eins;  bm  Bein;  sten 
Stein;  swet  Schweiss,  davon  swetn  schwitzen;  klet  Kleid;  het  heiss; 
bret  breit,  Zw.  brern  breiten;  del  n.  (as.  del  m.)  Teil;  vek  weich; 
rep  n.   (mnd.  rip  m.  und  n.)    Seil,   repä   Seiler;   zep  Seife;   deck  m. 


110 

Teig;  zem,  zemix  Seim,  seimig;  r^n  weinen;  fle§  Fleisch;  Ut  (as.  US) 
leid;  dazu  fä-lern  verleiden,  trotz  as.  lethian;  ik  vet  (as.  wet)  ich 
weiss;  lern  Lehm;  klevä  m.  (mnd.  klever^  as.  kle)  Klee;  sUt-fnl 
(doch  wohl  zu  mnd.  slete  Beilegung  eines  Streites,  Verschleiss,  Ver- 
kauf) gestrichen  voll  (von  Massen),  eigentlich  verkaufgerecht. 

Anm.  Wahrscheinlich  gehören  anch  hierher:  hwhs  f.  (mnd.  quese)  Drnck- 
schwiele,  zu  quetschen ;  glezn  seh.  v.  (za  as.  gUdan  st.  v.)  auf  dem  Eise  gleiten, 
schlittern;  srern  seh.  v.  (zu  as.  skridan  st.  v.)  schreiten;  kwQzn  (wohl  zu  as. 
queäan  sprechen)  quesen. 

§  82.     As.  e  (+-  i)  >  ei^  äi  (=  ags.  ä), 

a)  >  eiy  z.  B.  getnein  f.  (as.  gimenda)  Gemeinde;  geinein  (as. 
gimeni  gemein,  allgemein)  leutselig ;  7nein  (as.  menian)  meinen ;  heir  f. 
(mnd.  heide,  hede,  vgl.  ags.  häp)  unhebautes  Waldland;  heir  m.  (as. 
Mthino)  Heide  m. ;  bleiky  (mnd.  bleken,  vgl.  ags.  hläcan)  bleichen; 
hleik  f.  Bleiche;  teiky  (as.  teknian^  vgl.  ags.  täcean)  zeichnen;  leistn 
(as.  lestian)  leisten;  lein  (as.  lehnon,  mnd.  lehenen,  lenen,  leinen,  vgl. 
ags.  länan)  entleihen;  in-veiky  einweichen;  veiky  m.  grosses,  rundes 
Stück  Butter;  meist  (as.  mest^  vgl.  ags.  mäst)  meist. 

b)  >  äi^  z.  B.  räin  (as.  hreni)  rein;  vditn  m.  (as.  hweti  st.  m.) 
Weizen;  .9d*V  f.  (as.  skedia)  Scheide;  däiln,  däidln  §  162  (as.  delian) 
teilen ;  häiln  (as.  helian)  heilen ;  bäir^  bäi  (as.  bedia)  beide ;  5^m7  (vgl. 
as.  stehil,  as.  stegili  abschüssige  Stelle,  ags.  stägl)  steil ;  häit  (as.  Aerf) 
z.  B.  in  ßilhdit  Menge,  vgl.  aber  §  121.  Hierher  gehören  auch  Idi-dn 
(as.  ledian  leiten)  am  Stricke  führen ;  spräi-on  (mnd.  spreden,  spreiden, 
vgl.  ags.  sprädan)  Mist;  Flachs  auseinander  breiten  (wegen  des 
geschwundenen  d  vgl.  §  158,  Anm.  2)  und  näi-dn  (as.  hnehian)  wiehern, 
das  aber  nur  noch  im  südlichen  Teil  der  Pri  hier  und  da  bekannt  ist. 

Anm.  Warum  in  der  einen  Gruppe  von  Wörtern  ei^  in  der  anderen  äi 
gesprochen  wird,  ist  mir  nicht  zweifelhaft.  Es  wird  Eiuflass  der  hd.  Schrift- 
sprache anzunehmen  sein.  Wenigstens  wird  in  Lehnwörtern  ans  dem  Hd.  fast 
immer  äi  gesprochen,  z.  B.  äkitl  Scheitel;  hMlix  heilig;  gkist  Geist;  gkistlix 
blass;  mkinkit  Meineid;  arbiit,  arbhitn  Arbeit,  arbeiten;  ksiizä  Kaiser;  tskixTi 
Zeichen;  beäkit  Bescheid;  beglMtn  begleiten;  berkits  (mnd.  reeds)  bereits;  [doch 
haben  ei:  zeixn  (mnd.  seken)  harnen  und  kreis  (mnd.  kret)  Kreis,  wozn 
vielleicht  noch  rä^s  (doch  schon  mnd.  reise)  tritt].  Dazu  stimmt,  dass  Per- 
sonen, welche  viel  hochdeutsch  sprechen,  auch  sonst  gern  das  weite  hd.  ki 
für  ei  einfuhren  in  Wörtern  wie  mkin  meinen,  Ikistn  leisten,  gemiin  Gemeinde. 

§  83.  In  einer  dritten  Gruppe  von  Wörtern  steht  ei  für  zu 
erwartendes  e,  ohne  dass  sich  i-Umlaut  nachweisen  Hesse:  eiy  (as. 
egan,  mbr.  Bgen  und  eigen)  eigen;  eik  f.  (as.  ek,  vgl.  ags.  äc)  Eiche; 
speik  f.  (as.  spekä)  Speiche;  teiky  n.  (as.  tekan)  Zeichen;  peik  f.  (mnd. 
pek(e))  Eispike;  seif  (mnd.  schef,  vgl.  ags.  scaf)  schief;  heiä  (mnd. 
heschj  heisch)  heiser;  drei§  m.  (mnd.  dresch)  Grasnarbe  von  ruhendem 
Ackerland;  heitn  (as.  hetan,  mbr.  heten,  heiten,  vgl.  ags.  hätan)  heissen; 
veir  f.  (mnd.  weide)  Vieh- weide;  zeivä,  zeivän  (mnd.  sever,  severen) 
Geifer,  geifern;  leistn  m.  (mnd.  teste)  Schusterleisten;  meista  (as.  mestar 
<  lat.  magister)  Meister. 


111 

Anm.  1.  Der  grösste  Teil  dieser  Wörter  hat  eiaen  Hartgaumenlaut  vor 
oder  nach  ei\  einem  solchen  haben  wir  schon  beim  i-Umlaut  von  ä  (§  75)  eine 
lautumbildende  Kraft  zugeschrieben,  vgl.  §  119.  k  vor  e  hatte  auch  äiit  n. 
(as.  sketh)  Flurscheide,  das  einzige  zu  dieser  Gruppe  gehörenden  Wörter,  das  li 
statt  ei  aufweist.  Wenn  eik  wirklich  wie  bürg  dekliniert  wurde  (Holthausen, 
Äs.  El.  §  325)  so  könnte  ei  auf  den  Kasus  mit  i  beruhen ;  das  ei  in  teikß  könnte 
aus  dem  Ztw.  ieiku  (§  82  a)  stammen ;  heitn  könnte  sein  ei  aus  dem  alten 
Präteritum  heit  <  het,  hiet  (§  79)  gezogen  haben.  Über  sikist,  stkit  stehst, 
steht;  g§t.isty  gkit  gehst,  geht  <  as.  stes,  sted  fsteid);  *ges,  ged  s.  §  390  Anm.  2. 

Anm.  2.  Der  Indik.  und  Optat.  des  st.  Ztw.  I  weisen  in  Einzahl  und 
Mehrzahl  ei  auf.  Nach  dem  as.  Paradigma,  d.  1.  Ind.  Einz.  skref,  Mz.  skribkun, 
Opt.  skribhi,  mtissten  die  mnd.  Formen  lauten:  schref,  schr^ven;  schrkve  (vgl. 
§  188),  und  so  lauteten  sie  zunächst  auch  wirklich.  Wie  erklärt  sich  nun  das 
heutige  ei  in  allen  drei  Formen?  Wir  müssen  annehmen,  dass  das  e  der  Einz. 
auch  in  die  Mz.  und  den  Optativ  gedrungen  sei.  Dürfen  wir  nun  weiter  an- 
nehmen, dass  im  Optat.  e  >  ei  umgelautet  und  dass  dieses  ei  dann  das  e  des 
Indik.  verdrängt  habe?    Vgl.  auch  §  366. 

Germ.  an. 

§  84.  Germ,  aii  wird  zu  äi  :  äi  n.  Ei;  kläi  (-hörn)  toniger 
Marschboden;  mäi  Mai,  ütmäidu  die  Häuser  zu  Pfingsten  mit  Birken- 
reisern schmücken;  intwäi  entzwei  (aber  twe  2),  das  auf  Hvajje  (vgl. 
got.  twaddje)  beruhen  wird. 

Anm.  Hierher  stellen  sich  am  besten  mkik  Oberaufseher  über  Vieh, 
ifäia  (Eigenn.),  beide   <   and.  meier   <   lat.  major, 

§  86.  In  einer  Reihe  von  Lehnwörtern  wird  lat.  ö  wie  im 
Ahd.  durch  l  wiedergegeben  (s.  Z.  f.  d.  A.  40;  263  ff.).  Es  sind  dies: 
mlat.  spesa  (für  spensä)  >  spt^  Speise ;  lat.  creta  >  krlt  f.  (mnd.  hrite) 
Kreide ;  lat.  meta  Heuschober  >  mit  f. ;  mlat.  seda  (lat.  setä)  >  ztr  f. 
(mnd.  side)  Seide ;  mlat.  pena  (lat.  poend)  >  ptn  Pein ;  mlat.  feria 
(zu  lat.  feriae)  >  ßä,  flän  (as.  ftrion)  Feier,  feiern.  Es  würde  noch 
hinzutreten  pm-mär^  piä  f.  Regenwurm  (mnd.  plr-äs  Regenwurm  als 
Aas,  Köder  an  der  Angel),  wenn  Kluge,  Pauls  Gr.  I,  342  mit  Recht 
lat.  "^pera  als  Grundwort  ansetzt.  Zu  der  Frage,  warum  in  diesen 
Wörtern  lat.  e  im  As.  nicht  durch  ß  wiedergegeben  ist,  vgl.  Mackel, 
Z.  f.  d.  A.  40,  S.  265. 

§  87.  As.  e  verkürzt  >  ^,  z.  B.  emä  (as.  embar)  Eimer  (§  231); 
>  t,  z.  B.  tmntix  (as.  twentix)  20  (§  231  Anm.  2). 

As.  l, 

§  88.  As.  e  >  «  (vgl.  17,  3),  z.  B.  swln  Schwein;  Um  Leim; 
llf  m.  (as.  lif  n.  Leben)  Leib ;  Itk  f.  (as.  Uk  n.  Fleisch,  Leib,  Leiche) 
Leiche,  vgl.  llkdöän  Hühnerauge;  lln  n.  (as.  lin  Leintuch)  Leinsaat; 
lin  f.  (mnd.  line)  Leine;  s^^/'  steif;  kip  f.  Kiepe,  Rückenkorb;  vU  (as. 
icid)  weit;  mr  f.  (mnd.  mde)  Weide;  tU  f.  Zeit;  flu  m.  {siS.flU  Kampf, 
flltan  sich  bemühen)  Fleiss;  ^s  Eis;   dtk  Deich;   stix  Fusssteig;  wll  f. 


112  • 

(as.  hwlla)  Weile,  Zeit;  iln  eilen;  vlzn  zeigen;  twlfln  zweifeln;  rts  n. 
(as.  rls  <  hrts)  Pfropfreis,  Ztw.  färfzn  pfropfen;  vif  Weib  (in 
schlechtem  Sinne);  stig  f.  (mnd.  sttge)  20  Garben;  rlp  reif;  rlk  (as. 
nii  mächtig)  reich;  drtst  dreist;  drtst  gelt  viel  Geld;  grts  (sls.  grts 
greis,  grau)  grau;  riv  verschwenderisch  und  schnell  aufgezehrt;  stv  f. 
Scheibe ;  t?fe  f.  Weise ;  vlnachtn  (vgl.  as.  wlh-dag  Feiertag)  Weihnachten ; 
gnldln  (vgl.  mnd.  gmden  reiben)  massieren ;  gzmix  (Danneil  gim)  eng- 
brüstig, asthmatisch;  he-smm  (mnd.  swlmen,  vgl.  ags.  svima  Schwindel) 
schwindlich  sein,  ohnmächtig  werden;  fäbistän  irre  gehen;  smlridc 
geschmeidig;  izän  n.  (as.  tsarn)  Eisen;  klvit  m.  Kiebitz;  kwtn  hin- 
schwinden, siechen;  rip  m.  (as.  hrlpo  schw.  m.)  Reif;  zU  (as.  si6) 
seit;  zlt  (mnd.  sU^  vgl.  an.  slär)  niedrig;  vlt  un  sU  (mnd.  wU 
unde  Sit)  weit  und  breit;  fzstn  (vgl.  mnd.  vtst  crepitus  ventris). 
stl-y  steigen,  und  so  alle  st.  V.  b.  I  (§  367);  spikä  n.  (as.  spikari 
<  mlat.  spicarium)  Speicher;  pllä  m.  (<  mlat.  *pilarimn)  Pfeiler;  pll 
adv.  senkrecht  nach  oben  (vgl.  as.  ptl  Pfeil  <  lat.  pllum)\  fll  m. 
( <  mhd.  pfil  <  lat.  pllum)  Pfeil ;  plp  f.  (as.  pipa  <  mlat.  plpa)  Pfeife ; 
vin  m.  (as.  win  <  lat.  vinum)  Wein;  vtm  m.  (mnd.  Wimen  Latten- 
und  Stangengerüst,  wohl  <  lat.  vimen  Flechtwerk)  1.  Stangenwerk 
im  Rauchfang  über  dem  Herde  im  altsächsischen  Hause  zum  Räuchern 
von  Speck  etc.;  2.  Stangengerüst  als  Nachtruhestelle  der  Hühner; 
7nil  f.  (<   lat.  milia)  Meile. 

i  -\-  r  ebenfalls  >  ^,  z.  B.  mä-drät^  viän  (mnd.  wire  Metalldraht ; 
ags.  wir)  Metalldraht,  mit  Draht  umflechten  (zerbrochene  Töpfe) ;  siä 
(as.  skir^  skiri  rein,  glänzend)  unvermengt,  rein,  astfrei,  glatt,  als  Adv. 
beinahe;  spiä  (mnd.  spir  kleine  Spitze)  Grashalm;  kein  sploky  kein 
bischen;  pliän  mit  halbgeschlossenen,  schieligen  Augen  sehen;  llän, 
lläkastn  (zu  griech.-lat.  lyra)  leiern,  Leierkasten. 

Anm.  Auf  hd.  ei  <  mhd.  i  beruht  ki  in  ^äig  Geige;  fyixdn  Veilchen; 
fMn,  dass  vielfach  schon  für  flu  gebraucht  wird. 

§  89.  i  vor  Vokal  >  äi  z.  B.  fräi-dn  (vgl.  as.  fri  Weib)  hei- 
raten; däidn  (as.  ththan)  gedeihen  (§  243  a);  mnd.  -ide  über  -tje 
>  äi  diphthongiert  in  einem  Teile  der  Pri  (mnd.  sniden  >  snami 
schneiden  s.  §  246);  i  verkürzt  >  ij  z.  B.  lixt  (as.  liht)  leicht  (§  232). 

As.  ö  (uo)  <  ug.  ö. 

Vorbem.  Dieselben  Heliandhdsch.  und  Hsch.  kleinerer  Denk- 
mäler, die  ie  für  germ.  e^  (=  ahd.  ia)  schreiben,  lassen  fast  durch- 
gehends  auch  uo  für  ö  eintreten.  Wie  ich  §  79  Vorbem.  das  heutige 
ei  der  Pri  auf  ie  zurückgeführt  habe,  so  bin  ich  geneigt  anzunehmen, 
dass  das  heutige  ou  auf  solchen  as.  Mundarten  beruhe,  die  einen 
Laut  sprachen,  den  die  Schreiber  durch  uo  statt  ö  dargestellt  haben. 
Vgl.  §  233  Anm.  3. 

§  90.  As.  ö  (ou)  >  ou,  im  monophthongischen  Gebiet  >  ö 
(§  7,  1  a),  z.  B.  hlout  Blut;  rout  m.  (as.  hröt)  Russ;  fout  m.  Fuss; 
gout  n.  und  Adj.  Gut,  gut;  hout  Hut;  glout  Glut;  floiit  f.  (as.  flöd  m.  f.) 


113 

Flut;  mont  m.  (as.  möd  1.  Gesinnung,  2.  Mut)  Mut;  zik  fd-mourn  zin 
auf  etwas  gefasst  sein;  bouk  n.  (as.  bök  n.  u.  f.  Buchstabe,  PI.  Buch) 
Buch;  doiik  Tuch;  klouk  klug;  koii  Kuh;  §ou  Schuh;  äoiisdd  m.  (mnd. 
schöster  16.  Jh.)  Schuster;  ton  zu;  kroiix  m.  Krug,  ländliches  Wirts- 
haus; plotix  m.  (mnd.  plöx  f.  u.  m.)  Pflug;  noux  genug;  stoul  Stuhl; 
poul  m.  Pfuhl;  swoul  schwül;  mous  n.  (as.  mos  Speise)  Mus;  houn 
Huhn;  doun  tun;  houf  m.  (as.  höf)  Huf;  houv  f.  (as.  höhha)  Hufe; 
floum  PI.  (mnd.  vlöme)  Nierenfett  der  Schweine;  blotim  f.  (as.  iZömo  m.) 
Blume;  kroum  Krume;  sponl  Spule;  hour  f.  (vgl.  mhd.  huote  Wache) 
(zu  hütende)  Schar  (Kühe,  Gänse);  houstn  Husten;  drousl  f.  (mnd. 
drösle)  Drossel;  rour  f.  (as.  röda  Kreuz,  Galgen)  Rute;  zik  spourn 
(vgl.  as.  spödian  fördern,  spöd  f.  guter  Fortgang)  sich  sputen;  voukdn 
(as.  wökrian  gewinnen,  erwerben)  wuchern;  voukd-bloum  Wucherblume; 
oukp  Winkel,  welchen  das  Dach  mit  dem  Boden  bildet;  roupm  rufen; 
hrourä  Bruder;  spoun  m.  (mnd.  spön)  Span;  kouky  Kuchen;  fou§  Fuge; 
botir  Bude;  proum,  prouv  f.  (<  mlat.  pröbo  für  probo)  proben,  Probe; 
soul  (<  mlat.  schöla  für  sch6la).  o  -\-  w  hat  ou  ergeben  in  rou  (mnd. 
rouwe)  Ruhe,  vgl.  Anm.  2. 

Anm.  1.  goit;S  Gans;  aber  im  Lockruf  für  Gänse  vilk^  vilk  gxis.  In  einem 
Bastreime  heisst  es  gvide  für  gout  Über  ü  für  ö,  besonders  in  g^de  für  göde, 
in  mbr.  Urkunden  vgl.  Graupe  S.  14,  Tümpel,  Nd.  Stud.  S.  44  und  vor  allem 
Seelmann,  Nd.  Jb.  18,  146  und  154. 

Anm.  2.  Für  ou  haben  ü  eine  Reihe  von  Wörtern,  die  aus  dem  Hoch- 
deutschen entlehnt  sind:  rü  Ruhe,  das  immer  mehr  rot«  verdrängt  („ausruhen'' 
stets  ütt-nn) ;  vxkt  Wut ;  gi-üs  Gruss ;  bü-m  Buben  (im  Skatspiel) ;  l^dk  Luder 
(Schimpfwort);  giUv  Grube;  fiv^xn  fluchen;  stxä  Stute,  doch  sagt  SPri  und  ganz 
OPri  regelrecht  siöt  (mnd.  stöt  Pferch  für  Pferde).  Für  vö  wie  (Fragewort) 
sollte  man  nach  as.  hwö  vou  erwarten,  vgl.  houstn  <  as.  *hwösta,  tou  zu  und 
das  nfränk.  m,   Maurmann  §  68.     Hat   hier   das  Fragewort   vö  wo   eingewirkt? 

Anm.  3.  Gegenüber  ^ou-?^  proben,  soul  Schule  heisst  es  rös  {<  aus 
mlat.  rosa  für  lat.  r6sa).  Das  Wort  wi  ^  ans  dem  Mhd.  entlehnt  sein.  Auf- 
^lig  ist  ou  in  mour  Mode,  das  erst  im  x  .  Jh.  aufgekommen  ist.  Ich  halte 
es  für  Lautübersetzung  aus  dem  nd.  möde  des  monophthongischen  Gebietes, 
s.  §  302  Anm.  1. 

§  91.  As.  ö  -f-  r  >  ö^  z.  B.  snöä  mnd.  snör  Schnur  (§  259); 
ö  verkürzt   >   ti,  z.  B.  btczn   <   as.  bösom  Busen  (§  233). 

Mnd.  o,  i-Umlaut  von^as.  ö  <  ug.  ö. 

§  92.  Mnd.  8  (<  ug.  ö)  >  öy,  im  monophth.  Gebiet  >  o 
(§  7,  1  a),  z.  B.  föyt  Füsse;  göyrä  Güter;  köy  Kühe;  klöykd  klüger; 
kröygd  Krüger,  Gastwirt;  kröyml  Krümel;  göyr  f.  (as.  gOdi)  Güte; 
höyrn  (as.  hödian)  hüten;  twe-höymnd  m.  Zweihüfner  (Besitzer  von 
2  Hufen);  möyzd  m.  Mörser;  möyzdn  zu  Mus  stampfen  (vgl.  aber 
Nd.  Jb.  V,  88);  gröyn  grün;  vöyln  wühlen;  spöyln  spülen;  köyl  kühl; 
öypd  n.  Ufer;  zöyky  suchen;  föyln  fühlen;  bröyrn  brüten;  öyrn  üben; 
hoytn  (as.  bötian  anzünden,  vgl.  ags.  fyr  betan)  (Feuer)  anzünden; 
hoytn  (as.   bötian)   Krankheiten   besprechen   (bes.    die   Rose);   swöy-y 

Niederdentsohes  Jahrbnch  XXXI.  8 


114 

(zu  and.  swögan  rauschen?  oder  zu  ags.  siveg(e)an  tönen?)  von  einer 
Kleinigkeit  ein  grosses  Geschrei  machen;  hedröym  betrüben;  nöym 
(mnd.  nomen)  benennen;  möyr  müde;  röyi?  Rübe;  zöyt  (as.  swöti)  süss; 
höyk  f.  (as.  hökia,  vgl.  ags.  hece)  Buche;  höylky  kinä  (mnd.  boleken 
<  hole  Verwandter,  hd.  Buhle)  Geschwisterkinder  (beginnt  zu  ver- 
alten) ;  löyrmrix  (mnd.  wlöm  trübe,  widmen  trüben)  trübe  (von  Flüssig- 
keiten); töyni  (mnd.  tdven,  vgl.  auf  anderer  Ablautsstufe  an.  tefja) 
warten;  spöyk  f.,  spöyky  (mnd.  spok  und  spuk)  Spuk,  spuken;  löyx7i 
PI.  (mnd.  logene,  lochene,  as.  lögna  f.)  lohende  Flammen;  fröy  (as.  frö) 
früh;  hlöydn  (as.  hlöian)  blühen;  glöydn  glühen;  möy  i.^  möydn  mühen; 
hröy^  hröydn  (mnd.  hröie,  hroien)  Brühe,  brühen;  Köyn  Eign.  (zu  mnd. 
kone)  Kühn. 

Anm.  1.  Unter  Spuk  setzt  Kluge  eine  germ.  Grundform  spauka  an. 
Die  mnd.  Formen  (vgl.  Seelmann,  Ndd.  Jb.  18,  142,  153)  und  die  heutigen 
Formen  in  Meckl,  Pom.,  Brandenb.,  der  Altmark,  dem  Kreise  Jerichow  I  (vgl. 
Krause,  Ndd.  Jb.  21,63,  22,5,  25,37  f.)  weisen  durchaus  auf  germ.  spökßja 
zurück.  —  Holthausen,  As.  El.  §  231,  setzt  logna  an.  Ich  halte  Heynes  lögna 
im  Glossar  zum  Heiland  für  richtiger. 

Anm.  2.  In  Jfäm,  Grenzbach  im  Westen  zwischen  Meckl.  und  der  Pri, 
ist  wohl  ä^  aus  öy  entlabialisiert,  vgl.  westf.  Mä^ne  Möhnefluss,  Holthausen, 
Soester  Ma.  §  75.  Auch  in  morn  frki  findet  sich  ki  für  öy.  Auffallend  sind 
das  offene  ö  in  vr^gln  hadern,  vr^glix  tadelsüchtig,  das  doch  wohl  zu  as.  im'ö- 
gian  anklagen  gehört,  und  das  ü  in  m^mk  alte  Frau,  Mütterchen  (mnd.  rn^nier). 
Vgl.  §  90,  Anm.  1. 

Anm.  3.  Über  öy  statt  ou  in  slöyt^  (as.  slög),  dröyq  (as.  drög)  schlug, 
trug  u.  a.  s.  §  380;  über  diistj  dkit  für  doust^  dout  (vgl.  as.  döSj  döty  westf. 
daest,  dam)  vgl.  §  390,3,  Anm.  1. 

Anm.  4.  Für  öy  haben  ü  eine  Reihe  von  Wörtern,  die  aus  dem  Hd. 
entlehnt  sind:  c?7*üs,  f.  Drüse;  /Ü-^?,  ßfVi-p  fügen,  verfügen;  grVisn  grüssen; 
gemUÜix  gemütlich;  fk-gnUgen(t)  n.  Tanzlustbarkeit,  aber  fk-gnöygt  vergnügt. 
Für  fröy  (gewöhnlich  ürix)  hört  man  häufig  /}Ü  frühe. 

§  93.  ö  (i)  -|-  r  >•  o,  z.  B.  foän  (as.  förian)  fahren  (§  260); 
öy  verkürzt  >  ü,  z.  B.  nüxtän  nüchtern  (§  234  a),  >  ö  in  synkopierten 
Verbalformen,  z.  B.  höt  gehütet  (§  234  b). 

As.  ö  <  ug.  au. 

§  94.  As.  ö  >  ö,  auch  vor  Gaumen-  und  Lippenlauten,  z.  B. 
hröt  Brot;  döt  (as.  dö^;  död)  Tod,  tot;  attributiv  heisst  das  Adj. 
dörix  (§  413);  röt  rot;  not  Not;  gröt  gross;  hlöt  bloss;  söt  Schoss; 
zöt  m.  (mnd.  söt)  Ziehbrunnen  (§  1,  1  b) ;  lön  m.  n.  (as.  lön  n.)  Lohn ; 
hön  f.  Bohne;  höx  hoch  (§  295,  Anm.);  lös  los;  lö^  lose;  tröst  Trost; 
pöt  Pfote;  unör  (as.  un-ödo^  Adv.  zu  unödi  unleicht)  ungern;  sö^i 
schonen;  ös^  m.,  östn  Osten;  östän  Ostern;  srörn  schroten  (Korn); 
^röt  n.  Schrot,  zermahlenes  Getreide;  tötn  Zaum;  löf  Laub;  glöv 
Glaube ;  böm  Baum ;  dröm  Traum ;  röf  Raub ;  rök  Rauch ;  knöp  m. 
(mnd.  knöp^  vgl.  mhd.  knouf)  Knopf;  köp  Kauf;  löpm  laufen;  zöm 
Saum;  röm  (mnd.  röm,  vgl.  ags.  rea^n)  Rahm,  Sahne;    6g  Auge;  döf 


115 

taub;  §öf  m.  (as.  sköf)  beim  Dachdecken  verwendetes  Strohbündel 
von  bestimmter  Form  und  Grösse;  höp  m.  (as.  höp)  Haufe,  altouhöp 
alle  zusammen;  köl  m.  (mnd.  köl^  vgl.  as.  lcöl(i)   <   lat.  caulis)  Kohl. 

As.  ao^  ö  <  germ.  aw  gleichfalls  >  ö,  z.  B.  strö  n.  (as.  strö 
<  germ.  *strmva)  Stroh ;  rö  (as.  hrä,  hrö  <  hrao)  roh ;  frö  (as.  />*ao, 
frö)  froh.  Hierher  wäre  auch  zu  stellen  bößst,  eine  Art  Schwamm, 
wenn  die  erste  Silbe,  für  die  sich  in  anderen  Maa.  auch  pö  findet, 
wirklich  zu  lat.  pävo  gehören  sollte.    Vgl.  auch  zö  (as.  so,  ags.  stcä)  so. 

As.  ö  >  ö  auch  vor  r,  z.  B.  öd  (as.  öra)  Ohr;  röa  Rohr; 
lödhenS'hlärä  (mnd.  lör-bere  <  lat.  launis)  getrocknete  Lorbeerblätter ; 
Möä  (wohl   <  hd.  ilfoAr  <   lat.  Maurus)  Neger,  im  Mnd.  Moridn. 

Anm.  1.  ,Floh^  heisst  /Z5  in.  statt  flö  (mnd.  vlö,  vlöge  f.);  der  Umlaut 
stammt  aus  der  Mehrz.  Über  den  nnorgauischen  Umlaut  in  st^tn  stossen  vgl. 
§  387  Anm.     Die  nicht  umgelaatete  Form  findet  sich  noch  in  stöt-hkvk  Habicht. 

Anm.  2.  Ans  dem  Hd.  stammen  houptman  Hauptmann;  loud  f.  Lanbe; 
snoutshb^t  Schnurrbart.  Für  das  Adverb.  ,bloss'  ==  nur  wird  jetzt  fast  durch- 
gängig die  hd.  Form  hlAs  gebraucht  (in  Meckl.  hlöt).  Auch  der  Hnndename 
Ström  Strom  wird  wie  der  Hnndename  Vas^  (Wasser)  aas  dem  Hd.  gekommen  sein. 

Anm.  3.  Wie  aus  lat.  e  in  einigen  Wörtern  i  geworden  ist  (§  86),  so 
entspricht  vereinzelt  ü  lateinischem  ö  :  üä  f.  (mnd.  Vir(e)  Stande;  Uhr)  <  lat. 
libra.  Nach  Baist  bernht  si^üv  (mnd.  schrvive)  auf  lat.  scropha  Sau.  Lat. 
crdcem,  das  erst  entlehnt  sein  kann,  nachdem  lat.  c  vor  e,  i  assibiliert  war, 
ergab  roman.  cfrhce.  Hierauf  wird  as.  Ärüci  >  kr^ts  n.  Kreuz  bernhen,  vgl. 
Festschrift  für  A.  Tobler  S.  264  f. 

§  95.  Germ,  auu  <  aww  (==  got.  ggtv)  >  oti;  vgl.  germ.  mi 
§  73.  houan  (as.  hamcan,  hawan,  mbr.  houwen,  howen,  hauwen,  hatven, 
houen,  hauen)  hauen;  dou  m.  (mnd.  douwe,  dawe)  Tau;  mou-y  (mnd. 
mouwe)  Hemdsärmel,  jetzt  fast  veraltet;  genoii  (mnd.  notiwe  enge, 
genau,  vgl.  ags.  hneaw)  genau,  sparsam  (§  110,  2  Anm.  3);  dazu 
he-nout  (mnd.  benouwen  in  Not  bringen)  benommen;  ßou  (vgl.  nl. 
flaaw)  flau.  Unklar  ist,  ob  gnoiwn,  gnoii-y  nagen  auf  as.  *gnauwmi 
oder  *gnaivan  zurückgeht;  belegt  ist  nur  as.  knägan;  vgl.  mnd. 
gnaiiiven  knurren,  beissen,  ostfries.  gnmien  beissen,  nagen,  schnappen, 
s.  ten  Doornkaat  Koolman  u.  gnaiien. 

§  96.  ö  verkürzt  >  o  z.  B.  horky  horchen  (§  235),  vor  einfacher 
Konsonanz  >  o  in  dox  doch,  >  u  in  lüc  auch  (§  241). 

Mnd.  o>  i- Umlaut  zu  ö  <  germ.  ati, 

§  97.  Mnd.  0  >  o,  z,  B.  bom  Bäume;  lopd  Läufer,  auch  Egn.; 
roAan  räuchern;  Äo^rd  höher;  rfrom  träumen;  lozn  lösen;  hopm  häufen; 
trostn  trösten;  norix  nötig;  norn  (as.  nödian  zwingen)  zu  Gast  laden; 
dop  f.,  dopm  (as.  döpi,  döpian)  Taufe,  taufen;  kopm  (as.  köpian  < 
lat.  caiipo?)  kaufen,  aber  köpman  Kaufmann;  rop  Raufe;  smoky  rauchen 
(Pfeife,  Cigarre),  dazu  smok-fM  qualmiges  Feuer  zum  Räuchern  von 
Fleisch;  slopm  (as.  slöpian  schlupfen  machen)  schleifen,  dazu  slop  f. 
Schneepflug;    slopmdnvd   Nichtsnutz    (Schimpfwort);    stropm   streifen, 

8* 


116 

umherstreichen;  dazu  stropä  Landstreicher;  bo-y  beugen,  biegen;  zo-y 
säugen;  ro-y  (mnd.  ragen)  rühren,  regen;  stom  (mnd.  stoven)  Staub 
machen;  klöm  spalten;  okl-näm  (mnd.  ökelname^  zu  as.  ökian  hinzu- 
fügen) Beiname,  Spitzname;  fä-lof  m.  (as.  löf)  Erlaubnis  (selten); 
hlor  (as.  hlö^i  furchtsam)  blöde;  drox,  dro-y  trocken,  trocknen,  Drög 
auch  Egn.;  äon  schön;  bos  böse;  ßot  (mnd.  vlot,  aber  as.  ßat)  seicht; 
klotn  Mz.  (mnd  klöt  m.)  Hoden;  8s  f.  Oese;  hbvt  n.  (as.  höbhid) 
Haupt,  nur  noch  erhalten  in  förJibvt  Kopfende  der  Harke,  des  Acker- 
stückes, da  wo  der  Pflug  wendet  (Wendacker)  und  in  Wendungen  wie 
täin  h&v(t)  köy  10  Haupt  Kühe;  toi  f.  (as.  *töhilä)  ursprünglich  weib- 
licher Hund,  jetzt  Hund  in  verächtlichem  Sinne;  §rorä  Egn.  (zu  as. 
^skrödon  schneiden  §  94)  Schröder,  eigentlich  Schneider.  Ebenso  vor  r, 
z.  B.  Öän,  (mnd.  ore)  Nadelöhr;  roä  Röhre;  hoän  hören.  Zweifelhaft 
ist,  ob  stoän  stören  auf  as.  störian  (s.  te-störian  zerstören  bei  Wad- 
stein Gloss.)  oder  sturian  (s.  Wadstein  farsturian  und  vgl.  ags. 
styrian)  beruht  (§  256  Anm.  1). 

Anm.  1.  Statt  des  zu  erwartenden  8  (für  ö  aus  dem  Optat,)  haben  öy 
die  Praet.  der  st.  Ztw.  II,  z.  B.  göyt  goss,  flöyc^  flog  (Näheres  §  369). 

Anm.  2.  Aus  dem  Hd.  stammt  röybk  Eäaber,  in  Meckl.  vielfach  noch 
röi?ä  (mnd.  rZvere), 

§  98.  i-ümlaut  von  germ.  auu  regelrecht  =  öy,  z.  B.  dröydii 
(mnd.  dröuwen,  droien)  dräuen,  oft  bloss  =  in  Aussicht  stellen; 
fröydn  {mnA..  m'öuwen)  freuen;  fröyr  f.  (mnd.  vröude,  vroide)  Freude; 
döy9n  (mnd.  dauwan  und  doidn)  tauen,  das  von  dem  wohl  vom  Hd. 
beeinflussten  domn  verdrängt  zu  werden  beginnt;  ströyen  (as.  ströian 
und  strewian)  streuen;  dazu  ströydls  Streu  für  die  Viehställe;  höy  n. 
(as.  "^höij  Gen.  högias,  mbr.  how,  hew)  Heu;  töy  n.  (mnd.  touwe  jeg- 
liches Gerät;  zu  got.  taujan)  Zugschwengel  am  zweispännigen  Wagen, 
wofür  im  diphthongischen  Gebiet  auch  vaxt  gesagt  wird;  dazu  väftöy 
(mnd.  touwe  =  textilia,  getewe  =  fabrilia,  Hamb.  Glossen  Nd.  Jb.  I, 
18,  27)  Webstuhl.  Hierher  stelle  ich  auch  flöyt  f.,  flöytn  (<  afrz. 
flaute)  Pfeife,  pfeifen. 

Anm.  1.  Die  ohigen  Formen  sind  die  im  grössten  Teil  der  Pri  gebräuch- 
lichen. In  der  nordwestlichen  Ecke,  zu  der  auch  Boberow  gehört,  sind,  abgesehen 
von  dröydrij  döydn  entlabialisierte  Formen  im  Gebrauch:  zik  frkidriy  strkidn, 
strMdls,  hkiy  tki,  v^ftM,  flMt,  fliitn  s.  §  7,  1  a  u.  b.  Diese  entlabilisierten 
Formen  finden  sich  wieder  im  Kreise  Jerichow,  Krause,  Nd.  Jb.  21,  63;  22,  6; 
27,  28;  25,  38.  Für  frUr  Freude  wird  von  der  jüngeren  Generation  unter  hd. 
Einfluss  meistens  fröyr  gesagt. 

Anm.  2.  Schon  zu  mhd.  Zeit  ist  aus  dem  Hd.  entlehnt  slöyf  (mnd. 
sloife  und  sleife)  Schleife;  in  der  Gegend  von  Vorsfelde  heisst  das  eine  Auge 
der  Schleife  noch  jetzt  slßpe.  Auch  slei-a.  Schleier  erscheint  aus  dem  Hd.  ent- 
lehnt; die  nd.  Form  würde  vermutlich  slöy-i  lauten,  vgl.  mnl.  slöie  Schleier.  — 
l^v  m.  Löwe  stammt  sicher  aus  dem  Hd.  Die  echte  nd.  Form  (vgl.  mnd.  löuwe, 
mnl.  leuwe)  scheint  mir  vorzuliegen  im  Eigennamen  Löy  und  in  Löydn-gö^rn 
Leuengarten,  Name  eines  Gehöftes  am  Eudowersee  bei  Lenzen. 

§  99.     o  verkürzt  >  ö,  z.  B.  höxt  f.  (as.  *höhida)  Höhe,  s.  §  236. 


117 


As.  mnd.  u. 

§  100.  As.  ü  >  ü  (vgl.  §  17,  3),  z.  B.  füst  Faust;  knüst  m. 
(mnd.  knüst)  Brotecke;  da  t  Ableitungssuffix  ist  (vgl.  hd.  Knaus  und 
Kluge,  Wb.  unter  ;,Knorre*'),  so  könnte  hierher  gehören  fd-knüzn 
ertragen,  eigentlich  mit  dem  harten  Brote  fertig  werden,  es  verbeissen; 
püst  m.,  püstn  Atem;  blasen,  hauchen,  schnauben,  in  der  Glückstadter 
Ma.  püsn;  püst-baky  Pausbacken;  nü  nun,  jetzt;  krüt  n.  Kraut,  Un- 
kraut; hüt  i.  Haut;  lüt  (sls,  klüt)  laut;  brüt  L  (as.  brüd  Gsittin)  Braut; 
snüt  f.  Schnauze;  rüt  f.  (mnd.  t-üte)  Viereck,  in  Meckl.  auch  Fenster- 
scheibe {Fri  stv);  üt  Adv.  Prp.  aus;  bütn  (as.  bütan  ausser)  draussen; 
buk  m.  Bauch;  strük  m.  Staude,  z.  B.  köl-strük;  krük  Krug,  Kruke; 
Ulk  f.  (mnd.  lüke,  zu  as.  lükan  verschliessen)  türähnlicher  Verschluss 
(der  horizontalen  Kelleröffnung  oder  im  Giebel);  hük  f.,  hüky  (mnd. 
hüken)  Hocke,  hocken;  nip  Raupe;  ftiüs  Maus,  Muskelballen  des 
Daumens;  lüs  Laus;  hüs  Haus;  krüs  Kraus;  fül  faul;  mül  n.  (mnd. 
mül  m.  und  müle  f.)  Maul;  bül  f.  (as.  büla)  Beule,  Dalle  (im  Hut); 
kül  f.  Grube;  ül  f.  (mnd.  üle  <  as.  üwila)  Eule;  rüm  Raum;  äüm 
Schaum;  kam  Adv.  kaum;  tun  Zaun;  dün  f.  (mnd.  düne  <  an.  dünn) 
Daune;  dün  (mnd.  dün  geschwollen,  dick,  voll,  betrunken)  betrunken, 
dün-ful  bis  oben  voll;  strüf  (as.  strüf)  uneben,  struppig;  stuf  (tnnd. 
düfj  vgl.  an.  stüfr  Stumpf)  stumpf  ab,  glatt  ab;  dmf  m.  (mnd.  drüf  f. 
Traube)  Traub,  z.  B.  ämf-apln  Traubäpfel;  drüv  f.  (vgl.  as.  thrüho 
schw.  m.)  Traube;  düv  Taube;  hüv  Haube;  krüpm  kriechen,  und  so 
die  st.  Ztw.  11,2  (§  3G9);  klütn  m.  Erdscholle;  dum  Daumen;  stütn 
m.  (mnd.  stüte)  Weissbrot  aus  dem  feinsten  Roggenmehl;  hüpm  Haufen; 
Suhl  (mnd.  schulen  verborgen  sein,  vgl.  afries.  skül  Versteck)  ver- 
stohlen an  der  Seite  stehen,  lauernd  umherschleichen;  hüln  heulen; 
[min  mit  den  Zähnen  und  Nägeln  klauben;  tüln  zerren  (in  der  älteren 
Sprache  nicht  belegt;  gehört  es  zu  tül  links,  als  Anruf  für  Pferde, 
also  eigentlich  ;,nach  links  zerren^,  oder  zu  der  Wz.  von  zausen,  die 
dann  als  tu-,  nicht  mit  Kluge,  Wb.  als  tus-  anzusetzen  wäre?);  jüxn 
juchzen,  jauchzen;  drüzn  leise  schlafen  (vgl.  ags.  dmsan  langsam  sein, 
trauern);  glüpm  (mnd.  glüpen,  vgl.  afries.  glüpa)  lauernd,  drohend 
ansehen,  glüpä  (mnd.  glüpesch)  heimtückisch,  rücksichtslos;  tütn  auf 
dem  Hörn  blasen;  mzix  (vgl.  mnd.  rüsen  toben)  rauh  (vom  Wetter); 
h%s  f.  (vgl.  ags.  brysan  quetschen  und  mhd.  brüsche  Beule)  An- 
schwellung, Beule  infolge  von  Schlag,  Druck  u.  s.  f.;  prüsn  (vgl.  mnd. 
prusten,  westpreuss.  prusn)  niesen;  bmsyi  begehren  (von  der  Sau); 
(läl-stüky  niederstauchen  (vgl.  mnd.  stüke  Baumstumpf  und  as.  stükan 
stossen);  plüstrix  (mnd.  plüsterich)  zerzaust  (vom  Haar,  von  Federn), 
zik  upplüstdn  die  Federn  spreizen  (von  Hühnern);  sütä7i  (umgestellt 
aus  tüsn?)  Gegenstände  austauschen,  bes.  bei  Kindern;  rüx  (mnd.  rü, 
rüch)  rauh.  Ebenso  vor  r,  z.  B.  büd  m.  (as.  bür)  Bauer;  äüd  f.  (as. 
^kür  m.  Wetter)  1.  Regenschauer,  2.  Wetterdach,  Wagenschauer; 
znä  sauer;  stüd  (mnd.  stür  steif,  strenge)  aufrecht  und  adrett;  lüdn 
lauern;   küdn  kränklich,    bettlägerig   sein   (vgl.   anord.    küra  untätig 


118 

sein,  me.  couren,  ne.  cower);  hüdky  n.  (mnd.  hür  n.  Gehäuse)  Vogel- 
bauer; düän,  bedüän  (as.  dürlik  kostbar)  dauern  (Mitleid  empfinden 
und  erregen),  bedauern;  düän  (<  lat.  dürare)  dauern,  währen,  gedüä  f. 
Ausdauer,  Geduld;  müä  f.  (as.  mürj  müra  <  lat.  mürus)  Mauer.  — 
jjlmn  f.  (<  mlat.  *plüma  <  *prüma  <  prüna  <  lat.  prümim,  vgl. 
Meyer-Lübke,  Rom.  Gram.  I,  77);  lün  f.  (<  lat.  lüna)  Laune;  värälüns 
launisch  wie  das  Wetter;  kaldün  f.  (<  mlat.  caldüna)  Eingeweide; 
düs  m.  (mnd.  düs  <   afrz.  dous  2)  Ass. 

Anm.  Ans  dem  Hochdeutschen  stammen  zoubSi  sauber;  xou  San 
(Schimpfwort,  sonst  x^(f,  §  192);  douxent  1000  verdankt  wenigstens  sein  ou 
dem  Hd.,  vgl.  Maurmann  §  70  (Meckl.  sagt  noch  düzent).  In  einer  früheren 
Zeit  sind  entlehnt  trükn  (mnd.  trüren  <  mhd.  irnren)  trauern,  und  g^-üs  ( <  mhd. 
grvLS  Korn)  Grus. 

§  101.  ü  vor  unbetontem  Vokal  >  oii,  z.  B.  frou  (as.  fnia) 
Frau,  §  243  b;  ü  verkürzt  zu  u,  z.  B.  fuxt  feucht,  §  237. 

Mnd.  Ü,  i-Umlaut  von  ü. 

§  102.  Mnd.  ü  >  ü,  z.  B.  ßst  Fäuste;  müs  Mäuse;  hüzd 
Häuser;  t^n  zäunen;  Mkä  dreibeiniger  Melkstuhl  (zu  hük  §  100); 
kl^tn  (mnd.  kitten  mit  Erdschollen  werfen)  werfen;  kl\lt7i  Klösse; 
l^rn  (as.  hlüdian  ertönen  lassen)  läuten;  rflm  räumen;  hr^rn  (mnd. 
brMen)  foppen,  vgl.  Braune,  Niederd.  Scherzgedichte  von  Lauremberg, 
Halle  1879,  S.  89;  d^ßä  Täuberich;  hüpm  hüpfen;  slGitä  Schliesser, 
auch  Eigenn.;  z^vdn  säubern;  zik  strUm  sich  sträuben;  zlXm  säumen; 
kyl  f.  (mnd.  k^le)  Keule,  die  nicht  umgelautete  Form  findet  sich  in 
huvl-kül  Blütenkolben  mit  Stengel  von  Typha  latifolia;  syn  f.  Scheune; 
ktt  n.  (vgl.  mnd.  kM  Eingeweide)  Eiter,  dazu  ünäkMix  faul,  misslich; 
h^dl  Beutel;  h^ky  in  heisser  Lauge  einweichen;  d^ikän  (mnd.  d^ken) 
tauchen  trans.;  hpi  in  hyn-graf  (mnd.  Mfie  Riese)  Hühnengrab; 
k^zl  m.  (mnd.  kdsel  Kreis)  Wirbel,  Wirbel  auf  dem  Kopfe;  zik  khzln 
sich  wirbelnd  im  Kreise  drehen;  düslix  (mnd.  d^sich  betäubt,  vgl.  nl. 
duizigj  duizelix)  schwindlich,  betäubt;  dazu  wohl  d^zn  hinreichen,  z.  B. 
dät  rfüs^  das  reicht  aus,  ursprünglich  etwa  von  einem  Schlage,  der 
ausreichte  betäubt  zu  machen;  ghst  (mnd.  g^st)  unfruchtbar,  bes.  von 
der  Kuh;  trfxdl  m.,  in  manchen  Dörfern  frVizl^  vom  Stamme  abgesägte 
Holzscheibe,  zu  einem  beliebten  Kampfspiel  auf  der  Dorfstrasse  be- 
nutzt; kMs-kalf  n.  (Danneil:  kütz  junge  Kuh)  weibliches  Kalb;  tM  f. 
Düte;  krVits  n.  (as.  krüci  <  roman.  cröce  <  lat.  crücem  §  94  Anm.  3). 
Ebenso  vor  r,  z.  B.  §Mn  (mnd.  schüren)  scheuern;  zilalix  säuerlich; 
z^dliyk  m.  Sauerampfer;  Aflrfn  (mnd.  hüren)  mieten,  pachten  (jetzt 
ausgestorben). 

Anm.  1.  Auch  Vlt^  n.  Euter  gehört  wohl  hierher,  nach  der  as.  Form 
üder,  mnd.  ^der  zu  schliessen.  Immerhin  wäre  denkbar,  dass  Ü  auf  iu  (§  104) 
beruhte :  neben  as.  üder  setzt  Wadstein  im  Gloss.  iodar  (für  das  handschr.  gede7') 
an,  vgl.  mnd.  jeder.  Auch  bei  prü7i  f.  Weissdornstachel,  zum  Zumachen  von 
Wurstdärmen,  pr^n  Därme  zustecken,  schlecht  nähen  oder  stopfen,  dummes  Zeug 


119 

reden  (mnd.  jyriSinen  schlecht  zusammennähen)  ist  zweifelhaft,  ob  Umlaut  von  ü 
oder  iti  zu  Grunde  liegt.  Auf  alle  Fälle  gehört  das  Wort  zu  ags.  preon  Pfriem, 
Nadel,  ne.  jrt'een  Kardenausstecher. 

Anm.  2.     Aus  dem  Hd.  stammt  geböyr  f.  Gebäude. 

§  103.  Zur  Diphthongierung  von  mnd.  -iide'  >  -üje-  >  -öyd-, 
z.  B.  mnd.  IMen  >  lüien  >  löyen  läuten  in  einem  Teile  der  Pri  vgl. 
§  246;  Verkürzung  von  ü  >  ü,  bes.  in  synkopierten  Verbalformen, 
z.  B.  h'üpstj  kmpt  kriechst,  kriecht,  §  238. 

As.  iu  (=  germ.  eu)^  mnd.  ü. 

§  104.  As.  iu  ist  (wie  der  i-Umlaut  von  ü  §  102)  >  Ü  geworden, 
z.  B.  dVits  deutsch;  d^rn  deuten;  d^tlix  deutlich;  düsdä  (as.  thiustri) 
düster ;  IVlv  Leute ;  dlXp  f.  (as.  diupi)  tiefste  Stelle  im  Boberower  See ; 
znk  Seuche ;  t^x  n.  (mnd.  t^ch  Gerät)  Zeug ;  tüg  m.  (mnd.  t^ye)  Zeuge ; 
tVi-y  zeugen,  Zeugnis  ablegen ;  zik  t^-y  sich  leisten ;  nMix  (mnd.  nütlik 
angenehm,  vgl.  as.  niud  m.  Verlangen,  niiidllko  sorgfältig)  niedlich; 
d\Xvl  m.  (as.  diiibil)  Teufel;  kXiky  m.  Küchlein;  fätMän  verwirren,  in 
Verwirrung  geraten  (von  Garn,  Leinen,  beim  Sprechen)  gehört  zu 
t^ider  (mnd.  tfider  und  täddet\  vgl.  an.  tjöä7%  das  in  der  Pri  ausgestorben 
ist,  in  Meckl.;  Holst,  u.  s.  w.  noch  lebt  und  Strick  oder  Kette  mit 
Pflock  zum  Festmachen  des  Viehs  auf  Weideplätzen  bedeutet).  — 
Hierher  ist  auch  wohl  zu  stellen  k^m  wählerisch  im  Essen  (as.  *kiu-mi 
zu  kiosan  wählen?  —  kteme  in  Kreis  Jericho w  I  (Krause,  Ndd.  Jb. 
25,  39)  weist  auf  eine  Form  mit  as.  io) ;  sonst  könnte  man  noch  an 
ags.  cyme  zierlich  und  an  as.  kümian  beklagen  denken  (s.  Kluge, 
unt.  kaum). 

Ebenso  vor  r,  z.  B.  dM  (as.  diiiri)  teuer ;  stM  Steuer,  Abgabe ; 
stMn  steuern ;  abstellen ;  /üd  (as.  ßiir)  Feuer. 

Anm.  1.  Ursprünglicher  Wechsel  zwischen  as.  io  >  ei  (§  107)  nnd 
iu  >  Vl  ist  zn  Gunsten  von  ei  entschieden  in  leiv  Liehe  (as.  liuhhi),  nach  leif 
(as.  liof)  lieh,  lei-m  lieben;  dei  Nora.  Sg.  f.  (as.  ihiu)  die;  in  der  1.  Pers.  Sg. 
Präs.  der  st.  Ztw.  II,  z.  B.  heir,  fleit  (as.  hiudUy  fliutu)  biete,  fliesse.  In  der 
2.  nnd  3.  Pers  ist  das  alte  Ü  in  der  Verkürzung  ü  erhalten,  z.  B.  hülst,  hüt 
bietest,  bietet;  die  Verkürzung  muss  schon  eingetreten  sein,  bevor  ei  aus  der 
Mz.  in  die  1.  Pers.  Sg.  drang. 

Anm.  2.  Das  öy  in  döuvl  (neben  cZürZ)  muss  durch  Einfluss  des  hd. 
Teufel  erklärt  werden,  vgl.  douxent  §  100,  Anm.  Aus  dem  hd.  liederlich 
stammt  lldrix  (vgl.  ags.  lythre  schlecht). 

§  105.  euu  <  eww  >  öy,  z.  B.  tröy  f.  (as.  treuwa)  Treue;  tröy 
(as.  tritiwi)  treu;  zöygl  m.  (as.  siida^  mnd.  süwele,  vgl.  as.  siiiwian, 
mnd.  süwen  nähen)  Schusterahle;  klöydyi,  klöy-y  n.  (as.  kleuivin)  Garn- 
knäuel; röydn  unpers.  (as.  hrimvon  bekümmert  sein)  reuen.  Auch 
ö'^^yöl  Gespensterfurcht,  zik  gröygln  sich  gruseln  gehört  hierher^ 
wenn  man  eine  Wz.  griu-  statt  gm  ansetzen  darf. 

§  106.  Ü  <  iu  verkürzt  >  ü^  z.  B.  lüxtn  (as.  liuhtian)  leuchten, 
blitzen  (§  239). 


120 


As.  io  (==  westgerm.  eo),  mnd.  e, 

§  107.  As.  io  >  ei;  im  monophth.  Gebiet  >  e  (§  7,  1  a),  z.  B. 
deif  Dieb;  leif  lieb;  deip  tief;  mw  m.  Riemen;  leit  n.  (mnd.  /e^)  Lied; 
dein  dienen;  deinst  Dienst,  Mz.  deinstn  Gesinde;  greim  (mnd.  greve) 
Grieben  (ausgelassene  Schweinefettwürfel) ;  fieirä  Flieder ;  streim 
Strieme,  Streifen  in  der  Haut;  veirn  (as.  wiodon)  Unkraut  jäten; 
hei%  f.  (mnd.  hese)  Binse;  heist-melk  erste  Milch  der  Kuh  nach  dem 
Kalben;  heirn  (as.  biodan)  bieten,  und  so  alle  st.  Ztw.  II,  1  (vgl.  §  104, 
Anm.  1  und  §  369);  leisch  Schilfblätter  der  Typha,  Iris  u.  s.  f.  Ebenso 
io  <  ew  in  knei  (as.  knio)  und  io  <  ehu,  ihu,  z.  B.  fei  (as.  fehti^  fio) 
Vieh,  zei  (as.  sihu)  sehe  (vgl.  §  245). 

Anm.  1.  Meckl.  tein  (as.  tiohany  Hon,  tian)  ziehen  ist  in  der  Pri  durch 
treky  verdrängt;  auch  meckl.  reitstok  Eohrstock,  dessen  erster  Bestandteil  wohl 
hriod  Schilfrohr  ist,  ist  in  der  Pri  unhekannt. 

Anm.  2.  As.  seo  <  *sew  See,  sneo  <  *snew  Schnee  (Holthausen,  As.  El. 
§  108)  hätten  xeiy  snei  ergehen  müssen.  Die  wirklichen  Formen  xe  und  sne 
verdanken  ihr  e  den  ohliquen  Casus,  in  denen  e  vor  w  erhalten  hlieh.  Nicht  zu 
erklären  vermag  ich  kezn  (mnd.  kesenj  keisen)  heim  Spiel  den  aaslosen,  der  an- 
fängt, ausküren.     As.  kiosan  hätte  keixn  ergehen  müssen.     Vgl.  §  370. 

Anm.  3.  Über  öy  für  ei  im  Präteritum  von  früher  reduplizierenden  Zeit- 
wörtern, wie  roupm  rufen,  stotn  stossen,   löpm  laufen  vgl.  §  383,  385. 

Anm.  4.  Über  e  für  ei  in  ge-sen  (as.  *giskehan,  mnd.  gesehen,  geschein) 
vgl.  §  37-7  Anm.  1.  Hochdeutsch  sind  auch  wi  (statt  *neiy  s.  as.  neo,  nio)  nie 
und  gris  (vgl.  as.  griot,  mnd.  gret  Sand)  Gries. 

Anm.  5.  As.  io  und  as.  e  (ie)  aus  germ.  e^  haben  also  dieselbe  Ent- 
wicklung gehabt,  s.  §  79. 

§  108.  In  eo,  io  (<  eo,  s.  Holthausen,  As.  El.  §  108)  je,  immer 
ist  durch  Akzentverrückung  i  >  j  geworden,  nach  der  häufigen 
Schreibung  gio  zu  urteilen  wohl  schon  im  Altsächsischen.  Auf  as. 
gio,  mnd.  jö  führe  ich  zurück  jö  ja  Adv.,  (s.  Grimms  Wb.  unter  j  a  11, 
bes.  2,  6,  7)  in  Sätzen  wie  kum  dox  jö  komm  doch  ja,  max  jö,  jö 
nix  zein  ^"v^arum  nicht  gar^  u.  s.  f.  Die  Bejahungspartikel  (Grimms 
Wb.  unter  ja  I)  heisst  Ja  <  as.  ja  (nach  §  71).  Sonst  ist  io  durch 
Akzentverschiebung  über  ie  >  je  oder  j  geworden,  z.  B.  in  jetfd, 
jetfä-en  , jeder',  das  ich  mit  mhd.  ietweder  vergleichen  möchte;  jixtns 
(as.  eomht,  mnd.  jicht)  irgend  (zeitlich),  z.  B.  ven  ik  jixtns  kan,  wenn 
ich  irgend  kann,  sobald  ich  nur  kann.  Im  as.  iemer  ist  die  Akzent- 
versetzung unterblieben;  es  ist  über  imer  >  iimä  geworden  (§  277,  d). 

Anm.  yerä  jeder  könnte  wohl  auf  as.  iehwethar,  mnd.  ie-weder  organisch 
zurückgehen.  Es  scheint  mir  aber  hd.  zu  sein,  wie  schon  Lübben,  Mnd.  Gramm. 
S.  117  die  seltenen  mnd.  Formen  ider,  ieder  für  hd.  hält. 

§  109.  io  +  r  >  e,  z.  B.  dedn  (as.  thiornd)  Mädchen  (§  261); 
io  vor  Doppelkonsonanz  verkürzt  >  i,  z.  B.  lixt  (as.  Höht)  Licht 
(§  240). 

Über  i-a,  i-e  >  ei,  äi  s.  Diphthongierungen  §  245. 


121 


B.     Die  Vokale  in  nebentonigen  und  unbetonten  Silben. 

I.     In  Vorsilben. 

§  110.  1)  As.  for-,  far-,  fer-  =  mnd.  ver-,  vor-  >  fä-,  individuell 
nacb  /o-  herüberklingend,  z.  B.  fädäim  verderben;  fägäm  vergeben; 
fälätn  verlassen. 

Anm.  1.  Der  hd.  Vorsilbe  er-  entspricht  nicht  selten  fl,-,  z.  B.  in  fUeln 
erzählen;  fkküln  erkälten;  fix^jm,  ersäufen;  fSiZüpm  ertrinken  und  vertrinken; 
/ä^öän  erzürnen;  die  Vorsilbe  er-  ist  in  unserer  Mundart  überhaupt  nicht  heimisch. 

Anm.  2.     Alte  Synkope  liegt  vor  in  fr^tii  fressen,  schon  as.  fr'etan, 

2)  As.  gi'  (ge-)  >  ge,  ist  besonders  häufig  bei  Hauptwörtern, 
z.  B.  gezel  Gesell;  geföä  Gefahr;  gedüä  f.  Ausdauer,  Geduld;  geläxtä 
Gelächter;  geärixt  n.  Geschrei,  und  noch  jetzt  lebendig  zur  Bildung 
von  sächlichen  Verbalsubstantiven  mit  iterativer  Bedeutung,  meist  in 
tadelndem  Sinne,  z.  B.  dät  gebak  die  Backerei,  dät  gebou  die  Bauerei, 
dät  gestän  die  Stöhnerei,  dät  gehoust  das  Gehuste  u.  s.  f.  In  Eigen- 
schaftswörtern, z.  B.  gevis  gewiss,  gevöä  gewahr,  gemein  leutselig, 
und  in  Zeitwörtern,  z    B.  gerärn  geraten,  ist  es  etwas  seltener. 

« 

Anm.  1.  Synkope  des  e  ist  eingetreten  in  günn  (as.  gi-unnan,  mnd. 
gunnen)  gönnen;  gnär  f.  (as.  ginktha)  Gnade;  gMn  (neben  ^in)  gegessen, 
besonders  in  upgl.tn  aufgegessen.  In  grär  (mnd.  gerade,  grade  rasch,  sofort) 
gerade,  glöv  m.  (as.  gilöbho,  aber  mnd.  löve  Glaube),  glö-m  glauben  (s.  Anm.  2), 
gleit  Glied  (s.  Anm.  2),  ghk  gleich  (s.  Anm.  2),  glük  n.  (mnd.  lücke  Schicksal, 
Glück,  im  Fries,  noch  jetzt  lük,  s.  ten  Doornkaat  Eoolman)  scheint  mir  g  unter 
hd.  Einflnss  angetreten  zu  sein. 

Anm.  2.  Vielfach  weist  unsere  Ma.  gegenüber  dem  Hd.  unpräfigierte 
Formen  auf,  z.  B.  noux  (as.  gi-nög)  genug;  löys  f.  (mnd.  leese  vgl.  §  277,  e) 
Geleise;  bit  n.  Gebiss  (der  Pferde);  /5-w  neben  glo-m  (as.  gilobhian,  mnd. 
Uwen)  glauben;  let  n.  in  fink-let  (as.  lidh,  s.  §  197)  Glied;  vis,  z.  B.  in  vis 
un  vol,  neben  gevis,  s.  Anm.  3  (as.  wis(s),  Adv  giwisso)  gewiss,  fest;  an-venn, 
af-venn  angewöhnen,  abgewöhnen;  vinn  gewinnen;  hb§Ln  gehören,  geziemen; 
smn  (vgl.  as.  swidh  stark)  geschwind;  vö^  neben  gevök  gewahr.  „Gleich* 
heisst  jetzt  immer  ghk,  aber  noch  Gedike  kennt  lyk  (mnd.  hk)y  und  dieses  lik 
hat  sich  erhalten  in  ükks  Adv.  gleichwohl  und  likiou,  von  einem,  der  drauf 
los  schlägt,  gleichviel  wohin. 

Anm.  3.  Noch  öfter  als  g-  wird  ge-  unter  hochdeutschem  Einflnss 
an  ursprünglich  unpräfigierte  Formen  oder  an  Formen,  die  im  Mnd.  ge-  verloren 
hatten  (vgl.  Behaghel,  Pauls  Gr.  I,  713)  getreten  sein.  Doch  lässt  sich  der 
Sachverhalt  nicht  immer  klar  feststellen.  Sicher  hd.  sind  gevo-n  gewöhnen,  das 
das  Simplex  venn  (Anm.  2)  ganz  verdrängt  hat,  und  gevalt  Gewalt  (§  273). 
Der  Entlehnung  aus  dem  Hd  oder  doch  der  Beeinflussung  durch  das  Hd.  sind 
verdächtig  Formen  wie:  gedult  (mnd.  dult  und  gedult\  gesunt  (mnd.  sunt  und 
gesunt)y  gestaiak  (mnd.  stank),  gestel  n.  (mnd.  stelle  m),  gexixt  (mnd.  sichte 
und  gesichte,  letzteres  =  Sehvermögen,  Anblick),  geslext  (mnd.  siechte)  Geschlecht, 
gerixt  (mnd.  richte  und  gerichte)  Gericht;  genou  (mnd.  nouwe  eng)  genau, 
gevinn  (neben  vinn  Anm.  2),  gevök  gewahr,  neben  seltnerem  vöa,  (Anm.  2), 
geneitn  (noch  Gedike  schreibt  neten)  gemessen. 


122 

Das  Partiz.  Praet.  aller  Verben  wird  auf  dem  ganzen  Gebiet 
ohne  die  Vorsilbe  ge-  gebildet,  also  vusn  gewachsen,  §ätn  geschossen, 
zäxt  gesagt,  hröxt  gebracht.  Im  As.  fehlt  gi-  nur  bei  einigen  Zeit- 
wörtern, z.  B.  fundan  gefunden,  wordan  geworden,  s.  Holthausen,  As. 
El.  §  421.  Im  Mnd.  erscheint  ge-  nirgends  als  notwendig,  s.  Lübben 
§  64,  Nerger  §  86,  6;  in  den  mbr.  Urkunden  überwiegen  jedoch  die 
Partizipien  mit  ge-.  In  einigen  Fällen  hat  sich  ge-  bis  auf  den 
heutigen  Tag  erhalten:  1)  bei  bestimmten  Partizipien  in  adjekti- 
vischer Verwendung,  z.  B.  dät  is  nix  gezäxt  das  ist  nicht  gesagt, 
d.  h.  ausgemacht;  hd  is  ungeheitn  Mm  er  ist  ungeheissen,  d.  h.  un- 
aufgefordert gekommen;  /lei  krixt  ümä  zln  genant  ihm  wird  immer 
eine  bestimmte  Summe  Geldes,  eine  bestimmte  Menge  Essen  zugewiesen; 
vgl.  getaxt  gestaltet,  gepakt  stämmig;  2)  nach  kärn  kommen,  meist 
in  Verbindung  mit  an,  z.  B.  in  Wendungen  wie  da  kiimtä  angelöpm 
da  kommt  er  gelaufen;  3)  in  Verbindung  mit  toxi  (zu)  in  imperati- 
vischem Sinne,  z.  B.  man  ümä  tougelöpm,  tougemät  nur  immer  zu 
gelaufen!  zu  gemäht!  vgl.  upgepast  aufgepasst!  Als  g-  ist  ge-  er- 
halten in  gätn  (neben  ätn)  gegessen  (s.  o.  Anm.  2). 

3)  As.  bi-  >  be-,  z.  B.  bezöyky  besuchen,  begnpm  begreifen, 
bedreiy  betrügen. 

Anm.  1.  In  mmeckl.  nnd  mbr.  Urkunden,  überhaupt  östlich  der  Elbe, 
findet  sich  statt  he  häufig  ho  geschrieben,  das  als  hö  oder  hü  zu  lesen  ist, 
s.  Graupe  S.  25,  Nerger  S.  19,  Lübben  S.  23,  Tümpel,  Nd.  Stud.  S.  66  f. 

Anm.  2.  Synkopiert  ist  e  vor  Vokal  in  hütn  (schon  as  httan  neben 
hi-ütan  ausser,  draussen  =  ütanfa))  draussen;  feä-7/i  (as.  hi-ohhan  oben  darauf, 
Hei.  4076)  oben;  bifin  innerhalb  (räuml.  und  zeitl.);  haid  bange,  heuB  den  Leib 
zusammendrücken,  hixt  Beichte  (§  232);  vor  Kons,  in  hli-ni  (as.  hi-Uhhan)  bleiben. 

Anm.  3.     hedrux  m.  (mnd.  droch)  ist  halb  hd. 

4)  Für  das  as.  Präfix  te-  ist  wie  für  die  Präpos.  te  das  Adv. 
tou  (as.  tö)  getreten  (schon  im  As.  konnte  tö  auch  Präpos.  sein,  auch 
zur  näheren  Bestimmung  hinter  Verben  treten),  z.  B.  toiizam  (as. 
tesamna)  zusammen,  toujäy  zugegen,  entgegen  (as.  tegegnes). 

In  einigen  Ausdrücken  hat  sich  jedoch  te  durch  Synkopierung 
als  t-  erhalten:  ten  (dät  hüs)  am  Ende,  d.  h.  am  Giebelende  des 
Hauses  (mnd.  tefides);  trüx  (mnd.  to  rägge)  zurück,  trüx-nöäs  rück- 
wärts; trext  {<   te  rechte)  zurecht,     däl  <   as.  te  dale  s.  §  111. 

Anm.  Ein  dem  as.  te-  =  hd.  zer-  entsprechendes  Präfix  hat  unsere 
Mundart  nicht;  sie  gebraucht  dafür  inkot,  intwdd  entzwei,  z.  B.  intwki-ritn 
zerreissen. 

5)  Die  Vorsilbe  im-  ist  abgefallen  in  hanix  sehr,  z.  B.  banix 
rik  sehr  reich,  <  tmbandich  (so  noch  ostfriesisch,  s.  ten  Doornkaat 
Koolman  und  vgl.  Hoefer,  Germania  14,  204;  23,  6.  im  ist  angetreten 
in  imKvl  übel. 

o 

§  111.  Das  Adv.  her  hat  betont  regelrecht  hed  ergeben.  Un- 
betont in  Zusammensetzung  mit  Präpositionaladverbien  ist  aber  von 
her  nur  r  übrig   geblieben   in  rup  herauf,   raf  herab,  herunter,    ran 


123 

heran,   rin  herein,  rüt  heraus,  rüm  herum,  rSivä  herüber.     Für  SPri 
tritt  noch  hinzu:  rund  herunter. 

Durch  rhvä  veranlasst,  hört  man  vielfach  auch  ravä,  rupä,  rinä, 
i-ütä,  durch  umgekehrte  Angleichung  aber  run  für  rund. 

Anm.  Hoefer  vermutet  Germania  14,  208  sicherlich  mit  Unrecht,  die 
Formen  rat;a,  rupk  n.  s.  f.  erklärten  sich,  indem  an  raf,  rup  u.  s.  f.  das  vorne 
z.  T.  abgefallene  her  hinten  wieder  herangetreten  sei.  —  Mit  hen  <  hin  werden 
keine  Präpositionaladverbien  gebildet. 

Vielfach  gehen  tonlos  gewordene  Präpositionen  auch  ganz  ver- 
loren: vex  Adv.  weg,  fort  (vgl.  hd.  weg  <  mhd.  enwec,  ne.  awai/  < 
ags.  onweg)\  däl  nieder,  herunter,  herab  (schon  ags.  te  dale  „zu  Tal ^ 
heisst  hinab;  vgl.  ne.  down  <  me.  a-down  <  ae.  of  düne  und  für  die 
Bedeutungsentwicklung  afranz.  nfranz.  ai^al  nach  unten,  stromabwärts 
<  lat.  ad  valletn).  Das  Hauptwort  ist  nur  noch  enthalten  in  Orts- 
namen wie  Gousdäl  Gosedahl. 

Für  intwdi,  inkot  entzwei  hört  man  auch  twdi,  koL 
§  112.  In  Fremdwörtern,  besonders  in  ausländischen  Vornamen, 
ist  die  Anfangssilbe  wegen  Tonlosigkeit  oft  unterdrückt  worden:  hd. 
kartoffel  >  tüfl^  tüvl  (Meckl. :  kdtilvl) ;  frz.  pantouße  >  tüfl,  tüvl  (so 
schon  Daniel  von  Soest  und  Lauremberg),  frz.  appartement  >  potämayk 
Abtritt;  Katharina  >  Trtn\  Soflke{n)  >  Flk^  Flky,  Friederike, 
Ulrike  >  Bikl,  Wilhehnine  >  Mind,  vgl.  Teis  Personenname  < 
Matthias  (§  245). 

Anm.  1.  Alle  diese  Vornamen  beginnen  zu  veralten  oder  werden  durch 
die  entsprechenden  hd  Namen  verdrängt,  z.  B.  Fik  durch  Tsafl  Sophie. 
Hindenberg  verzeichnet  noch  die  jetzt  ganz  verschollenen  Vornamen  Fei  < 
Sophie  (§  243,  a),  Neschen  <  Agnese,  Leis  <  EHas,  Gust  <  August  (jetzt 
Otigusty  mit  dem  Ton  auf  der  ersten  Silbe.  In  Meckl.  dagegen  sind  Namen  wie 
Gust,  Orch  (<  Georg) j  Vischen  <  Lowlseken  <  Louise  noch  allgemein  gebräuchlich. 

Anm.  2.  Es  sind  also,  anders  als  im  Oberdeutschen,  diese  Namen  nicht 
nach  germanischer  Weise  auf  der  ersten  Silbe  betont  worden.  Vgl.  über  diesen 
Unterschied  in   der  ndd.  and  oberd.  Betonung  Mackel,  Lyons  Zs.  1894,  186  ff. 

§  113.  In  einer  anderen  Reihe  von  Fremdwörtern,  vor  allen 
solchen,  bei  denen  die  betonte  Silbe  mit  r  oder  l  anfing,  ist  der 
Vokal  der  (unbetonten)  ersten  Silbe  synkopiert  worden  (vgl.  §  115,  4), 
z.  B.  a  in  krüts  <  karütsch  Karausche,  prät  <  parät  <  lat.  parätus 
bereit,  kldnd,  kldndn  <  Kalender,  im  Kalender  nachsehen,  lesen ;  vgl. 
drüm  neben  dem  betonten  döariim  <  darum  darum;  —  e  in  prQ^• 
(<  frz.  perruque),  vgl.  Jürn  <  Georg  und  f&nä  <  frz.  venin  <  lat. 
venemim)  giftig,  tückisch;  —  o  in  krintn  <  frz.  (raisin)  corinthe 
Korinthen,  vgl.  krön  <  coröna,  plitä,  politä  pfiffig,  klug  <  politisch; 
—  w  in  kra.i  Kraft  (nicht  Mut)  <  frz.  courage;  klod  (neben  kalod) 
<  frz.  couleur,  krant  neben  kurant  <  courant,  z.  B.  in  twe  gröän  krallt 
(Kourantgelt),  jetzt  veraltet.  Der  Vorname  Liä  geht  wohl  auf  Liseke 
für  Liäseke  zurück;  Meckl.  sagt  Vl§n   <  Loiviseken. 

In  noch  anderen  Fremdwörtern  erscheinen  die  Vokale  der  un- 
betonten  ersten  Silbe  zu  ö,  w,  u  oder  a  geschwächt,    z.   B.  zöldät 


124 

Soldat,  zülät  Salat,  Mürth  (älter  Miiräi  §  243,  jünger  Marl)  Marie, 
kuntöä  <  frz.  comptoir^  buri  <  frz.  por^e,  dessen  erste  Silbe  zunächst 
unbetont  gewesen  sein  wird,  sase  Chaussee,  patäön  Portion^  kamedi 
Theater  <  frz.  comedie^  kamör  Kommode;  bequem  <  frz.  com?node; 
akäön   <  Auktion. 

II.     Die  Vokale  der  Mittelsilben. 

Vorbemerkung:  Es  werden  hier  nur  ursprünglich  dreisilbige 
Wörter  und  Formen  behandelt.  Nomina,  die  erst  in  den  obliquen 
Casus  dreisilbig  werden,  sollen  zur  Vermeidung  von  Wiederholungen 
erst  im  Kapitel  von  der  Dehnung  kurzer  Vokale  in  offener  Silbe,  der 
sog.  „Tondehnung*'  (s.  §§  183  ff.)  zur  Sprache  kommen. 

a.    Mittelvokal  -f-  /,  m,  n,  r, 

§  114.  1.  Bei  den  Nominibus  auf  mnd.  -ele,  -ene,  -ere  ist  der 
Mittelvokal  erhalten,  -ele  ist  >  el  >  L  -ene  >  en  >  n,  m,  -ere  >  er 
>  ä  geworden.  Demnach  müsste  nach  §  183  der  kurze  Vokal  in 
offener  Silbe  gedehnt  worden  sein.  Das  ist  auch  in  einer  Reihe  von 
Wörtern  geschehen  (Gruppe  a).  In  einer  anderen  Gruppe  (gr.  ß)  ist 
der  Stammvokal  aber  kurz  geblieben.  Wahrscheinlich  ist  im  Nomin. 
Sing,  das  End-6  hinter  /  und  r  verstummt,  bevor  der  Mittelvokal 
ausfiel,  in  den  Casus  auf  -en^  -es  aber  der  Mittel  vokal  geschwunden, 
und  zwar  vor  der  Tondehnung.  Die  Wörter  mit  gelängtem  Vokal 
würden  sich  dann  aus  der  apokopierten  Form  des  Nom.  Sing.,  die 
Wörter  mit  kurz  gebliebenem  Vokal  aus  den  synkopierten  Formen 
der  casus  obliqui  erklären,  häkl  also  aus  hekel{e)^  netl  aus  neuen. 

Gruppe  a)  häkl  f.  (mnd.  hekele)  Hechel;  k-zl  f.  (mnd.  osele) 
glimmende  Lichtschnuppe;  ädl  (mnd.  addele^  adel{e)^  vgl.  ags.  adela) 
Jauche;  hävä  m.  (as.  habharo)  Hafer;  lävä  f.  (vgl.  ahd.  lebard)  Leber; 
kämä  f.  (as.  kamara  <  lat.  camera^  mbr.  kamere^  kamer)  Kammer ; 
bätä  (as.  betera)  besser. 

Gruppe  fi)  netl  m.  (mnd.  netele^  nettle,  vgl.  ags.  netele;  in  Zss. 
net{e)lenblat)  Nessel;  äöpm  (as.  skepino)  Schöffe;  gaß  f.  (mnd.  gaffele^ 
vgl.  as.  gajlia  im  Oxf.  Gloss.)  grosse  hölzerne,  zweizinkige  Gabel  zum 
Umwenden  des  Strohs  beim  Dreschen ;  färä  f.  (as.  fethera,  mnd.  veder(e), 
PI.  vedderen)  Feder;  hdrdk  m.  (mnd.  hederik  <  lat.  hederacea)  Hederich; 
ma^ln  (mnd.  masseien,  fnaslen)  Masern  (wird  verdrängt  durch  das  hd. 
mäzän  Masern);  edl  (as.  ethili,  edel)  in  edhnan  Edelmann;  toiizam 
(as.  tesatnna  zu  samen)  zusammen  (Meckl.  hat  touzäm), 

Anm.  1.  Zu  a)  gehören  noch  Wörter  wie  rät?  Rabe;  kar  Kette; 
zu  ß)  Wörter  wie  el  Elle ;  m,öl  Mühle.  In  diesen  Wörtern  ist  aus  dem  w-Nominativ, 
der  als  Plnr.  missverstanden  wnrde,  nach  dem  Schema  eikr)  —  eik  ein  neuer 
Nom.  Sing,  ohne  n  gebildet  worden,  vgl.  §  337. 

Anm.  2.  Schwer  zu  erklären  ist  der  Vokal  in  den  beiden  Lehnwörtern 
bodk  f.  Butter  und  södl  f.  Schüssel.  Zu  Grunde  liegen  lat.  butyrum  oder 
buiyra  >  as.   butura   (mbr.    botter,    vgl.   afries.    butera,   ags.  butere)  und  lat. 


125 

scutella  >  as.  *scutila  (Lampr.  Glos,  scutala).  Ohne  Tondehnung  wäre  budli 
südl  zu  erwarten  gewesen,  mit  Toudehnung  fta/ä,  sKdl  (vgl.  westf.  bu9t^j 
sxydtl,  Holthausen,  Soester  Ma.  §§  65,  66).  Es  wäre  möglich,  dass  mnd.  Formen 
schotel,  böter  nachträglich  verkürzt  worden  wären,  s.  §  241;  es  wäre  auch 
möglich,  dass  die  Vokale  o,  ö  aus  den  Casus  mit  regelrecht  gedehntem  Vokal, 
die  Kürze  aus  den  Casus  mit  regelrecht  ungedehntem  Vokal  stammten,  so  dass 
Kompromissformen  vorlägen  wie  hei  s^net  Schmied,  s.  §  197,  2;  drittens  aber 
könnte  man  bei  diesen  beiden  Wörtem,  die  in  der  „Holländerei"  eine  so  grosse 
Eolle  spielen,  an  frühzeitige,  direkte  Beeinflussung  durch  die  holländischen 
Formen  boter,  schotel  denken. 

2)  Die  Bildungssilbe  as.  -ari,  -eri  der  Nom.  agentis  ist  über 
ere,  er  >  ä,  die  Deminutivsilbe  as.  -ilo,  4la  über  ele,  el  >  l  geworden, 
der  Mittelvokal  ist  also  erhalten  geblieben.  Dementsprechend  ist, 
wo  es  anging,  Tondehnung  eingetreten.  Beispiele:  jägd  Jäger,  l§rord 
Schröder,  äepä  Schäfer,  bekä  Tas.  hakkeri,  mnd.  beckere)  Bäcker;  börgä 
Bürger;  —  rädl  f.  Kornrade;  ruykl  f.  Runkel  u.  s.  f. 

3)  In  den  as.  Ztwtn.   auf  -aron,  -iron,  -inon,  -Hon  ist   ebenfalls 

der   Mittelvokal  erhalten   geblieben.     Dafür   spricht  die   Tondehnung 

kurzer  und  die  Nichtkürzung  langer  Vokale;  dafür  spricht  auch,  dass 

im    Mnd.    das   Prät.    und    das    Partip.    Prät.    stets    lauten   wunderde, 

gewundert  wunderte,  gewundert;  rekende,  gerekent  rechnete,  gerechnet; 

uandelde,  gewandelt  wandelte,  gewandelt      a)   as.  -aron,  -iron  >  mnd. 

er(e)n   >  an   z.    B.    vundn   wundern;    hinan   hindern;    äigän   ärgern; 

änän  (mnd.  ander(e)n)   ändern;   bulän  (mnd.  bulderen)  poltern;   rokän 

räuchern;  zVivän  säubern;  foiirän,  fiirdn  (§  233)  füttern;  thgdn  zögern; 

stämdn    (as.    stamaron)    stottern;    vätdn    wässern    d.    h.    grossziehen 

(Kälber);   värdn  wettern   d.   h.    donnern;   bätän   (as.   betiron)   bessern 

u.  a. ;    —    ß)   as.   -inon  >  mnd.   -enen  und   -en  >  y    (da  immer   ein 

Gaumenlaut  vorangeht)  z.  B.  rä-hj  (mnd.  rekenen  und  reken)  rechnen; 

teiky  (mnd.  teketien  und  teken)  zeichnen;  rä-y  (mnd.  regenen  und  regen) 

regnen;  zä-y  (mnd.  seg&nen  und  segen)  segnen;  bejä-y  (mnd.  begegenen, 

begegen)  begegnen;  —  y)  as.  Hon  >  mnd.  el(e)n  >  In,   z.  B.  in-päkln 

(mnd.  pekelen)    einpökeln,    kd-kln   (mnd.    kakelen)    gackern.      Hierher 

gehört  die  zahlreiche  Gruppe  der  Iterativa  mit  kurzem  Stammvokal, 

kurz,  weil  er  sich  vor  Doppelkonsonanz  befand;  z.  B.  tümln  taumeln; 

duzln  (zu  dhzix  <  as.  ^dusig^  vgl.  ags.  dysig)  schlafmützig  sein;  druzln 

(vgl.    ags.    drüsian,    drüsan)    schläfrig    sein;    kwazln    Unsinn    reden 

(wohl  zu   quedan  sagen);  zik  kavln  (Iter.  zu  mnd.  kiven  zanken,   vgl. 

mhd.  kibeln  zanken;   oder   zu   mnd.    kävel   Stück   Holz   zum  Losen?); 

snüvln  (zu  snüven)   schnüffeln;   snavln  unsauber  essen,  dummes  Zeug 

reden  (zu  sndvl  Schnabel);  gravln  (Iter.  zu  as.  gri2)an  greifen)  grapsen; 

nuzln  (in  Ablaut  zu  Nase)   langsam   sein,   eigentlich   langsam   durch 

die  Nase   sprechen;  puzln  kleine   Arbeit  verrichten;     krivln  jucken, 

stechen  in  den  Finger-  und  Zehenspitzen,  besonders  vor  Frost   (im 

Ablaut  zu  krabbeln,  da  das  Gefühl  dem  Ameisenlaufen  gleicht). 

Anm.     In  Ableitungen  von  Wörtern  auf  mnd.  -ely  -er  geht  der  Mittelvokal 
verloren,  z.  B.  ri^vlix  neblig;  ädlix  adlig;  krivlix  hitzig,  bidrix  aufbrausend  u.  s.  f. 


126 

b.    Mittelvokal  +■  Kons,  ausser  l,  m,  n,  r. 

§  115.  Der  Mittelvokal  wird  synkopiert,  und  zwar  meistens 
vor  der  Dehnung  kurzer  Vokale  in  offener  Silbe  (vgl.  §  225). 

1)  zülvä  n.  (as.  siluhar)  Silber;  ^fs  f.  (as.  *alisa,  mnd.  eise) 
Erle;  brärm  f.  (mnd.  hremese)  Bremse;  eVm  (as.  elleban)  11;  twölv 
(as.  üvelihiV\\xv,)  12;  ämk  und  ämt  f.  (mnd.  emeke  \mA  emete)  Ameise; 
harn  n.  (as.  hemi\>i)  Hemd;  frömtj  Mz.  frörh  (as.  fremipi)  fremd,  fremde; 
marks'bloum  (<  Marikefibloum  Marienblümchen)  gefüllte  Gänse- 
blümchen; piystn  m.  (as.  pinkoston)  Pfingsten;  das  veraltete  kärk  f. 
(as.  kirika)  Kirche.  Die  Feminina  auf  i\>a,  ida,  die  schon  im  As. 
oft  Synkope  zeigen  (Holthausen,  As.  El.  §  138,  5)"  zeigen  oft  Ver- 
kürzung langer  Vokale,  z.  B.  höxt  (as.  *höhipa,  mnd.  hogede,  höchte) 
Höhe;  gröt  (mnd.  grötede,  grötte)  Grösse;  vgl.  auch  kyl  (mnd.  külde) 
Kälte,  fräir  (mnd.  vroide)  Freude  u.  s.  f. 

Anm.  Tondehnung  zeigen  nur  tr^tm  f.  (mnd.  tremese)  Kornblume, 
8.  §  72  d.  (Boberow  sagt  übrigens  prämsj  das  ich  mir  nur  aus  *tr2ims  <  *tre7ns 
erklären  kann);  für  kmk  sagen  Fom.  und  Meckl.  ^mkj  ebenso  einzelne  Dörfer 
der  Pri  an  der  meckl.  Landesgrenze,  z.  B.  Porep;  der  SPri  ist  eigen  Ixt  f.  Egge 
(as.  egitha,  mnd.  egede)^  wofür  NPri  ex  sagt  (s.  §  7,  1  b). 

2)  Im  Superlativ,  mag  er  as.  mit  -ist-  oder  -ost-  gebildet  sein, 
ist  der  Mittelvokal  immer  ausgefallen,  z.  B.  dei  zöytst  der  süsseste, 
dei  fetst  der  fetteste,  dei  hoxst  der  höchste,  dei  flUixst  der  fleissigste, 
dei  gröfst  der  gröbste.  Für  den  Vokal  ist  der  Positiv  massgebend 
gewesen;  nur  bei  grötst  grösste  ist  Verkürzung  eingetreten  (s.  §  236), 
und  bei  vit  weiss  ist  dieser  verkürzte  Vokal  vielleicht  in  den  Positiv 
gedrungen  (s.  §  232,  Anm.). 

3)  In  der  Deminutivendung  -iko,  -ika  >  mnd.  -eke  ist  der 
Mittelvokal  verstummt,  aber  wohl  erst  in  jüngerer  Zeit;  denn  es  ist 
Tondehnung  eingetreten,  und  langer  Vokal  ist  nicht  gekürzt  worden: 
swklk  <  swaleke  Schwalbe ;  ylk  f.  (nind.  illeke)  Iltis ;  TUk  (mnd.  Tideke) 
Tietke;  GMk  Gädicke;  Geäk  Ger(i)cke;  Vilk  Wilke.  In  dem  Orts- 
namen Ftä  <  Vieseke  ist  sk  noch  zu  s  geworden.  —  Auch  in  der 
Deminutivendung  -iktn  (vgl.  as.  skipikm  Schiffchen)  ist  der  Mittelvokal 
wohl  verhältnismässig  spät  geschwunden.  Hindenberg  schreibt  noch 
böliken  Geschwisterkinder  (jetzt  böylken  s.  §  92)  und  lurike  ein  Getränk, 
was  die  gemeinen  Leute  aus  Obst  machen  (jetzt  lurk  =  dünner  Kaffee). 
Das  ist  allerdings  nicht  beweisend;  aber  in  gälgöys-ky  Goldammer, 
wörtlich  =  Gelbgänselchen  ist  sk  nicht  mehr  zu  ä  geworden,  und  in 
der  Kindersprache,  in  der  das  Suffix  noch  schwach  lebendig  ist,  sagt 
man  neben  äkpky  ohne  Bindevokal  noch  jetzt  betwky  Beinchen. 

4)  Sehr  deutlich  ist  das  Gesetz  vom  Ausfall  des  Mittelvokals 
bei  drei  und  mehrsilbigen  Fremdwörtern  erkennbar  (vgl.  §  113): 
aftU  Appetit;  afkät  Advokat;  aftek  Apotheke;  apslüt  oder  afsliit 
absolut;  akrät  akkurat;  Adv.  gerade;  oftslä  Offizier;  miiskant  Musikant; 
kaptäl  Kapital;  vgl.  Dodt  Dorothea.  Oft  sind  ganze  Mittelsilben 
ausgefallen:   z.   B.   Fänant  <  Ferdinand,    Kalln  <  Karoline,    eksedn 


127 

exerzieren;  Udrix  <  lid.  liederlich;  ontlich  oder  ollix  <  hd.  ordentlich; 
(Hilrl  Artillerie. 

5)  In  ähnlicher  Weise  sind  in  zusammengesetzten  Erbwörtern 
die  mnd.  Mittelsilben  -de-  (die  im  Norden  zu  r,  im  Süden  zu  i  hätte 
werden  müssen,  s.  §  7,  2  a)  und  -ge-  ausgefallen  in:  br&jäni  (as. 
hrüdigumOy  mnd.  brMeg(tm)\  x'ävin  f.  (mnd.  tvedewinde  s.  §  188)  Acker- 
winde; häi-dan  Besenstrauch,  wörtlich  Heidetannen  (vgl.  auch  i^na? 
<  Friderich);  hästä  f.  (mnd.  hegester  §  177)  Elster;  häditä  f.  (mnd. 
egedisse  s.  §  177)  Eidechse. 

§  116.  Einen  unbetonten  Mittelvokal  hatte  ursprünglich  auch  das 
Präteritum  und  das  flektierte  Part.  Prät.  einer  grossen  Anzahl  schwacher 
Ztw.  aufzuweisen.  Dieser  Mittelvokal  ist  jetzt  in  allen  Gruppen,  nach 
langer  und  nach  kurzer  Silbe,  ausgefallen.  Schon  im  As.  hatten  die 
langsilbigen  der  ^a-Klasse  meistens,  die  der  3.  Klasse,  wozu  aller- 
dings nur  noch  hebhian  haben,  seggian  sagen  und  libbian  leben  gehören, 
immer  den  Bindevokal  unterdrückt.  Es  hiessen  also  die  Präterita  in 
der  1.  Klasse  rekida  erzählte,  aber  döpta  taufte,  in  der  2.  Klasse 
makodn^  in  der  dritten  habda.  Im  Mnd.  ist  der  Bindevokal  noch 
häufig  als  e  erhalten;  sein  Ausfall  oder  seine  Erhaltung  richtet  sich 
aber  im  wesentlichen  nach  der  Art  des  voraufgehenden  Konsonanten : 
Ausfall  findet  statt  besonders  nach  dj  t,  st,  nach  m,  n,  l,  r  und  in 
den  Endungen  -eleu,  -emen,  -enen,  -eren  (§  114  a  3). 

Es  scheint,  als  ob  sich  in  unserer  Ma.  das  as.  Verhältnis  noch 
erkennen  lasse.  Wörter  wie  as.  brennian  brennen,  fullian  füllen  haben 
im  Präteritum  und  Partizip.  Prät  langes  w  und  l  (bräntn,  fiiVtn 
brannten,  füllten;  bränt,  füPt  gebrannt,  gefüllt),  Wörter  wie  as.  lohon 
loben  Überlänge  des  Vokals  (Ikvtn  lobten,  liwt  gelobt),  Wörter  wie 
as.  bedon  beten  in  WPri  r  für  d  (§  72  a).  Alle  diese  Erscheinungen 
setzen  den  Ausfall  eines  e  voraus  und  diese  Synkope  von  e  ist  ein 
verhältnismässig  jüngerer  Vorgang  (vgl.  §  294;  §  227;  §  158, 
Anm.  1). 

Mir  ist  allerdings  wahrscheinlicher,  dass  hier  einfach  das  Präs. 
und  der  Infinitiv  mit  ihrem  lautgesetzlichen  liv,  bär  eingewirkt  haben. 
So  sind  ja  auch  auf  ik  nor  (zu  as.  nödian)  ich  nötige,  ik  höyr  (zu  as. 
hödian)  ich  hüte  das  r  und  die  langen  Vokale  der  jetzigen  Präteriten 
und  Partiz.   Prät.  zei  nortn  und  nort,  zei  höyrtn   und   höyrt  zurück- 
zuführen: sie  hätten  nach  mnd.  nödde,  hödde  nörn-nöt;  hörn-höt  heissen 
müssen;   höt  gehütet  wird  auch  noch  vielfach   gesagt.     Von  Formen 
mit  verkürztem  Vokal,  die  den  synkopierten  Präteriten  der  as.  Gruppe 
schw.  Ib  (s.  o.)  entsprechen  würden,  kommt  eigentlich  nur  noch  vor: 
köft  (<  as.    köpta)   kaufte,   zu  kopm  <  as.  köpian\   alle  übrigen   sind 
durch  Ausgleichung  beseitigt.     Dagegen   sind  Partizipia  Prät.   mit 
verkürztem  Vokal,    der   alte  Synkope   beweist,    etwas   häufiger.     Ich 
führe  an:  höt  neben  höyrt  gehütet  (mnd.  äöY),  föt  (mnd.  vöt)  gefüttert, 
in  upföt  grossgezogen,  sonst  ftlrät,  zu  furän  (§  233,  234),  bröt  gebrütet 
zu  bröyrn,   blöt  neben   blourt   geblutet,    zu   blourn,   bot   (Hei.  gibuotid, 
Ess.  Glos,   giböt)^   zu   böytn  besprechen,   anzünden;   stöt   (mnd.   stöt) 


128 

gestossen  zu  stotn  (§  388);  köft  von  kojmi  (ferköft  schon  Ess.  Glos.), 
und  döft  getauft,  von  dopm,  wofür  jetzt  meistens  schon  dopt  gesagt 
wird,  wie  es  auch  immer  l&rt  geläutet  heisst. 

An  ID.  Die  Synkope  stammt  ans  der  flektierten  Form  des  Partizipinms; 
diese  hätte  im  As.  regelrecht  Synkope  zeigen  müssen,  doch  ist  sie  hänfig  dnrch 
Ausgleichung  beseitigt. 


III.     Die  Vokale  der  Endsilben. 

a.    in  Flexionssilben. 

§  117.  End-^  ist  auf  dem  ganzen  Gebiete  verloren  gegangen, 
gleichgültig,  ob  es  auf  langem  oder  kurzem  Vokal  beruht,  ob  es 
Rest  alter  Stammbildung  war  (bei  Ja-;  i-;  w-;  n- Stämmen),  ob  es  nach 
Hochton  oder  Tiefton  stand.  Nur  beim  Adjektivum  finden  sich  noch 
einige  spärliche  Reste  des  alten  e,  und  zwar  1)  in  der  scheltenden 
Anrede,  z.  B.  du  ole  grove  hunt  du  alter  grober  Hund  und  2)  im 
Femin.  Sing,  der  starken  Deklination,  z.  B.  zei  izn  flUige  deän  sie  ist 
ein  fleissiges  Mädchen,  hier  besonders  bei  mehrsilbigen  Adjektiven. 
(Vgl.  §  340  Anm.  2  und  §  341  Anm.  2)  Es  scheint,  als  ob  das 
Flexions-^  unter  hd.  Einfluss  neuerdings  wieder  mehr  Boden  gewinnt. 

Anm.  1.  Schon  zu  Beginn  des  Mnd.  waren  alle  langen  Endsilhenvokale, 
also  auch  -iu  und  i,  >  e  geworden.  Diese  e  fallen  seit  Beginn  des  16.  Jh. 
öfter  ab.  Heutzutage  ist  bekanntlich  das  auslautende  unbetonte  e  auf  dem 
ganzen  Hinterland  der  Nord-  und  Ostsee  geschwunden.  (Vgl.  Bremer,  l^eiträge 
zur  Geographie  der  dtsch.  Maa.  bes.  S.  78  ff.)  An  der  Südgrenze  der  Pri  setzt 
sofort  das  End-6  ein  und  bildet  den  auffälligsten  Unterschied  zwischen  West- 
havelland und  Pri..  Wann  End-e  in  unserer  Mundart  verstummt  ist,  lässt  sich 
nicht  genau  feststellen.  Wohl  aber  gibt  es  wichtige  Anhaltspunkte.  Im  all- 
gemeinen lässt  sich  sagen,  dass  es  sich  hier  um  einen  Lautwandel  handelt,  der 
von  Norden  nach  Süden  vordringt  (s.  Bremer  a  a.  0).  Da  nun  die  Pri  zum 
südlichsten  Gebiete  der  e-Apokope  gehört,  so  ist  dieses  Gebiet  auch  zuletzt 
davon  ergriffen  worden.  Wirklich  scheint  zu  Ende  des  18.  Jh.  e  noch  gesprochen 
worden  zu  sein:  sowohl  Gedike  als  auch  Hindenberg  schreiben  e.  Bei  Gedike 
findet  sich  u.  a.  oge  Auge,  hörne  Bäume,  lüde  Leute,  müse  Mäuse,  osse  Ochse, 
Icorie  Beerte  kurze  Beine;  bei  Hindenberg:  huksche  Kröte,  kempe  Eber,  hede 
Heede,  piermade  Regenwurm,  däle  Diele,  na  sine  mutier  nach  seiner  Mutter, 
olle  fi'VL  alte  Frau.  Entscheidend  sind  diese  Angaben  trotz  ihrer  Übereinstimmung 
nicht:  beide  Männer  können  einfach  ihr  hochdeutsches  e  angefügt  haben,  so 
dass  es  rein  orthographischer  Natur  wäre  (s.  Bremer  a.  a.  0.  S.  84).  Halb- 
hochdeutsch ist  doch  auch,  wenn  Hindenberg  schreibt:  Det  is  een  dummer 
Schnah  für  dummen  Snak)  oder  Wesen  sie  so  guih;  oder  höpper,  fiäster, 
denn  End-r  war  am  Ende  des  18.  Jh.  sicher  schon  verstummt.  Er  hängt  auch 
einmal  e  an,  wo  es  gar  nicht  hingehört:  er  schreibt  gose  Gans.  Demgegenüber 
steht  eine  Angabe,  die  anzeigt,  dass  e  schon  schwinden  konnte:  für  „kleines 
Mädchen"  gibt  Hindenberg  „lüt  oder  lütke  diern^^  an.  Hiermit  stimmen  schön 
gewisse  Angaben  des  etwa  gleichzeitigen  Bratring  überein;  er  bemerkt  im 
Idiotikon  der  benachbarten  Altmark  bei  Trumpf sösse:  „auch  ohne  e";  er  stellt 
Aop  neben  Ape  ASe,  er  schreibt  wohl  pohte  Pfote,  puette  Brunnen,  eksche  Axt, 


129 

eise  Eller  und  een  dralle  dehren  ein  dralles  Mädchen  (s.  o.),  aber  ancb  ass 
Achse,  bär  Birne,  doens  Stnbe  nnd  das  interessante  seiss'  Sense  (mit  Apostroph!). 
So  glanbe  ich  denn  nicht  fehl  zu  gehen  in  der  Annahme,  dass  in  der  Pri  die 
Apokope  des  e  nm  das  Ende  des  18.  Jh.  ein  in  Flnss  befindlicher  Lautwandel 
gewesen  ist.  Dazu  stimmt  aneb,  dass  in  WPri  e  noch  bestanden  haben  muss, 
als  nach  §  7,  2  a  intervokales  d>  r  gewandelt  wurde:  rEr  Rede,  ^r  Leute 
setzt  t^de,  l^de  voraus;  *rM,  *IM  wäre  ohne  weiteres  zu  rE/,  l^t  geworden, 
wie  es  ja  auch  im  östlichen  Teil  der  Pri  geschehen  ist  (§  7,  2  a,  vgl.  §  158 
Anm.  1).  Dass  zu  Anfang  des  19.  Jb.  das  Endungs-e  in  Meckl.  verstummt 
war,  bezeugt  Dietz,  s.  Nd.  Jb.  20,  125. 

Anm.  2.  Aus  den  §§  14,  17,  18  gebt  hervor,  dass  e,  ausser  nach 
Explosivlauten,  nur  der  Artikulation  nach  geschwunden  ist  und  seine  Zeitdauer 
entweder  auf  den  vorhergehenden  langen  Vokal  tiberträgt,  indem  es  ihn  tiberlang 
macht,  oder  den  voraufgehenden  Konsonanten  längt. 

Anm.  3.  Das  Gefühl  für  End-e  ist  in  unserer  Ma.  deic^massen  geschwunden, 
dass  es  einem  plattdeutsch  sprechenden  Prignitzer  schwer  fälk^  das  hd.  End-e 
richtig  zu  sprechen,  s.  §  9.  Wenn  End-e  aus  irgend  einem  Grunde  nicht^  verloren 
gegangen  ist,  wie  in  Mine  <  Wilhelmine,  so  ist  für  e  ein  ä  (=  er)  eingetreten : 
man  sagt  Minkf  vgl.  §  406. 

§  118.     Flexions-e  +  Konsonant. 

Auch  dieses  e  ist  im  allgemeinen  geschwunden,  z.*  B.  l§ivt  lobt, 
lobte,  gelobt,  llivst  lobst.  Es  schwindet  auch,  wie  wir  §  114,  3 
gesehen  haben,  in  den  mnd.  Verbalausgängen  -elen,  -enen,  -eren,  die 
zu  >  ein,  en  und  an  werden.  Erhalten  ist  es  nur  in  der  Endung 
-er  >  'd,  in  der  r  verstummst  ist  (vgl.  §  114,  1  u.  2),  mittelbar  auch 
in  -en  >  n,  dadurch,  dass  n  silbisch  wird,  s.  §  143.  In  4en  wird 
nicht  n,  sondern  l  silbisch,  also  ruykln  Runkeln,  zamln  sammeln. 
Unsyllabisches  n  steht  sonst  nur  1)  in  den  Pura,  die  schon  im  As. 
einsilbige  Infinitive  besitzen:  stän  stehen,  gän  gehen,  doun  tun,  zin 
sein;  2)  in  Verben  mit  vokalisch  auslautenden  Stammsilben  wie  hlöydn 
blühen,  frdian  1.  freuen  2.  heiraten,  7nä9n  mähen,  wofür  man  auch 
wohl  einfach  blöyn,  frdin,  man  schreiben  könnte. 

Beim  Ztw.  müssen  wir  eine  alte  und  eine  junge  Synkope 
unterscheiden.  Beide  beziehen  sich  auf  die  2.  und  3.  P.  Präs.  Sing, 
und,  soweit  das  schwache  Ztw.  in  Betracht  kommt,  auf  die  unflek- 
tierte Form  des  Partiz.  Prät.  und  betreffen  den  Vokal  in  den  Endungen 
as.  is,  es,  id  (it),  ed  (et),  mnd.  -est,  -et.  Die  unflektierte  Form  des 
Partiz.  Prät.  ist  schon  zugleich  mit  der  flektierten  Form  §  116 
besprochen  worden. 

a)  Alte  Synkope,  Sie  betrifft  hauptsächlich  die  2.  und  3.  Pers. 
Präs.  der  st.  Ztw.  und  ist  schon  zu  Beginn  des  Mnd.  vollzogen. 
Kennzeichen:  Kürze  des  Stammvokals,  sei  es,  dass  ein  ursprünglich 
langer  Vokal  verkürzt  (§  228  ff.)  oder  ein  kurzer  Vokal  in  offener 
Silbe  nicht  gedehnt  ist  (§  200).  Bei  Eintritt  dieser  Synkope  war 
1)  germ.  z  noch  nicht  zu  r  geworden:  ik  freä  ich  friere,  du  fräst, 
Im  frilst;  2)  noch  nicht  Tondehnung  eingetreten,  die  dann  später 
den  Vokal  in  der  1.  Pers.  lang  macht  (z.  B.  ik  grkv,  du.  gröfst,  hei 
gröft;  ik  spräk   ich  spreche,    du   sprikst,   hei   sprikt;   ik   Idt,   du   letst. 

Niederdeutsches  Jahrbuch  XXXI.  9 


130 

hei  let  ich  lasse^  du  lässt,  er  lässt;  3)  der  Vokal  des  Plurals  noch 
nicht  in  den  Singular  getreten:  du  giltst,  hei  gilt  du  giessest,  er  giesst 
erklärt  sich  nur  aus  as.  giutis,  giutid,  während  ik  geit  ich  giesse, 
mnd.  gete,  den  Vokal  des  Plurals  (as.  io)  zeigt:  as.  giutu  hätte  ik  gilt 
ergeben  (s.  §  104  Anm.  1  u.  §  107);  4)  lange  Vokale  werden  gekürzt 
(§  228),  z.  B.  drtv,  drifst,  drift  treibe,  treibst,  treibt,  löp^  löpst,  löpt 
laufe,  läufst,  läuft  u.  s.  f. 

Von  schw.  Ztw.  zeigen  nur  die  langsilbigen  Ja-Stämme  ähn- 
liche Entwickelung,  d.  h.  dieselben  Zeitwörter,  die  nach  §  116  durch 
Synkope  verkürzten  Vokal  im  Prät.  und  Partizip.  Prät.  haben,  also 
föt  up  zieht  gross,  höt  hütet,  hröt  brütet,  bot  zündet  an,  bespricht, 
köfst,  köft  kaufst,  kauft,  zöxt  sucht.  Für  döfst,  döft  taufst,  tauft  sagt 
man  jetzt  gewöhnlich  dopst,  dopt,  und  es  heisst  ausschliesslich  rärt 
redet  (mnd.  ret).  Umgekehrt  muss  bei  den  kurzsilbigen  Ja-Stämmen 
sich  der  Flexionsvokal  länger  gehalten  haben:  eine  Form  wie  jhkij 
jucken  <  as.  jukkian  erklärt  sich  nur  aus  as.  jiikis,  jukid  (2.  u.  3. 
Pers.  Sg.  Präs.),  s.  §  207. 

b)  Die  jüngere  Synkope  ist  im  allgemeinen  im  Mnd.  noch 
nicht  durchgeführt.  Der  Stammvokal,  der  infolge  der  Erhaltung  der 
Flexionssilbe '  tonlang  geworden  war,  wird  durch  den  Schwund  des 
Flexions Vokals  im  Nnd.  überlang  (§  227),  auch  werden  /;  m,  n  nach 
kurzem  Vokal  lang  (§  294),  z.  B.  du  Ikvst,  hei  iKvt  du  lobst,  er  lobt; 
du  bkrst,  hei  h%>rt  du  betest,  er  betet. 

Auffallend  ist,  dass  starke  Ztw.  mit  dem  Stammauslaut  l,  m,  n 
vor  den  Endungen  st  und  t  bald  kurze,  bald  gelängte  l,  m,  n  zeigen. 
Man  vgl.  fal  falle,  fälst,  fält;  hol  halte,  holst,  holt  mit  kel  schelte, 
äeVst,  §eVt;  fin  finde,  finst,  fint. 


b.    in  Ableitungssilben. 

§  119.  Auch  in  Ableitungssilben  ist  der  unbetonte  Vokal, 
soweit  er  im  Mnd.  schon  >  e  geworden  war,  gefallen,  z.  B.  hbvt 
(as.  höhid,  mnd.  hövet  Haupt  (§  97);  mänt  m.  (as.  mänoä)  Monat; 
deinst  m.  (as.  thionost,  mnd.  denest)  Dienst;  dfvt  f.  (mnd.  erwet)  Erbse; 
melk  (as.  miluk,  mnd.  melk)  Milch;  näkt  (mnd.  näket)  nackt  u.  s.  f.; 
ebenso  im  SuflSx  as.  -isk,  mnd.  -isch,  -esch,  welches  sein  e  vielfach 
schon  im  Mnd.  verloren  hat,  z.  B.  dGitä  (as.  thiudisk,  mnd.  diidesch, 
dusch)  deutsch,  pols  polnisch;  dänä  dänisch;  frantsoä  französisch;  vgl. 
auch  mins  (as.  mennisko^  mbr.  mensche,  minsche)  Mensch,  und  das 
weibliche  Wesen  bezeichnende  Personennamensuffix  mnd.  -esche,  z.  B. 
khks  Köchin,  äult§  Frau  Schulz.  Dagegen  heisst  es  gewöhnlich  helis 
sehr  (eigentlich  höllisch),  neben  seltnerem  heUn  (schon  mbr.  heisch, 
s.  Graupe,  S.  33).  Vgl.  auch  §  225.  Mnd.  -er,  -el,  -ent,  -en  sind 
natürlich  auch  hier  zu  -d,  -l,  -m,  -n  geworden. 

Demgegenüber  ist  i  in  einer  Reihe  von  Ableitungssilben,  besonders 
vor  Hartgaumenlauten  und  Nasalen,  erhalten  geblieben. 


131 

a)  as.  'ig,  -ag  >  ix,  z.  B.  honix  Honig,  krdftix  kräftig,  Kompar. 
krdftigä,  välix  voll  Kraft  und  Feuer,  twintix  20,  Idrix  leer. 

AniD.  Als  Mittelsilbe  schwand  i;  daher  ffi/i!;ö?ärp  Heiligendorf  (Eigen- 
name) und  mhix  neben  mt>nix  manch  (vgl.  Siewert,  Nd.  Jb    29,  93). 

b)  Über  lix  <  as.  lik  s.  §  121. 

c)  as.  'ing,  -ling  >  iyk,  liyk,  z.  B.  peniyk  Pfennig;  heeriyk 
Häring;  stäkliyk  Stichling;  hlentliyk  Blindschleiche;  z^aliyk  m.  Sauer- 
ampfer; föytliyk  Fussende  des  Strumpfes. 

d)  as.  -nissi,  nissia  >  mnd  -nisse  >  nis,  z.  B.  dröyfnis  Betrübtheit, 
vähnnis  Wärme  (mnd,  wermenisse). 

Anm.  In  fkmits  Firnis  hat  die  auf  dem  altslavischen  Boden  in  Orts- 
und Personennamen  so  bekannte  Endnng  -its  die  Endang  -is  verdrängt;  ebenso 
hört  man  häafig  grifnits  für  grkfnis  Begräbnis  (Graupe  verzeichnet  S.  33  ein 
mbr.  hamitz  für  hamis  Harnisch)  Ich  vermute  auch,  dass  hMiiä  Eidechse 
für  hMits  und  dieses  für  hMis,  Mis  st^ht  (mnd.  egedisse)^  vgl.  §§  115,5,  180, 
182  a;  Formen  auf  is  in  diesem  Worte  sind  in  anderen  nd.  Maa  reichlich  belegt, 
vgl.  Nd.  Kbl.  13,  52. 

e)  Das  as.  weibliche  Suffix  -unga  (z.  B.  kostunga  Versuchung) 
erscheint  im  Mnd.  als  -inge  (wie  im  Niederländ.,  z.  B.  woninge  Wohnung) 
neben  seltnerem  -unge  (z.  B.  settunge).  Die  heutige  Mundart  kennt 
nur  'Uyk.  Dieses  -uyk  ist  nichts  anderes  als  das  hd.  t4yk.  Zuweilen 
wird  die  Endung  uyk  das  alte  iy  <  inge  verdrängt  haben,  wie  z.  B. 
in  vknuyk  Wohnung,  wo  der  Umlaut  noch  auf  -inge  hinzuweisen 
scheint;  meistens  aber  werden  hd.  Wörter  auf  -unk  einfach  auf- 
genommen sein.  Es  handelt  sich  ja  hauptsächlich  um  Verbalabstrakta, 
wie  mänuyk  Mahnung,  axtuyk  Achtung,  inkwatearuyk  Einquartierung 
u.  s.  f,  und  solche  Abstrakta  cnstammen  meistens  der  hd.  Gemein- 
sprache (vgl.  noch  mnd.  beteringe  und  nnd.  bätaruyk  Besserung). 
Das  mnd.  -inge  ist  nur  noch  erhalten  in  dem  Ausdruck  näi  tlriyy 
(mnd.  üdinge)  Neuigkeiten,  wörtlich:  neue  Zeitungen.    Vgl.  auch  §  121. 

Anm.     Hd.  -unge  muss   zur  Zeit   der  Entlehnung   schon  sein  e  verloren 
gehabt  haben:  -unge  hätte  uy  ergeben  (§  283,  d). 


IV.     Die  Behandlung  der  Komposita. 

§  120.  Das  zweite,  minder  betonte  Glied  zeigt  sich  vielfach 
abgeschwächt,  und  zwar  as.  föt  >  ft  in  häift  barfuss;  bür  >  vd  in 
nävä  Nachbar  (as.  näbUr) ;  as.  sahs  >  sas  >  ses  >  s  in  7nets  Messer 
(as.  *metisahs,  mezas  =  Speisemesser) ;  as.  gumo  >  game  >  jdm  in 
Mjäm  Bräutigam  (s.  115,  5);  as.  skö  >  .§  in  hanän  Handschuhe 
(as.  handskö ;  der  mnd.  Plur.  hantsche  ist  offenbar  als  ein  schw.  Masc. 
Sing,  aufgefasst  worden  und  dazu  ein  neuer  Plur.  han^n  gebildet 
worden,  der  nun  auch  als  Sing,  gebraucht  wird;  schon  im  Mbr. 
findet  sich  handschen,  hanzschen^  s.  Graupe  S.  25);  as.  del  >  -dl  in 
fodl  Vorteil,  drüdl  Dritteil  u.  s.  f. ;  as.  vil  >  vi  in  vövl  wieviel,  zövl 
soviel   (daneben  betont  vöfkl^  zöfhl);    as.    skepil  >  sbl  in    visbl   (mnd. 

9* 


m 

mchschepet)  Wispel;  mnd.  möd  >  mt  in  vörmt  m.  Wermut  (mnd.  wer- 
mode^  wormede,  wormde)\  mnd.  -sate^  sete  >  sd  in  kotsd^  kosd  (§  7,  Ib) 
Kossät  (mnd.  kotsete;  doch  vgl.  §  406);  as.  -haht  für  -haft  >  xt  in  ext 
echt  (as.  *ekaht  für  ehaft  rechtmässig) ;  as.  beri  Beere  >  bd  (statt  beä) 
in  kdsbdn  Kirschen,  in  WPri  durchaus  verdrängt  durch  das  hd.  kirs^ 
in  OPri  noch  bekannt. 

Anm.  Hierher  gehören  auch  die  jetzt  veralteten  kö^j  swen^  Kuhhirte, 
Schweinehirte,  in  denen  -ä  dem  as.  hwdi  entspricht;  velt  Welt  (as.  werold,  mnd. 
we7itf  werlde)  ist  m.  E.  hd. ;  noch  Laureinberg  sagt  werreld). 

§  120  a.  Die  Beispiele  von  §  120  zeigen  schon,  dass  oft  auch 
das  betonte  erste  Glied  von  Zusammensetzungen  sich  nicht  laut- 
gesetzlich entwickelt  hat.  Besonders  erscheint  der  Vokal,  der  im  ein- 
fachen Worte  gedehnt  ist,  in  der  Zusammensetzung  nicht  selten  als 
kurz.  Bei  alten  Zusammensetzungen  wird  er  gar  nicht  gedehnt  worden 
sein;  die  Artikulationsstärke,  die  sonst  dem  einfachen  Worte  zu  teil 
wurde,  verteilte  sich  hier,  wo  es  galt,  mehrere  Worte  durch  die 
Artikulation  zu  einem  Lautgebilde  zusammenzufassen,  auf  beide  Glieder 
des  Wortes.  Bei  anderen  Zusammeosetzungen  mag  der  gelängte  Vokal 
wieder  verkürzt  worden  sein,  besonders,  wenn  er  in  der  Zusammen- 
setzung vor  Doppelkonsonant  zu  stehen  kam  (vgl.  §  228).  Dieselbe 
Erscheinung  findet  sich  in  anderen  Sprachen,  vgl.  z.  B.  ne.  mse  und 
wisdom,  house  und  husband^  moon  und  monday^  fore  und  forehead  u.  s.  f., 
hd.  hoch  und  Hochzeit,  Hoffahrt,  kühn  und  Konrad  u.  s.  f. 
Beispiele  aus  unserer  Ma.  sind:  spdrliyk  Sperling  (§  250);  ädrliyk 
Schierling  (§  252  und  Anm.);  furman,^  furvdrk  Fuhrmann,  Fuhrwerk 
(vgl.  §  259  und  233);  drütdin  (§  239)  13;  fdftdin,  fdftix  15,  50 
(§  232);  snufdouk  Taschentuch  (§  237);  hoxtU,  kropt^x  Hochzeit 
Kropzeug  (§  235);  kdsbdn  Kirschen  {kds  für  *kdfs  oder  ke9s  <  kerse); 
vö'vl,  zövl  wieviel,  soviel  {vö-,  zö-  für  vö^  zö)\  fodl  Vorteil;  förhbvt 
Wendacker  (§  97);  füredt  Feuerherd  (§  104),  der  alte  Herd  im 
sächsischen  Bauernhause ;  varäftix  wahrhaftig  (aber  vöd  wahr  §  257); 
hälpat^  hälväg  halbpart,  halbwegs  (hat  für  half)]  bäift  barfuss  {bäi 
für  böd  §  249);  vörmt  Wermut  u.  a. 

§  121.  Ableitungssilben,  die  aus  Substantiven  entstanden 
sind,  a)  -saft  Es  scheint,  als  ob  in  den  einzelnen  as.  Dialekten 
verschiedene  Ableitungen  der  Wz.  -skap  als  Bildungssilben  gedient 
haben:  1)  skaft^  z.  B.  hugiskaft^  2)  skepi^  z.  B.  ambahtskep%  3)  *skap 
(vgl.  ahd.  scaf^  an.  skap).  Im  Mnd.  und  Mbr.  gilt  -schap  oder  -schop 
(vgl.  Graupe  S.  11)  <  as.  *skap.  Daneben  findet  sich  vereinzelt  schon 
'Schaft,  z.  B.  in  ritterschaft.  Jetzt  ist  -schap,  schop  vollständig  durch 
das  hd.  -Schaft  verdrängt  worden,  z.  B.  früntsaft  Verwandtschaft, 
mansaft  Mannschaft,  nävdsaft  Nachbarschaft.  Nach  Nerger  §  155^ 
Anm.  1,  hat  -schop  in  Meckl.  bis  zu  Anfang  des  19.  Jahrh.  gegolten, 
in  Pom.  hat  man  es  noch  um  die  Mitte  des  Jahrh.  gehört,  vgl.  Höfers 
Zs.  für  die  Wissenschaft  der  Spr.  3,  379.  —  b)  hdit  und  kdit  (=  igheit). 
Auch  -hdit  scheint  mir  aus  dem  Hd.  zu  stammen  oder  doch  davon 
beeinflusst  zu  sein.     As.  -hed  hätte  als  «-Stamm  (s.  Holthausen,  As.  EL 


133 

§  304  und  306,  Anm.  2)  vielleicht  -häit  ergeben  können,  doch  wäre 
sicherlich  eher  heit  zu  erwarten  gewesen,  s.  §  82  nebst  Anm.  Das 
as.  'hed;  z.  B.  in  jugudherf,  heisst  im  Mnd.  -het  und  -heit  (s.  Vorbem. 
zu  §  81),  im  Mbr.  meistens  -heit.  Zur  Beurteilung  des  Verhältnisses 
von  -hdit  :  as.  -hed  wären  heranzuziehen  die  sicher  aus  dem  Hd. 
stammenden  arbäit^  dit  verglichen  mit  as.  arhed,  M.)  Beispiele: 
kraykhdit^  vö9hdit,  dumhdit  Krankheit,  Wahrheit,  Dummheit ;  renlixkäit, 
evixkdit  Reinlichkeit,  Ewigkeit. 

c)  -lix.  Auch  hier  ist  starker  Einfluss  des  Hd.  bemerkbar: 
As.  -llk,  mnd.  -llk,  -lik  (s.  Nerger  §  14,  Tümpel,  P.  B.  Beitr.  VII,  57) 
hätte  -lik  ergeben.  Aber  schon  in  mbr.  Urkunden  findet  sich  nicht 
selten  -lieh  für  -lik  (vgl.  Siewert,  Nd.  Jb.  29,  97,  Graupe  S.  35). 
Nach  Dietzens  Zeugnis  (Nd.  Jb.  20,  127)  hat  in  Meckl.  zu  Anfang 
des  19.  Jahrb.  auf  dem  Lande  noch  -lik  neben  -lieh  gegolten,  als  in 
den  Städten  -lieh  schon  durchgedrungen  war.  Das  Suffix  -ig  (§  119  a) 
mit  seiner  Aussprache  -ix  hat  sicherlich  zu  der  Suffixvertauschung 
beigetragen. 

d)  Ein.  ganz  anderes  Schicksal  als  die  Adjektivendung  -lik  hat 
die  substantivische  Bildesilbe  -ik  gehabt:  sie  ist  (über  ek)  >  äk  ge- 
worden. Beispiele:  härdk  (mnd.  hederik)  Hederich  (§  290),  pdrdk 
(mnd.  holstein.  peddik)  Mark  der  Bäume,  nidrdk  (mnd.  merredik, 
Gedike:  marredig)  Meerrettig.  Hierher  geliören  auch  der  Eigenname 
Bendk  <  Bendik  <  Benedietu^  und  das  vänäk  =  Enterich  der  Alt- 
mark, des  hannoverschen  Wendlandes  und  sonst  (vgl.  Danneil  S.  243 
und  Nd.  Korr.  6,  18  und  50),  wozu  das  wäykd  der  NPri  bei  Ausfall 
der  Mittelsilbe  nichts  als  eine  Weiterbildung  durch  -er  sein  wird 
(s.  §  406  ß). 

e)  Die  Ableitungssilben  -sam  und  -hdr  haben  sich  entwickelt, 
wie  wenn  sie  in  betonter  Silbe  gestanden  hätten;  sie  sind  zu  -zäni 
(§  184)  und  -höd  (§  249)  geworden,  wobei  ä  in  -zäm  auf  der  flek- 
tierten Form  oder  dem  Adv.  beruhen  muss.  —  Beispiele:  laykzäm 
(as.  langsamo  adv.  lang  andauernd)  langsam;  äpmböd  (mnd.  openhär) 
offenbar.  Ein  grosser  Teil  auch  der  hierher  gehörigen  Eigenschafts- 
wörter ist  sicherlich  aus  dem  Hd.  entlehnt,  wie  gehödzäm  gehorsam, 
arhäitzäm  arbeitsam,  gemeinzäm  gemeinsam,  oder  doch  aus  dem  Hd. 
übersetzt,  wie  spö9zäni  sparsam,  möyzäm  mühsam,  axthöd  achtbar, 
daykhöd  dankbar. 

C.     Die   Konsonanten. 
1.     Halbvokale,  /  und  r. 

As.  ;. 

§  122.  As.  j  ist  im  Anlaut  als  j  erhalten,  z.  B.  ja  ja,  jöä 
Jahr,  juyk  jupg,  jägd  Jäger,  jenzlt  (mbr.  gemiden)  jenseits. 

§  123.  Inlautendes  j  nach  Vokalen  ist  in  einem  Teile  der 
Pri  verloren  gegangen,  z.  B.  zäan  (as.  saian)  säen,  blöydn  (as.  hlöian) 


134 

blühen,  fröy  früh,  vgl.  §  7,  4  b  und  §  76.  Im  nördl.  Teil  der  OPri 
aber  sagt  man  zä^zpri  und  zä-r)y  hloi^dn  und  blo-y  (3.  P.  Sg.  Präs.  zaxtj 
bloxt)^  in  ganz  SPri  zäjdn,  blöjen,  fröt  (3.  P.  Sg.  Präs.  zä-it,  blo-it). 
Es  scheint  sich  hier  also  J  erhalten,  ja  in  einem  Teile  des  Gebietes 
zu  g  verdichtet  zu  haben.  Nun  finden  sich  aber  die  Formen  mit  j 
gerade  in  dem  Gebiet,  in  dem  jedes  g  >  j  geworden  ist.  Man  könnte 
also  versucht  sein  anzunehmen,  dass  auf  dem  ganzen  Gebiet  die 
Formen  einmal  zagen,  blogen  gelautet  hätten.  Man  braucht  übrigens 
nicht  unter  allen  Umständen  anzunehmen,  dass  in  dem  g  sich  altes  j 
wiederspiegele:  g  könnte  hiatustilgend  eingeschoben  sein;  es  könnte 
auch  nach  §  130  aus  w  entstanden  sein.  Allerdings  finden  sich  in 
der  älteren  Sprachperiode  Formen  wie  *zewen,  *blowen  kaum;  wohl 
aber  schon  in  mbr.  Urkunden  die  Formen  megen,  Mögen  (s.  Graupe  S.  36). 
§  124.  As.  z  nach  Konsonanten  ist  auf  dem  ganzen  Gebiete 
geschwunden,  auch  nach  r,  z.  B.  n^än  (as.  nerian  erretten)  nähren; 
med  f.  (as.  merie,  noch  mnd.  merie,  merje)  Stute. 

Anm.  ^,  s  •+•  Hiatus-i  in  Fremdwörtern  >  t§,  ^,  z.  B.  patsön  Portion, 
natsön  Nation,  akäön  Auktion,  komisön  Kommission,  profesön  Beruf,  vgl.  auch 
Kriäan  <  Christian,  nach  anderen  Konson.  >  jy  z.  B.  ^ö/;aw/ Proviant,  das 
zu  g  verhärtet  ist  in  zirfget  Serviette.  Zwischen  i  •+•  Hiatus -Vokal  wird 
zuweilen  j  eingeschoben,  z.  B.  spijbn  Spion,  das  >  g  geworden  ist  in  figdUn 
Violine  und  isigürip  <  tsigorigen  Cichorie  (§  143).  Ganz  geschwunden  ist 
Hiatus-t  in  kastän.  kristdn  Kastanien;  aus  n-  ist  -rix  geworden  in  materix 
Eiter  (vgl.  Heilig   §   104),  aus  li-  -iVx  in  phtkziVx  Petersilie. 

§  124  a.  Französ.  ±  wird  im  Anlaut  >  §,  z.  B.  sandarm,  sandäff 
Gendarm,  sanedn  genieren,  ^Q  (<  jus)  Sauce,  im  In-  und  Auslaut 
>    i^   z.  B.  pagät  Bagage,   rät  Wut  (Rage),   kräi  (<  courage)   Kraft. 

§  125.  In  der  ug.  Verbind.  Vok.  -f-  zi  (jj)  ist  n  als  i  erhalten 
und  hat  sich  mit  dem  voraufgehenden  Vokal  zu  einem  Diphthongen 
verbunden,  z.  B.  intwäi,  di  Ei;  mdi  Mai.  Über  Wörter  wie  frdi  frei, 
frdi9n  heiraten,  drei  drei  vgl.  §  243  ff. 


As.  tv. 

§  126.  Anlautendes  as.  w  -f-  Vok.  >  v,  z.  B.  viä  Wiese, 
vetn  wissen,  vdtd  Wasser,  vund  Wunder,  vditn  Weizen. 

Anm.  In  der  nw.  Pri  (§  7,  1  b)  heisst  durch  Assimilation  der  Wiesen- 
oder Heubaum  bhgböm  für  v^sböm  (§  188).  Einem  hd  b  entspricht  v  in  dem 
jetzt  veraltenden  v^än  Tante  (mnd.  iveseke,  Koseform  zu  wase  Base). 

§  127.  Anl.  as.  w  -f-  Kons.  >  v.  Es  existiert  nur  noch 
die  Verbindung  as.  wr,  Beispiele:  vriyy  (as.  üt-tvringan  aus- 
drücken) wringen;  (z'ik)  vrayy  (im  Ablaut  zum  vorigen,  vgl.  me. 
wranglen)  mit  einander  ringen,  sich  balgen;  (ümj-vriky  (vgl.  me. 
wrikken  hin  und  herdrehen);  «?mÄ  untauglich;  vraklix,  vrakln  wackelig, 
wackeln;  vrädn  dichter  Wasserdampf  vgl.  §  7,  1  b;  vrivln  (Iter.  zu 
mnd.  wrliven  reiben)  hin  und  herdrehen;  vrousn  (Etym.?)  schwer 
arbeiten;  vrU  m.  (mnd.  wrzt)  Baumstubben,  besonders  von  Ellernholz; 


135 

vrkgln,  vrkglix  (zu  as.  wrögian,  mnd.  wrögen  rügen,  schelten?  s.  §  92, 
Anm.  2)  tadelsüchtig,  scheltsüchtig  sein. 

Anm.  1.  In  vrat  f  Warze  für  *vart  ist  w-  durch  Umspringen  des  r 
entstanden;  in  ri^n  reissen  (as  terito/i),  rim  reiben  (mnd.  loriven)  ist  v  verloren 

gegangen  (vgl.  Manrmann  §  87  Anm.);  rts  Riese  (vgl.  as.  wrisi)  ist  hd.  (§  188 
Anm.   1.) 

Anm.  2.  As.  wl-  ist  >  l  geworden.  löym*rix  (vgl.  mnd.  wlöm  trübe, 
westfäl.  flaom,  Holthansen,  Soester  Ma.  §  156)  trübe  (von  Flüssigkeiten).  Noch 
Danneil  gibt  für  die  benachbarte  Altmark  flömrich  neben  lömrich  an. 

§  128.  Anl.  as.  Kons.  H-  w,  As.  htv  >  v^  z.  B.  vll  f.  (as. 
hmlä)  Weile,  roupm  (as.  hröpan)  rufen,  vat  (as.  htvat)  was,  vö  (as. 
hwö)  wie.  As.  kw,  tw,  dw,  sw  >  kw,  tw,  div,  sw  (s.  §  37),  z.  B. 
hces  f.  Druckschwiele,  twe  zwei,  dtviyy  zwingen,  swat  schwarz. 

Anm.  1.  In  hwösia,  dem  as.  Grundwort  für  houstn  Hasten,  muss  w 
schon  verstammt  sein,  bevor  h  verklangen  war;  xöyt  süss  heisst  wohl  schon 
im  As.  suoti  neben  swöti  (vgl.  Klage,  Paals  Gr.  I,  S.  378  and  Holthaasen, 
As.  El.  §  166). 

Anm.  2.  Kons.  (bes.  5)  -h  t^?  -h  e,  i  ist  mehrfach  >  Kons,  -f-  ü  ver- 
schmolzen: xül  f.  (mnd.  swelle,  sülle,  vgl.  ags.  syll,  ahd.  swelli)  Schwelle  (ich 
glaube  nicht,  dass  xül  mit  dem  lat.  solea  zu  verknüpfen  ist);  sülpin  (mnd. 
schülpen)  »ich  hin  und  herwerfen,  von  Flüssigkeiten  in  einem  Gefäss,  schweppen, 
das  von  einem  as.  *swelpian  kommen  muss  (vgl.  mnl.  swalpen  sich  hin  and 
herwerfen);  xüstk  Schwester  (mnd.  fast  allgemein  süster,  jetzt  veraltet,  doch 
weniger  in  Meckl.  als  in  der  Pri,  s.  Tümpel,  P.  B.  Beit.  VII,  66,  Graupe  S.  24, 
Siewert,  Nd.  Jb.  29,  S.  100,  Holthansen,  As.  El.  §  166,  Anm.  3;  ich  glaube, 
dass  das  heutige  swestk  durch  das  Hd.  wieder  eingeführt  ist);  tü^7i,  jetzt  zurück- 
weichend vor  tiüiän  zwischen  (mnd.  tuschen  und  seltener  twischen)^  aber  immer 
tü^  f.  schmaler  Gang  zwischen  zwei  Gebäuden.  Franck  erklärt  ZfdA  35,  385  f. 
auch  züs  sonst  <  *swis. 

Anm.    3.      Anlautendes  w  ist  geschwunden    in   nikSj    nist,   niät  nichts 

<  as.  nioiviht  (§  180,  Anm.  2).     Ähnlich  ist  w  <  hw  geschwunden  in  nän-ich 

<  mnd.    neme,   nergene   <   as.    ni   hwergin   nirgend,    vgl.    §    173  b    Anm.    1 
und  §  272. 

§  129.  Inlaut,  as.  tv  ist  nach  a  geschwunden,  z.  B.  klou 
Klaue  (§  73),  meistens  auch  nach  aUy  eii,  z.  B.  hown  hauen,  dröyon 
drohen,  tröy  Treue  (§§  95,  98,  105),  zuweilen  hier  aber  durch  g 
vertreten,  z    B.  klöy-y  (y  <  gen)  Knäuel,  s.  folg.  §. 

§  130.  As.  intervokales  w  ist  nach  dunklen  Vokalen  Häufig 
>  g  gewandelt,  wobei  dann  gen  >  -y  wird.  Neben  hotwn,  gnoion 
(Part.  Prät.  haut,  gtiout)  hauen,  nagen  hört  man  hou-y,  gnoti-y  (Part. 
Prät.  hougt,  gnougt),  neben  klöydn  (as.  kleuwin)  klöy-y  Knäuel  Garn; 
es  heisst  stets  zöygl  m.  (as.  *siuwila)  Pfrieme;  gröygl,  zik  gröygln 
(mnd.  gr&wel,  vgl.  grüwelik)  Gespensterfurcht,  sich  vor  Gespenstern 
fürchten;  mou-y  (mnd.  mouwe)  Ärmel  (nur  noch  wenig  gebräuchlich). 
Vgl.  noch  Pägl  (Eigenname)  <  Pagel  (so  schon  mnd.)  <  Pawel  <  Pa-ul 
und  die  alte  Aussprache  der  Stadt  Havelberg  als  Hagelberg.  Bei  rüx, 
flektiert  rü-y   rauh   (mnd.  rühj  as.  rügi  und  rüm  rauhes  Fell),   bei 


136 

zei-y  (as.  sännm,  vgl.  §  377)  sahen  und  vielleicht  auch  bei  t^-y  (mnd. 
tewe)  Zehe  ist  grammatischer  Wechsel  im  Spiele. 

Der  Wandel  von  w  >  g  ermöglicht  uns  die  Erklärung  der  merk- 
würdigen Form  hläx  blau  (as.  hlaoj  flekt.  hläwes,  mnd.  bldj  hläwe). 
Aus  einem  obliquen  Casus,  etwa  bläwan,  ist  hlägen  >  hlä-y  entstanden, 
und  hieraus  ist  ein  neuer  Nominativ  hläx  gezogen  worden,  der  sich 
zu  hlä-y  verhält  wie  tax  zähe  :  tä-y  zähen,  rüx  rauh  :  rü-y  rauh  oder 
wie  6§  Auge  :  ö-y  Augen.  Dieselbe  Entwickelung  ist  für  gräx  grau 
(as.  gräo  fahl)  in  der  alliterierenden  Verbindung  gris  un  gräx  an- 
zunehmen; sonst  heisst  grau  stets  grls, 

Anm.  1.  Der  Übergang  >  g  erklärt  sich  aus  dem  halbvokalischen 
Charakter  des  altgerno.  w.  Da  es  ein  konsonantisches  ü  war,  so  wurde  es  mit 
stark  zurückgezogener  Zunge  gesprochen,  und  so  konnte  leicht  daraus  der  Weich- 
gaumenlaut g  entstehen,  vgl.  Wilmanns,  Deutsche  Gr.  I^,  §  116.  In  Meckl.  ist 
dieses  g  <  w  noch  weiter  verbreitet  als  in  der  Pri;  es  heisEt  dort  immer  hou-^y 
rÜB  ruhen,  ^rü-B  trauen  (Pri:  trou*n).  —  Übrigens  ist  auch  einige  Male  g  >  v 
geworden,  s.  §  177. 

Anm.  2.  Über  as.  newan  ausser  >  m^n  nur  s.  §  292.  Erhalten  ist 
as.  intervokales  w  nur  in  evix  ewig. 

§  131.  Inlautendes  w  nach  Konsonanten  (l,  r)  wird,  soweit  es 
erhalten  ist,  wie  as.  b  behandelt;  es  wird,  wenn  es  durch  Apokope 
des  e  in  den  Auslaut  oder  durch  Apokope  des  e  vor  t  steht,  >  v; 
wen  >  m,  Erhalten  ist  es  nur  in  gäfm  (as.  gerwian  bereiten)  gerben; 
fäfm  (mnd.  verwen)  färben;  swalm  Schwalben;  swalv  Schwalbe;  fäH 
Farbe;  näfv  Narbe;  fäfvty  gdfvt  färbt,  gerbt;  dfvt  (as.  "^erwit,  mt; 
mnd.  erwete,  erte)  Erbse  (vgl.  §  210  ff.). 

Anm.  Inlautendes  nachkonsonantisches  w  >  f  in  en-ßk  (mbr.  engever) 
Ingwer  und  jeiß,-en  ein  jeder,  dessen  ersten  Bestandteil  ich  zu  mhd.  ieiweder 
stelle  (§  108);  Z5t?  Löwe  ist  hd.  (§  98,  Anm.  2),  vgl.  bräfhra.Y.  In  afkät  Advokat 
hat  Präfixvertauschung  mit  der  nd.  Vorsilbe  af-  stattgefunden. 

In   allen  übrigen  Fällen  ist  inlautendes  w  durch  Ausgleich  mit 

'  Formen  mit  auslautendem  w  oder  mit  Formen,  wo  früher  w  vor  o,  u 

stand  (Holthausen,  As.  El.  §  164),  geschwunden;  schon  narv  hat  nöä 

(§  213)  neben  sich;   die   jiw.  Pri  sagt   statt  swalv  swMk  Schwalbe  < 

mnd.  swaleke,  Demin.  zu  as.  swala. 

§  132.  Auslautendes  w  ist  überall  geschwunden,  nachdem  es 
schon  im  As.  >  o  geyorden  war,  z.  B.  ze  See,  sne  Schnee,  mal  (as. 
7nelo)  Mehl,  87neä  (as.  smero)  Schmiere,  göd  (as.  garo)  gar.  Näheres 
s.  §  210  f. 

As.  mnd.  /. 

§  133.  As.  l  ist  in  der  Regel  in  allen  Stellungen  erhalten, 
z.  B.  löpm  laufen,  zolt  Salz,  halky  Balken,  zal  soll,  äl  Aal. 

As.  II  >  l,  z.  B.  ml  Wille,  stal  Stall,  auch  wo  es  aus  Id-  (§  283  a) 
entstanden  ist,  z.  B.  ölän  (as.  eldiron)  Eltern. 

:  Mnd.  len  >  In,  z.  B.  spöyln  spülen,  faln  fallen. 


137 

§  134.  /ist  ausgefallen  in  as  (mnd.  ah^  seltener  a$)  als,  wie; 
zast  (schon  mnd.  schast)  sollst,  züst  solltest;  vist  willst,  vost  wolltest; 
zak^  vik^  zük^  vok,  Satzdoppelformen  zu  zal  ik,  vil  ik^  zül  ik^  vol  ik 
soll  ich,  will  ich,  sollte  ich,  wollte  ich;  vek  (mbr.  welk  <  as.  htvilik 
irgend  einer)  einige,  vekd  welcher  (Fragew.  und  Relat.);  in  unbetonter 
Silbe  in  tsufdrüt  selbdritt;  durch  Dissimilation  in   Vildm  Wilhelm. 

l  ist  eingeschoben  in  plump  f.  Pumpe,  wohl  in  Anlehnung  an 
plumps  plumps;  Meckl.  sagt  pump. 

Anm.  1.  l  >  n  (durch  Dissimil.)  io  knüpl  (mnd.  klüppel)  EDÜppel. 
Neben  klisdek  Elystier  ist  krisdek  gebräuchlich  (schon  mnd.). 

Anm.  2.     Für  -Is  hört  man  -Its  sprechen,   z.  B.   halts   neben  hals  Hals. 

As.  mnd.  r. 

§  135.  As.  r  ist  auf  dem  Lande  durchweg  als  Zungen-r  (vgl. 
§  40)  erhalten  im  Anlaut  und  im  Inlaut  zwischen  Vokalen,  in  letzterem 
Falle  unter  Entwicklung  eines  Gleitvokals  (q)  vor  sich,  wenn  r  nach 
dem  Hauptton  steht,  z.  B.  rext  recht,  njÄr-Ring,  röt  rot,  bre-y  bringen, 
treky  ziehen ;  Mari  Marie ;  zlrup  Syrup ;  kör€dn  kurieren ;  leard  Lehrer ; 
he9rif)k  Häring. 

As.  rr  >  r,  z.  B.  karn  karren;  nar  Narr;  geäir  Geschirr,  an- 
sirn  aufzäumen;  irn  (as.  irrian,  mnd.  irren,  erren)  irren;  virix  ver- 
worren; purn  stochern;  iwrp  schurren;  gnurn  (im  Ablaut  zu  mnd. 
gnarren  knurren)  knurren;  slurn  mit  loser  Fussbekleidung  nachlässig 
gehen;  snurn  (mnd.  swwrren  ein  schnarrendes  Geräusch  machen) 
schnurren,  dann  betteln,  snurd  Bettler,  weil  er  auswendig  gelernte 
Worte  herleiert. 

Anm.  1.  Nach  a  nähert  sich  r  dem  abgeschwächten  f,  wobei  a  halblang 
wird,  s.  den  folg.  §;  es  heisst  meistens  kkr  Karre,  und  immer  gmin  knarren, 
hüziny  kwkrix  quarren,  quengein  (von  Kindern). 

Anm.  2.  Walther  erklärt  Nd.  Jb.  1 9,  23  .mnd.  narre  für  oberdeutsch  = 
mnd.  geckj  dor ;  irn  heisst  im  Mnd.  oft,  im  Mmeckl.  wohl  immer  e/rren,  und  schon 
im  As.  begegnet  errislo  Irrtum;  geHr  anäirn  sind  erst  in  nnd.  Zeit  belegt. 
Aber  i  und  u  gehen  immer  parallel,  und  da  u  vor  rr  als  u  erhalten  ist,  so  ist 
es  mir  wahrscheinlich,  dass  auch  i  sich  als  i  erhalten  hat;  ich  möchte  namentlich 
irn  und  anäirn  nicht  für  hd.  halten. 

0  o 

§  136.  r  vor  Konsonant  nach  Vokal  hat  ein  verschiedenes 
Schicksal. 

a)  Vor  Lippen-  und  Gaumenlauten  wird  es  in  der  Regel  >  f, 
und  zwar  ist  der  Grad  der  Abschwächung  abhängig  von  den  um- 
gebenden Lauten.  Dabei  besteht  nun  eine  Wechselbeziehung  zwischen 
r  und  dem  voraufgehenden  kurzen  Vokal:  je  unvollkommener  der 
r-Laut  gebildet  wird,  desto  länger  wird  der  Vokal.  Kurz  bleiben  o 
und  ö,  und  nach  ihnen  wird  r  auch  fast  ganz  wie  anlaut.  r  gesprochen, 
z.  B.  bork  Rinde,  barx  kastrierter  Eber,  storrn  Sturm,  dörp  Dorf; 
etwas  mehr,  aber  im  ganzen  doch  nur  schwach  reduziert  ist  r  vor  m, 
z.  B.  arm  arm,   wo   man  zur  Not   schon  arm  schreiben  könnte.     In 


138 

allen  übrigen  Fällen  tritt  zweifellos  f  ein  und  damit  Längung  des 
voraufgehenden  kurzen  Vokals  (am  meisten  wohl  vor  ^•),  z.  B.  äarp 
scharf,  fafv  Farbe,  äfvt  Erbse,  vdfk  Tyßrk,   hdfk  Birke,   hafk  Harke. 

Anm.  r  bleibt  in  Lehnwörtern  aus  dem  Hd.,  z.  B.  hirä  Hirsch,  ß,rs 
Vers,  virt  Wirt. 

b)  Vor  ursprünglich  stimmhaften  Zahnlauten  verklingt  r  >  rf,  ^, 
ein  voraufgehender  kurzer  Vokal  wird  lang,  z.  B.  föät  (as.  fard)  Fahrt, 
böäs  (mnd.  bars)  Barsch,  pedt  Pferd,  ed  Erde,  tuedn  Zwirn,  vödt  Wort, 
ked,  oft  k^dl  (§  162)  Kerl. 

Die  unbetonten  Endsilben  -eren^  -ern  und  -ren  werden  gleich- 
massig  >  dn,  z.  B.  stdmdn  (mnd.  stameren)  stottern;  nüxddnnüchtern; 
fodn  (mnd.  form)  fahren,  köredn  kurieren. 

c)  Vor  ursprünglich  stimmlosen  Zahnlauten  {t  =  hd.  z^  s,  st^  sk) 
ist  r  (z.  T.  schon  im  Mnd.)  spurlos  verschwunden  (vgl^  §  262),  z.  B. 
swat  (as.  swart)  schwarz;  dwas  in  fddwäs  (mnd.  dwars,  dwass)  verquer; 
hää  (mnd.  barsk^  bask)  barsch,  stark  von  Geschmack,  z.  B.  baän  päpä 
spanischer  Pfeffer ;  spatin  (mnd.  spartelen)  zappeln ;  pat  (mnd.  part  < 
lat.  partem)  Teil,  z.  B.  in  ik  föä  mm  pat  ich  für  meinen  Teil;  inatln 
in  zik  äfmatln  sich  abquälen  (mnd.  martelen  <  griech.-lat.  martyriiiyn; 
auch  im  Ahd.  Mhd.  findet  sich  die  Form  mit  l:  martala,  martel  neben 
martara^  marter) ;  bostn  (as.  brostan)  geborsten ;  sosten  (mnd.  schorsten^ 
schosten^  vgl.  an.  skorsteinn)  Schornstein;  föst  f.  (mnd.  vorste  f.,  vorst 
m.)  First;  bost  Borste  —  Riss;  bost  Brust;  kot  kurz;  döst  Durst. 

Anm.  Hierzu  kommen  noch  eine  Reihe  Fremdwörter:  diiln  Artillerie; 
kwatei  Quartier;  äatek  Scharteke;  «aneä  Scharnier;  tdtSi  (<  Tartare)  Zigeuner; 
KaHn  Karoline;  potl.mdi)k  (<  appartement)  Abtritt.  Auch  in  velt  (as.  werold, 
mnd.  wei'lt)  wäre  das  r  ausgefallen;  doch  ist  das  Wort  wohl  aus  dem  Hd.  neu 
entlehnt  —  Durch  Dissimilation  ist  das  erste  r  gefallen  iu  födkn  <  hd. 
fordern  (das  nd.  Wort  heisst  /oräw,  §  292)  und  wohl  auch  in  födlst  vorderste; 
die  mnd.  Form  heisst  vorderst  (vgl.  §  344  Anm.  2).  Über  /brf/ Vorteil  s.  §  120  a. 
—  In  dem  Lehnwort  mars  Marsch  ist  r  erhalten. 

§  137.  As.  r  in  altem  oder  jungem  Auslaut  (d.  h.  nach  Apokope 
des  End-e)  >  ä^  z.  B.  göd  gar,  bed  f.  Beere;  sp^d  Speer;  ^d  (as.  iraj 
iro)  ihr;  död  n.  (as.  dor)  Thor;  föd  (mnd.  vore)  Furche;  fod  (as.  furi 
und  fora)  vor,  für;  höd  Haar;  ed  f.  (as.  erd)  Ehre;  ätd  schier;  snöd 
Schnur;  öd  Ohr;  büd  (as.  bür)  Bauer. 

Die  Flexions-  oder  Bildungssilbe  -er  ist  >  d  geworden,  z.  B. 
doxdd  Tochter;  kdlvd  Kälber;  grötd  grösser. 

Anm.  -er  >  a  fängt  erst  östlich  von  der  Pri  an;  darnach  ist  Bremer, 
Beiträge  zur  Geographie  der  dtsch.  Maa.  S.   169  f.  zu  berichtigen. 

End-r  scheint  geschwunden  in  da  neben  död  (as.  thäTy  thar) 
und  vö  (as.  hwärj  hwar)  wo.  Doch  sind  beide  vielleicht  hd.;  bei  vö 
mag  auch  Vermischung  mit  vö  wie  stattgefunden  haben  (vgl.  §  71, 
Anm.  1).  Bei  vokalischem  Anlaut  des  folgenden  Wortes  bleibt  r 
immer  erhalten,  z.  B.  dödrüm,  darum,  vörüm  warum;  vgl.  auch  die 
Satzdoppelform  vörd  wo  er,  wie  er. 


139 

§  138.  r  >  /  in  kvlix  übrig,  durch  Dissimilation  in  balbsdn 
(schon  mnd.  halberen  neben  barheren)  barbieren,  marmlsUn  oder 
murmlsten  Klickerkugel,  wörtlich  Marmorstein,  und  durch  Assimilation 
in  Superlativen  wie  födlst  vorderste,  bhnlst  oberste,  s.  §  344  Anm.  2. 

Über  Umstellung  des  r  vgl.  §  279;  zum  ganzen  Abschnitt  vgl. 
§  248  ff. 


2.     Nasale. 

As.    mnd.    m, 

§  139.  As.  m  ist  im  Anlaut,  im  Inlaut  und  im  Auslaut  nach 
betontem  Vokal  erhalten,  z.  B.  mäan  mähen,  mäkff  machen,  mes 
Mist;  hämä  Hammer,  löynwrix  trübe,  vörmä  Würmer,  damp  Dampf, 
hloum  Blume,  tarn  zahm,  vorm  Wurm. 

As.  mm  >  m,  z.  B.  swem  (m  <  men),  auch  wo  es  nach  §  282 
aus  -mh-  entstanden  ist,  z.  B.  lam,  lämd  Lamm,  Lämmer. 

Über  m  vgl.  §  293,  294. 

Anm.  Schon  von  Alters  her  ist  m  (oder  n)  vor  f  ausgefallen  in  ßf 
(as.  ßf)  fünf,  xaxt  (as.  sÄfto  Adv.,  mnd.  xaxt,  §  229)  sacht,  sauff. 

§  140.     As.  mnd.  m  nach  unbetontem  Vokal  >  w   in  be^n  m. 

fj  o  •  o 

(as.  besmOj  mbr.  besmen)  Besen;  born  m.  (as.  boäam,  mnd.  bodem(e), 
boden)  Boden;  brasn  m.  (mnd.  brassem)  Brachsen;  färn  m.  (as,  fadm^s 
beide  ausgestreckte  Arme,  mnd.  vadem^  mbr.  vademes,  vedm^en;  vgl. 
engl,  fathom)  Faden  (als  Mass),  Faden  (Garn);  bvzn  m.  (as.  bösom, 
mnd.  bösem)  Busen.  Vgl.  auch  bün  (as.  biiimy  biuri)  bin,  bi  lütn  bei 
kleinem  und  das  dem  Hd.  entlehnte  ätn  Atem. 

o 

Anm.  Das  m  in  torm  (neben  tofn)  Tnrm  (mbr.  tom,  selten  tcrrm)  erklärt 
sich  dnrch  Einflass  des  Hd.  (s.  §  265),  das  m  in  twölm  (neben  twölv)  dnrch 
Anlehnung  an  elm  <  as.  ellehan,  das  m  in  xülm  selbst  aas  den  obliqnen  Casus 
des  as.  se^o,  wie  z.  B.  selhun,  mnd.  sehen, 

§  141.  As.  mnd.  n  ist  im  Anlaut,  im  Inlaut  und  im  Auslaut 
nach  betonten  und  unbetonten  Vokalen  erhalten,  z.  B.  nap  Napf,  ;?&§ 
Nase,  knast  Knorren  (an  Bäumen),  snüt  Schnauze,  houn  Huhn,  doun 
tun,  sfotn  stossen,  katn  Katzen,  stvatn  schwarzen. 

nn  >  rij  z.  B.  zun  Sonne,  in  der  Regel  auch,  wo  es  aus  -nrf- 
entstanden  ist  (§  283  ß),  z.  B.  kinä  Kinder. 

über  n  vgl.  §§  8,  293,  294. 

Anm.  1.  n  ist  ans  dem  Accnsativ  des  Artikels  an  das  Hauptwort  getreten 
in  nöKs  (as.  ars)  anns  (vgl.  nämt  für  gunämt  guten  Abend),  es  ist  abgefallen 
in  arä  (as.  nkdraj  mnd.  nadder  und  adder)  Natter.  Ob  in  emäl  einmal  n  aus- 
gefallen ist  (§  120  a),  oder  ob  Assimilation  von  nm  >  mm  >  m  stattgefunden 
hat,  ist  nicht  sicher. 

Anm.  2.  n  >  m  unter  hd.  Einfluss  in  torm  für  torn  Turm,  vgl. 
§  255  Anm. 


140 

§  142.  Von  dem  alten  Schwund  des  n  vor  s  und  ]>  unter 
Ersatzdehnung  (Holthauscn,  As.  El.  §  191)  ist  in  unserer  Ma.  nur 
ein  Beispiel  erhalten:  im  westl.  Teil  der  Pri  heisst  Gans,  Gänse: 
gous,  göy^j  göSj  ^8s  (as.  "^gös,  mnd   gös). 

Anna.  1.  Der  östl.  Teil  der  Pri  sagt  nach  §  7,  5  gans,  g^hs;  jans, 
jIlüs.  Uns,  unser  heisst  auf  dem  ganzen  Gebiet  unSj  uns;  ^s  ist  schon  im 
Mbr.  selten,  vgl.  Tümpel,  Nd.  Stnd.  S.  96  ff.,  Siewert,  Nd.  Jb.  29,  101. 

Anm.  2.  Ob  xüs  sonst  aus  einem  westgerm.  *swis  (§  128  Anm.  2) 
entstanden  oder  aus  as.  sics  so  mit  unorganischem  Umlaut  zu  erklären  ist  (vgl. 
Holthausen,  P.  B.  Beitr.  XIII,  367),  oder  ob  es  unter  Abfall  des  t  (§  155)  auf 
mnd.  sust  beruht  und  dieses  für  sunst  seht,  ist  schwer  zu  entscheiden;  auch 
im  Mittelhochdeutschen  existiert  die  n-lose  Form  sttst  neben  sunst.  Eher  könnte 
man  sich  fragen,  ob  brüSn  begehren  (von  der  Sau),  Meckl.,  Vorpom.  brüzn 
(soweit  nicht  bikn  gesagt  wird)  nicht  zu  einem  bruns  Brunst  zu  stellen  wäre, 
das  Walther  im  Mnd.  Handwörterbuch  anfühft,  allerdings  mit  einem  ?  versehen. 
Vielleicht  reicht  aber  das  Zw.  brüsen  zur  Erklärung  aus,  das  ten  Doomkaat 
Eoolman  auch  in  der  Bedeutung  ,sich  bauschen,  schwellen^  anführt.  Und  wie 
steht  es  mit  l^s-tap  d.  1.  die  grosse  Wagenrunge,  die  auf  die  Hinterradschrauben 
des  Erntewagens  gesteckt  wird  und  über  das  Bad  hinweg  bis  an  den  oberen 
Querbalken  der  langen  Leitern  reicht,  um  diese  zu  stützen?  Früher  gebrauchte 
man  als  Halt  für  das  Rad  den  Achsnagel,  lüfis  (mnd.  lünse,  WiSse,  as.  lunis 
und  lun).  Sollte  Instar)  als  Ifas-stange  zu  deuten  sein,  also  von  dieser  lünse 
den  Namen  haben?  Ich  habe  mir  aus  der  Rostocker  Gegend  lünstäkt;  notiert. 
Freilich,  in  Wettbewerb  tritt  das  mhd.  liuhse  Leuchse  (s.  Kluge,  Wb.),  das  im 
Mnd.  I^sse  heissen  müsste  (§  167). 

Von  dem  Schwund  des  n  vor  J?  (vgl.  as.  ßdan  finden,  hrip  Rind,  niüd 
Mund,  ä^ar,  ö^ar  ander)  ist  in  unserer  Mundart  keine  Spur  mehr  vorhanden, 
es  sei  denn,  dass  ärkkoudn,  ,wiederkäuen^  das  ich  §  71  zu  mnd.  hder  in 
der  Bedeutung  ,Eiuge  weide'  gestellt  habe,  als  ,and  er  käuen'  zu  deuten  wäre: 
äri.  würde   genau   äd«^  entsprechen. 

§  143.  n  vor  p  >  m,  z.  B.  zämp  Senf,  hämp  Hanf  (noch  im 
16.  Jhdt.  finden  sich  sennep^  hennep). 

In  der  Endung  -en  erhält  sich  n  unverändert  nur  nach  Vokalen 
und  in  den  Verbindungen  -ren  und  -len,  die  sich  als  -an  und  In  dar- 
stellen, z.  B.  mäan  mähen,  foän  fahren,  faln  fallen.  In  allen  übrigen 
Fällen  wird  n  silbisch.  Dabei  bleibt  es  alveolar  nur  nach  den  Zahn- 
lauten und  den  stimmlosen  Reibelauten  s,  /*,  x^  ä,  z.  B.  fätn  fassen, 
rtrn  reiten,  ßn  finden,  brän  brennen,  flesn  flächsern,  äafn  schaffen, 
laxn  lachen,  maän  Maschen.  Nach  den  Lippenlauten  (ausser  f)  entsteht 
m,  und  zwar  wird  -pen  >  -pm^  -ben  (§  147)  >  m,  as.  -bew,  mnd.  -ven 
>  -m,  -men  >  -m,  z.  B.  löpm  laufen,  srzm  schreiben,  am  Ofen,  ämt 
Abend,  kern  kämmen.  Nach  den  Gaumenlauten  (ausser  x)  endlich 
wandelt  sich  n  >  silbischem  y,  und  zwar  -ken  >  -ky^  -gen  >  -y^  z.  B. 
kouky  Kuchen,  vä-y  Wagen,  wagen,  liyy  liegen,  düxtiyy  tüchtigen. 

Anm.  1.  Über  -ir'n  <  -ven  {äriirn  schreiben),  -<j*w,  -fn  <  -gen  {hrWn^ 
krlj^n  gekriegt)  in  der  südl.  Pri  vgl.  §  7,  3  a. 

Anm,  2.  Auffallend  ist  n  für  n  in  d^n  den  (as.  thena^  thana^  mnd.  den). 
Ich  vermute,  dass  der  Akkus,  des  unbestimmten  Geschlechtswortes  en  einen  und 
xön  =  so  ein,  solch  (§  354)  eingewirkt  haben. 


141 

Anm.  3.  In  der  Bildungssilbe  -enefi  (§  114,  3)  geht  die  Endung  en 
verloren,  z.  T.  schon  im  Mnd.,  z.  B.  rMp  rechnen,  aber  tSkkr^t  rechnet,  wofür 
manche  auch  rMnt  sprechen.  Nicht  zu  dieser  Gruppe  gehört  dr^-p  trocknen, 
dessen  3.  P.  S.  Präs.  dr^xi  =  trocknet  lantet. 

Anm.  4.  Die  Vorsilbe  un-  wird  za  um  vor  Lippenlauten,  zu  up  vor 
Gaumenlauten,   z.  B.  umbekani  unbekannt,   upgevis  ungewiss,   upklouk  unklug. 

Anm.  5.  Über  die  Gruppe  Mr  Kette  <  mnd.  kedene  s.  §  114,  1  Anm.  1 
und  §  337,  über  vUi  neben  v^tn^  hou^t  neben  housin  §  334,  2. 

§  144.  n  ist  eingeschoben  in  alns  alles  (schon  im  Mnd.  findet 
sich  wie  im  Mnl.  allent  neben  allet;  das  nd.  t  ist  durch  das  hd.  s 
verdrängt  worden);  ferner  in  einer  Reihe  von  Fremdwörtern  (vgl. 
Bernhardt,  Nd.  Jb.  20,  5),  z.  B.  ptufntsdi^n  prophezeien,  fiznteän 
visitieren,  ruynBdn  ruinieren,  spiykuUdn  spekulieren,  wahrscheinlich 
auch  in  munstd  Muster,  munstdn  mustern,  das  wohl  eher  auf  hd. 
muster  <  it.  mostra  als  direkt  auf  dem  lat.  Grund worte  monstrare 
beruht. 

Anm.  Kurz  hingewiesen  soll  noch  werden  auf  die  vielen  nasalierten 
Formen,  die  sich  neben  den  unnasalierten  in  derselben  Ma.  oder  im  Hd.  finden, 
vgl.  slupk  Speiseröhre  :  slükp  schlucken,  strupk  :  sti'ük  Strauch,  strepk  :  strikt 
ßür/k  Flügel  :  hd.  flüggSf  suykln  :  hd.  schaukeln^  luyk  Lücke,  Öffnung  :  Ijücke 
od  lük,  hümpl  :  höp  Haufe,  timpm  :  Zipfel,  splintk-nM  :  splitternackt,  lün- 
sthn  ausspionieren  zu  as.  kitist  Lauschen  u.  s.  f. 

As.  mnd.  y  in  wi,  ng. 

§  145.  As.  mnd.  y  (der  Gaumen-Nasal)  ist  in  allen  Stellungen 
erhalten,  z.  B.  juyk  jung,  layk  lank,  lay  lange,  ziyy  singen,  eyl  Engel, 
peniyk  Pfennig.  Neu  erwachsen  ist  y  im  Auslaut  <  ken,  gen,  z.  B. 
zaky  sinken,  vä-y  Wagen,  7'äky  rechnen  (s.  §  143),  in  uy-  für  un- 
(§  143,  Anm  3),  und  in  Lehnwörtern  mit  Nasal  aus  dem  Französ., 
z.  B.  potdmayk  (<  appartement)  Abtritt. 

Anm.     n  war  schon  im  As.  gefallen  in  honeg^  Honig  Honig,  jetzt  hanix; 
König  ist  hd.  Lehnwort. 


3.     Verschluss-  und  Reibelaute, 
a.     Lippenlaute. 

As.  mnd.  p. 

§  146.  p  ist  in  allen  Stellungen  erhalten;  vor  betontem  Vokal, 
vor  l  und  r  und  im  Auslaut  ist  es  stark  aspiriert  (§  19),  z.  B.  pot 
Topf,  pip  Pfeife,  plöyy  pflügen,  preistd  Prediger,  äejyd  Schäfer,  helpm 
helfen,  gript  greift,  slöpt  schläft,  up  auf. 

pp  >  p^  z.  B.  nap  Napf,  apl  Apfel,  klopm  klopfen. 

Anm.  1.  p  >  f  in  köft  kauft,  kaufte,  gekauft,  von  Ä^öpm,  und  döft  tauft, 
taufte,  getauft  (von  d^m),  das  aher  zu   veralten   heginnt  und  der  Neubildung 


142 

d^t  Platz  macht.  Das  Praet.  und  Partip.  Praet.  lautete  schon  im  Mnd.  kÖflCy 
köfty  die  3.  Pers.  Praes.  aber  k^t  oder  klypt  (s.  Graupe  S.  23,  Nerger  §  59); 
das  Partiz.  ferköft  findet  sich  schon  im  As.  Vgl.  noch  §§  116  und  118.  — 
In  aftek  Apotheke  hat  Praefixvertauschnng  mit  af-  stattgefunden. 

A  n  m.  2.  Zwischen  m  und  t  schiebt  sich  in  der  Aussprache  leicht  p  ein ; 
wird  dann  bei  nachlässiger  Aussprache  t  nicht  artikuliert,  so  entstehen  Formen 
wie  hei  nimp^  kümp  er  nimmt,  kommt;  vgl.  mützämps  samt  §  416. 

Anm.  3.  /?  ist  schon  seit  alter  Zeit  ausgefallen  in  isalm  (mbr.  salm)  Psalm; 
durch  Angleichung,  wie  es  scheint,  an  mm  Gestänge  (§  88)  auch  in  strö-vlm 
für  strö-wlpm  (mnd.  wipe)  Strohwisch.  Steht  stuml  Stummel  für  stumpl  <  stump 
stumpf? 

Anm.  4.  p  >  b  in  einer  Reihe  von  Lehn-  und  Fremdwörtern,  z.  6. 
bei  (mnd.  feere,  aber  mnl.  pere^  ags.  peru  <  lat.  pira)  Birne ;  bunt  ( <  vlat. 
puncius  gefleckt?)  bunt;  Z^röfteän  {».her prouv  Probe)  probieren;  büri  Porree  u.  a. 

Über  b  >  p  in  Fremdwörtern  s.  §   147  Anm. 
Über  /•  =  hd.  /•  <  |)  s.  §  153. 


As.  mnd.  b, 

§  147.  Der  stimmhafte  Verschlusslaut  b  kam  im  As.  nur  im 
Anlaut,  nach  m  und  in  der  Gemination  (bb  <  hj)  vor:  er  ist  jetzt 
nur  noch  im  Anlaut  erhalten,  z.  B.  bttn  beissen,  buk  Bauch,  breif 
Brief,  bläx  blau. 

Anm.  In  entlehnten  Wörtern  findet  sich  zuweilen  p  für  b  (vgl.  §  146, 
Anm.  4);  so  in  pukl  Kücken,  dass  sich  noch  nicht  im  Mnd.  findet,  pik}  Picke), 
pamkrot  (Meckl.  paiiki)  bankerott;  tslpoln  (mbr.  xibollen)  Zwiebeln. 

Über  as.  -mb-  >  m,  das  aus  dem  Inlaut  auch  in  den  Auslaut 
tritt,  z.  B.  larrij  Idmä  (as.  lamb)  Lamm,  Lämmer,  vgl.  §  282. 

As.  mnd.  -bb-  wird  in  der  Regel  >  v,  das  sich  in  den  Auslaut 
tretend  weiter  >  v,  f  entwickelt.  Beispiele:  kriv,  krif  (as.  kribbia) 
Krippe,  riv,  rif  (as.  ribbi,  mbr.  ribbe)  Rippe,  hef  (as.  hebbiu,  mbr. 
hebbe)  habe,  duvlt  doppelt,  sruvä  Handscheuerbesen  (§  60  Anm.  2). 
Hierher  gehören  zahlreiche  Iterativbildungen,  wie  gravln  (mnd. 
grabbelen)  mit  den  Fingern  hin  und  hergreifen,  zavln  (mnd.  sabben) 
geifern,  kavln  (mnd.  kabbelen)  sich  zanken,  vrivln  (mnd.  *tvribbelen, 
zu  as.  wrihan  reiben)  einen  Faden  aufdrehen;  drivln  (mnd.  *dribbelen, 
zu  as.  drihan  treiben)  in  einem  fort  zum  Aufbruch  treiben,  bliivdn 
(mnd.  blubberen)  u.  s.  f.     Vgl.  §  114,  3. 

Mnd.  -bben  wird  wie  mnd.  -ven  <  as.  -hen  >  m,  z.  B.  krim 
Krippen,  rim  Rippen,  kern  haben  (vgl.  §§  7,  2  c,  176  und  289). 

Anm.  1.  In  einem  grossen  Teil  der  Pri  ist  bb  im  Aaslaut  >  p  geworden, 
z.  B.  krip,  rip,  ik  kep  (§  7,  2  c). 

Anm.  2.  Auffällig  ist  p  in  tupm  Zuber;  nach  mnd.  tubbe  (vgl.  me. 
tuhbe,  nl.  iobbe)  müsste  man  tum  erwarten. 


143 


As.  b,  mnd.  v, 

§  148.  As.  h  (schon  häufig  v  geschrieben),  mnd.  v  >  v.  Es 
steht,  wie  im  As.,  nur  im  Inlaut  zwischen  Vokal,  nach  l  und  r  und 
vor  l  (<  el),  z.  B.  lävix  lebendig,  klvit  (mnd.  klvif)  Kiebitz,  bävdn 
beben,  hävä  Hafer,  Sivä  über,  mvd  Weiber,  kvl  Übel,  zülvä  (as.  siluhar) 
Silber,  kälvd  Kälber. 

I?  <  as.  b  ist  verhältnismässig  selten  geworden,  einerseits  dadurch, 
dass  die  so  häufige  Endung  as.  -hen,  mnd.  -ven  >  m  geworden  ist 
(§  143),  z.  B.  häm  (as.  hehan)  Himmel,  läm  (as.  lohon)  loben,  stSm 
(mnd.  stoven)  stauben,  dorm  dürfen,  ämt  (as.  ahand,  mnd.  avend) 
Abend;  anderseits  dadurch,  dass  durch  den  Schwund  des  End-e 
(§  117)  mnd.  v  vielfach  in  den  Auslaut  getreten  und  durch  Verlust 
des  Stimmtons  >  v  geworden  ist  (§  44).  —  Über  v^n  <  mnd.  -ven  im 
südl.  Teil  der  Pri  vgl.  §  7,  3  a. 

Anm.  h  (statt  v)  zwischen  Vokalen,  nach  r,  l  and  vor  l  ist  durchaus 
ein  Kennzeichen  von  Lehnwörtern,  z.  B.  obkst  Oberst,  tsovM,  Zauber,  röyhk 
Räuber,  hrobhkn  probieren,  balbein  barbieren,  blbl  Bibel,  ßbl  Fibel,  xMl  Säbel, 
jübl  Jubel,  irübl  Trnbel,  oktöbk  Oktober.  In  solchen  Fällen  liegt  es  dem 
Niederdeutschen  nahe,  für  b  sein  v  einzuführen,  so  dass  man  anch  röyv^,  xävl 
hört.  In  ähnlicher  Weise  ist  schon  im  As.  lat.  scribere  >  skrihan  (jetzt  Mm), 
diaholus  >  diuhal  (jetzt  d^vl)  geworden.  Ist  doch  sogar  das  b  von  as.  bnr 
zu  V  gewandelt  in  der  alten  Zusammensetznng  nävk  <  nähvLr  Nachbar.  So  weist 
denn  auch  das  b  in  arbkit,  arbkiin  durchaus  auf  Entlehnung  aus  dem  Hoch- 
deutschen. Vgl.  auch  §  82  Anm.  und  §  168  Anm.  3.  Anders  Maurmann, 
§  104  Anm. 

rn  <  mnd.  -ven  hat  Anlass  zu  einigen  fehlerhaften  Neubildungen 
gegeben:  zu  bäm  oben  (as.  biöban)  ist  ein  neuer  Superlativ  bhmlst 
für  bhvlst  gebildet  worden,  zu  stöm  stauben  heisst  die  3.  P.  Sg.  Präs. 
häufiger  stomt  als  stövt,  und  nach  der  Analogie  von  lim  :  lim  leimen, 
Leim  ist  ein  neues  Hauptwort  stöm  Staub  entstanden,  das  neben 
stof  gebraucht  wird. 

§  149.  In  ursprünglichem  Auslaut,  auch  Silbenauslaut,  erscheint 
b;  wie  schon  im  As.,  als  f,  z.  B.  af  ab,  döf  taub,  t?f/'Weib,  graf  (as. 
graf)  Grab,  grdfnits  Begräbnis,  gif  gib,  half  halb. 

Bei  alter  Synkope  (§  118,  a)  erscheint  as.  b  auch  vor  den 
Endungen  st,  t  als  f,  z.  B.  gif  st,  giß  gibst,  gibt;  drifst,  drift  treibst, 
treibt;  äüfst,  süft  schiebst,  schiebt.  In  jungem  Auslaut  nach  Apokope 
dasEnd-e  und  bei  junger  Synkope  des  e  (§  118,  b)  erscheint  as.  b  als 
stimmlose  Lenis,  d.  i.  i),  z.  B.  düv  Taube,  glov  Glaube,  l^v  lobe, 
ik  suv  ich  schiebe,  haFv  halbe;  ISii^st,  Isivt  lebst,  lebt,  drvt  erbt,  &,vt 
Obst,  kra,vt  Krebs.     Vgl.  §  44  und  §  174. 

Anm.  1.  Darnach  erweist  sich  als  hd.:  op  ob  (as.  ef  of  mnd.  of),  aber 
auch  gräf  Graf,  s.  §  71. 

Anm.  2.  gafl  hölzerne  Strohgabel  verdankt  sein  f  den  Casus,  wo  f  im 
Silbenauslaut,  d.  h.  unmittelbar  vor  /  stand,  vgl.  as.  gaflie  Gabel,  Oxf.  Gloss. 
und  Holthausen,  As.  El.  222  Anm.  1. 


144 

Anm.  3.  /"  <  b  ist  ausgefallen  in  hSi^t,  hki  hast,  hat  (mnd.  hefst, 
heft;  schon  mbr.  häufig  hesty  het)\  ferner  in  Znsammensetznngen  wie  kd^t 
halbpart,  halvl.^  halbwegs  (§  120  a),  oft  auch  in  äribouk  Schreibbach,  und  im 
Satzzusammenhänge  in  Formen  wie  gimi  gib  mir;  vgl.  §§  298,  299. 

Anm.  4.  f,  v  >  v,  wenn  es  im  Satzzusammenhänge  in  den  Inlaut  tritt, 
z.  B.  dörvik  darf  ich,  btivik  bleibe  ich,  givim  gib  ihm.  Vgl.  raf  und  die 
Weiterbildung  ravii,  herab  (§  111),  ferner  §  298. 

§  150.  As.  mnd.  f  >  f-  Es  findet  sich  seit  Alters  nur  im  An- 
und  Auslaut,  z.  B.  ftf  5,  fout  Fuss,  flas  Flachs,  fränt  Freund,  stif 
steif,  hof  Hof,  vulf  Wolf.  Ebenso  im  Silben  aus  laut,  z.  B.  tivtfi, 
twifln  (as.  twlflon)  Zweifel,  zweifeln. 

§  151.  Silben  an  lautendes  f  in  stimmhafter  Umgebung  war 
schon  im  As.  stimmhaft  geworden  und  ist  v  geblieben,  ist  aber 
neuerdings  bei  Ab-  und  Ausfall  von  Endungs-e  >  v  geworden,  d.  h. 
hat  den  Stimmton  eingebüsst,  z.  B.  hKv  Höfe,  vülv  Wölfe.  Nach 
§  7,  3  a  ist  -ven  in  NPri  >  m  geworden:  am  (mnd.  oven)  Ofen. 

Anm.  1.  Das  v  in  fw  5  (vor  Hauptwörtern)  neben  ßf  und  iwölv  12 
erklärt  sich  aus  den  as.  Pluralen  fibi,  twelihi.  Neben  kdrv  (mnd  Jcerve)  Kerbe 
findet  sich  in  gewissen  Verbindungen  kdr. 

Anm.  2.  Fremdes  f  in  stimmhafter  Umgebung  wird  häufig  >  v,  z.  B. 
kuvSit  <  frz.  coffre,  tüvl  Kartoffel,  Pantoffel  (§  112),  wofür  man  zuweilen  tüfl 
hört,  wie  tkvl  neben  tS^fl.  Vgl.  auch  vövl,  xövl  wieviel,  soviel  (§  120)  und 
ävkn,  wenn  es  aus  dem  Hd.  stammt  und  nicht  unmittelbar  auf  frz.  livrer 
zurückgeht. 

-fl,  'fn  nach  langem  Vokal  weist  immer  auf  Entlehnung  aus 
dem  Hochdeutschen,  z.  B.  sträfn  strafen,  gräfn  Grafen,  täß  Tafel. 
Inlautendes /"  nach  kurzem  Vokal  kann  alt  sein;  es  geht  dann  auf /f 
zurück,  z.  B.  knufn  knuffen,  pufn  puffen,  blafn  bellen,  mußx  1.  modrig, 
2.  verdrossen. 

Germ,  f  und  germ.  b  im  In-  und  Auslaut  sind  also  in  unserer 
Ma.  (wie  überhaupt  im  Nd.)  zusammengefallen. 

§  152.  Die  Verbindung  -ft  ist  schon  im  As.  nicht  selten  zu 
ht  =  cht  übergegangen. 

Im  Mnd.  findet  sich  in  derselben  Ma.  (so  auch  im  Meckl.  und 
Mbr.,  vgl.  Nerger  S.  60,  Graupe  S.  29)  dasselbe  Wort  mit  -ft  und  -cht, 
für  cht  wird  auch  ft  geschrieben,  und  ft  und  cht  reimen.  In  unserer 
Ma.  finden  sich  von  -cht  <  -ft  folgende  Spuren:  axtd  (as.  aftar,  ahter) 
hinter  (vgl.  §  7,  2  d);  dazu  ztk  fd-dxtdn  (§  51,  2  b)  sich  erholen;  ütluxtn 
auslüften,  während  liixt  (mnd.  luht)  Luft  nur  noch  von  allerältesten 
Leuten  für  luft  gebraucht  wird;  zßxt  (as.  säfto,  mnd.  sacht)  sachte; 
zixtn  sieben;  saxt  (mnd  Schacht)  1.  Quadratrute  2.  Schaft  in  stävUaxt 
Stiefelschaft.  3.  (Meckl.)  Stock  zum  Schlagen,  Tracht  Schläge.  Gehört 
dazu  äaxtlhalm?  Der  volkstümliche  Name  ist  katn-stedt  Katzensterz, 
für  den  verpönten  Wiesenschachtelhalm  düvut,  dessen  mnd.  Form 
düvenwocke  heisst,  s.  Grimm,  Dt.  Wb.  unter  Duwock. 


145 

§  153.  ^^'  pft  f  {<  P)  >  f  (pf)  in  einer  Reihe  von  Lehnwörtern, 
z.  B.  fant  Pfand,  ßixt  (neben  plixt)  Pflicht,  fifäliyk  Pfifferling,  trumf 
Trumpf,  kemfn  (mnd.  kempen)  kämpfen,  äöpfd  Schöpfer;  hofn  (mbr. 
hapen)  hoffen,  äafn  (schon  mbr.  schaffen  neben  scheppen^  schappen)^ 
rextäafn  (mbr.  rechtschapen)^  zaft  (mnd.  sap)  Saft,  grif  Griff  (dazu 
grifl  Griffel?),  slöyf  Schleife.  Über  die  Ableitungssilbe  hd.  saft  für 
nd.  schap,  schop  s.  §  121a.  Mehr  medizinisch  sagt  man  kremf^  imfn 
Krämpfe,  impfen,  mehr  volkstümlich  kramp,  impm 

Anm.  1.  Auffällig  ist  das  /*in  steifbrourkj  steißrk  Stiefbruder,  Stiefvater 
u.  s.  w.  Schon  das  Mnd.  sagt  regelmässig  stefj  das  Mnl.  stief;  nur  das  Engl, 
und  das  Fries,  haben  p  bewahrt  (vgl  ags.  steop-sunu).  Möglicherweise  hat  sich 
zuerst  im  as.  ^stiopfader  p  &n  f  assimiliert,  und  die  f-  Form  ist  dann  auf  die 
anderen  Verbindungen  übertragen  worden;  so  schon  Walther,  Nd.  Jb.  I,  50. 

Anm.  2.  f  ist  eingeschoben  in  den  beiden  Lehnwörtern  tsimft  Zimmet, 
%amft  Sammet. 

b.     Zahnlaute. 

As.  mnd.  t, 

§  154.  As.  mnd.  t  ist  in  der  Regel  im  An-,  In-  und  Auslaut 
erhalten,  z.  B.  tU  Zeit,  twe  2,  treky  ziehen,  f^dtix  40,  lätn  lassen,  üt 
aus,  holt  Holz. 

Anm.  1.  Nach  langem  Vokal  iu  stimmhafter  Umgebung,  vor  allem  vor 
l,  auch  nach  Beibelauten  wird  inlautendes  t  vielfach  zu  stimmlosem  d,  d.  h.  mit 
geringerem  Luftdruck  gebildet  als  sonst,  z.  B.  UMl.  besser,  doxdk  Tochter,  slkdl 
Schlüssel. 

Anm.  2.  t  >  d  in  Fremdwörtern  wie  madräts  Matratze,  kard^U  Kar- 
tätsche, Pferdestriegel. 

As.  tt  >  L  z.  B.  kat  Katze,  zun  sitzen. 

As.  t^  tt  -\-  t  >  t  in  der  Verbalflexion  bei  alter  Synkope,  d.  h. 
in  der  3.  P.  S.  Präs.  und  bei  schwachen  Ztw.  der  Klasse  I  b  (lang- 
silbige  der  ^a- Klasse)  auch  im  Präterit.  und  im  Partiz.  Prät.,  z.  B. 
geitn  —  gilt  giessen  —  giesst,  zitn  —  zit  sitzen  —  sitzt,  stotn  —  stöt 
stossen  —  stösst,  gestossen,  böytn  —  bot  böten  (besprechen)  —  bötet, 
gebötet. 

Bei  jüngerer  Synkope  aber,  d.  h.  bei  den  übrigen  schwachen 
Ztw.,  entsteht  aus  as.  t,  tt  -{'  t  ein  t,  welches  mit  stärkerem  Luft- 
druck und  Muskeldruck  abgesetzt  als  eingesetzt  wird  (Bremer,  Dtsch. 
Phonetik,  §  53  ff.  §  93  ff.).  Die  Dauer  der  Verschlussstellung  ist 
daher  naturgemäss  grösser  als  beim  einfachen  End-^,  der  nach- 
strömende Lufthauch  viel  stärker.  Ich  bezeichne  dieses  t  mit  ift. 
Beispiele :  zetn  —  zeft  setzen  —  setzt,  setzte,  gesetzt ;  swetn  —  sweft 
schwitzen  —  schwitzt,  schwitzte,  geschwitzt. 

Anm.  1.  Dieses  ft  finden  sich  natürlich  auch  im  Plur.  Prät.,  z.  B. 
zeftn.  swet'tn  setzten,  schwitzten. 

Anm.  2.  st^  xt  -^  t  >  sty  xt^  z.  B.  trZsin  —  trZst  trösten,  tröstet, 
getröstet,  paxtn  —  paxi  pachten  —  pachtet,  gepachtet. 

Niederdenteches  Jahrbnoh  XXXI.  10 


146 

§  155.  t  fällt  aus  in  -xt  -f-  st,  z.  B.  du  paxst  du  pachtest, 
lixst  leichteste  zu  lixt  leicht.  —  t  ist  abgefallen  in  is  ist  (schon  as. 
häufig  is  neben  ist) ;  in  nix  nicht  (schon  mnd.  mbr.  nicht  selten  nich 
für  nicht,  vgl.  Tümpel,  Ndd.  Stud.  S.  60  ff.);  in  niks,  der  in  NPri 
gebräuchlichen  Form  für  nichts  (in  der  s.  Form  nist  und  der  ö.  Form 
niM  ist  t  erhalten);  in  züs  <  mnd  sms,  wenn  dieses  für  sust  <  *stmst 
stehen  sollte  (§  142,  Anm.  2);  in  Satzdoppelformen  wie  7nük  <  müt 
ik  muss  ich,  vek  <  vet  ik  weiss  ich  (vgl.  §  298);  häufig  in  mäfk  für 
markt  Mark.  Es  scheint  auch  ausgefallen  in  nkln  trödeln:  das 
Bremer  Wb  verzeichnet  neteln,  nöteln,  und  das  gleichbedeutende  nl. 
neulen  wird  zu  mnl.  neutelen  gestellt. 

Anm.  Nach  Vokal  vor  st  ist  t  seit  alters  in  best  beste  geschwunden. 
In  mbr.  Urkunden  heisst  es  meistens  auch  teste,  groste  letzte,  grösste  (vgl. 
Graupe  S.  31);  heutzutage  sagt  man  nur  letst,  grötst,  wie  auch  vetst  weisst, 
wofür  Meckl.  veist  sagt. 

§  156.  t  ist,  schon  im  Mnd.,  angetreten  in  der  2.  P.  Sg.  Präs. 
und  Prät.,  z.  B.  gifst,  geivst  gibst,  gabst  (§  257,  Anm.  1.);  dann  an 
einzelne  Wörter,  besonders  solche,  die  schon  auf  einen  Zahnlaut 
endigten,  z.  B.  dedt  n.  (schon  mnd.  der  und  dert)  Untier  (vielleicht 
unter  Einfluss  des  mnd.  KoUektivums  derte  n.  Getier);  mödt  (mnd, 
mar)  in  mödt-drüky  Alpdrücken,  vgl.  §  420;  änäthalf  anderhalb;  mln- 
väyt  neben  mlnväy  meinetwegen,  förixt  vorige.  Bei  mänt  Mond  (neben 
man  §  71  Anm.),  kämt  Hemd  (neben  hdm)  ist  das  t  wohl  durch 
Einfluss  der  entsprechenden  hd.  Wörter  (§  71)  angetreten.  Vgl.  auch 
ktivdt  neben  kuvä  <  frz.  coffre  Koffer  und  das  hd.  entslt  einzeln. 

Anm.  1.  In  püstn  =  mhd.  phüsen  und  knüst  =  hd.  Knaus  scheinen 
mir  «^-Bildungen  vorzuliegen. 

Anm.  2.  Zwischen  s  und  r  vor  dem  Tone  ist  die  Aussprache  durch  t 
erleichtert  in  kastrol  <  frz.  casserolle. 

Anm.  3.  In  nMt  (mnd.  vereinzelt  niet),  der  prädikativen  Form  zu  nAi 
neu  könnte  man  eine  merkwürdige  Spur  der  im  Mnd.  noch  seltenen,  jetzt 
namentlich  in  Westfalen  (vgl.  Behaghel,  Pauls  Gr.  I,  S.  771)  häufigeren  Endung 
-et  im  Nom.  Akk.  Sgl.  Neutr.  sehen  wollen.  Ich  meine  allerdings  eher,  dass  / 
angetreten  ist  in  Anlehnung  an  olt  alt,  mit  dem  es  so  häufig  im  Gegensatz  steht. 

Anm.  4.  Über  die  Verbalsubstantive  auf  entj  z.  B.  d§it  Wmt  das  Leben 
vgl.  §  356. 

Anm.  5.  In  störkm  stürzen  (mnd.  störten)  scheint  mir  Dissimilation  des 
zweiten  i  >  k  vorzuliegen. 

Anm.  6.     Über  t  <  germ.  d  in  Lehnwörtern  aus  dem  Hd.  s.  §  163. 

Anm.  7.  Zahlreich  sind  die  Lehnwörter  aus  dem  Hd.,  in  denen  für  nd. 
t  das  hd.  tZj  ss^  s  als  is,  s  erscheint.  Dabei  ist  zu  bemerken,  dass  der  Prig- 
nitzer  eine  gewisse  Schwierigkeit  hat,  ts  im  Anlaut  zu  sprechen,  und  dass  viele 
im  Anlaut  und  im  Inlaut  nach  Konsonanten  dafür  ^  sprechen,  a)  im  Anlaut: 
ts^gj  tsik  (schon  mnd.  sege)  Ziege;  tsü^n  (schon  mnd.  siren)  zieren;  tsit^i 
(schon  mnd.  sitteren)  zittern,  tsitkn  un  tsäm  zittern  und  zagen;  tsif  (schon 
mnd.  sibb)  weibliches  Kaninchen;  tsax  (schon  mnd.  sage)  zaghaft;  alt  sind  auch 
wohl   fUs^xt  verzagt   und   tsex  Zeche,    vgl.   mnl.   vertsagen,   sech\    —    tsüvk^ 


147 

tsanhi  Zank,  zanken;  tsorn  Zorn  (aber  fU^hi  erzürnen);  tsihi  zielen  (mnd. 
tUen)\  tsipm  zupfen  (in  den  Haaren);  tsapln  zappeln;  tsoubk,  tsoub^n  Zauber, 
zaubern;  tskitunk  Zeitung;  tsimlix  ziemlich  (Meckl.  ßimlix)\  {t)swek,  {t)swek- 
mlsix  zweckmässig;  tsümftix  zünftig,  an  seiner  Stelle;  tsuxt,  untsuxt  Zucht, 
Unzucht  (im  moralischen  Sinne,  sonst  toxt)\  ütseru^k  Auszehruug;  irüxtsopm 
zurückzucken;  tsäi  Zahl  (aber  betäln  bezahlen,  Meckl.  auch  ial))  tsux  (Meckl. 
iox)  Eisenbahnzug.  —  b)  Im  Inlaut:  reitsn  reizen  (bes.  im  Kartenspiel),  nutsn 
nütslix  Nutzen,  nützen,  nützlich;  x^fsyi  seufzen;  axsix  80  (für  axtix)\  esix 
Essig  (as.  etik);  m'Sisix  massig;  entslt  (mnd.  entelen)  einzeln.  —  c)  Im  Auslaut: 
ganiSj  genslix  (schon  mnd.  gantXj  genxlichy  genxliken)  ganz,  gänzlich;  xats^ 
afxatSj  bezats  Satz,  Absatz,  Besatz;  spits  spitz;  blits  Blitz;  vits  Witz;  slits 
Schlitz;  rits  Bitze;  rots  Rotz;  klots  Klotz,  irots  Trotz;  stolts  stolz  (als  Ei- 
genname noch  Stolt)]  filis  Geizhals;  geäüts  Geschütz;  gevürts  Gewürz;  gezets 
Qesetz;  änoutsböit  Schnurrbart;  nets  neben  net  Netz;  kreis  (schon  mnd.  kreis 
neben  kreit) ;  IiaSy  hasUf  heslix  Haas,  hassen,  hässlich ;  ris  Riss ;  löSj  los  Loss ; 
strüs  Strauss  (Blumen);  gr^s  Gruss  (von  Kohlen,  Torf,  Steinen);  aus  Schuss; 
flus  Fluss  (bes.  als  Krankheit) ;  spis  Spiess ;  §los  Schloss  (als  Gebäude) ;  fräs,  fresn 
Frass,  fressen  (verächtlich,  sonst  fr^t7i)\  hornis  (mnd.  hörnte)  Hornisse;  afsUsn 
abschätzen;  b^sn  büssen;  gi^syi  grüssen;  dU  is  kein  mus  das  ist  kein  Muss. 
Meistens  sagt  man  auch  grösmvdk  Grossmutter.  Aus  s  ist  s  geworden  in  dem 
alten  Lehnwort  .körbs  (mnd.  körbiize  <  ahd.  kurbi"^  <  lat.  (mcurbita,  vgl.  ags. 
cvjrfet  und  §  271). 

Mnd.  d. 

§  157.  Schon  zu  Beginn  der  mittleren  Periode  war  as.  J?,  d 
>  d  geworden:  mnd.  d  vertritt  also  as.  rf,  d,  )?,  d.  i.  hd.  t  und  d, 
Mnd.  d  hat  sich  nur  im  Anlaut  erhalten,  z.  B.  del  Teil,  doun  tun, 
drinky  trinken;  denky  denken,  diyk  Ding,  drei  drei.  Abweichend  vom 
Westen  des  nd.  Gebietes  (vgl.  u.  a.  Maurmann  §  111,  Holthausen, 
Soester  Ma.  §  163)  ist  auch  as.  pw-  >  dw  geworden,  z.  B.  dwirjy  (as. 
\mngan)  zwingen,  dweä  (as.  ]>werh)  quer,  dwas  in  fädwas  (mnd. 
dicars)  verdreht,  dwel  f.  (mnd.  dwele  Handtuch)  Tischtuch  (§  7,  2  d), 
dwat§  verdreht. 

§  158.  Mnd.  d  im  Inlaut  ist  zwischen  Vokalen,  ausgenommen 
vor  /  <  el,  im  nördl.  Teile  der  WPri  zu  einem  r-Laute  geworden,  hat 
sich  in  einem  angrenzenden  schmalen  Gürtel  der  WPri  und  in  der 
nördl.  Hälfte  der  OPri  als  d  erhalten,  und  erscheint  im  südl.  Teile 
der  gesamten  Pri  als  ein  j'-Laut  (Näheres  §  7,  2  a  und  Anm.  1  u.  2). 
Boberow,  das  im  r-Gebiete  liegt,  bietet  folgende  Formen:  brourä 
Bruder,  snirä  Schneider,  blärä  Blätter,  dörix  tot,  frär  Friede,  vir 
Weide,  bror  Brote,  rör  rote,  snifn  schneiden,  fäfn  Faden,  lyräfn 
Braten.  Vor  n  wird  der  r-Laut  also  reduziert,  wie  f,  gesprochen. 
Vor  /  ist  d  erhalten  geblieben,  z.  B.  nädl  Nadel,  rädl  Kornrade, 
kMl  Kotstück,  edlman  Edelmann  (vgl.  Holthausen,  Soester  Ma.  §  166). 

Anm.  1.  Der  auf  Trägheit  in  der  Lautbildung  beruhende  Wandel  von 
^  >  r  ist  entschieden  jüngeren  Datums  und  sicherlich  jünger  als  die  Vertretung 
des  intervokalen  d  durch  j.     Nach  meiner  Wahrnehmung  ist  gerade  die  Pri  und 

10* 


148 

der  angrenzende  Strich  von  Meckl.  hinsichtlich  der  Schärfe  der  Artikulation  am 
weitesten  nach  r  vorgeschritten  (vgl.  z.  B.  Nerger  §  193,  Gilow,  Leitfaden  znr 
plattdeutschen  Sprache,  Anclam  1868  S.  32-37).  Zu  derselhen  Zeit,  wo 
Bratring  für  die  südl.  Altmark  schon  meistens  y /"^j  für  intervokales  c^  schreibt, 
schreiben  Hindenberg  und  Gedike  d\  ersterer  schreibt  hede  Heede,  mäc^e 
Made,  letzterer  hrüde  Bräute,  lüde  Leute,  ryden  reiten.  Das  ist  allerdings  nicht 
beweiskräftig,  da  heide  ihre  hd.  Orthographie  auf  das  Nd.  übertrageu  haben: 
Hindenberg  schreibt  z.  B.  auch  Naber  Nachbar,  mit  hochdeutschem  h.  Aber 
bei  beloben  gibt  er  an,  es  werde  belöwen  ausgesprochen.  Sollte  er,  der  gerne 
auf  Unterschiede  zwischen  seiner  mittelmärkischen  Heimat  und  der  Pri  achtet, 
nicht  auch  ein  r  für  d  bemerkt  und  hervorgehoben  haben? 

Anderseits  ist  zu  bedenken,  dass  in  Wörtern  wie  /rar  (mnd.  vrede)  Friede, 
wir  Weide  (mnd.  w\de)  d  sich  schon  nach  r  hin  bewegt  haben  muss,  als  End-e 
noch  bestand:  nach  Schwund  des  End-e  in  den  Auslaut  geratendes  d  wäre 
einfach  t  geworden  (§  161);  überhaupt  ist  der  Lautwandel  von  d  >  r  eben  an 
intervokales  d  gebunden.  Nun  haben  wir  aber  §  117  Anm.  1  gesehen,  dass 
End-ß  höchstwahrscheinlich  im  Laufe  des  18.  Jh.  verstummt  ist.  Nicht  lange 
vorher  wird  sich  ein  r-haltiger  Laut  für  d  eingestellt  haben.  Das  älteste 
Zeugnis  für  den  Ühergang  von  d  >  r  ist  das  von  Dietz,  abgedruckt  im  Nd. 
Jb.  20,  125.  127.  Darnach  war  für  gewisse  Teile  von  Meckl.  dieser  Übergang 
zu  Anfang  des  19.  Jh.  schon  vollzogen. 

Man  beachte  auch,  dass  r  für  d  immer  nach  langem  Vokale  steht:  da 
eben  nur  intervokales  d  in  Frage  kommt,  so  stand  der  vorhergehende  Vokal  in 
offener  Silbe  und  musste  gelängt  werden  (§  183  ff.).  In  Wörtern  wie  Zärä  Leder, 
Ikrich  leer  müssen  wir  von  einem  jüngeren  dd  ausgehen  (§  159). 

Anm.  2.  In  dem  r-  und  c?-Gehiete  gibt  es  zwei  merkwürdige  Wörter, 
die  ausgefallenes  d  und  auch  Spuren  seines  Vertreters  j  zeigen:  Ikvn  (as. 
ledian)  und  spr^i'^n  (mnd.  spreden)  s.  §  82,  b.  Man  könnte  im  Hinblick  auf 
verschieden  sprachige  Ansiedler  denken,  dass  bei  diesen  beiden  Wörtern  eine 
andersartige  Ausgleichung  stattgefunden  habe:  dann  müsste  man  aber  des  Schwund 
des  intervokalen  d  sehr  früh  ansetzen.  Mir  scheint  wahrscheinlicher,  dass  diese 
Formen  vom  Süden  her  eingewandert  sind. 

Anm.  3.  Erhaltung  des  6^  zwischen  Vokalen  deutet  auf  hochdeutsche 
Entlehnung,  so  in  r^dix  ungezogen,  gnMix  gnädig.  Hochdeutscher  Einfluss  muss 
auch  vorliegen  in  mudk  Mutter  (für  *m(?wrä,  vgl.  broura,  Bruder),  fadi  (neben 
färSi)  Vater.  Sicher  hd.  ist  fedk  Vetter;  das  schon  etwas  altertümliche  /era 
hezeichnet  jeden  männlichen  Verwandten.  Halbhochdeutsch  ist  auch  twet  zweite. 
—  Aus  dem  Hd.  stammen  natürlich  auch  die  Wörter  mit  t  =  as.  d,  d,  z.  B. 
äain  Schatten  (as.  skado),  arbkitn  (mnd.  arbeiden)  arbeiten,  ätn  Atem,  beglAiin 
begleiten,  äkitl  Scheitel,  betin  betteln,  sm7ä  Schnitter,  sütln  schütteln.  —  Sehr 
auffällig  ist  t  statt  r  in  stxitn  (schon  mnd.  stüte,  vgl.  &ber  ne.  stiid)  Eoggen- 
weissbrot,  und  in  rxit,  Mz.  rütn  Fensterraute. 

'  ^  o 

Anm.  4.  hnt  Kreide  stammt  vom  lat  creta;  roman.  creda^  das  Grund- 
wort zum  hd.  Kreide,  hätte  krir  ergeben,  wie  rom.  seda  xlr  Seide.  jEfti^  heute 
{h^t  auch  im  ^-Gebiete)  kann  nicht  auf  as.  hiudu,  mnd.  hüde  beruhen,  das  Mr 
ergeben  hätte.  Ich  vermute  Beeinflussung  durch  das  mhd.  hiute,  und  bemerke, 
dass  sich  schon  im  Mnd.  hüte  findet.  Für  zlt  Seite  ist  nicht  mnd.  sidCj  sondern 
die  Nebenform  slt  f.  als  Grundwort  anzusetzen. 

A  n  m.  5.  Weggefallen  ist  inlautendes  d  in  gunmöm  guten  Morgen. 
gundäx  guten  Tag,   und  in  i/%   in  Verbindungen  wie   liebest  allerbeste,   das  ich 


149 

ZU  mnd.  idel  lauter,  unvermischt  stellen  möchte  (eine  andere  Erklärung  s.  bei 
Holtbausen,  Soester  Ma.  §  115).  Zu  erwähnen  ist  noch,  das  r  <  d  oft  nicht 
mehr  gehört  wird  in  bki  beide  (neben  b^Ltr)  und  in  zö  drä  as  (neben  %ö  drär  as) 
sobald  als.  Über  den  Ausfall  der  Mittelsiibe  -de-  in  Wörtern  wie  br^jkm 
Bräntigam  s.  §  115,  5. 

§  159.  Mnd  dd  >  r.  Man  muss  unterscheiden  a)  altes,  schon 
as.  dd  {<  dj)^  z.  B.  ver  f.  (as.  weddi  n.  Pfand)  Wette;  her  (as.  beddi) 
Bett  (vgl  §  318  Anm.);  mir  f.  (as.  middi  n.  und  middia  f.)  Mitte; 
hirn  (as.  biddian)  bitten;  rern  (mnd.  redden)  retten;  pern  (mnd.  pedden) 
treten;  torn  (mnd.  *todden,  s.  §  59)  streuen  von  Körnern  und  Nadeln; 
süni  (as.  skuddian)  schütten,  schütteln;  dazu  äürkopm  mit  dem  Kopfe 
schütteln;  vgl.  auch  här  hatte  <  mnd.  hadde  und  kldrn  schlecht 
schreiben  (Kladde),  b)  jüngeres  mnd.  ddj  das  sich  gebildet  hat  nach 
kurzem  Vokal  in  solchen  Wörtern,  in  denen  in  einer  bestimmten  Zeit 
kurzer  und  langer  Vokal  innerhalb  der  Flexion  abwechseln  mussten, 
in  denen  aber  der  kurze  Vokal  durch  Ausgleich  den  Sieg  davon 
getragen  hat,  z.  B.  bom  Boden,  Idrä  (mnd.  ledder),  lärix  (mnd.  leddig) 
leer.     Vgl.  7,  2  c  und  §  222. 

Vor  /  <  el  ist  natürlich  auch  hier  (§  158)  d  erhalten,  z.  B. 
edlman  (mnd.  eddel)  Edelmann.  Vgl.  auch  Iterativbildungen  wie 
hrudln  unordentlich  machen,  tiidln  zerstreut  sein,  tudlix  zerstreut. 
-md-  >  mm  >  m,  z.  B.  häm  Hemde  s.  §  283  y.  -^i^-  >  ^^^  >  ^; 
z.  B.  kind  Kinder,  ptin  Pfunde,  s.  §  283  ß  -Id-  >  II  >  l,  z.  B.  ölä 
älter,  kül  Kälte,  s.  §  283  a.  -rrf-  >  r,  das  in  jungem  Auslaut  noch 
zu  ä  wird,  z.  B.  färix  fertig,  peä  Pferde,  s.  §  284. 

§  160.  As.  d;  d  -f-  id  in  der  3.  P.  Präs.  Sing,  ist  in  starken 
Ztwn.  und  bei  den  schwachen  der  Klasse  I  b  >  ^  geworden,  z.  B. 
snit  schneidet,  büt  bietet  (as.  biodan),  hat  hütet  (as.  hödian)\  bei  den 
übrigen  schwachen  Verben  >  rt^  z.  B.  rärt  redet.  Dieses  r  dringt 
durch  Ausgleichung  auch  in  die  Klasse  I  b  der  schw.  Ztw. ;  so  hört 
man  höyrt  neben  hat  hütet,  und  immer  l^rt  für  das  ausgestorbene 
lüt  läutet;  schadet  heisst  immer  §ät     (Vgl.  §  154.) 

§  161.  Auslaut,  as.  d  >  t,  z,  B.  blat  Blatt,  döt  tot,  röt  rot, 
hröt  Brod,  gout  gut,  kint  Kind,  olt  alt,  peät  Pferd. 

Anm.  1.  Das  n  in  bün  band  (as.  band),  das  /  in  gül  galt  (as.  gald), 
das  r  in  sneir  schnitt  (as.  snh^j  sned)  muss  also  aus  dem  Inlant  stammen; 
denn  nur  dort  wird  -nd-,  -Id-  >  n,  l  (§  159),  -d-  >  r  (%  158).  Es  stammt 
aus  dem  Plur.  Präter.  oder  direkt  aus  dem  Optativ,  s.  §  366. 

Anm.  2.  Auslautendes  d  im  ersten  Giiede  von  zusammengesetzten 
Wörtern,  deren  zweites  Glied  auch  mit  d  anfängt,  geht  gern  verloren,  z.  B. 
handouk  Handtuch,  kind^p  Kindtaufc.  —  d  ist  auch  ausgefallen  in  den  aus 
dem  Hd.  stammenden  Wörtern  ornuvik,  orn  Ordnung,  ordnen. 

§  162.  d  schiebt  sich  gerne  ein  vor  l  nach  langem  Vokal;  so 
(immer)  in  sträidls  Streu,   stäidl  steil   neben  stäil,  keddl  Kerl,  KöddL 

'/  O  /O  'O/O' 

Kädl  (lid.)  Karl,  ddidln  teilen  neben  ddiln,  vgl.  auch  pädln  schwatzen 
<  frz.  parier;   ferner   zwischen  n  und  d  oder  r,  z.  B.  Heinrix  neben 


150 

Heindrix,  rentlix  reinlich.  Angetreten  ist  t  (für  d)  in  hin  in  der 
Redensart  kein  hint  ord  kint  keine  Anverwandten  (s.  §  232  Anm.  2). 
§  163.  Als  lid.  erweisen  sich  (ausser  den  §  158  Anm.  3  u.  4 
angeführten)  durch  ihr  t  für  nd.  d:  ttä  Tier  (deät  nur  noch  Schimpf- 
wort, vgl.  Löwe,  Nd.  Jb.  XIV,  36);  trürix,  trüän  traurig,  trauern; 
tr^ipsäl  Trübsal;  törp,  toben  (aber  as.  dohon  delirare);  fdtily  vertilgen 
(mbr.  delgen)^  tüks  tückisch,  tön  (mud.  dön)  Ton;  artix  (neben  ö^rix 
§  249)  artig;  gevitä  (aber  värän  donnern)  Gewitter;  zatlä  (aber  zädl 
Sattel)  Sattler;  zeltn  selten;  glat  Kompar.  gldtd  glatt;  got^  Gen.  gots 
Gott;  berdits  bereits. 

Aum.     In  ^ü^  Düte  und  titit  Dinte  entspricht  nd.  t  einem  hd.  d, 

§  164.  Hieran  knüpft  sich  die  wichtige  Frage:  Ist  auch  t  im 
Präter.  der  schwachen  Ztw.  auf  hochdeutschen  Einfluss  zurück- 
zuführen, wenn  es  heisst  Ihvtn  lobten,  bärtn  beteten,  m§,tn  mähten, 
botän  bauten,  drbmtn  träumten  (nind.  drömden)^  fültn  faulten  (mnd. 
vülden)  faulten?  Ich  meine  nicht.  Schon  im  As.  wurde  d  nach 
stimmlosen  Lauten  >  t;  Holthausen  führt  im  As.  El.  §  248  an:  döpta 
taufte,  bötta  büsste,  senkta  senkte,  kusta  küsste;  vgl.  mnd.  Formen 
wie  muste,  dofte,  sochte.  Die  starken  Ztw.  mit  dem  Stammauslaut  t 
boten  ebenfalls  im  As.  -t,  -tun,  im  Mnd.  -t,  -ten,  z.  B.  götj  götiin  — 
göt,  göten  goss,  gössen.  Zu  bedenken  ist  auch,  dass  -Id-y  -md-,  -nd-j 
-rd'  zu  /;  My  riy  r  hätten  werden  müssen  (§  283,  285) :  wie  wollte  man 
aber  dann  noch  z.  B.  füln  <  fülden  faulten  unterscheiden  können  von 
der  Mehrzahl  der  Gegenwart,  die  auch  füln  hiess?  Nach  Apokope 
des  e  heisst  der  Sing.  Prät.  ohnedies  fült  (<  fülde)^  da  auslautendes 
d  von  selbst  >  t  wurde.  Was  lag  näher,  als  daraus  fültn  neu  zu 
bilden  und  sich  so  das  nötige  Unterscheidungsmerkmal  für  das 
Präteritum  zu  erhalten? 

Eine  ähnliche  Frage  besteht  hinsichtlich  einiger  einzelner  Wörter: 
ödt  (mnd.  art^  flektiert  arde)  Art,  födt  (as.  fard)  Fahrt  sollten  in  der 
Mehrzahl  öarn,  födrn  heissen  (vgl.  gödrn  <  as.  gardo  Garten);  sie 
lauten  aber  ödtn^  födtn.  Ähnlich  heisst  antworten  antvodtn  statt 
antvödrn  (as.  andwordian);  denn  -rrf-,  das  im  Auslaut  >  rt  wird, 
assimiliert  sich  zwischen  Vokalen  >  rr  >  r  {%  285  und  Anm.).  Man 
könnte  auch  hier  an  Anlehnung  an  die  hd.  Formen  „Arten",  ;,Fahrten", 
„antworten"  denken.  Ich  glaube  aber  vielmehr,  dass  wir  es  mit 
Neubildungen  aus  der  Einzahl  zu  tun  haben,  zu  denen  ködt  —  kö9tn 
(<  franz.  cm^te)  und  pödt  —  pödtn  (<  lat.  portd)  das  Muster  boten. 
Vgl.  auch  §  346  Anm. 

As.  mnd.  s. 

§  165.  As.  mnd.  s  >  z  im  Anlaut  vor  Vokalen,  im  Inlaut 
zwischen  Vokalen  und  nach  Liquiden  und  Nasalen,  z.  B.  zeis  Sense, 
ziyy  singen,  zkm  7,  zun  Sonne;  Mzä  Häuser,  väzlk  Wiesel,  läzn  lesen, 
vamzn  prügeln,  pinzl  Pinsel. 


151 

All  in.  1.  Dass  auch  s  nach  r  ursprünglich  stimmhaft  war,  beweist  das 
Schicksal  des  r  und  des  yoranfgehendeu  Vokals:  man  s.  §  248  f.  und  vgl.  nö^s 
(mnd.  a7's)  amts,  bö^s  (mnd.  bars)  Barsch  mit  fS^-dwas  verrückt  <  dwars, 
dwasSy  das  sicher  stimmloses  s  hatte.     Manche  sprechen  auch  s  in  pksön  Person. 

A  n  in.  2.  Nach  kurzem  Vokal  vor  /  und  n  wird  das  s  mit  etwas  grösserem 
Lnftdrnck  und  etwas  grösserer  Mnskelspannung  gesprochen :  es  bleibt  Lenis,  wird 
aber  in  der  Aussprache  vieler  tonlose  Lenis  (s) :  man  hört  z.  B.  buxn  und  bu%n 
Bnseu,  hevn  und  be^n  Besen,  hazl  und  Jia^l  Hasel,  duxl  und  di(?>l  Dummkopf; 
in  Iterativbildungen  wie  puxln  herumhantieren,  nuxbi  hintendran  sein  spricht 
man  wohl  nur  x. 

Anm.  3.  Anlautendes  s  wird  ts  oder  s  gesprochen  in  dem  zur  Interjektion 
gewordenen  t^,  mnd.  ^t^  sieh  (die  eigentliche  Befehlsform  heisst  xei)^  und  in  vor- 
toniger Silbe  in  tsufdrüt  selbdritt,  Tsifelt  Flurname  in  Boberow,  den  ich  nach 
Lage  der  Dinge  als  xir  feit  =   das   niedrige  Feld  deuten   mnss,    Tsaß  Sophie. 

§  166.  As.  mnd.  s  >  s  im  Auslaut,  z.  B.  hüs,  gous  Gans, 
glas  Glas,  hals  Hals,  uns  uns,  mets  Messer. 

In  jungem  Auslaut,  der  durch  Verstummen  des  End-e  ent- 
standen ist,  wird  2;  >  s,  z.  B.  Ääs  Hase,  j'/Ss  Gläser,  göy^  Gänse, 
häh  Hälse,  um  unser.     Vgl.  §  44. 

§  167.  As.  SS'  >  s,  z.  B.  gecis  (as.  giwisso)  gewiss;  küsn  (as. 
kussiun)  küssen;  küsn  Kissen,  eigentl.  Sitzkissen  (s.  §  68);  mis  f  in 
Iktmis  (<   mlat.  missd)  Maria  Lichtmiss. 

§  168.  Im  Anlaut  vor  t,  p,  /,  tn,  n,  w  ist  s  auf  dem  Lande  als 
s  erhalten,  das  aber  nicht  stark  artikuliert  wird.  (Über  die  Ver- 
breitung und  das  Vordringen  von  §  vgl.  §  8,  2).  Beispiele:  sten  Stein, 
sfoul  Spule,  spräk  Sprache,  släpm  schlafen,  smet  Schmied,  sntrn 
schneiden,  su)ln  Schwein. 

Anm.  1.  Es  scheint,  dass  s  vor  l,  m,  n,  w  leichter  zu  §  wird  als  vor 
p  und  ^,  vgl.  Löwe,  Nd.  Jb.  14,  25  f. 

In  einigen  Lehnwörtern  aus  dem  Hochdeutschen  wird  §  gesprochen,  z.  B. 
slos  Schloss  (Gebäude),  änoutshbkt  IBchnurrbart,  slits  Schlitze. 

Ganz  fest  ist  s  vor  p  und  t  im  Inlaut,  z.  B.  swestk  Schwester,  vost 
Wurst,  vispl  Wispel. 

Anm.  2.  In  (^sl  (as.  thistil)  Diestel  ist  t  vor  l  geschwunden;  in  fnltsix 
nebelig,  nasskalt  (vgl.  mnd.  mistig  und  ags.  mlst  Nebel)  scheint  st  >  ts  um- 
gestellt zu  sein;  in  Krisan  Christian  ist  st  -H-  Hiatus-i  >  s  geworden,  vgl. 
§  124  Anm.  1. 

§  169.  Die  Verbindung  sk  ist  in  allen  Stellungen  >  §  geworden, 
z.B.  säp  Schaf,  §oul  Schule,  döän  dreschen;  vasn  waschen;  fi§  Fisch, 
fles  Fleisch,  min§  Mensch,  äräpm  schrapen,  .^nm  schreiben. 

Anm.  1.  Schon  in  mnd.  Urkunden  ist  seh  für  sk  {sc,  sg)  sehr  häufig, 
und  in  mbr.  Urkunden  eher  häufiger  als  sk  Nichtsdestoweniger  kann  in  unserer 
Ma  seh  noch  nicht  sehr  alt  sein:  noch  jetzt  erzählt  man  sieb,  dass  die  Alten 
j^disk  und  fisk  und  waskeldouk'^  gesagt  hätten  (es  werden  immer  diese  3  Wörter 
angeführt).  Ja,  es  gibt  einige  entlegene  Dörfer,  in  denen  alte  Leute  noch  disk, 
fi^k  sprechen,  z  B.  Besandten  und  Unbesandteu  in  der  Lenzer  Wische.  Gedike 
schreibt  S.  326  nagreepsk  eigennützig,  geeivsk  der  gerne  gibt,  und  für  die  Alt- 
mark  verzeichnet  Bratring  am  Ausgang  des  18.  Jh.  ein  lieskenstrieker  Schmeichler. 


152 

Anm.  2.  In  xal,  xöln  (as.  skal,  skulan)  soll,  sollen  ist  x  für  s  <  sk 
eingetreten  Der  einfache  ^-Laut  findet  sich  schon  häufig  iin  Mnd.  (hes.  im 
Westen,  s.  Tümpel,  Nd.  Stud.  S.  110  fF);  in  unserer  Mundart  ist  s  für  ä  nicht 
allzu  alt:  ich  selbst  habe  als  Kind  noch  einige  alte  Frauen  gekannt,  die  äal  shln 
sagten.  Ich  glaube,  dass  sowohl  s  wie  der  kurze  Vokal  auf  hd.  Einfiuss  beruht. 
Richey  nimmt  neben  hd.  auch  holländischen  Einfiuss  an. 

Anm.  3.  Muskat- nuss  heisst  mas§itn-nht;  dagegen  sagt  man  muskant 
Musikant  und  gMgÖysken  Goldammer,  wörtlich  Gelbgänschen:  s  und  k  sind  hier 
erst  nach  Ausfall  eines  Vokales  zusammengetreten.  Aber  trotzdem  wkän  Tante 
<   weseke. 

Anm.  4.  ä  auch  =  frz  ch,  z.  B.  kusn  sich  niederlegen,  ruhig  sein  < 
frz.  coucher, 

§  170.  Nach  stimmlosen  Explosivlauten  hat  sich  sporadisch 
s  >  ä  gewandelt,  z.  B.  ekä  (as.  acis  für  acus,  mnd.  ekse)  Axt;  göps 
(mnd.  gepse)  die  innere  Höhlung  der  beiden  zusammengefügten  Hände; 
hädiU  <  hädits  (§  119  d.  Anm.)  Eidechse;  förföytä  (mnd.  vorvotes) 
vor  den  Füssen  weg,  ohne  Umwege;  flit^n  neben  ßitsn  sich  schnell 
bewegen ;  vgl.  auch  körbä  <  mnd.  körbitze  oder  körvisch  <  ahd.  kurbiz 
und  forä  (mnd.  forse)  Kraft,  kräftig  (<   frz.  force). 

Anm.  Das  ä  in  faU  falsch  beruht  wohl  auf  mnd.  vdlsCy  das  sich  neben 
fals  findet,  das  s  in  heis  heiser  auf  einer  A:- Ableitung  zu  as.  heis^  also  *h^sk. 
Ob  wir  für  blous  Baumblüte  ein  mnd.  *blöseke  ansetzen  dürfen,  oder  ob  sich 
hier  in  dem  mnd.  Mosern  (yg\.  ags.  blösma)  s  >  s  entwickelt  hat,  vermag  ich 
nicht  zu  entscheiden.  Es  wäre  dann  blösen  <  blöseni  (§  140)  als  ein  Plural 
verkannt  worden  und  darnach  ein  neuer  Sing,  blous  gebildet  worden  (%  337y. 
Auffällig  ist  auch  das  ä  in  brüsn,  wenn  es  wirklich  von  *brunsan  (§142  Anm.) 
kommt,  und  das  s  in  prüsn  niesen,  für  das  ich  im  Mnd.  nur  prusten  belegen 
kann,     hirä  Hirsch  und  kirä  Kirsche,  Kirsch  sind  hd.  Ursprungs. 

§  171.  s  ist  angetreten  in  mäfks  Mark  (in  den  Knochen)  und 
vielfach  an  Adverbien,  z.  B.  atjes  Adieu,  föäts  sofort,  vgl.  §  416. 


c.     Gaumenlaute. 

As.  mnd.  L 

§  172.  As.  mnd.  k  in  allen  Stellungen  >•  ä:,  z.  B.  kan  kann, 
kr^vt  Krebs,  klouk  klug,  knüpl  Knittel ;  klöykä  klüger ;  kouky  Kuchen ; 
bouk  Buch,  folk  Volk,  ik  ich,  zik  sich. 

As.  mnd.  qu   >   kw^  z.  B.  kwäk  Unkraut. 

As.  mnd.  kk  >  k,  z.  B.  liky  (as.  likkon)  lecken,  akä  (as.  akkar) 
Acker. 

Über  sk  >   ä  vgl.  §  169. 

Über  tk  >   t,  z.  B.  bätn  bischen   <   bätken^  vgl.  §  286. 

Anm.  Als  hd.  erweisen  sich  durch  ch  für  nd.  k:  flüxn  fluchen;  tskun 
(neben  teikr))^  smeixln  schmeicheln;  zeixn  harnen;  zixk  sicher;  bötxk  Eöttcher 
(mnd.  bödeker)]  raxn  Bachen;  rax  Rache;   vox  Woche  (mnd.  whke)\   stix  Stich 


153 

(bes.  im  Kartenspiel);  stixln  sticheln;  strix  Strich;  brux  Fruch  (in  der  Bechuung); 
sprux  Spruch  (bes.  Bibelspruch) ;  gerux  Geruch ;  xax  Sache  (neben  xäk) ;  houptxax 
(neben  houptxäk  Hauptsache ;  hexfix  (neben  bexöyk) ;  pex  in  der  Bedensart  pex 
kern  Pech  haben;  kirx  Kirche  (das  ältere  kdfk  noch  in  dem  Flurnamen  venä 
käfkhof  Wendischer  Kirchhof);  llrx  Lerche,  s.  §  81  Anm.;  fenxl  (mnd.  venekel 
=  lat.  foeniculum)  Fenchel]  f^ilx9n  Yeiicheu]  Manxn  Marieeben,  Lisxn  Lieschen; 
über  -lix  für  -lik  vgl.  §  121,  c. 


As.  mnd.  5,  g. 

§  173.  a)  As.  5  >  ^r  im  Anlaut  und  im  Inlaut  zwischen  Vokalen, 
z.  B.  gistän  gestern,  geän  gern,  gän  gehen,  gous  Gans,  glds  Glas, 
gröt  gross;  kröygä  Gastwirt,  fägl  Vogel. 

Anm.  1.     Der  Verschluss  bei  Bildung  des  g  ist  lose. 

Anm.  2.  über  g  >  j  iia.  SPri  s.  §  7,  4  a  —  Auch  in  der  NPri  wird  in 
einigen  Wörtern  j  für  g  gesprochen:  fit)  gegen  (schon  mnd.  jegen  neben  gegen), 
ßrjt  Gegend,  hej^f)  begegnen,  Jürn  (mnd.  Jürgen)  Jürgen.  lu  diesen  Wörtern 
liegt  wobl  Dissimilation  vor.  In  hr^j^m  Bräutigam  stand  g  vor  unbetontem 
Vokal;  in  höjS^pni  gähnen  (mnd.  gapen  den  Mund  aufsperren)  ist  wohl  Ver- 
mischnng  mit  japm  nach  Luft  schnappen  eingetreten;  jurk  Gurke  scheint  durch 
das  j  zu  bezeugen,  dass  dieses  Gemüse  von  Südosten  her  vorgedrungen  ist.  Bei 
ji  ihr  ist  mir  zweifelhaft,  ob  nicht  schon  für  das  as.  gl  ein  j'-Laut  anzunehmen  ist. 

Anm.  3.  Während  sonst  -gel  durchaus  zu  gl  geworden  ist  {speigl  Spiegel), 
ist  es  in  dem  Lehnwort  lexl  (schon  mnd.  lechelen  =  mlat.  lagena)  kleines  Fass 

>  xl  geworden. 

b)  Mnd.  -gen  (nach  langem  Vokal),  -ggen  (nach  kurzem  Vokal) 

>  j;,    z.   B.    öy   Augen,    swiy   schweigen;    royy    Roggen,    leyy    legen. 
Näheres  s.  §  289. 

Anm.  1.  Nach  r  ist  in  -gen  g  mehrfach  geschwunden:  Jürn  <  mnd. 
Jürgen;  morn  (neben  mory)  morgen  (schon  mnd.  mome  neben  morgene)\  Arn 
den  Hund  necken,  reizen,  das  doch  wohl  nicht  von  mnd.  tergen  necken  zu  trennen 
ist.  So  erklärt  sich  nun  auch  das  schwierige  Wort  nänix  nirgends:  mnd.  nergene 
<  as.  ni  hwergin  ist  (schon  in  mnd.  Zeit)  >  nerne,  dieses  aber  nach  §  413, 
indem  sich  das  schliessende  n  mit  ix  zu  nix  verbunden  hat,  >  nänix  geworden. 

Anm.  2.  Auffällig  ist  x  in  löyxn  lohende  Flammen  (as.  fö^na,  mnd. 
%ewß,  löchene). 

§  174.  In  ursprünglichem  Auslaut  erscheint  3,  wie  schon  im 
As.,  als  X,  z.  B.  dax  Tag,  vex  Weg,  dex  Teig,  trox  Trog,  talx  Talg, 
bdrx  Berg,  honix  Honig,  lärix  leer. 

Bei  alter  Synkope  (§  118  a)  erscheint  as.  5  auch  vor  den 
Endungen  -st  und  -t  als  x,  z.  B.  dräxst,  drdxt  trägst,  trägt;  züxst, 
züxt  saugst,  saugt.     Vgl.  auch  hogä  höher  und  höxt  Höhe. 

In  jungem  Auslaut  nach  Apokope  des  Eud-e  und  bei  junger 
Synkope  (§  118  b)  erscheint  3  als  stimmlose  Lenis,  d.  i.  g,  z.  B. 
og  Auge,  dkg  Tage,  'iAg  Wege,  zug  sauge,  drbgst,  drbgt  trocknest, 
trocknet  (zu  drdy  trocknen).     Vgl.  §  149. 


154 

§  175.  Äs.  yg  im  Inlaut  <  j;  (§  283  S),  im  Auslaut  >  yk^ 
z.  B.  fiyä  Finger,  jüyä  jünger,  ziy  singe,  lay  lange;  layk  laug,  riykj 
juyk  jung. 

As.  yg  -h  ßw  >  silbenbildendem  y  (=  j;»?),  z.  B.  hreyy  bringen, 
fayy  fangen. 

§  176.  As.  mnd.  gg  (inlaut.)  >  x,  mnd.  -ggen  >  yy  (§  289), 
z.  B.  rox  (as.  roggo)^  neben  ro??^;  §  334,  2,  Roggen;  ftrwa?  (as.  bruggia) 
Brücke,  Mz.  brüyy;  müx  (as.  muggia)  Mücke,  pox  (mnd.  pogge)  Frosch, 
fliix  (mnd.  vlügge)  flügge,  ex  (mnd.  egge)  Egge,  trüx  zurück,  aber  rüyy 
Rücken,  ik  zex,  lex,  lix  sage,  lege,  liege,  zu  iseyy,  leyy,  liyy  sagen, 
legen,  liegen  (as.  seggian,  leggian,  liggian).     Vgl.  rif,  rim  §  147. 

Anm.  Im  südlichsten  Teil  der  WPri  und  in  ganz  OPri  ist  gg  >  k 
geworden,  z.  B.  mük,  Mz.  müky  Mücke,  Mücken,  brük  Mz.  brüky.  Vgl.  §  7,  2  a 
und  Manrmann  §  122 

§  177.  g  zwischen  hellen  Vokalen  ist  geschwunden  in  zeis 
(as.  segisna,  mnd.  seisne  >  seisse,  vgl.  §  337);  hästä  (mnd.  hegester) 
Elster;  hädiU  (mnd.  egedisse)  Eidechse;  tl  f.  (mnd.  egele,  ele,  lle) 
Blutegel,  aber  swl-nägl  Igel;  hixt  (as.  bigihto)  Beichte,  zär  (mnd. 
segede  >  sede)  sagte;  lär  (mnd.  legede  >  l^de)  legte.  Vgl.  stdil  steil 
und  ags.  stägl,  stäger,  mäky  und  mnd.  megedeken  (selten  für  deän). 
zägl  (nfränk.  seil)  Segel  ist  vielleicht  hochdeutsch,  s.  aber  dagl  Tiegel. 

g    nach    dunklem   Vokal    ist   >   v   geworden   im  Monatsnamen 

.mnd.  öuwest  <  augüst,  das  sich  dann  weiter  zum  heutigen  oust,  oiistn 

Ernte,  ernten   entwickelt  hat,   und  vielleicht  in   gävl-ßes  Zahnfleisch 

<  as.  gägal,  vgl.  aber  §  420;  g  nach  r  in  märvl  neben  märgl  Mergel. 

Über  den  Wechsel  von  g  und  h  in  Formen  wie  nä-nägä  nahe- 
näher  (grammatischer  Wechsel)  vgl.  §  295  b,  c. 

§  178.  Das  k  in  kein  kein  scheint  mir  hd.  Die  mbr.  Formen 
sind  negen  (as.  nigen),  engen,  engein,  gein;  nen,  nein. 

Anm.  Wie  es  entlehnte  Wörter  gibt,  in  denen  einem  hd.  d  ein  t 
(§  163  Anm.),  einem  hd.  b  ein  p  (§  147  Anm)  entspricht,  so  auch  Wörter,  die 
k  für  hd.  g  aufweisen:  kluk  Glucke,  klok  (mnd.  klokke)  Uhr. 

As.  h  :=  X,  j^. 

§  179.  Der  as.  Gaumenreibelaut  ^  kam  nur  im  Auslaut  und 
im  Inlaut  vor  Konsonanten  vor.     Er  hat  sich  erhalten 

a)  im  Auslaut,  z.  B.  dox  (as.  poh),  nox  (as.  nah)  noch,  höx 
(as.  höh)  hoch,  dörj^  (as.  \>uruh,  mbr.  dorch  neben  dor)  durch. 

Anm.  1.     Über  die  Präterita  zax,  geäax  sah,  geschah  vgl.  §  378  Anm.  1. 
Anm.  2.     Doch  nicht,  noch  nicht  heisst  gewöhnlich  dönix  nönix. 

b)  im  Inlaut  vor  t,  z.  B.  doxdä  (as.  dohtar)  Tochter,  lixt  Licht, 
rext  recht,  daxt  (as.  ^fähta)  dachte 

Anm.  1.     Über  den  Wechsel  von  ch-h  vgl  §  295. 

Anm.  2.  Fremdes  -^  >  g  in  Job  Joachim,  tslgviriyy  Cichorien.  Altes 
X  >   Ä;  in  färkm  Ferkel,  vgl.  §  217  Anm. 

As.  'hh'  >  a;  in  Icuvy^  (as.  *hlahhian)  lachen. 


156 

§  180.  As.  hs  ist  >  8  geworden.  Die  Anfänge  dieser  Assimi- 
lation reichen  in  die  as.  Zeit  zurück  (vgl.  Holthausen,  As.  El.  §  215); 
sie  ist  im  Mnd.  vollständig  durchgeführt.  Beispiele:  as  (as.  ahsa) 
Achse;  flas  Flachs;  vas  (as.  wahs,  was)  Wachs;  vasn  (as.  wahsan, 
Hassan)  wachsen;  brasn  Brachsen;  mes  m.  (as.  mehs  n.  Ess.  Gl.)  Mist; 
zös  (as.  sehs,  ses)  sechs;  vesln  (as.  weslon)  wechseln;  dlsl  m.  (as. 
yisla  f.)  Deichsel;  os  Ochse;  fos  (as.  fohs)  Fuch?^;  biis  f.  Buchse,  d.  i. 
innere  Bekleidung  der  Nabe,  in  der  die  Achse  sich  dreht;  büs  f. 
Büchse  (mnd.  busse  =  mlat.  biixis  <  griech.  pyxis)\  hesp  f.  für  *hes 
(§  420)  (mnd.  hesse)  Hachse,  Kniebug  der  Hinterbeine,  bes.  bei  Pferden 
und  Kühen;  häditä  f.  <  hädits  <  hädis  (§  119  d  Anm.)  <  as.  egipessa 
Eidechse;  l^-stay  für  WiS-stay,  wenn  es  nicht  zu  mnd  lünse  (§  142 
Anm ),  sondern  zu  mhd.  liuhse  gehört,  vgl.  noch  rheinfrk.  laiys, 
Heilig  §  133. 

Anm.  1.  DemDach  sind  ans  dem  Hd.  entlehnt:  viks  Wichse;  daks  (mnd. 
gr^nd)  Dachs;  luks  (as    mnd.  hs)  Lnchs;  xeks^  Sechser  (6  Pf.  =  V«  Groschen). 

Anm.  2.  Es  ist  hier  der  Ort,  über  die  Vertreter  des  hd.  „nichts''  zu 
sprechen.  Nach  §  7,  2  b  sagt  die  NPri  niks,  die  SPri  nist,  von  Osten  dringt 
nisi  vor.  Die  Anwesenheit  eines  s  in  allen  Formen  zeigt,  dass  man  nicht  von 
der  älteren  Form  mnd.  niht  <  as.  niowiht  ausgehen  darf.  Es  fragt  sich  nun, 
ob  die  mnd.  Verstärkung  nichtesnickt  oder  die  später  dafür  in  Gebranch  kom- 
mende verkürzte  Form  nichtes  die  unmittelbare  Grundlage  der  jetzigen  Formen 
ist.  Für  nichtesnickt  könnte  sprechen,  dass  man  noch  heute  häufig  niksnix, 
nistniXy  nistnix  sagt.  Dann  wäre  in  niks  das  t  (des  zweiten  nicht)  verloren 
gegangen,  das  nist  und  nist  bewahrt  hätten;  das  s  in  nist  könnte  aus  -hs  < 
htes  entstanden  sein;  nist  wäre  als  vergröberte  Aussprache  von  nist  aufzufassen, 
s  Hesse  sich  aber  auch  erklären  aus  einer  Umstellung  nisket  <  einem  etwaigen 
nikses  nit.  Dascegen  ist  zu  bemerken,  dass  t  in  nicht  sehr  früh  verloren 
gegangen  ist  (§  155),  und  dass  niks  immerhin  noch  besser  aus  nichs  <  nichtes 
als  <  nichtesnicht  zu  deuten  ist.  Holthausen  meint  A.  f  d.  A.  1900,  S.  32 
m.  E.  mit  Recht,  k  in  niks  beruhe  auf  Dissimilation  der  Spiranten.  Liesse  sich 
auf  ähnliche  Weise  heks  Hexe  erklären? 

As.  h  =1  h. 

§  181.  As.  h  ist  als  h  erhalten  nur  im  Anlaut  vor  Vokalen, 
z.  B.  hüs  Haus,  hunt  Hund,  htä  hier,  heä  her. 

Anm.  In  den  anlautenden  Verbindungen  hl-,  hr-,  hn-,  hw-  war  schon 
in  der  mnd.  Periode  h  verstummt,  also  laxn  lachen  (as.  hlahhia7i,  mnd.  lachen) 
lachen;  riyk  (as.  hring,  mnd.  ring)  Ring;  nap  (as.  hnap,  mnd.  nap)  Napf; 
vUtn  m.  (as.  hweti,  mnd.  weie)  Weizen.  Jn  houstn  (vgl.  ags.  hwösta)  muss  w 
geschwunden  sein,  bevor  h  verstummte. 

§  182.  In  allen  übrigen  Stellungen  ist  h  ausgefallen,  a)  nach 
Vokalen,  z.  B.  stdl  (vgl.  ahd.  stahal)  Stahl;  bll  (vgl.  ahd.  bthal) 
Beil;  fll  f.  (vgl.  ahd.  fthala)  Feile;  trän  (as.  trahan)  Träne;  slän  (as. 
slahan)  schlagen;  mal  (as.  rwaÄa/ (jerichtsstätte)  Mal,  Freistätte  beim 
Spielen;  öd  (as.  ahar,  mnd.  ar)  Ähre;  dwel  f.  (vgl.  ahd.  dwehila 
Handtuch)  Tischtuch;  lein  (as.  l^hanon)  leihen;  däidn  (as.  ththan) 
gedeihen  (§  243  a);  tdin  (as.  tehan,  tian)  zehn;   man  Mohn;  nä  nahe, 


L. 


156 

nävd  Nachbar;  äou  Schuh,  Schuhe;  fei  Vieh;  flo  Floh,  Flöhe;  zM,  zU 
siehst,  sieht,  b)  nach  Konsonanten,  z.  B.  föä  Furche  (§  216  f.); 
hefäln  (as.  hifelhan,  hifelan)  befehlen;  vgl.  Viläm  Wilhelm  und  Formen 
wie  a-länt  <  allhand  immerhin,  inzwischen,  in  OPri  häufig,  in  WPri 
unbekannt;  va-rdftix  wahrhaftig.  Regelmässig  verliert  sein  h  hei  er, 
wenn  es  enklitisch  angehängt  wird,  z.  B.  zä-rd  sagte  er  (vgl.  §  298). 

An  ID.  1.  Die  Bildaugssilbe  -M^7  wird  bald  mit  h,  bald  ohne  h  gesprochen, 
z.  B.  vö^riit  und  vö^h^it,  dumUt  und  dumhkit. 

Anm.  2.  Eingedrungen  ist  x  für  h  in  höxt  Höhe  (as.  höhida)  und  nlxt 
Nähe,  vgl    §  295  und  Anm. 

§  182  a.  h  ist  angetreten  in  häditä  (mnd.  egedisse)  Eidechse, 
hästä  (as.  agastria,  schon  mnd.  hegester  neben  egester),  hülän  Ulan 
(wohl  in  Anlehnung  an  hüzöd  Husar). 

Anm.  In  anderen  nd.  Dialekten  erhalten  auch  noch  andere  Wörter  ein  h. 
So  heisst  meckl.  ä^i^fcöä  Storch  in  Ostfriesland  ksJiebar  (Nd.  Jb.  9,  111),  in 
Samland  Md^böL  Dagegen  haben  die  ostfries.  Wörter  für  Eidechse,  Elster 
kein  h:  ^ftas,  ^kster. 


§  315.  Übersicht  der  Entsprechungen 

vom  heutigen  Bestände  der  Mundart  aus. 

1.     Die  kurzen  Vokale. 

Pri  a       <   1)  as.  a  in  geschlossener  Silbe  §  48.     Vgl.  §§  197.  202. 

204. 


<  2) 

<  3) 

<  4) 

<  5) 

<  6) 

Pri  ä 
(betont) 

<  1) 

<  2) 

<  3) 

<  4) 

<  5) 

<  6) 

Pri  ä 

(unbetont) 

<  1) 

<  2) 

as.  a  -f-  r  vor  stimmlosen  Zahnlauten  §  136  c. 

as.  a  -\-  rr  ^  135. 

as.  a  verkürzt  §  229. 

hd.  a    §   184    Anm.  2.    §  249    Anm.    (vor   r).    §  273 

Anm.  2  (vor  -Id). 
verschiedenen  Vokalen  in  Fremdwörtern  §  113. 

as.  e  (jüngerer  Umlaut)  §  51. 

as.    e    vor    bestimmten    Konsonanten gruppen    §    54. 

Vgl.  §  51,  2  a.  §  51,  2  b  Anm.  2. 
as.  i  vor  bestimmten  Konsonantengruppen  §  57.     Vgl. 

§  51,  2  d.  §  188,  4  (am  <  imu  ihm).    §  242  Anm. 
as.  i  -h  r  vor  stimmlosen  Zahnlauten  §  263. 
as.  ^  verkürzt  {fdft  5te)  §  232. 
as.  a  (sporadisch)  §  48  Anm.  2.  §  51,  2  Anm. 


as.  betontem  Vok.  +  r  im  Auslaut  §  137. 
as.  betontem  Vok.  -H  r  vor  stimmhaften  Zahnlauten 
§  136  b.  §  284. 
<  3)  as.  Vok.  -H  r  in  Vorsilben  §  110,  1.     Vgl.  §  120. 


157 


Pri  rf        <     4 

(unbetont) 

<      5 


Pri  e 


Pri  i 


Pri  0 


Pri  0 


1 
2 


5 
6 

7 

8 

1 

2 
3 
4 
5 
6 
7 
8 

1 
2 


<  5 

<  6 

<  7 

<  8 

<  9 

<  10 


< 
< 
< 


1 
2 
3 

4 


as.  Vok.    -f-   r   in  Ableitungssilben    §    136.    §   137. 

§  114,  2. 
as.  i  in  der  Ableitungssilbe  -ik  §  121  d. 

as.  e  in  geschlossener  Silbe  §  50. 
as.  e  in  geschlossener  Silbe  §  53. 
as.  i  in  smet  Schmied   u.  ähnl.   §   197   Anm.  2,    in 

melk  §  241. 
as.  i  -f-  Nasenlaut  -+-  Kons,  (sporad.)  §  276. 
as.  Umlaut  von  a  verkürzt  §  230,  1. 
as.  c  (<   ug.  ax)  verkürzt  §  231. 
hd.  ä  in  geschlossener  Silbe  §  51,  2  a  Anm.  §  51,  2  b 

Anm.  3.  §  53  Anm.  2. 
as.  i  in  den  Vorsilben  gi-y  bi-  §  110,  2,  3. 

as.   i  in   geschlossener   Silbe   §    56.      Vgl.    §    199. 

§  197  Anm.  2. 
as.  ije  in  geschlossener  Silbe  §  56  Anm.  1. 
as.  e,  e  -f-  gedecktem  Nasenlaut  (sporad.)  §  275. 
as.  t  verkürzt  §  232. 
as.  e  verkürzt  §  231  Anm.  2. 
as.  io  verkürzt  §  240. 
as.  i,  a  in  Ableitungssilben  §  119.  §  121c. 
hd.  i  §  188  Anm.  1.  §  222  Anm. 

as.  0  in  geschlossener  Silbe  §  59. 

as.  ofii  in  geschlossener  Silbe  §  60,  2. 

as.  0  vor  r  -f-  Kons,  (ausser  stimmhaften  Zahn- 
lauten) §   136  c.  §  268. 

as.  u  vor  r  4-  Kons,  (ausser  stimmhaften  Zahn- 
lauten) §  270. 

as.  a  -t-  W  §  273. 

as.  a  (sporad.)  §  48  Anm.   1. 

as.  ö  (<  ug.  au)  verkürzt  §  235.  241  (dox  doch); 
vgl.  §  120  a. 

as.  u  in  bodd  Butter   u.  a.    §  241.     Vgl.    §  114,  1. 

as.  e  od.  o  (vol  wohl)  §  189  Anm.   1. 

hd.  0  §  189  Anm.  3. 

as.  Umlaut  von  o  in  geschlossener  Silbe  §  62. 

as.  ölü  in  geschlossener  Silbe  §  64. 

as.  jüngerem  Umlaut  von  a  in  geschlossener  Silbe 
§  63.  §  274. 

as.  Umlaut  von  o  vor  r  -+-  Konsonant  (ausser  stimm- 
haften Zahnlauten)  §  269. 

as.  Umlaut  von  ti  vor  r  -f-  Konsonant  (ausser  stimm- 
haften Zahnlauten)  §  271. 


158 

Pri  ö       <     6)  as.  e^  e  gerundet  277  a. 

<  7)  as.  Umlaut  von  u  in   offener  Silbe   (sporad.,  z.  B. 

in  äödl  Schüssel)  §  114  Anm.  2.  §  242  u.  Anm. 
§  200  Anm.  1. 

<  8)  as.  jüngerer  Umlaut  von   as.  a   verkürzt   §  230,  2. 

<  9)  as.   Umlaut  von   ö   (<  ug.   ö)   verkürzt  in  Verbal- 
formen mit  Synkope  §  234  b. 

10)  as.  Umlaut  von  ö  (ug.  ou)  verkürzt  §  236. 

11)  as.  ö  in  zö,  vö  so,  wie  verkürzt  §  120  a.  §  296. 


< 
< 


Pri  u       <     1)  as.  u  in  geschlossener  Silbe  §  66. 


< 


2)  as.  ujo  in  geschlossener  Silbe  §  60. 

<  3)  as.  1^  4-  rr  §  135. 

<  4)  as.  a  vor  Nasenlauten  §  48  Anm.  1. 

<  5)  as.  ü  verkürzt  §  237. 

<  6)  as.  ö  (ug.  ö)  verkürzt  §  233.     Vgl.  §  120  a. 

<  7)  as.  ö  (ug.  au)  verkürzt  (uk  auch)  §  241. 

<  8)  as.  ä  vor  Nasenlauten  verkürzt  (brumlbeä  Brombeere) 

§  229  Anm.  2. 

<  9)  franz.  o  (nasal)  §  272. 

Pri  ü       <     1)  as.  Umlaut  von  u  in  geschlossener  Silbe  §  68. 

<  2)  as.  Umlaut  von  ujo  in  geschlossener  Silbe  §  69. 

<  3)  as.  Wechsel  von  ujü  in   geschlossener   Silbe   §   68 

Anm.  1  u.  2. 

4)  as.  we,  wi  nach  s  §  128  Anm.  1. 

5)  as.  i  gerundet  §  277  d. 

6)  as.  e  in  zülm  selbst  §  277  d  Anm.,  in  füy  fing  §  53 
Anm.  1. 

7)  as.  Umlaut  von  ü  verkürzt  §  238. 

8)  as.  iu  verkürzt  §  239. 

9)  as.  Umlaut  von  ö  (ug.  ö)  verkürzt  §  234  a. 
10)  hd.  ü  §  192  Anm.  2. 


< 
< 


2.     Die  halblangen  Vokale. 

Pri  ä       <  1)  as.  öj  +  r  vor  Lippen-  und  Gaumenlauten  §  265. 
(halblang)    <  2)  as.  a  -f-  rr  §  135  Anm.  1. 


V 

Pri  ä       <  1)  as.  e  vor  r  -+-  Lippen-  und  Gaumenlauten  §  266. 

2)  as.  e  vor  r  -h        „  „  „  §  267. 

3)  as.  i  vor  r  -}-        „  „  „  §  268. 


< 


V 
V 


Pri  i,  u,  ü  <  as.  i,  u,  ü  vor  stimmlosen  Verschluss-  und  Reibelauten 

im  Auslaut  §  17,  3. 


159 


3.     Die  langen  Vokale. 

Vorbem.  Die  überlangen  Vokale  und  Doppellaute  Sl,  e,  t,  ^, 
ä,  Oj  8,  ü,  Ü;  ei,  äij  oii,  öy  sind  nicht  besonders  aufgeführt.  Sie  stehen 
in  einem  bestimmten  Verhältnis  zu  den  entsprechenden  langen  Vokalen 
und  sind  zu  beurteilen  nach  §  17  und  §  227. 


Pri  a 

Pri  ä 
Pri  ä 


Pri  e 


Pri 


Prii 


Pri  4 


<  1 

<  2 


<  as.  e,  e  -|-  rd-,  rn-,  rr-  §  272. 


< 
< 
< 


< 

< 
< 
< 
< 
< 
< 


< 
< 


< 
< 

< 
< 
< 
< 
< 


1 
2 
3 
4 
5 
6 


1 
2 
3 
4 
5 
6 
7 
8 


1 
2 
3 

4 

1 
2 

3 
4 
5 
6 


<  1 

<  2 


äs.  a  in  här  hatte  §  272. 

hd.  a  in  gär  Garde  §  249  Anra.  1 


as.  e  in  offener  Silbe  §  185.  Vgl.  §  197.  §  206.  §  211. 

as.  e-    ^       „  ,  §  187.  Vgl.  §  197.  §  198.  §  211. 

as.  i    „       „  „  §  188.  Vgl.  §  197.  §  203.  §  211. 

as.  eli„       „  „  §  187  Anm. 

as.  Umlaut  von  ^1  §  76. 
as.  -egi'  §  177. 
hd.  ä  §  76  Anm.  2. 

as.  e  (ug.  ai)  §  81. 
as.  ew  ^  107  Anra.  2. 

as.  Umlaut  von  d  vor  und  nach  Hartgaumenlauten  §  75. 
as.  Umlaut  von  a  vor  r  §  75.  §  258. 
as.  e  •-\-  r  oder  r  vor  stimmhaften  Zahnlauten  §  250. 
as.  et +- r  oder  r    „  ^  »  §  251. 

as.  i  •+-  r  oder  r    ^  „  »  §  252. 

as.  io  -^  r  ^  261. 

hd.  ö   §    107    Anm.   4.    §  108   Anm.    §  185    Anm.  3. 
§  187  Anm.  2. 

as.  l  §  88. 

as.  t   <   lat.-rom.  ö  §  86. 

as.  i  -H  s^  §  194  b  (in  dlsl  Distel). 

hd.  I  §  104  Anm.  2.  §  107  Anm.  4.   §  188  Anm.  1. 

as.  ö  §  71.  §  73. 

as.  a  in  offener  Silbe   §    184.     Vgl.  §  121  e.    §  198. 

§  205.  §  211.  §  221. 
as.  0  in  offener  Silbe  §  189.  §  198.  §  199.  §  205.  §  211. 
as.  u  in  offener  Silbe  §  191.  §  211. 
as.  a  4-  A  4-  Vok.,  ^  -+-  A  -f-  Vok.  §  72. 
as.  a  -\-  st  (sporad.)  §  194  b. 
hd.  Ä  §  71  Anm.   1.  §  184  Anm.  2. 

as.  Umlaut  von  o  in  offener  Silbe  §  190.  §  197. 
as.   Umlaut  von   u  in   offener   Silbe   §    192.    §   203. 
§  206.  §  211. 


160 


Pri  i 


Pri  ö 


Pri  o 


Pri  u 


Pri  Ü 


Pri  ei 


Pri  äi 


<  4 

<  5 

<  6 

<  1 

<  2 

<  3 


< 
< 
< 
< 
< 


4 
5 
6 

7 
8 
9 


<  1 

<  2 

<  3 

<  4 

<  5 

<  6 

<  1 

<  2 

<  3 

<  1 

<  2 

<  3 


< 
< 
< 
< 
< 
< 


1 
2 
3 
4 
5 
6 


3)  as.   Umlaut  von   oju  in   offener   Silbe  §  203.   §  192 
Anm.  1. 
as.  jüngerer  Umlaut  von  a  in  offener  Silbe  §  186. 
as.  jüngerer  Umlaut  von  ä  §  77. 
as.  e,i  in  offener  Silbe  {<   ä)  gerundet  §  277  b. 

as.  ö  (ug.  au)  §  94. 

as.  ö  (ug.  ö)  in  vö  wie  §  90  Anm.  2. 

as.  a  4-  ^  oder  r  vor  stimmhaften  Zahnlauten  §  249. 

Vgl.  §  121  e. 
as.  0  H-  r  oder  r  vor  stimmhaften  Zahnlauten  §  253. 
as.  u  '■\-  r  oder  r    „  „  ?j  §  255. 

as.  a  (aha)  -h  r  §  257. 
as.  ö  (ug.  ö)  +  r  §  259. 
as.  0  im  Auslaut  §  59  Anm.  2.  §  108. 
hd.  ö  §  94  Anm.  2.  §  189  Anm.  3.    Vgl.  §  90  Anm.  3. 

as.  Umlaut  von  ö  (ug.  au)  §  97. 

as.  ö  (unorgan.  Umlaut)  §  94  Anm.   1. 

as.  Umlaut  von  o  +■  r  oder  r  vor  stimmhaften  Zahn- 
lauten §  254. 

as.  Umlaut  von  w  -f-  ^  oder  r  vor  stimmhaften  Zahn- 
lauten §  256. 

as.  Umlaut  von  ö  (ug.  ö)  -f-  r  §  260. 

hd.  o  §  98  Anm.  2.    §  190  Anm.   1.    §  192  Anm.  2. 

as.  ü  §  100. 

as.  ü   <  lat.-rom.  ö  §  94  Anm.  3. 

hd.  Ä  §  90  Anm.  2.  §  191   Anm.  2  u.  3. 

as.  Umlaut  von  ä  §  102. 

as.  iu  §  104. 

hd.  ü  §  92  Anm.  4.  §  192  Anm.  2. 

4.     Die   Diphthonge. 

as.  e  (ug.  e^)  §  79. 

as.  io  §  107.     Vgl.  §  245. 

as.  iujio  §  104  Anm.   1.    , 

as.  ia,  ißy  i  +  A  -h  Vok.*  §  245,  2  u.  3. 

as.  Umlaut  von  e  (ug.  ai)  §  82  a.     Vgl.  §  83. 

as.  Umlaut   von   ä   im  Praeter,    neim   nahm   u.  s.  f. 

§  76  Anm.  3. 
as.  e,  i  (>  ä,  ä)  im  Praeter,  sreiv  schrieb  §  83  Anm.  2. 

as.  ei  (ug.  aÜ)  §  84.     Vgl.  §  245. 
as.  i  vor  Vokal  diphthongiert  §  243  a. 
as.  Umlaut  von  e  (ug.  ai)  §  82  b. 


161 


Pri  di 


Pri  ou 


Pri  äj/ 


<  4 

<  5 

<  6 

<  7 

<  1 

<  2 

<  3 

<  4 


as.  'id,  ii  -f-  Vokal  diphthongiert  (strichweise)  §  246. 
as.  Umlaut  von  ö  (ug.  ö)  entrundet  §  92  Anm.  2  u.  3. 
as.  Umlaut  von  au  (ug.  auü)  entrundet  (strichweise) 

§  98  Anm.   1. 
hd.  ei  §  82  Anm.  §  88  Anm.  §  121b. 

as.  au  (ug.  aü)  §  73. 

as.  au  (ug.  auü)  §  95. 

as.  6  (ug.  ö)  §  90. 

as.  ü  -<-  Vokal  diphthongiert  §  243  b. 

hd.  au  §  94  Anm.  2.  §  100  Anm. 


1)  as.  euw,  iuw  (ug.  euü)  §  105. 

2)  as.  Umlaut  von  au  (ug.  auü)  §  98. 

3)  as.  Umlaut  von  ö  (ug.  ö)  §  92. 

4)  as.    Umlaut    von    üd,    üi    -f-   Vokal    diphthongiert 

(strichweise)  §  246. 

5)  hd.  eu,  äu  §  97  Anm.  2.  §  102  Anm.  2.  §  104  Anm.  2. 


5.     Die  Konsonanten. 

Vorbem.     Die  stimmlosen  Lenes  v,  s,  g   sind  nicht  besonders 
aufgeführt.     Sie  sind  nach  §  14  zu  beurteilen. 

Prij        <  1)  as.  ^'  §  122.     Vgl.  §  123. 

<  2)  as.  i  4-  Vokal  §  108. 

<  3)  as.  g  §  173  Anm.  2. 

<  4)  as.  g  (strichweise)  §  7,  4  a. 

<  5)  as.  d,  ]>,  d  ^  72  a.  §  158. 

Pri  w      <  as.  w  nach  k,  t,  d,  s  ^  37.  §  128. 

Pri  l       <   1)  as.  /  §  133. 

<  2)  as.  U  §  133.     Vgl.  §  293. 

<  3)  as.  -Id'  §  283  a. 

<  4)  as.  r  oder  r  in  Fremdwörtern  §  138. 

Pri  l       eingeschoben  §  134. 

Pri  F       <  as.  l  vor  stimmhaftem  Reibelaut  §  18,  1.  §  294. 
(langes  l) 

<  as.  Im  §  133. 


Pri  l 

o 

Pri  r 


<  1)  as.  r  §  135. 

<  2)  as.  rr  §  135.     Vgl.  §  293. 

<  3)  as.  -rd-,  -rd-  §  284. 

<  4)  as.  -dr-  §  290. 


<  5)  as.  d^  J?,   d    zwischen    Vokalen   in  jungem    Auslaute 
(strichweise)  §  7,  2  a.  §  158.     Vgl.  §  160. 

Niederdeutsches  Jahrbuch  XXXI.  11 


< 
< 


< 
< 


<, 
< 


162 

Pri  r        <  6)  as.  mnd.  -dd-  §  159.  §  290. 

<  7)  as.  her-  (Vorsilbe)  §  111. 

Pri  f        <   1)  as.  rr  (nach  a)  §  135  Anm. 
(s.  §  40)     <  2)  as.  d,  J?,  d  zwischen  Vokalen  §  158. 

<  3)  as.  r  vor  Lippen-  und  Gaumenlauten  §   136. 

Pri  r       <  r  vor  stimmhaftem  Reibelaut  §  294. 
Pri  r       umgestellt  §  279. 

Pri  m       <  1)  as.  m  §  139. 

<  2)  as.  mm  §  139.  §  29.3. 

3)  as.  -mb'  §  282. 

4)  as.  -md'  §  283  y. 

5)  as.  n  vor  Lippenlauten  §  143. 

6)  a«.  n  im  Auslaut  (sporad.)  §  140  Anm. 

7)  as.  w  in  mdn  nur  §  292. 

Pri  m      <  as.  -md-  §  293. 

Pri  m      <   1)  as.  -|-  Vok.  -+-  n  nach  Lippenlaut  §  143. 

2)  as.  -wen  §  131. 

3)  as.  -bm  §  143.  §  148. 

<  4)  as.  bb  H-  Vok.  +  n  §  147.  §  289. 

Pri  n       <  1)  as.  w  §  141.     Vgl.  §  143. 

2)  as.  nn  §  141. 

3)  as.  -nd-  §  283  ß. 

<  4)  as.  m  im  Auslaut  §  140. 

<  5)  as.  l  (dissimil.)  §  134  Anm.   1. 
angetreten  im.  Anlaut  §  141   Anm.  1. 
eingeschoben  §  144. 

vor  as.  s  und  ]>  §  142. 

Pri  n       <  1)  as.  -nd-  §  293. 

<  2)  as.  n  -h  stimmhaftem  Reibelaut  §  294. 

Pri  n       <  as.  Vok.   -f-  n   nach  Zahnlauten   und    stimmlosen   Spi- 
ranten §  143. 

Pri  y       <  1)  as.  j;  §  145. 

<  2)  as.  -yg-  §  283  S. 

<  3)  as.  n  vor  Gaumenlauten  §  143  Anm.  4. 

Pri  y(y)     <  1)  as.  Vok.  -|-  n  nach  Gaumenlauten  §  143. 

(silben-      <  2)  as.  -inon  nach  Gaumenlauten  §  114,  3  ß. 

bildend)     <  3)  as.  -yg  -f-  Vok.  4-  n  §  175., 

<  4)  -gg  H-  Vok.  4-  n  §  176.  §  289. 

Pri  p       <  1)  as.  j?  §  146. 

<  2)  as.  pp  §  146. 


< 
< 


163 


Pri  p      <  3)  as.  bb  (strichweise)  §  147  Anm.  1. 
<  4)  6  in  Lehnwörtern  §  147  Anm. 
eingeschoben  §  146  Anm.  2. 
ausgefallen  §  146  Anm.  3. 

Pri  J       <  as.  b  (im  Anlaut)  §  147. 


< 


< 


as.  bi'  (Vorsilbe)  §  110,  3  Anm.  2. 
hd.  b  (im  Inlaut)  §  148  Anm. 
p  in  Lehnwörtern  §  146  Anm.  4. 


< 
< 


< 
< 


Pri  V       <  1)  as.  «;  §  126. 

<  2)  as.  b  §  148.     Vgl.  §  151. 

<  3)  as.  b  für  /•  §  151. 

<  4)  as.  hw  §  128. 

<  5)  as.  mnd.  -bb-  §  147. 

<  6)  as.  g  im  Inlaut  (sporad.)  §  177. 

<  7)  /*  in  Fremdwörtern  (inlaut.)  §  151  Anm.  2. 

Pri  jT       <  1)  as.  f  §  150. 

<  2)  as.  /•  für  b  §  149. 

<  3)  as.  p  vor  t  §  146  Anm.  1. 

4)  as.  w  (sporad.)  §  131  Anm. 

5)  hd.  /",  pf  §  151.  §  153. 
eingeschoben  §  153  Anm.  2. 

Pri  ^       <  1)  as.  t  §  154. 

2)  as.  tt  §  154. 

3)  as.  d  im  Auslaut  §  161. 

<  4)  as.  d  im  Inlaut  §  164.     Vgl.  §  158,  3. 

<  5)  as.  ^  +  i  §  286. 

6)  as.  t,  tt  -{-  t  (in  synkopierten  Verbalformen)  §  154. 

7)  as.  te-  (Vorsilbe)  §  110,  4. 

<  8)  hd.  t  §  163.  §  158  Anm.  3.  4. 

Pri  ft     <  as.  t,  tt  -{-  t  bei  jüngerer  Synkope  §  154. 

Pri  t      abgefallen  §  155.    §  168  Anm.  2.    §  287  (sl  <  stl). 
angetreten  §  156. 

Pri  d      <  1)  as.  rf,  {),  d  im  Anlaut  §  157. 

<  2)  as.  d,  {),  d  vor  l  im  Inlaut  §  158.     Vgl.  §  159.. 

<  3)  hd.  d  §  158  Anm.  3. 
ausgefallen  §  158  Anm.  5. 
eingeschoben  §  162. 

Pri  s       <  1)  as.  s  im  Auslaut  §  166. 

<  2)  as.  s  -\'  tj  p,  l,  THj  n,  w  ^  16Ö. 

<  3)  as.  SS  §  167. 

<  4)  as.  hs  §  180. 

<  5)  hd.  s  oder  0  §  156  Anm.  7. 

11* 


< 
< 


164 


Pri  s 
Pri  0 
Pri  ts 


Pri  sjz 
Pri  z 
Pri  s 


Pri  Ä: 


Pri  g 


Pri  3 
Pri  a;;  5^ 


Pri  h 


angetreten  §  171. 

<  as.  s  §  165. 


<  1)  as.  s  im  Anlaut  §  165  Anm.  3. 

<  2)  hd.  z,  fe  §  156  Anm.  7. 


3)  as.  s  nach  ^  §  134  Anm.  2. 
im  Wechsel  mit  r  (grammatisch.  Wechsel)  §  295  a. 

<  französ.  ^  (e,  i)  §  123  Anm.  2. 

as.  sk  §  169. 

as.   s  +   t,  p,  Ij  m,  n,  w   (in   den   Städten)   §  8,  2. 

§  9.     Vgl.  §  168. . 
as.  s  im  Auslaute  nach  Konsonant   §  170  und  Anm. 
hd.  §  §  168  Anm.   1. 
lat.-frz.  ti^  si  -y-  Vok.  §  124  Anm.   1. 

as.  Ä:  §  172. 

as.  hk  §  172. 

as.  g  nach  y  im  Auslaut  §  175. 

as.  -j^  in  fäikif)  Ferkel  §   179  b  Anm.  2. 

as.  g  §  173. 

as.  gi-  (Vorsilbe)  §  110,  2  Anm.   1. 

as.  w  zwiscken  Vokalen  §  130  u.  Anm. 

as.  h   (oder   im  Wechsel   mit  h)   §  295  b,  c   u.  Anm. 

lat.-franz.  J  §  124  Anm.   1. 

ch  in  Fremdwörtern  §  179  b  Anm.  2. 

geschwunden  §  173  b  (in  -rgen);  §  177  (zwischen  Vokalen). 

<  as.  j  zwischen  Vokalen  (?)  §  123. 


<  1 

<  2 

<  3 

<  4 

<  5 

<  1 

<  2 

<  3 

<  4 

<  1 

<  2 

<  3 

<  4 

<  5 

<  6 


< 
< 
< 
< 
< 
< 


1)  as.  5c  §  179. 

2)  as.  g  im  Auslaut  §  174. 

3)  as.  -gg-  §  176.  §  289. 

4)  as.  g  im  Inlaut  (sporad.)  §  173  Anm.  2. 

5)  as.  'ft  vor  ^  §  152. 

6)  hd.  cÄ  §  172  Anm. 


<  1)  as.  h  §  181. 
ausgefallen  §  182. 
angetreten  (im  Anlaut)  §  182  a. 


FRIEDENAÜ  bei  Berlin. 


E.  Maekel. 


Niederdeutsches  Jahrbuch. 


Jahrbuch 


des 


Vereins  für  niederdeutsche  SpracMorscliung. 


Jahrgang  1906. 


XXXII. 


»:jg»)aiaF>z>~zicKiiee<*><g: 


NORDEN  imil  LEIPZIG. 

Diedr.  Soltau 's  Verlag. 

1906. 


Druck  von  DJtidr>  Soltau  in  Nordeo. 


Inhalt. 


Seite 

Die  Mundart  der  Prignitz.    Von  E.  Mackel 1 

II.  Hauptgesetze  für  die  Geschichte  der  Mundart: 

A.  Vokaldehnungen 1 

B.  Vokalkürzungen 17 

C.  Diphthongierungen 22 

D.  Veränderungen  der  Vokale  vor  r 26 

E.  Einwirkung  von  1  -(-  Kons,  auf  vorhergehendes  a 35 

F.  Einwirkung  der  Nasale 36 

6.  Labialisierung 36 

H.  Metathesis 37 

I.  Konsonantenassimilation 38 

K.  Dissimilation 41 

Ij.  Konsonantendehnung 42 

M.  Grammatischer  Wechsel 42 

N.  Satzdoppelformen  und  Sandhierscheinungen 43 

().  Lehnwörter  und  Fremdwörter 45 

III.  Relative  Zeitfolge  der  Lautgesetze 52 

Kinderspiele  und  Einderreime  vom  Niederrhein.     Von  Karl  Caro      ....  55 

Ein  ndd.  Katechismus- Auszug  des  16.  Jahrh.     Von  Conrad  Borchling  ...  78 

Beiträge  zur  Reuter-Forschung.     Von  Wilhelm  Seelmann 81 

Zar  Entstehungsgeschichte  einiger  Läuschen  Reuters 81 

Die  Fliegenden  Blätter  und  andere  literarische  Quellen  der  Läuschen 

Reuters 104 

Fritz  Reuters  Reise  nach  Braunschweig 123 

Diminutiva  in  der  Mundart  von  Cattenstedt.    Von  Ed.  Damköhler.     .     .     .129 

Dat  Törfmakn.    Von.  Heinr.  Carstens 134 

Dat  Klein.    Von  Heinr.  Carstens 136 

Dat  Tegeln.    Von  Heinr.  Carstens 137 

Zu  Meister  Stephans  Schachbuch.    Von  Rob.  Sprenger 138 

Die  Schwalenbergische  Mundart.    Von  R.  Böger 140 


Die  Mundart  der  Prignitz. 

(Fortsetzung,  vgl.  Jahrbuch  31,  65  fif.) 

IL    Hanptgfsetze  fflr  die  Gesehiehte  der  Mundart. 

A.     Vokaldehnungen. 

1.     Tondehnung  in  offener  Silbe,  ausser  vor  r. 

§  183.  Kurzer  betonter  Vokal  in  as.  offener  Silbe  wird  gedehnt. 
Das  Ergebnis  dieser  Tondehnung  ist  in  der  Prignitz  stets  ein  weiter 
(offener)  Vokal,  ausser  vor  r.  Die  Tondehnung  war  bei  Beginn  der 
mnd.  Periode  schon  vollzogen.  Es  werden  gedehnt:  a,  o,  u  zu  ä; 
e,  6,  %  zu  ä\  ö,  ü  zu  &. 

Da  ä  zur  Zeit  der  Tondehnung  noch  Doppelkonsonant  war  (si), 
so  hat  sich  vor  ihm  keine  Dehnung  entwickelt;  daher  maä  Masche, 
vasn  waschen. 

Anm.  1.  In  den  dnrch  alte  Synkope  (§  116,  §  118  Anm.  a)  betroffenen 
Verbalfonnen  ist  der  Vokal  knrz  geblieben,  z.  B.  kümt  kommt,  gift  gibt,  ärift 
schreibt,  süt  schiesst,  grkft  gräbt,  liöi  hütet.  Die  Synkope  mnss  also  vollzogen 
sein,  ehe  die  Tondehnung  eintrat. 

Anm.  2.  Über  das  Nebeneinanderbestehen  von  kurzem  und  gedehntem 
Vokal  oder  über  Beseitigung  solcher  Doppel  formen  durch  Ausgleich  innerhalb 
der  Deklination  und  Konjugation  s.  §  195  if. 

As.  a. 

§  184.  a  >  5,  z.  B.  mäky  (as.  makon)  machen;  väky  (as.  wakon) 
wachen;  läk  f.  Lake,  Salzbrühe;  zäk  Sache  (mehr  in  Meckl.  als  in 
Pri,  wo  das  hd.  zax  stark  vordringt);  ääk  f.  (vgl.  mnl.  schäkel^  ags. 
scacul^  ne.  shackle)  Glied  einer  Kette;  bräk  f.  Flachsbreche;  stäky  m. 
Staken,  Stange,  dazu  «/*-,  up-stäky  mit  der  Heugabel  Stroh,  Heu  ab-, 
aufladen;  häky  m.  (as.  hako)  Haken;  hläky  russen  von  der  Lampe; 
dp  Aflfe;  sräpm  schrapen,  stark  schaben;  räpm  raffen;  lät  (as.  ^lato^ 
mnd.  läte^  Adv.  zum  Adj.  as.  lat  saumselig,  spät)  spät;  fätn  fassen; 
drä-y  tragen;  klä-y  klagen;  mä-y  m.  (mnd.  mäge  f.,  selten  m.)  Magen; 
jo-j^  jagen;  säm  (as.  skavan)  schaben;  gräm  m.  Graben;  ^rJm  graben; 
häm  m.  (as.  havan)  Hafen,  Topf;  läm  laben;  dräm  traben;  ^Jr,  ädfn 
Schade,  schaden;  vdfn  waten;  7när  f.  (as.  mapo  schw.  m.  Wurm,  Made) 
Made;  bäfn  baden;  Bär  (zu  as.  *badu  Kampf)  Bade,  n.  pr.;  läfn  fas.  hladan 
st.  Zw.  wohinlegen)   laden;    läjtn  (as.  hladian)  einladen;    blärn   (mnd. 

Niederdeutsches  Jahrbncb  XXXII.  1 


bladen)  Blätter  von  Kohl,  Runkeln  zu  Fütterungszwecken  abstreifen; 
grdm  grasen;  fdktcäzn  (mnd.  qiiaseti  schlemmen)  verschwenden;  mäln 
malen;  man  mahnen;  häln  (as.  halon)  holen;  fiäm  Name;  ääm  f.  (as. 
skama)  Scham,  Üffdäämt  ausverschämt;  hdm  (zu  as.  hämo  Kleid,  Hülle, 
mnd.  häm  ElüUe,  Nachgeburt)  Nachgeburt;  swän  Schwan;  dazu  wohl 
swä^  Vb.  imp  (mnd.  suänen)  vorgefühlt  werden;  hän  Hahn;  befäln 
bezahlen;  zik  väln  (mnd.  wälen)  sich  wälzen;  gräm  Gram;  fän  f. 
(mnd.  vane  schw.  m.)  Fabne;  länkzäm  (as.  langsamo  lange)  langsam; 
nKv  f.  (mnd.  näve^  vgl.  ags.  nafu)  Nabe;  zh,g  f.  (mnd.  säge^  vgl.  ags. 
sagu)  Säge;  vk§  (as.  loaga  Wiege)  Wage;  kämä  (as.  kamara,  mbr. 
kämer  <  lat.  camera)  Kammer;  dräk  f.  (mnd.  dräke  =  lat.  draco) 
Drache,  eine  im  Volksglauben  eine  Rolle  spielende  Feuererscheinung; 
plätn  Kuchenblech    (mnd.  pläte\    zu  mlat.  plattus  <  griech.  TrXaTi»;?). 

Anm.  1.  Gehört  gätlix  recht  leidlich  za  mhd.  geteUx  passend,  angemessen, 
und    fäxäky  verlegen,  verbringen  zn  as.  farsakan  versagen,  verlengnen? 

Anna.  2.  Es  ist  schwer,  hochdeutsche  Lehnwörter  zn  erkennen,  da  hd.  ä 
meistens  ohne  weiteres  ä  gesprochen  wird  (vgl.  §  71,  Anm.  1.).  So  stammen 
einige  der  oben  aufgezählten  Wörter  vielleicht  ans  dem  Hd.,  wie  gräm  in  der 
Bedeutung  Gram,  fän  in  der  Bedeutung  Fahne.  Sicher  hd.  sind  tsäl  Zahl, 
tsäln  Zahlen,  dann  däl^  Taler,  mäkl  Makel,  die  beide  im  Mnd.  noch  nicht  belegt 
sind,  und  täfl  Tafel,  da  as.  iafla^  mnd.  iafel,  taffei  <  mlat.  "^tavla  <  tabula  wohl 
tafl  ergeben  hätten  (vgl.  Heilig  §  71,  Anm.  3);  es  wird  zugleich  mit  grifl 
Griffel  der  Gemeinsprache  entlehnt  sein.  Hd.  sind  ferner  satn  Schatten  (as.  scado, 
mnd.  seh&de)  und  raxn  Rachen  (vgl.  ags.  hracü).  Beeinflussung  durch  das  Hd. 
ist  auch  wohl  bei  grär  grade  anzunehmen  (mnd.  g(e)rade  rasch,  sofort). 

Äs.  e. 

§  185.  As.  e  >  ä,  z.  B.  bäk  f.  (as.  bekt)  Bach;  stär  f.  (as.  stedi  f.) 
Stätte,  Stelle;  nä$  f.  (mnd  nese^  vgl.  me.  (dial )  nese  neben  näse)  Nase; 
rar  f.  (as.  re^i  f.  oder  re^ia  f.)  Rede;  rärn  (as.  redion)  reden;  geMg 
n.  Gehege;  dazu  inhä-y  einhegen,  uphä-y  (mnd.  hegen  umzäunen, 
retten,  sparen)  aufbewahren;  bätd  besser;  bätdn  (as.  betiron)  bessern; 
jä-y  (as.  gegin,  mnd.  jegen)  gegen;  rä-y  regen;  vätän  (mnd.  wetereti) 
wässern,  tränken  (Vieh);  stärd  (mnd.  steder)  Städter;  grävä  (mnd. 
gr6ver)  Gräber,  Späten;  stä^  (mnd.  stenen)  stöhnen;  bäziyk  (vgl.  mnd. 
beseke,  got.  bast)  Beere,  bes.  von  Johannis-  und  Stachelbeeren  gesagt; 
däxlix  (mnd.  degelich  neben  dagelich)  täglich;  nädr^gä  nachtragend; 
gräzix  (vgl.  mnd.  greselich)  grässlich;  zik  ääm  sich  schämen;  zik  räkln 
(zu  mnd.  reken  =  recken  sich  recken  und  strecken,  oder  zu  mnd. 
rekel  grosser  Bauernhund)  sich  faul  und  bequem  hinlegen;  ßämi 
gewaltig  (z  B.  ßämän  keadl  riesiger  Mensch  (=  mnd.  vlamesch  flämisch; 
ägt  f.  (as.  egi^^a)  Egge  (in  SPri);  hämln  einen  Bock  zum  Hammel 
machen. 

Anm.  1.     Über  -ege-  >  S  s.  §  177. 

Anm.  2.  Min  ekeln,  Mlix  eklich  wird  von  Kluge  im  Wb.  zu  germ. 
*aikla  gestellt.     Dem  widerspricht  &:   ai  Hesse   in  unserer  Ma.  e,   höchstens  ei 


erwarten  (§  81  f.).  Ich  möchte  lieber  an  mnd.  eken  eitern,  ekich  eitrig,  oder 
an  ags.  ece  Schmerz  denken.  —  Mutterseelenallein  heisst  in  unserer  Ma.  möut' 
^Uixale*n :  ist  das  eine  Entstellung  des  hd.  Ausdrucks,  od.  vielmehr  dessen  Quelle  ? 

Anm.  3.     deije^nix  derjenige  (mbr.  jenick,  jennich)  ist  hochdeutsch. 

§  186.  Neben  ä  erscheint  ein  jüngerer  Umlant  ä,  besonders 
wenn  eine  umlautslose  Form  daneben  besteht  (vgl.  §§51  und  77); 
z.  B.  snkvl  neben  snävls  (mnd.  snevele)  Schnäbel;  swin  Schwäne;  nkgl 
(mbr.  negele)  Nägel;  näm  Namen;  ^ä/ Säle;  rar  Räder  (§  197);  hlkkän 
durch  Rauch  schwärzen;  infkrn  einfädeln.  Mentz  stellt  Ikzich  (mnd. 
hmhf  losich)  kraftlos  zu  franz.  las  müde  (Französ.  im  meckl.  Platt  IT, 
Beilage  zum  Jahresbericht,  Delitzsch  1998).  Wie  mir  scheint,  mit 
Unrecht.  Gehört  es  nicht  vielmehr  zu  got.  lasiws^  ags.  leswe  kraftlos? 
fllkrich  flatterhaft  halte  ich  für  verwandt  mit  ags.  flacm*  beweglich. 
klktän  rasseln,  klappern,  lässt  sich  zu  ndl.  klateren^  ml.  clateren  stellen, 
klUä-nat  bis  auf  die  Haut  durchnässt  könnte  zu  ndd.  klater  Dreck 
gehören  (in  unserer  Ma.  nicht  mehr  vorhanden),  aber  auch  bedeuten : 
so  nass,  dass  die  Tropfen  auf  den  Boden  fallen.  In  kvä  aber  (mnd. 
aver,  over  aber,  sondern,  wiederum)  scheint  unorganischer  Umlaut 
Torzuliegen,  OPri  sagt  übrigens  meistens  (iber  (hd.).  Bei  swklk  Schwalbe 
(auch  bei  klktän  und  Ikzich?)  liegt  Labialisierung  von  ä  >  k  vor, 
8.  §  277  b. 

As.  ^. 

§  187;  As.  e  >  5,  z.  B.  ätn  essen,  spräky  sprechen  u.  and.  st. 
Ztw.  der  Kl.  IV  und  V  (§  375,  377);  zätn  gesessen;  häry,  (as.  hedon) 
beten,  dazu  här-stun  (vgl.  mnd.  hedevart  Wallfahrt)  Bet-  d.  i.  Kon- 
firmandenstunde; swäm  schweben;  fä-y  (as.  vegon  putzen)  fegen,  eilig 
laufen;  swäln  schwelen,  langsam  verbrennen;  käl  f.  Kehle;  välix  (zu 
as.  wel^  wela  wohl,  vgl.  as.  welag  wohlhabend,  mnd.  uelix  wohlich) 
übermütig,  kraftvoll;  lävix  (vgl.  as.  levendich)  lebendig  (§  413, 
Anm.  1);  näm  (as.  an-ehan)  neben;  räky  rechnen  u.  a.,  s.  §  114,8; 
däkä-vöä  {däkä  <  mnd.  deker  <   lat.  decüria  zehn  Stück)  Dutzendware. 

Anm.  1.  Da  anch  as.  kurzes  i  io  offener  Silbe  >  E  wird  (§  188),  so  ist 
in  manchen  Fällen  nicht  genaa  festzustellen,  ob  ä  auf  i  oder  e  beruht.  Im  As. 
kommt  gihan  neben  g'ehan  vor  (vgl.  Schlüter,  Ndd.  Jb.  XVII,  153),  und  niman 
ist  sogar  weit  häufiger  als  n'eman  (Schlüter,  Ndd.  Jb.  XVIII,  161);  nach  §  207 
kann  /Im  leben  ebenso  gut  von  as.  libbian  wie  von  as.  lebon  kommen.  Die 
wichtigsten  dieser  zweifelhaften  Fälle  sind:  g^m  (as.  g'ehan,  gihan)  geben; 
nlm  (as.  niman,  neman)  nehmen;  Ikm  (as.  libbian,  lehon)  leben;  ktkm  (as. 
Hibon,  kl'ehon  festhalten,  Wurzel  fassen)  kleben;  vkxlk  m.  (mnd.  w^seliß), 
weselken  n. ;  vgl.  ahd.  unsala  und  ags.  w'esle)  Wiesel;  l%.vä  f.  (mnd.  l^ver,  vgl. 
ahd.  l'ebara  und  ags.  lifet^)  Leber;  tU  f.  (mnd.  teke  (as.  tika?),  vgl.  mhd.  zecke 
und  ne.  tick,  tike)  Zecke,  Schaflaus. 

Anm.  2.  Hochdeutsch  ist  re^/ Regel;  möglicherweise  auch  ^E^/,  ^a^/», 
da  as.  s'egel,  s'egalan  wohl  xeiln  ergeben  hätte  (vgl.  §  177;  mnd.  segelen,  seilen, 
s%gel,  seü',  Richey,  Idiot.  Hamb.  seilen);  ^ä-^  sehnen  (doch  mnd.  senentUken 
voll  Sehnsacht) ;  tr^rn  in  üptr^rn  auftreten,  trotz  as.  iredan ;  treten  heisst  sonst 
pem,  §  159. 

1* 


As.  i. 

§  188.  As.  »  >  mnd.  e  >  ä^  z.  B.  frär  (as.  fri^u)  Friede;  smärn 
(as.  smij^n)  schmieden;  smär  f.  (mnd.  smide  <  as.  ^smiHa,  vgl.  rar  < 
redia  und  Holthausen,  As.  £1.  §  208);  slärn  m.  (mnd.  slede^  vgl.  an. 
sMi  und  sfedi)  Schlitten;  snär  f.  (mnd.  snede)  Brotschnitte;  swäp  f. 
(mnd.  swepe,  vgl.  ags.  swipu)  Peitsche;  ^Ä^  m.  (mnd.  schale)  Schiss; 
kwäk  f.  (vgl.  mnd.  queken  triticum,  and.  quik  lebendig  und  ags.  ctvice 
Unkraut);  räp  f.  (mnd.  repe)  Riffel;  vär  f.  (mnd.  wBde,  vgl.  afries.  tvithe) 
zum  Binden  und  Flechten  dienende  Rute,  bes.  von  Weidenreisern; 
sträk  f.  (vgl.  mnd.  streke  Strich,  ags.  strica  Strich,  Linie)  ein  Werk- 
zeug, mit  dem  die  Sense  ^gestrichene,  d.  i.  geschärft  wird;  sträky 
(mnd.  streken)  den  Acker  stürzen;  bätn  <  hätken  (§  286)  (zu  as.  biti^ 
mnd.  hete  Biss)  bischen ;  splät-holt  (mnd.  spWe  Spliss)  Spleetholz ;  trär  f. 
(mnd.  trede  m.  Tritt,  Stufe)  Trittbrett  am  Webstuhl;  zkv  n.  (mnd.  seve^ 
vgl.  ags.  sife)  Sieb;  iät?  (mnd.  scheve,  vgl.  ne.  shive  und  shiver)  Splitter 
(Abfall)  der  Hanf-  und  Flachsstengel;  tie  f.  (mnd.  teve,  vgl.  ags.  tife) 
Hündin;  d&g  f.  (mnd.  dege  Gedeihen,  tüchtig)  Gedeihen,  beginnt  zu 
veralten;  dsizn  vfohl  värd-dSigs  störrisch,  widerspenstig  (vgl.  aber  mnd. 
wedder-dedinge  <  degedinge  Widerspruch)  und  dägän  (mnd.  degerj 
degeren  Adv.  völlig)  sehr,  stark;  gräps  (zu  mnd.  grepe  Griff)  raff- 
süchtig; bät^  (mnd.  betesch)  bissig;  zäln  m.  (mnd.  sele  f.  Riemen; 
Sielenzeug)  Sielenzeug;  lä-n  (as.  hlinon)  lehnen,  dazu  län  f.  Lehne; 
släpm  (mnd.  slepen  <  as.  *slipon^  im  Ablaut  zu  sUpan  schleifen) 
schleppen ;  dräm  (as.  *drihon,  im  Abi.  zu  drihan  treiben)  läufisch  sein 
(von  der  brünstigen  Hündin);  bä-vän  (zu  as.  bihon)  beben;  nä-y  (as. 
nigun);  päk  f.  (as.  ^piki)  Salzbrühe;  daher  wohl  nach  §  412  päklfles 
Pökelfleisch,  vgl.  aber  §  221);  in-päkln  (mnd.  pekelen)  einpökeln;  däl  f. 
(mnd.  dele,  vgl.  as.  ^ili^  Petrier  Glossen,  bretterne  Erhöhung,  ags.  pile) 
Flur,  Fussboden  (nicht  nur  von  Brettern,  z.  B.  ä&n-däl  Scheuntenne) 
niemals  Brett,  s.  Damköhler,  Ndd.  Jb.  XV,  51,  der  däl  Flur  und  däl 
Brett  voneinander  hält.  Hierher  gehören  die  Partiz.  Praet.  der  st. 
Ztw.  I,  z.  B.  bätn  (as.  gibitan)  gebissen  (§  367).  Veraltet  ist  twään 
Zwillinge  (mnd.  tweseke,  vgl.  sls,  gittvisan);  dafür  jetzt  halbhd.  ^i/^tV/ij^A:. 
As.  *unsa,  mnd.  uese  Wiese  (so  auch  mbr.  neben  wische  <  *wtska  §  232) 
ist  erhalten  in  wäs-bötn  Heubaum,  für  das  die  nordwestl.  Ecke  der 
Pri  (mit  Boberow)  bäsböm  sagt  (§  126  Anm.).  Interessant  ist  auch 
vä'Vin  Ackerwinde,  Convolvuli^  arvensis,  eigentlich  Holz  winde:  vävin  < 
mnd.  wedemnde  Zaunwinde,  ligustrum  (§  115,5),  dieses  <  as.  *widu' 
winda  (vgl.  as.  widuhoppa  Wiedehopf,  ags.  wuduwinde^  und  Walther, 
Ndd.  Jb.  XVIII,  138).  tskg  f.  (mnd  tzege^  sege  <  ahd.  ziga\  das  as. 
Wort  war  gel)  Ziege,  ist  eins  der  ältesten  Lehnwörter  aus  dem 
Hochdeutschen. 

Anm  1.  Neben  .^Ä'ä^  existiert  tsik  <  ahd.  zicchi,  neben  ^^/n  das  halbhd. 
biiän  bischen,  neben  t^vfi^näin  ^5»/*  weibliches  Kaninchen,  Lamm.  Hochdeutsch 
sind  ferner:  a)  kitl  (vgl.  mnd.  kedele)  Kittel;  vitvi,  vitve  (gewöhnl.  vüfrou) 
Wifwer,  Witwe  (vgl.  as.  ividowa,  mnd.  wedewe)^  grif  (mnd.  grepe)  Griff,  vox  f. 


(as.  tüikaj  mnd.  weke)  Woche,  xixSi,  fOr  zäki  sicher  (§  221);  wahrscheinl.  aach 
^177?/  Himmel  (mbr.  hemelj  henimel  und  himmel)  und  bilt  Bild:  as.  bili^i  masste 
mnd.  beide  ergeben,  was  auch  die  gewöhnliche  Form  im  Mbr ,  so  immer  in 
mcbeldCj  ist  (Granpe  S.  15);  vgl  auch  mnl.  beeide,  —  b)  xlx,  xi9  Sieg,  siegen 
(mDd.  seghe)\  zigl,  zigln  Siegel,  siegeln  (mnd.  seghel,  segeln  <  lat.  sigülum; 
schon  mbr.  sigel  vielfach  statt  segel);  rts  (mnd.  rese  <  as.  tvrist  Riese); 
siß  Schiefer;  strigl  f.  Pferdestriegel;  sin  Schiene;  n^/ Riegel,  spls  (mnd.  spet) 
Spiess;  las  Kies;  smgkmud^  Schwiegermutter;  blbl Bibel;  neben  let  (§  197  Anm.  2) 
steht  das  hd.  ght  Glied. 

Anm.  2.  Für  das  Meckl.  kommen  noch  fäl  viel  und  spain  spielen  in 
Betracht;  über  die  entsprechenden  labialisierteu  Formen  der  Pri  /ä/,  spkln,  wie 
auch  über  z&m  7  vgl   §  277  b. 

Anm  3.  Das  e  in  vetn  wissen  (für  väln  <  as.  witan)  stammt  aus  dem 
Sing.  Praes.  tvet  (as.  wet^  e  <  a%). 

Anm.  4.  As.  imu  ihm  masste  äme,  inu  ihn  äne  ergeben.  Ersteres  ist 
infolge  häufiger  Tonlosigkeit  und  enklitischen  Gebrauches  über  em  (so  Meckl.) 
zn  km  geworden  und  vertritt  auch  den  Akkus,  (vgl.  §  347). 

Über  andere  sekundäre  Verkürzungen  von  <!>e,  Hs.  §241. 

As.  0. 

§  189.  As.  0  >  mnd.  ö,  a  >  d,  z.  B.  d-m  Ofen;  dprn  oflfen; 
sprät  f.  Leitersprosse;  kdtn  m.  (mnd.  köte  n.  f.)  Tagelöbnerhaus; 
2äl  f.  (as.  sola  Fusssohle)  Stiefelsohle;  bd-y  ra.  Bogen;  kldm  (as.  kloho) 
Kloben  Holz;  gespaltener  Huf;  bdl  f.  (mnd.  böte,  vgl  an.  io/r  Stamm) 
Bohle;  bdr  Bote;  kndky  Knochen;  swlns-kdm  (mnd.  köve{n)  Hütte, 
Verschlag,  vgl.  ags.  cofa  Gemach)  Schweinestall;  kdl  f.  (mnd.  köle) 
Kohle;  gräpm  m.  (mnd.  gröpe)  kesselartiger  Topf;  bdm  oben;  Idm 
loben,  geloben;  rdru  (mnd.  roden)  roden,  reuten;  fdln  fohlen;  kdky 
(mnd.  koken  <  mlat.  coc«r^  für  coquere)  kochen.  Hierher  gehören  die 
Partiz.  Praet.  der  st.  Ztw.  II,  z.  B.  gdfn  gegossen  (§  369  f.)  und  der 
St.  Ztw.  IV,  z.  B.  stdln  gestohlen  (§  375). 

Anm.  1.  vol  wohl  ist  entweder  entstanden  aus  as.  wel  (man  würde  aller- 
dings völ  erwarten  §  277a)j  oder  aus  einem  Eompromiss  zwischen  as.  wel  nnd 
wola,  oder  es  verdankt  sein  kurzes  o  seiner  häufigen  Tonlosigkeit. 

Anm.  2.  Der  Umstand,  daas  ä  auch  =  hd.  ä  ist  (§  71),  hat  veranlasst, 
dass  gi'dpm  und  kdtn  falsch  zu  gräpen^  kkten  verhochdeutscht  sind ;  richtiger 
wäre  gr^peUf  köten. 

Anm.  3.  Hd.  Ursprungs  sind  a)  hofn  (mbr.  höpen)  hoffen;  got  Oott, 
(len.  gots  (mnd.  gädeSj  immer  ghdes  geschrieben,  s.  Anm.  3).  b)  iöm  (as.  dohon 
rasen)  toben;  gevö'nt,  gevö'nJAit  gewohnt,  Gewohnheit;  gebot  Gebot  (biblisch), 
vgl.  §  197,  Anm.  3;  /n9S,  höxn  Hose,  Hosen  (mnd.  höse  Strumpf),  doch  findet 
sich  das  lautgesetzliche  hdxy.  noch  in  SPri,  in  NPri  nur  in  der  veraltenden, 
weil  nicht  mehr  verstandenen  Redensart:  hei  f^-xüpt  nox  hdzn  un  vamxn 
er  vertrinkt  noch  Hose  und  Wams.  —  Die  echte  mnd.  Form  für  „oder"  scheint 
edder  gewesen  zu  sein.  Aber  gerade  in  mbr.  Urkunden  (Tümpel,  Ndd.  St.  S.  24) 
findet  sich  dafür  häufig  odder  und  oder^  wohl  unter  hd  Einfluss.  Dem  odder 
entspricht   die   heutige   Aussprache   orll,  dem   oder  die   Aussprache   örl.     Doch 


scheint  edder  fortzuleben  in  Ansdrflcken  wie  stükSif  8tük9fA  axt  gegen  acht  Stück; 
puntl^,  puntdrA  nÄ-»  ungefähr  9  Pfund;  jö'drtA  xk-m  ungeföbr  7  Jahre, 
Uok9rA  zSi-m  gegen  7  Uhr  u.  s.  f.  Nach  Höfer  Qerman.  XIV,  209  ist  stük^y 
sWksnk  axt  aus  en  stück  edder  acht  entstanden.  Doch  könnte  dieselbe  Ver- 
kürzung auch  aus  oder  entstehen,  s.  Grimm,  Dt.  Wb.  III,  114. 

Anm.  4.  Wie  auf  der  Wenkerschen  ,schlafen^ -Karte  die  Mecklenb. 
Landesgrenze  ein  nördl.  schUpen-Qehiet  von  einem  südl.  schloapen-Gehiet  trennt, 
so  auf  der  ,Ofen'- Karte  ein  nördl.  o^^n- Gebiet  Ton  einem  südl.  o6en- Gebiet. 
Ich  habe  schon  §  71,  Anm.  2  darauf  hingewiesen,  dass  bei  beiden  Wörtern  in 
beiden  Gebieten  ä  gesprochen  wird,  dass  es  sich  also  gar  nicht  um  einen 
lautlichen,  sondern  um  einen  graphischen  Unterschied  handelt.  Ebenso 
wenig  aber  haben  wir  es  mit  einem  Lautwandel,  mit  einer  „ Senkung  des  o  zu  a' 
(Lübben  S.  15,  Graffunder,  Ndd.  Jb.  XIX,  S.  132  f.,  Tümpel,  Ndd.  St.  S.  22  f.) 
zu  tun,  wenn  in  mnd.  Urkunden,  mit  dem  14.  Jhd.  anfangend,  in  immer 
zunehmendem  Masse,  für  tonlanges  ö  ä  geschrieben  wird,  z.  B.  gsdes  Gottes, 
kpen  offen,  spr&ken  gesprochen.  Es  handelt  sich  hier  sicherlich  nicht  um  einen 
Lautwandel,  sondern  um  einen  Wandel  in  der  Schreibung.  Tonlanges  o  war 
schon  im  Mnd.  sicher  weites  d,  und  dieses  ä  wurde  durch  o,  das  Schriftzeichen 
auch  für  enges  ö  <  au  nur  sehr  ungenau  wiedergegeben.  Jedenfalls  eignete 
sich  von  Yorneherein  ä  ebenso  gut  wie  ö  zur  Wiedergabe  des  d.  Nun  aber 
nahm  noch  dazu  im  grössten  Teil  Niederdeutschlands  sowohl  altes  wie  tonlanges  ä 
immer  mehr  eine  o-Färbung  in  seiner  Aussprache  an,  und  wir  dürfen  annehmen, 
dass  im  16.  Jahrb.  ä  schon  ä  gesprochen  wurde.  Was  lag  da  näher,  als  in 
diesen  Gegenden  nunmehr  ä  mit  seinem  neuen  Lautwert  auch  zur  Darstellung 
des  ä  <  0,  u  zvL  verwenden? 

Umlaut  zu  o. 

§  190.  Mnd.  o  >  a,  z.  B,  kktnd  (mnd.  kStenere)  Kätner;  knkkan 
knöchern;  b&mlst  oberste;  tkgdn  zögern;  stkkAn  (vgl.  mnd.  stöken) 
stochern;  pktdn  (vgl.  ndl.  potei'en^  peuteren  in  etwas  herumstören) 
Obst,  Nüsse  mit  der  Stange  abschlagen;  nkln.  (vgl.  ndl.  neutelen)  trödeln; 
rky  (mnd.  rogen)  Rogen;  mkglix  (mnd.  mogelik)  möglich;  krkt  in  lüt 
krkt  kleiner  Kerl,  krktix  klein,  aber  keck. 

Anm.  1.  Als  hochdeutsch  erweisen  sich  durch  ihr  6:  8/  Öl;  Mflix 
höflich;  A;8^ä  (mnd.  h^terhurU^  A;5^er),  das  zu  kdtn  Katen  und  kktrA  gehört. 


As.  w. 

§  191.  As.  w  >  mnd.  ö  >  5,  z.  B.  kd-m  (as.  kuman)  kommen, 
gekommen;  ndni,  (as.  gi-numan)  genommen;  fdgl  m.  {a,s,  fugal)  Vogel. 

Anm.  1.  Es  lässt  sich  nicht  immer  erkennen,  ob  einem  d  as.  u  oder  o  zu 
Grunde  liegt:  vdn  wohnen  kann  gleicherweise  auf  as.  vmnon  als  wonon,  frdm 
fromm  (von  Tieren),  mnd.  vrhme  auf  as.  fruma  und  froma  (s.  §  205)  zurückgehen. 

Anm.  2.  Hochdeutsch  sind  a)  vielleicht  xom^  Sommer,  da  as.  sumar, 
mnd.  sömer  hatien  xdmSk  erwarten  lassen.  Vgl.  aber  §  241.  b)  siüv  f.  (mbr. 
Ä/öt'ß)  Stube ;  jnr  m.  (as.  judeo,  mnd.  jode)  Jude ;  kügl  Kugel,  ^üb/,  dä»t  (mbr. 
jöget,  döget)  Jugend,  Tugend ;  pmü  Pudel. 


Anm.  3.  Merkwürdig  ist  htvl  Hobel  (mnd.  hZvel,  holst,  /rät;/;  aber 
Glflckstadt  hnwl),  Haben  wir  es  hier  mit  einer  verkehrten  Verhochdeutschnng 
des  als  plattdeutsch  aufgefassten  hd.  höbet  zu  tun?     Vgl.  §  302,  Anm.  1. 

Umlaut  von  as.  u. 

§  192.  Mnd.  o  >  i,  z.  B.  fkffl  Vögel,  hk§  m.  (as.  huffi  Gedanke, 
Gemüt)  Freude,  dazu  zik  hky  sich  freuen  (§  207);  lk§  f.  (as.  lugina 
§  337)  Lüge;  dkzix  (mnd.  dosich,  vgl.  ags.  dysig)  dummerhaft,  dazu 
dhzn  zwecklos  umhergehen;  bkn  ra.  (as.  6wwt,  mnd.  bone  u\.  f.)  Decke, 
Boden,  Speicher;  zkg  f.  (as.  suga^  mnd.  söge)  Sau;  z&n  (as.  swwtf, 
mnd.  sow^)  Sohn;  dr&n  (mnd.  dronen  dröhnen,  vgl.  an.  drynja  brüllen, 
ndl.  dreunen)  1.  dröhnen,  2.  langweilig  und  unverständig  schwatzen; 
snkv  m.  (vgl  mnd.  snove,  zur  Wz.  snnb  schnauben)  Schnupfen;  grktm. 
(as.  *grutij  belegt  ist  gnot^  vgl.  mhd.  grüz)  steiniger  Kiessand;  mSiff 
(as.  mugan)  mögen;  dky  (as.  dugan)  taugen  (der  Umlaut  stammt  aus 
dem  Optat  mugin^  dugin);  kzl  f.  (mnd.  ösele^  vgl.  ags.  ysle  und  mhd. 
mele)  glimmende  Lichtschnuppe. 

Anm.  1.  In  folgenden  Wörtern  ist  nicht  klar  zu  erkennen,  ob  ü  oder  ö 
zii  Grande  liegt:  ght  f.  Ansgnss,  Gosse  (mnd.  gMe  könnte  anf  as.  *guti  zurück- 
geben);  kv%  ttber,  kvlix  übrig  (as.  ohar,  aber  auch  uhar^  vgl.  an.  yfer,  ahd. 
uber)\  kkk  f.  Küche,  dazu  kkks  Köchin  (mlat.  cochva  <  coquina  m^sste  as. 
*kukma  (vgl.  ags  cycene)  ergeben;  belegt  ist  nur  koka  (Freckenhorst.  Heberolle); 
mnd.  kMene,  k^ke  s.  §  337);  fKnun^k  Wohnung  f.  (mud.  wöninge)  s.  §  191,  Anm.  1. 

Anm.  2.  Hochdeutsch  sind  a)  hüps  hübsch;  b)  k^nix  (as.  kuning, 
mbr.  k^ningj  k^nig))  prügln  prügeln. 

Anm.  3.     Über  h  verkürzt  >  ö  s.  §  241. 


2.     Tondehnung  in  oflFener  Silbe  vor  r. 

§  193.  Kurzer,  betonter  Vokal  in  as.  offener  Silbe,  wenn  die 
folgende  Silbe  ursprünglich  mit  einem  r  beginnt,  wird  ebenfalls 
gedehnt,  aber  zu  einem  engen  (geschlossenen)  Laut.  Es  werden 
gedehnt:  a,  o,  w  >  ö;  e,  e\  i  >  e\  ö,  ü  >  o,  z.  B.  vöän  (as.  waron) 
dauern  (von  Obst);  neän  (as.  nerian)  nähren;  be-g^dn  (as.  geran) 
begehren;  eä  (as.  tVo,  ira)  ihr;  böän  (as.  boron)  bohren;  bodn  (as. 
burian)  tragen,  heben. 

Näheres  s.  im  Kapitel  von  den  Veränderungen  der  Vokale 
durch  r  §§  248  ff. 


3.     Tondehnung  in  geschlossener  Silbe. 

§  194.  Kurze,  betonte  Vokale  in  geschlossener  Silbe  werden 
in  unserer  Ma.  lang  nur  a)  vor  r  im  Auslaut  oder  vor  r  -f-  stimm- 
haftem Zahnlaut,  b)  sporadisch  anscheinend  vor  st.  Das  Ergebnis 
ist  vor  r  dasselbe  wie  im  §  193.     Beispiele:    B),böd   (as.    bar)   bar; 


8 

födt  (as.  fard)  Fahrt;  sp^d  (as  spar)  Speer;  v^dt  (as.  werS)  Wert; 
tw^dn  Zwirn;  död  (as.  dor)  Tor;  vödt  (as.  word)  Wort;  hodn  (as  hörn) 
Hörn;  fdtodn  erzürnen.  Näheres  s.  §  264  fF.  b)  plästd  m.  (mnd. 
plaster^  as.  plaster,  für  das  Holthausen,  As.  El.  §  89,  u.  Wadstein, 
Glossar,  m.  E.  mit  Unrecht  plastar  ansetzen,  vgl.  ahd.  pfl^tar  <  mlat. 
plastrum  <  gr.-lat.  etnplastrum  Wundpflaster);  dtsl  m.  (as.  pistil) 
Distel;  kndsddn  prasseln;  räsddn  rasseln.  Über  Vokaldehnung  vor  st 
im  Englischen  vgl.  Morsbach,  Mengl.  Gr.  S.  82. 

Anm.  lulant.  st  wurde  zur  folgenden  Silbe  gezogen  (vgl.  Morsbach, 
Me.  Gramm.  §  62).  Das  ist  auch  der  Grund,  warum  vor  st  niemals  Verkürzung 
eingetreten  ist,  z.  B.  jrresti  Prediger. 


4.     Lautgesetzlicher   Wechsel   zwischen   kurzem   und   langem    Vokal. 

§  195.  In  der  Flexion  des  Nomens  und  des  Verbums  mussten 
vielfach  innerhalb  desselben  Paradigmas  Formen  mit  langem  und  mit 
kurzem  Vokal  entstehen,  je  nachdem  der  Vokal  in  offener  oder  in 
geschlossener  Silbe  stand.  Diese  Doppelformen  sind  noch  in  vielen 
Fällen  erhalten. 

a.  In  der  Deklination.  §  196.  Bei  Haupt-  und  Eigenschafts- 
wörtern, die  auf  einen  einfachen  Vokal  ausgingen,  musste  in  der 
unflektierten  Form  der  kurze  Vokal  erhalten  bleiben,  in  der  flektierten 
Form  aber  der  lange  Vokal  eintreten.  Das  ursprüngliche  Verhältnis 
ist  noch  in  vielen  Wörtern  bewahrt,  mit  der  Beschränkung  jedoch, 
dass  jetzt  der  ganze  Singular  die  Kürze,  der  ganze  Plural  die  Länge 
aufweist.  Ursprünglich  aber  fand  auch  im  Singular  ein  Wechsel  statt, 
indem  der  Gen.  und  Dat.  langen  Vokal  zeigen  musste:  mnd.  schip 
Schiff  wurde  in  der  Einzahl  abgewandelt:  schip,  schepes,  schepe,  schip. 
Dieser  Wechsel  musste  schwinden  mit  dem  Untergang  eines  organischen 
Genetivs  und  Dativs  (§  317).  Er  erscheint  aber  noch  heute  in  einigen 
erhaltenen  isolierten  Resten  der  beiden  Casus  (§  198  und  §  318). 

a)  Hauptwörter.  §  197.  dag  (as.  dag)  Tag  —  dkgTsige;  Uix  n. 
(mnd.  lax)  die  für  jeden  Dreschgang  auf  der  Tenne  ausgebreitete 
Schicht  aufgelöster  Garben  —  Mz.  lä-y,  stvat  n.  (mnd.  swat,  vgl.  ags. 
swää,  swadu  Spur)  eine  Reihe  gemähten  Grases  —  Mz.  swär;  —  slax 
Schlag;  grösseres  Ackerstück  —  Mz.  s/ä^;  glas  Glas  —  Mz.  glsis; 
stat  f.  (as.  stad)  Stadt  —  Mz.  stär]  fddräx  Vertrag  —  Mz.  fddrSig; 
rat  Rad  —  Mz.  rar  Räder;  blat  Blatt  —  Mz.  blärä;  graf  Grab  — 
Mz.  grävd ;  staf  Stab  —  Mz.  stkv  (Gehört  dazu  stäm  <  st^ven  so  aus- 
sehen wie?);  vex  Weg  —  Mz.  vkg;  stex  m.  n.  Steg  —  Mz.  s^ä^;  bret 
Brett  —  Mz.  brär  und  brärä;  smet  (as.  smi\i)  Schmied  —  Mz.  smär\ 
äep  (as.  skip)  Schiff  —  Mz.  säp;  let  n.  (as.  /*{)  Glied)  Glied  in /i'yrf-fe^ 
Fingerglied,  let  n.  (ags.  hlid  Deckel)  in  ö-y-let  Augenlid  —  Mz.  lär; 
hof  Hof  —  Mz.  Aät5;  trox  Trog  —  Mz.  trkg;  tox  m.  (mnd.  toch)  Zug 
—  Mz.  tkg. 


9 

Anm.  1.  Frttber  geborte  hier  noch  her  teU  Zahl  —  Mz.  täln]  es  ist 
jetzt  in  Pri  (nicht  in  Meckl.)  dnrch  das  hd  tsäl^  tsäln  fast  ganz  verdrängt,  wie 
anch  tox  Zog  immer  mehr  dnrch  das  hd.  tsux  —  is{ig  ersetzt  wird;  hJät  in 
den  Eollektivbegriffen  köl-blätt  ruM  blät,  Kohiblat,  Runkelblat  scheint  mir 
eine  Neubildung  ans  dem  Zw.  bldm  Blätter  abrnpfen  zu  sein,  aus  einer  Zeit,  wo 
noch  bläden  gesprochen  wurde;  ein  as.  *gi'bladi  hätte  blär  ergeben. 

Anm.  2.  Die  heutigen  Einzahlformen  smet  Schmied,  sep  Schi£f,  let  Glied, 
Lid  sind  als  Kompromiss formen  aufzufassen.  In  dem  lautgesetzlichen 
Paradigma  smit  —  sni^r,  äip  —  «äp,  lit  —  /Sr  (mnd.  smit  —  smede,  schip 
sckepCj  lit  —  lede  vgl.  §  188)  standen  i  und  ä  zu  weit  von  einander  ab,  um 
ooch  als  organisch  zusammengehörig  empfunden  zu  werden;  so  trat  der  e-Laut 
aas  der  Mehrzahl  in  die  Einzahl,  die  Kürze  der  Einzahl  aber  wurde  bewahrt. 
Vergleiche  über  ähnliche  Fälle  quantitativer  Angleichung  in  der  Ma.  des  Tauber- 
grandes Heilig  §  159,  Anm.  1.  Zu  st^l  (as.  stil)  Stiel  vgl.  §  203.  Ich  kenne 
nur  ein  Hauptwort,  wo  sich  in  der  Einzahl  i  z.  T.  erhalten  hat:  spil  Spiel. 
Atts  mnd.  spil  —  speie  ist  durch  Labialisierung  spil  —  spkle  geworden  (§  277  b). 
Der  Vokal  der  Mz.  ist  seiner  Qualität  nach  in  die  Einz.  getreten,  das  neue  spöl 
hat  aber  das  alte  spil  nicht  ganz  zu  verdrängen  vermocht.  Die  Mz.  spU,  wird 
übrigens  fast  nicht  gebraucht. 

Anm.  3.  kaf  (mnd.  kaf^  Dat.  k^ve)  Kaff,  Getreidehttlsen,  gras  n.  (as.  gms) 
Gras,  draf  m.  (mnd.  draf)  Trab,  blek  (as.  bUk)  Blech;  pik  n.  (as.  pik  <  lat. 
jDiccw.  mnd.  pik  —  pekes)  Pech ;  stof  m.  (mnd  siof  —  stöves)  Staub ;  lof  n. 
(as.  lof)  Lob;  boty  gebot  n.   (as.  gebot)  Angebot  kommen  nur  im  Singularis  vor. 

§  198.  Gelängter  Yokal  in  der  Einzahl  findet  sich  noch  in 
einigen  erstarrten  Genetiven  und  Dativen,  die  als  formelhafte  Wen- 
dungen weiterleben;  z.  B.  bi  dkg  bei  Tage;  Mt^sdkgs  {<  mnd.  hüdes 
däges)  heutzutage;  aldkg%  alltags;  in  vkg  stän  im  Wege  stehen; 
goutouvkg  gut  zu  Wege;  tou  hkv  gän  zu  Hofe  gehen,  d.  h.  als  Tage- 
löhner auf  einem  Gutshofe  arbeiten ;  hkvgeyä  Hofgänger,  Hoftage- 
löbner  (vgl.  ags.  hovaward  Hofhund);  bärstun  Betstunde,  d.  i.  Kon- 
firmationsstunde, wenn  bar  hier  nicht  verbaler  Natur  ist;  ddl  nieder, 
herunter  <  as.  te  dale  (§  111,  Anm.). 

ß)  Eigenschaftswörter.  §  199.  Es  kommt  nur  in  Betracht  ^^ro/* 
grob,  das  flextiert  noch  zuweilen  gräm  (<  gräven)  heisst,  z.  B*.  hei 
isn  gräm  hunt  er  ist  ein  grober  Kerl.  Doch  dringt  kurz  o  vor;  die 
Mz.  heisst  schon  meistens  grofn,  der  Komparativ  immer  gröfä  gröber. 
Neben  fäl  viel  (§  277  b)    hört   man   in  OPri    singularisch  vielfach  ßl. 

b.  In  der  Konjugation.  §  200.  Es  kommen  hier  diejenigen 
st  Ztw.  in  Betracht,  in  deren  Stammsilbe  auf  kurzen  Vokal  einfacher 
Konsonant  folgt,  d.  h.  die  Ablautsreihen  IV,  V  und  VI  (§§  375,  377, 
380).  Bei  ihnen  konnte  im  flexionslosen  Imperativ  und  infolge  alter 
Synkope  des  Endungsvokals  auch  in  der  2.  und  3.  Pers.  Präs.  Sg. 
keine  Tondehnung  eintreten,  so  dass  innerhalb  des  Präsensstammes 
ein  Wechsel  zwischen  langem  und  kurzem  Vokal  entstehen  musste: 
z.  B.  näm  nehmen,  Präs.  näm,  nimst^  nimt,  närn^  Imper.  nim\  gäm 
geben,  Pr.  gSiv  gifst^  gift^  gärn^  Imp.  gif\  kam  kommen,  Pr.  käm^ 
kümst,  kümty  kam,  Imp.  kum;  gräm  graben,  Pr.  grkv,  9^öfst,  groß,  gräm. 


10 

Anm.  1.  In  der  Klasse  VI  (gräm)  ist  der  lange  Vokal  hereits  in  den 
Imperativ  vorgedrangen,  z.  B.  ffrht  grabe. 

Anm.  2.  Bis  vor  nicht  langer  Zeit  gehörten  hierher  anch  die  Präterita 
der  st.  Ztw.  IV  und  V,  in  denen  die  Einz.  a,  die  Mz.  ei  aufwies  (<  mnd.  a-e), 
z.  B.  gaff  was  gab,  war  —  gei-m,  veSin  gaben,  waren.  Heutzutage  ist  der 
Pluralvokal  fast  vollständig  durchgedrungen:  gaf  was  hört  man  nur  noch  bei 
sehr  alten  Leuten.     Vgl.  §  37ö,  Anm.  2  und  §  377,  Anm.  1. 

Beachte  den  Wechsel  zwischen  langem  und  kurzem  Vokal  in 
max^  mk-y  mag,  mögen,  und  in  dkg^  döxst^  döxt^  dk-y  tauge,  taugst, 
taugt,  taugen.  Auf  einem  grossen  (Jebiete  von  Meckl.  sind  hier  noch 
aufzuzählen;  zal  —  zkln  soll  —  sollen  (Pri:  zal  —  zöln  §  208)  und 
nach  falscher  Analogie  von  max  —  mä-y,  zal,  zkln  auch  kan  —  kkn 
kann  —  können  (Pri:  kön). 


5.     Lautgesetzlicher  Wechsel  zwischen  langem  und  kurzem  Vokal 

ist  ausgeglichen. 

§  201.  Viel  häufiger  ist  der  Fall  eingetreten,  dass  ursprünglich 
innerhalb  desselben  Paradigmas  wohl  Doppelformen  mit  Kürze  und 
Länge  nebeneinander  bestanden  haben,  dass  aber  bald  die  einen,  bald 
die  anderen  durch  Ausgleichung  beseitigt  worden  sind. 

In  der  Deklination  der  Hauptwörter.  §  202.  Der  kurze  Vokal 
der  Einz.  hat  gesiegt  in  fat  n.  (as,  fat  Gefäss)  Fass  —  Mz.  fdfd; 
dak  Dach  —  Mz.  däkä\  fak  Fach  -  Mz.  fäkä\  slot  Schloss  (an  der 
Tür)  —  Mz.  slötä]  lok  (mnd.  lok,  Gen.  lockes  Loch,  vgl.  ags.  loc 
Verschluss)  Gefängnis,  Loch  —  Mz.  lökä\  aap  n.  (as.  skap  Gefäss, 
Fass)  Eüchenschrank  —  Mz.  äapm, 

Anm.  Man  beachte,  dass  alle  diese  Wörter  auf  eine  stimmlose  Fortis 
und  in  der  Mz    auf  -er  ausgehen. 

§  203.  Für  die  Verallgemeinerung  des  langen  Vokales  lässt 
sich  ein  ganz  reinliches  Beispiel  nicht  anführen.  Mit  Wahrscheinlichkeit 
aber  gehören  hierher:  stäl  Stiel  und  ^-a/ Saal.  As  stil  (<  lat.  stiltis) 
musste  im  Mnd.  stil  —  Mz.  stele  ergeben;  das  heutige  stäl  könnte 
sein  ä  also  sehr  wohl  aus  der  Mz.  haben.  Nun  existiert  aber  auch 
ein  ags  stela  (Kluge,  Wb.  unt.  Stiel);  ein  entsprechendes  as.  ^stela 
hätte  ebenfalls  stäl  ergeben.  —  Die  as.  Form  von  zäl  Saal  ist  seit  m. 
Im  Mnd.  dringt  neben  sele  ein  sal  durch,  mit  der  Mz.  säle  (vgl. 
Behaghel,  PGr.  I,  S.  759).  Aus  säle  musste  in  unserer  Ma.  zäle^  zäl 
werden,  und  dieses  wird  sein  ä  der  Einz.  aufgedrängt  haben.  Da 
nach  Schwund  des  End-^  nun  Einz.  und  Mz.  zäl  lauteten,  so  wurde 
ein  neuer  PI.  mit  Ablaut  zkl  gebildet.  —  nkt  f.  Nuss  würde  hierher 
gehören,  wenn  man  auf  Grund  des  mnd.  not  f.  und  des  an.  knot  berechtigt 
wäre,  ein  as.  "^hnot  als  Grundform  anzusetzen.  Ist  aber  *hniUa  (vgl. 
ags.  hnuta)  die  Grundform,  so  wäre  wie  in  zkn  <  sunu  Sohn  die  Länge 
lautgesetzlich,   und  nur  der  Umlaut   wäre   aus    dem   PI.    in   den  Sgl. 


11 

gedruDgen.  —  Merkwürdig  ist  auch  die  Form  tän  m.  Zahn.  Sie 
erklärt  sich  gut  aus  dem  Mnd.  tan  —  t6ne;  dieses  aber  erklärt  sich 
sehr  schwer  aus  dem  as.  tand  —  tende^  zu  dem  sich  mnd.  tant  — 
tande  stellen.     Vgl.  §  281  c  Anm. 

In  der  Deklination  der  Eigenschaftswörter.  §  204.  Der  kurze 
Vokal  der  flexionslosen  Kasus  ist  verallgemeinert  worden  in:  nat 
nass,  Mz.  ncUn^  Kompar.  ndtä\  stcak  schwach,  Mz  swaky^  Kompar. 
swdkd\  tarn  zahm,  Mz.  tam^  Kompar.  tdmä\  smal  (as.  smal  klein) 
schmal,  Mz.  smaln^  Kompar.  smdld;  ^a^  satt,  Mz.  2:a/n,  Kompar.  ^^^f^d; 
glat  glatt,  niedlich,  Mz.  glatn^  Kompar.  gldtä\  glat  dedn  niedlic|ies 
Mädchen;  slap  schlaff,  träge,  Mz.  slapm^  Kompar.  sldpd;  spak  dijrr, 
trocken,  Mz.  spaky^  Kompar.  spdkd\  hol  (as.  hol)  hohl,  &Iz.  Aö/w, 
Kompar.  hold. 

Anm.  Über  grof  gtoh  s.  §  199;  gram  feindselig  kommt  nur  prädikjitiv 
vor:  hei  is  mi  gi^am  tou  er  ist  mir  feindselig  gesinnt;  hlekkn  blechern  hat 
seine  Kürze  vom  Hauptwort  hlek. 

§  205.  Aus  den  zweisilbigen  Formen  ist  der  lange  Vokal  auch 
in  die  unflektierten  Formen  gedrungen  bei  Idm  (as.  lam)  lahm;  §dl 
schal;  främ  (mbr.  vröme)  fromm,  nur  von  Tieren  gesagt;  from  (von 
Menschen,  in  kirchlichem  Sinne)  stammt  aus  dem  Hochdeutschen. 

In  der  Konjugation.  §  206.  Der  §  200  angegebene  Wechsel 
zwischen  langem  und  kurzem  Vokal  im  Praesensstamme  der  Ablauts- 
reihen IV — VI  ist  zuweilen  zu  gunsten  des  langen  Vokals  ausgeglichen, 
z.  B.  stäl^  stälsty  stält  stehle,  stiehlst,  stiehlt;  befäl^  befälst^  befält 
befehle,  befiehlst,  befiehlt;  last  liest  neben  list\  Idrst,  Idrt  (selten  löt) 
ladest,  ladet;  M^,  h&tst^  h&tt  hebe,  hebst,  hebt  (§  207);  auch  bei 
gräm  graben  hört  man  schon  grkvst^  grkvt,  was  damit  zusammenhängt, 
dass  es,  wie  mdln  mahlen,  schwach  wird. 

§  207.  Bei  den  kurzsilbigen  Wörtern  der  ^'a-Klasse  musste 
im  Praesens  ein  Wechsel  zwischen  Länge  und  Kürze  des  Vokals  ent- 
stehen: jukkian  jucken  konjugierte  jukkiu^  jukis,  jukid\  jukkiad^  d.  h. 
es  mussten  im  Mnd.  die  2.  und  3.  P.  Sgl.  laugen  Vokal  erhalten. 
Bei  den  meisten  der  hierher  gehörigen  Wörter  ist  der  kurze  Vokal 
durchstehend  geworden.  Einige  haben  aber  doch  den  langen  Vokal 
erweitert:  j^ky  {sls.  jtückian)  jucken;  zik  kk-y  (as.  htiggian  sinnen)  sich 
innerlich  freuen;  beväy  (as.  weggian)  bewegen;  spän  (as.  spennian) 
entwöhnen  (von  der  Muttermilch);  tarn  (mnd.  temmen,  temen)  zähmen. 
Auch  ein  starkes  Zw.  gehört  hierher:  häm  (as.  hebbian)  heben:  es 
flektierte  im  Sg.  Präs.  hebbiu,  hehis,  hebit  und  bot  daher  im  Mnd. 
denselben  Wechsel  wie  z.  B.  jukkian. 

Anm.  Hieber  würde  auch  gehören  /am  leben,  wenn  es  auf  libbian  beruht 
nnd  nicht  auf  lehon  (vgl.  §  171,  Anm.  1).  Unsicher  ist,  ob  das  schw.  Ztw. 
bvl.ln  quälen  auf  as.  quelan  st.  Ztw.  Qual  leiden  oder  as.  *quellian  Todesqual 
bereiten  (vgl.  mnd.  quelen  und  quellen),  h&ln  hehlen  schw.  Ztw.  auf  as.  helan 
8t.  Ztw.  verhehlen  oder  as.  hellian  verhtlllen  beruht. 


12 

§  208.  Der  kurze  Vokal  ist  verallgemeinert  in  zal^  zöln  soll, 
sollen:  as.  skulum  musste  langen  Vokal  geben,  wie  denn  Meckl.  auch 
wirklich  strichweise  zhln  sagt  (§  200).  Die  Kürze  stammt  aus  der 
Einzahl,  oder  aus  kan  —  kön  kann,  können,  oder  aus  dem  Hoch- 
deutschen. Auch  könnte  die  liäufige  Unbetontheit  dieser  Formen 
nachträgliche  Verkürzung  zur  Folge  gehabt  haben  (vgl.  mütn  müssen 
§  241  und  §  242.) 

Besondere  Fälle. 

§  209.  Eine  besondere  Behandlung  erfordern  die  mehrsilbigen 
Wörter,  in  denen  auf  einen  kurzen  Vokal  ursprünglich  in  ein- 
und  demselben  Paradigma  bald  Doppelkonsonant  -h  Vokal,  bald  ein- 
facher Konsonant  +  Vokal  folgen  musste,  so  dass  der  Stammvokal 
bald  in  offener,  bald  in  geschlossener  Silbe  stand.  Auch  hier  mussten 
Doppelformen  entstehen;  sie  sind  aber  bis  auf  einen  Fall  (§  213) 
durch  Ausgleich  entweder  zu  gunsten  der  Länge  oder  zu  gunsten  der 
Kürz^  beseitigt  worden.  In  Betracht  kommen  hier  die  Wörter  mit 
w  und  h  nach  Konsonant,  die  Wörter  mit  den  Bildungssilben  mnd. 
-eVy  -el,  -gm,  -en,  dann  Wörter  mit  anderen  Bildungssilben,  z.  B.  -ig. 

Konsonant  +  w. 

§  210.  Schon  im  Westgerm,  war  Inlaut,  w  vor  o,  u  geschwunden 
(Kluge,  PGr.  I,  S.  379);  auslautendes  w  war  im  As.  zu  o  geworden. 
Innerhalb  desselben  Paradigmas  mussten  nun  Formen  mit  erhaltenem 
und  mit  nicht  erhaltenem  w  entstehen;  zwischen  diesen  Formen  hat 
schon  in  as.  Zeit  Ausgleich  stattgefunden  zu  gunsten  der  t€^-losen 
Formen.  Zur  Zeit  der  ,Tondehnung'  musste  der  Stammvokal  in  den 
Formen  mit  erhaltenem  w  kurz  bleiben,  in  den  anderen  gelängt 
werden:  aus  as.  melo,  nielwes  musste  mnd.  m^fe,  melwes  werden.  Es 
konnte  nun  mal  oder  melt  als  Nominat.  entstehen.  Gewöhnlich  hat 
aber  die  w;-lose  Form  gesiegt.  In  einem  Falle  (§  213)  liegen  Doppel- 
formen vor. 

Hauptwörter,  {wa-^  wan'\  i<^ö-,  «^'öw-Stämme.)  §211.  Die  Aus- 
gleichung geschah  zu  gunsten  der  w?-losen  Form:  mal  n.  (as.  melo) 
Mehl;  phl  m.  (mnd.  pol  m.  und  pole  f.,  vgl.  ag^.  pyle  <  lat.  pulmmis) 
Querkopfkissen,  das  über  das  gaaze  Bett  reicht;  smeä  n.  (as.  smero) 
Schmeer;  vär  f.  (as.  wa^^a  <  ^wa^^wö)  Wade;  zän  f.  (as.  senewa^  sinewa) 
Sehne;  swMk  f.  (mnd.  swaleke,  schon  as.  swala  für  swalwa)  Schwalbe 
(so  nur  im  diphthongischen  Gebiet,  s.  §  7,   Ib  und  unten). 

Anm.  Wie  wö-StÄmme  sind  behandelt:  sok  f.  Scherbe  (mnd.  scirbe, 
scherve,  as.  skerhin  n.  Werd.  Gloss.)  und  kär  Kerbe  (§  151,  Anm.  l). 

§  212.  Die  flektierten  Formen  haben  gesiegt  in  fafv  f.  (as. 
farawi  Aussehen,  mnd.  varwe)  Farbe;  sioalv  f.  Schwalbe  (mnd.  stvale 
und  swalwe)  im  monophthongischen  Gebiet  (hd.?);  dvvt  f.  Erbse 
(as.  erit  für  *enmt,  mnd.  erwete  und  erte). 

§  213.  Doppelformen  sind  nur  in  einem  Falle  erhalten  geblieben: 
man  pagt  nöd  und  naiv  f.  (as.  naro^  mnd.  nare  und  seltener  narwe)  Narbe. 


13 

Eigenschaftswörter.  §  214.  gäl  (as.  geh)  gelb;  göd  (as.  garu 
bereit,  fertig)  gar;  moä  (mnd.  mor^  mörwe)  mürbe,  vom  Obst;  käl 
(mnd.  hole,  vgl.  ags.  calu  <  lat.  calvus). 

Anm.  Die  englischen  yeüow,  callow  stammen  umgekehrt  itus  den 
flektierten  Formen  mit  erhaltenem  tv. 

Zeitwörter.  §  215.  w  ist  geschwunden  in  zik  zkln  (as.  suU 
tcian  und  svlian)  sich  im  Schmutze  wälzen  (von  Schweinen),  zik  inzkln 
sich  beschmutzen  (auch  von  Kindern);  es  ist  erhalten  in  gäi'l^  (as. 
gerwian  bereiten)  gerben,  fdrm  (mnd.  verwen)  färben  (w  <  ven). 


Konsonant  +  h. 

§  216.  h  nach  Liquiden  wurde  im  Auslaut  spirantisch  gesprochen 
(s.  dörx  durch  <  as.  ^urh);  vor  dem  Vokal  der  Flexion  aber  war  es 
ein  blosser  Hauchlaut  und  schwand  früh  (Holthausen,  As.  El.  §  218). 
Von  diesen  flektierten  Formen  aus  hat  die  Ausgleichung  stattgefunden. 

Hauptwörter.  §  217.  föä  f.  (mnd.  vöre,  vgl.  ags.  furh)  Furche; 
meä  f.  (mnd.  merie^  got.  *marhi  s.  Kluge,  Wb.  unt.  Mähre)  Mähre. 

Aum  h  scheint  als  k  erhalten  zn  sein  in  fävki)  Ferkel  (schon  mnd.  ferk, 
ferken,  vgl.  ags.  fearh), 

Eigenschaftswörter.  §  218.  dweä  (schon  as.  }^wer^  mnd.  dwär^ 
vgl.  ags.  dweorh)  quer. 

Zeitwörter.     §  219.     befäln  (as.  bifelhan,  Präter.  bifalh)  befehlen. 

Wörter  auf  mnd.  -el,  -er,  -e^n,  -en. 

§  220.  Bei  zweisilbigen  Wörtern  mit  kurzem  Vokal  in  der 
Stammsilbe  und  kurzem  Vokal  +  Liquida  und  Nasal  in  der  Endsilbe 
(z.  B.  as.  fugal,  watar^  fa^om,  wagan)  wurde  in  den  obliquen  Kasus 
des  Sgl.  und  im  PI.  der  Endsilbenvokal  synkopiert,  so  dass  wir  z.  B. 
das  Paradigma  Singul.  Nom.  Acc.  fugal,  Gen.  fugles^  Dat.  fugle,  Plur. 
fuglos,  fuglo,  fuglum  erhalten.  Zur  Zeit  der  „Tondehnung*'  erhielt 
fugal  langen  Stammvokal,  während  die  übrigen  Formen  den  kurzen 
bewahrten.  Dieser  Wechsel  im  Paradigma  wurde  ausgeglichen,  indem 
sich  die  Sprache  bald  für  die  eine  bald  die  andere  Gruppe  entschied. 
Doppelformen  sind  nicht  erhalten;  doch  vgl.  §  223.  In  Bezug  auf 
die  Bevorzugung  der  Länge  oder  der  Kürze  weichen  die  einzelnen 
germanischen  Sprachen  und  Dialekte  sehr  voneinander  ab. 

Anm.  Eigentlich  mttsste  s wischen  solchen  Wörtern  unterschieden  werden, 
bei  denen  der  Endsilben  vokal  irrational  ist  und  sich  erst  im  As.  entfaltet  hat, 
und  solchen,  wo  er  ein  alter  Mittel  vokal  ist.  Bei  den  letzteren  musste  die 
Dehnung  eigentlich  unter  allen  Umständen  eintreten,  da  nach  kurzen  Stamm- 
silben nicht  synkopiert  wurde  (s.  Pßbeitr.  V,  81),  in  den  obliquen  Kasus  also 
dreisilbige  Formen  entstehen  mussten.  Aber  einerseits  fanden  in  der  lebendigen 
Sprache  sicherlich  auch  bei  letzteren  Synkopierungen  statt,  anderseits  wurde  bei 
den  ersteren  der  irrationale  Vokal  schon  im  As  auch  in  den  obliquen  Kasus 
durchgeführt,  so  dass  eine  Scheidung  praktisch  keinen  Wert  haben  würde.  In 
der  übergrossen  Mehrzahl  der  Fälle  hat  eben  die  Länge  gesiegt. 


14 

a.  Die  Länge  hat  gesiegt. 

§  221.  -el)  häml  Hammel;  snävl  Schnabel;  zädl  Sattel;  nägl 
Nagel;  fäzl-swtn  (mnd.  väsel  Zucht)  Faselschwein;  hägl  Hsigel;  stäpl  m. 
Stapel;  kävl  f.  (mnd.  kävel  zugerichtetes  Holz  zum  Losen)  eine 
bestimmte  Parzelle  von  Gemeindewiesen,  ein  Los  Land);  üt-kävln 
verlosen;  ääpl  ScheflFel;  läpl  m.  (mnd.  lepel^  leppel)  Löffel;  kätl  m. 
(as.  ketil  <  mlat.  catillus)  Kessel;  äzl  (as.  esil  <  mlat.  aselhis  für 
asinus)  Esel;  kägl  Kegel;  knävl  m.  Knebelholz;  flhgl  m.  (as  ßegil  < 
lat.  flagellum)  Dreschflegel;  nävl  m.  (as.  nehal)  Nebel;  gävl  Giebel; 
stävl  m.  (mnd.  stevel)  Stiefel;  sträml  Streifen;  smnägl  (mnd,  simnegel^ 
vgl.  an.  igull)  Schweinigel  (fast  nur  noch  Schimpfwort;  das  Tier 
heisst  staxlswln);  dägl  m.  (mnd.  degel^  das  ich  auf  as;  *digul  =  an. 
digull  zurückführe  und  für  ein  echt  germanisches  Wort  halte;  Kluges 
Herleitung  aus  lat.  tegula  tegula  verbietet  sich  m.  E.  nach  Form  und 
Bedeutung);  päkl  (mnd.  pekely  vgl.  me.  pikil)  Pökel,  wenn  es  nicht 
nach  §  411  Ableitung  aus  päk  Salzbrühe  ist;  fägl  m.  (as.  ftigal) 
Vogel;  slktl  m.  (as.  slutil)  Schlüssel;  ikgl  m.  (mnd.  togel)  Zügel; 
lii^l  n.  (as.  uhil)  Übel;  krkpl  n.  (mnd.  kropel^  krepel^  kröppel^  kreppel) 
Krüppel;  hkgl  Bügel;  y/i^r/  Flügel  der  Windmühle,  sonst  jÄ%fc. 

-er)  vätä  Wasser;  hämä  m.  (as.  hamar)  Hammer;  grävä  Spaten; 
värä  n.  (as.  wedar)  Wetter;  päpä  (mnd.  peper  <  lat.  piper)  Pfeffer; 
bäkä  (as.  bikeri  <  mlat.  bicarmm)  Becher;  —  mägä  mager;  am  (as. 
ehan)  eben;  kvl  (gew.  ünh>vl  §  110,  5)  übel;  veraltet  und  durch  das 
hd.  zixä  verdrängt  ist  zäkä  (as.  sikur  <  lat.  securtis)  sicher. 

An  in.  Hierher  gehört  auch  jt^E/,  neu  gebildet  aus  '*'päter  (mnd.  petery 
petter  <  lat.  patnnus)  Pate  (vgl.  330  Anm.  4). 

-em)  färn  m.  (as.  *fa^om;  belegt  ist  der  Plur.  fadmos)  die  Länge 
der  beiden  ausgestreckten  Arme,  Faden.     (§  140.) 

-en)  i?5-j;  Wagen;  hä-y  Hagen,  Speiglhä-y  Spiegelhagen;  läky  n. 
(as.  lakan)  Laken;  rä-y  Regen;  brä-y  m.  (mnd.  bregen)  Bregen;  Mm 
(as.  hehan)  Himmel;  am  Ofen;  khn  für  kam  s.  §  337  (mnd.  körnen  < 
lat.  cumlnum)  Kümmel. 

Anm.  Hierher  gehört  die  §  337  besprochene  Gruppe  von  Wörtern,  in 
denen  za  der  missverstandeneu  Endung  -en  eine  neue  Form  für  die  Einzahl 
gebildet  worden  ist. 

b.  Die  Kürze  hat  gesiegt. 

§  222.  -el)  hazl-nkt  (mnd.  häsel  und  hasselnöte)  Haselnuss; 
äeml  m.  (mnd.  schamel  <  lat.  scamellum)  Schemel  (am  Wagen) ;  swövl  m. 
(as.  swehal)  Schwefel,  bes.  swövl-stiky  (mnd.  swevelsticke)  Schwefelholz; 
(ixl  f.  (vgl.  ahd.  ahil^  im  Mnd.  erscheint  dafür  vese^  vesen)  Ährenspitze; 
ßtl  (as.  fitil,  s.  fitil'Vöt  bei  Wadstein,  Gloss.)  Hinterbug  der  Pferde 
mit  dem  Kötenhaar. 

Anm.  ßdl  Fiedel  und  titl  Titel  scheinen  aus  dem  Hochdeutschen  entlehnt; 
ersteres  heisst  im  Mnd.  vhdele^  veddele,  vgl.  ags.  fiäek,  titl  ist  in  älterer  Zeit 
überhaupt  nicht  belegt;  ebenso  sind  hd.  himl  Himmel,  kitl  Kittel. 


15 

-er)  dund  m.  (mnd.  dunner ^  vgl.  a^s.  |)wwor)  Donner;  Idrd  (mnd. 
Jeder,  ledder,  vgl.  ags.  leäer)  Tjcdor;  flärä-müs  f.  (mnd.  vleder.  vledder- 
müs)  Fledermaus;  kopä  n.  Kupfer  (§  59).  Hier  ist  auch  aufzuzählen 
värä  wieder,  mnd.  wedde^'  <  as.  mdar,  vgl.  §  242. 

-efn)  be^n  m.  (as.  besmo,  mnd.  besem,  bessern,  besmen)  Besen; 
born  m.  (as.  bodam,  Dat.  bödme)  Boden. 

c.     Doppelformen. 

§  223.  Eine  Doppelform  scheint  vorzuliegen  in  färä  und  fadd, 
von  denen  das  letztere  das  eistcre  allmählich  verdrängt,  insofern  das 
erstere  anfängt  für  vulgärer  zu  gelten.  As.  fadar  hätte  aber  beim 
Siege  der  flektierten  Formen  ein  mnd.  vadder  und  dieses  farä  ergeben. 
Es  dürfte  fadä  wie  mudä,  gefadd,  fetd  hochdeutschen  Ursprungs 
sein  (§  158,  Anm.  3). 

Dreisilbige  Wörter  mit  der  Mittelsilbe  mnd.  el,  er,  en, 

§  224.  Wörter  mit  der  Bildungssilbe  -«/-,  -er-,  -m-,  bei  denen 
auf  die  Bildungssilbe  noch  eine  Flexionsendung  folgte,  also  weibliche 
Hauptwörter  wie  as.  fethera  F'eder  oder  Zeitwörter  wie  mnd.  rekenen 
mussten  unter  allen  Umständen  Tondehnung  erfahren.  Das  ist  aber 
nicht  immer  der  Fall  gewesen,  und  es  scheint,  als  ob  auch  hier 
gelegentlich  Synkope  eingetreten  ist.  Vgl.  für  eine  ähnliche  Erscheinung 
im  Me.  Morsbach,  Mittelengl.  Gramm.  §  71.  Diese  Wörter  sind  schon 
im  Kapitel  von  den  Vokalen  in  Mittelsilben  behandelt,  und  zwar  die 
Hauptwörter  §  114,  1,  die  Zeitwörter  §  114,  3;  §  114,  Iß  sind  die 
Substantive  aufgezählt,  in  denen  der  Stammsilbenvokal  kurz  geblieben  ist. 

Zweisilbige  Wörter,   in  denen   auf  einfachen  Konsonanten  und 
unbetonten  Vokal  andere  Konsonanten  als  l,  r,  m,  n  folgen. 

§  225.  Tondehnung  ist  eingetreten  in  ndkt  (mnd.  näket)  backt; 
hakt  m.  (as.  *hakid,  vgl.  ahd.  hehhit,  mit  Suffixablaut  zu  as.  *hakttd, 
hakth,  Oxf.  Gloss.)  Hecht;  MrÄr  m.  (as.  hähuk)  Habicht;  krSivt  m. 
(mnd.  krevet)  Krebs;  Kt>t  n.  (mnd.  övet)  Obst.  Vgl.  §  119,  und  über 
dreisilbige  Wörter  dieser  Klasse  §  115. 

Hierher  gehören  auch  die  2.  und  3.  P.  Sgl.  Präs.  der  schw.  Ztw. 
der  0»- Klasse,  die  stets  Tondehnung  zeigen;  z.  B.  ik  lhx>,  du  Ikvst, 
hei  Ikvt  von  läm  loben  (as.  lobon). 

Tondehnung  ist  nicht  eingetreten  oder  wieder  aufgehoben  worden 
in  pärdk  n.  (mnd.  peddik,  vgl.  ags.  pij^a)  Mark  der  Bäume;  s.  §  242. 

§  226.  Demgegenüber  erscheint  vor  Konsonant  -f-  ig  Kürze 
des  Stammvokals,  wohl  aus  den  synkopierten  Formen  der  obliquen 
Kasus  stammend  (vgl.  Heilig  §  157,  Anm.  3),  z.  B.  honix  (as.  honig, 
honeg,  mnd.  honeg,  honnich)  Honig;  mänix,  mdnx  (as.  manag,  manig, 
mbr.  mannich,  mennich)  manch ;  Idrix  (mnd.  ledich,  leddich)  leer.  Vgl. 
auch  die  Verkürzung  von  e  >  i  in  mnd.  hilghen  Heiligen,  zu  hillich, 
und  in  tmntix  20  (§  231,  Anm.  2). 

Eine  Doppelform  liegt  vor,  wenn  man  das  brandenb.  dnt  f.  Ente 
(<  as.  *enit)  mit  meckl.  dnt  (<   as.  *anut)  vergleicht. 


16 


6.     Überlänge. 

§  227.  Es  ist  §  17  darauf  hingewiesen,  dass  lange  Vokale  und 
Diphthonge  überlang  werden,  wenn  nach  folgenden  ursprünglich 
stimmhaften  Reibelauten  durch  Synkope  oder  Apokope  ein  e  yerstammt 
ist.  Diese  Nachlängung  erfahren  sowohl  ursprünglich  lange  als  auch 
nach  §  183  in  freier  Silbe  gedehnte  Vokale.  Bei  einer  Form  wie 
dkg  Tage  haben  wir  also  zweimalige  Längung  anzunehmen:  durch 
die  ^jTondehnung^  wurde  schon  früh  dage  >  däge,  durch  Verstummen 
des  e  später  däge  >  dk§. 

Wo  früher  ein  End-^  zwei  sonst  gleichlautende  Wörter  unter- 
schied, da  leistet  heutzutage  die  Überlänge  diesen  Dienst.  Man  ver- 
gleiche Wörter  wie  lös  los  und  /os  lose;  t^x  Zeug  und  tfig  Zeuge; 
vis  Reis  und  ri^  Riese  (hd.);  drüf  Traub  und  drüt  Traube;  stuf 
stumpf  ab  und  stüv  Stube  (hd.);  houf  Huf  und  hoüv  Hufe;  leif  lieb 
und  lew  Liebe.  So  ist  denn  auch  die  Überlänge  oft  ein  Mittel,  die 
Mz.  von  der  Einz.  zu  unterscheiden,  auch  wenn  schon  die  Einzahl  einen 
langen  Vokal  hat,  z.  B.  prls  Preis  —  prh  Preise;  stlx  Steig  —  süg 
Steige;  hreif  Brief  —  breW  Briefe;  deif  Dieb  —  deit  Diebe;  ploux 
Pflug  —  plöyg  Pflüge;  gom  Gans  —  göy^  Gänse  u.  s.  f.  Man  vgl. 
auch  §nf  schreib  und  ik  äriv  ich  schreibe  miteinander.  Überlänge 
unterscheidet  auch  gegebenen  Falles  das  attributive  Eigenschaftswort 
vom  prädikativen:  stif  steif,  drox  trocken,  tax  zähe,  bos  böse,  leif 
lieb  sind  prädikativ;  sttv^  dr&g,  ik§^  68s,  leit  attributiv. 

Die  Überlänge  ermöglicht  zu  erkennen,  dass  fiv  5  (vor  Haupt- 
wörtern) aus  der  as.  Mz.  fihi  stammt,  flf  (allein  stehend)  aber  aus 
der  Einzahl.  An  der  Überlänge  geben  sich  manche  Formen  als 
erstarrte  Reste  alter  Genetive  und  Dative  zu  erkennen,  z.  B.  in  hm 
im  Hause;  tou  Iw  gän  zu  Leibe  gehen;  ^ü^s  notux  schlechtes  Zeug 
genug.  Die  Überlänge  in  Verbindung  mit  der  stimmlosen  Lenis  (§  14) 
am  Ende  ist  noch  jetzt  ein  deutlicher  Beweis,  dass  der  Sing.  Prät. 
der  starken  Verba  aus  dem  Plural  oder  dem  Optativ  stammt :  ik  bleU 
ich  blieb,  slöyg  schlug  erklären  sich  nur  aus  mnd.  hleve^  sloge  <  as. 
blihi,  slögi. 

An  in.  Die  Überlänge  als  Ersatz  für  verstammendes  e  spricht  sehr  für 
die  Theorie  von  der  mechanischen  Qaantitätsregnliemng,  fär  die  in  Bezog  anf 
die  Qaantitätsverändernngen  im  Englischen  in  einem  sehr  bemerkenswerten 
Aufsatz  Lnick,  Auglia  XX,  S.  335  £F.  eingetreten  ist,  nnd  auch  sehr  für  die 
damit  eng  verwandte  Theorie  von  der  Tendenz,  beim  Sprechen  die  normale  oder 
tiberlieferte  Morenlänge  eines  Wortes  za  wahren,  für  die  Wrede,  Z.  f.  d.  A. 
XXXIX,  257  ff.  (s.  n.)  eintritt.  Ich  glaube  allerdings,  dass  bei  allen  Fragen, 
wo  es  sich  um  Dehnung,  Zerdehnung  kurzer  Vokale  und  Kürzung  langer  handelt, 
die  Tendenz,  die  überlieferte  Länge  des  Sprechtaktes  zu  wahren  und  die  Gesamt- 
Quantität  der  Sprechtakte  innerhalb  desselben  Flexionsschemas  auszugleichen, 
eine  grosse  Rolle  spielen  kann;  ich  bin  ebenso  fest  davon  überzeugt,  dass  diese 
Tendenz  nicht  die  einzige  quantitätsregulierende  Macht  in  der  Sprache  ist. 


17 

B.     Vokalkürzungen. 

1.     Vor  Doppelkonsonanz. 

§  228.  Es  sind  zwei  Hauptfälle  zu  unterscheiden:  1)  der  lange 
Vokal  oder  Diphthong  stand  vor  primärer  Doppelkonsonanz  (bes.  xt,  ff) 
oder  Geminata,  2)  der  lange  Vokal  oder  Diphthong  stand  innerhalb 
desselben  Flexionsschemas  bald  vor  einfacher,  bald  vor  Doppel- 
konsonanz. Im  letzteren  Falle  musste  das  Ergebnis  Wechsel  zwischen 
Länge  und  Kürze  sein.  Dieser  Wechsel  ist  erhalten  geblieben  inner- 
halb der  Konjugation:  es  kommt  im  Präsens  vieler  starker  Ztw.,  im 
Präsens,  Prät.  und  Partiz.  Prät.  einiger  schwacher  Ztw.  mit  einem 
b-Laut  als  Stammauslaut  in  Betracht;  die  Doppelkonsonanz  ist 
sekundär  und  durch  Synkope  des  Endsilbenvokals  entstanden.  —  Der 
Wechsel  ist  aber  ausgeglichen  in  der  Deklination :  es  handelt  sich  um 
Nomina  auf  Liquida  und  Nasal.  Besonders  die  letzteren  zeigen  die 
Wechselbeziehung  auf,  die  zwischen  dem  vorigen  und  diesem  Kapitel 
besteht:  värd  Wetter  hatte  sein  gelängtes  ä  erhalten  aus  dem  as. 
Nominativ  wedar^  dund  Donner  hatte  sein  kurzes  u  aus  einem  obliquen 
Kasus  wie  as.  *]^unre8.  Jetzt  bewahren  Wörter  wie  k&ky  Küchelchen, 
dM  Teufel  (aber  ne.  chicken,  d^vill)  ihren  langen  Vokal,  weil  sie  auf 
den  as.  Nominativen  *kitJän^  diuhil  beruhen ;  Wörter  wie  buzn  Busen, 
bruml'  Brom-  erscheinen  mit  verkürztem  Vokal,  weil  der  Ausgleich 
von  den  obliquen  Kasus   (wie  as.  bösmes^  *hramles)   ausgegangen  ist. 

Anm.  Wenn  Luick  in  dem  §  227  Anm.  angeführten  Aufsatze  meint,  die 
Kärze  von  ue.  devü  stamme  wohl  aus  den  obliquen  Kasus,  erkläre  sich  dort  aber 
Dicht  ans  der  Stellung  des  e  vor  Doppelkonsonanz,  sondern  aus  der  Dreisilbigkeit 
der  flektierten  Form  d^eles,  indem  bei  dreisilbigen  Wörtern  kurzer  Vokal  in 
offener  Silbe  das  Normalmass  ftlr  die  betonte  erste  Silbe  sei,  so  kann  ich  ihm 
nicht  beistimmen.  Wir  können  z.  B.  für  das  kurze  u  in  unserem  buzn  keine 
dreisilbige  Form  busemes  <  bösemes  im  As.  verantwortlich  machen.  Die  oblique 
Form  ist  zweisilbig,  z.B.  bösmes^  und  musste  so  sein,  weil  im  As.  nach  langer 
Silbe  Synkope  des  Mittelvokals  eintrat. 

As.  ä. 

§  229.  As.  ä  >  a.  a)  zaxt  (as.  säfto^  mnd.  sachte)  sacht;  daxt 
(as.  ^ähta)  dachte,  gedacht;  vctxt  f.  Deichselwage  am  zweispännigen 
Wagen  (mnd.  wäge  zu  as.  wagaVfage)]  klaftd  (mnd.  klachter)  Klafter 
(Längenmass);  b)  jamd  m.  (as.  jämar)  Jammer;  blarä  f.  (as.  blädara) 
Blatter;  ard  f.  (as.  nädra  §  141  Anm.  1)  Natter. 

Anm.  1.  Zu  a  wtlrde  noch  gehören  paxt  f.  Pacht,  wenn  es  auf  lat. 
puium  beruht,  waxi  f.  Welle  (in  der  Lenzer  Wische),  wenn  es  zu  as.  wsig 
Woge,  und  kwatä  Unsinn,  wenn  es  zu  mnd.  quä.t  verdreht  gehört. 

Anm.  2.  Über  ö  für  a  <  ä  in  bröxt  (as.  brä,hta)  brachte,  gebracht  vgl. 
§  404,  Anm.  &  >  u  vor  Nasal  in  bruml-beSi  Brombeere  (as.  hrrnnal-busky  mnd. 
hrlrrij  brummelbere). 

Niedardeatsohes  Jahrbuch  XXXII.  2 


18 

Umlaut  zu  as.  ä. 

§  230.  Umlaut  zu  as.  a  l)  >  e,  a)  dext  m.  (mnd.  dacht^  deckt 
m.  n.,  vgl.  ahd.  täht^  an.  }^attr)\  b)  letst^  let  lässt  (as.  lätis^  lätiä)\ 
lexl  n.  (mnd.  lechelen,    vgl.   ahd.    lägilla   <   lat.  lügend)    kleines  Fass. 

Anm.  6  >  ä  vor  Nasal  (§  51,  2)  in  j^mMix  jämmerlich  und  auch  in  hnk 
(mnd.  emeke)  Ameise,  wenn  in  diesem  Worte  as  ä  neben  a  anzusetzen  wäre 
(vgl.  ags.  ^msUe  und  ämette). 

2)  ^  ö  (jüngerer  Umlaut  §  77).  a)  bröxt  s.  §  229,  Anm.  2. 
b)  gerätst^  gerät  gerätst,  gerät;  slöpst^  slöpt  schläfst,  schläft;  fröxst^ 
fröxt  fragst,  fragt  vgl.  §  380,  §  383. 

As.  e  {<  ai). 

§  231.  As.  e  >  e,  a)  emä  m.  (as.  embar,  emmar^  mbr.  einmer) 
Eimer;  ext  (mnd.  echte  ehelich,  rechtmässig)  echt;  gelstä  üppig  von 
Pflanzen,  das  doch  wohl  zu  as.  gel  geil,  übermütig  gehört;  b)  vetst^ 
vet  weisst,  weiss  (1.  P.  vet^  Meckl.  veist,  veit)\  fet  (mnd.  vet^  vgl.  anfrk. 
feit^  ags.  fäfed);  lerä  f.  (mbr.  ledder^  vgl.  mnl.  leeder^  ags.  hläder) 
Leiter. 

Anm.  1.     Schon  in  der  as.  Periode  war  das  e  wohl  kurz  in  ellebhan>elm  11. 

o 

Anm.  2.  e  >  i  vor  Nasal  in  twintix  20  (as.  twentig,  mnd.  twentieh, 
tvnntich,  vgl.  §  275) ;  s.  dagegen  ens  einst,  einstmals  (as.  ene^,  mnd.  hns,  eines, 
ins),  das  halbhd.  entslt  einzeln  (mnd.  entelen)  und  rentlix  reinlich.  —  e  >  i 
vor  l  in  dem  jetzt  durch  das  hd.  hiilix  verdrängte  hillix  heilig  <  as.  hehg. 
Noch  Hindenberg  verzeichnet  Ausdrücke  wie  hillgenschüne,  hillgenwische 
Kirchenscheune,  Kirchenwiese  und  das  interessante  det  Hillge  die  Böse  als 
Krankheit  (Erysipelas) :  noch  jetzt  ist  ja  gerade  die  Kose  der  Gegenstand  volks- 
gläubischer  Vorstellungen  und  des  „Bötens^. 

As.  f. 

§  232.  As.  z  >  i.  a)  lixt  (as.  Izht^  mnd.  licht)  leicht;  dixf 
(mnd.  dicht  stark;  treu)  dicht;  bixt  f.  (as.  bi-gihto  schra.  m.,  mbr. 
bichte)  Beichte;  vi^  f.  (as.  *wzska^  mnd.  wische)  Wiese;  b)  das  Präs. 
Sing,  der  st.  Ztw.  I,  z.  B.  sriv,  ärifst^  ärift  schreibe,  schreibst,  schreibt; 
Kn  n.  (as.  Iznin^  vgl.  Koeppel,  Herrigs  Archiv  CIV,  52)  Leinwand,  leinen. 

Anm.  1.  Auffallend  ist  die  Verkürzung  des  i  >  ^  in  den  Adjektiven  vii 
(as.  hwlt)  weiss  vgl.  §  343,  kioit  und  kit  (mnd.  kwlt  <  frz.  quitte)  quitt  (nur 
prädik.)  und  dem  Adv.  nip  (mnd.  nlp\  der  lange  Laut  hat  sich  in  vielen  ndd. 
Dialekten,  z.  B.  im  Holsteinischen  erhalten)  genau,  z.  B.  nip  töuklkp  genau 
zusehen.  Auffällig  wäre  auch  i  <  l  in  rist  f.  die  durch  die  Hechel  zu  ziehende 
Handvoll  Flachs,  wenn  Walther  mit  Eecht  mnd.  riste  ansetzt:  vor  st  ist  ausser 
bei  müst  musste  keine  Verkürzung  eingetreten  (§  194  b).  Könnte  man  nicht 
an  as.  *wrist  (vgl.  ags.  mrist)  Handgelenk  oder  an  eine  alte  -5^ -Ableitung  von 
ritan  reissen  als  Grundlage  denken?  —  §rin  jucken,  brennen  (von  der  Haut) 
wird    vielfach    mit   §rin,   das   sich    in    anderen   ndd.   Maa.   findet   und   dasselbe 

o   ' 

bedeutet,  zusammengestellt,  vgl.  Ndd  Korresp.  I,  76  und  ö.  Ich  wäre  eher 
geneigt,  unser  ä^'in  vom  mnd.  schrinden  einen  Kiss  bekommen,  §rin  aber  vom 
mnd.  schnnen  herzuleiten. 


19 

Anm.  2.  Eine  sehr  interessante  Verkürzung  von  i  >  i  findet  sich  in 
hintj  das  nur  in  der  Redensart  vorkommt:  hei  hkt  nix  hint  ori  kint  er  hat 
keinerlei  Angehörige,  er  steht  allein  in  der  Welt,  hint  ist  sicherlich  entstanden 
ans  as.  hiumny  Akk.  zu  hiwa  Gattin;  das  mnd.  hien  hat  sich  allmählich  bis 
zam  Reime  dem  kint  angeglichen.  Vgl.  ne.  hind  Bauer  <  ags.  hina  <  hiwnaj 
Gen.  zn  hiwan  Flur.  Hausgesinde,  Eoeppel,  Herrigs  Archiv  CIV,  48. 

k&,  l  >  i  >  e  >  ä  in  fäft^  fdftäin,  fdftix  (as.  ßße^  flftein^  /*/%> 
mnd.  mfte^  vefte  U8w.)  vgl.  §  51,  2  b. 

Anm.  Meckl.  sagt  mit  Labialisierung  des  e  föfty  föfth/n^  föftix.  In  der 
Pri  liegt  labialisiertes  i  <  i  vor  in  drütix  dreissig  (as.  thntig^  mnd.  drittiXy 
drüitixy  vgl.  drür  dritte  §  277  und  drütkin  13  §  239  (Meckl.  sagt  dötUn,  dötix). 

As.  ö  (wo). 

§  233.  As.  ö  >  u.  a)  furman^  furvdrk  Fuhrmann,  Fuhrwerk 
(mnd.  vörman^  Vorwerk^  vgl.  §  120  a);  b)  huzn  m.  (as.  bösom^  mnd. 
hösmi);  furd  n.  (mnd.  vöder^  vgl.  ags.  födor)  Futter,  Unterfutter; 
furän  futtern,  futtern. 

Anm.  1.     In  unbetonter  Silbe   erscheint  «^  <  ö   in  gunddx  guten   Tag. 

Anm.  2.  Neben  fwK  in  der  Bedeutung  Nahrung  existiert  die  Doppelform 
{ourL  Die  alte,  längst  verschwundene  Form  für  „Mutter''  ist  mouri\  verkürzt 
wäre  daraus  murSk  geworden ;  die  jetzt  gebräuchliche  Form  mitd^  ist  vom  Hochd. 

beeinflnsst. 

Anm.  3.  ö  muss,  als  es  verkürzt  wurde,  einen  i^-haltigen  Beiklang  gehabt 
haben,  sonst  hätte  kaum  daraus  u  werden  können,  vgl.  §  90  Yorbemerk. 

Umlaut  zu  As.  ö  (uo), 

§  234.  Umlaut  zu  as.  ö.  1)  >  w.  a)  nilxddn  (mnd.  nüchtern) 
nüchtern;  müst  (as.  möst^  möstüy  mbr.  muste,  tnoste)  musste,  gemusst; 
der  Umlaut  stammt  aus  dem  Konjunktiv  mösti;  die  Verkürzung  vor 
st  erklärt  sich  aus  der  relativen  Unbetontheit  des  Wortes;  vüs  (as. 
wöhs)  wuchs;  b)  In  den  Verbalformen  mit  alter  Synkope  erscheint 
der  verkürzte  Laut  als  ö,  z.  B.  zöyk^  zöxt  suche,  sucht,  suchte,  gesucht; 
höyr^  hat  hüte,  hütet,  gehütet;  bröyr^  bröt  brüte,  brütet,  gebrütet; 
np-föyrn  -föt  aufziehen  (auffüttern);  höyt^  bot  böte,  bötet,  gebötet 
(bespreche);  hlour^  hlöt  blute,  blutet,  geblutet.  Alle  diese  Ztw.  sind 
schwach.  Von  den  starken  Zeitwörtern  gehört  nur  hierher  roiip^ 
mpst,  röpt  rufe,  rufst,  ruft      Vgl.  §§  116.  118  a. 

Anm.  1.  Hd.  ist  rüsl  Bussel.  —  Neben  fürai.  Fuder  erscheint  auch  das 
unverkürzte  föyrL 

Anm.  2.  Warum  einmal  üj  das  andere  Mal  ö  erscheint,  ist  mir  nicht 
klar  geworden. 

As.  ö  (<  au). 

§  235.  As.  ö  >  0.  a)  hoxtU  Hochzeit;  kropt^x  n.  Kropzeug 
(<  ndd.  kröp^  vgl.  Kluge  Wb.  und  §  120a);  horky  (mnd.  horken,  vgl. 
ahd.  hörechön);  b)  kopl  f.  (mnd.  koppel  <  vlat.  cöj^la  für  cöpula); 
stopl  f.  (mnd.  Stoppel  <  vlat.  stöpla  <  stüpula). 

2* 


20 

Umlaut  von  as.  ö. 

§  236.  Umlaut  aus  as.  ö  >  ö,  z.  B.  höxt  f.  (mnd.  hogede^  hockte, 
as.  *höhi^a)  Höhe;  gröt  f.  (mnd.  grotede,  grötte)  Grösse;  grötst  grösste 
(mnd  grötteste,  grötste)^  daher  auch  grötä  neben  grotä  grösser;  üU 
löftix  weitläufig;  vgl.  auch  döxt  taugte,  getaugt;  b)  löp,  löpst,  löpt 
laufe,  läufst,  läuft;  kop,  köft  kaufe,  kauft,  kaufte,  gekauft;  stot^  stötst, 
stöt  stosse,  stösst,  gestossen  (§§  116.  118  a).  Hierher  ist  auch  zu 
stellen  2^öpl  f.  (mnd.  poppet  <  vlat.  pöplo  <  lat.  pöpultis, 

As.  ü, 

§  237.  As.  ü  >  u.  a)  ftixt  (as.  fühf)  feucht,  änfiixtn  anfeuchten; 
snüfdouk  (mnd.  snüvedök)  Taschentuch,  zu  snüm  schnauben;  vgl.  pulkdn 
mit  den  Nägeln  klauben,  zu  pülp.  klauben;  kuldn  hinunterrollen  (zu 
mnd.  küle  Kugel);  b)  In  OPri  hört  man  statt  lürä  lauter  Itidd. 

Umlaut  zu  ü, 

§  238.  Umlaut  zu  as.  ü  >  ü.  a)  düxt  (as.  ^ühta)  däucht, 
gedäucht;  b)  züp,  züpst^  züpt  saufe,  säufst,  säuft  und  so  alle  st.  Ztw. 
IIb  (§  369). 

As.  iu. 

§  239.  As.  iu  >  ü.  a)  lüxtn  (as.  Uuhtian,  mnd.  lüchten) 
1.  leuchten,  2.  blitzen;  lUxt  f.  (mnd.  lüchte)  Laterne;  lüxtä  m.  Leuchter; 
frünt  m.  (as.  friund)  1.  Freund,  2.  Verwandter;  b)  fred,  früst,  {riere, 
frierst,  friert;  geit^  giltst^  gilt  giesse,  giessest,  giesst  und  so  alle  st. 
Ztw.  IIa  (§  369,  vgl.  auch  §  118a).  Vor  einfachem  Konsonant 
wäre  iu  verkürzt  in  drütein  13  (and.  ^riutein,  vgl.  ags.  ^reottyne  neben 
^rlotiene^  Sievers,  Ags.  Gram.  §  230  Anm.);  doch  Hesse  sich  auch 
Beeinflussung  von  Seiten  drütix  30  (§  232  Anm.)  und  drür  (§  277) 
denken.     Vgl.  ferner  §  120  a. 

Anm.  Schwierig  ist  das  ü  in  düs^  düt  dieser,  diese,  dieses,  dies  zn 
erklären.  Die  mnd.  mbr.  Formen  sind  d^se^  desse,  disse,  düsse;  dit,  düt\  das  e 
in  d%se  ist  als  tonlang  (as.  these),  d.  h.  als  ä  zu  fassen.  Dieses  E  könnte  nun 
nach  §  241  verkürzt  sein,  infolge  von  Tonlosigkeit.  Woher  stammt  aber  i  oder 
gar  üj  da  doch  die  Qaalität  der  umgebenden  Konsonanten  der  Labialisiernng  keinen 
besonderen  Vorschub  leistet?  Erklärt  sich  i  im  Stamme  aus  eingedrungenen 
«'-haltigen  Endungen,  etwa  iu?  Und  darf  man  nicht  fttr  die  Formen  mit  ü  die 
as.  Formen  mit  iu  (Nom.  Sing.  Fem.,  Nom.  Akk.  Plnr.  Neutr.  piu^)  verantwortlich 
macheu,  so  dass  ü  eine  Verkürzung  von  iu  wäre?     Vgl.  Behaghel,  PGr.  I,  S.  779. 

As.  io, 

§  240.     As.  io  >  i.     a)  lixt  n.  (as.  Höht)  Licht. 

Anm.  1.  Ans  as.  io-mer  ist  über  inier  durch  Labialisiernng  (§  277  d) 
ümai  immer  geworden. 

Anm.  2.  fixt  f.  könnte  aus  einem  as.  *fi>ohta  (vgl.  ahd.  fi^hta)  entstanden 
sein;  belegt  ist  fiuhiia..  Wahrscheinlicher  ist  mir,  dass  fixt  hd.  Ursprungs  ist. 
Die  gangbare  Tanne  ist  bei  uns  durchaus  die  Kiefer,  und  sie  heisst  kurzweg  dan. 


21 

2.     VokalkürzuDgen  vor  einfacher  Konsonanz. 

§  241.  Verkürzung  vor  einfacher  Konsonanz  findet  sich  nur  in 
einigen  Partikeln,  besonders  Konjunktionen,  und  in  einigen  modalen 
Hülfszeitwörtern.  Die  Ursache  ist  in  der  schwachen  Betonung  dieser 
Wörter  im  Satzganzen  zu  suchen.  Beispiele:  f  >  t  (§  232)  in  zin  sein 
=  esse  (Meckl.  zin);  s.  auch  die  Ableitungssilbe  as.  -Itk,  die  schon 
im  Mnd.  zu  -lik  wird  und  jetzt  durch  das  hd.  -lix  verdrängt  ist  (§121  c). 
Hier  ist  auch  wohl  aufzuzählen  das  fast  veraltete  zor9  seit  {zöra  dei 
tu  seit  dieser  Zeit)  <  as.  siäor,  mnd.  södder.  Vgl.  §  242,  Anm.  3,  §  277; 
—  0  >  ü  in  müt,  mütn  muss,  müssen  (as.  möt^  *mötan^  mötun,  mnd. 
mötj  müt);  Einfluss  des  Hd.  ist  nicht  unwahrscheinlich;  —  Ü  >  w  in 
bün  (as.  bitim^  hiun^  mnd.  ftwn,  hin)  bin;  —  <^  (<  au)  >  o  in  dox  doch 
(as.  })öA),  >  u  in  uk  (as.  ök)  auch;  vgl.  dun  dann  (mnd.  rfön,  don^  dim)^ 
das  ich  als  Mischform  von  ^ö  da  und  )^an  dann  anzusehen  geneigt 
bin.  Doch  könnte  vor  dem  Nasal  a  vielleicht  lautgesetzlich  >  ii 
geworden  sein,  vgl.  bruml-b^  (§  229,  Anm.  2).  Ich  erwähne  noch 
zön  solch,  solch  ein  <  zö  an  so  ein,  s.  §  354. 


3.     Jüngere  Verkürzung. 

§  242.  Ohne  Zweifel  ist  die  Verkürzung  durch  Doppelkonsonanz 
zu  verschiedenen  Zeiten  wirksam  gewesen.  Und  so  möchte  auch  ich 
hier  die  Frage  aufwerfen,  die  Paul  schon  PBBeitr.  XX,  133  angeregt 
hat,  ob  nicht  in  manchen  Fällen  Verkürzung  früher  gedehnter  Vokale 
anzunehmen  sei,  so  dass  Tondehnung  durch  nachträgliche  Verkürzung 
aufgehoben  wäre.  So,  scheint  mir,  lassen  sich  am  ungezwungesten 
die  Stammsilbenvokale  in  einer  Reihe  von  Wörtern  deuten,  die  die 
Qualität  der  in  offener  Silbe  gedehnten  Vokale  haben,  dabei  aber 
kurz  sind.  As.  miluk  Milch,  hwilik  welch,  *butura  Butter,  skutala 
Schüssel,  *fultn  Füllen  mussten  ohne  Tondehnung  milk^  vilk  >  vik, 
hitd,  §ütl^  füln  ergeben,  mit  Tondehnung  aber  mälk,  välk  >  väk 
(vgl.  in  der  Soester  Ma.  vi9ke,  Holthausen  §  62  und  §  134),  bätä  (vgl. 
Soester  Ma.  bwta)^  §Ml  (vgl.  Soester  Ma.  sxydtl)^  fkln  (vgl.  mnd.  volen^ 
Soester  Ma.  fy^ln^  Holthausen  §§  65  und  66)  ergeben.  Die  Formen 
unserer  Ma.  sind  aber  melk,  vek,  bodä,  äötl,  föln,  also  tonlange 
Qualität  des  Vokals  vereint  mit  Kürze.  So  Hessen  sich  auch  erklären 
zmnd  Sommer  (as.  surnar)  als  verkürzt  aus  zämer  (§  191,  Anm.  2, 
Tgl.  zumna,  Holthausen  §  65),  kätln  kitzeln  als  verkürzt  aus  kätelen 
(as.  kitilon,  mnd.  ketelen,  Soester  Ma.  kiatln,  Holthausen  §  62),  möl 
Mühle  als  verkürzt  aus  tnhle,  älter  niklen  §  337  (vgl.  mbr.  male,  mölle, 
meckl.  wäZ,  Soester  Ma.  mydh  unt.  §  64),  el  Elle  (as.  elina,  mnd.  efe, 
meckl.  al)  als  verkürzt  aus  äle,  zöln  sollen  als  verkürzt  aus  zMn 
(§  208).  Und  wenn  man  an  Formen  denkt  wie  westf.  hidrmt  (as.  hemi^i) 
Hemd,  fry^mt  (as.  fremi^i,  mnd.  vrömede),  heast  (as.  hebis,  mnd.  hevest, 
hefst)  hast,   so   bleibt   immerhin   zweifelhaft,    ob  die  Formen  unserer 


22 

Mundart  härh^  frömt^  hast  ihren  kurzen  Vokal  wirklich  dem  Umstände 
verdanken,  dass  der  Mittelvokal  schon  vor  der  Zeit  der  Tondehnung 
ausgefallen  war,  wie  wir  §§  115,  224  angenommen  hatten,  oder  aber, 
ob  nicht  ein  gelängter  Vokal  nachträglich  gekürzt  worden  ist,  nach- 
träglich gekürzt  wie  doch  sicher  das  e  in  mnd.  getvBset^  gewest^  jetzt 
vest  gewesen.  Und  kann  man  den  kurzen  o-Laut  in  Formen  der 
Glückstadter  Ma.  wie  homä  Hammer,  komä  Kammer,  stomän  stottern, 
die  Bernhardt  Ndd.  Jb.  18,  95  aufzählt,  nicht  gut  erklären  als  durch 
Tondehnung  mit  nachheriger  Verkürzung  entstanden? 

Anm  1.  Fast  für  alle  Formen  bleibt  eine  andere  Deutung  möglich,  die- 
jenige nämlich,  die  wir  §  197  Anm.  2  für  die  Formen  smetf  s&p  Schmied,  Schiff 
gefunden  haben,  und  die  Heilig  §  159  Anm.  1  für  Beispiele  wie  fod^r  Vater, 
sodl  Sattel  der  Mundart  des  Tanbergrundes  aufgestellt  hat:  es  handele  sich  um 
Kompromissformen,  in  denen  zwischen  ursprünglichen  Doppelformen  eine  quanti- 
tative Angleichung  stattgefunden  hat.  Darnach  wäre  z.  B.  sötl  ein  Eompromiss 
aus  *shil  und  *sütl.    Zu  zöln  sollen  vgl.  §  208. 

o  o 

Anm.  2.  Wir  haben  §  114,  1  Anm.  2  an  die  Möglichkeit  gedacht,  dass 
hod^  und  sötl  unter    holländischem  Einfluss   entstanden   wären.     Dasselbe   wäre 

o 

formell  und  sachlich  auch  bei  melk  Milch  möglich,  doch  ist  melk  schon  die  mnd. 
Form  (vgl.  mellek  bei  Valentin  u.  Namenlos,  ed.  Seelmann  V.  255).  Neben 
hwilik  existiert  as.  weWc,  wobei  zu  bedenken  ist,  ob  e  nicht  schon  ein  Zeichen 
beginnender  Tonlängung  wäre ;  xomh.  könnte  auch  aus  dem  Hd.  stammen,  ebenso 
el  als  Verkehrswort,  und  möl  könnte  von  möl^  Müller  beeinflusst  sein  (doch 
schon  mbr.  m^lle). 

Anm.  3.  Hier  mögen  auch  die  drei  Wörter  i;ärä  wieder,  warn  Nieder-, 
piraik  Mark  der  Bäume  (bes.  des  Hollunders)  ihre  Stelle  finden.  In  allen  dreien 
stammt  ä  <  e  (vor  r  <  dd  §  bl),  vgl.  mnd.  wedder,  nedden^  nedder,  peddik, 
e  aber  <  i,  vgl.  as.  nndar,  as.  mdaVy  nidana  und  ags.  piia  (ne.  pith)  Mark 
der  Bäume,  von  dessen  as.  Vertreter  unser  peddik  eine  Ableitung  mit  -ik  ist 
Wenn  Sarrazin  Herrigs  Arch.  CI,  68  fragt,  ob  vielleicht  ags.  pidäa  anzusetzen 
wäre,  so  ist  von  unserer  Ma.  aus  zu  sagen,  dass  ein  solcher  Ansatz  nicht  nötig 
erscheint:  wir  sehen  auch  sonst  mnd.  -dd-  dort,  wo  im  As.  d  steht;  man  vgl. 
as.  feihera  >  mnd.  vedder  >  ß,r^  Feder;  as.  *ledar  >  mnd.  ledder  >  förä  Leder; 
as.  Hedag  >  mnd.  leddich  >  Ih-ix  leer.  Der  kurze  Vokal  erklärt  sich  in  den 
letzteren  Wörtern  aus  dem  obliquen  Kasus,  und  es  bestehen  mnd.  Formen  wie 
ledichy  leder  daneben.  Was  nan  wedder,  nedden^  peddik  anbetrifft,  so  kann  ich 
e  nicht  anders  auffassen,  als  verkürzt  aus  E  <  t  in  offener  Silbe  (§  188).  Es 
müssen  Doppel  formen  mit  i  und  §,  nebeneinander  bestanden  haben,  die  zu  einem 
Kompromiss  -e  geführt  hätten.  Solche  Doppelformen  Hessen  sich  ja  für  peddik 
denken  und  auch  zur  Not  für  nedden,  wenn  wir  ein  adjektivisches  Wort  wie  as. 
nideri  der  untere  heranziehen;  wie  soll  es  aber  für  as.  widar  wieder,  zurück 
zu  Doppelformen  kommen?  Ich  will  noch  erwähnen,  dass  Meckl.  veri  sagt,  und 
dass  in  Pri  eine  Nebenform  vd  existiert,  die  ich  mir  aus  v^r  für  vkri  in  der 
Tonlosigkeit  entstanden  denke;  ähnlich  steht  vielfach  b^ii  für  bw  beide,  und 
im  südl.  Teil  von  OPri  nd  nieder  für  *när,  n^rL 

C.     Diphthongierungen. 

§  243.  Die  langen  Vokale  z,  ü,  Ü  sind  auf  ndd.  Gebiete  erhalten 
geblieben.     Ganz  uneingeschränkt  gilt  diese  Regel  auf  ostelbischem 


23 

Gebiet  von  den  mir  aus  eigener  Anschauung  bekannten  Maa.  nur  für 
Holstein  und  Mecklenburg -Vorpommern.  Im  Brandenburgischen  da- 
gegen, und  somit  in  der  Ma.  der  Prignitz,  ist  in  einem  Falle  Diph- 
thongierung von  t  und  ü  eingetreten:  f  und  ü  vor  Vokal,  d.  h.  in 
Hiatusstellung,  ursprünglicher  oder  geschichtlich  entstandener,  sind  zu 
äi  und  ou  diphthongiert.  Diese  Diphthongierung  ist  eine  der  wich- 
tigsten Unterschiede  zwischen  der  Ma.  der  Pri  und  der  von  Meckl. 
(§  6).     Es  heisst  also  in  Pri: 

a)  fräi  (as.  fri  in  ff^lfk  freigeboren,  vgl.  fn  Weib;  mnd.  t?n, 
me,  vrtge)\  fräi-an  (as.  frtehan  lieben,  mnd.  vnen,  vrlgen)  heiraten; 
sräi-dn  (as.  skrian  st.  Ztw.,  mnd.  schrien^  schrigefi,  selten  schreien); 
zäi'9n  (mnd.  stetig  stgen)  seihen;  däi-9n  (as.  ^than^  mnd.  dlen^  dlgen) 
gedeihen,  in  dei  dex  däit  der  Teig  geht  auf;  snäi-dn  (mnd.  sneew, 
snlgen)  schneien;  in-väi-dn  (as.  ulhian^  man,  mnd  wten,  wlgen)  ein- 
weihen; fläi'dn  in  sik  an-,  iVmfläian  (mnd.  vllen,  vllgen  ordnen,  knüpfen; 
ausstaffieren)  sich  an-,  umhängen,  um  sich  auszuputzen  (in  spöttischem 
Sinne);  kläi  f.  (mnd.  klle,  kltge)  Kleie;  släi  m.  (mnd.  sli)  Schlei;  bläi  n. 
(mnd.  bll,  hlige)  Blei;  ndi,  prädikativ  ndit  (§  156,  Anm.  3)  (mnd.  nl, 
nie,  ntge)  neu;  die  betonte  Substantivbildungssilbe  -di  (mnd.  -le,  -ige, 
selten  -eige)  in  Wörtern  wie  frätaräi  f.,  ßsaräi  f.,  ,Hp9räi  f.  (mnd. 
freten(g)e,  visch€rl(g)e,  schepen(g)e)  Fresserei,  Fischerei,  Schäferei ; 
die  Vornamen  Mdräi  <  Mart*e,  nur  noch  erhalten  in  der  Zeitbestimmung 
M9räi'9n  (25.  Febr.),  früher  häufig  in  Doppelvornamen  wie  Trlmmräi 
(Katharine-Marie),  Anrmräi  (Anna-Marie)  Namen,  die  in  der  1.  Hälfte 
des  19.  Jhdts.  sehr  beliebt  waren,  und  Fei  <  SophVe,  von  Hindenberg 
verzeichnet,  jetzt  ganz  verschollen. 

Anm.  Ich  bin  geneigt,  hierher  das  schwierige  Mi-nöd^  Storch  zu  stellen. 
Ich  teile  nämlich  ab :  hiin-0€&  (vgl.  §  300)  und  führe  hUn-  auf  einen  obliquen 
Kasns  des  schon  znr  Erklärung  von  hint  §  232,  Anm.  2  herangezogenen  as. 
hiwa  Gattin  (vgl.  mnd.  hiBy  heie  Hofgehöriger)  zurück. 

b)  botwn  (as.  büan  wohnen,  mbr.  büen,  bütven,  bouwen)  bauen; 
hou  m.  (as.  bü  n.  Wohnung,  mnd.  bü,  büwe,  bouwe)  Bau;  troxtan 
(as.  trüon,  mnd.  trüwen,  trouwen)  trauen ;  brown  (mbr.  brüwen,  brouwen) 
brauen;  frou  (as.  früa,  mbr.  frütce,  frouwe)\  jou  (as.  eti,  m,  mnd.  jü) 
euch,  und  jou  (as.  euua,  iüwa,  mnd.  jüwe)  euer. 

Anm.  1.  Im  Mecklenburgischen  erscheint  also  in  allen  diesen  Wörtern, 
soweit  sie  vorhanden  sind,  i  und  ü,  z.  B.  /n,  /ri^a,  snidn^  ni,  /?^m;  bü9n  oder 
hüguy  /rü,  j^x.  In  intwM  entzwei  und  den  Wörtern  auf  -IM  wie  a/ä/äi 
mllH  allerlei,  einerlei  erscheint  auch  im  Mecklenburgischen  -U. 

Anm.  2.  Man  könnte  nä^  als  eine  entlabialisierte  Form  von  7iöy  (as. 
nium)  auffassen  wollen;  aber  bei  den  §  98  Anm.  angeführten  Wörtern  mit 
äi  <  (yy  stammt  das  öy  aus  aut  +  i,  auch  gelten  diese  Formen  nur  in  einem 
kleinen  Teile  der  Pri,  während  rAi  in  der  ganzen  Pri  gilt.  Vor  allem  aber 
weist  das  meckl.  ni  (mm.  ni)  darauf  hin,  dass  wir  auf  ein  as.  nie  zurückgehen 
müssen,  eine  Form,  die  uns  an  die  Hand  gegeben  wird  durch  NianhviS  in  der 
Ess.  Heberolle,  durch  nlgi^  nigemo  der  Freckenhorster  Heberolle  und  durch 
nigean  im  Monac.  Y.  1430. 


24 

Anm.  3.  Umlaut  von  ou  <  u  +  Vokal,  d.  h.  Diphthongierung  von  mnd. 
Ü  -H  Vokal  würde  vorliegen,  wenn  öy  in  gröygl  Gespensterfnrcht,  %ik  gröygln 
sich  gruseln  (mnd.  grüwel^  grüwdn)  nicht  auf  germ.  euu  (§  105)  zurückgeht, 
sondern  auf  germ.  üu. 

§  244.  Die  Frage  ist  nun:  wie  sind  die  brandenb.  äi  und  ou 
gegenüber  den  mecklenb.  l  und  ü  zu  deuten?  Es  scheinen  sich  mehrere 
Möglichkeiten  darzubieten. 

Man  könnte  auf  den  Gedanken  kommen,  dass  zur  Zeit  der 
Besiedlung  die  Ansiedler  von  Mecklenburg  der  Mehrzahl  nach  aus 
solchen  Gegenden  gekommen  seien,  in  denen  sich  l  und  ü  überhaupt 
erhalten  hat,  die  Ansiedler  der  Prignitz  aber  vorwiegend  aus  einer 
Gegend,  in  deren  Mundart  Diphthongierung  von  l  und  ü  lautgesetzlich 
ist,  wie  z.  B.  im  Ripwarischen,  Teilen  des  Westfälischen ;  dass  dann 
bei  der  schliesslichen  Ausgleichung  zu  einheitlichen  Formen  in  den 
nördlichen  Gebieten  die  nicht  diphthongierten,  in  den  süd- 
lichen die  diphthongierten  Formen  den  Sieg  davon  getragen 
hätten.  Wir  haben  Ndd.  Jb.  31,  68  f.  tatsächlich  die  Wahrscheinlichkeit 
zugegeben,  dass  sich  in  der  Pri  auch  Niederfranken  angesiedelt  haben, 
sind  aber  zu  dem  Schlüsse  gekommen,  dass  von  einer  namhaften 
niederfränkischen  Ansiedlung  nur  im  südlichen  Teile  der  Pri  die  Rede 
sein  kann.  Wir  müssten  also  annehmen,  dass  die  diphthongischen 
Formen  vom  Süden  her  bis  an  die  meckl.  Landes-Grenze  vorgedrungen 
seien.  Wir  müssten  aber  dann  zuvörderst  annehmen,  dass  die  ersten 
Ansiedler  die  diphthongischen  Formen  schon  mitgebracht  hätten. 
Begnügten  wir  uns  aber  mit  der  Annahme,  dass  sie  nur  die 
Disposition  zu  dieser  Lautbewegung  mitgebracht  hätten,  so  w^ären 
wir  zu  der  weiteren  Annahme  genötigt,  dass  die  Mundart  eines  vom 
Mutterboden  losgetrennten  Volksstammes  sich  nach  immanenten 
Gesetzen  nach  der  Art  der  Mundart  der  Zurückbleibenden  w^eiter- 
entwickle.  Beide  Annahmen  halte  ich  für  durchaus  ausgeschlossen. 
Es  wäre  ja  nun  noch  die  Möglichkeit  vorhanden,  dass  einem  späteren 
Nachschub  von  Ansiedlern  äi  und  ou  eigentümlich  gewesen  sei,  und 
dass  bei  dem  neu  einsetzenden  Nivellierungsprozesse  diese  Diphthonge 
gesiegt  hätten.  Auch  hier  könnte  nur  das  Niederfränkisch-Ripwarische 
in  Betracht  kommen.  Tatsächlich  sind  ja  später  zu  verschiedenen 
Zeiten,  besonders  zur  Zeit  des  Grossen  Kurfürsten,  noch  Holländer 
ins  Land  gerufen  worden.  Aber  ihre  Zahl  war  doch  so  beschränkt, 
dass   sie   auf  die  Sprache  sicherlich  keinen  Einfluss   ausgeübt  haben. 

So  bin  ich  denn  durchaus  der  Ansicht,  dass  sich  in  der  Pri  wie 
in  ganz  Brandenburg  und  überhaupt  im  grössten  Teile  von  Ostnieder- 
deutschland l  und  ü  in  Hiatusstellung  selbständig  zu  äi  und  ou 
entwickelt  haben. 

Anm.  In  seinem  scharfsinnigen  Aufsatze  „Die  Entstehung  der  nhd. 
Diphthonge''.  Z.  f.  d.  A.  XXXIX,  257—301  behauptet  Wrede  unzweifelhaft  mit 
Becht,  dass  bei  Diphthongierungen  stets  von  zweisilbigen  Formen  ausgegangen 
werden  müsse.  Das  trifft  auch  für  die  beschränkte  Diphthongierung  von  i  und 
ü  in  Pri  zu:  /ra^  frei  z.  B.  verdankt  sein  äi  sicherlich  einer  flektierten  Form 


25 

dieses  Wortes  (z.  B.  vne)\  denn  stets  einsilbige  Wörter  wie  ml,  diy  vi,  gl,  bl 
mir,  dir,  wir,  ihr,  bei  haben  in  unserer  Mundart  ihr  i  erhalten;  so  müssen  anch 
Mdrii,  FH  auf  Marie,  Sophie  mit  gesprochenem  End-e  beruhen,  und  jou  ,euch^ 
mnss  von  jou  <  jüwe  ,euer*  beeinflnsst  worden  sein,  wozu  schön  stimmt,  dass 
Meckl.  und  der  grösste  Teil  von  Pri  jü  sagt.  Aber  in  einem  entscheidenden 
Punkte  weiche  ich  durchaus  von  Wrede  ab :  nach  meiner  Ansicht  ist  die  Diphthon- 
gierung von  i  und  ü  yor  Vokal  nicht  dadurch  zustande  gekommen,  dass  ein  e 
verloren  gegangen  ist,  das  vor  seinem  Verstummen  seinen  Nebeniktus  noch  mit 
dem  Hauptiktus  vereinigt  habe ;  ich  meine  vielmehr,  dass  i  und  ü  sich  mit  einem 
Dachklappenden  e  oder  u(o)  zu  einem  Diphthongen  vereinigt  haben.  Diese  e 
und  0  mögen  z.  T.  auf  den  alten  thematischen  j  und  w  {Ij,  mv)  beruhen,  so 
dass  die  Hiatusdiphthongierung  ihren  Ausgang  hätte  in  Formen  wie  frije,  büwen, 
wie  das  Kräuter  Z.  f.  d.  A.  XXI,  266  ff.  für  das  Alemannische  angenommen  hat. 
Dieser  Ansicht  entsprechend  meine  ich  anch  abweichend  von  Wrede,  dass  die 
Diphthongierung  von  i  und  ü  im  Hiatus  als  ein-  ftbr  sich  bestehender  Vorgang 
angesehen  werden  muss  und  nicht  auf  gleicher  Stufe  mit  der  sonstigen  Diphthon- 
gierung von  i  und  ü  behandelt  werden  darf. 

Sehr  lehrreich  für  die  Beurteilung  unserer  Frage  scheint  mir 
auch  die  Entstehung  des  Diphthongen  ei  aus  i  +  Vokal  zu  sein, 
s.  den  nächsten  §. 

§  245.  Nach  §  107  hat  sich  im  diphthongischen  Gebiet 
(§  7,1)  von  Pri  (und  Meckl.)  der  as.  Diphthong  io  zu  ei  entwickelt, 
z.  B.   deif  <  as.  ^iof^   hedreiff  <  as.   driogan.     Das  Mittelglied  ist  ie. 

In  demselben  Gebiete  ist  aber  ei  auch  entstanden 

1)  aus  ie  <  io  <  %w  in  knei  (as.  knio)  Knie,  feiä  (neben  feä) 
(as.  fior  <  fiiDur)  4 ; 

2)  aus  ie  <  ij  in  drei  (as.  \irie  <  *^rijös)  3; 

3)  aus  ie  <  i  •+•  Vokal,  oder  f  -|-  A  -|-  Vokal  in  hei  (<  as.  hie^ 
nicht  hB)  er,  dei  (as.  J)ia,  J)m,  ^ie)  der,  die ;  zei  (as.  sia,  siu,  sie)  sie ; 
Eigenname  Theis  <  (Matythlas^  Leis  <  Elias  (letzterer  von  Hindenberg 
verzeichnet) ;  —  fei  n.  (as.  ßo  <  fehü)  Vieh ;  zein  (as.  sian  <  sehan) 
sehen;  ik  zei  (as.  sihu)  ich  sehe.  Für  Meckl.  und  Pom.  kommt  noch 
tein  (as.  tian  <  tiohan)  ziehen  hinzu. 

Wie  hier  kurz  i  H-  ö  >  ei  geworden  ist,  so,  meine  ich,  ist  lang 
i'\'  e  >  di  geworden,  wobei  wir  dieselben  drei  Gruppen  unterscheiden 
könnten:  1)  e  4-  m?  (z.  B.  bläi  <  as.  bllo  <  bliw\  2)  t  +  j  (z.  B. 
fräi9n  <  as.  friehan,  vgl.  got.  frijon),  3)  f  -+-  A  -f-  Vokal  {daian  <  as. 
^ihan).  Aus  meiner  Regel  fällt  nur  täin  10  mit  seinem  weiten  äi 
heraus:  as.  tehan^  tian  Hesse  tein  erwarten.  Freilich  ist  bei  diesem 
Worte  schon  im  As.  die  Stufe  tein  erreicht  (Freckenhorster  Hebe- 
rolle); wichtig  ist,  dass  auch  das  Meckl.  täin  sagt  (schon  mm.  teyn)^ 
dass  hier  also  dasselbe  Verhältnis  vorliegt  wie  bei  intwäi  entwei 
(§  243,  Anm.  1),  das  ich  §  84  zu  westgerm.  HwajjB  gestellt  habe. 

Anm.  Für  gesen  ,ge8chehenS  das  in  der  mittleren  Periode  parallel  mit 
jSehen*  geht,  sollte  man  geäein  erwarten,  wie  ja  die  3.  Fers.  Fräs.  Sing,  geä^t, 
entsprechend  xlit,  heisst.     Es  ist  sicherlich  hd.  Einflnss  anzunehmen. 

§  246.  Noch  ist  hier  einer  bemerkenswerten  Diphthongierung 
Erwähnung  zu  tun,  die  vielleicht  geeignet  ist,  auf  die  Diphthongierungen 


26 

der  vorigen  §§  einiges  Licht  zu  werfen,  soweit  für  letztere  altes  -y,  ?j 
in  Betracht  kommt.  Innerhalb  des  Gebietes,  das  für  intervokales  d 
einen  J-Laut  zeigt  (§  7,  2  a,  §  158,  Anm.  1)  hebt  sich  wieder  ein 
kleineres  Gebiet  ab,  in  welchem  -ye-,  -üj^-  <  -ide-^  -Me-  zu  äi  und  öy 
diphthongiert  sind:  Mnd.  smden  schneiden,  wtde  Weide;  IMe  Leute, 
l&den  läuten  u.  s.  f.  heissen  hier  snäün^  väi;  löy^  löydn  u.  s.  f.  Es 
ist  schwer,  die  Grenzen  dieses  Gebietes  genau  anzugeben,  doch  macht 
es  mir  besondere  Freude  festzustellen,  dass  es  in  Wenkers  Sprachatlas 
recht  genau  umschrieben  ist  (in  der  Leute- Karte  als  ^^w-Gebiet). 
Es  mussten  nur  im  Süden  Breddin  noch  einbeschlossen,  im  Westen 
Kletzke,  im  Norden  Blumenthal  ausgeschlossen  werden.  Die  südliche 
Grenze  ist  etwa  die  Verbindungslinie  zwischen  Havelberg  und  W^uster- 
hausen,  im  Osten  bildet  die  Seenplatte,  die  nördlich  von  Wusterhausen 
beginnt,  die  Grenze,  im  Westen  wird  die  Grenze  gebildet  von  einer 
Linie,  die  von  Havelberg  über  Glöwen,  Gross -Leppien,  Gross-Welle, 
Garz  nach  Tuchen  geht.  Tuchen  und  Christdorf  sind  die  nördlichsten 
Punkte,  zwischen  Tuchen  und  Christdorf,  gerade  südwärts  von  Pritz- 
walk  ist  noch  eine  grosse,  bis  Dannenwalde  nach  Süden  gehende  Ein- 
buchtung, die  keine  Diphthongierung  zeigt,  z.  T.  übrigens  ja  auch 
nicht  zum  ^'-Gebiete  gehört  (§7,  2  a).  Die  beiden  südlichsten  Dörfer 
der  WPri,  Jederitz  und  Vehlgart,  gehören  zum  Diphthongierungs- 
gebiet; sonst  sind  es,  wie  man  sieht,  in  der  Westprignitz  nur  noch 
wenige  Dörfer,  die  diphthongieren.  Die  Städte  Kyritz  und  Havelberg 
kennen  die  Diphthongierung  nicht. 

Anm.  Bei  Wusterhausen  schliesst  sich  ein  Gebiet  derselben  Diphthon- 
gierungsart  an,  das  ungefähr  das  Dreieck  zwischen  Wusterhausen,  Fehrbellin 
und  Neu-Euppin  umfasst. 

§  247.  Über  e^,  äi  als  Umlaut  zu  e  (<  ai)  s.  §  82,  83;  über 
ei  <  as.  e  (germ.  e^),  ou  <  as.  ö  (germ.  ö),  öy  (Umlaut  dazu),  vgl. 
§  79  Vorbem.  und  §  90  Vorbem. 


D.     Veränderungen  der  Vokale  vor  r  und  r-Verbindungen. 

1.    Die  Vokale  vor  r  und  r  4-  ursprünglich  stimmhaften 

Zahnlauten. 

§  248.  r  und  r  vor  stimmhaften  Zahnlauten  dulden  keine 
kurzen  Vokale,  keine  weiten  Vokale  und  keine  Diphthonge  vor  sich. 
Es  werden  also  kurze  Vokale  lang,  weite  eng,  Diphthonge  zu  Monoph- 
thongen, und  zwar  erscheinen  e,  i  als  e;  o,  w  als  ö;  ö,  w  als  o;  im 
diphthongischen  Gebiet  der  Pri  (§  7,  1)  erscheinen  ei  (<  as.  e  = 
ahd.  ia  und  as.  io)  als  e\  ou^  öy  (<  as.  ö  =  ahd.  uo  und  Umlaut 
dazu)  als  ö,  o;  ausserdem  werden  a  und  ä  >  ö,  der  Umlaut  von  ä>  e. 
Vgl.  §  136b;  §  193. 


27 


As.  a. 

§  249.  As.  a  >  ö,  z.  B.  ploiix-äöä  f.  (mnd.  plög-schar)  Pflug- 
schar, böä  (as.  bar  nackt,  oflfenbar)  bar  (von  Geld),  aber  baift  barfuss 
(S  120  a);  äpm-böä^  äpm-böän  (as.  baron  entblössen)  offenbar,  offen- 
baren; böä  m.  (mnd.  bare,  vgl.  Behaghel  PGr  I,  S.  753)  Bär;  vöd, 
(jevöä  gewahr;  vöä-näm  (as.  wara  neinan)  wahrnehmen;  up-vöän  (as. 
icaron  beachten,  wahren,  hüten)  aufwarten,  np-tmrä  Aufwärter;  zik 
vödn  (as.  waron  oder  wardon)  sich  hüten,  bei  Seite  springen;  vöän 
(as.  waron  dauern)  dauern  (bes.  von  Obst);  göän  Garn;  gö9rn  (as. 
(jardo)  Garten ;  spöän  sparen ;  up-föän  (as.  faran)  auffahren ;  zik  fä-äöän 
(zu  me.  darien  in  Furcht  sein?)  sich  von  einer  Anstrengung,  einem 
Schrecken  erholen;  nöähaft  nahrhaft;  swöä  (mnd.  swarde)  Speck- 
schwarte; ö^rir  (mnd.  arrficA  Art  habend,  vortrefflich)  1.  artig,  2.  sehr; 
mmrix  (mnd.  unardich  von  schlechter  Art)  unartig;  öät  f.  (mnd.  art, 
flekt.  arde  m.  und  f.  Abstammung,  Art)  Art;  föät  f.  (as.  fard)  Fahrt; 
böät  Bart;  hdzn-äödt  f.  (vgl.  as.  skard  zerhauen)  Hasenscharte;  mödt  m. 
(mnd.  marte,  mart,  vgl.  as.  marprfn  und  ags.  mear]^,  meard)  Marder; 
Mödt'drükyt  n.  (mnd.  mar,  vgl.  §  156)  Alpdrücken;  nöds  m.  (as.  ars) 
anus;  böds  m.  (mnd.  bars)  Barsch;  Ködrl,  Köddl  neben  Kädl  Karl; 
köät  Karte.     Über  nöd  Narbe  s.  §  213,  über  göä  gar  §  214. 

Anm.  1.  ^äf  Garde  stammt  aus  dem  Hd.  und  ist  erst  eutlebnt,  nachdem 
a>  h>  ä  >  b  geworden  war ;  hd.  sind  auch  aitix  artig,  hait^  hat  hart ;  as.  ha7^d 
hätte  hökt  ergeben. 

Anm.  2.     Über  a  vor  mnd.  rr  s.  §  135  n.  Anm. 

Anm.  3.     Zu  nöH^,  böks  vgl.  §  165  Anm.  1. 

As.  e, 

§  250.  As.  €  >  e,  z,  B.  bed  f.  (as.  beri)  Beere;  nedn  (as.  nerian 
erretten,  ernähren)  nähren;  tMn  zehren;  swSdn  (as.  swerian)  schwören; 
peät  {eLB,  perid)  Pferd,  Mz.  ped\  med  f.  (as.  merie,  mnd.  merje)  Mähre; 
feä  f.  Fähre;  h^  n.  (as.  heri  Heer);  hedriyk  (as.  hering)  Häring; 
veän  wehren,  beäedn  (as.  skerian  bescheren)  bescheren. 

Anm.  1.  über  färix  (mnd.  verdick)  fertig,  hen-hafn  (as.  herdian  stärken) 
in  einer  Bewegung  bis  zum  Ziele  aushalten,  nicht  erlahmen,  vgl.  §  272.  In  den 
Städten  Havelberg  und  Perleberg  sagt  man  pät  statt  peU.  Über  spkfliyk  (mnd. 
sperluik)^  Mfbdfx  Herberge  s.  §  120  a. 

Anm.  2.  Sehr  schwierig  ist  das  Wort  enkdrix  in  enkärix  tipstän,  d.  h. 
mit  kleiner  Bitze  offenstehen,  von  der  knarrenden,  klaffenden  Tür;  mnd.  enkarrSy 
enkar.  Skeat  lässt  in  seinem  Etymol.  Dict.  das  gleichbedeutende  ne.  a-jar  ver- 
derbt sein  ans  a-char^  das  er  zurückführt  auf  me.  on  char,  ags.  on  cyrre  auf 
der  Wende,  vgl.  ags.  cyrran^  cerran  kehren,  wenden,  mhd.  kerren.  Dann  wäre 
m  (=  ein)  volksetymologisch  aus  en  umgedeutet,  und  -ix  angetreter  wie  öfter, 
vgl.  §  413;  über  a  s.  §  272. 

Anm.  3.     Hd.  ist  giftniy  gUtil  Qärtner. 


28 

As.  e. 

§  251.  As.  e  >  e,  z.  B.  heä  her;  speä  Speer;  teä  Teer;  sweän 
(rnnd.  Hweren)  eitern,  schwären;  be-geän  begehren,  upbegeän  aufmucken; 
geän  gern;  f^n  fern;  steän  Stern  (rnnd.  stern(e)^  aber  as.  sterro\  ent- 
weder gab  es  eine  as.  Nebenform  *sterno  =  ahd.  stetmo^  oder  das 
rnnd.  Sterne  hat  sein  n  aus  der  Mehrzahl);  eänst  m.  (as.  ernust)  Ernst; 
k^n  Kern;  ea  f.  (as.  er^d)  Erde;  Aed^  m.  (as.  h'erS)  Herd;  veät  (as. 
iv'cri)  wert;  Fea^  Familienname  (as.  w'erd  Hausherr);  tef/,  Äre^rf/  m. 
(mnd.  Z:erfe)  Kerl;  über  smeä  Schmeer  s.  §  211,  über  dweä  quer  §  218. 

Anm.  1.     fkrs  Vers  ist  hd. 

Anm.  2.     Über  väin  (as.  werdan)  werden  vgl.  §  272. 

As.  i. 

§  252.  As.  i  >  e,  z.  B.  cd  (as.  ira,  iro)  ihr;  ^w;edw  m.  (mnd. 
twern(e))  Zwirn;  steän  (mnd.  sterne)  Stirn;  smeän  (mnd.  smeren,  vgl. 
mhd.  smirn)  schmieren;  ansmeän  anführen.  Als  e  ist  auch  das  i  der 
französischen  Verbalendung  -ier  behandelt,  vgl.  regedn  regieren, 
blameän  blamieren,  kwatedn  quartieren ;  I  +-  r  hätte  lä  ergeben  §  88. 

Anm.  1.  Hd.  Lantgebung  zeigen  mar^*^n  marschieren;  oftsi^  Offizier; 
regVdrui)k  Begiernng. 

Anm.  2.  i  vor  r  war  schon  im  As.  vielfach  zu  e  getrübt,  vgl.  Holt- 
hausen,  As.  El.  §  84,  Anm.  2.  Darnm  ist  anch  nicht  zu  erkennen,  ob  ^oa  (für 
*seä,  s.  §  277  c)  Scherbe  auf  i  oder  e  beruht  (as.  skerhin  n.,  mnd.  sckerm 
(scirhe)),  vgl.  auch  §  211  Anm.  Dasselbe  lässt  sich  sagen  von  shiii)k  m.  (mnd. 
scherlingj  aber  mhd.  schirlinc,  scherlinc)^  dessen  ä  nach  §  120  a  zu  beurteilen 
ist.  Bei  6ea  f.  Birne  (mnd.  bere)  lässt  sich  kaum  entscheiden,  ob  es  auf  lat. 
2Ära  oder  erst  auf  roman.  pera  zurückgeht,  wie  ags.  peru  auf  r'oman.  pe7^  n. 

Anm.  3.  Über  ndnix  (mnd.  neme  <  nergene)  nirgend  s.  §  173b  Anm.  1 
und  §  272. 

Anm.  4.     Über  i  4-  rr  vgl.  §  135  Anm. 

As.  0. 

§  253.  As.  0  >  ö  (Meckl.  ü),  z.  B.  döä  n.  (as.  dor)  Tor;  döän 
Dorn;  köän  n.  (as.  körn)  Getreide  auf  dem  Halm;  smödn  schmoren; 
böän  bohren;  fä-löän  verloren  und  ähnliche  Partiz.  Perf.  (§  369); 
vöät  Wort;  öät  m.  (as.  ord  Spitze)  Pfriemen,  dazu  wohl  der  Boberower 
Flurname  Spitsn-öät^  ein  sich  keilförmig  in  den  See  vorstreckendes 
Stück  Wiesen-  und  Schilfland;  böät  Bord;  Brett  an  der  Wand  zum 
Aufstellen  von  Töpfen;  föät  f.  (as.  ford)  Furt;  föäts^  födtsn  (as.  for^) 
sofort.  Über  antvöät^  antvöatn  (as.  and-wordi,  andwordian)  Antwort, 
antworten,  ebenso  über  pödt  Pforte  vgl.  §  164. 

Anm.  1.  Hd  sind  mort  Mord  für  fast  verschwundenes  mhU  m.  (as.  moiih\ 
wahrscheinlich  auch  bhdr%  für  *6öä  (mnd.  bor^  vgl.  holstein.  6är)  Bohrer  und 
fürt  fort  in  viÜ.  fürt  will  er  fort;  sonst  wird  der  Begriff  ,fort*  mit  vex  ausgedruckt. 

Anm.  2.     o  4-  rr  s.  §  135  Anm. 


29 

Umlaut  zu  o. 

§  254.  Umlaut  von  o  >  5,  z.  B.  hodn  n.  (as.  hörn)  Hörn;  vod^ 
vo9rd  Wörter;  moQrd  m.  in  näff-mö^rä  Neuntöter  (Würger);  Dodt 
Dorothea ; 

Anm.  1.  ö  ist  kurz  geblieben  in  ßrn  (as.  hiforan)  Yorne,  nud  mit 
Ansfall  des  r  in  e26'ns,  veraltetes  Wort  f&r  heizbares  Zimmer^  s.  §  263  Ende. 

Anm.  2.     Dem  Hochdentschen  ist  mörd^  Mörder  entlehnt. 

As.  u. 

§  255.  Köät  (Eigenname)  Kurt.  Wahrscheinlich  gehört  auch 
spä  f.  (mnd.  spar  n.)  hierher,  vgl.  as.  spuri-helti  Lahmen  der  Pferde ; 
doch  wäre  auch  ein  as.  *spor  n.  denkbar,  entsprechend  ahd.  spor. 
Dann  würde  das  Wort  zu  §  253  gehören.     Zu  föä  f.  Furche  vgl.  §  217. 

Anm.  Hd.  oder  Halbhd.  sind  xLdxäk^  Ü9xach  f.  Ursache;  gebü&t  Geburt 
{ia.ffiburd  hätte  geböit  ergeben).  Halbhd.  ist  auch  torm  Tnrm.  As.  tum  (?), 
mnd.  torn  (<  afrz.  töm?  vgl.  Baist,  Oröbers  Zs.  XVUI,  280)  hätte  /öän  ergeben 
müssen.    S.  §  141,  Anm.  2. 

Umlaut  zu  u. 

§  256.  Umlaut  von  as.  u  >  o,  z.  B.  fod  (as.  furi  für  und  fora 
vor)  1.  für,  2.  vor.  spdän  (as.  spurian)  spüren;  böän  (as.  hurian) 
tragen,  heben,  Geld  einnehmen;  zik  fd-tddn  (as.  *tiirnian,  mnd.  t?or- 
^öj-wßw,  zu  mnd.  torn  Unwille)  sich  erzürnen:  död  f.  (as.  rfwrw,  rfwn) 
Tür.  Hierher  gehört  auch  v5d  f.  (mnd.  wurt,  tcort,  Mz.  wörde)  mit 
Obstbäumen  bestandene  Hofstelle.     Über  mod  mürbe  vgl.  §  214. 

Anm.  1.  Unklar  ist,  ob  8  in  ^M  n.  Kind,  bes.  Mädchen  anf  o  oder  u 
znrückgeht,  vgl.  ne.  girl^  Schweiz,  gurre  und  Braune^  Lanrembergs  Scherzgedichte 
S.  94.    Derselbe  Zweifel  waltet  auch  bei  stMn  stören  (s.  §  97). 

Anm.  2.     Hd.  sind  geb^m  Gebtthren  und  gütl  Gürtel. 


As.  a, 

§  257.  As.  ä  >  ö^  z,  B.  höd  Haar,  dazu  höän  die  Sense  scharf 
machen;  ^'d4  n.  Jahr;  r>öd  wahr,  dazu  twöds  zwar;  död  (as.  |)är)  da; 
^iföA  (as.  swär)  schwer;  geföd  f.  (zu  as.  fära  Nachstellung)  Gefahr; 
röän  (mnd.  rüren)  laut  weinen;  klöd  (mnd.  klar  zu  lat.  clärus)  klar; 
röd  rar  (<  hd.  rar  <  frz.  rare);  habö9§  neben  babafä  furchtbar  =  sehr. 
Hierher  ist  auch  zu  stellen  öd  f.  (as.  *ahar  in  aharin  aus  Ähren  be- 
stehend, vgl.  ags.  *ahur;  mnd.  ar^  äre^  am;  aha  >  ä  nach  §  72)  Ähre. 

Anm.  1.     Unklar  ist,   ob  pöSi,  Paar,   paar,   anf  lat.  J9är  oder  roman.  jpär- 
beruht;  mnd.  pÄr, 

Anm.  2.     Zn  va-raftiz  wahrhaftig  s.  §  120  a. 

Anm.  3.     ho^  schwer  ist,  wie  vor  allem  8  beweist,  hd.  Eindringling,  doch 
schon  mbr.  sw&r  neben  aw^r. 


30 

Umlaut  zu  ä. 

§  258.  Umlaut  von  ä  >  e  (vgl.  §  75)  z.  B.  hedn  (as.  gi-\ 
mnd.  heren)  sich  gehaben ;  fä-fe'än  (zu  as.  fär^  fära  Nachstellung, 
mnd.  vorveren,  vgl.  ags.  färan  schrecken)  erschrecken;  ä^  f.  (as.  skära^ 
afries.  skSre)  Scheere ;  jedlix  (mbr.  jerlik^  järlik,  jerlich^  järlich)  jähr- 
lich; veä  (as.  tvari^  mnd.  were)  wäre,  war. 

Anm.     Der  Umlaut  von  ä  >  e  muss  vollzogen  gewesen  sein,  bevor  a>  a 
>  ö  wurde;  ö  wäre  sicherlich  zu  3  umgelautet  worden. 

As.  ö  (uo), 

§  259.  As  ö  (uo)  >  ö;  z.  B.  möd  n.  Moor;  snöd  f.  (mnd.  snör 
m.,  möre  f.)  Schnur;  föd  f.  (mnd.  vöre)  Fuhre ;^öd  m.  Flur;  hödn  huren. 

Anm.  hüi  (mnd.  hö7'e)  Hure  stammt  aus  dem  Hd.  Hängt  in  dei  /na, 
in  der  ersten  Aufwallung  mit  lat.  färor  zusammen? 

Umlaut  zu  ö. 

§  260.  Umlaut  von  as.  ö  (uo)  >  ö;  z.  B.  fodn  (as.  förian  führen, 
fortschaffen)  fahren ;  snoän  (mnd.  snoren)  schnüren ;  jemand,  der  über 
ein  Feld,  auf  dem  geerntet  wird,  geht,  eine  Braut,  die  durch  ein  Dorf 
fährt,  durch  Spruch,  Strohband,  wehende  Tücher  zu  einer  Geldspende 
veranlassen. 

Anm.     In  Meckl.  hört  man  vielfach  föyin  statt  /"Bän. 

As.  io, 

§  261.  As.  io  >  e,  z.  B.  bBd  Bier;  dedt  n.  (as.  dior,  mnd.  rfer, 
dert  [§  156])  Untier;  dedn  f.  (as.  ^iorna,  mnd.  derne)  Mädchen;  freän 
(mnd.  vresmi)  frieren;  fd-ledn  (as.  farliosan)  verlieren;  fed  4;  featdin^ 
fedtix  (as.  fiertein^  fiertich^  mbr.  verteirij  verlieh^  mrtein^  mrtich)  14,  40; 
fedt  n.  Viert  (Vi  Scheffel). 

Anm.  1.     Nehen  /eä  4  hört  man  oft  fe&  (s.  §  245). 

Anm.  2.     Hd.  ist  fiÜ  Viertel. 


2.     Die  Vokale  vor  r  -h  stimmlosen  Zahnlauten. 


§  262.  Vor  stimmlosen  Zahnlauten  ist  r  gefallen  (§  136  c), 
weil  es  unbequem  ist,  nach  dem  Zitterlaut  fest  und  rasch  einen 
homorganen  Fortis -Verschluss  zu  bilden.  Das  r  muss  verhältnismässig 
früh  geschwunden  sein.  Schon  im  Mnd.  sind  r-lose  Formen  belegt 
(bost  Brust,  host  Horst,  s.  Lübben  §  32).  Hätte  ferner  r  noch 
bestanden,  als  die  Dehnung  der  Vokale  vor  stimmhaften  Zahnlauten 
begann,  so  hätten  die  Vokale  vor  r  4-  stimmlosen  Zahnlauten  den- 
selben Längungsprozess  durchgemacht;  sie  sind  aber  kurz  geblieben. 
Wo  r  erhalten  ist,  wie  in  einigen  Lehnwörtern,  ist  der  Vokal  auch 
gedehnt  worden:  pödt^  Mz.  pödtn  (as.  porta  <  Isit  porta)  Pforte;  ködt^ 


31 

Mz.  ködtn  (mnd.  karte  <  frz.  carte)  Karte.  Zu  erwähnen  ist  noch, 
dass  in  jüngeren  Lehnwörtern  r  vor  t  noch  jetzt  wegfällt,  wie  z.  B. 
in  kwat  n.  Quart  (Mass),  fitl  Viertel,  stuts  <  Sturz,  in  tipm  stuts 
plötzlich;  gätj  Gürtel,  gätnä  Gärtner.  Zu  vergleichen  ist  der  Ausfall 
des  l  vor  k  in  vik  will  ich,  zak  soll  ich,  vek  welche  (§  134)  Aus 
dem  folgenden  §  ergeben  sich  übrigens  einige  weitere  chronologische 
Anhaltspunkte:  r  kann  erst  nach  Vollzug  der  Umstellung  von  r  (§  279) 
verstummt  sein;  es  kann  erst  verstummt  sein,  nachdem  durch  dasselbe 
e  >  ä^  u  >  0,  a  >  ö  gewandelt  war:  hiist  muss  erst  >  burst  >  borst 
geworden  sein,  bevor  bost  entstehen  konnte  (vgl.  §  309). 

§  263.  As.  mnd.  a,  o  (und  der  Umlaut  ö)  bleiben  unverändert, 
z.  B.  Staat  (as.  swart)  schwarz;  hosten  Schornstein;  föst  f.  First. 
Weitere  Beispiele  s.  §  136  c. 

As.  ^,  e  erscheinen  als  d,  z.  B.  md§^  Flurname  für  Weide-  und 
Wiesenstrecken  (mnd.  mersch^  tnarsch  Niederung,  Marsch) ;  gast,  gästn 
m.  (as.  gersta  f)  Gerste;  bdstn  (as.  br'estan,  mnd  bersten)  bersten; 
hat  Herz;  stdt  m.  (mnd.  stert)  Sterz,  wofür  man  jetzt  gewöhnlich 
swans  sagt. 

Anm.  Über  ö  <  e  in  dösn  dreschen  vgl.  277  a.  In  Bktl  (Eigenname 
=  Bartel)  kann  a  auf  e  und  e  beruhen  (Grundwort  Bartholomäus  oder  BSrht-), 
Tgl.  drhnb^tl  Schwätzer.  In  unbetonter  Silbe  ist  r  geschwunden  in  fÖrvSits, 
trüxvits  vorwärts,  rückwärts;  im  Mnd.  erscheint  meistens  -werty  selten  -wetis, 
für  trüxvkts  sagt  die  heutige  Ma  meistens  trüxnö'ks.  So  ist  denn  hd.  Einflnss 
nicht  ausgeschlossen. 

As.  i  erscheint  als  ä  (vgl.  §  268)  in  kdsbdn  (mnd.  kersebere, 
kasbere)  Kirschen,  im  n.  Teil  der  Pri  ganz,  im  s.  Teile  fast  verdrängt 
durch  das  hd.  kirä.  Vielleicht  ist  das  Wort  nach  §  120  a  zu  beurteilen. 
Hd.  scheint  auch  zu  sein  friä  frisch.  Die  gewöhnliche  mnd.  Form 
heisst  versk\  doch  kommt  schon  im  Mnd.  frisch  neben  versch  vor. 
Sicher  hd.  sind  hirs  Hirsch,  vitäaft  Wirtschaft. 

As.  u  erscheint  (meist  schon. im  Mnd.)  als  o,  z.  B.  bost  f.  (as. 
"^hiist,  im  Ablautsverhältnis  zu  briost,  mnd.  borst,  bost,  mbr.  fast  immer 
hrust,  brost)  Brust;  vost  (mnd.  wost)  Wurst;  swlns-bostn  (as.  bursta, 
mnd.  barste)  Schweinsborsten;  bost  f.  (as.  brüst  in  erth -brüst  Erdriss 
Werd.  GL,  mnd.  borst,  bost)  Borste,  Sprung,  Riss;  kot  (as.  kurt,  mnd. 
kort  <  lat.  curtus)  kurz,  inkot  entzwei. 

Anm.     Hd.  ist  burs  Bursche. 

Umlaut  von  as.  u  >  ö,  z.  B.  vost  Würste,  kötd  kürzer;  vötl  f. 
(mnd.  wartete)  Wurzel;  döst  f.  (as.  \)urst,  vgl.  ags.  ^yrst)  Durst;  döstn 
dursten,  bost  f,  (mnd.  börste)  Bürste,  ftös^w  bürsten,  eilig  laufen;  kost  f, 
(mnd.  korste,  kost  <  lat.  crusta)  Kruste;  .^öt  f.  (mnd  schärte  <  mlat. 
excurttis)  Schürze.  $ 

Anm.  1.  Hierher  zu  stellen  ist  auch  wohl  das  jetzt  veraltete  (/öns  heiz- 
bares Zimmer  des  alten  sächsischen  Hauses:  vgl.  mnd.  domitxe,  dömse,  mhd. 
(lümitz.  Die  Herleitnng  aus  dem  Slavischen  scheint  mir  schwach  begründet. 
Vgl.  §  254  Anm.  1. 

Anm.  2.     Hd.  sind  gemirts  Gewttrz,  fürst  Fürst. 


32 

3.     Die  Vokale  vor  r  -|-  Lippen-  und  Gaumenlauten. 

§  264.  Wir  haben  schon  §  136  darauf  hingewiesen,  dass  mnd. 
0  und  ö  vor  r  4-  Lippen-  und  Gaumenlauten  fast  ganz  unverändert 
bleiben,  ebenso  wie  der  r-Laut  ein  vollkommener  Zitterlaut  bleibt. 
Sie  hätten  daher  schon  in  den  §§  59  und  62  behandelt  werden  können. 
Nach  den  anderen  Vokalen  wird  der  r-Laut  mehr  oder  weniger 
reduziert  gebildet.  Je  unvollkommener  aber  r  gebildet  wird,  desto 
länger  wird  der  Vokal,  und  zwar  ist  er  vor  Gaumenlauten  etwas 
länger  als  vor  Lippenlauten.  Doch  geht  die  Längung  nur  dann  über 
halbe  Länge  hinaus,  wenn  ein  End-e  verstummt  ist. 

As.  a, 

§  265.  As.  ar  >  öf,  z.  B.  arm  Arm;  afm  arm;  vafm  warm; 
stvärm  Schwärm;  gäfd  Garbe;  däfm  darben;  ääfp  scharf;  Mrp  m. 
(as.  warp  n.  Aufzug  des  Gewebes)  Warp;  hafk  Harke;  stark  stark; 
kwäfk  m.  nichtige  Kleinigkeit.  Zu  farv  Farbe  vgl.  §  212,  zu  narv 
Narbe  §  213. 

Anm.  1.  a  >  0  in  borx  m.  (as.  barugy  aber  mnd.  borch)  verschnittenes 
Schwein. 

Anm.  2.     Hd.  ist  xarx  Sarg  (as.  sark), 

Umlaut  zu  a, 

§  266.  Umlaut  zu  a  >  d,  z.  B.  dhnl  Ärmel;  dfmä  ärmer; 
ddfm  (as.  ^arm)  Darm;  dfv  m.  n.  (as.  erbt)  der,  das  Erbe;  hdfvst 
(mnd.  h&fvest)  Herbst;  ädfpm  schärfen;  ädfprixtä  (mnd.  scherpenrichter) 
Scharfrichter;  mdfgl^  mdrvl  m.  Mergel;  drgän  (mnd.  ergeren  schlechter 
machen)  ärgern;  stdik  f.  (mnd.  sterke)  Stärke,  junge  Kuh,  die  noch 
nicht  gekalbt  hat;  mdfky  merken;  mdfk  n.  (as.  gi-merki  m.)  Kenn- 
zeichen ;  fdfky  (mnd.  verk^  verken)  Ferkel.  Über  täm  den  Hund  reizen 
(man  sagt  trrr,..),  s.  §  173b,  Anm.  1,  über  fdfm,  gdvm  färben, 
gerben  §  215,  über  dHt  Erbse  §  212. 

Anm.  Hierher  gehört  auch  ndn-ix  für  nkrtirix  nirgends  ans  as.  ni 
hwergin  (s.  §  173  b  Anm.  1  und  §  272).  Für  die  Altmark  wird  ein  r&mich 
noch  für  das  18.  Jahrh.  bezeugt  von  Bratring. 


As. 


e. 


§  267.  As.  6  >  dy  z.  B.  vdim  (as.  hw'erhan  hin  und  hergehen) 
werben;  dazu  gevdrv  (jnnd.  werf  n.)  Gewerbe,  Geschäft,  Vorwand 
(hd.  ?) ;  kdfv  f.  (mnd.  kilrf  n.,  kerve  f.)  Kerbe ;  stdfm  sterben  (der 
übliche  Ausdruck  ist  döt  hlim)\  fä-ddirft  verderben;  wdrk  Werk  (zur 
Bildung  kollektivischer  Begriffe  benutzt,  wie  husvdik^  bakvdfk,  vgl. 
Latendorf,  Ndd.  Korrespondenzblatt  IV,  5);  bäfx  Berg,  Mz.  bdf§.  Fast 
ausgestorben  ist  swdfk  n.  (as.  gi-swerk)  schwarze  Wolkenmassen. 


33 

As.  ?'. 

§  268.  As.  i  (mnd.  e)  >  a,  z.  B.  bdfk  f.  (mnd.  berke^  vgl.  ags. 
Urce)  Birke ;  käfkhof  in  «?^w.^  kdrkhof  wendischer  Kirchhof  (Flurname) ; 
kdfk  Kirche  selbst  (mnd.  kerke  <  as.  kirika)  ist  jetzt  ganz  durch  das 
hd.  kirx  verdrängt. 

Anm.     Hochdeutsch  sind  (ausser  kh'x)  .mm  Schirm,  vh'k>;  wirken. 

As.  0. 

As.  o  >  Oy  z.  B.  stonn  m.  (as.  storm)  Sturm;  stofm  ge- 
storben; korf  m.  (mnd.  korf,  as.  korhilin  Körblein  <  lat.  corbem);  bory 
borgen;  zory  sorgen;  zor^g  Sorge;  mory  Morgen;  bork  f.  (mnd.  borke) 
Rinde;  horky  horchen,  vgl.  §  235;  snorky  (mnd.  snorken)  schnarchen; 
sfork  (mnd.  stork)  Storch  (nur  in  der  Havelberger  Gegend). 

Anm.     Hd.  sind  furxtf  furxin  Furcht,  fürchten  (as.  forhia,  forhtian). 

Umlaut  zu  as.  o. 

§  269.  Umlaut  zu  as.  o  >  o,  z.  B.  störm  stürmen,  dörp  n.  (as. 
)orp)  Dorf;  örgl  f.  (mnd.  orgel  n.;  das  weibl.  orgele  stammt  aus  dem 
läufigen  Plural)  Orgel.  Zu  dem  unorganischen  ö  für  o  in  dörp  und 
örgl  vgl.  §  62,  Anm. 

As.  ti. 

§  270.  As.  u  (mnd.  o)  >  o,  z.  B.  vorm  m.  (as.  wurm  st.  m., 
vgl.  u'ormo  schw.  m.)  Wurm;  vorp  m.  (mnd.  i/^'orjp,  vgl.  ags.  wyrp) 
Wurf;  /brÄ-  f.  (as.  furka,  mnd.  t?oriß  <  lat.  furcä)  Forke. 

Anm  1.  Zuweilen  ist  nicht  zu  entscheiden,  oh  u  oder  o  zu  Grunde  liegt, 
z.  B.  hei  sorf  m.  (mnd.  scharf,  vgl.  ags.  scearf  setirf)  Schorf,  Grind ;  torf  m. 
(as.  turf  Rasen,  vgl.  as.  torf  Torf)  Torf. 

Anm.  2.     Über  torm  Turm  vgl.  §  255,  Anm. 

Umlaut  zu  as.  u. 

§  271.  Umlaut  zu  as.  u  >  ö,  z.  B.  vörmd  Würmer;  dorm  (as. 
\inrhan)  dürfen;  vörpm  Korn  gegen  den  Wind  werfen;  vörpl  m.  (mnd. 
u'örpel)  Würfel;  börgä  Bürger;  böry  bürgen;  vöry  (as.  wurgian)  würgen; 
(iörx  (as.  ^urh,  mnd.  dorch)  durch;  görgl  f.  (vgl.  mnd.  görgeln  gurgeln 

<  lat.  gurgulio)   Gurgel;    körbs   m.    (mnd.    körbitze,    körvese^    körvisch 

<  ahd.  kurbi'^  <  mlat.  *curbita  <  Cucurbita)  Kürbis. 

Anm.  Sehr  schwer  zu  beurteilen  ist  bör'g  f.  Totenbahre,  das  zu  as. 
hurkn  tragen,  heben  gehören  rouss.  Zu  erwarten  wäre  &5a,  oder  bÖA,  vgl.  mnd. 
h^re  (höre?).  Liegt  vielleicht  ein  mnd.  borie  zu  Grunde,  so  dass  sich  g  <  j 
verdichtet  hätte  (vgl.  merie  Mähre,  das  aber  w?eä  ergeben  hat)  ?  Oder  darf  man 
an  ein  dem  ags.  byrgan,  ne.  bury  begraben  entsprechendes  *burgian  denken? 
Ist  femer  das  k  in  störky  <  mnd.  störten  (ndl.  störten)  stürzen  durch 
Dissimilation  entstanden?  Da  dann  diese  Dissimilation  aber  schon  stattgefunden 
haben  müsste,  bevor  r  vor  t  fiel  (§  262),  so  werden  wir  wohl  an  eine  selbständige 
A'- Ableitung  denken  müssen.     Auffallig  ist  ü  in  Jürn  <  mnd.  Jürgen   (§  173  b 

Niederdeutsches  Jahrbuch  XXXII.  3 


34 

Anm,  1);  man  würde  Jörn  erwarten.  In  stürv  starb,  fMürv  verdarb  erklärt 
sich  ü  aus  Systemzwang  oder  als  Eiuflass  des  Hd.  stürbe,  verdürbe  (vgl. 
§  373  Anm.  1). 

Schlussbemerkung. 

§  272.  Wir  sind  noch  eine  Antwort  auf  die  Frage  schuldig, 
wie  die  Dehnung  der  Vokale  vor  r  und  vor  r  -(-  stimmhaften  Zahn- 
lauten zu  erklären  ist.  Es  läge  ja  am  nächsten,  auch  hier  an  „Ton- 
dehnung^  zu  denken  (§  183).  Bei  Wörtern  wie  foä  <  furi  für, 
peät  <  perid  Pferd,  vöän  <  waron  dauern  läge  ja  wirklich  Vokal  in 
freier  Silbe  vor,  bei  Wörtern  wie  döä  <  dor  Tor,  speä  <  sper  Speer 
könnte  die  Länge  sehr  wohl  aus  den  flektierten  Kasus  stammen,  und 
auch  bei  Wörtern  wie  gödn  (mnd.  garn)^  Icöän  (as.  körn)  Korn,  ja 
selbst  bei  Wörtern  wie  vöät  (as.  ivord)  Wort,  höäs  (mnd.  hars)  Barsch 
könnte  man  an  Vokaleinschub  (Svarabhakti)  zwischen  r  und  den 
folgenden  Konsonanten  denken  und  so  zu  oiFener  Stammsilbe  gelangen: 
mnd.  Schreibungen  wie  karel^  toren  Turm  beweisen,  dass  solcher 
Vokaleinschub  tatsächlich  stattgefunden  hat  (vgl.  Lübben  §  14).  Aber 
hier  erhebt  sich  ein  wichtiger  Einwand:  Vokaleinschub  fand,  wenigstens 
in  der  as.  Periode,  hauptsächlich  zwischen  r  -{-  Lippen-  oder  Gaumen- 
lauten statt  (vgl.  Holthausen,  As.  El.  §  144),  und  gerade  vor  diesen 
Lauten  unterbleibt  die  volle  Dehnung.  Dagegen  haben  wir  gesehen, 
dass  eine  halbe  Längung  dann  eintritt,  wenn  das  r  nur  schwach 
gebildet  wird,  und  dass  mit  Zunahme  der  Schwächung  des  r  auch 
die  Längung  zunimmt.  Diese  Erscheinung  kann  uns  m.  E.  den  Weg 
zeigen  zu  einer  befriedigenderen  AuiFassung  der  Dehnung  der  Vokale 
vor  r  -h  Zahnlauten,  d.  h.  homorganen  Lauten.  Vor  den  stimm- 
losen Zahnlauten  war  r  ja  früh  ganz  gefallen;  vor  den  stimmhaften 
Zahnlauten  ging  r  allerdings  nicht  spurlos  verloren,  aber  es  wurde 
immer  reduzierter  gebildet,  und  es  blieb  von  ihm  schliesslich  nur  ein 
unbestimmter  vokalischer  Laut  a(^)  übrig.  Zum  Ersatz  aber  wurde 
der  voraufgehende  Vokal  lang.  Wir  haben  schon  mehrfach  (§  227 
Anm.,  §  244  Anm.)  von  dem  Prinzip  des  Morenersatzes  innerhalb  mehr- 
silbiger Wörter  gesprochen.  Wir  hätten  nunmehr  hier  eine  mecha- 
nische Quantitätsregulierung,  d.  h.  die  Tendenz,  die  überlieferte 
Morenlänge  des  Wortes  zu  erhalten,  innerhalb  ein-  und  derselben  Silbe. 

Auch  über  die  Zeit  des  Eintritts  der  Dehnung  lässt  sich  noch 
einiges  sagen.  Nerger  weist  §§  12,  22,  28  nach,  dass  in  Mecklenburg 
a,  ß,  0  vor  auslautendem  r  schon  um  1500  lang  waren  {dar  dort, 
dör  Tor,  hßr  Heer),  und  dass  ebenso  a,  e,  und  o  vor  rd  und  rn  schon 
im  15.  Jahrh.  lang  waren,  beweisen  Schreibungen  wie  baert^  eerde, 
veerne,  moerden  Bart,  Erde,  ferne,  morden  (s.  Nerger  §  13  Anm.  2, 
§  20  Anm.  2  und  §  22  Anm.  2),  entsprechend  der  heutigen  Aussprache. 
Auf  frühzeitige  Längung  von  e  vor  rd  lässt  sich  noch  aus  einem 
anderen  Grunde  schliessen.  Da,  wo  in  Pri  heute  ä  vor  r  gesprochen 
wird  (§§  263,  266,  267,  268)  sagt  der  Mecklenburger  a,  also  gast 
Gerste,  ärgän  ärgern,  väik  Werk,  härk  Birke,  vgl.  §  6,  3.     Dieses  a 


35 

muss  aus  ä  entstanden  sein  und  lässt  auf  Kürze  des  Vokals  vor  r 
schliessen.  Es  findet  sich  schon  in  Urkunden  des  16.  Jahrh.  (wie  in 
Nord  Westdeutschland,  s.  Lübben  §  19).  Nie  aber  findet  sich  dort 
ar  für  er  vor  d:  e  -\-  rd  muss  im  16.  Jahrh.  also  anders  gelautet 
haben  als  er  vor  den  übrigen  Konsonanten.  Wir  dürfen  sagen:  e  -|- 
rd  war  schon  gedehnt,  als  er  vor  den  übrigen  Konsonanten  >  a,  in 
Meckl.  >  a  wurde.  Nur  in  3  Wörtern  scheint  e  vor  rd  zunächst  kurz 
geblieben  zu  sein:  mnd.  herden  durchhalten,  verdick  fertig,  werden 
werden  heissen  jetzt  hävn^  fdrix^  vdfn,  in  Meckl.  Aöfw,  färix^  vafn. 
Ich  denke  mir  die  Entwickelung  der  drei  Wörter  folgendermassen. 
Mnd.  herden,  verdick,  werden  wurden  zunächst  >  kdrden,  färdick,  würden. 
Nun  lässt  sich  ein  zwiefacher  Weg  der  Weiterentwickelung  denken. 
a)  r  ist  ausgefallen  unter  Ersatzdehnuug  von  d ;  d,  nunmehr  zwischen 
Vokalen  stehend,  ist  in  der  gewöhnlichen  Weise  >  r  geworden  (§  158), 
also :  hdden,  fddick,  wdden  >  kdin,  fdrix,  vdfn.  Ein  ähnlicher  Ausfall 
eines  r  vor  n  mit  Ersatzdehnung  liegt  vor  in  ndnix  nirgend  <  ndrn-ick 
<  iieme,  /lergene  (§  266,  Anm.).  Oder  b)  -rd-  hat  sich  zu  rr  assimiliert, 
(irr  >  dr  entwickelt,  also :  karren,  färrick,  wdrren  >  kdfn,  fdrick,  vdrn, 
Dass  ärr  >  dr  werden  konnte,  zeigt  enkdrix  (§  250  Anm.  2),  vgl. 
här  <  karre  <  kadde  hatte.  Die  Frage,  oh  d  >  r  oder  rd  >  rr  >  r 
geworden  ist,  wird  bei  der  Assimilation  von  rd  >  r  (§  284)  erörtert 
werden. 

Eine  andere  Frage  ist,  warum  gerade  diese  drei  Wörter  sich 
der  regelmässigen  Entwickelung  entzogen  haben,  wie  sie  z.  B.  vorliegt 
in  gö9hi  (as.  gardo)  Garten,  vod  (mnd.  worde)  eä  (as.  erda)  Erde. 
Es  ist  zu  bedenken,  dass  vdrn  werden  als  Hülfsverbum  oft  unbetont 
ist;  fdrix  kann  nach  §  120a  beurteilt  werden,  und  kdfn  kam,  wie 
heutzutage,  vielleicht  schon  in  der  mnd.  Umgangssprache  nur  mit 
starkbetonten  Präfixen  verbunden  vor,  wodurch  die  Stammsilbe  selbst 
in  den  Nebenton  gedrängt  wurde.  Heutzutage  sagt  man  nur :  Mnkdin, 
anhäfn, 

E.  Einwirkung  von  l  -}-  Kons,  auf  vorhergehendes  a. 

§  273.  As.  a  -f-  Id,  It  ist  (schon  in  der  mnd.  Periode)  >  o 
geworden,  z.  B.  olt  (as.  ald)  alt;  kolt  (as.  kald)  kalt;  koln  (as  kaldan) 
halten,  kolt  halt ;  Bolt  Eigenname  (as.  bald  kühn) ;  zolt  (as.  salt)  Salz ; 
nioU  n.  (as.  inalt)  Malz;  smolt  (mnd.  sinalt,  smolt)  Schmalz. 

Anm.  1.  Für  dei  kkn  foln  (mnd.  foldeUj  as.  faMan)  die  Hände  falten 
sagt  man:  dei  hl/n  foly  (folgen). 

Anm.  2.  AU  hd.  erweisen  sich  durch  ihr  a:  halt\i9\^\  valt  Wald;  gevalty 
gecdtix  Gewalt,  gewaltig;  gestalt  Gestalt;  fk-valtn^  fk-valtk  verwalten,  Ver- 
walter; falt  f.  Falte,  fcdtn  falten.  Für  valt  sagt  man  übrigens  gewöhnlich  liolt 
Holz  oder  dan  Tannen. 

§  274.  Als  Umlaut  "erscheint  das  jüngere  ö  (vgl.  §  77),  z.  B. 
olä  älter,  köld  kälter;  köht,  költ  (as.  heldis,  kehlid)  hältst,  hält;  öldn 
(as.  eldiron,  mbr.  öldefi'en)  Eltern. 

3* 


36 


F.     Einwirkung  der  Nasale  (und  /)  auf  vorhergellendes 

e  und  0. 

§  275.  Weit  weniger  als  in  westlichen  ndd.  Mundarten  (vgl. 
Maurmann  §  174),  ja,  weniger  als  in  anderen  ostelbischen  Mundarten, 
z.  B.  im  Holsteinischen  (vgl.  Bernhardt,  Ndd.  Jb.  XVIII,  94,  Prien, 
Korrbl.  XV,  93)  ist  in  unserer  Ma.  e,  e  vor  n,  y  -(-  Kons.  >  / 
geworden.  Ich  kenne  nur  die  Wörter:  min.^  (as.  mennisko^  mbr.  mensch. 
minsche)  Mensch;  ttvintix  (as.  twentich^  mbr.  twintich^  selten  twentieh) 
20;  hiyst  (mbr.  hingest^  hengest)  Hengst. 

Anm.  Für  Meckl.  kommt  noch  fiiist^  Fenster  hinza:  unser  feiistd  mag 
vom  Hd    beeinflnsst  worden  sein. 

§  276.  Demgegenüber  hat  sich  nicht  selten  i  -h  Nasenlaut  -f- 
Kons.  >  e  gewandelt,  z.  B  spen  f.  (mnd.  spinne)  Spinne  (aber  spin 
spinnen);  bleykt^  bleykän  (mnd.  hlenkeren)  Feuerschein,  blinken;  hlenU 
liyk  m.  Blindschleiche;  swem  (mnd.  swemmen)  schwimmen;  veyky  (mnd. 
wenken)  winken.  Vgl.  auch  fien  hin,  eyfeä  Ingwer  (mbr.  engever)  und 
zu  swem  und  veyky  §  373  Anm.  2. 

Anm.  In  einigen  Wörtern  ist  i  vor  /  H-  Kons.  >  e  geworden:  kamcln 
Kamillen;  selp  n.  (as.  *skilp  <  lat.  scirpus)  Schilf.  Für  melk  (as.  miluk)  ist 
§  242  eine  andere  Erklärung  versucht  worden. 

§  272.  Die  lat.  Vorsilbe  con-  und  französisches  o  +■  Nasal 
erscheinen  in  unserer  Ma.  gewöhnlich  als  uy^  un^  z.  B.  uykl  Onkel; 
kuntöd  <  comptoir;  kuntrakt  Kontrakt;  kuntähant  (<  contrehandt) 
Schmuggelware. 

G.     Labialisierung. 

§  277.  Unter  der  Einwirkung  gerundeter  Nachbarlaute,  also 
namentlich  unter  Einfluss  von  Lippenlauten,  von  s  <  sk^  das  ja  mit 
starker  Vorstülpung  der  Lippen  gesprochen  wird  (§  13),  dann  aber 
auch  von  l  und  r,  die  früher  Hartgaumenlaute  waren  und  als  solche 
dazu  geeignet  waren,  einen  verdumpfenden  Einfluss  auszuüben,  und 
schliesslich  auch,  was  mehr  auffällt,  in  der  Nachbarschaft  von  s,  sind 
vielfach  6,  e  >  ö^  ä  >  h,  e  >  ö,  i  >  ü  gerundet  worden. 

a)  e,  e  >  ö,  z.  B.  äöpm  (as.  skepino^  mbr.  schepen,  vgl.  aber  das 
häufige  schöpper  Schöpfer)  Schöflfe;  twölv^  twölm  (as.  twelif,  mnd. 
ttvelfe,  twölfe)  12;  äröpm  (mnd.  schrepen  striegeln)  schröpfen;  frömt 
(as.  freimii)  fremd;  fröfii  f.  (mbr.  vrmnde,  vrömde)  Fremde;  völtän 
(mnd.  weitem^  wölteren)  wälzen;  smöltn  (mnd.  smelten)  schmelzen;  völm 
(as.  hwelbian)  wölben;  löän  (as.  leskian)  löschen;  dö§n  (mnd.  derschen^ 
dorschen,  vgl.  ags.  ^erskan)  dreschen;  rön  (as.  rennian^  mnd.  rennen^ 
rönneti)  rennen;  bölky  (mnd.  belken^  hölketi)  blöken,  laut  schreien; 
vörmt  (§  120)  Wermut;  stvövl  m.  (mnd.  swevel)  Schwefel;  göps  i,  (mnd. 
gepse)  Hohlraum  der  zusammengelegten  Hände;  zös  (as.  sehs^  mbr. 
ses,  sös)  6;  zör9  (§  241,  242  Anm.  3)  seit;  jüöts  m.  (mnd.  pleze)  Plötz, 


37 

Rotfeder  (Fisch);  vök  welche  (so  in  den  Eibdörfern,  sonst  vek).     Von 
dumi)f  sprechenden  Leuten  hört  man  auch  löt  für  let  lässt  und  Ähnliches. 

Anm.  1.  Für  Meckl.  kommen  uoch  föftein^  föftix  15,  50  und  Verbal- 
fonnen  wie  fölt  fällt  hinzu  (Pri  sagt  fkftein,  fUt)\  für  OPri  geht  ab  iwdilv  12. 
Hinzu  würde  für  Pri  noch  kommen  spi'ök  dürres  Leseholz  {sprök-^mk  grosse 
Waldameise),  wenn  es  von  einem  *sprek  käme,  vgl.  westf.  sprik  nnü  digs,  sprec; 
aber  mnd.  sprok. 

Anm.  2.     hol  Hölle  ist  hd  ;  vgl.  helis  =■  sehr  (§  119). 

b)  a  >  ä,  z.  B.  fi^^gl  m.  (as.  flegil^  mnd.  vleyel^  vlogel  <  lat. 
flagellum)  Dreschflegel;  fkl  (as.  fiUi^  mnd.  vele^  vole)  viel;  zkm  (as. 
sihun^  mnd.  seven^  soven)  7;  spkln  (as.  s^pilon  sich  körperlich  bewegen, 
mnd.  speien^  spölen)  spielen  (zu  spöl  Spiel  vgl.  §  197  Anm.  2);  swklk 
Schwalbe  (§  211),  wenn  es  fiir  swäleke  steht;  ä  könnte  aber  auch 
jüngerer  Umlaut  zu  a.  sein,  vgl.  mnd.  siväleke  und  §   186. 

Anm.  Meckl.  sagt  /*ä/,  spailn.  Vgl.  zu  /*ä/,  ^äm,  sjmln  Jellinghaus, 
zur  Einteil,  der  ndd.  Maa.  S.  13  f.  —  Auch  klktkn  rasseln  und  Ikxix  kraftlos, 
die  wir  §  185  Anm.  2  mit  me.  clateren  und  ags.  leswe  zusammengestellt  haben, 
könnten  hierher  gehören. 

c)  e  >  o  in  soä  Scherbe  (s    §  211,  Anm.). 

d)  i  >  w,  z.  B.  väst  (mnd.  wiste^  wüste;  gewist^  gewäst)  wusste, 
gewusst;  büst  bist  (as.  bist,  mnd.  bist^  biist),  Beeinflussung  durch  bün 
bin  (§  241)  wird  anzunehmen  sein;  zmit  (as.  sindim)  sind,  seid;  ziilvä 
(as.  siluhar,  mbr.  silcei^  stiller)  Silber;  müt  (as.  m/rf,  mbr.  mit;  die 
Nebenform  as.  med,  mbr.  ?net  hätte  möt  ergeben)  mit;  ülk  f.  (mnd 
illeke,  ilke)  Iltis;  ümä  (as  io-mer,  mbr.  immer,  ümmer)  immer;  drür 
(as.  ^riddia,  mbr.  dridde,  drüdde)  dritte;  drütix  (as.  \irttig,  mnd.  drittich 
drüttich)  30  [driitein  <  }^riutein  §  239  mag  eingewirkt  haben).  Hierzu 
tritt  noch  das  aus  dem  Hd.  stammende  zülv  f.  Silbe. 

Anm.  1.  Auffällig  ist  ü  <  d  in  zülm^  zühix  seihst,  selbige  (as.  sctbo, 
mnd.  selve,  sölve,  sülve),  —  Über  düs  dieser,  diese,  düi  dieses,  dies  vgl.  §  239,  Anm. 

Anm.  2.     Über  tüsn  zwischen,  xül  Schwelle  und  andere  s.  §  128,  Anm.  2. 
Anm.  3.     Meckl.  sagt  dötMn  13,  dötix  30. 

e)  ^'  (<  e,  §  81  Vorbom.)  >  öy  in  löy^  f.  Geleise  (Danneil:  leis), 
(Für  waganliasa  in  den  Werden.  Prudentiusglossen  setzt  Wadstein 
in.  E.  mit  Recht  waganlesa  an.) 

§  278.  Der  entgegengesetzte  Vorgang,  Entlabialisierung,  findet 
statt,  wenn  öy,  Umlaut  zu  germ.  awü,  in  der  nordwestl.  Ecke  der 
WPri  zu  äi  Avird,  z.  B.  hög  >  hai  Heu,  s.  §  98  nebst  Anm.  1  und  2. 
^il  als  Umlaut  zu  as.  ö  (uo)  wird  >  äi  nur  in  morn  frdi  morgen  früh 
und  wahrscheinlich  in  dem  Bachnamen  Main;  vgl.  §  92,  Anm.  2. 

H.     Metathesis. 

a)  von  r. 

§  279.  Bei  Kons.  -H  r  vor  Vokal  +  st,  sk  ist  r  schon  in  der 
ersten  Zeit   der    mnd.    Periode   hinter   den  Vokal,    d.  h.    vor  st,  sk 


38 

getreten.  Nach  §  262  ist  dann  weiter  r  vor  st  gefallen,  aber  erst, 
nachdem  e>ä^u>o^ü>ö  gewandelt  war.  Beispiele:  hästn  (as. 
brestan,  mnd.  bersten)  bersten,  bost  Riss,  Sprung ;  bost  (as.  brust^  mnd. 
brost^  borst^  bost)  Brust;  kost  f.  (mnd,  korste,  koste  <  lat.  crusta)  Kruste 
des  Brotes;  dösn  (mnd.  derschen,  dörschen)  dreschen. 

Anm.  Für  Meckl.  kommen  abweichend  von  der  Pri  hinzu:  döth/n,  dötix 
13,  30  (Pri  drütUriy  drütix  §  277  d);  börn  Kälber  grossziehen,  für  das  wir 
vMkn  wässern  sagen  und  das  zum  alten  bom  Brunnen  gehört  (jetzt  %öt  und 
pütn).     Dem  mnd.  bernen  brennen  steht  jetzt  briji  gegenüber. 

Umgekehrt  heisst  es  in  unserer  Ma.  vrat  f.  (mnd  wratte^  vgl. 
ags.  wearte^  ahd.  warzd)  Warze,  wohl  in  Anlehnung  an  den  häufigen 
Anlaut  wr  ^  127.  Die  Umstellung  muss  schon  eingetreten  sein,  bevor 
r  vor  t  geschwunden  war  (§  136  c).  Auch  hört  man  nicht  selten 
trümtn  für  tärrnm  Termin. 

b)  von  l. 

§  280.  Wie  im  Ags.  (s.  Sievers,  Ags.  Gramm.  *  §  183,2),  ist 
in  unserer  Ma.  die  as.  neutrale  Bildungssilbe  -isli  (gurdisli  Gürtel) 
durch  Umspringen  des  l  >  Is  <  eis  geworden,  z.  B.  häkls  Häcksel, 
sträidls  Streu.  Vgl.  ags.  Tyt/rdels^  yjrdisl  und  ahd.  amsaki  neben 
amasla.     Weitere  Beispiele  §  408. 


I.     Konsonantenassimilation. 

1.     Progressive  Assimilation. 

§  281.  As.  mb,  mnd.  Id,  nd,  md,  yg,  rd  werden  inlautend 
zwischen  Vokalen  >  mm,  11,  nn,  mm,  yy,  rr  >  m,  l,  n,  m,  y,  r  (ä). 
Im  Auslaut  entsprechen  m^  It,  nt,  m  (m),  yk,  rt,  so  dass  wir  folgende 
Paare  erhalten:  lam  —  lämä  Lamm  —  Lämmer,  olt  —  ölä  alt  —  älter, 
laut  —  Idnä  Land  —  Länder,  layk  —  lay  lang  —  lange,  peät  — j^ea 
Pferd  —  Pferde.     S.  auch  Heilig,  §  273  f. 

§  282.  mb  >  m,  z.  B.  lam  (as.  Zam&,  mnd.  lam^  lammes)  Lamm; 
kam  (as.  kamb^  mnd.  ka7n)  Kamm;  kern  (as.  kemJnan)  kämmen;  dum 
(as.  dumb^  mnd.  dum^  dummes)  dumm;  krum  (as.  krumb)  krumm;  imi 
(mnd.  imme^  vgl.  ags.  ymbe  Bienenschwarm)  Biene;  imrump  Bienenkorb; 
Um  (as.  umbi)  um;  emä  (as.  embar^  emmar)  Eimer. 

Anm.  mm  <  mb  kommt  vereinzelt  schon  im  As.  vor;  im  Mnd.  ist  keine 
Spur  mehr  von  mb  erhalten. 

§  283.  a)  Id  >  7,  z.  B.  mein  (as.  meldon)  melden;  sein,  sül,  suln 
(as.  skeldan)  schelten,  schalt,  gescholten;  goln  golden;  suld  (rnnd. 
schulder)  Schulter;  bulän  (mnd.  bulderen)  dumpf  rollen;  sülix  (as. 
skuldig)  schuldig. 

ß)  nd  >  w,  z.  B.  hanin  (as.  handlon  behandeln)  handeln;  hän 
Bände,  Bänder;   ven  (as.  wendian)  wenden;    lin  f.  (as.  lindia  Linde; 


39 

Jana  Kinder;  sinä  (vgl.  as.  bi-skindiun  abrinden)  Schinder,  Abdecker; 
rinl  f.  (as.  ivindila)  Windel;  bin^  bün,  bun  (as  bindan)  binden,  band, 
gebunden;  vun  f.  (as.  wunda)  Wunde;  lunä  n.  (as.  wundar)  Wunder; 
un  (mnd.  unde)  und;  stim  f.  (as.  stunda  Zeitpunkt)  Stunde;  kiil  f. 
(mnd.  kiilde)  Kälte;  zun  (as.  siindia)  Sünde;  münix  mündig. 

Y)  nid  >  m  (oder  m?),  z.  B.  häm  n.  (mnd.  heniede)  Hemd;  fröni  f. 
(mbr.  vrömde)  Fremde 

Anm.  1.  Der  unter  [:^  fallende,  schou  mnd.  Wandel  der  Endung  -ende 
des  Partizipiums  Präs.  >  ennc  >  en  musste  der  Verwechselung  und  Vermischung 
mit  dem  Infinitiv  nnd  seiner  Flexion  (en^  eniie:  Gerundium)  den  grössten  Vor- 
schub leisten. 

Anm.  2.  In  thi  Zahn,  Zähne  (mmeckl.  lan^  tmc)  muss  d  schon  vor 
Eintritt  der  Tondehnung  geschwunden  sein,  vgl.  §  203.  —  In  iVmundüm  um 
nnd  um,  Kvkund^vd,  über  und  über  hat  sich  das  d  von  und  gehalten,  und  zwar 
dadurch,  dass  es  zum  folgenden  Vokal  gezogen,  also  anlautend  wurde. 

Anm.  3.  Für  den  Übergang  von  Id,  nd  >  llj  nn  lassen  sich  in  Namen 
schon  um  das  Jahr  1000  herum  Beispiele  beibringen.  Vgl.  vor  allem  Seelmann, 
Ndd.  Jb.  XII,  91.  In  anderen  Wörtern  beginnen  die  Beispiele  mit  dem  14.  Jahrb.; 
8.  dazu  Tümpel,  Ndd.  Studien,  S.  56  ff. 

^)  V9  ^  y^  z.  B.  dray  (mnd.  dränge)  gedrängt  voll,  beengt,  fest; 
tmj  (as.  tangd)  Zange;  stay  (as.  ntanga)  Stange;  prayl  m.  {xnndi.  jirange 
Plahl)  dicker  Knüppel ;  kriyl  (mnd.  kringel)  Kringel,  Bretzel ;  ziyy^  zily^ 
zuyy  (as.  singan)  singen,  sang,  gesungen;  tuy  (as.  tungd)  Zunge;  hiiyä 
(as.  hungar)  Hunger.     Vgl.  behaghel,  PGr.  I,  S.  732. 

§  284.  rd  >  r,  f,  rf,  z.  B.  swöä  f.  (mnd.  swarde)  Schwarte; 
gödvn  m.  (as.  gardo)  Garten;  öorix  (mnd.  ardicii)  artig,  Adv.  sehr 
(§  249  und  Anm.),  Yinödrix  unartig;  fdrix  (mnd.  verdick)  fertig;  härn 
(as.  herdian,  mnd.  herden)  aushalten  (§  250  Anm.);  väin  werden;  eä  f. 
(as.  er^ä)  Erde;  peä  (mnd.  perde)  Pferde;  voä  (mnd.  worde)  Worte; 
roa  f.  (mnd.  Mz.  wörde)  Hofstelle  (§  256);  näy-mo9rä  Neuntöter.  Es 
kommen  noch  hinzu  das  hd.  gär  Garde  und  das  franz.  orä  (<  ordre) 
Nachricht,  während  in  dem  ebenfalls  hd.  mördä  Mörder  d  erhalten  ist. 
Über  das  t  in  antvöatn  antworten,  fö9tn  Fahrten,  öatn  Arten  s.  §  164. 

Anm.  Für  die  Ma.  von  Mülheim  a.  d.  Buhr  verzeichnet  Manrmann 
(§§  138,  139)  die  Formen  xäde  Garten,  vMe  werden,  fM9x  fertig,  a.:t  Erde, 
<!•  b.  r  ist  vor  d  ausgefallen.  Man  könnte  nun  annehmen,  r  sei  auch  in  unserer 
Ma.  vor  d  ausgefallen,  und  das  nunmehr  intervokal  gewordene  d  hahe  sich 
in  der  gewohnten  Weise  zu  r  gewandelt  (§  7,2  a,  §  158).  Hiergegen  spricht 
vor  allem,  dass  auch  in  dem  Teil  der  Pri,  wo  intervokales  d  >  j  gewandelt  ist, 
iu  den  oben  aufgezählten  Wörtern  r  gesprochen  wird,  dann  auch,  dass  aus  d 
entstandenesjin  den  Auslaut  getretenes  r  erhalten  bleibt  und  nicht  mehr  zu  ä  wird ; 
vgl.  z.  B.  sär  Schade,  fr^r  Friede,  7nöf/r  müde  mit  eä  Erde,  vok  Worte.  Der 
Grnnd,  dass  r  <  d  weite  lange  Vokale  und  Diphthonge  vor  sich  dulde,  während 
die  oben  aufgezählten  Beispiele  dem  in  §  248  über  die  Vokale  vor  r  -f  stimm- 
haften Zahnlauten  aufgestelltem  Gesetze  gemäss  lange  enge  Vokale  vor  sich 
baben,  darf  nicht  ins  Feld  geführt  werden.  Wir  müssen  unter  allen  Umständen 
annehmen,  dass  mit  Ausnahme  von  fdrix^  hähiy  vürn^  worüber  §  272  zu  ver- 
gleichen ist,   sich   der  Vokal   schou  gedehnt  hatte  und  auch  eng  geworden  war. 


40 

als  -rd'  noch  intakt  war.  Denn  das  setzt  auch  meine  Annahme  der  Assimilation 
voraus,  da  sich  vor  rr  <  rd  ebenfalls  nicht  lange  enge  Vokale  entwickelt  hätten 
(vgl.  §  135).  Wohl  aber  ist  es  berechtigt  anzunehmen,  dass  nach  langem 
Vokale  rr  ohne  weiteres  >  r  wurde,  und  dass  dieses  r  zugleich  mit  dem  gewöhn- 
lichen r  im  primären  und  sekundären  Auslaut  >  ^  reduziert  wurde  (§  137).  In 
der  Frage  also,  ob  für  das  heutige  gödfn  Garten,  jpeä  Pferde,  v^k  Worte  von 
*gödrenj  *pGdre^  *v^dre  oder  gö9den,  p^dde^  v^dde  auszugehen  ist,  entscheide  ich 
mich  durchaus  für  die  erste  |leihe,  mit  der  stillschweigenden  Voraussetzung,  dass 
das  r  dieser  Beihe  für  ?r  <  rd  steht.  Über  Schreibungen  im  Mnd.  wie  peei'de, 
gaerden  vgl.  noch  §  272  am  Ende. 

§  285.  Über  Adjektive  wie  eyk  enge,  mit  wild  <  as.  engi^  mikli 
vgl.  §  342.  Substantive  wie  bilt  Bild  (s.  §  188  Anm.  1.)  sind  wohl 
aus  dem  Hd.  entlehnt. 

§  286.  'tk'  >  t  in  lilt  klein  (as.  luttik^  mnd.  liittik\  auszugehen 
ist  von  flektierten  Formen  wie  lütke) ;  hätn  ( <  bätken,  zu  as.  biti,  mnd. 
bete  Biss)  bischen.  Für  Meckl.  kommt  noch  mätn  Mädchen  hinzu 
(mnd.  megedekln^  mBgdeken^  medeken)\  die  Pri  lagt  fast  ausschliesslich 
deän^  selten  mäky.  Ob  auch  mätnzomä  Altweibersommer  hierhergehört? 
Kluge  verzeichnet  unter  'Altweibersommer'  ein  pommersches 
mettkensamet^  ohne  das  erste  Glied  zu  erklären.  Soll  dies  mettken 
zu  mnd.  medeke  Regenwurm  gehören,  also  als  Madensommer  zu 
deuten  sein?  Das  mätri  der  Pri  würde  sehr  gut  zu  Martin  (mnd. 
Merten)  stimmen,  so  dass  dann  das  Wort  Martinssommer,  d.  h., 
wegen  des  späten  Tages  dieses  Heiligen,  Spätsommer  bedeuten  würde. 
Der  S.  Mertendach  bezeichnete  früher  das  Ende  des  Sommers. 

Anm.  Die  Assimilation  von  tk  >  /,  oder,  wenn  man  lieber  will,  der 
Verlust  des  k  nach  t  ist  wohl  erst  jüngeren  Datums.  Für  Hamburg  ist  betiken 
bischen  aus  dem  Jahre  1774  belegt,  s.  Zs.  f.  d  Phil.  XVIII,  S.  382;  etwa  um 
dieselbe  Zeit  verzeichnet  Bratring  für  die  Altmark  bätken.  Derselbe  Bratring 
gibt  lütte  oder  lüttke  an,  und  in  vollständiger  Übereinstimmung  damit  schreibt 
Hindenberg  neben  lüt  als  Beispiel  lüt  oder  lütke  diern.  Die  Dörfer  Lütkendorf 
bei    Putlitz,    Lütkenwisch    bei    Lenzen    heissen   im   Volksmunde   Lütndörp  und 

Ijütnmä. 

o 

§  287.  st  -\-'  l  >  sl  in  dlsl  m.  (as.  }^istil)  Distel;  man  liört  auch 
faslämt  für  das  häufigere  fastlämt  (mnd.  vastelavend)  Fastnacht. 

2.     Regressive  Assimilation. 

§  288.     hs  >  SS  >  s,  s.  §  180. 

§  289.  Mnd.  -ggen  und  -bben  nach  kurzem  Vokal  werden  im 
nördl.  Teile  der  WPri  (vgl.  §  7,2  c)  durch  vorzeitiges  Senken  des 
Gaumensegels  >  yy  und  m,  z.  B.  a)  zeyy  (as.  seggian,  mnd.  seggen) 
sagen,  aber  ik  zex  ich  sage;  leyy  (as.  leggian^  mnd.  leggen)  legen, 
aber  ik  lex  ich  lege;  liyy  (as.  liggian)  liegen,  aber  ik  lix  ich  liege; 
^VV  ßggen,  Eggen,  aber  ik  ex,  dei  ex  ich  egge,  die  Egge;  j^^^PV  pfl^g^D? 
gewohnt  sein  {2l^,  plegan  verantwortlich  sein,  verbürgen;  im  Mnd.  muss 
ein  pleggen  entstanden  sein,  und  zwar  wahrscheinlich  unter  Einwirkung 


41 

von  Seggen,  leggen^  ausgehend  von  der  3.  Pers.  Sing.  Präs.,  sext  :  seggen 
=  plext  :  pleggm)^  aber  ik  plex  ich  pflege;  royy  neben  rox  (as.  roggo) 
Roggen;  poyy  Frösche,  Mz.  von  pox  (mnd.  pogge)\  niüyy  Mücken, 
Mz.  von  müx  (as.  miiggia);  hrüyy  Brücken,  Mz.  von  hräx  (as.  hruggia)^ 
rüyy  (as.  hruggi)  Rücken;  sniyy  Schnecken,  Mz.  zu  snik  (mnd.  snigge). 
Dieselbe  Erscheinung  liegt  vor  bei  den  Zeitw.  auf  -igen^  z.  B.  kiiniyy 
kündigen,  beläidiyy  beleidigen,  und  den  schv^rach  flektierten  Formen 
der  Eigenschaftswörter  auf  -ix,  z.  B.  düxdiyy  tüchtigen,  rixtiyy 
richtigen.  —  ß)  Ä:rm  Krippen,  Mz.  zu  knf  (as.  kribbia);  rim  Rippen, 
Mz.  zu  rif  (as.  ribbi)\  hem  (as.  hebbian^  mnd.  hebben)  haben. 

Anm.  In  der  Bedeutung  ^verpflegen*  heisst  as.  plegan  jM-y^  3.  Pers. 
Präs.  Sing,  plagt,  daza  töuplä-y  den  Manrem  Steine  nnd  Kalk  zutragen.  Zu 
rim  <  ribm  vgl.  man  as.  stemna  <  *stehna,  mnd.  stempfie,  stemme  Stimme; 
die  bentige  Form  stim  ist  hd. 

§  290.  Einzelne  Formen :  har  hatte  <  mnd.  hadde  <  as.  habda, 
kidda\  hat  gehabt  <  mnd.  (ge)hat  <  as.  gihabd^  gihad;  bäsböm  (§  188) 
<  wäsböm  Wiesenbaum,  Heubaum;  dr  >  rr  >  r  in  häräk  (mnd.  hederik) 
Hederich,  das  sich  wohl  an  märäk  <  mnd.  merredik  Meerrettich 
angelehnt  hat,  wie  umgekehrt  märäk  an  häräk, 

§  291.  Vielfach  nimmt  ein  Nasal  die  Aitikulationsstelle  des 
folgenden  Konsonanten  au.  z.  B.  in  zämp  Senf,  hämp  Hanf,  umbevust 
(hd.)  unbewusst;  tiyglilk  Unglück,  höyykn  Hühnchen,  kayk  (<  kau  ik, 
s.  §  298)  kann  ich. 

§  291a.  Eine  sehr  interessante  Assimilation,  schon  deshalb,  weil 
zugleich  vorschreitende  und  rückschreitende  Angleichung  vorliegt,  ist 
die  von  as.  neuan  ausser  >  *neman  >  man  >  man  nur.  Vgl.  Woeste, 
Zs.  f.  d.  Phil.  XVII,  S.  432  ff.  und  Behaghel,  P.  Gf.  I,  S.  732. 

K.     Dissimilation. 

§  292.  Von  zwei  in  einem  Worte  vorkommenden  benachbarten 
r  und  l  geht  leicht  das  eine  verloren  oder  in  eine  andere  Liquida  über. 

a)  Ausfall  eines  r  und  /,  z.  B.  födlst  vorderste  (mnd.  vorderste 
das  zweite  r  ist  späterhin  nach  §  344  Anm.  2  in  Z  übergegangen); 
forän  (mnd.  vorderen  fördern;  vorfordern,  forderen  (vor  -rd-  hätte 
sich  nach  §  284  der  Vokal  längen  müssen,  die  Kürze  des  ö  erklärt 
sich  am  besten  durch  die  Annahme  frühzeitigen  Ausfalles  des  r,  so 
dass  als  Grundlage  unseres  Wortes  mnd.  voddern  anzusetzen  wäre. 
Aus  mhd.  vödern  neben  vordem  stammt  födän^  das  der  Prignitzer 
gebraucht,  wenn  er  hochdeutsch  spricht);  Tätä  Zigeuner  <  Tartar 
(die  Akzentversetzung  und  die  Tondehnung  deuten  auf  frühen  Schwund 
des  ersten  r);  qtmte'ä  (schon  mnd.  qiiater)  Quartier;  sane'ä  Scharnier; 
Wxläm  <  Wilhelm.     S.  auch  §  136  Anm. 

b)  Veränderung  eines  r  und  l,  z.  B.  balbe'än  barbieren,  marml- 
den  =  Marmorstein,  Klicker;  knilpl  (mnd.  klüppel)  Knittel,  zik  äfmathi 
sich  abquälen  (zu  martyrium  s.  §  136  c). 


42 


L.     Konsonantengemination  und  Konsonantendehnung. 

§  293.  Ebenso  wie  alte  Geminata  stets  vereinfacht  ist  (z.  B. 
Wa  Keller;  ^7w  wollen;  .9wr^^  schurren ;  stirem  schwimmen ;  brän  brennen; 
laxn  lachen;  akä  Acker;  pötä  Töpfer;  höpä  Frosch;  kiisn  küssen),  so 
auch  im  allgemeinen  die  Gemination,  die  in  älterer  oder  jüngerer  Zeit 
durch  Konsonantenangleichung  (§§  281 — 288)  entstanden  ist,  z.  B. 
emä  Eimer,  mesn  misten  (§  180),  sülix  schuldig,  mil  Windel,  hmß 
Hunger,  färix  fertig,  käräk  Hederich.  Dass  im  letzteren  Falle 
ursprünglich  Doppellaute  entstanden  sind,  ist  nicht  zweifelhaft.  Sie 
haben  sich  bei  mm  <  md  und  nn  <  nd  z.  T.  bis  auf  unsere  Zeit 
gerettet  und  kennzeichnen  sich  jetzt  als  lange  rh  oder  n  (oder  w,  »V) 
in  den  drei  Wörtern  härh  Hemde,  fröm  Fremde,  htm  Hunde.  Für  n 
ist  abgesehen  von  hufi  jetzt  fast  regelmässig  n  eingetreten ;  man  hört 
aber  noch  z.  B.  san  neben  §an  Schande,  hän  neben  häfi  Hände,  eii 
neben  en  Ende,  die  ersteren  Formen  bei  emphatischer  Betonung. 
Vgl.  §  18,  2. 

§  294.  Es  ist  schon  §  18,  1  hervorgehoben  worden,  dass  Ij  m, 
Uj  r  dann  lang  gesprochen  werden  (oder  als  /;  m,  n,  r?),  wenn  nach 
darauf  folgendem,  ursprünglich  stimmhaftem  Reibelaut  ein  e  verstummt 
ist.  Die  Dehnung  der  Konsonanten  tritt  also  unter  denselben  Bedin- 
gungen ein,  unter  denen  bei  Abwesenheit  solcher  Konsonanten  der 
voraufgehende  Vokal  überlang  wird  (§  17,  §  227).  Reduziertes  f 
überträgt  seine  Länge  auf  den  vorhergehenden  Vokal.  Beispiele: 
zaVv  Salbe;  el'^  Eller;  feVg  Felge;  häV^  Hälse,  Mz.  zu  hals\  vilFv 
Wölfe,  Mz.  zu  vulf'^  hart  halbe,  flektierte  Form  zu  half;  lüm  Lünse 
(Achsnagel);  däm  Tänze,  Mz.  zu  dans\  kräns  Kränze,  Mz.  zu  krans; 
stvdm  Schwänze,  Mz  zu  swans;  swemt  schwimmt;  zorg  Sorge;  borg 
Totenbahre;  körv^  Mz.  zu  korfKorh.  Aber  bei  reduziertem  f  halblanger 
bis  langer  Vokal:    (/äfd  Garbe,  äfvt  Erbe,   bdfg  Berge,   Mz.  zu  bärx. 


M.     Grammatischer  Wechsel. 

i:^  21)5.  Der  nach  dem  Vernerschen  Gesetze  ursprünglich  statt- 
findende Wechsel  zwischen  stimmhaften  und  stimmlosen  Konsonanten 
ist  stark  verwischt,  besonders  dadurch,  dass  altes  b  und  f  im  Inlaut 
>  f\  im  Auslaut  zu  f  zusammengefallen  sind,  altes  d  >  d  geworden 
ist.  Diese  und  andere  Verwischungen  gehen  bis  in  die  as.  Zeit  zurück, 
vgl.  Holthausen,  As.  El.  §  257.  In  anderen  Fällen  ist  der  alte  Wechsel 
durch  Ausgleichung  beseitigt  worden.  Doch  sind  immerhin  noch 
Spuren  des  alten  Verhältnisses  bewahrt. 

a)  Wechsel  von  s(z)  —  r(ä),  fä-leän  (as  farliosan)^  fäled  ver- 
lieren, verliere  —  fä-liist  verlierst,  verliert;  freän  (mnd.  vresen)^  frea 
frieren,  friere  —  fräst  frierst,  friert;  ced.  redn  war,  waren  —  r&», 
vest  sein,  gewesen. 


43 

b)  Wechsel  von  h  —  g:  slän  (as.  slahan),  slä,  sleit  schlagen' 
schlage,  schlägt  —  ^löyg^  slöy-y  schlug,  schlugen ;  zein^  zei,  z&t  sehen, 
sehe,  sieht  —  zez§,  zei-y  sah,  sahen ;  nä  nahe  —  negä^_  näxst^  n%,gt 
näher,  nächste,  Nähe ;  däi9n  gedeihen  —  dd^g  Gedeihen,  dägän  tüchtig, 
stark  (§  188). 

c)  Wechsel  von  hw  —  w  könnte  einen  Reflex  in  dem  unter  b 
angeführten  zelg^  zei-p  sah,  sahen  und  in  te-y  Zehe  haben,  wenn  man 
annehmen  will,  dass  der  §  130  besprochene  Übergang  von  w  >  g  auch 
nach  hellen  Vokalen  eintreten  kann;  vgl.  as.  säivim^  säwi  und  mnd. 
tewe.  Auf  alle  Fälle  steht  te-y  mit  hochdeutschem  Zehe  in  gramma- 
tischem Wechsel.  Einem  w^  das  ursprünglich  mit  hw  wechselte,  scheint 
auch  rüx^  rü-y  rauh  sein  g  zu  verdanken  (vgl.  as.  f'ügi,  rüwi  rauhes 
Fell,  mnd.  rw,  rüch^  mnl.  mw). 

Anm.  Wechsel  von  h-g  ist  zu  gansten  von  //  ausgeglichen  in  hoch  (as. 
ÄöÄ,  mnd.  Äö,  höcii)  hoch  —  Ä8^ä  höher,  höxt  Höhe,  wohl  auch  in  tax  (mnd.  ^ä)  zähe. 

N.     Sat^doppelformen  und  Sandhierscheinungen. 

§  296.  In  der  lebendigen  Rede  erleidet  die  Normalform  der 
einzelnen  Wörter  oft  grosse  Veränderungen,  hauptsächlich  dadurch, 
dass  sie  im  Satzzusammenhang  weniger  betont  werden,  oder  dass  sie 
sich  eng  an  die  Wörter  anlehnen,  mit  denen  sie  dem  Sinne  nach 
zusammengehören  und  häufig  zusammenstehen.  Solche  Satzdoppel- 
formen sind  uns  im  Laufe  der  Untersuchung  schon  öfter  entgegen- 
getreten. Wir  haben  §  233,  Anm.  1  auf  gundax  (für  gourn  däx) 
guten  Tag  hingewiesen;  §  179,  Anm.  2  für  dox^  nox  eine  verkürzte 
Form  do  in  dönix^  nönix  doch  nicht,  noch  nicht,  für  zö  so,  vö  wo 
ein  zö^  vö  in  zövl  soviel  (§  120  a),  zön  so  ein,  solch,  vövl  wieviel 
(^  120  a)  kennen  gelernt.  Besonders  die  Behandlung  der  Komposita 
(§  120  und  120  a)  hat  uns  eine  Reihe  solcher  Doppelformen,  wie  sie 
durch  schwache  Betonung  oder  enge  Verbindung  mit  anderen  Worten 
entstehen  können,  kennen  gelehrt.  Es  sollen  hier  noch  einige  besonders 
häutige  und  wichtige  Satzdoppelformen  im  Zusammenhange  behandelt 
werden,  die  besonders  das  Geschlechtswort  und  die  persönlichen  Für- 
wörter betreffen. 

§  297.  Inklination  des  Artikels  und  des  hinzeigenden 
Fürworts.  Proklitische  Anlehnung  des  bestimmten  Artikels  findet 
sich  in  einigen  versteinerten  Genetiven :  säms  des  Abends,  smorns  des 
Morgens.  Enklitisch  lehnen  sich  der  bestimmte  und  unbestimmte 
Artikel  gerne  an  Präpositionen.     Dabei  werden  ddn  (mnd.  dmie^  dene) 

>  n,  nach  w,  t  >  w,   nach  Lippenlauten  >  m,  dei  >  t,  dät  (mnd.  dat) 

>  t^  nach  t  >  ft  (§  154),  z.  B.  ndn  gödin  nach  dem  Garten;  toim 
man  zum  Manne;  btn  smet  beim  Schmied;  in  zäl  im  Saal,  in  den  Saal; 
m  stävl  am  Stiefel;  mütn  grävä  mit  dem  Gräber;  üt)i  stal  aus  dem 
Stalle;  upm  dis  auf  dem  Tische,  auf  den  Tisch;  nät  soiU  nach  der 
Schule;    bit  smär  bei  der  Schmiede;    int  sün   in  der  Scheune,   in  die 


44 

Scheune;  ant  kirx  an  der  Kirche;  npt  strät  auf  der  Strasse,  auf  die 
Strasse;  üift  sVifi  aus  der  Scheune;  mäft  sflp  mit  der  Schuppe;  npt 
dak  auf  dem  Dache,  auf  das  Dach ;  foat  hüs  vor  dem  Hause,  vor  das 
Haus;  bU  häwn  beim  Heuen.  Der  unbestimmte  Artikel  wird  >  n,  n, 
m,  z.  B.  foan  punt  für  ein  Pfund ;  nän  krankhäit  nach  einer  Krankheit; 
ifi  bouk  in  einem  Buche,  in  ein  Buch;  mütn  dan  mit  einer  Tanne: 
upm  hörn  auf  einem  Baume,  auf  einen  Baum  u.  s.  f. 

Dieselben  Formen  entstehen,  wenn  sich  die  Geschlechtswörter 
an  ein  Zeitwort  anlehnen,  nur  dass  hier  ft>t  wird,  z.  B.  ddt  ist 
preistä^  ^Qn,  hüs  das  ist  der  Prediger,  die  Scheune,  das  Haus ;  Uiftn 
man^  frou^  kint  döt  stirbt  ein  Mann,  eine  Frau,  ein  Kind;  döä  löpt 
ha^,  koUf  pedt  da  läuft  der  Hase,  die  Kuh,  das  Pferd. 

§  298.  Inklination  der  persönlichen  Fürwörter.  Bei  dieser 
Inklination  haben  sich  das  fast  ganz  durch  ddt  verdrängte  it,  et  es  als 
^,  der  durch  den  Dativ  am  (mnd.  eme)  verdrängte  Akkusativ  rnnd. 
etie  als  n,  n  erhalten.  Es  werden  die  nachgestellten  Nominative  Ik 
>  k,  hei  >  a,  zei  >  s,  *et  >  ^,  vi  >  v^  zei  >  s,  du  fällt  ganz  weg; 
z.  B.  zeik  sehe  ich,  kanst  nix  kzky  kannst  du  nicht  sehen;  vilä  will  er; 
däits  tut  sie;  z^ft  nix  äön  üt?  siehts  nicht  schön  aus?  makyv  machen 
wir;  löpm^  laufen  sie. 

Anm.  Bei  dieser  Enklise  erleidet  oft  auch  das  Zeitwort  Einbusse  durch 
Wegfall  des  Endkonsonanten.  Auf  den  Schwnnd  des  /  in  %ak  soll  ich,  vik  will  ich 
und  a  m.  ist  schon  §  134  hingewiesen  worden.  Aber  es  werden  auch  gtmk  > 
g^vk  >  g%,k  gebe  ich,  knxik  >  krixk  >  krik  kriege  ich,  vetik  >  vetk  >  v^k 
weiss  ich  d^i  vek  nix  das  weiss  ich  nicht  ist  gang  und  gäbe,  ebenso  röps, 
ruft  sie  für  röpiSj  kayk  für  kanik  kann  ich.     Vgl    auch  §  149,  Anm.  3  nnd  4. 

Es  werden  die  nachgestellten  obliquen  Kasus  en  (<  mnd.  ene) 
ihn  >  n,  n  (geht  nach  Nasenlauten  ganz  verloren;  am  ihm,  ihn  ver- 
schmilzt nicht),  zei  >  ^^  *et  >  t;  z.  B.  ik  zein,  zeis^  zeit  nix  ich  sehe 
ihn,  sie,  es  nicht;  zei  hem  al  sie  haben  ihn  schon;  aber  dät  säfdm  nie 
das  schadet  ihm  nicht.  Ähnlich  wird  der  Akk.  en  ,einen'  in  der 
Verschleifung  zu  w,  m,  z.  B.  ik  liefn  dälä  kräy  ich  habe  einen  Taler 
gekriegt;  giväm  hätn  gib  ihm  ein  bischen. 

Zahlreich  sind  auch  die  Verschleifungen  zweier  persönlicher 
Fürwörter  miteinander,  wobei  die  Veränderungen  der  Normalform 
dieselben  sind  wie  vorher;  z.  B.  ät  <  Im  *et  (vilät  dann?  will  er  es 
tun  ?  härät  man  dän  hätte  er  es  nur  getan) ;  wlt^  jlt  <  vi  *et,  jl  "^ä 
(vi  In  Vit?  wollen  wir  es?  hem  jlt  zein?  habt  ihr  es  gesehen?);  n  <  dun 
<  du  en  {hästun  zein^  hästn  zein?  hast  du  ihn  gesehen?);  Äeiw,  zein 
=  er  ihn,  sie  ihn;  datky  dass  ich  ihn;  viks  will  ich  sie  u.  s.  f. 

Anm.  Auch  bei  der  Verschmelzung  mit  den  obliquen  Kasus  geht  öfter 
der  Endkonsonant  des  Zeitworts  verloren,  z.  B.  giml  <  gif  ml  gib  mir.  Die 
Formen  hAi  <  hebbe  jiy  v^i  <  wille  ji  habt  ihr,  wollt  ihr  waren  früher  häufig, 
werden  aber  jetzt  nur  noch  von  ganz  alten  Leuten  gebraucht.  Vgl.  Richey, 
Idiot.  Hamb.  S.  339.  Auch  im  Freimüthigen  Abendblatt  Jahrg.  7  (Schwerin 
1824),  Sp.  150  wird  als  Beispiel  bänrischer  Sprachentstellung  Hej  ji  de  Fi'  cdl 
börnt  ?  angeführt.  Seelmanu  hat  also  nicht  ganz  recht,  wenn  er  diese  Formen 
schlechthin  hamburgisch  nennt.     (Ndd.  Schauspiele  aus  älterer  Zeit  S.  158.) 


45 

In  derselben  Verkürzung  lehnen  sich  die  persönlichen  Fürwörter 
auch  an  hinzeigende  und  zurückbezügliche  Fürwörter  an,  z.  B.  (lata 
das  er,  (leit  der  es,  dünv  den  wir;  ferner  an  Bindewörter  und 
Umstandswörter,  z.  B.  ast  wie  es,  eä,  e^s,  eat  ehe  er,  ehe  sie,  ehe  es, 
(Jätä  dass  er  u.  s.  f. 

§  299.  Einzelheiten:  ddt  is  das  ist  >  (kis;  döä  dort  >  ä: 
hästä  vek  kräy?  hast  du  dort  welche  gekriegt?;  mm  läm  mein  Leben 
>  mllä  in  almllä  mein  Lebelang;  gör  tou  gar  zu  >  gö*9r9. 

Vergleiche  zu  dem  ganzen  Kapitel  Lübben  §  46,  Tümpel,  Ndd. 
Stud.  S.  124  f.,  welche  zeigen,  dass  diese  Verschleifungen  grossenteils 
schon  im  Mnd.  sehr  gebräuchlich  waren,  und  Bernhardt,  Glück- 
städter Ma.  §  46. 

§  300.  Doppelformen  entstehen  auch  dadurch,  dass  bei 
zusammengesetzten  oder  dem  Sinne  nach  eng  zusammengehörigen 
Wörtern  der  Endkonsonant  des  einen  Wortes  an  das  folgende  Wort 
oder  die  folgende  Silbe  tritt,  wenn  diese  mit  einem  Vokal  oder  einem 
//  beginnt  (das  seinerseits  verloren  geht).  Zu  va-raftix  wahrhaftig, 
färe'ät  Feuerherd  vgl.  §  120a,  zu  ümun-düm  um  und  um  §  283,  y 
Anm.  2.  Andere  Beispiele  dieser  Art  sind:  vö9-räit  Wahrheit;  svl- 
nägl  Schweinigel;  a-len  allein;  zä-rä  sagte  er;  dä-rä  tat  er;  a-lant 
<  al  hant  inzwischen,  immerhin,  das  aber  nur  in  OPri  und  in  der 
südl.  WTri  bekannt  ist.  Vgl.  auch  nämt  <  gunämt  guten  Abend  und 
nöäs  anus  (§  141,  Anm.   1). 


0.     Lehnwörter  und  Fremdwörter. 

§  301.  Die  Lehn-  und  Fremdwörter  im  Ndd.  im  einzelnen  nach 
ihren  kulturhistorischen  und  lautlichen  Beziehungen  zu  behandeln, 
fällt  aus  dem  Bahmen  dieser  Arbeit  und  würde  eine  besondere  Abhand- 
lung ausmachen.  Die  ältesten  Lehnwörter  stammen  aus  der  Berührung 
mit  der  römischen  Kultur  und  aus  der  Zeit  der  Bekehrung  zum 
Christentume.  Sie  sind  von  den  Ansiedlern  in  die  neue  Heimat 
mitgebracht  worden.  Wir  haben  sie  vom  Standpunkt  der  heutigen 
Ma.  aus  als  altes  Sprachgut  ansehen  dürfen  und  sie  in  der  Lautlehre 
mit  dem  altgerman.  Erbgute  zusammen  behandelt.  Wir  haben  im  Laufe 
der  Untersuchung  auch  die  Lehnwörter  aus  dem  Hochdeutschen 
nach  lautlichen  Kriterien  ausgesondert.  Es  erübrigt  noch,  einige 
allgemeine  Gesichtspunkte  für  die  Zeit  und  die  Art  ihrer  Entlehnung 
aufzustellen.  Auch  zahlreiche  moderne  Fremdwörter  sind  schon  zur 
Sprache  gebracht  worden,  soweit  die  lautliche  Behandlung,  die  sie 
erfahren  haben,  für  die  Entwickelung  der  Laute  in  unserer  Ma.  von 
Interesse  sein  konnte.  Wir  können  im  Folgenden  uns  begnügen, 
fehlende  nachzutragen. 

§  302.     Hochdeutsche  Lehnwörter  sind  seit  der  ahd.  Zeit  in 
das  Niederdeutsche  eingesickert,    erst  langsam,    dann  schneller.     Aus 


46 

dem  Einsickern  wird  ein  Einströmen  seit  dem  10.  Jhd.,  d.  h.  von  der 
Zeit  an,  wo  das  Hd.  Eingang  auf  niederdeutschen  Boden  fand, 
allmählich  die  Sprache  der  Gebildeten  in  den  Städten  und  auf  gewissen 
Gebieten  auch  auf  dem  Lande  die  herrschende  wurde.  ;,Seit  1600 
ist  das  Hd.  die  Sprache  der  Kanzel,  der  Schule,  des  Gerichts,  der 
Kanzleien,  der  Briefe^  (Kluge,  von  Luther  bis  Lessing  S.  92).  Für 
die  Altersbestimmung  der  Entlehnung  ist  wichtig  ihr  erstes  Auftreten 
in  der  Literatur.  Wir  haben  gesehen,  dass  eine  ganze  Reihe  hd. 
Lehnwörter  schon  in  mnd.  Texten  belegt  sind  (z.  B.  krtch  Krieg, 
gantz  ganz,  slren  zieren,  sitteren  zittern  u.  s.  w.).  Eine  weitere  Alters- 
bestimmung wird  durch  lautliche  Kriterien  ermöglicht  auf  grund  der 
Frage,  welche  Lautwandlungen  ein  Wort  schon  durchgemacht  hatte, 
als  es  entlehnt  wurde,  welchen  Wandlungen  es  nach  der  Zeit  der 
Aufnahme  in  der  neuen  Heimat  noch  unterliegt.  Ein  Wort  wie  tsQ,g 
Ziege  <  ahd.  ziga  muss  aufgenommen  sein  nach  Eintritt  der  hd. 
Lautverschiebung;  es  muss  aufgenommen  sein  vor  der  Zeit  der  nd. 
;, Tondehnung  ^,  die  i  in  freier  Silbe  >  a  wandelt  (§  188);  tmän 
trauern  (mnd.  trüren)  kann  erst  ins  Ndd.  gedrungen  sein  nach  der 
Zeit  der  hd.  Lautverschiebung,  muss  aber  auf  ndd.  Boden  heimisch 
geworden  sein,  bevor  mhd.  ü  >  au  diphthongiert  war.  Man  darf  jedoch 
dieser  Art  von  chronologischer  Bestimmung  unbedingtes  Zutrauen  nur 
dann  schenken,  wenn  es  sich  um  eine  Entlehnung  aus  einer  fremden 
Sprache  handelt.  Bei  der  Übernahme  eines  Wortes  aus  einer  ver- 
wandten Sprache  aber,  und  das  ist  das  Hd.  für  das  Ndd.,  hat  sie 
nur  bedingte  Geltung.  In  vielen  Fällen  ist  das  Bewusstsein  der 
sprachlichen  Entsprechungen  so  lebendig,  dass  das  Lehnwort  sich 
ohne  weiteres  in  die  ndd.  Lautgebung  einfügt,  ins  Ndd.  übersetzt 
wird.  Es  wäre  ein  verhängnisvoller  Irrtum,  wollte  man  z.  B.  sagen, 
das  r  in  jür  Jude  zeige,  dass  das  Wort  entlehnt  sei,  bevor  inlautendes 
d  >  r  geworden  sei  (§  158  und  Anm.):  die  hd.  Endungen  'de,  -he 
werden  ohne  weiteres  in  unserer  Ma.  >  r,  v  (vgl.  loüv  Laube,  stüt 
Stube),  wie  überhaupt  inlautendes  h  leicht  >  v  wird  (§  148  Anm.). 
W^enn  grär  gerade  aus  dem  Hd.  stammt,  so  braucht  man  nicht  an- 
zunehmen, es  sei  schon  entlehnt,  als  mnd.  ä  noch  erhalten  war,  weil 
es  doch  die  Lautwandlung  von  ä  >  ä  mitgemacht  habe :  hd.  ä  würde 
auch  in  heutigen  Lehnwörtern  ä  gesprochen  werden.  Liesse  sich 
in  einem  unserer  Dörfer  ein  Mann  namens  Knabe  nieder,  er  würde 
sofort  KnB,v  heissen.  Regelrecht  hochdeutsche  Namen  wie  Müller, 
Schulze,  Schmidt,  Krüger  sind  wir  immer  geneigt,  ohne  Umstände  in 
Mola,  ISuU,  Smet,  Kröygä  (Krögä)  umzutaufen.  Die  Endung  -ieren 
wird  auch  in  ganz  jungen  Entlehnungen  meistens  durch  -eän  ersetzt 
(§  252),  z.  B.  fötografe'än,  tebgrafe'än,  tebfone'än. 

Das  heimische  Sprachgefühl  zeigt  sich  auch  in  der  Art  lebendig, 
dass  die  Eindringlinge  die  ererbte  Wortform  nicht  ganz  verdrängen, 
wie  es  z.  B.  jür,  stüv  <  hd.  jüde,  stübe  gegenüber  *jär,  *stäv  <  mnd. 
jode,  stöve  getan  haben,  sondern  mit  ihnen  zu  einem  Mischwort  ver- 
schmelzen,  das  halb   hd.,   halb   ndd.   ist.     Solche  Mischformen  sind 


47 

z.  B.  doment  (§  100,  Anm.  1)  tausend;  döyvl  Teufel  (§  104,  Anm.  2); 
hednix  (§  60,  Anm.  2)  Betrug;  düyt  (§  191,  Anm.  2)  Tugend;  tiret 
(§  158,  Anm.  3)  zweite;  ensix  einzig,  mit  Verkürzung  enslt  einzeln 
(mnd.  entelen);  torm  Turm,  mnd.  toni  (§  140,  Anm.);  ^^ri/iyA:  Zwilling ; 
zö*nämt^  zö*ndax  (§  60  b),  vielleicht  auch  steif brourd  Stiefbruder  (§  153, 
Anm.  1)  u.  s.  f. 

Anm.  1.  Es  scheint,  als  ob  man  mit  der  Möglichkeit  rechnen  mnss,  dass 
ein  Wort  der  hd.  Gemeinsprache  nicht  direkt,  sozusagen  von  Ohr  zu  Ohr,  in 
die  Ma.  aufgenommen  wird,  sondern  dass  es  als  eine  Art  Wanderwort  von 
Sprecheinheit  zu  Sprecheinheit  zieht,  und  dass  die  eine  Sprecheinheit  es  von 
der  anderen  annimmt  und  sich  mit  der  Lautform  abzufinden  hat,  die  es  etwa 
iu  einer  benachbarten  Sprecheinheit  angenommen  hat.  Wir  haben  §  173,  Anm.  2 
vermutet,  dass  das  Wort  jurk  Gurke  (natürlich  mit  der  Sache)  von  Stldosten 
vorgedrungen  sei,  dass  es  auf  diesem  Wege  sein  g  >  j  gewandelt  habe  (der 
südl.  Pri  und  den  angrenzenden  Landstrichen  steht  ja  j  lautgesetzlich  zu, 
s.  §  7,  4  a)  und  dass  es  mit  diesem  j  in  die  nördl.  Pri  und  Meckl.  eingedrungen 
sei.  Das  ou  in  mour  Mode  lässt  sich  bei  einem  erst  so  spät  eingedrungenen 
Worte  (17.  Jahrb.)  schlechterdings  nicht  aus  dem  Hd.  erklären,  denn  dem  ndd. 
ou  des  diphthongischen  Gebiets  entspricht  ein  hd.  ü,  hlmä  ein  hl^d,  sou  ein  ^ü 
(§  90).  Wir  haben  dementsprechend  hvivl  als  eine  hyperhochdeutsche  Neubildung 
von  hobel  zu  deuten  versucht  (§  191,  Anm.  3).  Es  könnte  also  wohl  ein  hd. 
*nmde  in  mour  übersetzt  werden;  wie  aber  möde'^  Wir  denken  aber  daran, 
dass  dem  ou  der  Nordprignitz  auf  dem  monophthongischen  Gebiet  ein  ö 
entspricht  (§  7,  1  a),  dass  die  südl.  WPri,  die  ganze  OPri  und  die  südl.  und  östl. 
daran  stosseuden  Maa.  durchaus  dem  monophthongischen  Gebiet  angehören.  Wie 
sich  in  den  beiden  Gebieten  blout  und  blötj  sou  und  ^ö  gegenüberstehen,  so 
könnte  ein  vom  ö-Gebiet  des  Ndd.  herkommendes  möde  im  ou-Gebiet  in  mou7' 
übersetzt  werden.  Dieselben  Betrachtungen  würden  für  xous  f.  <  frz.  saure 
Sauce  passen. 

Anm.  2.  Es  ist  also  nicht  geboten,  in  Wörtern  wie  spö&xäm  sparsam, 
njcthö^  achtbar,  möyxäm  mühsam  trotz  der  ndd.  Lautgebung  echte  ndd.  Wörter 
zn  sehen.     Es  können  auch  Übersetzungen  aus  dem  Hd.  sein. 

§  303.  Konnten  wir  eben  eine  Art  von  Einplattdeutschung  und 
damit  einen  gewissen  Grad  der  Widerstandsfähigkeit  der  Ma.  gegen- 
über der  hochdeutschen  Gemeinsprache  feststellen,  so  müssen  wir 
schon  in  Formen  wie  mänt  Mond,  hämt  Hemd,  duriäsdax  Donnerstag, 
die  neben  den  ererbten  män^  häm^  dunädax  aufkommen,  ein  Unter- 
liegen unter  der  Gemeinsprache  erkennen.  In  der  übergrossen  Mehr- 
zahl der  Fälle  aber  ist  der  Sieg  des  Hd.  noch  viel  vollständiger:  die 
alten  Wörter  sind  einfach  durch  die  neuen  hochdeutschen  verdrängt 
worden.  Es  erscheint  einem  im  ersten  Augenblick  fast  rätselhaft,  dass 
Wörter  wie  *floukyj  *iäk\  Hovän,  *däm,  *sepm^  Hevark  u.  s.  f.  einfach 
durch  die  hd.  Formen  flüxn  fluchen,  vox  Woche,  tsoubän  zaubern, 
töm  toben,  äafn  schaffen,  lärx  Lerche  ersetzt  worden  sind.  Das 
Rätsel  lichtet  sich,  wenn  wir  wahrnehmen,  dass  die  meisten  Lehnwörter 
aus  dem  Hd.  den  Lebensgebieten  entnommen  sind,  in  denen  das  Hd. 
die  herrschende  Sprache  geworden  war.  Handelt  es  sich  doch  dabei 
um  die  Gebiete,  die  das  Leben  des  einzelnen  am  meisten  regeln  und 


48 

beeinflussen,  die  Behörde,  die  Kirche,  die  Schule,  das  Gericht, 
das  Heerwesen:  Das  Land  war  zweisprachig  geworden,  und  die 
neue  Sprache  wurde  von  den  führenden  Kreisen,  den  oberen  Gesellschafts- 
klassen geübt.  Die  neue  Sprache  galt  bald  für  vornehmer  und  feiner. 
So  wandte  sich  ihr  auch  der  bessere  Bürgerstand  in  der  Stadt  zu, 
und  damit  wurde  auch  die  Geschäftssprache  immer  mehr  hochdeutsch. 
Der  Prediger,  der  Lehrer,  der  Richter,  der  Advokat,  der  Arzt  und 
vielfach  auch  der  Kaufmann  sprachen  hochdeutsch. 

Durch  die  Schule  musste  die  Sprache  des  privaten  schriftlichen 
Verkehrs  auch  auf  dem  Lande  hochdeutsch  werden;  denn  nur  in 
dieser  Sprache  lernte  man  lesen  und  schreiben.  Dann  waren  das 
Dienstmädchen  in  der  Stadt,  der  Soldat  gehalten  hochdeutsch  zu 
sprechen.  Wenn  schon  einem  fremden  Lande  gegenüber,  das  Einfluss 
gewinnt  auf  die  kulturelle  Entwickelung  eines  Nachbarlandes,  sprach- 
liche Entlehnungen  immer  hauptsächlich  aus  den  Gebieten  des  öffent- 
lichen Verkehrs  im  weitesten  Sinne,  d.  h.  des  Staats-,  des  Kirchen-, 
des  Rechts-,  des  Heeres-  und  des  Handelswesens  stattfinden,  wieviel 
mehr  musste  das  hier  geschehen,  wo  beide  Sprachen  nebeneinander 
erklangen.  Unbewusst,  durch  die  mechanische  Gewohnheit  des  Hörens, 
sickern  da  neue  Wörter  ein.  Aber  auch  bewusst  werden  sie  an- 
genommen: das  einheimische  Wort  erschien  in  vielen  Fällen  nicht 
mehr  fein  und  angemessen  genug,  um  bestimmte  Vorstellungen,  die 
in  Kirche  und  Schule,  vor  Gericht  u.  s.  anders  ausgedrückt  wurden, 
wiederzugeben,  etwa,  wie  jetzt  preistä  anfängt,  etwas  unfein  zu 
erscheinen,  und  allmählich  dem  prädigd  Platz  macht.  Es  muss  aber 
daran  festgehalten  werden,  dass  das  Hochdeutsche  nicht,  wie  es 
gewöhnlich  bei  Wortentlehnungen  der  Fall  ist,  mit  neuen  Kultur- 
begriffen neue  Kulturwörter  einführt;  es  verdrängt  meistens  nur  ein- 
heimische, schon  vorhandene.  Wo  die  Gemeinsprache  die  Ma.  um' 
neue  Begriffe  und  neue  Ausdrücke  bereichert,  da  sind  es  gewöhnlich 
Wörter,  die  sich  das  Hochdeutsche  selbst  erst  aus  der  Fremde  geholt 
hat.  Es  ist  ein  Märchen,  das  dadurch  nicht  wahrer  wird,  dass  es 
oft  wiederholt  wird,  dass  die  Sprache  der  Landleute  wortarm  sei. 
Sie  ist  auf  den  Gebieten  des  gegenständlichen,  sinnfälligen  Lebens, 
der  natürlichen  Empfindungswelt  nicht  selten  reicher  als  die  Schrift- 
sprache, und  was  mein  berühmter  Dorfgenosse  Fr.  Gedike  vor  mehr 
als  100  Jahren  in  seinem  schon  öfter  erwähnten  Aufsatz  über  deutsche 
Dialekte  S.  320  (s.  Einl.  §  10)  gesagt  hat,  hat  teilweise  auch  heute 
noch  Geltung:  „Das  Plattdeutsche  hat  einen  unerschöpflichen  Reichtum 
an  zärtlichen,  muntern,  launigen,  naiven,  leidenschaftlichen  Ausdrücken 
und  Wendungen.^ 

Nur  auf  zwei  Gebieten  hat  das  Hochdeutsche  wirklich  sprach- 
bereichernd eingewirkt,  auf  dem  Gebiet  des  abstrakten  Denkens  und 
der  verfeinerten  Lebensführung.  Dass  sogar  die  Ableitungssilben,  mit 
denen  vornehmlich  abgezogene  Begriffe  gebildet  werden,  vom  Hd. 
herübergenommen  sind,  ist  schon  §  119,  e  und  §  121  ausgeführt 
worden.     Dass  Ausdrücke  der  verfeinerten  Lebensweise  dem  Hd.  ent- 


49 

nommen  sind,  kann  nicht  auffallen,  da  es  ja  hauptsächlich  die  geistig 
und  gesellschaftlich  hochstehenden,  in  den  Städten  wohnenden  Klassen 
sind,  die  das  Hochdeutsche  zuerst  und  seit  langem  angenommen  haben. 
Ich  stelle  nun  eine  Reihe  der  wichtigsten  hd.  Lehnwörter 
zusammen  nach  den  Gebieten,  aus  denen  sie  entlehnt  sind.  Es  kommen 
vor  allem  in  Betracht: 

a)  Kirche  und  Schule.  (Kirche):  Got  Gott;  här  Herr;  himl 
Himmel;  hol  Hölle  (döyvl  Teufel);  reit  Welt;  äöpfä  Schöpfer;  äafn 
schaffen;  gäist  Geist,  gäistlix^  geisflir  geistlich,  blass;  häilix  heilig; 
(jnädia^  gnädig;  zälix  selig;  evix  ewig(?);  kirx  Kirche;  kelx  Kelch; 
(/ehö*t  Gebot ;  frotn  fromm ;  andextix  andächtig ;  rSxtäafn  rechtschaffen ; 
(lürjt  Tugend;  flixt  Pflicht;  hofn  hoffen;  hofnuyk  Hoffnung;  ßüxn 
fluchen;  hasn  hassen;  tsayky  zanken;  tsoubdn  zaubern;  bS^sn  büssen; 
r(tx  Rache;  tsorn  Zorn;  trots  Trotz;  tsayk  Zank;  tr^pzäl  Trübsal; 
(jebfäät  Geburt.  (Schule):  spi'ux  Spruch;  gezayk  Kirchenlied;  täfl 
Tafel;  §ifä  Schiefer;  grifl  Griffel;  bldistift  Bleistift;  brnx  Bruch; 
arhäitn  arbeiten;  töm  toben;  prügln  prügeln;  straf n  strafen;  kreis 
Kreis;  kügl  Kugel;  stim  Stimme;  t(yn  Ton.  Auch  die  hd  Namen 
vieler  Tiere  sind  wohl  dem  Einfluss  der  Schule  zuzuschreiben:  tlä 
Tier;  Ibv  Löwe;  hirs  Hirsch;  luks  Luchs;  daks  Dachs;  püdl  Pudel; 
lärx  Lerche.  Es  scheint,  als  ob  jetzt  storx  und  ämäi^  (Storch,  Ameise) 
heinodä  und  äfnk  zu  verdrängen  beginnen. 

b)  Staats-  und  Rechtswesen:  kdizä  Kaiser;  konix  König; 
fürst  Fürst  (ebenso  gräf  Graf,  barön  Baron,  älos  Schloss) ;  räix  Reich, 
räixsdax  Reichstag ;  länträt  Landrat ;  ämtsfdräteä  Amtsvorsteher ; 
stimsamt  Standesamt;  gezets  Gesetz;  fd-f&guyk  Verfügung,  fä-füy 
verfugen;  afäätsn  abschätzen;  rixtä  Richter;  äUsrixtä  Schiedsrichter; 
gerixt  Gericht;  urtäil  Urteil,  fä-ürtäiln  verurteilen;  dit^  mäindit  Eid, 
Meineid;  dn^^dij;  anzeigen;  mort,  mördd  ^orA^  Mörder;  royJ^d  Räuber ; 
hedrux  Betrug ;  gestdnix  geständig ;  gefeynis  Gefängnis ;  gebMn  Gebühren ; 
ouflasuyk  Auflassung  u.  s.  f. 

c)  Heilkunde:  krankhdit,  gezüntdit  Krankheit,  Gesundheit; 
frlzln  Frieseln;  irikzdn  Masern;  raxnbröyn  Rachenbräune;  äwintzuxt 
Schwindsucht;  üts^ruyk  Auszehrung;  kremf  Krämpfe;  drfis  Drüse; 
rös  Rose;  flus  Fluss;  fenxl  Fenchel;  rots  Rotz  (Pferdekrankheit)  u.  s.  f. 
Auch  Wörter  wie  ktn  Atem,  gilt  Glied,  raxn  Rachen  gehören  wohl  hierher. 

d)  Kriegswesen:  krtx  Krieg;  älaxt  Schlacht;  gefext  Gefecht; 
ke)nfn  kämpfen;  s^x,  zt-y  Sieg,  siegen;  dä-y  Degen;  gev^*d  Gewehr; 
Imts  Lanze;  aus  Schuss;  ^eiw^s  Geschütz;  A;%/ Kugel;  halt,  ätilgeätan, 
vorväts  halt,  stillgestanden,  vorwärts;  äritu,  trit  (mnd.  schrede,  trede  u.  s.f.) 

e)  Verkehrs-  u.  Geschäftswesen:  geSeft  Geschäft;  t;ir^;  virts- 
hüs,  vitäaft  Wirt,  Wirtshaus,  Wirtschaft;  tsex  Zeche;  dkld,  grö^ti,  zeksd 
Taler,  Groschen,  Sechser;  fant  Pfand;  arbdit,  arbditd  Arbeit,  Arbeiter; 
(jezel,  ledburä  Geselle,  Lehrbursch;  zatld,  bötood,  gdtnd,  föstd,  jäga  (?) 
Sattler,  Böttcher,  Gärtner,  Förster,  Jäger;  zlgl  Siegel;  {t)sdituyk 
Zeitung;    {t)siix  Zug;   Hn  Schiene.  —  Zahlen  u.  Zahl  begriffe  wie 

V4,  axsix  80,  ensixj  enslt  einzig,  einzeln  (dovzent  1000,  tw^t  zweite). 

Niederdeatsohes  Jahrbuch  XXXII.  4 


50 

—  Auch  die  Monatsnamen  u.  die  Wochentage,  soweit  letztere 
vom  Hd.  beeinflusst  sind  {rnitvox,  danäsdax,  zö^nhntj  zö'ndax)  dürfen 
wohl  hierher  gerechnet  werden  (oder  unter  Schule?) 

Anm.  Am  meisten  Gefahr  droht  jetzt  den  Zahlwörtern  in  ihrer  Ge- 
samtheit. Man  hört  schon  gelegentlich  fufsen,  swansix,  xexsix  15,  20,  60 
u.  s.  w. ;  im  Süden  und  Osten  der  Prignitz  sind  die  ndd.  Zahlwörter  schon  fast 
durch  die  hochdeutschen  verdrängt. 

f)  Der  verfeinerten  Lebensführung  der  hochdeutsch  spre- 
chenden, sozial  höher  stehenden  Gesellschaftsklassen  verdankt  die 
Ma.  etwa  folgende  Ausdrücke:  tsuxt  Zucht;  vits  Witz;  stüv  Stube; 
ääitl  Scheitel;  snöutsböät  Schnurrbart;  viks  Wichse;  sirm  Schirm; 
gr^sn  grüssen;  smeixln  schmeicheln;  begläitn  begleiten;  bezüx  Besuch; 
hößix  höflich;  dnstenix  anständig;  stolts  stolz;  fdin  fein;  ontlix 
ordentlich;  artix  artig;  hüp§  hübsch;  zouhä  sauber;  loüv  Laube; 
strüs  Strauss;  vgl.  aber  auch  Wörter  wie  lldrix  liederlich,  hüä  scor- 
tum.  —  Kleidung:  slöyf  Schleife;  släiä  Schleier;  kitl  Kittel;  gü(r)tl 
Gürtel;  äös  Hose;  hezäts  Besatz;  äfzats  Absatz  u.  s.  f.  Küche:  o/ 
Öl,  esix  Essig,  gevürts  Gewürz  u.  s.  f.  Spiel  und  Unterhaltung: 
kröyts  Kreuz;  hä(r)tsn  Herzen;  stix  (alle  drei  beim  Kartenspiel); 
fägnüff  Vergnügen;  sütsnfest  Schützenfest.  Hundenamen:  ström 
Strom,  vasä  Wasser,  feltman,  valtman  Feldmann,  Waldmann.  — 
Verwandschaftsnamen  (z.  T.  nur  hd.  beeinflusst):  mvdä  Mutter; 
fadä  Vater;  smgämudd  Schwiegermutter;  fetä  Vetter;  vitnmn,  vitfrou 
Witwer,  Witwe;  twiliyk  Zwilling. 

Moderne  Fremdwörter. 

§  304.  Einzelne  Lehnwörter  aus  dem  Französischen  finden  sich 
schon  in  den  ältesten  mnd.  Urkunden,  z.  B.  ftn  fein,  prls  Preis,  forse 
Kraft,  Stärke.  Sie  sind  wohl  von  Ober-  und  Mitteldeutschland  nach 
Norden  gewandert  und  spiegeln  den  Einfluss  wieder,  den  Frankreich 
auf  das  Rittertum  und  das  höfische  Leben  in  Deutschland  geübt  hat. 
Das  Vermittlungsglied  zwischen  Frankreich,  Italien  und  Deutschland 
waren  vor  allem  die  Niederlande,  das  alte  Kulturgebiet  am  Nieder- 
rhein, gewesen.  Für  Norddeutschland  wurden  sie  ein  direktes 
Vermittlungsgebiet  zur  Zeit  der  Hanse.  Über  die  Niederlande  sind 
den  Niederdeutschen  wohl  Wörter  wie  kontor,  profit,  hanckrott,  respit 
Aufschub,  Bedenkzeit  zugewandert,  die  im  15.  und  16.  Jhdt.  auftauchen. 
Nichts  hindert  anzunehmen,  dass  auch  ein  Wort  wie  tdlä  Teller  von 
Holland  her  zu  uns  gekommen  ist.  Chytraeus  gibt  in  seinem  Nomen- 
clator  latino-saxon.  die  Form  tellör  an,  und  diese  erinnert  sehr  an 
die  niederländische  Form  teljoor.  —  Durch  den  30jährigen  Krieg 
wurden  dann  eine  Reihe  weiterer  französischer  Ausdrücke,  hauptsäch- 
lich Kriegs-  und  Spielerausdrücke,  eingebürgert. 

Was  bedeuten  aber  die  französischen  Wörter,  die  vor  der  Fest- 
setzung des  Hochdeutschen  in  Niedersachsen  heimisch  wurden,  der 
Zahl  nach  im  Vergleich  mit  den  französischen  Ausdrücken,   die  eben 


51 

durch  diese  hd.  Gemeinsprache  ins  Land  getragen  wurden  und  all- 
mähHch  bis  zu  den  untersten  Volksschichten  durchsickerten?  Es 
war  verhängnisvoll  für  das  Niederdeutsche,  das  das  Hochdeutsche  zu 
der  Zeit,  als  es  unter  seinen  Einfluss  geriet,  verwelscht  war  und 
immer  mehr  verwelscht  wurde.  Hatte  im  XV.  und  XVI.  Jhd.  das 
Lateinische  als  Sprache  der  Gelehrten  und  Gebildeten  in  Deutschland 
eine  herrschende  Stellung  eingenommen,  so  war  im  XVIL  Jhdt ,  zu- 
erst bei  den  Fürsten  und  an  den  Höfen,  dann  beim  Adel  und  den 
Beamten  und  schliesslich  bei  den  „bessern^  Bürgern  das  Französische 
die  Modesprache  geworden  und  erhielt  sich  als  solche  noch  das  ganze 
XVni.  Jhdt.  hindurch.  Mit  der  Zeit  sickerten  viele  von  diesen  fremden 
Brocken,  mit  denen  die  Vornehmen  und  Feinen  ihre  Rede  spickten, 
bis  zum  Volke  durch  und  sind  dort  z.  T.  bis  auf  den  heutigen  Tag 
geblieben.  Dabei  ist  Mecklenburg  nach  meinen  Wahrnehmungen 
mehr  durchseucht  worden  als  Brandenburg  oder  gar  als  Holstein. 
Es  hatten  eben  in  Mecklenburg  Fürst,  Adel  und  Beamtentum  mehr 
unmittelbaren  Einfluss.  So  ist  es  gewiss  kein  Zufall,  dass  ein  Meck- 
lenburger, Lauremberg,  am  eifrigsten  gegen  die  alamodische  Sprache 
geeifert  hat.  Vgl.  zu  der  ganzen  Frage  die  beiden  lehrreichen  Pro- 
grammabhandlungen von  Mentz ,  Französisches  im  Mecklenburger 
Platt  und  den  Nachbardialekten,  Delitsch  1897  und  1898,  und  C.  F. 
Müller,  Zur  Sprache  Fritz  Reuters,  Leipzig  1902. 

Mentz  und  Müller  treten  mit  Recht  der  landläufigen  Ansicht 
entgegen,  dass  die  grosse  Masse  dieser  Fremdwörter  unmittelbar 
aus  dem  Französischen,  etwa  in  der  „ Franzosenzeit ^,  entlehnt  sei. 
Sie  haben  sich  aber  ein  wichtiges  Beweismittel  für  ihre  Ansicht,  dass 
der  grösste  Teil  weit  früher  durch  das  verwelschte  Hochdeutsch  des 
17.  und  18.  Jhdts.  hindurch  eingeführt  sei,  entgehen  lassen.  Ich 
habe  in  der  Festschrift  für  A.  Tobler,  Braunschweig  1905,  S.  266  iF. 
den  Nachweis  geführt,  dass  die  ausländischen  Fremdwörter,  soweit 
hierbei  das  Französische  in  Betracht  kommen  kann,  genau  den- 
selben Begriffssphären  und  Ideenkreisen  entlehnt  sind,  wie  die 
gleichzeitig  aufgenommenen  hochdeutschen  Lehnwörter.  Ich  verweise 
auf  diesen  Aufsatz  und  trage  hier  nur  die  jüngeren  Fremdwörter  aus 
den  Gebieten  nach,  die  dem  Französischen  fast  ganz  verschlossen 
waren:  Kirche,  Schule,  Verwaltung,  Gericht,  Heilkunde  fahren 
fort,  soweit  ihr  Bedürfnis  nicht  schon  gedeckt  ist,  aus  der  griechisch- 
lateinischen Quelle  zu  schöpfen. 

Kirche  und  Schule:  pastd  Pastor,  blbl  Bibel  (wozu  auf  ndd. 
Boden  im  15.  Jhdt.  ftbl  gebildet  wurde,  s.  Kluge,  Wb.);  katedä 
Katheder,  färs  Vers,  regl  Regel;  gepätä  (doch  wohl  <  paternoster) 
sinnloses  Geplapper,  das  an  die  Zeit  vor  der  Reformation  erinnern 
würde.  Staats-  und  Rechtswesen:  stät  Staat;  regwruyk  Regierung; 
pobtsäi  Polizei;  dktum  Datum;  opsdr^w^sw  Observanzen;  ^rö^s^s  Prozess; 
tamtny  trümin  Termin;  afkät  Advokat;  akäön  Auktion;  patsdleän  par- 
zellieren; sepdreän  das  Gemeindeland  aufteilen,  trennen;  bömdeän  die 
Güte   der   einzelnen  Äcker   bestimmen  u.  s.  f.   —   Heilkunde:    arzt 

4* 


52 

(dagegen  mnd.  arste)  Arzt,  gewöhnlich  dokfä;  afteh  Apotheke,  meletsln 
Medizin;  imUent  Patient;  köreän  kurieren;  imfn  impfen;  lyil  Pille 
(mnd.  pille)  u.  s.  f. 

Mit  dieser  und  der  in  der  Festschrift  für  Tobler  S.  272  auf- 
gestellten Liste  ist  die  Zahl  der  fremden  Eindringlinge  bei  weitem 
noch  nicht  erschöpft.  Von  denen,  die  sich  nicht  in  bestimmte  Vor- 
stellungskreise einreihen  lassen,  führe  ich  als  von  einigem  Interesse 
folgende  an: 

a)  lateinische  Wörter:  entspektä  Inspektor;  stant^pe*  (stantepede) 
stehenden  Fusses;  rezolve*ät  entschlossen;  iJözitüä  Positur;  primlp 
Prinzip;  ekstra  besonders;  vat  eksträs  etwas  Besonderes;  kurjö's  kurios; 
pröst  Prosit ;  pröstn  niesen ;  fide^l  heiter ;  krepeän  ( <  it.  crepare)  ver- 
enden. —  b)  französische:  iös  Sache  (Mz.  sözn  Dummheiten);  afe'an 
Angelegenheiten;  tsötn  (<  frz  sot)  Dummheiten;  maloä  Malheur: 
maloän  schlecht  auslaufen;  räzoy  Vernunft;  räzoneän  schimpfen; 
grumln  (<  frz.  grommeler)  brummen;  apö{f)tndrägd  Zuträger  von 
Nachrichten;  krh.  (<  frz.  courage)  Kraft;  hätän  (<  frz.  hattre)  mit 
viel  Geräusch  laufen;  kumpäbl  (<  frz.  capable)  imstande;  kuniplet 
(<  frz.  complet)  vollständig;  hlflrmrant  (<  frz.  bleumourant)  schwindelig; 
egal  gleich;  eksprh^  ekspre  ausdrücklich,  eigens;  toum  tort  doun  zum 
Verdruss  tun;  partü\  partV  (<  frz.  partout)  durchaus;  swltje*  (zu  frz. 
suite)  flotter,  leichtsinniger  Mensch;  hlay%  blayze*än  (<  frz.  halance 
halancer)  Gleichgewicht  (halten) ;  kv^  (  <  frz.  c<Mche-toi) ;  alöy  vorwärts ; 
aport  hol  herbei,  alle  drei  Zurufe  an  den  Hund ;  Partizipien  wie  r^tire* 
(<  frz.  re^ir^)  zurückhaltend;  kuäe*  (<  frz.  couchS)  kleinlaut;  pdrdVi' 
verloren;  Zwitterbildungen  wie  zik  fä-galope^dn,  fä-defnde*än  sich  ver- 
galoppieren, verteidigen;  zik  äf-travaly,  äf-ekstän  (zu  frz.  travailler^ 
exciter)  sich  abquälen;  kledy^  paght  (Vermischung  von  Pack  und  frz. 
hagage)^  futorki  für  furki  Pferdefutter;  hantedn,  fiiydreän  hantieren, 
fingerieren ;  kapnedn  entzwei  machen  (Vermengung  von  kapm  abhauen 
und  kapüt?);  zik  rin  meydledn  sich  hineinmischen,  sandedn  beschimpfen 
u.  s.  f.,  vgl.  Müller  a.  a.  0.  und  Festschrift  für  Tobler  S.  269. 

Anm.  dkts  Kopf  (in  verächtlichem  Sinne),  pädln  schwatzen  stammen 
wohl  von  frz.  tete^  parier]  sakkment,  sapimenty  adjektivisch  sakhnents  leite  ich 
gegen  Müller  S.  34  von  sacre  nom  de  Dieu  (von  ganz  alten  Lenten  hört  man 
noch  sakhnündij^)]  petüntix  kleinlich,  das  Mentz  zn  lat  patent  stellt,  möchte 
ich  von  jpedantisch^  ableiten;  töu-santsn  zuwenden  wird  wohl  zu  frz.  cha7iee 
zu  stellen  sein.  Oehört  tsül  schmutziges,  liederliches  Frauenzimmer  zu  frz.  softle 
betrunken  (in  der  männlichen  Form  soül  ist  l  bekanntlich  stumm)? 


III.    Relative  Zeitfolge  der  Lautgesetze. 

§  305.  Die  synkopierten  Formen  im  Präsens  der  starken  Zeit- 
wörter, d.  h.  die  2.  und  3.  Pers.  Sg.  zeigen  Umlaut;  z.  B.  Mm,  kiimsf^ 
kmnt  komme,  kommst,  kommt;  grKv,  gröfst,  gröft  (für  ^grefst,  *(/reft 
§  230,  2)   grabe,  gräbst,  gräbt;   lät,  letst,  let  lasse,  lässt,  lässt.     Die 


53 

Synkope  des  i  der  Endungen   -is,   -id  kann   also    erst   stattgefunden 
haben,  nachdem  das  i  Umlaut  bewirkt  hatte. 

Bei  den  Zeitwörtern  mit  kurzem  Präsensvokal  ist  in  den  beiden 
synkopierten  Formen  der  Vokal  kurz  geblieben,  während  in  den  vier 
anderen  Personen  Tondehnung  eingetreten  ist,  vgl.  kam,  grKv  mit  kilmt, 
gröft.  Die  Tondehnung,  die  ins  12.  Jahrh.  gesetzt  wird,  kann  also 
erst  eingetreten  sein,  nachdem  die  Synkope  vollzogen  war;  vgl.  §  183, 
Anm.  1.  Es  folgen  also  aufeinander:  1)  t-Umlaut.  2)  Synkope. 
3)  Tondehnung.     Vgl.  Schlüter  bei  Dieter  S.   102  Anm. 

§  306.  Als  die  Verkürzung  vor  -xt  eintrat,  muss  ä  noch  ä 
gewesen  sein,  as.  tu  sich  aber  schon  zu  fl  entwickelt  haben:  daher 
(hixt  <  ^ahta  dachte  (§  229),  liixtn  <  liuhüan  leuchten  (§  239). 

As.  iu  muss  ferner  >  ü  geworden  sein,  bevor  die  Synkope  des 
Flexionsvokals  i  in  der  2.  und  3.  Fers.  Sg.  der  st.  Ztw.  eintrat,  daher 
giltst^  gilt  <  as.  giutis,  giiitid  giessest,  giesst. 

Also:  1.  as.  iu  >  ü.  2.  Verkürzung  vor  xt  und  in  der  Synkope. 
3.  ä  >  (J. 

§  307.  Als  ä  die  o-Färbung  annahm  (§  71),  muss  a  in  offener 
Silbe  (§  184)  und  aha  (§  72)  schon  a  gewesen  sein,  denn  auch  diese 
jüngeren  ä  werden   >  ä. 

Also  1.  Verkürzung  des  a  vor  xt  (§  306).  2.  Tondehnung  des 
ä  >  ä  und  Wandel  von  aha  >  a,     3.  a  >  d. 

§  308.  Als  a  (d.  i.  as.  d  und  as.  a  in  offener  Silbe)  >  ä  wurden, 
muss  a  vor  r  und  r  -|-  stimmhaften  Zahnlauten  (§  248  f.)  schon  zu 
ä  gedehnt  gewesen  sein,  so  dass  es  zugleich  mit  ursprünglichen  ä  -f-  r 
(§  257)  an  der  Bewegung  nach  ä  teilnehmen  konnte,  die  vor  r  bei  ö 
endigte. 

Also  1.  a  H-  r^  rd,  rn  >  ar^  z.  B.  as.  har  nackt  >  här,  2.  ^, 
är  >  ä,  är,  z.  B.  rät  (<  as.  räd)  Rat,  lät  (<  as.  lato)  spät;  *jär 
(<  as.  jär)  Jahr,  *bdr  (<  as.  bar)  bar.     3.  jöd,  böd. 

Desgleichen  müssen  i  und  u  vor  r  und  r  -|-  stimmhaften  Zahn- 
lauten (§  252  und  Anm.,  §  255)  schon  zu  einem  e-  und  o-Laut  getrübt 
gewesen  sein,  als  6,  e  und  o  vor  r  und  r  -\-  stimmhaften  Zahnlauten 

>  e  und  ö  gedehnt  wurden  (§  250,  251,  253);  denn  auch  i  und  u  in 
besagter  Stellung  haben  sich  >  S  und  ö  gewandelt ;  vgl.  beä  (as.  beri) 
Beere,  sped  (as.  sper)  und  twedn  Zwirn;    döän  Dorn  und  spöd  Spur. 

e,  e  vor  r  und  r  -h  stimmhaften  Zahnlauten  müssen  schon 
zue  gedehnt  gewesen  sein,  als  e,  e  vor  Lippen-  und  Gaumenlauten 

>  «,  in  Meckl.   >  a  wurden  (§  272). 

Also  1.  Trübung  von  i  und  u  vor  Zahnlauten  >  e  und  o. 
2.  Dehnung  von  «,  e  vor  Zahnlauten  zu  e.  3.  Wandel  von  e  und  e 
vor  Lippenlauten  >  ff,  Meckl.  a. 

Anm.  Für  yjr  und  bdr  als  Zwischenstufe  zwischen  dem  mnd.  jkr  und 
iär  ( <  as.  yär  und  bar)  und  dem  heutigen  ^öä,  feöa  Jahr,  har  spricht  auch  eine 
bemerkenswerte  Erscheinung  im  benachbarten  Mecklenburgischen.  Während 
uämlich  ä  und  a  '\-  r,  rn,  rd,  rs  jetzt  wie  in  der  Pri  ö  lauten  (;oä,  feöä),   ist 


54 

altes  ö,  ö  in  gleicher  Stellung  >  ü  yorgerückt,  dühi  Dorn,  px&t  Pforte,  rmi  Moor, 
während  die  Pri  in  letzterem  Falle  hei  ö  stehen  gehliehen  ist  (§  253).  Das 
Mecklenhurgische  zeigt,  dass  jö^  nnd  döSin  nicht  gleichgelautet  hahen,  als  döhi 
>  dü^n  wnrde,  oder,  was  dasselhe  ist,  dass  damals  mnd.  ^är  noch  nicht  ^öä  gelautet 
hat,  da  es  sonst  die  Lauthewegnng  nach  ü  hätte  mitmachen  müssen.  Es  ist  also 
mit  weitem  d  gesprochen  worden,  nnd  ä  ist  ja  anch  die  natnrgemässe  Zwischen- 
stufe  zwischen  ä  und  ö. 

§  309.  r  vor  stimmlosen  Zahnlauten  war  schon  ausgefallen 
(§  262),  als  die  Vokale  vor  r  -f-  Zahnlauten  gedehnt  wurden,  denn 
sie  bleiben  vor  stimmlosen  Zahnlauten  kurz,  z.  B.  äösten  Schornstein; 
kot  kurz.  Es  kann  aber  erst  ausgefallen  sein,  nachdem  e  >  a,  u  >  o, 
ü  >  ö  gewandelt  war :  die  Vokale  in  gästn  Gerste,  kot  kurz,  vöst  Würste 
erklären  sich  nur  durch  r-Einfluss  (§  263,  270,  271).  Noch  früher 
als  der  durch  r  bewirkte  Wandel  von  e>ä^u>o^ü>ö  muss  aber 
die  §  279  besprochene  Metathesis  des  r  stattgefunden  haben,  da  ja 
auch  Wörter  wie  hästn,  host,  kost  bersten,  Brust,  Kruste  diesen  Wandel 
teilen.  Es  ergibt  sich  ferner,  dass  auslautendes  rd  noch  nicht  rt 
gesprochen  worden  sein  kann,  d.  h.  dass  End-rf  noch  stimmhaft 
war,  als  r  vor  t  wegfiel. 

Also  1.  Metathesis  des  r  (§  279):  hrust  >  hurst,  2.  Wandel  von 
üj  ti,  ü  >  ä,  0,  ö  durch  r:  hörst,  3.  Wegfall  des  r  vor  stimmlosen 
Zahnlauten:  host,  4.  Dehnung  der  Vokale  vor  r  4-  stimmhaften 
Zahnlauten:  wörd  Wort.  5.  Wandel  des  auslautenden  d  >  t:  das 
heutige  vöät  (vgl.  §  284,  Anm.). 

§  310.  Als  End-e  schwand  (§  117),  muss  die  Tondehnung 
(§  183  flf.)  vollzogen  gewesen  sein,  da  diese  freie  Silbe  voraussetzt; 
muss  inlautendes  Id,  nd,  md,  yg,  rd  >  II,  nn,  mm,  yy,  rr  assimiliert 
gewesen  sein  (§  281  ff.),  muss  inlautendes  d  >  r  oder  j  gewandelt 
gewesen  sein  (§  158  und  Anm.). 

Also  1.  Tondehnung;  Assimilation  von  inlautenden  Id,  nd,  mdj 
ng,  rd  >  II,  nn,  mm,  yy,  rr\  Wandel  von  d  >  r  oder  J.  2.  Apokope 
des  End-ö. 

Als  rd  >  rr  wurde  (§  284),  waren  die  Vokale  vor  rd  schon  gedehnt; 
also  auch  die  Dehnung  der  Vokale  vor  stimmhaften  Zahnlauten  hat 
stattgefunden  vor  der  Apokope  des  End-e. 

STEGLITZ  bei  Berlin.  E.  Maekel. 


55 


Kinderspiele  und  Kinderreime 

vom  Niederrhein. 


„Ein  spielendes  Kind  ist  ein  frohes  Kind, 
ein  spielendes  Kind  ist  ein  gesundes  Kind!** 

In  diesem  Ausspruche  liegt  die  Bedeutung  des  Spieles  für  die 
Jugend.  Das  Spiel  bringt  Heiterkeit  und  gewährt  Erholung;  es  übt 
den  Geist  und  stählt  den  Körper!  Kurz  —  es  ist  ein  wahres 
Erziehungsmittel.  Doch  das  ist  meine  Aufgabe  nicht,  darüber  zu 
schreiben.  Das  ist  hinlänglich  geschehen;  aber  ein  ganz  kleiner 
Beitrag  zur  Geschichte  des  Kinderspieles  und  -reimes  will  diese 
Sammlung  sein.  Meine  Stellung  am  Königlichen  Lehrerseminar  zu 
Kempen,  dessen  Zöglinge  zumeist  im  niederrheinischen  Gebiete  gebürtig 
sind,  veranlasste  mich,  jenes  Gebiet  hinsichtlich  der  Spiele  und  Reime 
zu  durchforschen.  So  komme  ich  gleichzeitig  einem  Wunsche  Linnigs 
(Vorschule  der  Poetik)  nach:  »Der  Lehrer  möge  alles,  was  er  an 
Spielen  und  Reimen  vorfinde,  hegen  und  pflegen,  damit  nicht  der  alles 
nivellierende  Geist  der  Zeit  auch  noch  diese  letzten  Reste  urwüch- 
sigen Volkstums  austilge.^  An  dieser  Stelle  sei  meinen  lieben  Schülern 
des  Kursus  1905/08  und  des  Nebenkursus  1904/07  für  ihr  eifriges 
Sammeln  der  herzlichste  Dank  ausgesprochen. 

L    Abz&Ureime. 

[Einige  Beime   erscheinen   absichtlich   doppelt,    um   auch   die   Mundart  und   die 

Veränderungen  zur  Geltung  kommen  zu  lassen.] 

1.)  Eins,  zwei,  drei,  5.)  Es  ging  ein  Männchen  über  die  Brückt 

Bische,  rasche,  rei.  Hat  ein  Bäckelchen  auf  dem  Bttck^ 

Bische,  rasche.  Schlägt  es  wider  den  Pfosten. 

Plaudertasche,  Pfosten  kracht, 

Eins,  zwei,  drei.  Männchen  lacht. 

Dipp,  dapp, 

2.)  ü,  muh,  Kuh,  Du  bist  ab! 

Schneck,  Dreck,  weg.  n\  r.       j        tt  u 

'  '       ^  6.)  Oen,  doen  Hahn, 

3.)  Öppke,  Döppke,  Knolleköppke,  ^^  ^^»  ^^^^j 

Öppke,  Döppke,  Knoll.  Ö«"»  ^^^^  ^^»s, 

Do  bös  druss! 

4.)  Ein,  zwei,  Polizei,  7.)  Hockle,  Mockle, 
Drei,  vier,  Offizier,  Mukelemei,  Domenei, 

Fünf,  sechs,  alte  Hex\  Ecken  Brot, 

Sieben,  acht,  gute  Nacht.  Sonder  Not, 

Neun,  zehn,  lass  mich  geh'n.  A,  be,  ba, 

Elf,  zwölf,  kommen  die  Wolf.  Eck  segg,  do  bös  dran! 


56 


8.)  Ein,  zwei,  3,  4,  5,  6,  7,  8, 
Die  Kirche  kracht, 
Das  Hans  fällt  ein, 
Und  du  musst  sein! 

9.)  1,  2,  3, 
Da  bist  frei! 

10.)  Ich  und  dn,  Müllers  Kuh, 
Müllers  Esel,  das  bist  da, 
Müllers  Haus,  da  bist  draas, 
Müllers  Hahn,  da  bist  dran  — 

11.)  1,  2,  3,  4, 

In  anserem  Klavier, 
Da  sitzt  eine  Maas, 
Und  da  masst  heraas. 

12.)  10  gebrannte  Kaffeebohnen, 
Wieviel  Kinder  sind  geboren? 
(Jetzt,  wird  von  einem  Kinde 
eine  Zahl  genannt.) 

13.)  1,  2,  3,  4,  5,  6,  7, 

Eine  Fraa,  die  kochte  Rüben, 
Eine  Fraa,  die  kochte  Speck, 

I,  2,  3,  and  da  bist  weg! 

14.)  Wei  weile  kenn  lange  Komplemente 
make,  on  do  bess  dran! 
[Hei  Word  uet  lang  Knönglei  gemäkt 
Ondoamoass  ganz  inf ach  sein.  1,2,3.] 

15.)  1,  2,  3,  da  liegt  ein  Ei, 
Wer  daraaf  tritt. 
Der  tat  nicht  mehr  mit. 

16.)  1,  2,  Polizei! 
3,  4,  Offizier! 
5,  6,  alte  Hex! 
7,  8,  gate  Nacht! 
9,  10,  lasst  ans  geh'n! 

II,  12,  kriegst'  gegölf  (gehaaen)! 
13,  14,  zerrissene  Schürzen! 

15,  16,  alte  Hexen! 

17,  18,  nimm  in  acht  dich! 

19,  20,  geht  nach  Dauzig, 

Um  zn  holen. 

Einen  Brief  nach  Berlin; 

Der  soll  holen 

3  Pistolen, 

Ein(e)  für  mich,  ein(e)  für  dich 

Ein(e)  für  Brader  Heinerich. 

17.)  Baaer,  bind'  dein  Hündchen  an, 
Dass  es  mich  nicht  beissen  kann, 
Beisst  es  mich,   verklag'  ich  dich, 
100  Taler  kost'  es  dich. 


18.)  1,  2,  3,  4,  5,  6,  7, 

Wo  sind  die  Franzosen  geblieben? 
Za  Moskaa  in  dem  tiefen  Schnee, 
Da  riefen  sie  alle :  0  weh,  o  weh ! 
Wer  hilft  ans  aas  dem  tiefen  Schnee  ? 

19.)  Pitter,  Patter,  Ickenstrick, 
Sieben  Katzen  schlagen  sich. 
In  der  danklen  Kammer, 
Mit  'nem  blanken  Hammer. 
Eine  kriegt  'nen  harten  Schlag, 
Dass  sie  hinter  der  Türe  lag. 
Piff,  paff,  ab. 

20.)  Ich  ging  einmal  nach  Engelland, 
Begegnet  mir  ein  Elefant. 
Elefant  mir  Gras  gab. 
Gras  ich  der  Kah  gab, 
Kah  mir  Milch  gab, 
Milch  ich  der  Matter  gab. 
Matter  mir  'nen  Dreier  gab^ 
Dreier  ich  dem  Bäcker  gab, 
Bäcker  mir  ein  Brötchen  gab, 
Brötchen  ich  dem  Metzger  gab, 
Metzger  mir  ein  Würstchen  gab, 
Würstchen  ich  dem  Hand  gab, 
Hand  mir  ein  Pfötchen  gab, 
Pfötchen  ich  der  Magd  gab, 
Magd  mir  eine  Schelle  gab, 
Oene,  doene,  daas. 
Da  bist  draas. 

21.)  Achter  onsen  Gahrden, 
Do  log  en  Engelsschepp, 
Franzmann  wor  gekommen. 
He  wor  noch  gecker  als  eck. 
He  drag  en  Hat  met  Plümmen, 
Met  schwärt  Fisellenlent. 
Tien  welle  we  teilen 
Bös  hondert  an  dat  Ent. 

22.)  3,  6,  9e, 

Im  Hof  steht  eine  Scheane, 
Im  Garten  steht  ein  Hinterhaus. 
Da  schaaen  3  goldne  Jangfem  rans. 
Die  eine  spinnt  die  Seide, 
Die  andre  reibt  die  Kreide  (flicht 

die  Weide), 
Die  dritte  schliesst  den  Himmel  auf, 
Da  schaat  die  Matter  Maria  raus. 

23.)  Ene,  bene,  danke,  fanke, 
Babe  schnabe  dippe  dappe, 
Käse  knappe, 
.  Ulle  balle  ros, 


57 


Jb  ab  aus. 

Du  liegst  draus! 

24.)  Euichen,     DenicheD,     Korb     voll 

StenicbeDi 
Kribbelte,  krabbelte,  Puff! 

25.)  Ene,  dene,  Bobneblatt, 
Unsere  Küh*  sind  alle  satt, 
Mädel  hast'  gemolken? 
Sieben  Geiss  nnd  eine  Kuh: 
Peter  scfaliess  die  Türe  zu, 
Wirf  den  Schlüssel  über'n  Rhein, 
Morgen  solPs  gut  Wetter  sein. 

26.)  Ene,  dene,  Dintenfass, 

Geh*  in  Schur  und  lerne  was. 
Wenn  du  was  gelernet  hast, 
Steck'  die  Feder  in  die  Tasch'. 
Bauer,  Bauer,  lass'  mich  geh'n! 
Ich  will  in  die  Schule  geh'n, 
Ich  hab'  Feder  nnd  Papier 
Allezeit  bei  mir. 

27.)  Ich  und  mein  Bruder  wollen  wetten 
Um  zwei  gold'ne  Ketten, 
Um  eine  Flasche  Wein, 
Ich  oder  Du  musst  sein. 

28.)  Min  Yader  liet  en  alt  Ratt  beschloon, 
Rot  ÖS,  bouYoel  Nägel  dat  door  tau 

goon? 

Tien. 
En,  twe,  dri,  fijer,  fiv,  säs,  sewe, 

aach,  nege,  tien. 

29.)  Enge,  denge,  ditge,  datge, 
Siferde,  biferde,  hone,  knadge, 
Siferde,  biferde,  buff. 

30.)  Auf  dem  Klavier 

Da  steht  ein  Glas  Bier, 
Wer  daraus  trinkt. 
Der  stinkt. 

31.)  Auf  dem  Berge,  Hottentotten, 
Wohnen  Leute,  Hottentotten, 
Diese  Leute,  Hottentotten, 
Haben  Kinder,  Hottentotten, 
Diese  Kinder,  Hottentotten, 
Haben  Puppen,  Hottentotten, 
Diese  Puppen,  Hottentotten, 
Essen  jeden  Abend  süssen  Brei, 
Eins,  zwei,  drei,  und  Du  bist  frei ! 

32.)  Engele,  Bengele,  Reptizar, 
Bepti,  repti,  Knoll. 


33.)  Ich  zähle  aus,  und  Du  bist  draus, 
Ich  zähle  ein,  und  Du  musst  sein. 

34.)  Hänke,  mänke,  türke,  tanke, 
Vili,  vali,  Dobleltali, 
Golde  min,  dicke  trin. 
Nomer  sesstin. 

35.)  An  dat  Water,  an  da  Rhin 
Solle  fief  Kaningkes  sien, 
Fief  Kaningkes  bocken  Brut 
Schlagen  sech  op  emol  duet. 
Ix,  ax,  krommen  Dax, 
Ösen  Honk  hett  Max. 

36.)  1,  2,  3,  4,  5,  6,  7, 

Meine  Mutter  kochte  Rüben, 

Meine  Mutter  kochte  Speck, 

Ich  nahm  davon  weck. 

Da  kam  die  Magd, 

Die  hat  mich  verklagt, 

Da  kam  der  Knecht, 

Der  gab  mir  kein  Recht, 

Da  kam  der  Herr  Pastor, 

Der  gab  mir  einen  Klatsch  vor 

Das  linke  Ohr. 

37.)  Eck  enn  gej, 

Enn  de  decke  Mrej, 
Enn  Jann  van  Lier, 
Dat  sinn  der  vier. 

38.)  Op  da  Woig  nach  Engelaud 
Begägnende  mech  ene  Elefant, 
Elefant  mech  Groes  goef, 
Groes  eck  de  Kuh  goef, 
Kuh  mech  Melk  goef, 
Melk  eck  et  Kätzke  goef, 
Kätzken  mech  en  Pötche  goef, 
Pötche  eck  de  Maid  goef, 
Maid  mech  en  Uhrflätsch  goef, 
Uhrflätsch  eck  war  turückgoef. 

39.)  Auf  dem  Berge  Sinai, 

Da  wohnt   ein   Schneider  Kikriki, 
Auf  dem  Stuhl,  die  Grete,  (da  krähte) 
Seine  Frau,  die  nähte, 
Fiel  herab,  fiel  herab. 
Fiel  das.  linke  Bein  ab. 
Da  kam  der  Doktor  Hampelmann, 
Klebt  das  Bein  mit  Spucke  an, 
A,  b,  c,  das  Bein  tut  nicht  mehr  weh. 

40.)  Ein,  zwei,  drei, 
In  der  Dechanei, 
Steht  ein  Teller  auf  dem  Tisch, 


58 


Kommt  die  Eatz*  und  frisst  den  Fisch, 
Kommt  der  Jäger  mit  der  Gabel, 
Schlägt  die  Katze  auf  den  Schnabel, 
Schreit  die  Katz':  Miaan, 
Wiirs  nicht  wieder  taun. 

41.)  Eins,  zwei  u.  s.  w.  sieben, 

Jeder  muss  sein  Brüderchen  lieben, 
Es  mag  sein  gross  oder  klein, 
Jeder  muss  zufrieden  sein. 

42.)  Ich  ging  mal  auf  das  Feld, 
Da  spielten  sie  mit  Geld. 
Da  fragt  ich,  ob  ich  mit  könnt'  tan, 
Da  sagten  sie :  „0,  nein.'' 
Da  fragte  ich  noch  einmal. 
Da  sagten  sie:  „0,  ja.'' 
Da  kam  ein  weisses  Schimmelchen, 
Das  lief  mir  immer  nach, 
Bis  unten  an  den  Rhein, 
Da  schlug  die  Feuerflamme  ein. 
Fitte,  fitte,  Tante, 
Fitte,  fitte,  bamm. 

43.)  Hier  und  da  stehen  viele  Knaben, 
Wollen  einen  König  haben. 
Und  sie  zählen. 
Und  sie  wählen 
Nicht  die  Grossen, 
Weil  sie  stossen. 
Nicht  die  Kleinen, 


Weil  sie  weinen. 

Nein  und  ja, 

Ja  und  nein, 

König  soll  der  Letzte  sein. 

44.)  Schib,  schab,  scheibele. 
Min  Moder  ös  en  Weibele, 
Min  Vader  ös  en  Bronnenmaker, 
Wenn  hä  kloppt,   dann  knackt  et. 
Bem,  bam,  bom, 
Karlche,  dräj  dech  om. 
Hör,  wat  eck  dech  seggen  well, 
Den  Letzte  mot  dat  Häske  jagen, 
Jagen  över  Stock  on  Steen. 
Häske  hat  gawe  Been, 
Husch,  husch,  husch, 
Springt  es  über  den  Busch, 
Springt  über's  Haus, 
Du  bist  draus. 

45.)  Fränzke     woU     sech     en    Mörke 

schroppe, 
Schnie  sech  an  den  Dumm, 
Kreeg  en  decke  Prumm  (geschwol- 
lener Daumen). 
Tien  welle  we  teile, 
Onder  os  Gesölle. 
10.  20.  30.  u.  s.  w.  100,  1000  aus, 
Wer  den  letzten  Schlag  bekommt, 

ist  dran  oder  draus. 


II.    Spiele  mit  Spielsteiaen. 

(„Kölsche",  „Mörmels",  „Kneckere",  »Merwele*.) 

1.)  ,,Stackeii^^,  gespielt  von  zwei  Spielern  (meistens  Knaben)  abwechselnd. 
Der  eine  gibt  dem  andern  eine  bestimmte  Anzahl  „Kölschen",  gewöhnlich  vier. 
Der  Spieler  tut  die  gleiche  Anzahl  dabei  und  „stuckt"  sie  in  eine  kleine  Ver- 
tiefung, „Küss",  „Küsske"  genannt.  Bleibt  eine  ungrade  Anzahl  von  Spielsteinen 
in  der  „Küss"  liegen,  so  hat  der  Spieler  gewonnen  und  behält  die  Spielsteine 
des  andern.  Kommt  kein  Spielstein  in  die  „Küss"  oder  aber  alle,  so  wird  von 
neuem  „gestuckt". 

2.)  „Perk",  „Perksse"  oder  „Trempeln"  wird  folgendes  Spiel  genannt. 
In  einen  Kreis  setzt  jeder  Spieler  (meistens  Knaben)  gleich  viel  „Kölschen"  ein. 
Von  einem  Male,  Striche,  aus  beginnt  es.  Wer  zuerst  „aan"  sagt  beginnt.  Der 
zweite  sagt  „mies",  der  dritte  „dritt"  u.  s.  w.  Nun  werden  die  eingesetzten 
Spielsteine  herausgeschossen.  Trifft  einer  den  Spielstein  'des  andern  („den  Kölsch 
tetschen"),  so  scheidet  der  Getroffene  aus  und  muss  die  Spielsteine  herausgeben, 
die  er  vorher  aus  dem  „Perk"  herausgeschossen  hat.  Sind  nur  zwei  Spieler 
da,  so  ist  damit  das  Spiel  geendet,  und  der  Gewinner  erhält  die  im  „Perk" 
gebliebenen  Spielsteine. 

3 )  Omp  öff  Paar.  Zwei  Spieler.  Der  eine  hält  in  der  geschlossenen 
Hand  eine  unbestimmte  Anzahl  von  Spielsteinen  und  lässt  den  andern  raten: 
„Omp  öff  Paar?"     Sagt  dieser  nun    „Omp"    (bedeutend  ungrade   Anzahl,  etwa 


59 

1,  3,  5,  7  u.  s.  w.)  und  der  erste  hat  eine  ungrade  Anzahl  Spielsteine  in  der 
Hand,  so  hat  er  die  Spielsteine  des  ersten  gewonnen.  Hätte  er  „Paar*'  gesagt, 
nicht,  sondern  er  hätte  dann  dem  ersten  so  viele  Spielsteine  geben  müssen,  als 
dieser  in  der  Hand  hatte. 

4.)  Keeksteren.  Ein  Klickerspiel,  das  von  zwei  Knaben  gespielt  wird. 
Es  werden  Klicker  gegen  eine  Maner  geworfen,  diese  bleiben  auf  dem  Boden 
liegen.  Die  Spieler  spielen  nacheinander,  indem  der  eine  den  am  weitesten  von 
der  Mauer  entfernten  Klicker  nimmt,  ihn  so  gegen  die  Wand  wirft,  dass  er 
wenn  möglich  einen  von  den  daliegenden  Klickern  trifft.  Die  Ton  dem  geworfenen 
Klickern  getroffenen  gehören  dem  Spieler  zu.  —  Häufig  braucht  der  geworfene 
Elicker  nicht  einen  daliegenden  zu  treffen.  Er  braucht  nur  eine  Spanne  (vom 
Danmen  bis  zur  Spitze  des  kleinen  Fingers  der  ausgestreckten  Hand)  von  einem 
daliegenden  entfernt  zu  sein,  damit  dieser  dem  Spieler  gehört.  —  Er  wird  von 
keinem  Spieler  mehreremale  hintereinander  gespielt. 

5.)  „Trenoipeleii.^^  Tempeln?  Die  Knaben,  meist  vier,  sind  mit  einem 
dicken  Spielsteine  versehen,  dem  sogenannten  „Dommel''.  In  der  Mitte  des 
Spielplatzes  etwa  steht  ein  Stein  mit  glatter  Oberfläche  (Spielstein,  Fliese).  Dieser 
heisst  „Trempelspöttchen^.  Auf  dieses  legt  jeder  Spieler  1  Pfg.  und  zwar  mit 
der  Ziffer  nach  oben.  In  einiger  Entfernung  vom  Trempelspöttchen  befindet  sich 
die  Grenze,  an  der  die  Spieler  Aufstellung  nehmen.  Zuerst  wird  gelost,  wer 
der  erste  sein  soll.  Jeder  sucht  seinen  „Dommel''  in  die  Nähe  des  Trempels- 
pöttchen zu  bringen.  Deijenige,  welcher  am  nächsten  dabei  liegt,  sagt:  „Eck 
hab  den  Heck''  (geschlossenes  e)  und  er  beginnt  das  Spiel.  Er  wirft  seinen 
„Dommel"  an  irgend  eine  Stelle  des  Platzes,  aber  möglichst  in  die  Nähe  des 
Geldsteines,  und  zwar  so,  dass  er  von  den  andern  nicht  getroffen  werden  kann. 
Falls  er  von  einem  andern,  etwa  vom  zweiten,  getroffen  wird,  so  muss  er  aus- 
treten. Sie  brauchen  aber  nicht  am  Anfang  zu  zielen,  sondern  sie  können  (sich) 
irgend  einen  Platz  wählen  und  (sich)  dort  hin  werfen.  Ist  der  erste  wieder  am 
spielen,  so  kann  er  auch  auf  einen  der  Mitspieler  werfen.  Gelingt  es  ihm,  alle 
„Dommels*'  der  Mitspielenden  zu  treffen,  so  hat  er  gewonnen.  Er  kann  aber 
auch,  falls  er  mit  den  Fingerspitzen  das  „Pöttchen "  noch  berühren  kann,  an 
dasselbe  herantreten  und  auf  das  Geld  werfen.  Gelingt  es  ihm,  das  Geld  so  zu 
treffen,  dass  es  mit  der  Adlerseite  nach  oben  zu  liegen  kommt,  so  ist  das  Spiel 
ebenfalls  aus.  Angenommen,  es  gelingt  ihm,  drei  Pfennige  umzuwerfen  (um- 
zntrempeln),  den  andern  also,  den  letzten,  nicht,  dann  wird  der  folgende  Spieler 
auch  auf  dessen  „Dommel"  zielen.  Trifft  er  ihn,  so  muss  der  Getroffene  aus- 
treten und  Pfennige  wieder  einsetzen.  Wer  auf  das  Geld  wirft,  kann  es  auch 
folgendermassen  machen.  Er  wirft  auf  das  Geld  und  sucht  zugleich  in  die  Nähe 
eines  andern  zu  kommen.  Wenn  das  Geld  umfällt,  so  ist  er  noch  einmal 
am  werfen.  Da  er  jetzt  nahe  bei  dem  andern  liegt,  so  kann  er  diesen  leichter 
treffen.  Das  nennt  man  „Entrempeln".  Das  ganze  Spiel  geht  also  dahin,  den 
Gegner  zu  treffen  oder  das  Geld  umzuwerfen. 

6.)  „Haeke^^,  das  auf  dem  Trottoir  am  meisten 
gespielt  wird.  In  der  nebenstehenden  Figur  sind  c,  d  die 
Rinnsteine.  Die  Spielsteine  werden  folgendermassen  auf- 
gestellt: Gegen  die  Mauer  a,  b  werden  die  ersten  gesetzt, 
aber  nur  ein  Spielstein  bei  a.  Ist  dieser  durch  einen 
grossen,  dicken  Spielstein,  den  „Hackmervel",  getroffen, 
so  wird   auch   auf   den  Spielstein    e   gezielt,    ist    dieser 


Flg.  1 

a 

e 
f 

g 
h 

"E 

Fig.  2. 

• 

• 

c 

i 

d 

• 

• 

k 

• 

• 

1 

• 

m 
n 

getroffen,   dann  auf  f,   g   u.  s.  w.     Bei  xx  steht  der  Mit-      xx 

spielende  und  sucht  den  Spielstein  bei  a  zu  treffen.     Ist  dies  der  Fall,   so  hat 


60 

er  diesen  „Mervel''  gewonnen.  Im  andern  Falle  ist  der  ihm  noch  folgende  am 
werfen.  Es  kommt  aber  aach  vor,  dass  der  „Hackmervel''  den  Spielstein  bei  a 
trifft  und  in  die  Beihe  e,  f,  g,  h  etc.  hineinläuft;  dann  gehören  dem  Werfer 
alle  die  Spielsteiue  an,  die  vom  „Hackmervel''  berührt  oder  von  den  andern 
getroffen  worden  sind.  Ist  der  Spielstein  bei  a  nicht  getroffen  und  er  länft  in 
die  Kinne  hinein,  so  mnss  er  soviel  beisetzen,  als  er  angerührt  bezw.  getroffen 
hat.  Hat  er  den  ersten  und  letzten  getroffen,  so  gehört  ihm  alles  an.  Hat  er 
e  und  i  getroffen,  so  muss  er  soviel  beisetzen,  als  die  Anzahl  vom  e  und  i 
beträgt,  also  hier  e,  f,  g,  h,  i  (5).  Die  beizusetzenden  können  zwischen  die 
andern  Spielsteine  gesetzt  werden,  also  zwischen  c  und  f,  f  und  g,  h  und  i, 
oder  sie  können  auch  zusammen  in  einer  Vertiefung  oder  hinter  einen  Stein 
versteckt  werden  und  zwar  so,  dass  sie  schwer  zu  erlangen  sind.  Sind  zum 
Beispiel  vier  „beigemack"  worden,  so  können  sie  zu  allerletzt  „gepackt"  werden, 
wenn  sie  mit  den  Worten  hingesetzt  werden:  „Achter  alles''.  Derjenige  Spieler, 
der  den  oder  die  letzten  Spielsteine  des  Spieles  getroffen  hat,  ist  beim  folgenden 
Spiele  der  erste;  der  unmittelbar  vor  ihm  geworfen  hat,  ist  der  letzte;  der  vor 
diesem  geworfen  hat  ist  der  Zweitletzte  u.  s.  w.  Es  können  beliebig  viele 
Kinder  mitspielen.     Bei  Figur  2  ist  fast  dasselbe,  wie  bei  Figur  1. 

7.)  ,^o(a)ehseli]iiiete^S  Nohjage  (Nachwerfen),  wird  besonders  von  Mädchen 
gespielt.     Trifft  eines  den  Spielstein  des  anderen,  so  hat  es  ihn  gewonnen. 

8.)  ,,Kttsskeschareii^^  Eine  bestimmte  Anzahl  Spielsteine  wird  in  eine 
„Küss''  „gestuckt''.  Die  Spielsteine,  die  auswärts  fallen,  werden  mit  der  Hand 
oder  dem  Zeigefinger  in  die  „Küss"  gestossen.  Damit  beginnt  der,  der  „gestuckt'' 
hat.  Misslingt  es  ihm,  einen  Spielstein  „hiueinzuscharren'',  so  ist  der  andere 
Spieler  an  der  Beihe.  Gelingt  es  diesem,  die  Spielsteine  hineinzustossen,  so  hat 
er  gewonnen,  andernfalls  spielt  wieder  der  erste  und  so  fort.  Deijenige  gewinnt, 
der  den  letzten  Spielstein  in  die  „Eüss"   „scharrt".     (Knaben.) 

9.)  Ansette  (ansetzen)  wird  viel  von  Mädchen,  weniger  von  Knaben  gespielt. 
Abwechselnd  „setzt  jeder  der  beiden  Spieler  gegen  eine  Mauer  an",  d.  h.  jeder 
wirft  abwechselnd  einen  Spielstein  gegen  die  Mauer,  sodass  diese  auf  der  Erde 
zwischen  den  Steinen  liegen  bleiben.  Trifft  nun  ein  „angesetzter"  Spielstein 
einen  der  auf  der  Erde  liegenden,  so  bekommt  der  betreffende  Spieler  alle  Spiel- 
steine, die  auf  der  Erde  liegen,  wenn  die  Spieler  vorher  bestimmt  haben: 
„Opprapes",  sonst  nur  eine  bestimmte  Anzahl. 

10.)  Bei  mehreren  Spielen  mit  Spielsteinen  wird  auch  um  Geld  gespielt, 
z.  B.  „Penuingske  ömsehiete^^  (Pfennig  umschiessen).  In  einer  Linie  auf  dem 
Erdboden  werden  Pfennigstücke  aufgestellt,  die  dann  umgeschossen  werden.  Trifft 
ein  Spielstein  ein  Geldstück,  dass  es  umfällt,  so  erhält  der  Spieler  dasselbe. 

11.)  ,,Penningske  ($mhaue^^  Dieses  Spiel  wird  besonders  auf  den  Strassen 
Kempens  gespielt,  die  mit  den  kleinen  unregelmässigen  Steinen  gepflastert  sind. 
Die  Spieler  legen  jeder  ein  bestimmtes  Geldstück  auf  einen  glatten  Stein,  und 
ein  jeder  legt  eine  Fingerspanne  davon  seinen  Spielstein  in  eine  Oeffnung  zwischen 
den  Steinen.  Jeder  wirft  nun  mit  dem  Spielsteiu  ein  Geldstück  nm.  Gelingt 
ihm  dies,  so  hat  er  es  gewonnen,  muss  aber  auch  den  Spielstein  des  andern  treffen. 

12.)  „Onger  de  Fut"  (unter  d.  Fuss).  Einer  legt  ein  Geldstück  unter 
den  Fuss  und  der  andere  schleudert  ein  Geldstück  durch  die  Luft,  sodass  es  auf 
die  Erde  fällt.  Haben  beide  „Adler"  bezw.  „Zeichen",  so  hat  der  zweite 
gewonnen,  anderenfalls  der  erste.  (Diese  Spiele  mit  Geld  werden  nur  von 
Knaben  [älteren]  gespielt.) 


61 

IB.)  Höpkessehieten  (Häafchenschiessen).  Das  ist  Spiel  Diit  Spielsteinen, 
Knicker  genannt.  Einer  übernimmt  das  Spiel.  Er  setzt  vier  Knicker  zu  einem 
Häufchen  zusammen.  Die  anderen  Mitspielenden  stellen  sich  in  einer  Entfernung 
von  etwa  3  m  auf  und  stehend  suchen  sie  mit  Knickern  das  Häufchen  zu  treffen, 
sie  „hacken  op  det  Höpken".  Alle  Knicker,  die  nicht  treffen,  gehen  in  den 
Besitz  des  Knaben,  dem  das  Häufchen  gehört.  Trifft  einer  das  Häufchen,  so 
gelangt  er  in  den  Besitz  des  Häufchens,  und  das  Spiel  fährt  fort. 

14.)  Brettkessehieten  (Brettchenschiessen).  Auch  bei  diesem  Knickerspiel 
übernimmt  einer  das  Spiel      Er   hat   ein   Brettchen   mit   mehreren  Einschnitten, 

über  denen  die  Zahlen  stehen.     Diese  Zahlen  gehen 

I        meistens   nur  bis  6.     Nun   stellt   sich   der  Besitzer 
12      3      4      5      6  des  Brettchens   in   einer  Entfernung  von  etwa  2  m 

-TLnLnLrLnjTJ        auf,   indem   er  das  Brettchen   auf  die   Erde   stellt. 

Nun  schiessen  die  Mitspieler  auf  das  Brettcheu. 
Läuft  ein  Knicker  etwa  durch  Oeffnung  5,  so  muss  der  Besitzer  des  Brettchens 
dem  Glücklichen  5  Spielsteine  geben.  Aber  alle  Spielsteine,  die  durch  keine 
Oeffnung  gehen,  gehen  in  den  Besitz  des  Brettchenbesitzers  über.  Die  Löcher 
mit  den  höheren  Nummern  werden  natürlich  immer  kleiner.  Das  ganze  Brettchen 
ist  yielleicbt  40  cm  lang  und  10  cm  hoch.  Diejenigen  Brettchenbesitzer,  die 
die  meisten  Nummern  haben,  haben  auch  den  meisten  Zulauf. 

III.    Ballspiele. 

1.)     Kttleckes- Rolle.     Etwa   fünf  Kinder  können   an  diesem  O 

Spiele  teilnehmen.     Die   Kinder   stellen   sich   an   den  Strich   (AB)  O 

und  rollen  einen  Ball  in  irgend  eins  von  den  Löchern.     Jedes  Kind  O 

ist  aber  Besitzer   eines  dieser  Löcher.     Läuft  der  Ball  nun  in  eins  o 

von  den  Löchern,  so  hat  der  Besitzer  desselben  den  Ball  zu  nehmen.  o 
Er  wirft   ihn  in  die  Luft,   währenddessen   laufen   die   andern   fort. 
Dann  wirft  das  Kind  nach  einem  von  den  Spielteiluehniern.     Trifft 

es  denselben,   so   muss  der  Getroffene  austreten.     Fehlt  es  aber,  so      a b 

muss  der  Werfer  austreten. 

2.)  ,^alandere^^  (Ballschlagen)  Ein  Teil  der  Mitspieler  ist  im  „Himmel" 
(Himöl) ;  ein  anderer  Teil  in  der  . Hölle '^  (en  dö  Höll).  Die  im  Himmel  schlagen 
den  Ball,  die  in  der  Hölle  fangen  ihn  auf  und  suchen  den  Werfer,  der  in  der 
Hölle  an  einen  Stein  klopft,  mit  dem  Balle  zu  treffen.  Wird  er  getroffen,  so 
wird  er  in  die  Hölle  gebracht.  Der  im  Himmel  allein  Uebrigbleibende  kommt 
nachher  allein  in  die  Hölle,  und  das  Spiel  beginnt  von  neuem.  (Im  Geldernschen 
nennt  man  dieses  Spiel  „Plackballe^^  von  „plack"  =  Platz) 

3.)  „Hipp^^  In  einem  Viereck  steht  auf  jeder  Ecke  ein  Spieler.  Vier 
Knaben  stehen  in  dem  Viereck.  Der  Ball  wird  von  einer  Ecke  zur  andern 
geworfen.  Derjenige,  der  den  Ball  auf  die  im  Viereck  stehenden  Spieler  werfen 
will,  ruft:  „Hipp'';  die  Innenstehenden  rufen  darauf:  „Gass".  Der  Getroffene 
nimmt  den  Ball  und  wirft  damit  einen  der  „  Eckensteher '',  die  vorher  davon 
gehiufen  sind.  Will  einer  von  diesen  auf  seinem  Platze  stehen  bleiben,  so  ruft 
er:  „Kugel'',  darf  aber  bis  zum  Wurfe  sich  nicht  mehr  rühren;  wird  einer 
getroffen,  so  sind  die  früheren  „Eckensteher"  von  der  Ecke  ab,  und  die  andern 
kommen  auf  die  Ecken. 

4.)  Kappenball.  a)  Die  Spieler  legen  ihre  Mützen  an  eine  Wand.  Von 
einem  Striche  aus,  dem  sog.  „Ahn",  wirft  nun  ein  Spieler  einen  Ball  in  eine 
der  Mützen.  (Hat  der  Spieler  in  drei  Würfen  den  Ball  nicht  in  eine  Mütze 
geworfen,  so  folgt  ein  anderer  Spieler.)     Alle  Spieler  laufen  nun  so  schnell  wie 


62 

möglich  fort.  Der  Eigentümer  der  Mütze  ergreift  den  Ball  und  ruft:  „Halt!" 
Sogleich  haben  alle  Läufer  zu  stehen.  Der  Ball  wird  geworfen.  Trifft  er  einen 
Läufer,  so  verliert  dieser  ein  „Leben*.  (Jeder  Spieler  hat  drei  „Leben".)  Wird 
kein  Läufer  getroffen,  so  hat  der  Schleuderer  des  Balles  ein  „Leben''  verwirkt. 
Das  Spiel  wird  solange  fortgesetzt,  bis  alle  Spieler  ihre  drei  „Leben''  verloren  haben. 

b)  „Kappeballen^^,  auch  „Eäppke  schmitte"  —  „Luse"  =  lausen.  Die 
Spieler  legen  ihre  Mützen  an  die  Wand.  Dann  wirft  derjenige,  dessen  Kappe 
am  Anfange  liegt,  mit  einem  Balle  nach  den  Kappen.  Ist  der  Ball  in  eine  Kappe 
gelangt,  so  ergreift  der  Besitzer  derselben  den  Ball,  ruft:  „Halt",  und  versucht 
nun,  einen  der  inzwischen  davongelaufenen  Mitspieler  zu  treffen.  Trifft  er,  so 
bekommt  der  Getroffene  einen  Stein  (Laus)  in  die  Kappe;  trifft  er  nicht,  so 
bekommt  er  selbst  einen  Stein  in  die  Mütze.  Hat  jemand  drei  oder  fünf  Steine 
(wie  es  vorher  abgemacht  ist),  so  muss  er  aufhören.  Das  Spiel  dauert  so  lange, 
bis  alle  bis  auf  einen  die  bestimmte  Anzahl  von  Steinen  (Läusen)  in  der  Kappe 
haben.  Der  zuerst  Ausgetretene  muss  sich  nun  gebückt  an  die  Wand  stellen, 
und  der  nach  ihm  Ausgetretene  hat  das  Becht,  dreimal  aus  einer  bestimmten 
Entfernung  auf  ihn  zu  werfen.  So  geht  das  weiter,  bis  zum  Letzten.  [In  anderer 
Gegend  wird  bei  Fehlwürfen  die  betreffende  Mütze  an  das  Ende  der  Reihe  gelegt.] 

5.)  ,,Mauerball^^,  auch  „Stand^^  (Stillstand)  oder  „Stutz".  Es  wirft  jemand 
den  Ball  an  die  Mauer  und  ruft  den  Namen  eines  Mitspielers,  der  den  Ball  dann 
fangen  muss,  während  die  andern  davonlaufen.  Fängt  der  Gerufene  den  Ball, 
so  wirft  e  r  den  Ball  und  ruft  den  Namen  eines  andern.  Fängt  er  den  Ball  nicht, 
so  erhascht  er  schnell  den  Ball  und  ruft  sein  „Halt",  worauf  er  zu  treffen  ver- 
sucht. Hat  er  dreimal  nicht  getroffen,  so  tritt  er  aus,  auch  der,  der  dreimal 
getroffen  wurde.  Im  übrigen  nimmt  dann  das  Spiel  denselben  Verlauf,  wie  das  vorige. 

6.)  „Ecke  haue!"  Dieses  Spiel  kann  von  4,  6,  8  Knaben  gespielt  werden. 
In  einer  Entfernung  von  30  Schritten  werden  zwei  lange  Striche  gezogen.  Vor 
dem  Spiele  teilen  sich  die  Knaben  in  zwei  Gruppen,  zu  gleichen  Teilen.  Dann 
losen  sie,  wer  zuerst  „am  haue  es".  Auf  einen  Strich  stellen  sich  nun  die 
„Schläger"  mit  einem  von  der  andern  Gruppe,  der  das  „Einschenken"  des  Balles 
besorgen  muss.  Dieser  Knabe  führt  den  Namen  „Mitzemann",  nach  dem  Strich, 
auf  dem  er  steht.  Derselbe  heisst  nämlich  „die  Mitz".  (Mitte?)  Die  andern 
Knaben  von  der  Gruppe  des  „Mitzemanns"  stehen  nun  in  kleinerer  oder  grösserer 
Entfernung  von  dem  anderen  Strich.  Sie  suchen  den  Ball  aufzufangen,  den  ein 
„Schläger"  von  der  „Mitz"  aus  schlägt.  Ergreifen  sie  den  Ball  sofort  aus  der 
Luft,  oder  nachdem  er  einmal  den  Boden  berührt  hat,  so  treten  sie  an  die  Stelle 
der  „Schläger".  Im  andern  Falle  müssen  sie  suchen,  den  „Schläger"  zu  treffen, 
der  unterdessen  von  der  „Mitz"  zu  dem  andern  Striche  läuft.  Von  hier  aus 
läuft  er  wieder  zur  „Mitz"  zurück.  Dann  suchen  ihn  die  obenstehenden  Spieler 
zu  treffen.  Treffen  diese  ihn,  so  treten  sie  an  die  Stelle  der  „Schläger".  Im 
andern  Falle  wird  das  Spiel  in  derselben  Anordnung  fortgesetzt.  Trifft  auf  der 
„Mitz"  ein  „Schläger"  den  Ball  nicht,  so  darf  der  „Mitzemann"  den  schnell 
davoneilenden  „Schläger"  werfen.  Dann  gelten  dieselben  Regeln,  die  oben  schon 
angegeben  sind. 

7  )  „Kuhle  muhle!"  Es  kann  von  beliebig  viel  Kindern  gespielt  werden. 
Die  Spieler  zerfallen  in  zwei  Gruppen.  Zur  ersten  Gruppe  gehören  mit  einer 
Ausnahme  alle  andern.  Dieser  eine  bildet  die  zweite  Gruppe.  Die  erste  Gruppe 
legt  sich  Zahlen  bei,  und  zwar  jeder  eine  Zahl.  Dabei  muss  die  fortlaufende 
Zahlenreihe  gebraucht  werden.  Diese  Zahlen  dürfen  dem  einen  Mitspieler  nicht 
bekannt  sein.  Die  Spieler  treten  nun  an  einen  Hut,  der  auf  dem  Boden  liegt. 
In  den  Hut  wird  ein  Ball  gelegt.     Alle  drehen  dem  Hut  den  Rücken,  und   der 


63 

eine  Spieler  (dieser  hat  Nr.  1)  ruft  nun:  „Kuhle,  mnhie''  Nr irgend  eine, 

im  Bereiche  der  Zahlen  als  auch  Mitglieder  da  sind.  Angenommen  er  ruft  Nr.  3. 
Der  Spieler,  der  diese  Nummer  hat,  ergreift  den  Ball  und  ruft  dann:  „Halt!* 
Bei  diesem  Kufe  müssen  alle  stehen.  Dieser  wirft  nun  nach  einem  mit  dem 
Bali.  Wird  er  getroffen,  so  tritt  er  aus.  Fehlt  der  Wurf,  dann  tritt  der  aus, 
der  geworfen  hat.  Derjenige,  der  Nr.  1  hat,  muss  auch  austreten,  wenn  er 
getroffen  wird,  oder  wenn  er  eine  Nr.  ruft,  die  nicht  mehr  am  Spiel  heteiligt 
ist.  An  seine  Stelle  tritt  der,  der  die  folgende  Nr.  hat,  sofern  er  noch  am  Spiel 
beteiligt  ist.  Ist  Nr.  2  ausgetreten  und  muss  jetzt  Nr.  1  austreten,  so  tritt  an 
Stelle  von  Nr.  1  Nr.  3. 

8.)  Königsball  (auch  für  Mädchen).  Ein  Spieler,  der  König,  der  durch 
Abzählen  erkoren  ist,  steht  in  einiger  Entfernung  von  den  übrigen  Spielern. 
Er  wirft.  Er  wirft  in  grossen  Bogen,  möglichst  hoch,  den  Ball  seinen  Mitspielern 
zn.  Wer  den  Ball  fängt,  d.  h.  aus  der  Luft  aufgreift,  der  ist  König.  Auch 
der  wird  König,  der  den  Ball  fängt,  wenn  dieser  einmal  » getippt"  hat,  d.  h. 
wenn  der  Ball  nur  einmal  die  Erde  berührt  hat. 

9.)  Das  Tnrelnrespiel,  auch  ,,KttssebäI^^.  An  dem  Spiele  können  sich 
beliebig  viele  Kinder  beteiligen.  Sind  fünf  Mitspieler  da,  so  werden  sechs  „KuUen" 
(kleine  runde  Vertiefungen  in  den  Erdboden)  in  einer  Linie  gemacht.  Jeder 
bekommt  ein  Loch,  das  letzte  Loch  heisst  „Turelure".  Etwa  drei  bis  vier  Schritte 
vor  der  ersten  Kuli  wird  ein  Strich,  der  Ansatzstrich  gezogen.  Von  hier  aus 
bemüht  sich  jeder,  einen  Ball  in  die  Kulle  eines  seiner  Gegner  zu  rollen.  Hat 
jemand  den  Ball  in  ein  Loch  geworfen,  so  springt  der  Besitzer  sofort  herzu  und 
greift  den  Ball,  um  von  seinem  Loche  aus  einen  seiner  Mitspieler,  die  sich 
nnterdessen  entfernt  haben,  zu  werfen.  Trifft  er  diesen  nicht,  so  bekommt  er 
,en  Stengke  en  de  Kuli*'.  Trifft  er  ihn  doch,  so  muss  der  Getroffene  von  seinem 
Loche  aus  einen  seiner  Gespielen  werfen.  Derjenige  bekommt  also  einen  Stein 
in  sein  Loch  geworfen,  der  nicht  trifft.  Dann  setzt  sich  das  Spiel  fort,  bis 
einer  eine  bestimmte  Anzahl  Steinchen  bekommen  hat.  Hat  einer  die  vor  dem 
Spiele  bestimmte  Zahl  Steinchen  in  seinem  Loch,  so  muss  er  sich  mit  dem  Gesicht 
gegen  die  Mauer  stellen  und  jeder  wirft  ihm  „fief  op  da  Puckel  möt  da  Bäl". 
Trifft  einer  z.  B.  drei  mal  nicht,  so  darf  der  Schuldigt  dem,  der  vorbeigeworfen 
hat,  drei  Würfe  wiedergeben.  Wirft  einer  den  Ball  in  das  sechste  Loch,  in 
Tnrelnre,  so  rufen  alle  „Turelure**  und  jeder  stellt  sich  an  sein  Loch  und  zwar 
mit  dem  Kücken  der  Kuli  zugekehrt.  Dann  legt  derjenige,  der  den  Ball  in  das 
letzte  Loch  geworfen  hat,  einem  andern  denselben  in  die  KuU.  Er  ruft  dessen 
Namen  und  alle  andern  entfernen  sich.  Der  greift  den  Ball  und  trifft  entweder 
einen,  oder  er  bekommt  „en  Stengke  en  de  KulP. 

10.)  Uimmel  und  HSlle.  Es  ist  dies  ein  Ballspiel,  welches  in  der  Begel 
von  Knaben  gespielt  wird.  Es  werden  in  einiger  Entfernung  voneinander  zwei 
Plätze,  Himmel  und  Hölle,  durch  Striche  bezeichnet.  Einer  der  Knaben  ist  in 
der  Hölle,  die  übrigen  im  Himmel.  In  der  Mitte  zwischen  beiden  Partien  liegt 
ein  Stein.  Einer  der  Knaben,  die  im  Himmel  sind,  schlägt  nun  einen  Ball  mit 
einem  Stock  zur  anderen  Partie  hinüber,  läuft  gleich  darauf  zu  dem  Stein,  den 
er  mit  dem  Stock  berühren  muss,  und  wieder  zurück  zu  seiner  Partie.  Unter- 
dessen nimmt  der,  welcher  in  der  Hölle  ist,  den  Ball  und  wirft  ihn  nach  dem 
Schläger.  Trifft  er  ihn,  so  muss  dieser  zu  seiner  Partei  übertreten.  Gelingt 
es  dem  ersteren,  den  Ball  aufzufangen  ehe  er  die  Erde  berührt,  so  muss  der 
Schläger  an  seine  Stelle  treten  und  er  kann  zu  der  anderen  Partei  übertreten. 
Sonst  setzt  sich  das  Spiel  in  der  angegebenen  Weise  fort,  bis  alle  Knaben  bis 
anf  einen  in  der  Hölle  sind  (die  dann  Himmel  wird). 


64 

11.)  Rojeii  Hahn.  Die  Kinder  stellen  sich  in  einem  Kreise  auf,  etwa 
zwei  Schritte  von  einander  entfernt.  Jedes  Kind  steht  in  einem  viereckigen 
Häuschen.  Jetzt  geht  ein  Kind  mit  einem  Balle  um  den  Kreis  Es  singt  dabei: 
„Bojen  Hahn,  wat  hed  gej  an,  twee  paar  Strämp  en  twee  paar  Schnhn,  Dat  bed 
den  rojen  Hahn  vandun'^  (nötig).  Dabei  legt  es  den  Ball  hinter  eins  der  Kinder 
und  läuft  dann  schnell  weiter.  Bemerkt  das  Kind  den  Ball,  so  eilt  es  dem 
Läufer  nach,  um  ihn  mit  dem  Balle  zu  treffen.  Erreicht  der  Läufer  vor  dem 
Kinde  dessen  Platz,  ohne  geworfen  worden  zu  sein,  so  läuft  er  weiter,  während 
das  andere  Kind  austreten  muss.  Wird  jedoch  der  „roje  Hahn''  geworfen,  so 
muss  er  austreten  und  das  andere  Kind  vertritt  seine  Stelle.  So  nimmt  das 
Spiel  seinen  Fortgang,  bis  nur  noch  ein  Kind  übrig  bleibt.  Mit  diesem  geht 
der  „roje  Hahn''  hin  und  verbirgt  den  Ball.  Die  anderen  Kinder  kommen  herbei 
und  suchen  denselben.     Dasjenige  Kind,  das  den  Ball  findet,  ist  jetzt  „rojen  Habn^ 

12.)    Alle  Balle  Kulle.     Die  Knaben,   etwa  fünf  oder  sechs,   graben  sich 

jeder  eine  Vertiefung  in  den  Boden   (KuU  genannt),   in   die   eine  Faust   hiuein- 

passt.     Sodann   stellt   sich  der  erste  (a)  auf  einen  vier  Schritt  ent- 

^  fernten  Strich  und  rollt  einen  Gummiball  vorsichtig  über  den  Boden, 

^  ^  sodass   er  in   eines  der  Löcher  hineinfällt.     Der  Knabe,   dem  das 

O  ^         Loch   angehört,   etwa  c,   stellt  den   Fuss   auf  den  Ball  und  ruft : 

Oc  ^AUe   Balle    Kulle!"      Darauf    erwidern    die    anderen:    „Schmeks, 

Ob  Schmacks,   Schmnlle!"     „Koukle   Kaud?"    (auch  Kautabak)    fragte 

O  a         darauf,  und  jene  erwidern:  „Welche  Haud?"     [In  anderen  Gegenden 

hört    man    auch    „Habakuck,    schnick    schnack    schnuck;    in    noch 

anderen    Gegenden    heissen    Ruf    und   Gegenruf:    „Habakuck"    — 

„Schnudel"  —   „Konvermant"    —    „in  wem  sin  Hand?**    „in  Tei!" 

g  =  Theodor  (oder   ein   anderer  Name.)]     Jetzt  nennt   c  einen  der 

Mitspieler,  auch  wohl  seinen  eigenen  Namen.  Der  Genannte  ergreift 
den  Ball  und  sucht  von  dem  Striche  aus  einen  der  Mitspieler,  die  nach  allen 
Seiten  auseinandergestoben  sind,  mit  dem  Balle  zu  treffen.  Gelingt  ihm  das, 
so  muss  der  Getroffene  seine  Vertiefung  mit  dem  Sand  zudecken;  gelingt  es  ihm 
nicht,  so  muss  er  selbst  vom  Spiel  zurücktreten  und  seine  Vertiefung  ausfüllen. 
So  nimmt  das  Spiel  seinen  Fortgang,  bis  nur  noch  einer  übrig  bleibt. 

IV.    Lanfspiele. 

1.)    Räuber  und  Gendarm  (bekannt). 

2.)     9,Nohlopes^^  (Nachlaufen).     Es  wird  abgezählt. 

3.)  ,,Ecke  Iure"  (sehr  beliebt).  Die  Kinder  wählen  ein  Häuserviereck 
und  laufen  um  dasselbe  herum.  Einer  lauert  an  einer  Ecke,  um  einen  anderen 
zu  sehen.     Der  Gesehene  wird  „angeklopft"  (an  die  Wand)  und  muss  jetzt  lauern. 

4.)     „Kriege  spi$le^^  (=  spielen)  ist  Nachlaufen. 

5.)  ,,Bömmke  wit  lope^^  =  Bäumchen  weiter  laufen  (Bäumchen  Wechsel 
dich !).  Gewöhnlich  fünf  Spieler,  vier  an  den  Bäumchen,  einer  im  Spiel.  Während 
die  vier  durch  gegenseitiges  Zurufen  „Bömmke,  Wechsel  dich!"  ihre  Bäumchen 
vertauschen,  ist  der  fünfte  Spieler  darauf  bedacht,  einen  nicht  besetzten  Baam 
zu  erhaschen.    Gelingt  ihm  dies,  so  findet  sich  der  sog.  „Fünfte"  von  selbst  wieder. 

6.)  „Acere^^  (akkreditieren  =  bevollmächtigen)  Das  Spiel  wird  meistens 
von  Knaben  ausgeführt.  Eine  beliebige  Anzahl  Spieler  kann  sich  zugleich 
beteiligen.  Ein  Kind  wird  gewählt,  das  sich  an  eine  Mauer  stellt  und  die  Augen 
schliesst.  Die  andern  Kinder  verstecken  sich.  Das  durch  einen  Buf  zum  Suchen 
aufgeforderte  Kind   muss  nun  den  ganzen  Körper,  eines  andern   Kindes  sehen, 


65 

um  es  zum  Fänger  machen  zu  können.  Hat  das  Kind  einen  Arm  oder  ein  Bein 
hinter  einem  Baume  versteckt,  so  ist  es  noch  geschützt.  Ist  endlich  ein  Kind 
ganz  gesehen  worden,  so  läuft  er  zu  dem  Platze,  an  dem  vorher  der  Fänger 
stand,  schlägt  mit  der  Hand  drei  mal  gegen  die  Mauer  und  ruft  dabei:  „Akkre, 
Akkre  för  mich!''  Das  fangende  Kind  folgt  ihm  und  macht  es  ebenso.  Wer 
nun  zuletzt  am  Platze  ist  und  die  Worte  vollendet  hat,  muss  Jagd  auf  die  tlbrigen 
Spieler  machen.  Ist  ein  Kind,  das  vom  Fänger  verfolgt  wird,  in  Gefahr,  so 
darf  ein  anderes,  das  schon  am  Platze  ist,  für  das  kommende  die  Losungsworte 
sagen  und  es  so  schützen.  (Für  ein  noch  im  Versteck  verbleibendes  Kind  kann 
nicht  eingetreten  werden.)  Sind  alle  Kinder  am  Platze,  so  muss  das  zuerst 
gefangene  Kind  zurückbleiben,  während  die  andern  sich  wieder  verstecken. 

7.)  „Yerbergen  affkloppen.^^  Um  zu  ermitteln,  wer  der  Suchende  sein 
soll,  läuft  die  Spielerschar  auf  ein  bestimmtes  Zeichen  (Zählen)  nach  einer  vorher 
bestimmten  Stelle  (Baum,  Tür).  Wer  zuletzt  an  der  Stelle  anlangt,  hält  seine 
Hände  vor  die  Augen  (oder  lehnt  sich  mit  dem  Gesichte  gegen  den  Baum  oder 
die  Tür)  und  zählt:  „10,  —  20,  —  30,  —  40,  —  50,  —  60  bis  100,  wer 
sich  noch  nicht  verborgen  (versteckt)  hat,  der  ist.*'  Die  andern  haben  sich 
indessen  ein  günstiges  Versteck  aufgesucht.  Der  Suchende  entfernt  sich  vom 
Baume  und  ist  darauf  bedacht,  die  andern  zu  suchen  (zu  sehen).  Gelingt  es 
ihm,  einen  zu  sehen,  so  ruft  er  denselben  beim  Namen,  läuft  zum  Baume  zurück 
und  berührt  diesen  mit  der  Hand.  Der  Gesehene  sucht  den  Suchenden  (besonders 
auf  weiteren  Strecken)  beim  Laufen  einzuholen  und  eher  den  Baum  zu  berühren. 
Gelingt  es  ihm,  so  darf  er  sich  wieder  verstecken,  während  der  andere  mit  ver- 
schlossenen Augen  wie  eben  gesagt  abzählt.  Gelingt  es  ihm  nun,  alle  Versteckten 
zu  sehen  und  rechtzeitig  „affzukloppen''  (also  mit  der  Hand  bei  jedem,  den  er 
gesehen,  den  Baum  zu  berühren),  so  ist  derjenige  der  Suchende,  der  zuerst 
gesehen  worden  ist. 

8.)  Wieviel  Uhr  ist  es?  Es  können  beliebig  viele  Kinder  mitspielen. 
Ein  Kind  ist  die  Uhr.  Die  Uhr  steht  in  einiger  Entfernung  von  den  andern. 
Za  ihr  kommt  ein  zweites  Kind  und  fragt  dann:  „Wieviel  Uhr  ist  es?''  Die 
„Uhr"  nennt  irgend  eine  Zeit  (7*6).  Dann  begibt  sich  das  zweite  Kind  wieder 
zu  den  andern  Spielern   und  fragt  sie   der  Reihe  nach:    „Wieviel  Uhr  ist  es?*^ 

V^ Errät  nun  ein  Kind  die  Zahl,  so  muss  es  fortlaufen,  da  es  sonst  von 

dem  Frager  mit  einem  Taschentuch,  in  dem  ein  Knoten  ist,  Schläge  erhält.  Wer 
die  Zahl  erraten  hat,  begibt  sich  nun  zur  „Uhr"  und  erfragt  hier  eine  andere  Zeit. 

9.)  ,,]>e  grise  KlU.^^  Kinder  ziehen  in  einer  breiten  Beihe  über  die 
Strasse,  bis  an  eine  Ecke,  wo  sich  ein  Kind  verborgen  hält.     Sie  singen  dabei: 

„Wele  wej  es  gau  no  Kevele  gohn 
On  hale  Piptabak, 
On  wenn  de  grise  Käi  ons  kregt, 
Da  steckt  ons  in  de  Sack 
Öm  en  Ür  nit,  öm  twe  Ür  nit, 
Öm  trij  Ür  nit  —  u.  s.  w.,  öm  twelf  Ür  well." 

Haben  die  Kinder  soweit  gesungen,  so  sind  sie  gewöhnlich  schon  an  der  Strassen- 
ecke  vorbei  Dann  kommt  das  Kind  hinter  der  Ecke  hervor  und  sucht  eines 
der  Kinder,  die  schnell  wieder  an  den  Strassenanfang  zurücklaufen,  zu  fangen. 
Die  Gefangenen  werden  mit  hinter  die  Ecke  genommen.  Das  Spiel  wird  fort- 
gesetzt, bis  alle  gefangen  sind. 

10.)  KllSekske,  wu  lät?  Die  Kinder  stellen  sich  in  eine  Beihe  an  eine 
Wand.  Zwei  gehen  hin  und  erdenken  sich  eine  Zeit,  etwa  V^12  Uhr.  Derjenige 
von  beiden,  der  ein  Taschentuch  mit  einem  Knoten   in   der  Hand  hält,   geht  an 

Niederdeatsches  Jahrbuch  XXXII.  5 


66 

der  Reihe  vorbei  und  stellt  die  Frage:  „Klöckske,  wu  lät?"  Dabei  gibt  er  an, 
ob  die  Stunde  ganz  oder  halb  oder  nur  zum  vierten  Teile  geraten  werden  soll. 
Er  sagt:  ganze  Üre  (ganze  Stunden),  hälfe  Üre  (halbe  Stunden)  oder  verdle  Üre 
(viertel  Stunden).  Derjenige,  der  das  Rechte  rät,  muss  bis  zu  einem  bestimmten 
Orte,  etwa  einem  Baume,  laufen,  verfolgt  von  dem  „ Frager ",  der  ihn  mit  dem 
Taschentuch  zu  schlagen  bemüht  ist,  bis  er  an  seinen  Platz  zurückgekehrt  ist. 
Sodann  bekommt  der  zweite  der  Frager  den  Schläger,  derjenige,  der  geraten  hat, 
begleitet  ihn,  während  sein  Platz  von  dem  ersten  Frager  eingenommen  wird. 
Sodann  erfolgt  auf  dieselbe  Art  und  Weise  der  Fortgang  des  Spieles. 

11.)  Mösse  verkoope!  Vögel  verkaufen!  Die  Kinder  stellen  sich  in  einer 
Reihe  auf.  Sodann  treten  drei  von  ihnen  vor.  Der  eine  von  ihnen  ist  der 
Besitzer  der  Vögel,  der  andere  Engel,  der  letzte  Teufel.  Die  beiden  Käufer 
(Teufel  und  Engel)  entfernen  sich  nun,  bis  der  Besitzer  jedem  der  Kinder  einen 
Vogelnamen  gegeben,  hat.  Sodann  tritt  der  Engel  hinzu,  klopft  dem  Verkäufer 
auf  den  Rücken  und  spricht:  „Klopp,  klopp  an  ou  Dör!''  Darauf  fragt  dieser: 
„Wi  es  an  de  Dör?"  „Den  Engel."  Sodann  tritt  der  Engel  vor  und  fragt: 
„Heje  enne  schwarte  M611?''  (Amsel)  u.  s.  w.  bis  er  einen  Namen  geraten  hat. 
Der  Knabe,  der  diesen  Namen  trägt,  tritt  vor.  Nachdem  der  Engel  dem  Ver- 
käufer so  viele  Schläge  in  die  Hand  gegeben  hat,  als  dieser  Mark  für  den  Vogel 
fordert,  läuft  dieser  bis  zu  einem  bestimmten  Punkte,  verfolgt  von  dem  Engel. 
Holt  der  Engel  den  Vogel  ein,  ehe  dieser  an  seinen  Platz  zurückgekehrt  ist,  so 
begleitet  der  Gefangene  den  Engel  zu  einem  Orte,  wo  er  bleiben  muss;  wird  er 
nicht  eingeholt,  so  kehrt  er  an  seinen  Platz  zurück.  Hierauf  kommt  der  Teufel, 
um  einen  Vogel  zu  kaufen.  So  geht  das  fort,  bis  alle  Vögel  verkauft  sind. 
Hierauf  fassen  sich  die  vom  Teufel  gefangenen  Vögel  an,  die  vom  Engel 
gefangenen  ebenfalls,  und  nun  stellen  sich  die  Parteien  zu  beiden  Seiten  eines 
Striches  auf.  Die  ersten  jeder  Partei  fassen  sich  jetzt  gegenseitig  an  die  Hand 
und  beginnen  zu  ziehen.  Werden  die  Engel  über  den  Strich  gezogen,  so  werden 
sie  zu  Teufeln,  andernfalls  die  Teufel  zu  Engeln  werden.  ^ 

12.)  „Tögelverkaufen",  auch  »Vogel  flieg  aus''.  —  Vügel  gelle.  Dieses 
ist  für  kleine  Kinder  ein  höchst  spannendes  Spiel.  Einer  ist  Vogelhändler  und 
ein  anderer  der  Käufer.  Der  Vogelhändler  stellt  die  andern  Spieler  ider  Reihe 
nach  auf.  Jeder  erhält  einen  Vogelnamen  :  Sperling,  Drossel,  Rotkehlchen  a.  s.  w. 
Die  Namen  können  die  Vögel  sich  selbst  wählen,  doch  dürfen  nicht  zwei  gleiche 
Namen  darunter  sein.  Der  Käufer  hat  sein  Mal  etwa  20  Schritte  von  den 
Spielern  entfernt.  Wenn  der  Vogelhändler  mit  der  Verteilung  der  Namen  fertig 
ist,  gibt  er  dem  Käufer  einen  Wink  zu  kommen.  Etwa  6  Schritte  von  den 
Vögeln  entfernt  fragt  er  den  Vogel händler :  „Hast  Du  Vögel  zu  verkaufen?"  — 
„Ja,  welchen  willst  Du?"  —  „Hast  Du  einen  Zeisig?"  —  „Nein!"  —  „Denn 
ein  Rotkehlchen?"  —  „Ja,  es  kostet  5  Mark."  Nun  läuft  der  betreffende  Vogel 
so  schnell  als  möglich  zum  Male  des  Käufers  und  zurück.  Der  Käufer  zahlt 
erst  den  Preis  und  zwar  durch  soviele  Schläge  auf  die  vorgestreckte  Hand,  als 
der  Preis  beträgt,  doch  darf  dieser  nicht  über  10  betragen.  Hat  er  so  bezahlt, 
dann  sucht  er  den  Vogel  zu  fangen.  Vogel  wie  Käufer  müssen  das  Mal  des 
Käufers  berühren.  Gelingt  es  dem  Käufer  nicht,  den  Vogel  zu  fangen,  so  tritt 
der  flinke  Vogel  beim  Händler  ein  und  erhält  einen  anderen  Namen.  Das  Spiel 
ist  beendet,  wenn  der  Käufer  sämtliche  Vögel  eingefangen  hat. 

13.)  „Kinderehen,  Kinderehen,  kommt  herbei  !^^  (Auch  „UOlegänsehen 
kommt  naeh  Haus.^^)  An  diesem  Spiele  nehmen  Kinder  jeden  Alters  teil.  Aach 
wird  dieses  Spiel  von  Knaben  und  Mädchen  gespielt.  Die  Zahl  kann  beliebig 
gross   sein,    doch   nicht  unter   6.     Ein  älteres  Mädchen  ist  die  Grossmutter,  ein 


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Brück 


en 


Wasser 
Brücken 


WftBser 


kräftiger  Knabe  der  Wolf,  die  Spielerschar  stellt  sich  in  einer  Beihe  auf.  Der  Wolf 
hält  sich  hinter  einem  Baume  oder  Türmcheu  versteckt.  Die  Grossmatter  steht 
etwas  Ton  der  Schar  entfernt  und  ruft :  „Kinderchen,  Kinderchen,  kommt  herbei!' 

—  jWir  kommen  nicht!''  —  ,, Warum  denn  nicht?*  —  »Der  Wolf  ist  da!*  — 
jWas  will  er  denn?"  —  , Steinchen  suchen!"  —  «Was  will  er  mit  dem  Steinchen?* 

—  ^Messer  schleifen!*  —  »Was  will  er  mit  dem  Messer?*  —  ,Hals  abschneiden!* 

—  , Kinderchen,  Kinderchen,  kommt  nach  Haus!*  Die  Kinder  laufen  alle  schnell 
zur  Grossmutter.  Der  Wolf  sucht  ein  Kind  zu  fangen  und  nimmt  es  mit. 
Darauf  beginnt  das  Spiel  von  neuem.  Die  gefangenen  Kinder  unterstützen  nun 
den  Wolf.     Das  Spiel  ist  beendet,  wenn  der  Wolf  sämtliche  Kinder  gefangen  hat. 

14.)  Richter  and  Dieb.  An  diesem  Spiele  nehmen  mindestens  6  Knaben 
teil.  Auf  Papierstreifen  stehen  die  Namen :  Kaiser,  Richter,  Scharfrichter,  Zeuge, 
Baner,  Dieb.  Die  Briefchen  werden  zusammengefalten  und  von  einem  Knaben 
iu  die  Höhe  geworfen.  Dann  sucht  jeder  ein  Briefchen  zu  bekommen.  Derjenige, 
anf  dessen  Zettelchen  „Dieb*  steht,  flieht.  Er  wird  von  dem  Zeugen  und  Bauer 
verfolgt  und  eingefangen  und  zum  Kichter  gebracht.  Der  Bauer  klagt  ihn  wegen 
einer  Tat  an.  Der  Zeuge  bestätigt  die  Angabe  des  Bauers.  Nun  wird  er  ver- 
urteilt zu  10 — 20  Faustschlägen.  Er  kann  aber  auch  beim  Kaiser  um  Qnade 
bitten.  Erlässt  der  die  Strafe,  so  wird  er  freigelassen,  sonst  aber  übt  der  Scharf- 
richter die  angesetzte  Strafe  aus. 

15.)  „Brökke-lu-epe."  „Wa- 
terlope.*  (Brückenlaufen.)  Zu  diesem 
Spiele  wählen  die  Spieler  einen  mög- 
lichst rechteckigen  Platz.  Dieser  wird 
durch  Striche  auf  der  Erde  eingeteilt 
in  Brücken  und  Wasser.  Siehe  Figur. 
Nachdem  nun  einer  durch  das  Auszählen 
,nbttelle*  zum  Nachlaufen  bestimmt 
worden  ist,  nimmt  das  Spiel  seinen  Anfang.  Jeder  Spieler  muss  darauf  achten, 
dass  er  nicht  die  Brücken  verlässt  und  ins  Wasser  tritt;  denn  sonst  ist  er 
geschlagen.  Den  einmal  angefangenen  Weg  muss  der  Spieler  bis  zur  folgenden 
Ecke  vollenden.  Dort  kann  er  einen  verschiedenen  Weg  einschlagen.  Dagegen 
darf  der  durch  das  Auszählen  bestimmte  Spieler  seinen  Lauf  innerhalb  der 
Brücken  ändern.     Das  Spiel  wird  weitergespielt  wie  das  gewöhnliche  Nachlaufen. 

16.)  ,,E>;kepieiiaa>^  Durch  das  Abzählen  ist  einer  zum  Läufer  bestimmt 
worden.  Die  übrigen  Spieler  suchen  die  nächste  Ecke  zu  gewinnen,  wo  sie  von 
dem  Läufer,  der  noch  auf  seinem  alten  Platze  steht,  nicht  gesehen  werden 
können.  Auf  den  Ruf  der  Spieler  „Halua*  verlässt  der  Läufer  seinen  Platz  und 
sncht  einen  an  der  Ecke  zu  Gesicht  zu  bekommen,  er  ruft  ihn  beim  Namen  und 
läuft  zum  Auszählplatze,  wo  er  „ankleckt*  an  die  Wand  schlägt  und  den  Namen 
des  Gesehenen  nennt.  Die  anderen  Spieler  kommen  herbei  und  „klecken  sich 
selbst  an*.     Wer  zuletzt  kommt,  ist  Läufer  für  das  folgende  Spiel. 

17.)  Eier  stehlen.  (Eier  klauen.)  Die  Spieler  teilen  sich  in  zwei  Parteien 
Ton  beliebiger  aber  gleicher  Anzahl  und  nehmen  an  einem  Strich,  der  „Grenze*, 
Anfstellnng.  In  gleicher  Entfernung  vom  Strich  hat  jede  Partei  einen  Kreis,  in 
dem  sich  die  Eier  (Steine)  befinden.  Jeder  Spieler  einer  Partei  sucht  die  Eier 
der  andern  zu  holen,  ohne  geschlagen  zu  werden.  Wird  er  geschlagen,  so  ist 
er  Gefangener  und  muss  am  Kreise  (^dem  Neste)  des  Gegners  Aufstellung  nehmen. 
Er  kann  jedoch  durch  Anschlag  von  einem  Spieler  seiner  Partei  erlöst  werden. 
Selbstverständlich  darf  diesdr  nicht  bereits,  ehe  er  schlägt,  geschlagen  worden 
sein.    Die  Partei,  deren  Nest  zuerst  leer  wird,  hat  verloren. 


Wasser 


Brücken 


Wasser 


68 

18.)  Kätzke  op  et  Stttbbke.  Spielerzahl  beliebig.  Der  Spielplatz  ist  das 
Trottoir  (die  Stnbb  vor  einem  Haase).  Ein  Spieler  ist  Kätzchen;  er  steht  auf 
dem  Fusssteig  und  muss  einen  der  Spieler,  der  sein  Keich  betritt,  anschlagen. 
Gelingt  es  ihm,  so  wird  der  Geschlagene  Kätzchen.  Dient  ein  Hügel  als  Spiel- 
platz, so  ist  der  Zaraf  der  Spieler:  „Ich  bin  auf  deinem  goldnen  Berg!^ 

19 )  Für  folgendes  Spiel  ist  mir  kein  besonderer  Name  bekannt:  Die  Spieler 
(Zahl  beliebig)  nehmen  in  einigen  Schritten  Abstand  voneinander  in  einem  Kreise 
Aufstellang.  Jeder  macht  vor  sich  nun  einen  Kreis  von  etwa  einem  Schritt 
Durchmesser.  Mit  einer  flachen  Scheibe  suchen  sie  nacheinander  in  den  Kreis 
des  linken  Nachbars  zu  werfen.  Wem  es  gelingt,  der  läuft  (vom  Besitzer  des 
Kreises,  der  vorwärts  läuft,  verfolgt)  rückwärts  fort.  Der  Einholende  muss 
den  Eingeholten  bis  zu  seinem  Kreise  als  Keiter  tragen. 

•20)  Alle  meine  Lämmlein  kommt  nach  Haas!  Ein  Mädchen  ist  die 
Mutter,  die  andern  sind  die  Kinder.  Die  Mutter  schickt  die  Kinder  zum  Spiel. 
^achher  ruft  sie  dieselben  zurück  mit  den  Worten:  „Alle  meine  Lämmlein  kommt 
nach  Haas!''  Die  Kinder  antworten :  „Wir  können  nicht!*'  Die  Mutter:  „Waium 
denn  nicht?"  Die  Kinder:  „Der  Wolf  isl;  da."  Die  Mutter:  „Was  frisst  er  denn?" 
Die  Kinder:  „Lämmleinfleisch."  Die  Mutter:  „Was  trinkt  er  denn?"  Die 
Kinder:  „Lämmleinblut."  Die  Mutter:  „Alle  meine  Lämnilein  kommt  nach  Haus!" 
Jetzt  laufen  alle  Kinder  der  Mutter  zu.  Ein  anderes  Kind,  das  Wolf  ist,  läuft 
nun  von  der  Seite  her  zwischen  die  Kinder  und  sucht  eins  zu  erhaschen.  Das 
Kind,  das  von  ihm  gefangen  wird,  muss  nun  mit  Wolf  sein  tind  das  Spiel  beginnt 
nun  wieder  von  neuem  und  wird  so  lange  fortgesetzt,  bis  alle  Lämmlein 
gefangen  sind. 

21.)  ömstohn  (Umstehen).  Ein  Kind  stellt  sich  mit  dem  Gesichte  gegen 
die  Wand  (auf  der  Strasse).  Alle  übrigen  Mitspieler  stehen  an  der  entgegen- 
gesetzten Wand.  Diese  suchen  jetzt  zu  dem  Umstehenden  zu  kommen,  ohne 
von  dem  gesehen  zu  werden.  Da  jener  aber  von  Zeit  zu  Zeit  umsieht,  können 
die  andern  immer  nur  um  kleine  Strecken  voran  kommen.  Wer  weitergeht, 
sodass  der  Umstehende  es  sieht,  muss  seinen  Lauf  von  neuem  beginnen.  Erreicht 
einer  den  Umstehenden,  so  tritt  er  an  dessen  Stelle. 

22.)  Hömplenbur  („Henkele  Bott",  Hinkender  Bote).  Ein  Kind  wird 
gewählt  und  in  den  sog.  Kessel  getrieben,  wo  es  vor  der  Verfolgung  der  Mit- 
spieler gesichert  ist.  Es  wird  Hömplenbur  genannt  (von  hinken,  hömplen).  Der 
Hömplenbur  darf  nur  in  Hüpfgang  sein  Reich  verlassen.  In  der  Hand  hat  er, 
wie  auch  alle  anderen  Spieler,  ein  fest  geknotetes  Taschentuch.  Triift  er  einen 
hiermit,  so  sucht  er,  wie  auch  der  Geschlagene,  möglichst  schnell  den  Kessel 
wieder  auf,  um  sich  vor  den  Schlägen  der  andern  zu  schützen.  Ebenso  muss 
der  Hömplenbur  wieder  in  den  Kessel  zurück,  wenn  er  statt  des  Hüpfganges 
gegangen  ist,  oder  wenn  er  sich  nicht  vor  dem  Herauskommen  angemeldet  hat. 
Hat  er  so  mehrere  gefangen,  so  schickt  er  diese  nach  Belieben  aus:  „Hömplenbur 
scheckt  twie  Gesellen  ut,"  oder:  „H.  scheckt  sin  Gesellen  ut,  hä  kömmt  nitenohe" 
u.  s.  w.  Natürlich  müssen  die  Gesellen  auch  den  Hüpfgang  annehmen.  Das 
Einfangen  geschieht  so  lange,  bis  alle  eingefangen  sind.  Der  letzte  ist  im 
folgenden  Spiele  wieder  „Hömplenbur". 

23.)  Strassenmämicheii.  An  diesem  Spiel  kann  eine  beliebige  Anzahl 
Kinder  teilnehmen.  Ein  bestimmter  Teil  des  Trottoirs  wird  als  Spielraum 
abgegrenzt;  nun  wird  einer  der  Spieler  durch  das  Los  zum  „Strassenmänncheu" 
gewählt;  dieser  hat  seinen  Platz  auf  dem  abgegrenzten  Teil  der  Strasse  und 
darf  diesen  Baum  nicht  verlassen.  Die  übrigen  Spieler  laufen  nun  auf  das 
Gebiet  des  „Strassenmännchens"  und  singen  dabei:  „Strassenmänncben,  Strassen- 


69 

männcheD,  ich  bin  auf  deiner  Strasse.''  Der  zum  „Strassenmänncben*'  bestimmt 
ist,  sacht  jetzt  einen  Spieler  zu  schlagen;  gelingt  ihm  dies,  so  ist  er  frei  und 
der  Geschlagene  „Strassenmännchen''.  Dann  geht  das  Spiel  in  der  beschriebenen 
Weise  weiter. 

24.)  ,,Matter,  darf  ieh^^  auch  „Herr,  Herr,  darf  ieh?^^  Ein  Kind  stellt 
sich  mit  dem  Gesichte  gegen  die  Mauer  und  hält  die  Augen  zu.  Die  andern 
Kinder  stellen  sich  mit  dem  Rücken  gegen  eine  gegenüberliegende  Wand.  Nach 
der  Eeihe  sagt  nun  jedes  einzelne  Kind:  »Mutter,  darf  ich?  Wieviel  Schritt?'' 
Das  Kind  an  der  anderen  Mauer  hat  nun  darüber  zu  bestimmen,  wieviel  Schritte 
von  jedem  Fragenden  gemacht  werden.  Während  das  Kind  vorangeht,  sieht  das 
andere  Kind,  welches  an  der  anderen  Mauer  steht,  plötzlich  um.  Hat  es  das 
Gehen  nicht  bemerkt,  so  bleibt  das  Kind  an  der  neuen  Stelle  stehen,  im  andern 
Falle  muss  es  eine  bestimmte  Anzahl  Schritte  zurückgehen.  Dasjenige  Kind, 
das  auf  diese  Weise  zuerst  die  Wand  erreicht  hat,  darf  sich  allein  an  die 
Wand  stellen. 

25.)  Taschenttteher  stritzen.  Die  Mitspieler  bilden  zwei  Parteien.  Es 
wird  die  Stellung  wie  beim  Barlauf  eingenommen,  nur  ist  nicht  soviel  Platz 
nötig.  Diese  Partei  legt  das  Taschentuch  eines  jeden  in  gewissen  Abständen 
etwa  an  dieser  Mauer  entlang,  jene  Partei  an  der  anderen  Mauer  entlang  Genau 
in  der  Mitte  wird  ein  Strich  gezogen.  Jetzt  muss  jede  Partei  sorgen,  möglichst 
viele  Tücher  zu  erhalten,  ohne  bevor  geschlagen  worden  zu  sein.  Von  beiden 
Parteien  müssen  daher  die  Grenze  und  Tücher  bewacht  werden.  Jeder  Geschlagene 
muss  direkt  über  die  Grenze  zurückgehen.  Es  dürfen  im  anderen  Falle  soviel 
Tücher  mitgenommen  werden,  als  man  bekommen  kann,  bis  man  geschlagen  wird 
Die  gestohlenen  Tücher  werden  zu  den  andern  auf  die  Seite  des  Siegers  gelegt. 
Wenn  einer  Partei  alle  Tücher  genommen  sind,  hat  sie  verloren. 

V.    Boekspringen. 

1.)  Bock,  Bock,  wieviel  Höres  (Hörner).  Die  Spieler  zählen  nach  einem 
Reime  ab;  so  wird  der  Bock  bestimmt.  Dieser  beugt  seinen  Rücken  und  hält 
sich  an  einer  Mauer  fest.  Ein  Knabe  springt  nun  auf  den  Rücken  des  Bocks 
and  hält  einige  Finger  in  die  Höhe,  aber  so,  dass  es  der  Bock  nicht  sieht. 
Dann  ruft  er:  „Bock,  Bock,  wieviel  Höres!"  Gibt  der  Bock  nicht  die  rechte 
Zahl  der  emporgestreckten  Finger  an,  so  springt  der  folgende  Spieler  auf  den 
Röcken  des  Bockes.  Der  Bock  muss  nun  solange  anhalten,  bis  er  die  Anzahl 
der  emporgestreckten  Finger  errät.     Darauf  wird  der  letzte  Reiter  Bock. 

2.)  Strich -Bock.  Zuerst  wird  der  Bock  bestimmt.  Dies  geschieht 
folgendermassen :   Die  Spieler  werfen  jeder  einen  Stein  gegen  einen  Strich,   der, 

dessen  Stein  am  weitesten  von  dem  Strich  („Ahn")  liegt,  ist  Bock.     ^ 

Nun  werden  eine  Reihe  paralleler  Striche  auf  die  Erde  gezogen,     e 

etwa  wie  nebenstehend.     Diese  Striche  sind  je  etwa  10  cm  von-    ^  ""^ 

einander  entfernt.     Der  Bock   tritt  nun   anf  den  zweiten  Strich    3 

und  beugt   seinen  Rücken.     Die   anderen  Spieler   springen   über     ^ 

den  Bock  und  zwar  so,   dass   sie   den  ersten  Strich,   den  «Ahn" 

mit  ihren  Füssen,   wenigstens  mit  dem  Absätze  eines  Fusses  berühren.     Gelingt 

dies  allen  Spielern,   so   geht  der  Bock  einen  Strich  weiter.     Dies   wird   solange 

fortgesetzt,  bis  ein  Spieler  nicht  von  dem  „Ahn"  abspringt.    Dieser  wird  nun  Bock. 

3.)  Boelupringeii  mit  Taschentuchanflegen,  Ein  besonderer  Name  für 
dieses  Spiel  ist  nicht  bekannt.  Der  Bock  wird  auf  dieselbe  Weise  bestimmt  wie 
beim  Strichbock.  Die  übrigen  Spieler  springen  der  Reihe  nach  über  den  Bock 
und  legen  dabei  ihre  Taschentücher   (mit  beiden  Händen  werden  sie  zuerst  auf- 


70 

gelegt)  auf  seinen  Rücken.  Dann  werden  sie  beim  nochmaligen  Überspringen 
wieder  fortgenommen.  Sodann  werden  die  Tücher  mit  der  linken  Hand,  dann 
mit  der  rechten  Hand,  dann  mit  dem  Mande  n.  s.  w.  aufgelegt.  Das  Spiel  wird 
solange  fortgesetzt,  bis  ein  Spieler  sein  Taschentuch  beim  Auflegen  fallen  lässt, 
oder,  wenn  er  beim  Abnehmen  sein  Taschentuch  nicht  abnimmt,  oder,  wenn  er 
ein  falsches  Tuch  fortnimmt,  oder,  wenn  er  ein  anderes  Taschentuch  herunter- 
stösst.     Dieser  Spieler  wird  Bock. 

VI.    Verschiedenes. 

1.)     99B1U*,  pass  op",  auch  „Bur  of ",  »^Bur  de  Plum  (Mütze)  af&chmiete". 

Es  beteiligen  sich  etwa  fünf  Spieler.  Jeder  Spieler  hat  einen  dicken  Stein 
au  einer  bestimmten  Stelle  liegen.  Derjenige,  welcher  „Bur'^  sein  soll,  legt 
seinen  Stein  auf  zwei  andere  und  stellt  sich  in  die  Nähe  desselben  auf.  Einer 
von  den  andern  fängt  an,  mit  seinem  Stein  den  kleinen  Steinhaufen  umzuwerfen, 
er  spricht  dabei:  „Bur,  pass  op!''  Hat  derselbe  den  Steinhaufen  auseinander- 
geworfen, so  müssen  die  Steine  von  dem  Bur  wieder  aufeinandergesetzt  werden. 
Währenddessen  läuft  der,  welcher  geworfen  hat,  zu  seinem  Stein  und  berührt 
denselben  mit  meinem  Fuss.  Er  kann,  sobald  er  über  die  Grenze  ist,  von  dem 
Bur,  wenn  er  den  Steinhaufen  aufgesetzt  hat,  geschlagen  werden.  Berührt  er 
aber  den  Stein  mit  dem  Fusse,  so  kann  er  ihm  nichts  machen.  Hat  er  Aussicht, 
eher  seine  frühere  Stelle  zu  erreichen,  so  fasst  er  alsdann  den  Stein  mit  beiden 
Händen  an  und  läuft  fort;  bis  der  Bur  seine  Steine  aufgesetzt  hat,  kann 
er  dies.  Anderenfalls  wartet  er  solange,  bis  ein  zweiter  mit  seinem  Steine  den 
Steinhaufen  umwirft.  Ein  jeder,  der  nach  seinem  Wurfe  den  Stein  mit  der  Hand 
berührt,  kann  von  dem  »Bur"  verfolgt  werden.  Jedoch  wird  der  „Bur"  diesem 
nicht  länger  nachlaufen,  da  er  befürchten  muss,  dass  sein  Haufen  von  dem  Dritten 
umgeworfen  wird.  Wird  einer  vom  »Bur*  gefangen,  wird  er  Bur.  Der  „gewesene 
Bur",  nimmt  seinen  Stein  von  dem  Häufchen  und  klopft  dann  drei  mal  auf  den- 
selben und  entfernt  sich  schnell,  damit  er  nicht,  da  er  den  Stein  mit  der  Hand 
berührt  hat,  von  dem  neuen  „Bur"  wieder  geschlagen  wird. 

2.)  Namengeben  (Himmel  und  Hölle).  Dieses  Spiel  wird  von  vielen  Kindern 
gespielt  Ein  Kind  ist  der  Teufel,  ein  anderes  der  Engel.  Ein  drittes  Kind 
gibt  den  übrigen  einen  Namen.  Engel  und  Teufel  raten  nun  abwechselnd  den 
Namen  eines  Kindes.  Derjenige,  der  den  Namen  rät,  bekommt  das  Kind  zu  sich. 
Wenn  alle  geraten  sind,  so  stellen  sich  die,  welche  zum  Teufel  gehören,  auf 
eine  Seite.  Darauf  stellen  sich  die  Kinder  der  einzelnen  Partei  hintereinander 
und  fassen  sich  mit  den  Händen  um  den  Leib.  Die  ersten  jeder  Gruppe  stellen 
sich  mit  dem  linken  Fusse  an  einen  Strich  und  reichen  sich  die  Hände.  Es  gilt 
nun,  einen  über  den  Strich  zu  ziehen.  Diejenige  Gruppe,  die  über  den  Strich 
gezogen  ist,  muss  durchs  „Spitzloch"  (Klopfgasse). 

3.)  Richter,  Richter,  ich  verklage  dich.  (Wird  namentlich  im  Winter 
gespielt.)  An  diesem  Spiele  können  vier  Personen  teilnehmen.  Man  schneidet 
vier  Blättchen  Papier.  Auf  dem  ersten  steht:  „Bürgermeister",  auf  dem  zweiten: 
„Dieb",  auf  dem  dritten:  „Kläger",  auf  dem  vierten:  „Richter"  geschrieben.  Nach- 
dem die  Blättchen  zusammengefaltet  worden  sind,  wirft  einer  sie  auf  den  Tisch. 
Hat  jeder  ein  Blättchen  gegriffen,  so  sagt  derjenige,  der  Kläger  ist:  „Richter, 
Richter,  ich  verklage  dich."  Darauf  antwortet  der  Richter:  „Warum  verklagst 
du  mich?"  Kläger:  „Der  Dieb  hat  all  mein  Geld  gestohlen."  Richter:  „Wer  ist 
der  Dieb?"  Kläger:  „Der  und  der."  Richter:  „Wieviel  Schläge  soU  er  haben?" 
Kläger:  „20  derbe."     Hat  nun  der  Kläger  den  rechten  Dieb  gefunden,  so  muss 


71 

der  Bürgermeister  dem  Diebe  die  genannten  Schläge  austeilen.  Hat  der  Kläger 
aber  den  falschen  geraten  (also  den  Bürgermeister  als  Dieb  angesehen),  so  erhält 
der  Kläger  die  Schläge  selbst  vom  Bürgermeister. 

4.)  Plünderspiel.  „Eck  sin  en  Frau  nt  Pommerland,  mine  ganze  Kröm 
es  afgebrannt.  Mot  gej  Melk  hebbe?"  —  „Wat  von  höje  dann?"  —  „Süte, 
sure,  gehotelde  en  gebrodelde."  (Süssei  sanre,  geschüttelte  [Buttermilch]  und 
gekochte.)  Dann  wird  der  Frau  eine  Bestellung  gemacht,  worauf  diese  antwortet : 
„Märje  frng,  w^nn  dön  Hahn  kräjt,  komm  eck  dat  Gäld  hole."  (Morgen  früh, 
wenn  der  Hahn  kräht,  komme  ich  das  Geld  holen.)  Nachdem  die  Beihe  auf 
diese  Weise  durchgangen  ist,  fängt  die  Frau  bei  dem  Ersten  wieder  an,  um  das 
Geld  zu  holen.  Der  Käufer  hat  nun  allerlei  Einwendungen  gegen  die  Güte  der 
Milch  Vergeht  er  sich  gegen  die  üblichen  Bedingungen  des  Spieles  (nicht  ja 
und  nicht  nein  sagen,  nicht  weinen  oder  lachen),  so  muss  er  ein  Pfand  geben. 
—  Das  bekannte  „Ich  bin  ein  Kaufmann  aus  Paris"  wird  auch  hier  viel  gespielt. 

5.)  Metzerstttkeu  (Messerstechen).  Metzke  steke.  Das  Messerstechen  ist 
ein  beliebtes  Spiel  zur  Sommerzeit.  Zum  Zwecke  des  Spieles  wird  ein  kleiner 
Haufen  Sand  zusammengelegt.  Bund  um  auf  dem  Boden  sitzen  die  Mitspielenden, 
die  in  beliebiger  Zahl  vorhanden  sein  können.  Das  Spiel  besteht  in  der  Haupt- 
sache darin,  dass  ein  geöffnetes  Messer  so  in  die  Höhe  geworfen  wird,  dass  es 
mit  der  Spitze  in  dem  Sand  stecken  bleibt.  Die  Lage  des  Messers  ist  zunächst 
einfach  wagerecht  in  der  flachen  Hand  und  zwar  mit  der  Spitze  nach  den  Fingern 
zu.  Bei  der  folgenden  Lage  ist  die  Spitze  des  Messers  zum  Arme  hingerichtet. 
Diese  beiden  Lagen  finden  auch  auf  der  Oberfläche  der  Hand  statt.  Dann  nimmt 
man  die  Spitze  des  Messers  zwischen  zwei  Finger  und  schleudert  dann  das  Messer. 
Bei  der  folgenden  Lage  nimmt  man  die  Spitze  vielleicht  in  den  Mund.  Dann 
nimmt  man  das  Messer  in  die  rechte  Hand  und  legt  den  rechten  Arm  um  den 
Nacken,  um  das  Messer  dann  an  dem  linken  Ohre  vorbei  in  den  Sand  zu  schleudern. 
Umgekehrt  macht  man  dieses  auch  mit  der  linken  Hand.  Die  verschiedenen 
Lagen  können  dadurch  noch  vielseitiger  werden,  indem  man  das  Messer  in  der 
Luft  herumschleudert,  ehe  es  auf  dem  Boden  anlangt.  Dem  Erfindungsgeiste 
der  Mitspieler  bleibt  es  nun  vorbehalten,  die  Lage  und  den  Wurf  des  Messers 
zu  verändern,  oder  mehrere  Würfe  zu  kombinieren.  Die  Reihenfolge  der  Lagen 
ist  aber  vorher  ausgemacht.  Wenn  einer  einen  Fehlwurf  macht,  so  muss  er 
aufboren,  im  anderen  Falle  kann  er  die  weiteren  Würfe  machen.  Wer  zuerst 
alle  bezeichneten  Würfe  gemacht  hat,  hat  gewonnen. 

6.)  Das  Blekeln.  Ein  beliebtes  Ballspiel  bei  den  Mädchen  ist  das  Bickeln. 
Unter  Bickel  versteht  man  die  kleinen  Gelenkknöchelchen  eines  Hammels.  Das 
Spiel  wird  an  einem  Tisch  ausgeführt.  Dazu  sind  vier  solcher  Bickeln  notwendig. 
Dieselben  werden  auf  den  Tisch  geworfen  und  zwar  regellos.  Dann  wird  von 
dem  Mädchen,  das  an  der  Reihe  ist,  der  Ball  mit  leichtem  Nachdruck  auf  den 
Tisch  geworfen.  Er  wird  natürlich  wieder  in  die  Höhe  fliegen,  er  „steutzt". 
Während  der  Ball  sich  noch  in  der  Luft  befindet,  muss  das  Mädchen  den  ersten 
Bickel  mit  derselben  Hand,  mit  der  es  den  Ball  geworfen  hat,  auf  die  Seite, 
wo  die  Vertiefung  (Külleken)  ist,  zu  bringen  versuchen  Gelingt  es  ihm,  so 
bringt  es  die  anderen  Bickel  in  derselben  Weise  auf  dieselbe  Seite.  Man  sagt: 
„De  Bickel  leggen  op  das  Külleken''.  (Die  Bickel  liegen  auf  der  Vertiefung.) 
Dasselbe  wiederholt  sich  jedoch  mit  der  Veränderung,  dass  die  Knöchelchen  auf 
den  Rücken,  wo  die  Erhöhung  (Roggen)  ist,  zu  liegen  kommen.  Man  sagt  dann : 
„De  Bickel  leggen  op  den  Roggen".  (Die  Bickel  liegen  auf  dem  Rücken.) 
Dann  folgt  dasselbe  aber  so,  dass  die  Bickel  auf  der  schmalen  Hochseite  stehen. 
„De  Bickel  stöhn'    (stehen).     Damit  ist  der  erste  Teil  zu  Ende.     Beim  zweiten 


72 

Teile  müssen  sofort  zwei  Bickel  statt  eines  Bickels  gewendet  werden.  Beim  dritten 
Teile  müssen  sofort  drei  und  beim  vierten  Teile  immer  vier  Bickel  sofort  gewendet 
werden.  Anch  bei  diesem  Spiel  kann  der  Erfindangsgeist  der  Mitspieler  tätig 
sein,  indem  verschiedene  Stellangeu  und  Kombinationen  vorgenommen  werden. 
Wer  zuerst  aus  ist,  hat  gewonnen. 

7.)  „Eek  kenn  en  Deng>^  (Ich  kenne  ein  Ding.)  Das  ist  ein  beliebtes 
Spiel  für  die  Kinder  im  Winter  und  in  der  Dämmerung  im  Sommer.  Ein  Kind: 
„Eck  kenn  en  Deng  dat  met  „0''  anfängt.''  Nun  raten  die  andern  Kinder. 
Rät  nun  ein  Kind  einen  Gegenstand,  der  sich  in  der  Nähe  des  zu  erratenden 
Gegenstandes  befindet,  so  sagt  das  erste  Kind  vielleicht  „het''  (heiss)  oder  „don 
verbrennst  dich  jo''.  Es  will  damit  die  Nähe  des  Gegenstandes  ausdrücken.  Im 
entgegengesetzten  Falle  sagt  es  „kolt"  (kalt).  Wenn  ein  Kind  den  richtigen 
Gegenstand,  in  diesem  Falle  „Ofen'',  erraten  hat,  so  gibt  dasselbe  eine  neue 
Aufgabe.  Vorher  wird  aber  ausgemacht,  auf  wieweit  sich  das  Fragen  erstrecken 
darf,  etwa  auf  das  Zimmer,  in  dem  sich  die  Mitratenden  befinden. 

8.)  Ein  ähnliches  Spiel  ist  das  „Stöekskensöken^^  (Stöckchensuchen), 
„Stöpke  versteäke^,.  Alle  Spieler  müssen  sich  entfernen  bis  auf  einen,  der  das 
Holzstöckchen  oder  einen  sonstigen  Gegenstand  versteckt.  Wenn  er  „nau"  (nnn) 
ruft,  kommen  die  anderen  herbei,  um  den  Gegenstand  zu  suchen.  Der  Finder 
ist  jetzt  an  der  Eeihe,  zu  verstecken.  Bei  diesem  Spiele  kommen  auch  die 
Bemerkungen  „het"  („heiss")  und  „kolt"  vor,  jenachdem  sich  der  Sucher  in  der 
geringeren  oder  grösseren  Entfernung  von  dem  Gegenstand  befindet. 

9.)     Die  Weisen  aus  dem  Morgenland   (auch  Stummes  Handwerk).     Die 

Spieler  zerfallen  in  zwei  Gruppen.  Eine  beginnt  das  Spiel.  Sie  geht  um  eine  Ecke 
und  spricht  sich  dort  ein  Handwerk  ab,  d.  h.  sie  suchen  sich  irgend  ein  Hand- 
werk aus  und  machen  die  Bewegungen  dieses  Handwerkers  nach,  z.  B.  das 
Ziegelbäcker -Handwerk.  Einer  tut,  als  wenn  er  Steine  forttrüge,  ein  anderer, 
als  wenn  er  Lehm  grübe  u.  s.  w.  Alles  dies  geht  stumm  vor  sich.  Jetzt  gehen 
sie  zu  der  anderen  Gruppe  und  sagen:  „Es  kamen  drei  Weisen  aus  dem  Morgen- 
land." Darauf  fragen  die  anderen:  .Können  sie  auch  arbeiten?"  Mit  der 
Antwort  „ja"  beginnen  diese  ihre  Übungen.  Aus  diesen  Übungen  muss  die 
zweite  Gruppe  erkennen,  was  für  ein  Handwerk  sie  betreiben.  Errät  sie  es,  so 
ist  sie  an  der  Reihe.     Im  anderen  Falle  ist  die  erste  Gruppe  noch  einmal  daran. 


VII.    Reigenspiele. 

(Knaben  und  Mädchen,  vornehmlich  die  letzteren,  spielen  diese  Spiele.) 

1.)    Die  Kette  (aÜbeliebt).     Die  Kinder  bilden  einen  Kreis,  fassen  einander 
die  Hände,  ziehen  rund  und  singen  dabei: 

„Wir  treten  auf  die  Kette,  dass  die  Kette  klingt. 

Wir  haben  einen  Vogel,  der  so  schön  singt. 

Vogel  singt  bei  Tag  und  Nacht, 

(Vogel  der  heisst  Nachtigall,) 

Hat  gesungen  sieben  Jahr, 

Sieben  Jahre  sind  nun  um, 

Liebe  N.  dreh'  dich  um." 

Das  aufgeforderte  Kind  dreht   sich   herum   und   geht,   das  Gesicht   nach  aussen 
gekehrt,  mit  rund.     Nun  singen  alle  anderen: 


73 

N.  hat  sich  herumgedreht, 

Hat  den  ganzen  Kreis  verdreht. 

Einmai  herum,  zweimal  herum, 

(Das  Kind  nimmt  die  frühere  Stellung  ein) 
Liehe(r)  N.  dreht  sich  hemm. 

So  wird  das  Spiel  fortgesetzt,  his  alle  an  der  Reihe  waren. 

2.)  „Tömniermann,  mak  die  goldne  Port  op^^  (im  Clevischen  Appele, 
pättele,  tntn).  Zwei  Kinder  reichen  sich  beide  Häude  nnd  bezeichnen  sich,  ohne 
Mitwissen  der  andern  Kinder,  entweder  als  goldnes  Buch  bezw.  goldnen  Schlüssel 
oder  als  Appel  bezw.  Bier  (Birne).  Die  übrigen  Kinder  reihen  hintereinander 
and  ziehen  durch  die  ein  Tor  bildenden  gefassten  Hände  der  beiden  ersten  Kinder. 
Dabei  wird  gesungen : 

:,:  „Tömmermann,  Tömmermann,  mak  die  goldne  Port  op''  :,: 

(Appele,  pättele,  tutu). 
:,:  Nun  kriech  dadurch  :,: 
Der  letzte  muss  bezahlen." 

Der  letzte  wird  festgehalten  and  gefragt: 

„Wat  wellste  liewer  häwwe,  Äppel  oder  Biere?" 

Je  nachdem  er  sich  entscheidet,  stellt  er  sich  hinter  das  betreifende  Kind. 
Wenu  keines  mehr  übrig  ist,  wiid,  ähnlich  wie  beim  Tauziehen,  von  den  beiden 
Parteien  „getrocke"  und  das  Spiel  beginnt  von  neuem. 

3.)  „Krunekrane^^  („Kroune  Krahne'^).  Mädchen  bilden  einen  Kreis, 
fasseu  sich  au  und  ziehen  herum,  indem  sie  singen: 

„Kroune  Krahne,  Wanneer  welle  we  en  nöje  kriege? 

Witte  (wickele)  Schwane,  Wenn  de  Pöppkes  danze, 

Wä  wöll  möt  noh  Engelland  fahren?  Op  die  leäre  Schanze. 

Engelland  5s  geschloote,  :,:  Hopp  Marjäuke  danze! 

De  Schlöttel  ös  gebrooke.  Hu,  hopp  Marjänke  hu!"  :,: 

Bei  den  letzten  Worten  springen  die  Kinder  lustig  in  die  Höhe  und  setzen 
sich  auf  die  Hacken.  (In  anderer  Gegend  heisst  es:  „Engelland  es  afgebrannt, 
Do  blewe  wej  mer  hie  int  Land.") 

4.)  „Der  verlorene  Schatz/^  Die  Kinder  ziehen  im  Kreise,  ein  Kind 
steht  in  der  Mitte.     Alle  singen: 

„Hier  und  da  ist  Gras  Hab'  verloren  meinen  Schatz, 

Und  Gras  unter  meinen  Füssen,  Den  werd  ich  suchen  müssen." 

Das  Kind  in  der  Mitte : 

„Dieser  mit  dem  blauen  (roten)  Kleid,     Kann  mir  sehr  gefallen." 

(Das  aufgeforderte  Kind  geht  zu  dem  andern.)     Dieses  singt: 

„Dreh  dich  herum,  ich  kenn*  dich  nicht,     Bist  es  oder  bist  es  nicht." 

Je  nachdem  das  erste  Kind  sich  zufrieden  gibt  oder  necken  will,  singt  es: 

Nein,  ach  nein,  du  bist  es  nicht!  Scher  dich  hinaus,  ich  kenn  dich  nicht ! 

oder: 
Ja,  ach  ja,  du  bist  es  wohl.  Komm  zu  mir  und  tanze. 

Je  nach  dieser  Entwickelung  beginnt  das  Spiel  von  neuem  oder  es  setzt  bei  den 
Worten  ein:  „Dieser  mit  dem  roten  Kleid  etc." 


74 

ö.)  Seiklienspriiigreii.   Hierbei  gebrauchen  die  Mädchen  häufig  folgenden  Vers: 

„N.  N.  heiss  ich,  schön  bin  ich,  das  weiss  ich, 
Blonde  Locken  hab*  ich,  schwarze  Strümpfe  trag'  ich. 
Ein  Mädchen  aus  der  „X"-Kla8s' 
Regiert  die  ganze  Pstrass'/' 

6.)     ,,Kreisspielen.^^     Die   Kinder   fassen   einander   bei   den   Händen  und 
ziehen  fortwährend  im  Kreise  und  singen  dabei: 

a.)  „Eingla'(6)  Ringla(e)  Kose,  Morgen  wollen  wir  fasten, 

Zucker  in  der  Dose,  Übermorgen  Lämmlein  schlachten, 

Schmalz  in  dem  Kasten,  Das  soll  rufen:  ^mäh'/' 

Bei   'mäh'   hocken   alle   Kinder  nieder.     Sodann   beginnt   das   Spiel   von   neuem. 

b.)     L    Trauer,  Trauer  über  Trauer,  hab'  verloren  meinen  Ring, 

Will  mal,  will  mal,  will  mal  sehen,  ob  ich  ihn  nicht  finden  kann! 

IL    Freude,  Freude  über  Freude,  hab'  gefunden  meinen  Ring, 

Will  mal,  will  mal,  will  mal  sehen,  ob  ich  ihn  verschenken  kann. 

c.)  Häschen  (Lampe,  auch  Lambert)  in  der  Grube  (Kuhle)  sass  und  schlief. 
„Armes  Häschen,  bist  du  krank,  dass  du  nicht  mehr  hüpfen  kannst?" 
Has'  hüpf!     Has'  hüpf! 

(Bei  den  letzten  Worten  hüpfen  die  Kinder  zusammen.) 

d.)  Dreimal,  dreimal  um  das  Tor, 

Das  Tor,  das  ist  geschlossen. 
Wer  hat's  getan?  wer  hat's  getan 
Dem  König  seine  Tochter. 
Nun  kriech^  hindurch,  nun  kriech'  hindurch. 
Der  letzte  soll  bezahlen. 
(Weiter  s.  S.  73  Nr.  2.) 

Diese  Kreisspiele  werden  vorzugsweise  von  Mädchen  gespielt.     Doch  lässt 
mau  auch  kleinere  Knaben  daran  teilnehmen. 

7.)     „Es  regnet  auf  der  Brücke  und  ich  werde  nass.^^ 

„Es  regnet  auf  der  Brücke  und  ich  werde  nass, 

Ich  hab  noch  was  vergessen  und  weiss  nicht  was? 

Komm  her,  mein  Kind!  komm  her,  mein  Kind! 

Und  sieh,  was  hier  verweilet. 

Ja,  ja  freilich. 

Wo  ich  bin,  da  bleib  ich. 

Bleib  ich,  wo  ich  bin. 

Adieu,  mein  Kind." 

Ein  Kind  steht  einem  andern  gegenüber.  Beide  singen:  „Es  regnet  u.  s.  w." 
Wenn  sie  singen:  „Komm  her",  gehen  sie  aufeinander  zu,  umfassen  sich, 
tanzen  in  der  Runde  und  singen  weiter.  Bei  „Adieu"  bleiben  sie  stehen,  uiul 
machen  einander  eine  Verbeugung,  gehen  ein  paar  Schritte  rückwärts  und 
wiederholen  das  Spiel. 

8.)    Adam  hatte  sieben  8öhn\ 

„Adam  hatte  sieben  Söhn', 
Sieben  Söhn'  hat  Adam! 
Sie  assen  nichts, 
Sie  tranken  nichts, 
ue  taten  alle  so: 


75 

Mit  dem  Köpfchen  nick,  nick,  nick, 
Mit  den  Fingerchen  tipp,  tipp,  tipp, 
Mit  den  Händchen  klatsch,  klatsch,  klatsch, 
Mit  den  Füsschen  patsch,  patsch,  patsch/^ 

Die  Kinder  bilden  einen  geschlossenen  Kreis  nm  Adam,  der  in  die  Mitte  kommt, 
gehen  rnnd  herum  nnd  singen:  „Adam  hatte"  u.  s.  w.  Wenn  sie  gesungen: 
„Sie  taten  alle  so",  bleiben  sie  stehen  und  machen  dann  bei  den  folgenden 
Versen  die  entsprechenden  Bewegungen. 

1.  Sie  nicken  dreimal  mit  den  Köpfen. 

2.  Tippen  dreimal  mit  den  Fingern. 

3.  Klatschen  dreimal  in  die  Hände. 

4.  Stampfen  dreimal  mit  den  Fassen. 

9.)     Zwischen  C91u  und  Paris. 

Zwischen  Cöln  und  Paris, 
Wo  die  neuste  Mode  ist, 
So  machens  die  Herren, 
So  machens  die  Herreu,  • 
So  machens  die  Herren. 

Das  erste  wird  wiederholt  und  statt  des  letzteren  gesungen:  „So  machens  die 
Damen,  die  Schneider,  die  Waschfrauen,  die  Bauern",  u.  s.  w.,  wobei  jedesmal 
die  entsprechende  Geberde  gemacht  wird 

10.)    Grttne,  grrttne  Seide.     Die  Kinder  machen  einen  Kreis  und  singen: 

„Grüne,  grtlne  Seide,  N.  N.  hat  sich  herumgedreht, 

Grüne  Seide  sieben  Jahr,  Das  hat  ihn  Vater  und  Mutter  gelehrt. 

Sieben  Jahr  sind  um.  Grttne,  grüne  Seide, 

Wer  der  allerjüngste  ist,  Grüne  Seide  sieben  Jahr,  u.  s.  w." 

Dreh'  sich  mal  herum. 

Bei  den  Worten:  „Dreh'  dich  herum"  muss  die  Jüngste  des  Kreises  sich  drehen 
und  bei  N.  N.  wird  ihr  Name  gesungen.  Beim  nächsten  Mal  muss  die  Nächst- 
jüngste  sich  drehen. 

11.)  Blinde  Kuh.  Die  Kinder  bilden  einen  Kreis.  Einssteht  mit  verbundenen 
Angen  in  der  Mitte  und  ist  die  blinde  Kuh.  Ein  Kind  führt  die  blinde  Kuh 
im  Kreise  herum,  und  sagt :  „Blende  koh,  ick  lei  dech."  Dann  lässt  sie  sie  los, 
die  Kinder  gehen  rund  um  sie  herum.  Nun  fasst  sie  ein  Kind  an,  die  übrigen 
bleiben  dann  alle  stehen. 

Die  blinde  Kuh  spricht:  „Ick  rück,  ick  rück." 

Alle  sagen:  „Wat  rückst  dou  denn?" 

Die  blinde  Kuh:  „Menschenfleesch." 

Alle:  „Wenn  ös  et  denn?" 

Kuh :  N.  N.     Nennt  den  Namen  des  gefassten  Kindes. 

Ist  dieser  richtig  geraten,  so  ist  dieses  Kind  fürs  nächste  Spiel  die  blinde  Kuh, 
iat  der  Name  unrichtig,  so  muss  das  erste  Kiud  die  blinde  Kuh  bleiben. 

12.)    Ich  armer  Mann. 

„Ich  armer  Mann,  Und  alle,  die  im  Kreise  sind. 

Was  fang  ich  au?  Die  machen's  so  wie  ich. 

Ich  will  mich  lustig  machen.  Mein  Singen  hat  gefallen 

So  lang  ich  kann.  Im  ganzeu  Kreise  dir; 

Habt  Acht  auf  mich!  Es  soll  dir  auch  gefallen, 

Machts  so  wie  ich!  Weuu  du  nur  wärest  hier." 


76 

Die  Kinder  bilden  einen  Kreia,  in  der  Mitte  steht  ein  Kind  (der  arme  Manu)  und 
singt  obiges.  Wenn  es  singt:  „Machte  so  wie  ich'',  macht  es  auch  etwas  be- 
stimmtes nach  z.  B.  das  Waschen.  Das  wird  von  den  andern  Kindern  nach- 
gemacht. Bei  den  Worten:  „Und  alle,  die  im  Kreise  sind"  wendet  es  sich 
ganz  am,  und  klatscht  in  die  Hände.  Dies  machen  die  andern  Kinder  ebenfalls 
zu  gleicher  Zeit  nach.  Bei  der  dritten  Strophe  zieht  es  ein  anderes  Kind  ans 
der  Eeihe  in  den  Kreis  für  das  neue  Spiel. 

13.)     Zaunspiel.     Die  Kinder  machen  einen  Kreis,  gehen  rund  und  singen: 

„Wä  sali  ons  helpen  tünnen,  Dat  sali  N.  N.  dun, 

Jo,  tünnen  onsen  Tünn?  Die  sali  ons  helpen  tünnen.'' 

Wenn  es  heisst,  „Dat  sali  N.  N.  dun,"  legt  das  mit  Namen  genannte  Kind  die 
Arme  quer  übereinander.  Das  nebenstehende  Kind  an  der  linken  Seite  fasst 
sofort  die  rechte  Hand,  und  das  zur  rechten  Seite  steht,  die  linke  Hand  des 
genannten  Kindes,  so  dass  der  Kreis  geschlossen  bleibt.  Dann  singen  sie  weiter: 
„Wä  sali  ons"  u.  s.  w.  und  bei  „N.  N."  legt  der  rechte  Nachbar  des  erstge- 
nannten Kindes  die  Arme  übereinander.  So  fährt  man  fort,  bis  alle  Kinder  ge- 
nannt sind.  Ist  der  Zaun  endlich  fertig,  so  wird  er  wieder  abgebrochen,  wobei 
die  Kinder  rund  gehen  und  singen: 

„Wä  sali  uns  helpen  brecken,  Dat  sali  N.  N.  dun, 

Jo,  brecken  onsen  Tünn?  Die  (da)  sali  ons  helpen  breckeu." 

Wenn  sie  singen:  „Dat  sali  N.  N.  dun,"  tut  das  vorhin  zuerst  genannte  Kiud 
die  Arme  wieder  aus  der  kreuzweisen  Lage  und  fasst  mit  der  linken  Hand  die 
linke  Hand  des  Nachbars  zur  Linken,  mit  der  Rechten  die  rechte  Hand  des 
Nachbars  zur  Rechten  Die  Worte:  „Wä  sali"  u.  s.  w.  werden  dann  wiederholt 
und  bei  N.  N.  macht  das  vorhin  als  zweitgeuannte  seine  Arme  auseinander. 
Das  geht  bei  den  folgenden  so  fort,  bis  alle  die  Arme  auseinander  haben  und 
wie  im  Anfange  des  Spieles  dastehen. 

14.)  Jakob  wo  bist  da?  aach  8ehmudel  and  Jakob.  Die  Mitspielenden 
bilden  einen  Kreis,  einer  vom  andern  etwas  entfernt.  Mitten  im  Kreise  stehen 
zwei  Kinder  mit  verbundenen  Augen  (Schmudel  und  Jakob).  Schmudel  sucht  den 
Jakob  zu  fangen.  Dann  ruft  er:  „Jakob,  wo  bist  du?"  Jakob  (möglichst 
leise):  „Hier."  Nun  sucht  Schmundel  den  Jakob  zu  erwischen  und  läuft  ihm 
nach;  dann  fragt  Schmudel  wieder,  wie  oben.  Läuft  einer  von  Beiden  aus  dem 
Kreise,  so  rufen  die  Herumstehenden:  Jakob  oder  Schmudel,  du  brennst  dich, 
worauf  er  wieder  in  den  Kreis  zurück  kommt.  Wenn  einer  den  andern  gefangen 
hat,  so  tanzen  beide  im  Kreise  herum  und  wählen  für's  nächste  Spiel  wieder 
einen  andern  Schmudel  und  Jakob. 

15.)  MartinspieL  Am  Vorabend  des  Martinsfestes  versammeln  sich  die 
Kinder  an  einem  vorher  bestimmten  Orte  mit  Fackeln  und  Kerzen  und  machen 
einen  Eundgang  durch  den  Ort,  indem  sie  folgendes  singen: 

„Martin,  Santin,  Wo  de  decke,  fette  Ferken  sin. 

Dat  Kärzken  möt  verbrannt  sin,  Klötzke  hat  een  Kuh  geschlacht. 

De  Bare  moten  gegeten  sin,  Dat  Fell  wor  fett,  die  Kuh  wor  mager, 

De  Win,  de  mot  gedronken  sin,  Klötzke  mot  die  Schenken  knagen. 

All  over  de  ßhyn,  al  over  de  Rhyu,  Martin,  Santin  u.  s.  w. 

Nachdem  der  Zug  durch  alle  Strassen  gezogen  ist,  machen  sie  auf  dem  Markt- 
platze Halt.     Es  erhebt  sich  ein  vielstimmiges  Geschrei: 

„Allärum,  Allärum, 

Die  Kocken  sind  warum" 

und  alles  läuft  nach  Hause,  wo  die  Mutter  bereits  einen  Haufen  Kuchen  gebacken 


77 

hat.  Im  Haasgang  wird  ein  brennendes  Licht  aufgestellt.  Die  Kinder  und 
Erwachsenen  springen  nacheinander  darüber;  wer  so  nahe  darüber  springt,  dass 
darch  den  Luftzug  die  Kerze  ausgelöscht  wird,  bekommt  ein  Stück  Kuchen. 

16.)  ,,Kiek  dech  niet  Sm,  de  Plompsack  geht  heröm/^  Die  Kinder  stellen 
sich  im  Kreise  auf,  ohne  umzusehen,  halten  die  Hände  auf  dem  Rücken.  Eins 
geht  hinter  dem  Kreise  rund  [mit  dem  Plumpsack  (Taschentuch)  in  der  Hand,] 
um  den  Kreis  herum  und  sagt  dabei: 

„Kiek  dech  niet  5m,  de  Plompsack  geht  heröm, 

Et  Hennecke  wol  leggen,  Ick  dörf  ou  nicks  seggen." 

Hat  eins  der  Kinder  die  Hände  nicht  auf  dem  Rücken,  so  sagt  es: 

„Fleesch  op  den  Deesch'^  (Fleisch  auf  den  lisch) 
und  schlägt  dabei  das  betreffende  Kind  mit  dem  Plumpsack  auf  den  Rücken.  Wenn 
es  einige  Mal  um  den  Kreis  gegangen  ist,  so  gibt  es  einem  beliebigen  Kinde 
den  Plumpsack  in  die  Hand  und  ruft:  „Plompsack  los,  den  öm  hätt!''  Das 
Kind  schlägt  nun  seinen  Nachbar  zur  Rechten  damit.  Dieser  muss  dann  einige 
Mal  rund  um  den  Kreis  laufen,  wobei  ihm  der  andere  nachläuft  und  mit  dem 
Plumpsack  schlägt.  Dann  wird  das  Spiel  wiederholt  und  geht  das  Kind,  welches 
zuletzt  den  Plumpsack  bekommen  hat,  mit  demselben  um  den  Kreis. 

17.)  9,Eek  wor  so  lang  eenen  armen  Moan.^^  Die  Mitspielenden  stehen 
im  Kreise.  Eins  sagt  nun  die  erste  Zeile,  und  alle  sprechen  sie  nach.  Dasselbe  ge- 
schieht mit  den  andern  Zeilen.  Derjenige,  welcher  sich  verspricht,  muss  ein  Pfand  geben. 

1.  Eck  wor  so  lang  eenen  armen  Moan,  bis  mech  Gott  een  Hönnke  gooy. 
Tris  hett  min  Hönnke. 

2.  Eck  wor  so  lang  eenen  armen  Moan,  bis  mech  Gott  een  Hähnke  gooy. 
Kückerükü  hett  minen  Hahn,  Tris  hett  min  Hönnke. 

3.  Eck  wor  so  lang  eenen  armen  Moan,  bis  mech  Gott  een  Koh  goov. 
Kommartu  hett  mine  Koh,  Kükerükü  hett  minen  Hahn,  Tris  hett  min  Hönnke. 

4.  Eck  wor  so  lang  eenen  armen  Moan,  bis  mech  Gott  een  Goos  goov. 
Lonkhols  hett  mine  Goos,  Kommartu  hett  mine  Koh,  Kükerükü  hett  mine 
Hahn,  Tris  hett  min  Hönnke. 

5.  Eck  wor  so  lang  eenen  armen  Moan,  bis  mech  Gott  een  Ent  goov. 
Schnatterent  hett  min  Ent,  Lonkhols  hett  mine  Goos,  Kommartu  hett  mine 
Koh,  Kükerükü  hett  mine  Hahn,  Tris  hett  min  Hönnke. 

6.  Eck  wor  so  lang  eenen  armen  Moan,  bis  mech  Gott  een  Geet  goov. 
Spreng  över  de  Heck  hett  mine  Geet,  Schnatterent  hett  min  Ent,  Lonkhols 
hett  mine  Goos,  Kommartu  hett  mine  Koh,  Kükerükü  hett  minen  Hahn, 
Tris  hett  min  Hönnke. 

18)  „leh  bin  der  Herr  von  Stelfen.^^  Verschiedene  Kinder,  welche  alle 
den  Namen  eines  Tieres  haben,  sitzen  in  einer  Reihe,  ein  Kind  der  Herr  von 
Steffen  steht  vor  ihnen  und  singt: 

„Ich  bin  der  Herr  von  Steffen,  Ein  Pfand  gebricht. 

Verbiete  Lachen  und  Sprechen.  Die  Kuh  lässt  sich  hören.'' 

Wer  lacht  und  spricht,  Kuh:  muh,  muh,  muh. 

Nach  den  Worten,  Die  Kuh  lässt  sich  hören,  erhebt  sich  das  mit  Kuh  benannte 
Kind  und  ahmt  das  „Muhen''  der  Kuh  nach.  Bei  der  Wiederholung  muss  ein 
anderes  Tier  seine  Stimme  erheben,  es  heisst  dann :  „Der  Esel,  die  Ziege,  der 
Hahn  u.  s.  w.  lässt  sich  hören."  Wer  dann  nicht  sofort  oder  öfter  als  dreimal 
die  Laute  nachahmt,  muss  ein  Pfand  geben. 

DÜREN.  Karl  Caro. 


78 


Ein  niederdeutscher  Katechismus- 
Auszug  des  16.  Jahrhunderts. 


Herr  Buchhändler  Robert  Lübcke  in  Lübeck  hat  kürzlich  einen 
kleinen  niedersächsischen  Schulkatechismus  des  16.  Jahrhunderts 
erworben,  der  bislang  noch  in  keinem  Exemplar  bekannt  geworden 
ist.  Die  äusserst  knappe  Form,  die  hier  der  Kleine  Lutherische 
Katechismus  bekommen  hat,  kennzeichnet  das  Bändchen  als  Schulbuch; 
und  alle  Schulbücher  werden  ja  viel  schneller  verschleisst  und  auf- 
gebraucht als  andere  Bücher.  So  kommt  es,  dass  sie  leicht  vollständig 
verschwinden  und  in  späteren  Jahrhunderten  zur  grössten  Rarität 
werden  können.  Durch  die  Freundlichkeit  des  augenblicklichen 
Besitzers  bin  ich  in  den  Stand  gesetzt,  eine  nähere  Beschreibung  des 
Büchelchens  zu  geben. 

Es  umfasst  nur  eine  einzige,  als  21  signierte,  Lage  von  8  Blättern 
aus  derbem,  starkem  Papier  in  Oktavformat.  Die  ursprüngliche  Höhe 
der  Blätter  betrug  16,2  cm,  ihre  Breite  10,5  cm.  Das  ist  nur  noch 
an  wenigen  Stellen  zu  erkennen,  denn  die  Blattränder  sind  jetzt  sehr 
stark  durch  Mäuse-  und  Wurmfrass  beschädigt.  Das  Buch  hat  nämlich 
lange,  lange  Zeit  zwischen  den  Balken  eines  alten  Lübecker  Hauses 
eingekeilt  gesteckt  und  ist  erst  kürzlich  beim  Abbruche  dieses  Hauses 
ans  Tageslicht  gezogen  worden.  Glücklicherweise  ist  jedoch  der  Text 
des  Buches  nirgends  erheblich  verletzt,  sondern  es  haben  nur  die 
äusseren  Ränder  gelitten.  Der  Einband  ist  recht  primitiv,  aber  solide; 
ich  erinnere  mich,  einen  ganz  ähnlichen  Einband  an  einem  alten  Donat- 
drucke  der  Ebstorfer  Klosterbibliothek,  der  nachweislich  am  Anfange 
des  16.  Jahrhunderts  beim  lateinischen  Unterricht  im  Kloster  benutzt 
worden  ist,  angetroffen  zu  haben.  Zwei  alte  Holzdeckel  von  je 
16,8x11,3  cm  Umfang  sind  im  Rücken  mit  einem  schmalen  Leder- 
streifen zusammengeklebt,  der  aus  einer  gepressten  Einbandsdecke 
des  16.  Jahrhunderts  herausgeschnitten  ist.  In  den  Lederrücken  ist 
der  Druck  kunstlos  geheftet.  Die  Holzdeckel  sind  im  Übrigen  aussen 
völlig  unbezogen ;  innen  sind  sie  mit  Papier  ausgeklebt,  das  zu  einem 
Briefe  des  16.  Jahrhunderts  gehört  hat.  Wenigstens  lesen  wir  auf  der 
Innenseite  des  Vorderdeckels  folgende  (jetzt  über  Kopf  stehende) 
Adresse :  Dem  Erfamenn  Her  jBr(ristoff  ?)  |  grümenfagenn  Kercher  (tho) 
Sunte  Lambers  Kercken  \  tho  handefi.  ffj.  gj.  Lederrücken  und 
Beklebpapier  zeigen  gleichfalls  starke  Beschädigungen  durch  Wurm- 
frass, dagegen  sind  die  Holzdeckel  selbst  so  gut  wie  gar  nicht  an- 
gefressen. In  der  Mitte  des  äusseren  Randes  haben  die  Deckel  ein 
kleines  Loch  für  das  Band,  mit  dem  das  Buch  zugeknüpft  wurde;  in 
dem  einen  Loche  steckt  noch  ein  Stückchen  groben  Bindfadens. 


79 

Bl.  S""  findet  sich,  am  Schlüsse  des  Katechismus,  die  Unterschrift 
des  Druckers:  „Gedrücket  tho  Magde=^)\  horch  /  dorch  Hmis 
Walther, ^  Darunter  ein  schwarzes  Blättchen  mit  Ranke.  P]ine  Jahres- 
zahl fehlt.  Hans  Walther  druckte  in  Magdeburg  seit  1530  und  wird  1561 
als  verstorben  angeführt. 2)  Unter  den  zahlreichen,  fast  ausschliesslich 
theologischen,  Werken  seiner  Officin,  die  Hülfse  aufzählt,  findet  sich 
unser  Band  nicht.  So  kann  nur  eine  genaue  Typenvergleichung  mit 
datierten  Drucken  Walthers  nähere  Auskunft  darüber  geben,  in  welche 
Periode  seiner  Druckertätigkeit  der  vorliegende  Druck  gehört.  Mir 
fehlt  hier  leider  das  Material  dazu.  Eine  Vergleichung  mit  den  beiden 
Bibeldrucken  Hans  Walthers,  die  auf  der  hiesigen  Kgl.  Universitäts- 
bibliothek vorhanden  sind,  zeigt,  dass  der  Katechismusdruck  in  engster 
Verbindung  mit  der  niederdeutschen  Foliobibel  von  1545  steht,  während 
die  Oktavbibel  von  1553  sich  in  Ausstattung  und  Typenwahl  wesentlich 
unterscheidet.  Das  Göttinger  Exemplar  der  Foliobibel  ist  nicht  die 
von  Hülfse  beschriebene  Ausgabe,  sondern  eine  zweite,  im  gleichen 
Jahre  1545  erschienene,  die  M.  Goeze,  Geschichte  der  niederfächsischen 
Bibeln,  S.  272  nach  einem  Wolfenbüttler  Exemplar  verzeichnet,  vgl. 
Hülfse  a.  a.  0.,  Jg.  17  (1882),  S.  45  f.  Der  gesamte  biblische  Text 
dieser  Ausgabe  ist  nun  in  der  kleinen  Schwabacher  Type  gedruckt, 
die  wir  auf  den  letzten  beiden  Blättern  des  Katechismusdruckes  finden. 
Auch  die  übrigen  drei  Typensorten  des  kleinen  Bandes  kehren  in  der 
Bibel  wieder:  es  fehlt  allein  die  zweite  Schwabacher  Type  der  roten 
Überschriften.  Dagegen  ist  die  Texttype  der  ersten  6  Blätter  des 
Katechismus  eine  kräftige  Fraktur,  in  der  Bibel  sehr  häufig  in  Über- 
schriften, vgl.  den  vorderen  Titel  des  ganzen  Bandes,  Z.  3.  4.  6 — 1 1 ; 
im  gleichen  Titel,  Z.  1.  2  5,  erscheint  die  auch  im  Katechismus  nur 
als  Auszeichnungsschrift  verwandte  sehr  grosse  Fraktur  wieder.  Das 
erste  5  in  Z.  1  Biblia  ist  noch  etwas  grösser  und  gehört  zu  dem 
Alphabete  roh  geschnittener  Initialen,  deren  sechs  in  dem  kleinen 
Drucke  vorkommen ;  die  Bibel  verwendet  diöse  Initialen  überaus  häufig. 
Endlich  gehört  auch  die  hübsche  Holzschnitt-Initiale  von  Bl.  1'  des 
Katechismus  zu  dem  Typenmaterial  der  Foliobibel :  mit  ganz  ähnlichen 
Holzschnitten  beginnen  dort  die  einzelnen  biblischen  Bücher.  Das  Ä 
selbst  kehrt  auf  Bl.  CCXXXII'  am  Anfange  des  1.  Buches  der  Chronika 
wieder ;  ein  zweites  Mal  habe  ich  es  nicht  gefunden,  die  übrigen  Ä  der 
Bibel  haben  eine  andere  Zeichnung  als  Unterlage. 

Der  Auszug  aus  dem  Kleinen  Katechismus  D.  Martin 
Luthers,  der  uns  aus  dem  vorliegenden  Bändchen  bekannt  wird,  ist 
sehr  summarisch,  er  enthält  nur  den  Text  der  5  Hauptstücke,  ohne 
Luthers  Erklärungen,  und  als  Anhang  ein  paar  kurze  Andachten. 
Die  freibleibenden  Seiten  1'  und  S'^  (z.  T.  auch  8')  sind  mit  praktischen 
Anweisungen   für    den  Schulunterricht   (Alphabeten  und  Ziffern)    aus- 


^)  Die  gesperrten  Worte  bedeuten  rote  Schrift  des  Druckes. 
2)  Vgl.   Fr.   Hülfse,   Beiträge   zur   Geschichte   der   Buchdruckerkunst   in 
Magdeburg  (=  Geschichtsblätter  f.  Stadt  u.  Land  Magdeburg,  Jg.  15,  1880),  S.  164  ff. 


80 

gefüllt,  wie  ja  noch  heute  dem  Katechismus  das  Einmaleins  angehängt 
zu  werden  pflegt.  Ein  eigentliches  Titelblatt  ist  nicht  vorhandeo. 
Ein  Exemplar  dieses  nd.  Katechismusauszuges  ist  auch  Schauenburg, 
dem  wir  die  beste  Zusammenstellung  der  niederdeutschen  theologischen 
Litteratur  des  16.  Jahrhunderts  verdanken,  noch  nicht  bekannt. i) 

Im  einzelnen  zerfällt  unser  Band  in  folgende  Abschnitte,  deren 
Überschriften  sämtlich  rot  gedruckt  sind: 

1)  Bl.  Ir  enthält  in  einem  rechteckigen  Rahmen  (?on  13,2X8,1  cm),  dessen 
Seiten  halb  rot,  halb  schwarz  gezeichnet  sind,  das  deutsche  Alphabet  in  abwechselnd 
roten  und  schwarzen  Buchstaben  (Type  3),  als  ersten  den  oben  erwähnten  Holz- 
schnitt. Dann  folgen  Z.  7  die  Vokale  und  die  Konsonanten  mit  den  Überschriften 
De  Ludtbockf tauen  und  De  metftemmende  bock  flauen ;  die  Buchstaben  selbst  in 
schwarzer  Schrift. 

2)  Bl.  U:  Dat  bedt  efft  Vader  vnfe  l\  dat  vns  Chriftus  geleret  hefft. 

3)  Bl.  !▼,  Z.  2  V.  u. :  De  h^iiet  Artikel  vnfes  \  Gelouens. 

4)  Bl.  3',  Z.  3:  De  Tein  Gebade,  mit  dem  Schlüsse  Luthers. 

5)  Bl.  4',  Z.  2  V.  u. :  Van  dem  Sacramente  \  der  hilb'gen  Dope.  Nur  ein 
Absatz:  GAhet  hen  yn  alle  werlt  \  prediget  dat  Euange*  \  lion  etc.  bis:  de  wert 
vord^)met  wer\den. 

6)  Bl.  4^,  Z.  12:   Van  dem  Sacramen»  |  te  des  Altars,  die  Einsetzungsworte. 

7)  Bl.  5v,  Z.  5:  Dat  Benedicite.  \  Pfalmo  CXLV,    Ganz  wie  bei  Luther. 

8)  BL  6',  Z.  7:  Dat  Gratias.    Ganz  wie  bei  Luther. 

9)  Bl.  6^,  Z.  15:  De  Mftrgen  Segen.  Anfang  Bl  7',  Z  1:  Des  morgens 
wen  du  upfteift  I  fchaltu  dy  \  fegenen  mit  dem  hilligen  Crntze  \  vnde  fprekcn.  \ 
etc.  bis:  vnde  darby  ein  \  Chriftlick  ledt  gefangen.  Angehängt  ist  Bl.  7^,  Z.  1: 
Ein  Gebedt  vor  de  yun-  \  gen  Kinder. 

10)  Bl.  7v,  Z.  12:  De  Auendt  Segen.  \  Des  Auendes  wenn  du  iho  bedde 
gheift  \  fchaltu  dy  fegenen  mit  dem  hilligen   \    Crntze  I   vnde  fpreken.    \    etc.  bis: 

Vnde  darna  frhlick  iho  gefchlapen. 

11)  Bl.  8r,  Z.  13:  Verfal,  d.  h.  die  grossen  Anfangsbuchstaben,  nur  A  rot, 
alle  übrigen  schwarz 

12)  Z.  17:  Die  Unterschrift  des  Druckers,  s.  o. 

13)  Bl.  Sy.  De  Dudefche  vnde  Latinifche  tall.  \  Die  Zahlen  von  1—100, 
nebst  500  und  1000;  die  lateinischen  Ziffern  schwarz,  unter  jeder  die  entsprechende 
deutsche  Ziifer  in  roter  Schrift. 

GÖTTINGEN.  Conrad  Borehling. 


^)   L.    Schauenburg,   Hundert  Jahre    Oldenburgischer  Kirch  engeschiebte, 
Bd.  2  (1897)  S.  35  ff. 


81 


Zur  Entstehungsgeschichte  einiger 

Läuschen  Reuters. 


In  meiner  im  Verlage  des  Bibliographischen  Instituts  in  Leipzig 
erschienenen  Reuter-Ausgabe  sind  für  eine  grosse  Anzahl  der  Läuschen 
und  Rimels  die  literarischen  Quellen  nachgewiesen,  denen  Reuter  den 
Inhalt  oder  doch  die  Pointe  der  Erzählung  entnommen  hat.  Es  ist 
wohl  anzunehmen,  dass  es  der  Forschung  allmählich  gelingen  wird, 
die  Zahl  dieser  Nachweise  zu  vermehren. 

Aber  nicht  alle  Läuschen  gehen  auf  literarische  Vorgänger 
zurück.  Einem  Teile  liegen  Geschichtchen  zu  gründe,  welche,  ohne 
vorher  von  irgend  wem  aufgezeichnet  zu  sein,  aus  dem  Volksmunde 
zu  Reuters  Kenntnis  gelangten;  einer  kleinen  Anzahl  auch  wirkliche 
Begebenheiten  aus  Reuters  Zeit.  Der  Nachweis  dieses  Ursprunges 
wird  für  die  Läuschen  immer  schwieriger,  je  kleiner  die  Zahl  derjenigen 
Zeit-  und  Heimatgenossen  Reuters  wird,  welche  aus  eigener  Erinnerung 
Auskunft  geben  können.  Bisher  war  man  im  Wesentlichen  nur  auf 
das  angewiesen,  was  Gustav  Raatz  in  den  1880er  Jahren  noch 
erkunden  konnte  und  in  seinem  sehr  verdienstvollen  Buche  „Wahrheit 
und  Dichtung  in  Fritz  Reuters  Werken*'  S.  162  ff.  mitgeteilt  hat. 

Neue  Mitteilungen  dieser  Art  verspricht  ein  längerer  Aufsatz 
der  Sonntagsbeilage  Nr.  31  der  Vossischen  Zeitung  vom  vergangenen 
Jahre  (30.  Juli  1905).  Er  hat  die  Überschrift  ;,Der  Ursprung  einzelner 
Läuschen  un  Rimels  von  Fritz  Reuter,  nachgewiesen  von  K.  Th. 
Gädertz.**  In  den  einleitenden  Worten  heisst  es  „Von  solchen 
Läuschen  un  Rimels  soll  hier  die  Rede  sein,  deren  Originalfiguren 
und  tatsächliches  Geschehnis  ich  auf  Grund  authentischer 
Quellenforschung  ermittelt  habe  und  nachweisen  kann.** 

Die  Überschrift  und  die  angeführten  Worte  stellen  also  Nachweise 
in  Aussicht,  welche  zugleich  neu  und  authentisch  sind.  Die  Nach- 
prüfung dessen,  was  Gädertz  in  seinem  Aufsatze  vorgebracht  und 
darnach  auch  in  seine  Ausgabe  der  Läuschen  übernommen  hat,  erweist 
leider  die  Unwahrheit  seiner  Worte.  Die  Mehrzahl  seiner  Nachweise, 
wenigstens  nach  ihrem  wesentlichen  Inhalt,  findet  man  bereits  in  dem 
Buche  von  Raatz  auf  S.  163—166,  S.  32  und  S.  92,  zwei  Einzel- 
heiten sind  A.  Römers  ;, Fritz  Reuter  in  seinem  Leben  und  Schaffen* 
entnommen,  eine  dritte  ist  schliesslich  den  Anmerkungen  zu  meiner 
Ileuter- Ausgabe  (Bd.  1,  S.  405,  zu  Läuschen  II  Nr.  21)  entlehnt. 
Trotzdem  ist  Raatz^  und  Römers  Name  auch  nicht  ein  einziges  mal 
genannt  oder  ihre  Vorarbeit  auch  nur  angedeutet. 

NiederdeatBches  Jahrbuch  XXXII.  Q 


82 

In  Gädertz'  Werke  ;,Aus  Reuters  jungen  und  alten  Tagen*^, 
welches  auf  dem  Titelblatte  ;,  Neues  über  des  Dichters  Leben  und 
Werden '^  verhiess,  war  bereits  nicht  weniges  enthalten,  was  nicht  Den 
war,  was  wenigstens  diejenigen,  denen  die  Reuterliteratur  genauer 
bekannt  ist,  längst  vorher  anderswo  gelesen  hatten;  aber  es  war 
doch  vieles  neu.  In  seinem  neuen  Aufsatze  verhält  es  sich  umgekehrt. 
Das  bei  weitem  Meiste  darin  war  längst  bekannt,  und  das  wenige 
Neue  hält  einer  gründlichen  Prüfung  nicht  stand.  Was  er  authentisch 
nennt,  wird  sich  meist  leicht  als  Erdichtung  oder  grundloses  Gerede 
erweisen  lassen.  Damit  die  künftige  Reuterforschung  auf  das,  was 
Gädertz  in  seinem  Aufsatze  und  in  den  Anmerkungen  zu  seiner  Ausgabe 
berichtet,  nicht  wie  auf  sichere  Tatsachen  baut  und  daraus  weitere 
Folgerungen  zieht,  erscheint  es  mir  geboten,  die  Ergebnisse  meiner 
Nachprüfung  hier  vorzulegen.  Ich  werde  mit  der  Ausführung  zu  einer 
Stelle  der  Stromtid  beginnen,  welche  Gädertz  in  seinen  Aufsatz  ein- 
geflochten hat,  und  dann  auf  die  einzelnen  Läuschen  eingehen. 

In  der  Stromtid  Kap.  21  (Bd.  2  S.  339  ff.  meiner  Ausgabe) 
wird  erzählt,  dass  Pomuchelskopp  nach  Malchin  kommt,  um  am 
Landtage  teilzunehmen.  Unbekannt  mit  den  Förmlichkeiten,  welche 
zu  erfüllen  sind,  wendet  er  sich  an  einen  freundlichen  Herrn,  den 
Bürgermeister  Brückner  aus  Neubrandenburg,  mit  der  Frage,  wie  er 
sich  hier  ^zu  haben  habe*.  —  ^Sie  haben  sich  hier  weiter  gar  nicht 
zu  haben,"  antwortet  Brückner,  „Ihre  notwendigen  Visiten  haben  Sie 
ja  wohl  schon  gemacht?*  Gemeint  sind  hier  die  Besuche  bei  dem 
Kommissar  der  Regierung,  dem  Landesmarschall  und  dem  Landrat, 
denen  jeder  seine  Aufwartung  zu  machen  hatte,  welcher  zu  den  auf 
Regierungskosten  veranstalteten  Prunkmählern,  den  sogenannten 
Landtagstafeln,  Einladungen  zu  erhalten  wünschte. 

Es  war  herkömmlich,  diese  Besuche*am  Vorabend  der  Landtags- 
eröffnung zu  machen.  Als  Pomuchelskopp  antwortet,  dass  er  jene 
Herren  noch  nicht  besucht  habe,  empfängt  er  von  Brückner  den  Rat, 
immer  hinter  dem  Güstrower  Bürgermeister  Langfeldt  herzugehen, 
der  gerade  mit  einer  Laterne  sich  aufmachte  und  ;,de  ollen  dämlichen 
Visiten  afmaken"  wollte.  Pomuchelskopp  trabt  nun  immer  hinter  der 
Laterne  und  Langfeldt  her,  der,  um  ihn  loszuwerden,  möglichst  schnell 
seine  Besuche  beendet.  Aus  Angst,  die  Besuche  zu  verfehlen,  folgt 
ihm  stets  sogleich  Pomuchelskopp  und  gerät  schliesslich  so,  nachdem 
Langfeldt  alle  Besuche  beendet  hatte,  in  Langfeldts  eigene  Wohnung. 
Auf  die  Frage,  was  er  hier  zu  suchen  habe,  antwortet  dann  Pomuchels- 
kopp »Herr,  ich  bin  ebensogut  en  Fasan^  (er  meinte  Vasall)  »von 
dem  Grossherzog  wie  Sie.^ 

Die  Frage  nach  dem  Ursprung  dieser  Erzählung  weiss  Gädertz 
in  seinem  »auf  Grund  authentischer  Quellenforschung"  geschriebenem 
Aufsatze  zu  beantworten.  Er  hält  die  Geschichte  ohne  Bedenken  für 
wahr   und   sagt   »Natürlich   erzählten  Langfeldt  und  Brückner  diese 


83 

köstliche  Geschichte  von  dem  Vasall,  wollte  sagen:  Fasan,  auch  an 
Reuter,  und  so  lebt  sie  weiter  und  weckt  stets  neue  Lachlust. '^ 

Si  tacuisses!  Der  Leser,  welchem  Gädertz  in  seinen  Büchern 
hier  und  da  erzählt  hat,  dass  er  von  Brückners  Bruder  Auskunft  über 
Reuter  empfangen  hat,  muss  annehmen,  dass  Gädertz  auch  hier  auf 
Grund  einer  von  Brückner  erhaltenen  Mitteilung  berichte.  Das  kann 
nicht  der  Fall  sein.  Als  Raatz  schon  vor  Jahren  bei  dem  Sanitätsrat 
Brückner  in  Neubrandenburg  anfragte,  ob  die  Visitengeschichte  auf 
Wahrheit  beruhe,  erhielt  er  die  Auskunft  „Hier  liegt  eine  Verwechs- 
lung vor.  Nach  der  Dichtung  soll  mein  Bruder  den  Pomuchelskopp 
dem  Bürgermeister  Langfeldt  nachgeschickt  haben.  Die  ganze  Szene 
ist,  wenigstens  soweit  sie  meinen  Bruder  betrifift,  ganz  sicher  Dichtung. 
Dies  weiss  ich  von  meinem  Bruder  selbst  Reuter  liebte  es,  ihm 
bekannte  Personen  in  seinen  Dichtungen  mitspielen  zu  lassen.^ 

In  der  Tat  verdankt  Reuter  nicht  Brückner,  sondern  —  wie  ich 
bereits  in  meiner  Reuter -Ausgabe  Bd.  2,  S.  471  angemerkt  habe  — 
einem  Briefe  von  Julius  Wiggers  in  Rostock  die  Anregung  zu  der 
Visiten geschichte.  ^Lässt  es  sich  nicht  veranstalten,^  schrieb  Wiggers 
nach  dem  Erscheinen  des  ersten  Bandes  der  Stromtid  an  Reuter, 
„dass  Pomuchelskopp  einmal  auf  dem  Landtage  zu  Malchin  oder 
Sternberg  auftaucht,  um  seine  legislatorischen  Fähigkeiten  zu  ver- 
werten? So  ein  Pomuchelskopp  auf  dem  Landtage  wäre  gewiss  dem 
Dichter  nicht  von  Schaden  und  dem  Politiker  von  grösstem  Nutzen. 
Wie,  wenn  er  dort,  wie  weiland  ein  Standesgenosse  von  ihm,  zu  einem 
rotröckigen  Landmarschall,  der  seine  Stimmzettel  zurückweist,  bei 
irgend  einem  Wahlakt,  das  vernichtende  W^ort  spräche :  ich  bin  ebenso 
gut  des  Grossherzogs  Fasan  wie  Sie!^ 

Ich  kann  daran  erinnern,  dass  ich  schon  einmal  (vgl.  meine 
Reuter-Ausgabe  Bd.  2,  S.  17)  Gelegenheit  hatte,  eine  auf  die  Stromtid 
bezügliche,  von  Gädertz  als  ^verbürgt^  ausgegebene  Mitteilung  als 
Erfindung  nachzuweisen.  Die  von  Gädertz  zuerst  in  einer  Zeitschrift 
veröffentlichte  Nachricht  ist  jetzt  auch  in  sein  Buch  „Im  Reiche 
Reuters*^  S.  128  aufgenommen.  Reuter  solle  ursprünglich  nicht  die 
Absicht  gehabt  haben,  aus  Franz  von  Rambow  und  Luise  Hawermann 
ein  Paar  werden  zu  lassen,  aber  in  Eisenach  hätten  die  Damen 
förmlich  darum  gefleht.  Reuter  habe  sich  mit  allen  möglichen 
Argumenten  dagegen  gesträubt,  aber  schliesslich  den  schmeichelnden, 
geradezu  rührenden  Bitten  nicht  zu  widerstehen  vermocht  und  ein- 
gewilligt, doch  in  einer  Art  und  Weise,  die  deutlich  genug  erkennen 
liess,  wie  wenig  er  damit  innerlich  einverstanden  war.  „Denn  mit 
starker  Betonung  äusserte  er  fast  ärgerlich :  Wat  en  richtigen  meckeln- 
borgschen  Eddelmann  is,  de  friegt  nich  de  Dochter  von  sin'  Entspekter^ 

Das  klingt  alles  so  sicher,   dass  man  eigentlich  denken  sollte, 

es  sei  an  der  Wahrheit  der  Erzählung  gar  nicht  zu  rütteln,  und  da 
sie  in  die  äusserst  wichtige  Frage  des  Aufbaues  des  bedeutendsten 
Werkes  Reuters  in   entscheidender  Weise  eingreift,  so  würde  sie  von 

6* 


84 

allen  künftigen  Biographen  übernommen  werden  müssen,  wenn  sie  nicht 
als  erfunden  sich  hätte  nachweisen  lassen.  Dass  dieser  Nachweis  über- 
haupt möglich  war,  dankt  man  eigentlich  nur  dem  glücklichen  Walten 
eines  Zufalls,  nämlich  der  zufälligen  Tatsache,  dass  Reuter  Kapitel  10 
der  Stromtid  (Bd.  2,  S.  188,  Z.  2)  gesagt  hat:  „Ick  heww  in  dit 
Bank  noch  uterdem  drei  junge  Mätens  tau  verfrigen,  .  .  .  Lowise 
Hawermann  möt  doch  en  Mann  hewwen.^ 


Lauschen  II,  Nr.  1.    De  swarten  Pocken. 

„Auch  die  drastische  Geschichte  'De  swarten  Pocken'^,  sagt 
Raatz,  „beruht  auf  Wirklichkeit;  sie  ist  in  Anklam  etwa  1855  passiert. 
Der  Patient  war  in  Wirklichkeit  der  frühere  Ziegeleibesitzer  Halter 
aus  Rosenhagen.  Wegen  eines  kranken  Fingers  musste  er  einen  Arzt 
holen  lassen,  wollte  sich  jedoch  vor  Ankunft  desselben  rasieren  lassen. 
Der  Barbier  Sass  schmierte  in  dem  halbdunkeln  Zimmer  dem  Patienten 
das  Gesicht  mit  Stiefelwichse  ein,  die  dessen  Frau  ihm  irrtüinlicher- 
weise  statt  der  Seifenkruke  hingestellt  hatte.  Der  später  dazu 
gekommene  Dr.  Fischer  erklärte  dann  die  dunklen  Spuren  im  Gesicht 
des  Kranken  für  schwarze  Pocken,  worauf  sofort  die  Polizei  den 
Ausbruch  der  Seuche  konstatierte  und  das  Haus  mit  einer  Warnungs- 
tafel versah.'' 

Einige  bemerkenswerte  Abweichungen  weisen  die  Worte  auf, 
welche  Gädertz  dem  Läuschen  in  seinem  Aufsatze  und  in  seiner  Ausgabe 
der  „Läuschen''  widmet.  „Dieser  fast  unglaubliche  Vorfall  hat  sich, 
nach  Ausweis  der  ersten  Niederschrift  Reuters,  sowie  nach  persön- 
licher Mitteilung  des  Sanitätsrats  Dr.  Michel  Markus  in  Anklam 
zugetragen,  und  zwar  hiess  der  Patient  Haltermann,  der  Barbier 
Sass,  der  behandelnde  Arzt  Schmidt  .  .  .  Der  Retter  in  der  Not 
war  Dr.  Michel  Markus.''  ;,Der  Reim  lässt  (V.  109  und  122)  den 
Namen  'Fischer'  erraten;  in  der  Urschrift  reimt  derselbe  sich  aber  auf 
'sitt'  und  'mit',  wonach  der  Doktor  'Schmidt'  geheissen  haben  muss/ 

Während  also  bei  Raatz  der  Patient  Halter,  der  die  falsche 
Diagnose  stellende  Arzt  Fischer  heisst,  bietet  Gädertz  die  Namen 
Haltermann  und  Schmidt  und  bestätigt  ausserdem  die  Angabe  des 
Läuschens,  dass  der  diagnostische  Irrtum  in  der  Tat  durch  Dr.  Markus 
aufgeklärt  sei. 

Ist  sich  Gädertz  nicht  bewusst  geworden,  dass  er  mit  seiner 
Behauptung,  der  Arzt  habe  in  Wirklichkeit  „Schmidt"  geheissen, 
Reuter  einer  —  man  darf  wohl  sagen  —  Niedertracht  zeiht?  Es 
hat  damals  in  Anklam  einen  Arzt  namens  Fischer,  einen  anderen 
namens  Schmidt  gegeben.  Dem  letzteren  ist  nach  Gädertz  das  böse 
Versehen  begegnet,  und  Reuter  hat  in  der  ersten  handschriftlichen 
Fassung  des  Läuschens  den  Namen  Schmidt  durch  den  Reim  erraten 
lassen.  Reuter  müsste  also  gegen  besseres  Wissen  gehandelt  haben, 
wenn  er  in  der  gedruckten  Fassung  so  änderte,  dass  das  Versehen 
einem  anderen,  daran  unschuldigen  Arzte  derselben  Stadt  zugeschrieben 


85 

wurde.  Dieser  Verstoss  gegen  die  Wahrheit  hätte  deshalb  die  Grenze 
der  poetischen  Freiheit  überschritten,  weil  Reuter  darauf  rechnen 
musste,  das8  seine  Anspielung  in  Anklam  und  Umgegend  verstanden 
und  somit  das  ärztliche  Ansehen  eines  Unschuldigen  mehr  oder  weniger 
gefährdet  würde,  während  sein  schuldiger  Konkurrent  sich  ins 
Fäustchen  lachen  konnte.  Schon  diese  Erwägung  muss  gegen  die 
Richtigkeit  der  von  Gädertz  gemachten  Angaben  Misstrauen  erwecken, 
und  die  nachfolgende  Untersuchung  wird  in  der  Tat  den  Beweis  erbringen, 
dass  Gädertz  falsch  berichtet.  Reuter  hatte,  wie  Raatz  weiss,  von 
dem  Vorfall  zuerst  durch  einen  herumziehenden  Scheerenschleifer, 
namens  Wentzel,  erfahren.  Möglich,  dass  dieser  einen  falschen  Namen 
genannt  hat.  Wahrscheinlich  hat  dann  Reuter  Freunden,  welche  die 
Vorgänge  kannten,  sein  Läuschen  vorgelesen,  den  richtigen  Namen 
erfahren  und  nicht  verfehlt  seine  erste,  noch  nicht  gedruckte  Fassung 
zu  ändern.  Einen  ganz  analogen  Fall,  nur  dass  es  sich  um  eine 
spätere  Auflage  handelte,  konnte  ich  im  Texte  des  Schurr-Murr  nach- 
weisen, vgl.  Reuter  Bd.  4,  S.  485  (Anm.  zu  S.  186). 

Gädertz  hat  auch  in  den  übrigen  Punkten,  in  denen  er  von 
Raatz  abweicht,  falsche  Angaben  gebracht.  Mit  Hilfe  des  Preussischen 
Medizinalkalenders,  des  Wohnungs- Anzeigers  für  die  Stadt  Anklam 
auf  das  Jahr  1868  und  des  Gedichtes  „Vergriep  di  nich,  Stäwelwichs 
is  keen  Boartseep"  von  dem  Anklamer  Arzte  Dr.  Berlingi)  Jässt 
sich  der  Tatbestand  leicht  feststellen. 

Nach  Ausweis  des  Medizinalkalenders  gab  es  in  Anklam  Mitte 
der  1850er  Jahre  folgende  Ärzte:  Ernst  Wilhelm  Fischer,  approbiert 
1840,  Stabsarzt  beim  2.  Landwehr-Regiment;  Ernst  Schmidt,  appr. 
1838;  Franz  Glasewald^),  appr.  1845;  Georg  Berling,  appr.  1843; 
Michael  Marcus  (nicht  Michel  Markus),  appr,  1840.  Von  den  Ärzten 
ist  also  nur  Fischer  Militärarzt  gewesen. 

Im  Wohnungsauzeiger  ist  kein  Holtermann  oder  Haltermann 
zu  finden,  wohl  aber  Johann  Halter,  Ackerbürger,  Leipziger  Allee 
756,  Hauseigentümer.  Sein  Vorname  und  seine  Wohnung  werden  für 
seine  Identifizierung  mit  dem  Patienten  des  Läuschens  von  Belang 
sein.  Nebenbei  sei  berichtigt,  dass  er  nicht  wie  Raatz  und  Gädertz 
angehen  Eigentümer  einer  Ziegelei  gewesen  war,  sondern  die  grosse 
100  Morgen  Acker  umfassende  Anklamsche  Stadtziegelei  in  Rosenhagen 
gepachtet  hatte. 


1)  Berling,  Lustig  un  Trurig,  Heft  1,  Anklam  1860,  S.  19—39. 

2j  A.uf  Dr.  Franz  Glasewald  bezieht  sich  ohne  Zweifel  der  letzte  der  nur 
in  Reuters  erster  Niederschrift  hinter  V.  27  sich  findenden  Verse 

un  Fiken  drop 
Sogar  bi  Böhmern  un  bi  Schmidten, 
Wo  sei  doch  süs  tauwilen  sitten, 
Nich  einen  von  de  Herrn  Doktoren; 
Sülwst  Franz,  mein  Sohn,  war  ausgefohren. 

Die  erwähnten  Gastwirtschaften  sind  Böhmers  Hotel  und  Schmidts  Brauerei. 


86 

Als  Barbier  und  Heilgehilfe  ist  Friedrich  Sass,  als  Heilgehilfe 
Wilhelm  Ludwig  verzeichnet. 

Die  voranstehenden  Angaben  sind  nötig  zur  Erläuterung  der 
nachfolgenden  Inhaltsangabe  des  umfangreichen  Berlingschen  Gedichtes, 
dessen  vollständiger  Abdruck  zu  viel  Raum  erfordern  würde.  Als 
Dichtung  wertlos,  ist  es  wertvoll  als  treuer  Tatsachenbericht. 

In  der  pommerschen  Stadt  Klemstädt  [Anklami]  an  der  Peene 
lebte  vor  einem  halben  Dutzend  Jahren  [vor  1860]  ein  Rentner,  der 
vordem  eine  Ziegelei  gepachtet,  sich  viel  Geld  erworben  und  in  der 
langen  [Leipziger]  Allee  ein  eigenes  Haus  erstanden  hatte.  Ich  will 
ihn  Johann  [Johann  Halter]  nennen.  Eines  Tages  fing  einer  seiner 
Finger,  an  dem  sich  ein  Geschwür  (Adel,  Panaritium)  entwickelt  hatte, 
so  furchtbar  an  zu  schmerzen,  dass  er  ihn  am  liebsten  abgebissen 
hätte.  Zu  geizig  um  einen  Arzt  zu  beraten,  Hess  er  den  Chirurgus 
Satt  [Barbier  Sass]  aus  der  Judenstrasse  [Burgstrasse  I,  in  der  mehrere 
jüdische  Händler  wohnten,  Eppenstein,  Goldfeder,  Löwenthal,  Levi] 
kommen.  Dieser  will  keinen  chirurgischen  Eingriff  machen,  weil  ihm 
sonst  die  Ärzte  wegen  Kurpfuscherei  üngelegenheiten  machen  würden, 
vielleicht  helfe  ein  Breiumschlag  aus  Leinsamen  und  Milch.  Als  er 
dann  den  Patienten  noch  rasieren  soll,  erklärt  er,  das  jetzt  nicht  zu 
können,  weil  er  seinen  Barbierbeutel  mit  dem  Rasierzeug  nicht  bei 
sich  habe.  Johann  meint  aber,  er  solle  nur  ein  Messer  nehmen, 
welches  er  nebenan  in  der  Kammer  finden  würde,  auch  ein  Näpfchen 
mit  Rasierseife  stünde  dort.  Da  es  schon  ziemlich  dunkel  ist,  vergreift 
sich  Satt,  erfasst  ein  Näpfchen  mit  Stiefelwichse  und  schmiert  bei 
einer  qualmenden,  kaum  etwas  Licht  gebenden  Lampe  Johann  mit 
Wichse,  statt  mit  Seifenschaum  ein.  Als  später  Johanns  Frau  mit 
einer  Lampe  das  Zimmer  betritt,  erschrickt  sie.  Ihr  Mann  ist  schwarz 
im  Gesicht  wie  ein  Mohr,  und  sie  glaubt,  es  sei  der  Brand  (Gangrän) 
hinzugetreten.  Ein  Nachbarskind  wird  ausgesandt  einen  Arzt  zu  holen, 
es  findet  auf  der  Landstrasse  den  Dr.  Storch,  dieser  macht  sich  auf 
den  Weg  zur  Leipziger  Allee  und  verordnet  sofort  einen  Aderlass. 

„Schnell  schicken  Sie  nach  Louis  [Heilgehilfe  Ludwig]  hin, 
Der  macht  es  ganz  nach  meinem  Sinn! 
Er  stand  wie  ich  [also  Fischer,  siehe  oben]  beim  Militär, 
Un  da  kommt  alle  Weisheit  her!" 

Johann  meint  aber 

„Den  Doktor  Luter  [Lude,  Ludwig]  laten's  fürt, 
Son  Kirl  güng  jüst  ut  mine  Purt." 

Dr.  Storch  erfährt  nun,  dass  vor  ihm  Heilgehilfe  Satt  um  Rat  gefragt 
sei,  er  erklärt,  dieser  habe  Schuld,  dass  Johanns  Zustand  so  schlimm 
geworden  sei.  Er  lässt  Johanns  Frau  die  Lampe  näher  bringen,  um 
Zunge  und  Farbe  zu  beschauen,  erblickt  so  sein  schwarzes  Gesicht 
und  erklärt,  Johann  habe  den  schwarzen  Tot,   die  Pest.     Dieser  ist 


87 

ganz  erschreckt  und  schnaubt  aus.  Seine  Frau,  welche  glaubt,  dass 
ihm  die  Nase  blute,  wischt  diese  mit  der  Schürze  ab  und  wird  so 
gewahr,  dass  das  Gesicht  durch  Stiefelwichse  schwarz  geworden  ist. 
Sie  ahnt  sofort  die  Ursache  und  zeigt  dem  Doktor  das  Wichsnäpfchen, 
aus  dem  Satt  den  Bart  eingeschmiert  hatte.  Dr.  Storch  verlässt  das 
Haus  und  trägt  überall  in  der  Stadt  herum,  was  Satt  getan  habe. 
Satt  wird  nun  aufs  Bathaus  geladen,  um  sich  zu  verantworten,  dass 
er  Wichse  statt  Seife  genommen  und  ausserdem  sich  mit  Kurpfuscherei 
abgegeben  habe.  Durch  das  Verhör,  dem  er  unterzogen  wird,  kommen 
alle  Vorgänge  an  das  Tageslicht :  die  falsche  Diagnose  des  Dr.  Storch 
und  die  Unschuld  Satts.  Johann  muss  zehn  Taler  an  die  Armenkasse 
zahlen,  und  Satt  ist  glänzend  gerechtfertigt. 

Das  lange  Gedicht  Berlings  zeugt  Seite  für  Seite  von  dem  Streben 
des  Verfassers,  seinen  Kollegen  Fischer  dem  Spott  und  der  Lächerlich- 
keit preiszugeben,  und  er  hat  sicherlich  nichts  verschwiegen,  was 
dieser  Absicht  förderlich  war.  Wenn  er  trotzdem  nichts  davon  weiss, 
dass  durch  die  falsche  Diagnose  auf  Pocken  die  Polizei  veranlasst 
worden  sei,  eine  Warnungstafel  an  dem  Hause  zu  befestigen,  und 
erst  ein  anderer  Arzt  das  richtige  erkannt  habe,  so  wird  dadurch 
bewiesen,  dass  diese  beiden  Züge  Erfindungen  Beuters  sind. 

In  Wirklichkeit  hatte  Fischer  in  dem  schlecht  erleuchteten 
Zimmer  zwar  nicht  erkannt,  dass  die  schwarzen  Flecken  im  Gesichte 
Halters  Stiefelwichse  waren,  war  aber  von  seinem  Irrtum  überführt, 
ehe  er  noch  das  Haus  verlassen  hatte.  Er  konnte  hoffen,  dass  das 
Gerede  über  seine  falsche  Diagnose  nicht  ewig  dauern  würde.  Vier 
oder  fünf  Jahre  waren  seitdem  vergangen,  als  Beuters  Läuschen 
erschienen.  Die  drastische  Darstellung,  gegen  deren  Komik  er  waffenlos 
war,  musste  seinen  Buf  als  Arzt  in  Anklam  vernichten.  Im  Herbst  1858 
war  die  neue  Folge  der  Läuschen  erschienen.  Schon  im  nächsten 
Jahre  verliess  er  Anklam.  Er  fand  eine  neue  Wirkungsstätte  in  Kös- 
lin,  als  Bataillonsarzt  des  7.  pommerschen  Infanterie-Begiments  Nr.  54. 

Lauschen  I,  Nr.  19.    De  Wedd. 

Nach  Gädertz  soll  auch  der  ;,Wedd",  einem  der  gerühmtesten 
Läuschen  Beuters,  eine  wahre  Begebenheit  zu  Grunde  liegen.  Zwei 
Städte,  deren  Gymnasium  Beuter  besucht  hat,  meint  er,  Friedland 
(—  dieses  ist  Bömers  „Beuter"  S.  28  entlehnt  — )  und  Parchim 
streiten  sich  um  das  Erstgeburtsrecht  der  Geschichte,  „doch  scheint 
der  hübsche  Gaunerstreich  in  Parchim  und  zwar  in  dem  jetzigen 
Gasthaus  zur  Börse  sich  abgespielt  zu  haben.  Dieses  war  zu  Beuters 
Schülerzeit  im  Besitze  des  Bäckermeisters  und  Gastwirts  W.  Hanck. 
Dieser  wird  allgemein  für  Bäcker  Swenn  gehalten.  In  dem  ehemaligen 
Bäckerladen  befindet  sich  heute  noch  das  Zifferblatt  der  Uhr,  vor 
welchem  Swenn  gesessen  haben  soll;  an  jeder  Seite  steht  in  grossen 
Buchstaben  auf  dem  Balken  zu  lesen :  Hier  geiht  hei  hen,  dor  geiht  hei  hen. " 


88 

In  dem  Büchelchen  „Fritz  Reuter,  von  Marx  Möller^  (Leipzig 
1905)  S.  21  ff.  wird  in  Bezug  auf  diese  Parchimer  Lokalisation  der 
„Wedd^  launig  erzählt,  dass  sie  einem  Reuter- Forscher,  der  durch 
ungeschickte  Fragen  dazu  reizte,  von  einer  Wirtsfrau  geradezu  auf- 
gebunden sei.  Ich  kann  dahingestellt  sein  lassen,  ob  Gädertz  wirklich 
so  zu  seiner  ;,auf  Grund  authentischer  Quellenforschung*'  ermittelten 
Nachricht  gekommen  ist.  Jedesfalls  muss  seine  Angabe,  dass  ;,de  Wedd" 
einer  wirklichen  Begebenheit  nacherzählt  sei,  als  grundlose  Erfindung 
erklärt  werden.  Damit  die  viel  erörterte  Frage  nach  der  Herkunft 
dieses  viel  belachten  Läuschens  endlich  zum  Abschluss  gebracht  wird, 
werde  ich  hier  ausführlich  darlegen,  was  bereits  in  meiner  Ausgabe 
Reuters  Bd.  1,  S.  394  durch  Gitate  kurz  angedeutet  ist. 

Schon  1879  hatte  der  Rostocker  Anglist  Professor  F.  Lindner 
im  Ndd.  Korrespondenzblatte  Bd.  4,  S.  72  bemerkt:  „Beim  Durchlesen 
von  Captain  Marryafs  Narrative  of  the  travels  and  adventures  of 
Monsieur  Violet,  Leipzig,  Tauchnitz  1843,  fiel  mir  auf,  dass  pag. 
240 — 244  sich  die  Geschichte  findet,  welche  Reuter  in  seinem 
*Hier  geiht  he  hen,  dor  geiht  he  hen'  so  hübsch  erzählt.  Wahr- 
scheinlich hat  Reuter  seinen  Stoff  hieraus  entnommen.^  Als  dann 
R.  Sprenger  1897  (Ndd.  Korr.-Bl.  19,  S.  19)  eine  andere  Fassung 
derselben  Geschichte  in  einem  englischen  Lesebuche  nachwies,  unterzog 
C.  Walt  her  (Ndd.  Korr.-Bl.  19,  S.  58)  die  Frage  der  Abhängigkeit 
Reuters  von  einer  englischen  Quelle  einer  genaueren  Untersuchung. 
In  seinen  ebenso  scharfsinnigen  wie  fein  durchdachten  Erwägungen 
kommt  er  zu  folgendem  Ergebnis:  ;,Bei  Reuter  wird  der  Wirt  von 
seiner  Leidenschaft  für  Wetten  dadurch  kuriert,  dass  der  Doktor 
ihm  als  einem  Schwerkranken  und  Verrückten  so  lange  zusetzt,  bis 
er  kein  Wort  mehr  von  der  Wette,  die  man  für  eine  blosse  Ein- 
bildung seines  kranken  Gehirns  hält,  zu  sagen  wagt.  Dieser  Schluss 
des  Gedichtes,  der  länger  ausgefallen  ist  als  die  Schilderung  der  Wette 
selbst,  wird  von  Reuter  ersonnen  sein;  den  Stoff  zum  ersten  Teil, 
den  Schwank  von  der  Wette,  hat  er  entlehnt,  ohne  Zweifel  aus  einer 
englischen  Quelle.  Denn  nur  in  einem  Lande,  in  welchem  das  Wetten 
eine  so  verbreitete  Leidenschaft  ist  wie  in  England,  kann  die  Geschichte 
ersonnen  oder,  was  sehr  wohl  möglich  ist,  wirklich  passiert  sein. 
Ausser  England  liesse  sich  noch  an  Nordamerika  denken  . . .  Dass  Reuter 
aus  Marryat  entlehnt  habe,  will  ich  nicht  behaupten.  Auffallend  ist 
zwar  die  Übereinstimmung  in  dem  Sitzen  vor  der  Uhr;  aber  der 
Abweichungen  sind  so  viele,  dass  Reuter  eine  andere  englische  Vorlage 
gehabt  haben  wird." 

Walther  hat  das  richtige  erkannt.  Reuter  hat  in  der  Tat  seinen 
Stoff  nicht  Marryat,  sondern  einem  anderen  amerikanischen  Schrift- 
steller entlehnt.  Seine  Quelle  war  The  old  dock  des  taubstummen 
Amerikaners  James  Nack^  dessen  Gedichte  1852  in  New  York 
erschienen  sind.  Den  englischen  Text  des  Gedichtes  The  old  dock 
findet  man  auch  in  Elzes  ;, Englischem  Liederschatz^  5.  Aufl.  S.  448 


89 

und  bei  G.  Haller  ^Humoristische  Dichtungen^  (Halle  1868)  Bd.  1 
S.  149.  Bemerkenswert  ist,  dass  schon  an  letzterer  Stelle,  also  noch 
zu  Reuters  Lebzeiten,  zur  Vergleichung  auch  Reuters  De  Wedd  mit 
abgedruckt  ist. 

Zum  Beweis  der  Abhängigkeit  Reuters  von  Nack  genügt  eine 
Inhaltsangabe.  Ausschlag  gebend  ist  vor  Allem,  dass  nur  Nack  die 
Erzählung  mit  der  ärztlichen  Behandlung  des  Wettenden  schliessen  lässt. 

Tom  und  William,  zwei  Yankees,  kehrten  an  einem  Sommertage 
in  einer  Gastwirtschaft  ein,  assen  und  tranken  gut  zu  abend,  gingen 
dann  zur  Ruhe  und  Hessen  sich  am  nächsten  Tage  das  beste  Frühstück 
vorsetzen.  Als  sie  ihre  Zeche  bezahlen  wollten,  rief  der  eine  ganz 
erstaunt  aus  „Was  Wunder  sehe  ich?  Tom,  diese  Überraschung! 
die  Uhr,  die  Uhr!''  Der  Wirt  fragt  neugierig,  was  ihn  an  seiner 
alten  Uhr  so  in  Erstaunen  setze. 

„Tom,  donH  you  recollect,*'  said  Will, 

„The  dock  ai  Jersey  near  the  mill, 

The  very  image  of  thia  present, 

With  which  I  won  the  wager  pleasant  1^"  ' 

Will  ended  with  a  knowing  wink  — 

Tom  scratched  his  head  and  tried  to  think. 

Neugierig  geworden  fragt  der  W^irt,  was  für  eine  Wette  das  gewesen  sei. 

„You  remember, 
It  happened,  Tom,  in  last  December, 
In  sport  I  bet  a  Jersey  Blue 
That  it  was  more  than  he  could  doy 
To  make  his  finget  go  and  come 
In  keeping  tcith  the  pendulum ; 
Eepeating  tül  one  hour  would  dose. 
Still,  Here  she  goes  —  and  there  she  goes  — 
He  lost  the  bet  in  half  a  minute/^ 

Der  Wirt  rief  aus,  das  müsse  mit  dem  Teufel  zugehen,  wenn 
er  das  nicht  könne.  Sie  möchten  es  mit  ihm  versuchen,  er  wette 
fünfzig  Dollar.  Die  beiden  Yankees  sind  einverstanden,  behalten  sich 
aber  vor,  ihm  durch  ihre  Kniffe  (we  will  play  some  trick)  den  Handel 
zu  verleiden.  ,;/'m  up  to  that!^'  meinte  jedoch  der  Wirt  und  begann, 
je  nachdem  der  Pendel  sich  bewegte,  den  Zeigefinger  der  rechten 
Hand  nach  rechts  und  links  zu  bewegen  und  dazu  Here  she  goes  — 
and  there  she  goes  zu  sagen.  ^Halt,*'  wurde  ihm  zugerufen,  ;,erst  den 
Einsatz^!  Ohne  die  Bewegung  seines  rechten  Zeigefingers  zu  unter- 
brechen, lieferte  der  Wirt  mit  der  linken  Hand  seine  Börse  aus  und 
liess  sich  nicht  stören,  als  mit  ihr  seine  Gäste  das  Zimmer  verliessen. 
Die  Narren !  dachte  er,  solche  Witze  sollten  bei  ihm  nicht  verfangen, 
und  er  liess  nur  um  so  lauter  seine  Worte  Here  she  goes  etc.  ertönen. 
Auch  als  seine  Mutter  und  Frau  kommen,   lässt  er  sieh  nicht  unter- 


90 

brechen.     Seine  Frau  glaubt,  er  sei  verrückt  geworden,  und  ruft,  man 
solle  einen  Arzt  holen 

Bun  for  a  doctor  —  run  —  run  —  run 
For  Doctor  Brown  and  Doctor  Dun, 
And  Doctor  Black  and  Doctor  White 
And  Doctor  Grey,  with  all  your  might. 

Die  Ärzte  kommen,  jeder  von  ihnen  bringt  ein  anderes  Mittel 
in  Vorschlag.  Der  eine  will  zur  Ader  lassen^  der  andere  Blutegel, 
der  dritte  Schröpfköpfe,  der  vierte  spanische  Fliegen,  der  fünfte  eine 
Purganz,  der  sechste  ein  Brechmittel,  der  siebente  Pillen  verordnen, 
einer  sogar  trepanieren.  Der  Mutter  scheint  das  beste,  einen  Barbier 
holen  zu  lassen,  der  ihrem  Sohne  den  Kopf  kahl  rasieren  soll.  Dieser 
vermutet  in  Allem  listige  Veranstaltungen  seiner  beiden  Gäste,  damit 
er  die  Wette  verliere,  und  wiederholt  ohne  Unterlass  Here  she  goes  etc., 
bis  die  festgesetzte  Stunde  verflossen  ist.  Mit  Siegesbewusstsein  springt 
er  dann  auf,  um  sogleich  darauf  inne  zu  werden,  dass  er  das  Opfer 
eines  Betruges  geworden  war,  und  auszurufen  —  mit  diesen  Worten 
schliesst  Nacks  Gedicht  — 

„Oh!  purge  me!  blister!  shave  and  bleed! 
For,  hang  the  knaves,  Tm  mad  indeed!^^ 

Nacks  Gedicht  wird  als  unmittelbare  Quelle  Reuters  zu  gelten 
haben,  solange  nicht  eine  Bearbeitung  des  Gedichtes,  etwa  eine  Prosa- 
erzählung, nachgewiesen  wird,  welche  Reuter  benutzt  haben  kann. 
Nacks  Poems  sind  1852,  Reuters  Läuschen  1853  erschienen.  Eine 
zwischen  beiden  vermittelnde  dritte  Bearbeitung  ist  bei  dieser  kurzen 
Zwischenzeit  allerdings  kaum  wahrscheinlich. 

Offen  bleibt  die  Frage,  woher  Reuters  Kenntnis  des  englischen 
Originals  stammt.  Wir  wissen,  dass  Reuter  gelegentlich  deutsch- 
amerikanische Zeitungen  zu  Gesicht  bekommen  hat,  die  von  einem 
oder  dem  anderen  der  vielen  in  den  1840er  Jahren  ausgewanderten 
Mecklenburger  in  die  alte  Heimat  geschickt  wurden.  Es  lässt  sich 
vermuten,  dass  eine  solche  Zeitung  ihm  die  Kenntnis  des  Gedichts 
Nacks  vermittelt  hat. 


Läaschen  I,  Nr.  23.    Dat  Sösslingsmetz. 

Ein  Vorgänger  Reuters  auf  dem  Gebiete  der  plattdeutschen 
Läuschendichtung,  Ferdinand  Zumbroock  aus  Münster,  liess  1847  ein 
Bändchen  ^Poetische  Versuche  in  Westfälischer  Mundart"  drucken. 
Von  diesem  Büchelchen  sind  bis  1851,  also  vor  dem  Erscheinen  von 
Reuters  Läuschen,  vier  Auflagen  erschienen,  und  es  ist  wohl  möglich, 
dass  ein  Exemplar  desselben  auch  Reuter  zu  Gesicht  gekommen  ist. 
Das  erste  Stück  des  Buches,  auf  das  mich  Herr  Professor  Grimme  in 
Freiburg  aufmerksam  gemacht  hat,  „Dat  billige  Raseeren*  legt  diesen 
Gedanken  nahe.     Sein  Inhalt  sei  hier  kurz  erzählt. 


91 

Melcherd,  ein  Bauer,  kam  einst  zu  einem  Barbier,  um  sich  den 
Bart  abnehmen  zu  lassen,  fragte  aber  vorher,  was  das  kosten  würde. 
Der  Barbier  antwortet: 

Dat  kümp,  min  junge  Mann, 

Blaut  (bloss)  up  dat  Messer  an;  — 

En  Sülvergrosken  kostet  et, 

Niäm'  ick  dat,  wat  so  blindrig  lät. 

En  halven  man  (nur)  kostet  et  met  dat, 

Wat  dao  (dort)  lät  so  blank  und  glatt. 

Dat  andre,  wat  dao  tüsken  iss, 

Dao  doh'k  et  met  umsüss."  — 

^Was?  umsonst?  ganz  ohne  Geld!*  ruft  der  Bauer  aus  und  verlangt 
mit  diesem  Messer  rasiert  zu  werden.  Es  geschieht,  ohne  dass  der 
Barbier  Seife  nimmt,  in  einer  Weise,  dass  dem  Bauern  Hören  und 
Sehen  vergeht,  und  er  vor  Schmerz  aufspringen  möchte.  Nie  will  er 
sich  wieder  umsonst  rasieren  lassen.  Als  er  am  nächsten  Morgen 
mit  einem  Freunde  vor  dem  Hause  des  Barbiers  vorüberkam,  vernimmt 
er  ein  mächtig  Schreien. 

„0  Jees's"  —  sagg  Melcherd  —  „kum  man  to, 
Höär  ess  (hör  einmal)!  well  (wer)  schrait  dao  soV 
Dao  raseert  se  ganz  gewiss 
Wier  en'n  Mensk  umsüss!" 

Zumbroock  hat  für  sein  Gedicht  eine  recht  alte  Erzählung 
benutzt,  die  sich  schon  —  ich  verdanke  die  Nachweise  meinem  Freunde 
Professor  Johannes  Bolte  —  in  den  f,Facetie,  motu  &  hurle,  raccolte  per 
Lodovico  Domenichi,  Venetia  1581^,  S.  282  findet.  „Der  kurtz- 
weilige  Polyhistor,  von  Hilario  Sempiterno.  Cosmopoli  1719^  S.  113 
bringt  sie  in  folgender  Gestalt: 

Der  um  Gotteswillen  geputzte  Arme. 

Ein  armer  Mann  kam  in  eine  Stadt  zum  Barbierer,  bat,  weil  er  kein  Geld 
bätte,  er  möchte  ihn  um  Gotteswillen  den  Bart  abscheeren.  Der  Barbier  nahm 
eiü  sehr  stumpfes  und  schartiges  Scheermesser,  schür  ihn  dass  ihm  die  Augen  über- 
giogen.  Unterdessen  kam  ein  frembder  Hund  in  des  Barbierers  Küchen,  bei  den 
Fleischtopf,  die  Magd  prügelte  ihn  desswegen  weidlich  ab:  Der  Hund  kam  darauf 
schreyend  in  die  Stube  gelauffen,  da  ihn  denn  der  arme  Mann  mit  tränenden  Augen 
fragte :  Ob  er  auch  um  Gotteswillen  geputzet  wäre,  weilen  er  so  jämmerlich  schreie. 

Dieselbe  Erzählung  kehrt  dann  im  ;,Vade  Mecum  für  lustige  Leute,  ^ 
Th.  3  (1767),  S.  16  mit  der  Änderung  wieder,  dass  das  Gesicht  des 
Armen  (gerade  so  wie  das  des  Bauern  bei  Zumbroock)  mit  Wasser 
ohne  Seife  nass  gemacht  wird,  zu  Schluss  eine  Katze  in  der  Küche 
schreit,  und  als  der  Barbier  nach  der  Ursache  fragt,  der  Arme  meint : 
vielleicht  barbieret  man  sie  um  Gottes -Willen. 


92 

Die  Fassung  im  ^Blauen  Buch  zum  Lachen"  (5.  Aufl.  Halle 
0.  J.)  weicht  von  dem  Vademecum  nur  dadurch  ab,  dass  aus  dem 
Armen  ein  armer  Priester  geworden  ist. 

Schliesslich  bietet  auch  Hebel  in  den  ^Erzählungen  des  rhei- 
nischen Hausfreundes"  Abt.  1  (Wie  man  aus  Barmherzigkeit  rasiert 
wird)  eine  Bearbeitung,  welche  zu  der  Fassung  des  Kurtzweiligen 
Polyhistors  stimmt. 

Reuters  Läuschen  „Dat  Sösslingsmetz"  bietet  dieselbe  Erzählung 
wie  Zumbroocks  Gedicht,  nur  sind  die  Einzelheiten  anders  ausgemalt, 
und  die  Begebenheit  ist  nach  Stavenhagen  verlegt.  Bemerkenswerte 
Übereinstimmungen  sind  z.  B.,  dass  der  Bauer,  den  Zumbroock  schildert, 
ausserhalb  des  Dorfes  auf  abgelegenem  Gehöft  wohnt,  und  der  Bauer 
des  Läuschens  ein  Hanschendörfer  ist,  also  nach  alter  Stavenhagener 
Ausdrucksweise  ein  Bauer  aus  einem  abseits  gelegenen,  von  allem 
Verkehr  abgeschnittenem  Dorfe  oder  auch  Gehöfte.  Ferner  ist  in 
beiden  Gedichten  die  Verschiedenheit  des  Barbierlohnes  von  der  Wahl 
des  Messers  abhängig.  Besonders  fällt  aber  der  gleiche  Ausgang 
beider  Gedichte  ins  Auge.  Auch  der  Hanschendörfer  Bauer  kommt 
später  wieder  an  der  Barbierstube  vorüber,  hört  ein  mächtiges  Geschrei 
aus  dem  Hause  —  es  wird  gerade  ein  Schwein  geschlachtet  — 

„Haha!''  seggt  hei,  „nu  is  hei  weder  bi, 
Nu  lett  sick  weder  ein  halbieren." 

Sollte  trotzdem  Zumbroocks  Gedicht  Reuters  Quelle  nicht  gewesen 
sein  und  die  besonderen  Übereinstimmungen  zwischen  beiden  Dichtern 
durch  die  Benutzung  einer  unbekannten  altern  Fassung  sich  erklären, 
so  ist  doch  in  jedem  Falle  ausser  Zweifel  gestellt,  dass  die  dem 
Läuschen  zugrunde  liegende  Erzählung  von  Reuter  weder  erfunden 
noch  einer  Begebenheit,  welche  in  seiner  Vaterstadt  sich  zugetragen 
hat,  nacherzählt  sein  kann. 

Von  Gädertz  erhalten  wir  freilich  eine  andere  Belehrung: 
„Chirurgus  Metz  (in  Stavenhagen)  soll  die  grausame  Prozedur  an  einem 
Bauern  wirklich  vollzogen  haben.*' 

Die  Wahrscheinlichkeit  der  Benutzung  Zumbroocks  durch  Reuter 
würde  noch  grösser  sein,  wenn  noch  ein  anderer  Läuschenstoff  sich 
auf  Zumbroock  zurückführen  Hesse.  Dieser  erzählt  in  seinem  Gedicht 
;,De  Austern",  dass  ein  Bauer  von  seinem  Schlossherren  zur  Stadt 
geschickt  war,  um  für  ein  Gesellschaftsessen  auf  dem  Schlosse  einen 
Korb  Austern  zu  holen.  Der  Korb  war  recht  schwer,  und  der  Bauer 
verzweifelt  fast  daran,  mit  ihm  den  langen  Weg  zum  Schlosse  zurück- 
legen zu  können.  Einem  jungen  Burschen,  der  ihm  begegnet  und 
ihn  fragt,  klagt  er  seine  Not.  Als  der  Bursche  die  Austern  erblickt, 
ruft  er  aus:  ;,Ja,  mit  so  einem  Bauersmann  erlaubt  man  sich  doch 
alles!     Die  Austern  sind  ja  nicht  ausgenommen,  der  Koch  wird  Euch 


93 

schön  fegen,  wenn  Ihr  heimkommt.^  Der  Bauer  will  die  Austern 
dem  Kaufmann  zurückbringen,  der  Bursche  weiss  aber  anders  Rat. 
Er  holt  einen  Napf,  tut  den  Inhalt  der  Austern  hinein  und  heisst  mit  den 
leeren  und  somit  leichteren  Austernschalen  den  Bauer  zum  Schlosse  gehen. 
Diese  Schnurre  hatte  Reuter  im  Sinne,  als  er  in  einem  1858 
hergestellten  Verzeichnis  von  Lausch enstoflfen  notierte:  „Das  Aus- 
brechen der  Austern  und  Ausnehmen  derselben;  Pastor  Berg,  nach 
Bützow  und  Rostock  zu  verlegen."  —  Der  Zusatz  , Pastor  Berg**  kann 
bedeuten,  dass  dieser  ihm  die  Geschichte  erzählt  hat,  es  kann  aber 
auch  sein,  dass  Berg  in  der  Erzählung  eine  Rolle  spielen  sollte. 
\VirkIich  hat  es  zu  derselben  Zeit,  als  Reuter  in  Rostock  studierte, 
hier  einen  stud.  theol.  G.  Berg  gegeben,  der  später  Pastor  in  Westen- 
briigge  wurde  und  schon  1838  starb.  So  ist  es  wohl  möglich,  dass 
Reuter  die  Austerngeschichte  als  Studentenstreich  erzählen  und  als 
Modell  des  Studenten  den  späteren  Westenbrügger  Pastor  sich  vor- 
stellte. Wenn  dagegen  mit  „Pastor  Berg*  Reuters  Gewährsmann 
gemeint  sein  sollte,  würde  man  wohl  an  den  Präpositus  Christian 
Berg  zu  denken  haben,  welcher  in  dem  südlich  vom  Müritzsee  gelegenen 
Dorfe  Alt-Gaarz  1843 — 1859  Pfarrer  war.  Wenn  Alt-Gaarz  auch  von 
Neubrandenburg,  wo  Reuter  wohnte,  weitab  liegt,  so  gehören  doch 
beide  Orte  zu  Mecklenburg- Strelitz,  und  Berg  kann  Veranlassung 
gehabt  haben,  gelegentlich  die  Hauptstadt  des  Ländchens  oder  auch 
Xeubrandenburg  selbst  zu  besuchen  und  ist  dabei  mit  Reuter  bekannt 
geworden. 

Lauschen  I,  1.    De  Obserwanz. 

Die  neue  Folge  der  Läuschen  wird  durch  ^De  swarten  Pocken^ 
eröffnet.  W^er  Reuter-Vorleser  öfter  gehört  hat,  weiss,  welches  Lachen 
jenes  so  oft  vorgetragene  Läuschen  stets  auslöst,  und  begreift,  dass 
es,  als  eins  der  packendsten,  an  die  Spitze  der  Sammlung  von  seinem 
Verfasser  gestellt  ist. 

Die  alte  Folge  der  Läuschen  bietet  als  erstes  „Die  Obserwanz*'. 
Es  wird  erzählt,  dass  die  Bauern  ihrem  Pastor  einmal  zu  Weihnacht 
einen  prächtigen  Kuchen  gebracht  hatten  und  am  folgenden  Weihnachts- 
feste das  Geschenk  wiederholen  wollen.  Erfreut  will  ihn  der  Pastor 
wieder  in  Empfang  nehmen,  macht  aber  vorher  einen  schriftlichen 
Vermerk  „die  Bauern  waren  heute  hier  und  brachten  mir  wieder 
einen  Kuchen  zu  Weihnachten^.  Diesen  Vermerk  mache  er,  antwortet 
er  dem  fragenden  Dorfschulzen,  nur  um  die  Observanz.  „Hm!*' 
brummte  darauf  der  Schulze,  „oh,  denn  schriwen  S'  man  dor  achter 
noch  dit:  die  Bauern  brachten  ihn  mir  woll,  doch  nahmen  sie  ihn 
wieder  mit",  packt  den  Kuchen  wieder  ein  und  will  mit  ihm  das 
Pfarrhaus  verlassen.  Auf  die  verwunderte  Frage  des  Pfarrers,  was 
das  bedeute,  wird  ihm  lachend  erwidert  „dat  is  man  um  de  Obserwanz!" 

Es  liegt  die  Frage  nahe,  warum  Reuter  nicht  ein  ähnlich  wir- 
kungsvolles Läuschen  wie  das  erste  der  neuen  Folge  an  den  Anfang 
seiner  älteren  Sammlung,   also   etwa   „De  Wedd",   gestellt  hat?     Ich 


94 

konnte  in  meiner  Ausgabe  Reuters  nur  eine  Vermutung  aussprechen, 
die  an  eine  vor  mir  noch  nicht  verwertete  Nachricht  anknüpfte,  welche 
wir  einem  Sohne  von  Fritz  Peters  verdanken. 

Dieser  hat  in  der  Deutschen  Rundschau  Bd.  54,  S.  448  (1888) 
die  bekannten  Verse  Reuters  „Mein  Freund,  ich  bin  ein  armer  Schlucker" 
abdrucken  lassen  als  „das  Gedicht,  mit  welchem  er  Weihnachten  1852 
sein  Erstlingswerk  überreichte."  Da  die  ;,Läuschen"  damals 
noch  ungedruckt  waren,  kann  nur  das  Manuskript  eines  Teiles  der- 
selben gejneint  sein.  In  meiner  Ausgabe  merkte  ich  zu  dem  Lauschen 
an:  „Es  hat  seinen  besonderen  Grund,  dass  gerade  dieses  Lauschen 
an  die  Spitze  gestellt  ist.  Reuter  hatte  seinem  Freunde  Peters  Weih- 
nacht 1852  Julklappverse,  welche  die  Dedikation  seines  ersten  Werkes 
verhiessen,  nebst  dem  Manuskript  einer  Anzahl  fertiger  Läuschen 
überreicht.  Das  Manuskript  wird  er,  wie  man  annehmen  darf,  yor- 
gelesen  und  dann  wieder  mit  sich  genommen  haben.  Es  ist  deshalb 
von  schalkhafter  Anzüglichkeit,  wenn  in  dem  Läuschen  von  einer 
Weihnachtsgabe  die  Rede  ist,  die  gebracht  und  sofort  wieder  zurück- 
genommen wird.''  —  Dass  Reuter  sein  Manuskript  wieder  an  sich 
nahm,  erklärt  sich  ungezwungen.  Er  wollte  sich  die  Mühe  sparen, 
eine  neue  Reinschrift  anzufertigen. 

Was  ich  als  Vermutung  ausgesprochen  habe,  finde  ich  in  einem 
—  im  Wesentlichen  gegen  mich  gerichteten  —  Aufsatze  „Reuters 
Läuschen  un  Rimels,  von  K.  Th.  Gädertz''  (National-Zeitung,  Sonntags- 
beilage, 25.  Juni  1905)  und  später  in  Gädertz'  Ausgabe  der  Läuschen 
als  Tatsache  berichtet.  Nachdem  Gädertz  erzählt  hat,  dass  Reuter 
eine  Anzahl  Läuschen  im  Manuskript  als  Julklapp  für  Fritz  Peters 
geworfen  hatte,  fährt  er  fort:  ;,Das  als  Geschenk  dargebrachte  kleine 
Konvolut  hatte  er  aber  nachher  wieder  in  seine  Tasche  gesteckt, 
ähnlich  wie  im  ersten  Läuschen  ,De  Obserwanz'  die  Bauern  dem 
Herrn  Pastor  den  Weihnachtskuchen  mit  der  einen  Hand  geben,  mit 
der  anderen  zurücknehmen,  eine  scherzhafte  Entschuldigung  für  sein 
Gebahren.  Denn  er  brauchte  notwendig  gerade  jetzt  die  Kinder 
seines  Humors  um  sie  in  seiner  Vaterstadt  Stavenhagen  der  Familie 
zu  zeigen,  falls  sich  dazu  die  Gelegenheit  und  Stimmung  finden  sollte. 
Führte  ihn  doch  eine  traurige  Pflicht  in  der  Weihnachtswoche  dort- 
hin: seinem  Oheim  Ernst  Reuter,  der  ihn  nach  der  Festungszeit 
liebevoll  aufgenommen  hatte,  die  letzte  Ehre  zu  erweisen.*  (Der 
hierauf  folgende  Absatz  ist  wörtlich  Franz  Engel  ;, Briefe  von  Fritz 
Reuter*  Bd.  2,  S.  266  nacherzählt). 

Indem  Gädertz  weder  mich  als  Gewährsmann  nennt  noch  über- 
haupt eine  Andeutung  macht,  dass  die  Darstellung  auf  Vermutung 
beruht,  erweckt  er  den  Anschein,  aus  eigener  Kenntnis  des  Vorganges 
auf  grund  schriftlicher  oder  mündlicher  Nachrichten  zu  berichten. 
Um  so  eher  muss  man  so  schliessen,  weil  er  den  Grund  kennt,  wes- 
halb Reuter  sein  Manuskript  zurückfordert:  er  musste  nach  Staven- 
hagen zur  Bestattung  seines  Oheims  und  wollte  bei  dieser  Gelegenheit 
seine  Läuschen  vorlesen. 


95 

Gerade  aus  diesem  Zusatz,  den  Gädertz  meiner  Darstellung  an- 
hängt, lässt  sich  erweisen,  dass  er  wieder  einmal  blosse  Vermutung 
—  und  er  vermutet  meist  falsch  —  als  Tatsache  berichtet  hat. 

Wenn  das,  was  Gädertz  erzählt,  wahr  wäre,  müsste  Fritz  Reuter 
am  24.  Dezember  1852,  als  er  bei  Fritz  Peters  in  Thalberg  Weih- 
nachtsabend feierte,  bereits  die  Nachricht  vom  Tode  seines  Oheims 
empfangen  haben.  Es  lässt  sich  zeigen,  dass  das  nicht  der  Fall 
gewesen  sein  kann. 

Reuters  Oheim  ist  am  24.  Dezember  1852  in  Stavenhagen  ge- 
storben. Die  Stunde  seines  Todes  ist  unbekannt.  Selbst  wenn  man 
annimmt,  dass  sie  eine  frühe  Morgenstunde  war,  konnten  die  Eilbriefe, 
welche  die  Todesnachricht  seinen  vielen  Kindern,  Schwiegersöhnen 
und  Neffen  zutragen  sollten,  erst  Nachmittags  zur  Beförderung  kommen. 
Depeschen  kommen  nicht  in  Betracht,  da  Stavenhagen  damals  weder 
Eisenbahn  noch  telegraphische  Verbindung  hatte. 

Nach  Ausweis  des  Mecklenburg-Schwerinschen  Staatskalenders 
und  des  Preussischen  Kursbuches  ging  jeden  Freitag  um  2  Uhr  Nach- 
mittags von  Stavenhagen  eine  Post  nach  Demmin,  wo  sie  um  4^2 
Uhr  eintraf  und  nach  Anklam  weiterfuhr,  eine  andere  um  5  Uhr  40 
Min.  nach  Neubrandenburg,  das  sie  Abends  9  Uhr  5  Min.  erreichte. 
Sowohl  Demmin  als  Neubrandenburg  hatten  Anschluss  nach  Treptow 
a.  d.  Tollense,  beide  aber  erst  Nachts  bzw.  am  nächsten  Morgen. 
Es  ist  also  ausgeschlossen,  dass  Fritz  Reuter  vor  Weihnacht-Vormittag 
(Sonnabend)  den  Trauerbrief  erhalten  hat.  Reuter  kann  also  nicht 
schon  einen  Tag  vorher  von  dem  Sterbefall  gewusst  haben. 

Länschen  I,  Nr.  5.    De  Ballenwisch,  nnd  Lauschen  II,  Nr.  42. 

En  Prozess  will  hei  nich  hewwen. 

Wie  wir  gesehen  haben,  hat  die  blosse  Existenz  zweier  alter 
Wand-  oder  Standuhren  in  Bäckereien  der  Städte,  deren  Gymnasium 
Reuter  als  Schüler  besucht  hat,  zur  Bildung  der  lügenhaften  Tradition 
genügt,  dass  vor  jenen  Uhren  der  wettende  Bäcker  Swenn  sein  ^Hier 
geiht  hei  hen,  dor  geiht  he  hen"  gesprochen  habe,  die  Wette  also 
historisch  sei.  Wieviel  leichter  konnte  nicht,  zunächst  eine  Vermutung, 
dann  durch  gläubige  Weiterrede  eine  lokale  Tradition  entstehen,  dass 
irgend  eine  in  Reuters  Dichtungen  erzählte  Begebenheit  sich  wirklich 
in  dem  Orte  ereignet  habe,  wenn  von  Reuter  Namen  genannt  wurden, 
welche  auf  einen  bestimmten  Ort  oder  auf  eine  bestimmte  Person 
hinzuweisen  schienen. 

Es  gibt  bei  Wendisch -Warnow  an  der  Berlin -Hamburger  Bahn 
ein  mecklenburgisches  Gut  namens  Hühnerland,  plattdeutsch  Häuner- 
land.  Hier  lebte  in  den  1850er  Jahren  ein  alter,  vielleicht  auch 
missingsch  redender  Inspektor.  Als  Reuters  Stromtid  erschien  und 
man  darin  las,  dass  Bräsig  in  Haunerwiem  wohnte,  entstand  in  der 
Gegend  von  Wendisch -Warnow  das  Gerücht,  jener  alte  Inspektor  sei 
Reuters  Bräsig,  allein  und  einzig  nur  auf  die  Namensähnlichkeit  hin. 


96 

Reuter  nennt  den  Bürgermeister,  welcher  im  Läuschen  I  Nr.  3 
die  Bullenwiese  pachtet,  ;,Lisch^.  Nun  gab  es  in  der  mecklenburgischen 
Salinenstadt  Sülze  einen  Bürgermeister  Liss.  Wie  mir  Herr  Kirchenrat 
Dr.  Weiss  in  Sülze  mitgeteilt  hat,  glaubt  man  hier  und  hat  schon 
zu  Lebzeiten  des  Bürgermeisters  Liss  ernsthaft  geglaubt,  dass  dieser 
in  der  von  Reuter  geschilderten  Weise  sich  die  Pacht  der  Bullenwiese 
des  Ortes  zugesprochen  habe. 

Liss  ist  von  Oktober  1841 — 1859  Bürgermeister  gewesen  und 
1879  in  Sülze  gestorben.  Die  ihm  nachgesagte  Wiesenpacht  müsste 
in  die  Jahre  1842 — 1852  fallen.  Aus  eigener  Erinnerung  soll  in  Sülze 
heute  Niemand  mehr  über  Wahrheit  oder  Unwahrheit  der  Nachsage 
Auskunft  geben  können. 

In  Stavenhagen  wurde  Glagau,  dem  Biographen  Reuters,  erzählt, 
dass  der  Vater  Fritz  Reuters  der  betreffende  Bürgermeister  gewesen 
sei.  Drei  alte  Bürger  Stavenhagens,  deren  Gedächtnis  bis  in  die 
1820er  Jahre  reicht,  konnten  jenes  Gerücht  nicht  aus  eigener  Erinne- 
rung bestätigen,  zwei  von  ihnen  hielten  die  Tradition  allerdings  für 
glaubhaft,  dem  alten  Bürgermeister  sei  so  etwas  wohl  zuzutrauen 
gewesen. 

Schliesslich  ist,  wie  ich  im  Ndd.  Jahrbuche  29,  S.  59  nach- 
gewiesen habe,  dieselbe  Geschichte  schon  vor  1854  von  Daniel  Sanders 
erzählt  und  einem  Bürgermeister  von  Friedland  zugeschoben. 

Diese  dreifache  Tradition  ist  lehrreich.  Sie  muss  warnen, 
unverbürgtem  Gerede,  das  durch  die  Namensähnlichkeit  entstanden 
sein  kann,  Glauben  zu  schenken. 

Wenn  Reuter  den  Bürgermeister  des  Läuschens  ;,Lisch^  genannt 
hat,  so  war  es  vielleicht  gar  nicht  seine  Absicht,  auf  den  Sülzer  Bürger- 
meister ;,Liss^  anzuspielen,  denn  Lisch  ist  in  Mecklenburg  kein  seltener 
Name,  und  der  zu  ;,  Bullenwisch ^  gesuchte  Reim  führte  auf  ihn.  In 
anderen  Fällen  hat  allerdings  Reuter  mit  bewusster  Absichtlichkeit 
erfundene  Namen  so  geformt,  dass  sie  an  die  Namen  wirklicher 
Personen  anklangen  und  dem  Leser  die  Vermutung  kommen  musste, 
wirkliche  Begebenheiten  aus  dem  Leben  jener  Personen  zu  vernehmen. 

Durch  die  Vorführung  einer  Menge  bekannter,  nur  durchsichtig 
maskierter  Persönlichkeiten  wurde  das  lokale  Interesse  in  Mecklenburg 
durch  und  für  die  Läuschen  bei  ihrem  Erscheinen  an  vielen  Orten 
wachgerufen,  und  die  ausserordentlich  schnelle  Verbreitung  des  ersten 
Werkes  Reuters  erklärt  sich  hierdurch  nicht  zum  mindesten.  Freilich 
war,  wie  ich  bereits  in  meiner  Ausgabe  Bd.  1  S.  39  bemerkt  habe, 
die  Eigentümlichkeit  der  „Lauschen^,  das  Erzählte  zu  lokalisieren 
und  bekannten  Personen  zuzuschreiben,  eigentlich  ein  die  Wirkung 
der  Erzählung  fördernder  Kunstgriff.  Die  Teilnahme  am  Gehörten 
wächst,  wenn  es  als  wahres  Erlebnis  durch  Angabe  von  Ort  und 
Person  erwiesen  wird.  Nur  das  Kindermärchen  mit  seinem  ;,Es  war 
einmal  ein^  verzichtet  gänzlich  auf  diesen  Kunstgriff. 


97 

In  dem  Läuschen  „En  Prozess  will  hei  nich  hewwen^  wird  er- 
zählt, dass  ein  Herr  Lüttmann,  welcher  von  einem  Kandidaten  ver- 
klagt war,  dem  Gerichte  schrieb,  er  wolle  keinen  Prozess,  nicht  zum 
Termin  ei*schien  und  dann  entrüstet  war,  weil  er  verurteilt  wurde, 
trotzdem  er  keinen  Prozess  hatte  haben  wollen  und  der  Gerichts- 
direktor  sein  guter  Freund  sei. 

In  Reuters  StofFverzeichnis  v.  J.  1853  bezieht  sich  nach  Gädert^ 
auf  dieses  Läuschen  die  Einzeichnung  ;,Der  Handel  des  Herrn  von 
Dilten".  Reuter  muss  also  schon  vor  1853  die  zugrunde  liegende 
Anekdote  gehört  und  die  Absicht  gehabt  haben,  sie  von  einem  Herrn 
von  Ditten  zu  erzählen. 

Zu  dem  Läuschen  bemerkt  Gädertz:  ;,Gern  trank  Reuter  bei 
Schleuder,  dem  früheren  Besitzer  des  Hotel  de  Russie  zu  Rostock, 
[in  den  in  Betracht  kommenden  Jahren  war  Witwe  Schleuder  die 
Besitzerin]  einen  D.ämmerschoppen  und  hörte  von  der  Tafelrunde 
heitere  Anekdoten,  u.  a.  auch  eine,  die  er  in  dem  Läuschen  ungemein 
lebendig  wiedergegeben  hat.  Der  Held  dieser  von  einer  kindlichen, 
wenn  nicht  kindischen  Auffassung  des  Rechtes  zeugenden  Geschichte 
war  kein  .geringerer  als  der  frühere  Stadtkommandant  in  Rostock 
V.  Sittmann,  der  1853  seinen  Abschied  nahm  und  starb.  Reuter  hat 
zartfühlend  die  zu  einer  humoristischen  Behandlung  herausfordernde  Er- 
zählung für  den  zweiten  Band  seiner  Läuschen  un  Rimels,  der  erst  1858 
erschien,  zurückgelegt.*'  Von  allen  diesen  Einzelheiten  ist  richtig,  dass 
Reuters  Namensbildung  v.  Lüttmann  auf  den  Stadtkommandanten 
V.  Sittmann  zielt  und  dass  die  Rostocker,  welche  von  altersher  von 
ihren  Stadtkommandanten  gern  Allerlei  erzählten,  auch  Sittmann  in 
dieser  Beziehung  nicht  verschonten.  Alles  Übrige,  was  Gädertz  zur 
Einrahmung  dieser  Einzelheiten  beibringt,  habe  ich  Grund  für  blosse 
Vermutung  zu  halten,  besonders  auch,  dass  die  Geschichte  schon 
zu  Sittmanns  Lebzeiten  Reuter  im  Hotel  de  Russie  beim  ;,Dämmer- 
schoppen**  von  den  Stammgästen  erzählt  sei.  Es  wird  an  Gädertz 
sein,  Zeugnisse  für  seine  Angaben  beizubringen.  Wie  ich  von  einem 
Rostocker  Herrn,  bei  dem  und  mit  dem  Reuter  manche  Flasche  Wein 
in  Rostock  getrunken  hat,  gehört  habe,  ist  dieser  zeitweise,  um  1858, 
öfter  nach  Rostock  gekommen,  in  Zwischenräumen  von  etwa  acht 
Wochen.  Dass  er  in  dem  Jahrzehnt  vorher  ;,gern  seinen  Dämmer- 
schoppen bei  Schleuder"  trank,  habe  ich  nicht  erkunden  können. 
Dass  man  nach  1858  in  Rostock  das  Läuschen  auf  Sittmann  deutete 
und  als  bare  Münze  nahm,  beweist  nicht,  dass  dieser  selbst  früher  Ähn- 
liches erzählt  hatte.  Gädertz  hat  angemerkt,  wann  Sittmann  Gefreiter, 
Leutnant,  Kapitain  usw.  geworden  ist.  Er  hat  aber  versäumt  anzu- 
führen, dass  Sittmann  1834  in  das  Militär-Collegium  zu  Schwerin 
als  einer  der  zwei  Räte,  die  es  zählte,  berufen  worden  und  als  solcher 
bis  1840  tätig  gewesen  war,  ja  zuletzt  in  Vertretung  demselben  vor- 
gestanden hatte.  Die  mehrjährige  Mitgliedschaft  an  dieser  militärischen 
Verwaltungsbehörde  schliesst  wohl  aus,  dass  er  jene  „kindliche,  wenn 
nicht  kindische  Auffassung  des  Rechtes^  gehabt  und  betätigt  hat. 

Niederdeutsches  Jahrbuch  XXXIT.  7 


98 

Die  Möglichkeit,  dass  ihm  trotzdem  etwas  Ähnliches  schon  zu 
Lebzeiten  nachgeredet  wurde,  lässt  sich  zwar  nicht  durchaus  läugnen, 
doch  bedarf  es  besser  bezeugter  Angaben,  wenn  man  ein  solches 
Gerede  als  Quelle  des  Läuschens  annehmen  soll. 

Längchen  I,  Nr.  6.    De  Ihr  nn  de  Frend. 

In  diesem  Läuschen  erzählt  Reuter,  dass  Fiken  Bull,  die  Tochter 
eines  alten  Schuhmachers,  wider  den  Willen  ihres  Vaters  Schauspielerin 
geworden  war.  Die  Truppe,  der  sie  angehörte,  kam  später  in  ihre 
Heimatstadt  Waren  und  führte  hier  ein  Stück  auf,  zu  Schluss  dessen 
Fiken  nieder zuknieen  und  zu  rufen  hatte  „Vater,  vergieb  mir!"  Ihr 
anwesender  Vater  bezog  diese  Worte  auf  sich,  sprang  auf  die  Bühne 
und  rief:  ;,Min  Döchting!  nicks  hir  von  Vergewen!  An  Di  kann  ick 
blot  Ihr  un  Freud'  erlewen! 

Dem  Läuschen  liegt  ein  wirklicher  Vorgang,  der  sich  in  Reuters 
Vaterstadt  abspielte,  zu  Grunde,  den  Reuter  selbst  in  „Meine  Vater- 
stadt Stavenhagen*'  (Reuter,  Bd.  4,  S.  216  u.  486,  vgl.  E.  Brandes, 
Aus  Reuters  Leben  S.  21)  schildert.  Darnach  hiess  die  Schauspielerin 
Kläre  Saalfeld.  „Sie  beschloss  mit  dieser  Szene,*  sagt  Reuter,  „ihre 
dramatische  Laufbahn,  sie  trat  ins  bürgerliche  Leben  zurück  und 
heiratete  einen  geistesverwandten  Torschreiber.  Sie  blieb  bis  an  ihr 
Ende  die  erste  Autorität  Stavenhagens  in  dramatischen  Dingen.'^ 
Nach  Reuters  Schilderung  muss  jene  Szene  vor  der  Ankunft  des 
späteren  Postmeisters  Stürmer  in  Stavenhagen,  also  vor  dem  Jahre 
1816  stattgefunden  haben. 

Die  1809  geborene,  allen  alten  Stavenhägern  wohlbekannte 
„Tanten  LöwenthaP,  geb.  Meyer,  konnte  mir  aus  ihren  Jugend- 
erinnerungen mitteilen,  dass  der  Torschreiber  Ruthenick,  die  Schau- 
spielerin Klara  Mahnfeld,  nicht  Saalfeld,  geheissen  habe.  Das  die 
Neubrandenburger  Strasse  abschliessende  Torschreiberhäuschen,  das 
Meyersche  Kaufmannshaus  und  das  Haus,  aus  dem  Klärchen  Mahn- 
feld stammte  und  in  welchem  ihr  Verwandter  (Schwager?),  der  kinder- 
reiche Schlossermeister  Tröpfner  wohnte,  waren  Nachbarhäuser. 
Welcher  Schauspielertruppe  Clara  Mahnfeld  zugehörte,  liess  sich  aus 
Bärensprungs  „Geschichte  des  Theaters  in  Meklenburg^  S.  227 
ersehen.  Nach  seiner  Angabe  findet  sich  ihr  Name  als  Dem.  Mann- 
feldt  auf  Güstrower  Theaterzetteln  der  Reitzensteinschen  Truppe  v. 
J.  1809. 

Gädertz  hat  wohl  an  denselben  Stellen  wie  ich  Nachrichten  über 
Clara  Mahnfeld  erhalten.  Wenn  trotzdem  seine  Angaben  von  den 
meinen  abweichen,  so  hat  er  entweder  die  ihm  gegebene  Auskunft 
missverstanden  oder  aber  Vermutungen  ausgesprochen.  Er  sagt 
;,Sie  war  das  zwölfte  [?]  Kind  eines  Stavenhäger  Schlossermeisters, 
wurde  eine  nicht  unbedeutende  [?]  Schauspielerin,  trat  mit  der  Truppe 
des  Direktor?  Reitzenstein   auf  und   nach  obigem  Triumph  von  der 


99 

Bühne  zurück,  um  die  häuslich  sorgende  Gattin  des  Tor-  und  Mühlen- 
schreibers Christian  Ruthenick  zu  werden^. 

Dass  Clara  Mahnfeld  nicht  nach  obigem  Triumph,  sondern  erst 
eine  Anzahl  Jahre  später  die  zweite  Frau  Kuthenicks  geworden  ist, 
lässt  sich  leicht  erweisen.  Wie  oben  bemerkt  ist,  hat  jenes  Theater- 
ereignis sich  vor  dem  Jahre  1816  begeben.  Aus  der  auch  Gädertz 
bekannten  Stavenhäger  Einwohnerliste  von  1819  ist  aber  zu  ersehen, 
dass  in  diesem  Jahre  1)  Rutenicks  erste  Frau,  Friderike  geb.  Reuss, 
noch  lebte,  2)  dass  das  ehemals  Mahnfeldsche  Haus  im  Besitze  des 
Schlossermeisters  Tröpfner  sich  befand,  dessen  Frau  eine  geborene 
Mahnfeld  war,  vermutlich  eine  Schwester  Klaras,  3)  dass  ferner  der 
Vater  der  Schwestern  nicht  verzeichnet  ist,  also  wohl  verstorben  war. 

Lauschen  I,  Nr.  21.    De  Sehapknr. 

Auf  Jahrmärkten  pflegten  früher  Drehorgelspieler  sich  mit  grossen, 
fast  zwei  Meter  hohen  und  etwa  dreiviertel  Meter  breiten  Leinwand- 
tableaux  einzufinden,  auf  die  eine  Anzahl  Bilder  gemalt  waren,  welche 
den  Verlauf  irgend  eines  Raub-  oder  anderen  Mordes  darstellten, 
zuerst  etwa  den  Anschlag  des  Mörders,  dann  den  räuberischen  Überfall, 
die  Leiche  des  Ermordeten,  das  Ergreifen  des  Mörders  durch  Gens- 
darmen,  den  Mörder  im  Gefängnis  und  schliesslich  am  Galgen.  Die 
;,Mordsgeschichte*  war  in  ein  Lied  gebracht  und  wurde  zur  Drehorgel 
gesungen.  Zwischen  den  einzelnen  Strophen  wies  der  Drehorgelspieler 
mit  einem  Stabe  auf  das  zugehörige  Bild  und  erläuterte  es  durch 
einige  gesprochene  Worte. 

Die  Verse  34  —  137  der  ^Schapkur^  bieten  augenscheinlich  die 
parodistische  Nachahmung  eines  solchen  Leierkastenliedes.  Die  den 
vierzeiligen  Strophen  einigemal  vorgefügten  Verspaare  in  Kurzzeilen 
V.  106  f.,  118  f.,  124  f.  sind  ursprünglich  als  zwischen  den  gesungenen 
Versen  gesprochene  Hinweise  des  Leierkastenmannes  gedacht.  Nur 
Verspaar  V.  112  113  fügt  sich  dieser  Auffassung  nicht. 

Das  parodistische  Leierkastenlied  ist  wohl  nicht  ursprünglich 
in  der  Absicht  verfasst,  Teil  eines  erzählenden  Läuschens  zu  sein. 
In  recht  äusserlicher  Weise  ist  es  zu  einem  solchen  offenbar  erst 
nachträglich  durch  Vorfiigung  einer  nicht-strophischen  Einleitung  und 
einige  angehängte  Schlussstrophen  zurechtgemacht. 

Löst  man  das  Lied  aus  dem  Rahmen,  den  es  so  erhalten  hat, 
so  erhält  man  eine  Art  Gegenstück  zu  Reuters  Bänkelsängerlied  auf 
den  feierlichen  Einzug  der  gräflich  Hahnschen  Familie  in  Basedow 
am  20.  Oktober  1849.     (Reuter  Bd.  7  S.  239.) 

Beide  Dichtungen  begegnen  sich  in  der  Tendenz,  durch  die 
gewählte  parodistisch- volkstümliche  Gedichtform  die  geschilderte 
Begebenheit  und  die  handelnden  Personen,  hier  die  Gräfin,  dort  den 
Rittergutsbesitzer,  lächerlich  erscheinen  zu  lassen. 

Gädertz  merkt  in  seiner  Ausgabe  zu  dem  Läuschen  an:  ;,Der 
Rittergutsbesitzer  Karbatschky  heisst  im  Manuskript:   Drowalsky,  in 


100 

Wirklichkeit  —  nach  Mitteilung  einer  Mecklenburgerin  —  Kowalsky 
auf  Porstorf."  Gemeint  ist  Rud.  Cowalsky,  der  Alt-Poorstorf  bis 
1847  inne  hatte,  in  welchem  Jahre  der  Kammerherr  Carl  v.  Örtzen 
das  Gut  übernahm. 

Hat  die  Mecklenburgerin  nur  Auskunft  auf  die  Frage  gegeben, 
wer  mit  „Drowalsky*^  gemeint  sein  kann  oder  erinnert  sie  sich  wirklich, 
dass  Cowalsky  durch  den  Axthieb  seines  Schäfers  zeitlebens  schwach- 
sinnig geworden  ist? 

Ich  habe  Grund  zu  bezweifeln,  dass  die  Begebenheit  so,  wie  sie 
Reuter  darstellt,  verlaufen  ist.  Wenn  Cowalsky  der  Gutsbesitzer  war, 
müsste  sie  spätestens  1847  geschehen  sein.  Beiden  Annahmen  scheint 
eine  von  mir  in  dem  Rostocker  Wochenblatt  Nr.  51  vom  23.  Dezember 
1850  aufgefundene,  mit  zwei  Holzschnitten  illustrierte  Darstellung  der 
Begebenheit  zu  widersprechen.  Es  ist  nicht  sehr  wahrscheinlich,  dass 
die  Zeitung  erst  drei  oder  mehr  Jahre  nach  dem  Ereignis  eine  Schilde- 
rung derselben  brachte,  und  es  ist  ganz  unwahrscheinlich,  dass  die 
tendenzlose  Schilderung  der  Zeitung,  wenn  in  Wirklichkeit  der  Guts- 
besitzer den  Schlag  empfangen,  der  Schäfer  ihn  verschuldet,  gerade 
umgekehrt  den  Verlauf  dargestellt  hätte.  Dagegen  ist  es  wohl  ver- 
ständlich, wenn  Reuter  durch  seine  gegen  die  Rittergutsbesitzer 
gekehrte,  oft  betätigte  Tendenz  einen  von  diesen  als  geistesschwach 
hinstellt. 

Die  Heilung  der  Drehkrankheit. 

Schäfer -Idylle  in  2  Bildern. 

Erstes  Bild :  Die  Arznei. 

Schäfer.  Herr,  ick  bring  hier  nu  den  naarschen  Hamel,  wur  ick  gistem 
von  seggt  heff.  Den  möten  Se  wol  man  slachten  laten;  he  is  all  gor  to  wiet  to. 
He  geht  ümme  rund  um,  as  in  de  Bottermähl. 

Der  Herr.  Nee,  dat  Schlachten  hett  noch  Tiet ;  ick  will  em  man  noch  ihrst 
eens  wat  bruken.  —  Bring  em  na  de  Schüündehl  un  maak  de  Döhr  hinner  Di  to 
un  denn  hüll  em  mit'n  Kopp  fast  gegen  de  Schüündöhr.  Ick  will  denn  von  buten 
mit  de  Holtäx  gegen  de  Döhr  hoogen.  Von  de  Drähnung  springt  den  Hamcl  de 
Blas'  in'n  Kopp  un  denn  is  he  kurirt.  Giif  man  eens  de  Äx  ut'n  Holtstall  her  un 
denn  holl  em  den  Kopp  man  fast  gegen  de  Schüündöhr. 

Schäfer.    Na,  dat  sali  mi  denn  doch  verlangen,  wur  ml  dat  wundem  wardt. 

Zweites  Bild:  Die  Wirkung. 

Der  Herr  (nach  vollführtem-  Schlage  in  die  Scheure  blickend).    Na?    Hett't 

hulpen? Hotts  schwer  Ack!   dor  liggt  jo  Scheeper  un  Hamel   een  äwer't 

anner! Grüttmöller!    Daul    Kumm  äwer  End',  besinn  Di!  —  —  Schweer 

Leed !  dat  wier  jo  woll  ball  to  veel  worden  ? 

Schäfer.  Ja,  Herr,  dat  Mittel  helpt  to  dull.  Dat  soll  man  den  Hamel 
kurirn  und  dat  kurirt  uns  fuhrts  beejg  [mundartlich  statt  beide] !  —  Herre  du 
meenes  Läbens!  dat  dunsH  denn  doch  äwer  ook  liederlich  in'n  Kopp! 


101 

Der  Herr.  Na,  wur  Dunnerweder  best  Du  Dienen  Kopp  ook  mit  an  de 
Döhr  hellen? 

Schäfer.  Je,  dat  hew  ick  jo  woll!  Ick  künn  dat  jo  ook  nich  weeten, 
wurans  dot  [lies  dat]  weea! 

Der  Herr.    Herre  Jesus,  wat'n  Ossenmüller!    Büst  Du  denn  reeden  dwalsch? 

Schäfer.  Je,  west  bün  ick't,  äwer  nu  nich  mihrer.  Mi  hebben  Se  kurirt; 
ick  hoU  den  Kopp  up  de  Oart  seen  Leder  nich  werte  hen. 


Länscben  II,  Nr.  21.    Dat  smeckt  dor  äwerst  ok  nah! 

Zu  diesem  Läuschen  ist  in  meiner  Reuter- Ausgabe  angemerkt, 
dass  mit  dem  Pastor  Säger  tau  Salaten j  welchem  von  Reuter  die 
Geschichte  zugeschrieben  wird,  Friedrich  Hager,  1832 — 73  Pastor 
in  dem  Dorfe  Slate,  gemeint  sei.  Diese  Angabe  verdanke  ich  keiner 
Auskunft,  sondern  sie  ist  das  Ergebnis  einer  rein  philologischen,  an 
meinem  Schreibtische  gewonnenen  Folgerung.  Im  mecklenburgischen 
Platt  kann  der  kurze  Vokal  unbetonter  erster  Wortsilben  schwinden, 
wenn  die  konsonantischen  Anlaute  der  beiden  ersten  Wortsilben  ver- 
einigt eine  der  üblichen  Konsonantverbindungen  ergeben.  Es  konnte 
also  Salaten  =  Slaten  sein.  Die  Predigerverzeichnisse  bestätigten 
dann,  dass  es  in  diesem  Dorfe  einen  Pastor  Hager  gegeben  hat. 
Ich  habe  aber  nicht  gemeint,  dass  der  Pastor  Hager  die  erzählte 
Begebenheit  wirklich  erlebt  hat,  sondern  habe  ausdrücklich  angemerkt, 
dass  Reuters  Quelle  eine  Anekdote  war,  welche  in  Raabes  Allgemeinem 
plattdeutschen  Volksbuche,  Wismar  1854,  S.  142  und  vorher  in  den 
Fliegenden  Blättern  Nr.  356  (1852)  sich  gedruckt  fand. 

Über  dieses  Läuschen  handelt  auch  Gädertz  in  seinem  Aufsatze, 
in  welchem  ;,von  solchen  Läuschen  die  Rede  sein  soll,  deren  Original- 
figuren und  tatsächliches  Geschehnis^  er  ;,auf  Grund  authentischer 
Quellenforschung  ermittelt  habe  und  nachweisen  kann.*  Er  weiss 
gleichfalls,  dass  der  Pastor  Hager  in  Slate  gemeint  ist,  nennt  mich 
aber  weder  als  Gewährsmann  noch  gibt  er  an,  woher  er  sein  authen- 
tisches Wissen  über  ;,Originalfigur''  und  „tatsächliches  Geschehnis* 
hat,  er  führt  nur  an,  dass  ihm  der  jetzige  Pfarrer  von  Slate  seine 
[meine?]  Angabe  mit  den  Worten  bestätigt  habe,  ;, Hager  ist  wohl 
unzweifelhaft  mit  dem  Pastor  Säger  tau  Salaten  gemeint,  zumal  da 
ungebildete  Leute  noch  jetzt  oft  Salate  für  Slate  sagen.* 

Über  das  „tatsächliche  Geschehnis*  bringt  Gädertz  keinen  Nach- 
weis. Jedesfalls  berichtet  Reuter  kein  Erlebnis  Hägers,  sondern 
dichtet  ihm  nur  an,  was  ihm  die  oben  genannten  Quellen  aus  den 
Jahren  1852  und  1854  boten.  Da  diese  immerhin  die  denkbare 
Möglichkeit  nicht  widerlegen,  dass  in  ihnen  eine  Begebenheit  aus 
Hägers  Leben  erzählt  sei,  bringe  ich  hier  eine  Variation  derselben 
Geschichte  aus  dem  schon  vor  Hägers  Zeit  gedruckten,  schon  oben 
angeführten  „Blauen  Buch*.  Das  Alter  dieser  Fassung  schliesst  die 
von  Gädertz  angenommene  Möglichkeit  aus,  dass  die  Geschichte  von 


102 

Mecklenburg    aus   sich   verbreitet   und   so   in   die   Fliegenden  Blätter 
gelangt  sei. 

Ein  Bürger  kaufte  von  einem  Bauer  ein  Fuder  Holz.  Wie  nun  der  Bauer 
das  Holz  abgeladen,  nötigte  jener  ihn  herein  zu  kommen,  da  er  ihm  dann,  nebst 
Butter  und  Brot,  einen  holländischen  Käse  vorsetzte.  Wie  nun  der  Bauer  solchen 
gekostet,  merkte  er,  dass  er  gut  sei:  schnitt  derohalben  weidlich  hinein,  und  ass 
mit  grösster  Begierde.  Der  Bürger  hätte  den  Käse  gern  verschont  gesehen,  sagte 
dahero:  Mein  Freund,  es  ist  Eidammer  Käse.  —  Dieser  versetzte:  das  schmeck 
ich  wohl.  —  Man  kann  auch  leicht  zu  viel  davon  essen,  dass  man  wohl  gar  davon 
stirbt.  —  Ei,  sagte  der  Bauer,  indem  er  sich  noch  ein  grosses  Stück  abschnitt 
und  einsteckte,  ich  will  dieses  meiner  Frau  zu  essen  geben ;  denn  ich  möchte  doch 
das  alte  Fell  gern  los  sein. 

Lauschen  H,  Nr.  2.    En  gand  Geäehäft 

Zur  Erntezeit,  erzählt  Beuter,  goss  es  vor  langen  Jahren  einmal 
mit  Mulden  von  Himmel,  Tag  für  Tag,  das  Getreide  wollte  nicht 
trocken  werden  und  begann  bereits  auf  dem  Halm  auszuwachsen. 
Am  Sonntag  Hess  endlich  der  Regen  nach.  Um  seine  Ernte  zu  retten, 
beschloss  der  Bürgermeister,  sich  an  kein  Verbot  zu  kehren  und  ein- 
zufahren. Als  die  Bürger  seine  Erntewagen  fahren  sahen,  taten  sie 
sofort,  wie  er.  Ergrimmt  über  die  Sonntagsarbeit  verlangt  der  Pfarrer 
des  Ortes  Bestrafung  der  Schuldigen.  Der  Bürgermeister  setzt  Termin 
an  und  legt  Jedem  fünf  Taler  Strafe  auf.  ;,Wo,  Dunner  l'^,  rief  da 
einer  der  Bestraften  aus,  ^Sei,  Herr  Burmeister  führten  ok!"  — 
^Ja,  und  als  der  erste!"  fügte  der  anwesende  Pfarrer  hinzu.  —  Der 
Bürgermeister  kann  das  nicht  läugnen  ;,das  weiss  ich  wohl!  Ich  fuhr 
zuerst,  und  drum  bezahle  ich  heute  auch  zuerst  mein  Geld!"  Als  er 
sein  und  der  Übrigen  Geld  zusammen  hat,  fragte  der  Pastor:  ;,Wo 
bleibt  das  Geld".  —  ;,Das  Geld,"  entgegnet  der  Bürgermeister,  „fällt 
in  unsere  städtische  Sportelkasse."  —  ;5Und  wo  bleibts  dann?"  — 
^Je,  Herr  Pastur,  denn  flüt't  in  mine  Tasch  herin,  wil  ik  up  Sportein 
wesen  bün." 

Die  von  Reuter  in  den  Druck  gegebene  Fassung  des  Läuschens 
nennt  den  Ort,  wo  sich  die  erzählte  Geschichte  begeben  habe,  Grimmen. 
In  seiner  ersten  Niederschrift  heisst  der  Ort  Crivitz.  In  einem  Ver- 
zeichnis seiner  Läuschenstoffe  notierte  Reuter  „Der  Bürgermeister 
in  Mölln  zahlt  an  sich  selbst  fünf  Taler  Strafe  für's  Einfahren  am 
Sonntag".  Übereinstimmend  hiermit  schrieb  er  an  den  Bürgermeister 
Kirchhoff  in  Grimmen,  die  Geschichte  solle  in  dem  Geburtsorte  Euleu- 
spiegels,  in  Mölln,  passiert  sein. 

Der  Wechsel  des  Ortsnamen  zeigt  eigentlich  allein  schon,  dass 
die  in  den  Läuschen  genannten  Namen  an  und  für  sich  gar  nichts 
beweisen.  Aber  auch  die  briefliche  Mitteilung  Reuters,  der  Ort  des 
Begebnisses  ^ei  die  Eulenspiegelstadt  Mölln,  ist  selbst  eine  Eulen- 
spiegelei.    In  Wirklichkeit  war  der  Schauplatz  der  Geschichte  Staven- 


103 

liageD,  und  der  ^selir  strenge  und  sehr  gerechte  Bürgermeister^  — 
wie  ihn  der  Dichter  nennt  —  Fritz  Reuters  eigener  Vater. 

Schon  bei  meinem  ersten  Aufenthalt  in  Stavenhagen  hörte  ich: 
eine  ähnliche  Geschichte,  wie  die  in  dem  Läuschen  erzählte,  sage 
man  dem  Bürgermeister  Reuter  nach.  Misstrauisch  gegen  die  so  oft 
irrende  Ortsüberlieferung  legte  ich  der  Nachricht  zunächst  keine 
Bedeutung  bei,  beschloss  aber,  da  sie  sehr  bestimmt  auftrat,  später 
weiter  zu  forschen,  sobald  ich  über  das  Mass  des  Glaubens,  das  man 
den  einzeln  Gewährsleuten  schenken  dürfe,  ein  Urteil  gewonnen  hätte. 

Zu  den  Leuten,  welche  zu  unterscheiden  verstehen,  was  sie  aus 
eigener  Erinnerung  und  was  sie  vom  Hörensagen  wissen,  gehörten 
der  alte  Bäckermeister  Mohrmann  und  der  frühere  Sattler  und 
Tapezierer  Karl  Isack,  dieser  ist  über  achtzig,  jener  über  siebzig  Jahre. 
Beide  sind  in  Stavenbagen  geboren.  Mohrmann,  der  in  den  1840er 
Jahren  seine  Lehrzeit  in  Malchin  verlebte,  wusste  sich  nicht  zu  erinnern, 
in  welchem  Jahre  er  die  Geschichte  gehört  habe,  er  versicherte  aber 
entschieden  und  wiederholt,  sie  sei  ihm  schon  vor  1850  bekannt 
gewesen.  Isack  konnte  sich  mit  Bestimmtheit  darauf  besinnen,  dass 
die  Sache  in  seiner  Jugend  vorgefallen  sei.  In  dem  Jahre,  als  der 
grosse  Hamburger  Brand  [Mai  1842J  war,  habe  er  sich  auf  die 
Wanderschaft  begeben,  nicht  lange  vorher  müsse  es  gewesen  sein.  p]r 
kenne  Leute,  deren  Eltern  bei  der  Gelegenheit  hätten  Strafe  zahlen 
müssen,  er  glaube,  zwei  Taler.  Vielleicht  erinnerten  sich  diese  auch 
der  Sache  aus  ihrer  Kindheit  oder  aus  Erzählungen  ihrer  Eltern. 
Bald  erhielt  ich  folgenden  Bescheid:  Die  Sabbatschänder  waren  der 
Herr  Burgemeister  selbst,  dann  der  Stellmacher  Schulz,  Schmied 
Schlüter,  Ackerbürger  Strübing,  und  Posthalter  Allmer.  (Anderer 
erinnert  sich  der  Gefragte  nicht  mehr.)  Dabei  soll  Schlüter  gefragt 
haben  ;,Herr  Burmeister,  wur  blift  nu  dat  Geld^  —  ^Das  kömmt  in 
die  Sportelkasse**  —  ;,Und  denn?"  —  ^In  min  Tasch".  —  Das  ge- 
zahlte Strafgeld  habe  nur  einen  Taler  betragen. 

Ich  habe  nicht  in  Erfahrung  bringen  können,  welches  Getreide 
damals  eingefahren  wurde.  Handelte  es  sich  um  die  Roggenernte, 
so  Hesse  sich  der  betreflfende  Sonntag  mit  Hilfe  der  Witterungs- 
aufzeichnungen des  Mecklenburg-  Seh  werinschen  Staatskalenders 
bestimmen.  Die  Roggenernte  begann  in  Stavenhagen  herkömmlich 
am  Jacobitag,  also,  am  25.  Juli.  Dieser  Tag  fiel  im  Jahre  1841  auf 
einen  Sonntag,  in  der  folgenden  Woche  ist  Tag  für  Tag  massiger 
Regen  verzeichnet,  erst  beim  nächsten  Sonntag  ist  nur  Gewitter,  aber 
kein  Regen  angegeben.  Dieser  Sonntag  war  der  1.  August.  Die 
vorangehenden  Jahre  1839  und  1840  können,  vorausgesetzt  dass  es 
sich  um  Roggen  handelte;  nicht  in  Betracht  kommen. 

BERLIN.  W.  Seelmann. 


104 


Die  Fliegenden  Blätter  nnd  andere  literariscbe  QnelleD 

der  Länsclien  Renters. 


Den  von  mir  im  Niederdeutschen  Jahrbuche  Bd.  29,  S.  52  ff. 
und  von  C.  Walther  im  Korrespondenzblatt  Bd.  24,  S.  71  f.  gegebenen 
Nachweisen  der  Benutzung  der  Fliegenden  Blätter  und  anderer  Quellen 
durch  Fritz  Reuter  lasse  ich  hier  eine  neue  Reihe  folgen. 

Lauschen  I,  Nr.  56,  „Dat  Ogenverblenncn",  V.  33  fif.  erzählt, 
dass.  ein  Taschenspieler  das  Junge  von  einem  Kaninchen  und  einem 
Hahn,  die  sich  gepaart  hätten,  zu  zeigen  versprochen  habe.  Schliess- 
lich erklärt  aber  V.  116  ff.  der  Taschenspieler: 

„Ich  gab  heut  middag  mir  die  Ehre, 
Ein  schönes  Stück  Sie  zu  versprechen. 
Jetzt  muss  mein  Wort  ich  leider  brechen: 
Das  Junge  von  Earninken  un  von  Hahn 
Is  leider  mich  mit  Dod  afgahn; 
Doch  sollen  Sie  zu  kort  nich  schiessen, 
Ich  will  Sie  gleich  was  anners  wisen. 
Ich  will  dafür  die  beiden  Öllem  zeigen, 
Die  solVn  Sie  gleich  zu  sehn  kreigen." 
Un  dormit  wis't  hei  mi  un  Hanne  Wienken 
En  schönen  Hahn  un  en  Earninken! 

Reuters  Quelle  war  ein  angeblicher  Auszug  aus  einer  Reise- 
beschreibung, welcher  in  den  Fliegenden  Blättern  Bd.  12,  Nr.  271, 
(1850)  folgenden  Wortlaut  hat: 

„Gross  sind  die  Wunder  der  Natur  und  viel  unerf erschlich  ihre  Gänge 
und  Irrgänge.  Nachdem  ich  so  viel  des  Merkwürdigen  gesehen  und  bewundert, 
war  es  mir  vorbehalten,  das  Wunderbarste  und  Seltsamste  in  der  guten  Stadt 
Leyden  zu  erblicken.  Allda  hat  ein  Mynheer  Yanderkeeren  bekannt  gemacht, 
dass  eine  sonderbare  Missgeburt  entstanden  sei,  nämlicb  ein  Junges  von  einem 
Karpfen  und  einem  Affenpinscher,  welche  beide  öfters  an  einem  Bassin  im  Garten 
zusammengetroffen.  Das  Junge  ist  zwar  alsobald  gestorben  und  verscharrt 
worden,  aber  die  Eltern  habe  ich  Beide  selbst  gesehen ;  würde  sonst  gewiss  nicht 
diese  wunderbare  Thatsache  hier  mittheilen." 

Aus  dem  Holländischen  des  Van  Fleetenkieker. 

In  demselben  Läuschen  V.  121  flf.  wird  erzählt,  dass  einer  der 
jungen  Bauernburschen  einen  Affen  sieht  und  in  die  Worte  ausbricht: 

„Ne,  kik,  de  Ap!    Wo'st  mäglich  in  de  Welt! 
Wat  makt  de  Minsch  doch  all  för't  Geld!« 


105 

Ich  glaube  mich  zu  erinnern  eine  ähnliche  Stelle,  in  der  von 
einem  Bauern  auf  der  Leipziger  Messe  die  Rede  war,  gleichfalls  in 
den  Fliegenden  Blättern  gelesen  zu  haben.  Es  ist  mir  nicht  gelungen, 
diese  Stelle  wiederzufinden,  ich  bringe  deshalb  hier  eine  in  der  Ein- 
kleidung allerdings  sehr  abweichende  Fassung  zum  Abdruck,  welche 
das  bald  nach  1800  in  Halle  erschienene  ^blaue  Buch  zum  Todtlachen. 
Fünfte  Auflage,  o.  0.  n.  J.^  S.  57  bietet: 

Ein  Deutscher  brachte  einen  Affen  nach  Schweden  und  Hess  ihn  für  Geld 
sehen.  Ein  schwedischer  Bauer  fragte  den  andern,  was  ist  das  für  ein  Ding? 
der  andere  sagte:  Es  ist  ein  Affe,  der  aus  Deutschland  gekommen  ist.  Hm, 
sagte  der  erste,  was  macht  doch  der  Deutsche  nicht  fürs  Geld. 

Lauschen  II,  Nr.  48.  „'Ne  gande  Utred.^*  Den  Inhalt  dieses 
Läuschen  hat  Reuter  den  Fliegenden  Blättern  Nr.  476,  Bd.  20,  S.  157 
(1854)  entnommen.  Die  Geschichte  ist  hier  nach  Kiel  verlegt. 
Dazu  stimmt,  dass  die  Mundart  Holsteinische  Wortformen  bietet. 

In  der  W&sche.  Eine  Geschichte  in  drei  Scenen.  Ort  der  Handlung : 
Eine  Jacht,  die  von  Kiel  nach  Christiania  fährt. 

Erste  Scene. 

Schiffskapitän.  „Sehr  angenehm,  mein  lieber  Herr  Schmid,  Sie  hier  'mal 
an  Bord  zu  seh'n,  goddam !  Sie  frühstücken  mit  mir ;  Hannes  (zum  Küchenjungen), 
krieg'  gau  de  Serviett'  her  un'  deck'  den  Tisch  l'* 

Der  KajätenjaDge  schweigt  verlegen. 

Schiffskapitän.    „WuUt  Du  Döskopp  wuU  de  Serviett'  herkriegen  V^ 

Der  Knabe  Hannes  schweigt  noch  eine  Zeitlang  und  sagt  dann  „Wi  hävt 
je  gar  keen  Serviett',  Kap'tän!^ 

Zweite  Scene.    Fünf  Minuten  später  in  der  Küche. 
[Bild:  Der  Kapitän  prügelt  den  Jungen  mit  einem  Tauende.] 

Kapitän.  „Wo  kannst  Du  Oos  säggen,  dat  wi  keen  Serviett'  an  Bord 
büvt  —  Du  Snakenkopp!  Kannst  Du  nich  säggen:  De  Serviettn  sin  just  in  de 
Wasch' !  —  Ik  will  Di  verfluchtiges  Kröt  feine  Manieren  biebögen,  dam  your  eyes !" 

Dritte  Scene.    Eine  Stunde  später  beim  Dessert. 

Kapitän.  „My  dear  Sir,  kann  ich  Sie  mit  etwas  englischen  Käse  dienen? 
Uauues,  mien  Jong,  hol'  'mal  den  englischen  Käs  her!'' 

Hannes.    „De  inglische  Käs  —  Kap'tän  —  de  is  in  de  Wasch',  Kap'täu." 

Lauschen  II,  Nr.  60.  „En  Rock  möt  dorbi  äwrig  sId.'^  Reuters 
Läuschen  bietet  eine  Umgestaltung  des  nachfolgenden  Stückes  in 
Nr.  557,  Bd.  24,  S.  35  (1856)  der  Fliegenden  Blätter: 

Der  Hat  in  der  GemeinderechnuDg. 

Amtmann  (deutet  mit  dem  Finger  auf  eine  Stelle  in  der  Gemeinderechnung). 
„Was  soll  das  hier?" 

Schttltheiss  (setzt  die  Brille  auf  die  Nase  und  guckt  dem  Amtmann  über 
die  Schulter  nach  der  bezeichneten  Stelle).    „Ah  seh^s  nun  schon,  Herr  Amtmann. 


106 

Ja,  sehen  Sie,  Herr  Amtmann,  bei  der  letzten  von  Ihnen  befohlenen  Besichtigung 
des  Werra- Ufers  wehte  mir  der  Wind  den  Hut  in  den  Fluss;  alle  Mühe,  ihu 
wieder  aufzufischen,  war  vergebens.  Und  da  ich  im  Dienste  der  Gemeinde  war, 
als  ich  den  Hut  verlor,  so  fand  ich  es  in  der  Ordnung,  dass  diese  mir  einen 
neuen  bezähle.  Deshalb,  Herr  Amtmann,  steht  nun  der  Hut  hier  mit  auf  der 
Rechnung." 

Amtmann  (nimmt  Feder  und  Tinte  und  streicht  den  Posten).  „Kann 
nicht  passiren." 

Ein  Jahr  später. 

Amtmann  (mit  der  neuen  Gemeinderechnung  vor  sich,  lächelnd  zum 
Schulzheissen).  „Nun,  wie  steht's  mit  dem  Hute,  habt  Ihr  ihn  wieder  mit 
aufgestellt?« 

Sehnltheiss  (pfiffig).  „Ja  wohl,  Herr  Amtmann,  der  steckt  wieder  mit  drin, 
aber  dasmal  sieht  man  ihn  nicht." 


Läuschen  II,  Nr.  61,  „De  Hanptsak^S  "^^^^  erzählt,  dass  der 
jüdische  Kaufmann  Moritz  Gimpel  in  der  Wasserheilanstalt  Stuer 
seine  Frau  Blümchen  besuchen  will,  um  ihr  den  Tod  ihres  Bruders 
Moses  zu  melden.  Der  Arzt  bittet  ihn,  seine  Frau  erst  vorzubereiten, 
ehe  er  ihr  die  Trauernachricht  mitteilt,  der  Schreck  über  dieselbe 
könnte  sonst  die  ganze  Kur  gefährden.  Als  Blümchen  ihren  Mann 
plötzlich  erblickt,  fährt  sie  auf  (Vers  32  ff.): 

„Nu,  Gimpelche,  wos  isV 
Zu  Haus'  is  wos  pessiert  gewiss."  — 
„Wos  Süll  da  gepassiert  denn  sain?  — 
Pessieren?  —  Nu,  pessieren  tut's 
Ja  alle  Tag',  bald  Schlimm's,  bald  Gut's. 
Doch  halt  mol  still!    Da  fällt  mer  ain. 
Der  Borsch,  der  Itzig  Rosenstain, 
Der  hat  gewoltsam  Schlag'  gekrigt."  — 
„Wo  vor  denn?"  —  „Nu,  vor's  Kathaus  von's  Gericht."  — 
„Das  frag'  ich  ja  nicht,  Gimpelleben! 
Worüber  hob'n  sie  ihm  die  viele 
Grausame  Prügel  denn  gegeben?"  — 
„Worüber?  —  Über  die  Machile."  — 
„Ih,  Gimpel,  hör'  mich  doch  mal  ahn! 
Ich  frage  jo,  wos  hot  er  denn  getan, 
Dass  sie  so  grausam  schlugen  ihn?"  — 
„Getan?    Getan?  —  Au  waih  hat  er  geschrien."  — 
„Ich,  Moritz,  hör'  doch  nur,  ich  main  .  .  .  ."  — 
„Ich  hob'  genug.    Loss  sain!    Loss  sain! 
Genung  vor  dich,  dass  er  sie  hot! 
Ich  hob  zum  Schmusen  kaine  Zait, 
Du  bist  nu  prächtig  vorbereit't, 
Verschreck  Dir  nich :  Der  Mauses,  der  is  tot "  — 


107 

Reuter  hat  an  dieser  Stelle  die  nachstehend  abgedruckte  Anek- 
dote benutzt  und  nachgeahmt,  welche  die  Fliegenden  Blätter  in  der 
Sommer  1858  erschienenen  Nro.  684  (Bd.  29,  S.  47)  gebracht  hatten. 

Nielits  Ncaes« 

Schmul.    „Willkommen  Itzig!    Wie  lange  bist  Du  schon  hier?" 
Itzig.    „Seit  gestern." 
Schmal.    „Was  gibt's  Neues  zu  Haus?" 
Itzig.    „Neues  ?  —  Gar  nix  " 
Schmul.    „Was  doch?" 

Itzig.  „Wenn  Du's  schon  wissen  willst,  Dein  Bruder  hat  gekriegt  fünf 
und  zwanzig  Stockstreich." 

Schmal.    „I  fer  woos?" 

Itzig.    „Fer  woos?  fer  alle  Leut."  — 

Schmal.    „Nein,  ich  mein  af  woos?" 

Itzig.    „Af  woos?  af  de  Bank." 

Schmal.    „Versteh'  mich,  ich  mein  über  woos?" 

Itzig.     „lieber  woos  ?    Du  weisst  doch  über  woos  man  Stockstreich  kriegt." 

Schmal.    „Aber  nein,  ich  mein,  was  hat  er  denn  angestellt?" 

Itzig.    „Er  hat  gestohlen  deih  Amtmann  ein'  Wagen  mit  zwei  Ferd." 

Schmal.    „I!  das  hat  er  doch  schon  öfter  gethan?" 

Itzig.    „Ich  hab'  Dir  doch  gesagt,  es  giebt  nix  Neues  zu  Haus!" 

Läuschen  II,  Nr.   67.     „Dat  ward   all'  slichter  in  de  Welt.^^ 

In  diesem  Läuschen  wird  erzählt,  dass  011  Mutter  Schultsch  auf  den 
Tod  darnieder  liegt  und  der  Pastor  sie  damit  tröstet,  dass  es  im 
Himmel  besser  als  auf  Erden  sei. 

„Drum  hoffet  auf  den  Himmel  nur, 
Der  Himmel  nur  gibt  uns  Gewinn."  — 
„Ja,"  seggt  de  Ollsch,  „dat  säd  ick  ümmer. 
Doch  segg'n  sei  all'  jo,  Herr  Pastur, 
Dat  sali  dor  ok  nich  mihr  so  sin." 

Reuters  Quelle  war  Nr.  567,  Bd.  24,  S.  118  (185G)  der  Flie- 
genden Blätter,  in  der  sich  folgende  aus  Thüringen  oder  Sachsen 
stcammende  Einsendung  findet. 

Aacli  droben  aoders« 

Pastor.  „Tröste  Sie  sich,  liebe  Frau,  auch  dieses  Leiden  wird  vorüber- 
gelien!  Hier  ist  ja  nur  der  Ort  der  Sa^t,  droben  aber  wird  uns  die  Ernte  er- 
warten, und  die  Freude  und  das    ewige  Leben!" 

Frau.  „Ach,  härnse,  Herr  Pastor,  sinse  mer  stille  damit,  es  sollse  jetzt 
droben  ooch  nich  mehr  so  sin!"  — 

Lansclieii  II,  Nr.  68  „Up  wat?"  heisst  es: 

„Fik"  seggt  de  Ollsch  „dat  is  vörbi. 
Du  lettst  nahgrad  de  Treckeri! 
Ick  heww  den  ganzen  Rummel  satt; 


108 

Taum  Frigen,  Dirn,  dort  hürt  ok  wat, 
Un  du  best  nicks,  un  hei  hett  nicks ;  .... 
Up  wat  denn  wulFn  ji  jug  woU  frigen?"  — 
„TJp  Pingsten,  Mutting,  dacht'  wi  so." 

Die  Quelle  des  kleinen  Läuschens  findet  sich  in  Nr.  630  der 
Fliegenden  Blätter  (Bd.  27,  S.  28;  1857): 

Hütterliclie  ErmahnuDg. 

Matter :  „Lisi,  Lisi !    Die  Liebschaft  mit  dem  Hans  nimmt  kein  gat's  End' ! 
Du  hast  nix  und  er  bat  nix ;  auf  was  will  er  Dich  denn  beiratben  ?" 
Liese:  „Auf  Pfingsten,  Frau  Mutter!" 

Länschen  T,  Nr.  53.  Dat  ännert  de  Sak.  Ein  Vater  will  seinem 
Sohne,  der  sich  vor  dem  Heiraten  fürchtet,  Mut  machen  und  weist 
auf  sein  eigenes  Beispiel  hin,  sein  Vater  hahe  ihm  bloss  einen  Wink 
zu  geben  brauchen.     Der  Sohn  entgegnet: 

„Ja,  Yader,  dat  was  ok  en  anner  Ding, 
Hei  ded  ja  ok  uns'  Mudder  frigen." 

Es  ist  mir  nicht  gelungen,  für  diese  später  oft  erzählte  Anekdote 
eine  ältere  Quelle  zu  finden,  als  die  auch  sonst  von  Reuter  benutzten 
;,Schnurren^.     S.  7  lautet  sie  hier: 

Ein  böhmischer  Bauernbusch  sollte  beiraten  £r  fürchtete  sich  aber  ganz 
entsetzlich  und  weinte  bitterlich.  Der  Vater  sprach  ihm  Mut  zu  und  sagte: 
„Ale  Dummkupp !  was  is  e  zuferchten?  was  machste  fer  Dalkereien  ?  Mi,  schau 
me  an,  hob  i  nie  auch  heirat?"  »Jba"  schluchzte  der  Junge:  „Pantato  hat  e 
heirat  Pani  Mamo,  abe  i  muss  nemmen  ani  ganz  fremde  Perschon!'^ 

Lauschen  I,  Nr.  40.  De  Stadtreis'.  Ein  Bauer  und  sein  Sohn 
haben  den  geernteten  Weizen  zur  Stadt  gefahren,  hier  verkauft  und 
dabei  tüchtig  getrunken.  Der  alte  Bauer  wird  bei  der  Heimfahrt 
langhin  auf  den  Wagen  gelegt,  sein  Sohn  setzt  sich  auf  das  Sattel- 
pferd und  jagt  mit  den  Pferden  dahin,  dass  der  Alte  hoch  und  nieder 
fliegt.     Als  sie  zu  Hause  angekommen  sind,  sagte  der  Alte: 

„Hadd  ick  dat  minen  Vader  baden. 

Hei  wir  mi  kamen  up  de  Siden."  — 
„Na,"  seggt  de  Jung,  „Ji  mägt  ok  woll 

En  säubern  Vader  bewwen  hatt!"  — 
„Hä?"  fröggt  de  Oil.    „Min  Vader?    Wat? 

Min  Vader,  de  was  beter  woll  as  Diu." 

Reuters  Quelle  war  eine  Anekdote,  welche  ^Das  blaue  Buch  zum 
Todtlachen.  Fünfte  Auflage^  S.  17  in  folgender,  von  Reuters  unmittel- 
barer Quelle  wahrscheinlich  kaum  abweichender  Fassung  bot: 

Ein  Bauer  fuhr  mit  seinem  Sohne  nach  der  Stadt;  als  nun  dieser  etwas 
viel  getrunken  hatte,  liieb  er  bei  der  Rückreise  durch  die  Stadt  die  Pferde  so 
unbarmherzig  au,  dass  dem  armen  Vater  auf  dem  Wagen  alle  Kibben  im  Leibe 


109 

weh  taten.  Wie  sie  aufs  Feld  kamen  und  der  junge  Kerl  nachliess,  sagte  der 
Vater:  Ach!  das  Gott  erbarm,  so  hätt'  ichs  meinen  Eltern  nicht  machen  mögen. 
—  Ey !  versetzte  der  Sohn :  ihr  mögt  auch  wohl  die  rechten  Eltern  gehabt 
baben.  —  Ganz  aufgebracht  schrie  der  Alte :  Wohl  bessere,  als  du,  Schurke ! 

Fiken,  deon  frieg!  Die  neue  Folge  der  Lauschen  umfasst  G9 
Nummern.  Wie  aus  einem  in  Reuters  Nachlass  vorgefundenen  Blatte 
mit  einem  plattdeutschen  Dialoge  und  der  Bezeichnutig  Nr.  70  zu 
schliessen  ist,  hatte  er  ursprünglich  die  Absicht,  den  Dialog  in  poe- 
tischer Umgestaltung  seinen  Läuschen  un  Rimels  beizufügen.  Vorher 
hatte  er  die  erhaltene  Prosafassung  bereits  in  seinem  ;, Unterhaltungs- 
blatt''  Nr.  23,  S.  92  (2.  Sept.  1855)   abdrucken   lassen.     Sie   lautet: 

„Gun  Morgen,  mien  leiw  Herr  Pastur ;  ick  kam  tau  Sei,  seihn  S\  ick  bün 
nii  ok  all  in  dei  Joahren,  dat  ick  mi  giern  vefriegen  mücht.  Wat  meinen  Sei 
woll  doatau?" 

„„Ih,  Fieken,  denn  frieg!'*" 
„Je,  dat  is  woll  so;  äwersten  Hei  is  man  junge  as  ick." 
„„Je,  denn  frieg  leiwerst  nich."" 

„Je,  ick  dacht  nu  äwerst  so:  ick  kehm  denn   doch  in  betern  Ümstäne, 
wenn  ick  friegen  dehr." 
„„Je,  denn  frieg."" 
„Je,  Herr  Pastur,  dat  is  ok  man  so.    Dägen  deiht  Hei  nich;   wenn  Hei 
man  mi  nich  schleiht." 

„„Denn  frieg  nich."" 

„Je  äwerst  so  allein  in  dei  Welt  —  doa  ward  so  mit  Einem  rümmestött." 
„„Denn  frieg."" 

„Je,  dat  dehr  ick  denn  nu  ok  woll,  wenn  ick  man  wüsst,  dat  Hei  mi 
truu  blew  un  dat  Hei  't  nich  mit  oll  Krämerschen  ehr  olle  szackermentsche 
Diem  höU.« 

„„Denn  frieg  jo  nich."" 

„Je,  äwerst  ick  mügt  doch  goa  tau  giern  friegen." 
„„Na  denn  frieg."" 

Gädertz  bemerkt  zu  diesem  Stück:  „Es  ist  ein  drastisches, 
recht  aus  dem  Volksleben  gegriffenes  und  characteristisches  Gespräch.** 
—  Jedenfalls  ist  das  Gespräch  nicht  von  Reuter  selbst  „aus  dem 
Volksleben^  gegriffen.  In  dem  als  Hauptquelle  Hebels  für  seine  Er- 
zählungen aus  dem  Rheinischen  Hausfreunde  bekannten  „Vade  Mecum 
für  lustige  Leute.  Vierter  Theil.  Berlin  1777«,  S.  92  f.  findet  sich 
folgendes  Stück: 

Eine  Witwe  wollte  ihren  Knecht  Hans  heiraten  und  fragte  den  Pfarrer 
des  Dorfs  um  Rat.  Sie  sagte:  ich  bin  noch  in  den  Jahren,  dass  ich  ans  Hei- 
raten denken  kann.  —  Nun  so  heiratet,  antwortete  der  Geistliche.  —  Man  wird 
aber  sagen,  dass  er  viel  jünger  sei  als  ich.  —  Nun  so  heiratet  nicht.  —  Er 
würde  mir  mein  Pachtgut  zwar  gut  in  den  Stand  setzen  helfen.  —  Nun  so 
heiratet.  —  Aber  ich  fürchte  nur,  dass  er  meiner  überdrüssig  werden  möchte. 
—  Nun  so  heiratet  nicht.  —  Aber  auf  der  andern   Seite   verachtet  man   doch 


110 

eine  arme  Witwe  und  betrügt  sie  wo  man  nur  kann«  —  Nun  so  heiratet.  — 
Ich  besorge  nur,  dass  er  es  mit  den  Mädchen  halten  möchte.  —  Nun  so  heiratet 
nicht.  —  ...  (Der  Pfarrer  verweist  die  schwankende  Frau  schliesslich  auf  das, 
was  ihr  die  Glocken  raten  würden.  Als  sie  geläutet  werden,  hörte  sie  zuerst: 
nimm  den  Knecht  Hans,  später :  nimm  den  Hans  nicht.) 

Peter  von  Kastner:  Petrus,  du  hast  deinen  Herrn  verlengnet. 

Diese  Numinei?  in  Reuters  Verzeichnisse  von  LäuschenstoiFen  bezieht 
sich  auf  folgende  Anekdote,  die  in  Raabes  Jahrbuche  für  1847  S.  Ufi 
gedruckt  und  vermutlich  von  Reuter  selbst  (vgl.  Ndd.  Jahrb.  29,  S.  Gl) 
ebenso  wie  die  folgende  eingesandt  war. 

Wie  Petras  den  Heiland  Terlängnet, 

Ein  Prediger  hatte  sich  in  der  Kirche  an  einem  unhussfertigen  Sünder 
tätlich  vergriffen.  Er  entschuldigte  sich  wegen  dieses  Skandals  vor  dem  Consi- 
storium  zu  Rostock  unter  Anderm  damit,  dass  unser  Heiland  das  nämliche  getan 
hahe,  denn  als  derselbe  die  Wechsler  aus  dem  Tempel  getrieben,  sei  es  gewiss 
auch  nicht  ohne  Püffe  abgegangen.  Der  alte  Baron  Peter  von  Forstner,  damaliger 
Consistorial- Direktor,  verliert  in  seinem  Ärger  über  diese  unziemliche  Anführung 
die  Besonnenheit  und  ruft  im  vollsten  Amtseifer:  „Herr  Pastor!  richten  Sie  sich 
hinführe  nach  den  guten  Taten  unseres  Heilandes  und  nicht  nach  denen,  wo  er 
unrecht  hatte."  Das  war  natürlich  unserm  Pastor  ein  gefunden  Fressen.  Sich 
über  das  Gehörte  höchst  entrüstend  stellend,  schlägt  er  die  Hände  über  den 
Kopf  zusammen  und  schreit :  „Wo  bin  ich  ?  !  Was  muss  ich  hören  ? !  Stehe  ich 
vor  Pontio  Pilato  oder  vor  einem  christlichen  Consistorium  ? !  Unser  Heiland 
was  Unrechtes  getan!  Ich  schüttle  den  Staub  von  meinen  Füssen  und  gehe 
von  dannen.'^  Sprach's  und  Hess  ein  hochwürdiges  Consistorium  verblüfft  sitzen. 
Unser  Friedrich  Franz  I.  kam  aber  jedesmal,  wenn  er  den  Forstner  sah,  auf  die 
Geschichte  zurück  und  pflegte  ihm  dann  neckend  zuzurufen :  „Aber  Petrus, 
Petrus,  wie  konntest  Du  so  Deinen  Heiland  verleugnen?!'' 

Das  Kircbengehn  zu  Basedow  ('n  Pegel  Bramwin)  ist  eine  der 
Nummern  in  Reuters  Verzeichnis  von  Läuschenstoffen  betitelt.  Ge- 
meint ist  folgende  in  Raabes  Meklenburgischem  Jahrbuche  für  1847, 
S.  139  gedruckte  Anekdote: 

Die  Klrelienfiroline. 

„0,  Herr  Inspecter,  ich  wuU  Sei  baden  hebben,  ob  ich  hüt  nich^n  bäten 
na  mien'n  Ollen  gähn  künn?"  so  bat  ein  zu  einer  früher  sehr  weltlichen,  aber 
neuerdings  sehr  fromm  gewordenen  „Begüterung"  gehöriger  Hofknecht  seinen 
Inspector.  „Den  Düvel  ok !  an  di  is  jo  hüt  dei  Reig^ :  du  müst  nare  Kirch **  4autet 
der  Bescheid.  „Herr  Inspecter,  ich  heff  einen  föa  mi:  Jochen  geiht  fda  mi  hin, 
ick  hefF  eim*n  Pegel  Brannwien  vespraken,"  erwidert  der  Knecht.  „Na,  denn 
lop,^  entscheidet  darauf  endschliesslich  der  Inspektor. 

*  * 

Es  sei  mir  gestattet,  hier  noch  einmal  die  Frage  zu  erörtern, 
ob  Fritz  Reuter  Stoffe  zu  seinen  Läuschen  un  Rimels  aus  literarischen 


lU 

Quellen   und   insbesondere    den   Münchener   Fliegenden    Blättern    ge- 
schöpft habe. 

Gädertz  hatte  die  Behauptung  aufgestellt,  dass  Fritz  Reuter 
die  ersten  Anregungen  im  Dialekt  zu  dichten  schon  1840,  während 
er  in  Heidelberg  studierte,  durch  die  damals  erschienenen  Possen 
Niebergalls  in  Darmstädter  Mundart  empfangen  habe.  Diese  ent- 
hielten Scenen,  meinte  Gädertz,  welche  an  Reuters  Lustspiele  und 
an  Episoden  der  Stromtid  „frappant«  erinnerten. 

In  Band  29  dieses  Jahrbuches  unterzog  ich  Gädertz'  Begrün- 
dung seiner  Behauptung  einer  Nachprüfung.  Es  ergab  sich,  dass 
1)  Niebergalls  Possen  1840  noch  gar  nicht  erschienen  waren  und* 
erst  Ostern  1841  als  künftig  erscheinend  angekündigt  wurden,  2)  dass 
zwischen  den  Darmstädter  Possen  und  Reuters  Stromtidepisoden  und 
Lustspielen  weder  eine  frappante  noch  überhaupt  eine  besondere 
Ähnlichkeit  bestehe.  Gemeinsam  sei  beiden  nur  der  eine  Zug,  dass 
aus  der  Zeitung  etwas  vorgelesen  wird. 

Meinerseits  wies  ich  dann  andere  Druckwerke  nach,  welche 
1)  augenscheinliche,  zum  teil  frappante  Ähnlichkeiten  mit  den  Läuschen 
Reuters  boten,  2)  nicht  allzulange  vor  diesen  im  Buchhandel  er- 
schienen waren:  Ich  zog  hieraus  die  Folgerung,  dass  Reuter  jenen 
Druckwerken   den  StofiF  zu  einer  Anzahl  Läuschen  entnommen  habe. 

Als  Quellen  Reuters  hatte  ich  zunächst  mehrere  Jahrgänge  der 
Fliegenden  Blätter  und  zwei  Bände  von  Raabes  Mecklenburgischem 
Jahrbuche  ermittelt. 

Gädertz  Hess  zwar  seine  eigenen,  von  mir  widerlegten  Behaup- 
tungen stillschweigend  fallen,  bekämpfte  aber  desto  heftiger  und  zwar 
mit  Ausdrücken  der  Entrüstung  und  Überlegenheit  die  von  mir  — 
ich  kann  wohl  sagen  —  erwiesene  Tatsache,  dass  Reuter  den  Stotf 
zu  einer  Anzahl  seiner  Läuschen  aus  literarischen  Quellen  geschöpft 
hat.  Die  zuerst  in  der  Sonntagsbeilage  der  National-Zeitung  (1905, 
Nr.  26  f.)  gedruckten  Ausführungen  hat  Gädertz  auch  in  seiner 
ßeclam-Ausgabe  der  Läuschen  Reuters  wiederholt. 

Eine  dritte,  für  eine  verhältnismässig  grosse  Anzahl  Läuschen 
verwertete  Quelle,  auf  welche  mich  Professor  Bolte  aufmerksam  ge- 
macht hatte,  wurde  in  den  von  diesem  und  mir  bearbeiteten  Schluss- 
anmerkungen  des  ersten  Bandes  meiner  Reuter- Ausgabe  nachgewiesen : 
ein  kleines,  1842  erschienenes  Heft  von  84  Seiten,  das  den  Titel  hat: 
„Schnurren.  Volksbücher  27.  Herausgegeben  von  G.  0.  Marbach. 
Leipzig,  0.  Wigand,  o.  J.^  Der  Bearbeiter  dieser  Anekdotensammlung 
hat  sich  nicht  genannt.     Vermutlich  war  er  ein  Deutsch-Böhme. 

Wer  mit  der  Geschichte  der  kleinen  poetischen  Erzählungen 
nur  etwas  vertraut  ist,  der  weiss,  dass  die  wenigsten  von  ihnen  Er- 
findungen der  Dichter  sind,  welche  sie  in  Versen  bearbeitet  haben. 
Jeder  hat  ältere  Stoffe   übernommen  und   mehr  oder  weniger  umge- 


112 

staltet,  was  ihm  erst  aus  Büchern,  Zeitungen  oder  mündlicher  Er- 
zählung bekannt  geworden  war.  Ähnlich  verhält  es  sich  mit  den 
gedruckten  Anekdoten.  Ihre  Sammler  schöpften  gleichfalls  aus  der 
literarischen  oder  mündlichen  Tradition;  sie  haben  selten  erfunden, 
meist  haben  sie  nur  Entlehntes  durch  Umgestaltung  oder  neue  Ein- 
kleidung dem  Geschmacke  ihrer  Zeit  angepasst.  So  erklärt  sich, 
dass  recht  viele,  noch  heute  erzählte  Geschichtchen  sich  durch  Jahr- 
hunderte in  der  Literatur  zurückverfolgen  lassen,  mitunter  bis  in  die 
Zeiten  des  Altertums.  Anderseits  wird  so  auch  verständlich,  dass 
dasselbe  Geschichtchen,  mehr  oder  weniger  verändert,  sich  in  sehr 
verschiedenen  gedruckten  Sammlungen  und  daneben  auch  im  Volks- 
munde finden  kann. 

Das  dargelegte  Sachverhältnis  mahnt  zur  Vorsicht,  wenn  es  gilt 
zu  bestimmen,  ob  irgend  ein  bestimmtes  Buch  von  einem  Dichter  als 
Quelle  benutzt  sei.  Die  Nachweisung  einer  älteren  gedruckten  Fassung, 
welche  dem  Dichter  den  Stoff  möglichenfalls  geboten  hat,  ist  freilich 
stets  für  die  richtige  Würdigung  des  Gedichtes  wertvoll.  In  jedem 
Falle  wird  sie  erkennen  und  scheiden  helfen,  was  das  Gedicht  an 
altem  Lehngut,  was  es  an  eigener  Zutat  des  Dichters  bietet. 

Wenn  ich  und  mein  Herr  Mitarbeiter  uns  nicht  damit  begnügt 
haben,  in  den  Anmerkungen  zu  den  Läuschen  und  Rimels  Nachweise 
zu  geben,  welche  in  der  besagten  Beziehung  uns  wertvoll  schienen, 
sondern  einige  Druckschriften  als  unmittelbare  Quellen  Reuters  be- 
zeichneten, so  glauben  wir  die  gebotene  Vorsicht  nicht  ausser  Acht 
gelassen  zu  haben  Wenn  die  Fliegenden  Blätter  wie  die  Schnurren 
nur  je  ein  oder  zwei  Stücke  geboten  hätten,  so  hätten  wir  nur  mit 
der  Möglichkeit  oder  Wahrscheinlichkeit  gerechnet,  dass  gerade  sie 
von  Reuter  benutzt  sind.  Beide  Druckwerke  boten  jedoch  eine  ver- 
hältnismässig zu  grosse  Anzahl,  um  an  einen  blossen  Zufall  glauben 
zu  können,  und  es  fiel  bei  den  Fliegenden  Blättern  auch  der  Umstand 
ins  Gewicht,  dass  in  ihnen  die  ermittelten  Übereinstimmungen  gerade 
in  den  Jahren  erschienen  sind,  welche  dem  Druck  der  Läuschen  vor- 
angegangen waren.  Die  ;, Schnurren^  sind  allerdings  schon  1842 
gedruckt,  und  es  ist  immerhin  die  Möglichkeit  denkbar,  dass  eine 
jüngere,  uns  unbekannt  gebliebene  Anekdotensammlung  ihr  ausser 
anderen  auch  die  von  Reuter  benutzten  Stücke  entlehnt  und  diesem 
übermittelt  haben  kann.  In  diesem  Fall,  der  aber  erst  nachzuweisen 
ist,  würden  sie  nur  mittelbare  Quelle  sein.  Jedesfalls  kann  es  kein 
Zufall  sein,  dass  die  nur  84  Seiten  umfassenden  Schnurren  nicht 
weniger  als  siebenmal  zu  Reuters  Läuschen  stimmen.  Wenn  Gädertz 
das  trotzdem  bestreitet,  so  liegt  ihm  ob,  die  Gegenprobe  zu  machen, 
d.  h.  irgend  ein  anderes  Druckwerk,  wenn  auch  von  etwas  grösserem 
Umfange,  ausfindig  zu  machen,  in  welchem  sich  annähernd  die  gleiche 
Anzahl  findet. 

Wenn  ich  behauptet  habe,  dass  Reuter  den  Fliegenden  Blättern 
und  den  Schnurren  eine  Anzahl  Läuschenstoffe  entnommen  habe,  so 
^kann   freilich   für  den  einzelnen  FalP,  wie  ich  in  meiner  Ausgabe 


113 

Reuters  Bd.  1,  S.  389  ausdrücklich  betont  habe  ;,die  Möglichkeit 
bestehen  bleiben,"  dass  ihm  ein  darin  gebotener  Stoff  aus  einer  an- 
deren Quelle  oder  auch  mündlicher  Erzählung  bekannt  geworden  ist. 

Einen  solchen  Fall  hat  Gädertz  für  das  Läuschen  II,  Nr.  13 
„De  beiden  Baden"  ermittelt.  Es  ist  aber  bemerkenswert,  dass  dieser 
Fall,  für  den  ich  also  mit  Unrecht  eine  literarische  Quelle  angenommen 
hatte,  neben  meinen  übrigen  Belegen  wie  eine  Ausnahme,  welche  die 
Regel  bestätigt,  angesehen  werden  kann.  Wenn  man  die  Ndd.  Jahr- 
buch 29,  S.  52  ff.  abgedruckten  Texte  mit  den  Läuschen  Reuters 
vergleicht,  wird  man  finden,  dass  diese  ausser  in  der  Pointe  auch 
sonst  in  einer  oder  der  anderen  Einzelheit  zu  Reuter  stimmen.  In 
dem  von  Gädertz  angezogenen  Läuschen  erstreckt  sich  dagegen  die 
Obereinstimmung  mit  den  Fliegenden  Blättern  nur  auf  die  Pointe. 

Um  hier  an  einem  kurzen  Beispiele  nachzuweisen,  dass  Reuters 
Läuschen  den  „Schnurren*'  näher  stehen  als  anderen  Fassungen, 
beziehe  ich  mich  auf  Läuschen  I,  Nr.  31  „De  Hülp^.  Es  wird  darin 
erzählt,  dass  ein  Bauer  seinen  Knecht  Johann  sucht.  Er  findet  ihn 
auf  dem  Heuboden.  „Wat  -makst  du  dor?"  Johann  antwortet,  er 
habe  etwas  schlafen  wollen.  Er  fragt  dann  den  gleichfalls  auf  dem 
Boden  befindlichen  Christian,  was  er  dort  zu  tun  habe.  „0  nix  nich, 
Herr!     Ick  hülp  Johannen." 

Dieses  Geschichtchen  ist  mir  noch  in  vier  anderen  Fassungen 
bekannt,   von  denen  ich  zwei  Herrn  Dr.  Tardel  in  Bremen  verdanke. 

1)  In  der  „Lebensgeschichte  des  Baron  Friedrich  de  la  Motte 
Fouque,  aufgezeichnet  durch  ihn  selbst"  Halle  1840  S.  106  ein 
„niederdeutsches  Kinderhistörchen " 

„Peter,  wat  makst  du  da?"  — 

„Nischt."  — 

„Un  du,  Hans?"  — 

„Ick  helpe  ihm." 

2)  In  englischer  Sprache  von  unbekannter  Herkunft,  abgedruckt 
in  Süpfles  ^Englischer  Chrestomathie"  7.  Aufl.  S.   12. 

A  master  of  a  ship  called  down  into  the  hold:  „Who  is  there?"  — 
„Will,  Sir"  was  the  ans  wer.  —  „What  are  you  doing?"  —  „Nothing,  Sir."  — 
„Is  Tom  there?"  —  »Yes"  answered  Tom.  —  „What  are  you  doing?"  — 
„Helping  Will,  Sir."  — 

3)  Quedlinburger  Fassung,  c.  1863. 

Ein  Gärtner  kommt  in  seinen  Garten  und  sieht  zwei  seiner  Leute  im 
Schatten  zweier  Bäume  auf  dem  Rasen  liegen.  „Was  machst  du  da?"  rief  er 
den  einen  an.  —  »Ach,  ich  ruhe  mich  nur  etwas  aus."  —  Er  schreitet  weiter  und 
fragt  auch  den  andern,  der  sich  inzwischen  erhohen  hat.  „Ich  helfe  dem  andern" 
erhält  er  zur  Antwort. 

Niederdeutsches  Jahrbuch  XXXII.  8 


114 

4)  Schnurren,  S.  76. 

„Hans,  Hans !"  rief  ein  alter  Bauer  auf  seinem  Gehöfte.  Hans  antwortete : 
„Was  sull  ich?«  —  „Wu  biste.«  —  „üfm  Heuboden.«  —  „Wos  machste  do?« 
—  „Nischt."  —  „Wu  is  denn  Dei  Bruder?"  —  „Der  is  oben.«  —  „Wos  macht 
denn  der?"  —  „A  hilft  mer.«  — 

Ein  zweiter  Fall,  den  Gädertz  anzieht,  ist  mir  nicht  glaubhaft. 
Er  sagt,  die  in  Läuschen  II,  Nr.  7  „En  Missverständnis ^  geschilderte 
Begebenheit  sei  schon  ein  Lustrum  bevor  sie  1857  in  den  Fliegenden 
Blättern  gestanden  habe,  in  Treptow  dem  Bürgermeister  Krüger  nach- 
gesagt worden.  Die  Richtigkeit  dieser  Nachricht  hat  mir  von  einem 
Mitgliede  des  Krüger- Reuter -Schröderschen  Familienkreises  nicht 
bestätigt  werden  können.  Ich  vermute,  dass  das  von  Gädertz  angeführte 
Gerede  nicht  die  Quelle  des  Läuschens  war,  sondern  erst  durch  dieses 
hervorgerufen  worden  ist.  Für  meine  Vermutung  scheint  auch  die 
Tatsache  zu  sprechen,  dass  Reuter  und  Krüger  gut  befreundet  waren. 
Diese  Freundschaft  würde  sicher  in  die  Brüche  gegangen  sein,  wenn 
Reuter  den  Bürgermeister  Krüger  durch  sein  Läuschen  lächerUch 
gemacht  hätte.  Ich  kann  auch  daran  erinnern,  dass  Reuter  nach 
Gädertz  eigener  Angabe  ;,  zartfühlend  die  zu  einer  humoristischen 
Behandlung  herausfordernde  Erzählung^  (vgl.  oben  S.  97)  von  dem  Prozess 
des  Herrn  von  Sittmann  in  Rostock  bis  nach  dessen  Tode  ;, zurück- 
gelegt hat^.  Sollte  er  einem  Freunde  gegenüber  weniger  zartfühlend 
gewesen  sein  als  bei  einem  weitab  in  Rostock  wohnenden  Unbekannten? 

Ich  werde  jetzt  der  Reihe  nach  die  Gründe,  mit  welchen  Gädertz 
gegen  meine  Ansicht  zu  Felde  zieht,  erörtern. 

Zunächst  behauptet  Gädertz,  Reuter  habe  schon  1851,  also  ehe 
Klaus  Groths  kurz  vor  Weihnacht  1852  erschienener  Quickbom  ge- 
druckt war,  Tag  für  Tag  Läuschen  gedichtet.  5,  Fast  allabendlich, 
nach  Beendigung  von  sechs  bis  sieben  Privatstunden,  wurden  von 
acht  bis  zehn  Uhr  Läuschen  geschrieben,  schildert  Frau  Luise  Reuter 
den  Anfang  von  Reuters  Schriftstellerbahn,  1851.^  Die  Worte  sind 
den  bekannten,  in  der  Gartenlaube  von  1874,  S.  650 — 652  gedruckten 
Mitteilungen  der  Frau  Reuter  entnommen.  In  diesen  wird  aber  nirgend 
das  Jahr  1851  genannt,  es  ist  also  von  Gädertz  nur  —  vermutet. 

Gädertz  ruft  noch  einen  zweiten  Zeugen  für  die  Entstehung 
vieler  Läuschen  im  Jahre  1851  auf.  Er  sagt  wörtlich :  ;,So  berichtete 
mir  Karl  Otto,  Reuters  Schüler  bis  Ostern  1851:  Die  Anekdote  in 
plattdeutsche  Verse  zu  bringen,  schien  ihm  besonders  gelingen  zu 
wollen;  und  grosse  Freude  machte  es  ihm,  die  humoristischen  Er- 
zählungen des  Justizrats  Schröder  zu  benutzen,  der  bemüht  war, 
aus  seinem  Schatz  von  Läuschen  ihm  immer  neuen  StoiF  zu  liefern. 
Die  Mappe,  in  welcher  Reuter  die  auf  Zetteln  geschriebenen  Rimels 
bewahrte,  und  die  oft  ins  Schrödersche  Haus  gewandert  ist,  schwoll 
mehr  und  mehr  an;  zu  dem  Entschluss,  mit  den  Läuschen  und  Rimels 


115 

vor  die  Öffentlichkeit  zu  treten,  war  es  dann  nicht  mehr  weit.*  — 
Die  Worte  ;, Reuters  Schüler  bis  Ostern  1851*  in  diesem  Zusammen- 
hange sollen  doch  wohl  so  verstanden  werden,  dass  das  von  Otto 
berichtete  Anschwellen  der  Mappe  schon  vor  Ostern  1851  stattgefunden 
hat.  Die  Richtigkeit  dieser  Zeitangabe  kann  ich  nicht  nachprüfen. 
Sie  allein  würde,  vorausgesetzt  dass  kein  Irrtum  vorliegt,  genügen, 
die  allgemein  geteilte  Ansicht  umzustossen,  dass  Reuter  erst  Ende 
1852  durch  den  Erfolg  des  damals  erschienenen  Quickboms  Klaus 
Groths  angeregt  sei,  selbst  ein  plattdeutsches  Buch  erscheinen  zu 
lassen.  Gegen  diese  Ansicht  hat  Gädertz  schon  seit  Jahren  ebenso 
energisch  als  erfolglos  angekämpft,  und  es  muss  auffallen,  dass  er 
jetzt  mit  einer  Nachricht  kommt,  welche,  wenn  sie  wahr  wäre,  an 
Stelle  aller  Folgerungen  die  Logik  der  vollendeten  Tatsache  setzte. 
Gädertz  hat  ein  kurzes  Gedächtnis  und  wiederholt  sich  gern. 
Zu  Anfang  seiner  Einleitung  zu  den  Läuschen  hatte  er  die  Mitteilungen 
von  Frau  Luise  Reuter  und  Karl  Otto  auf  das  Jahr  1851  bezogen. 
Auf  einer  der  folgenden  Druckseiten  sagt  er  wörtlich:  „Nach  Treptow 
[Ende  1852]  heimgekehrt,  machte  sich  Reuter  nun  mit  verdoppeltem 
Eifer  an  die  weitere  Ausarbeitung,  legte  eine  lange  Liste  der  Stoffe 
an  und  schrieb  die  Kladde  von  Neujahr  bis  Johannis  1853  fast  all- 
abendlich stundenlang,  nachdem  er  tagsüber  fleissig  unterrichtet  hatte.  ^ 
Das  ist,  im  Auszuge,  noch  einmal  der  Bericht  der  Frau  Reuter,  dies- 
mal ist  er  aber  —  mit  Recht  —  auf  das  Jahr  1853  bezogen!  — 

Reuter  habe  gar  nicht  nötig  gehabt,  sagt  Gädertz,  nach  neuen 
Stoffen  zu  suchen.  ^Wir  sahen  schon,  dass  er  eher  an  Überfluss  litt, 
ja  er  gleich  anfangs  so  viele  Stücke  mit  witzigen  Pointen  kannte, 
die  hingereicht  hätten,  um  daraus  drei  Bände  zu  gestalten,^  ;,denn 
sein  bereits  Neujahr  1853  angelegtes  Verzeichnis  weist  über  170 
Nummern  auf.*'  —  Reuter  hat  sein  Verzeichnis  Neujahr  1853  angelegt, 
d.  h.  begonnen.  Woher  weiss  Gädertz,  dass  er  es  damals  schon  ab- 
geschlossen hat?  Aber  auch  abgesehen  hiervon,  ist  mir  die  Beweis- 
kraft jenes  Verzeichnisses  dafür,  dass  Reuter  literarische  Quellen 
nicht  zu  benutzen  brauchte,  durchaus  unerfindlich.  In  jenem  Ver- 
zeichnis waren  die  Stoffe,  welche  Reuter  den  Fliegenden  Blättern 
entlehnt  hatte,  bereits  verzeichnet,  vgl.  Nr.  51,  3,  134,  129,  87  usw. 
Beiläufig  sei  übrigens  bemerkt,  dass  Gädertz'  Folgerung,  weil  Reuter 
zahlreiche  Stoffe  hatte,  habe  er  nach  weiteren  nicht  gesucht,  durch 
die  Tatsache  widerlegt  wird,  dass  die  Stoffe  zu  liäuschen  I,  Nr.  56, 
I,  Nr.  62  und  wohl  auch  I,  Nr.  47   in  Reuters  Verzeichnisse   fehlen. 

Den  vermeintlichen  Überfluss  an  Läuschenstoffen  glaubt  Gädertz 
auch  durch  die  bekannte  Tatsache  zu  erweisen,  dass  Reuter,  als  er 
die  Läuschen  schrieb,  mit  allem  Eifer  für  ihn  verwendbare  Geschichtchen 
erkundete.  „Er  fragte  wohl,  wenn  er  in  einer  Gesellschaft  weilte: 
Kinder,  weiss  nicht  einer  eine  niedliche  Geschichte  mit  einer  Pointe? 
das  nächste  mal,  wenn  man  wieder   zusammenkam,   hatte  Reuter  sie 

8* 


116 

gereimt.^  Ich  glaube,  diese  Nachricht  beweist  gerade,  dass  Reuter 
nicht  „Sin  einem  Überfluss  von  Stoffen  gelitten  hat.^ 

Auf  die  Frage,  wieso  es  komme,  dass  soviele  in  den  Lauschen 
bearbeitete  Geschichtchen  sich  in  den  Fliegenden  Blättern  und  in 
den  Schnurren  wiederfinden,  hat  Gädertz  eine  eigenartige  Antwort. 
Reuter,  sagt  er,  habe  schon  als  Schüler  seinen  Mitschülern,  besonders 
aber  als  Festungsgefangener  seinen  Leidensgefährten,  die  aus  allen 
Teilen  Deutschlands  gewesen  seien,  oft  und  gern  aus  der  unendlichen 
Fülle  seiner  Erinnerung  derartige  Geschichten  erzählt.  So  seien  diese 
in  Deutschland  verbreitet  und  schliesslich  auch  in  die  Fliegenden 
Blätter  usw.  gekommen.  Ja,  selbst  nach  Amerika  seien  Reuters  mündlich 
erzählte  Geschichtchen  gelangt.  ^Ein  nach  Amerika  ausgewanderter 
Friedländer  Mitschüler  schrieb  aus  dem  fernen  Westen  an  Reuter, 
dass  auch  dorthin  seine  Poesien  gedrungen  seien :  'Läuschen  un  Rimels 

—  wirkliche  Heimatsklänge,  die  alle  alten  Erinnerungen  belebten  und 
mich  wieder  verjüngten:  Friedland  mit  der  ganzen  Jugendzeit  stand 
wieder  vor  mir,  alle  Jugendstreiche  tauchten  wieder  auf!'^  Dieser 
Friedländer  in  Amerika  ist  vermutlich  als  Zeuge  aufgerufen,  um 
glaublich  erscheinen  zu  lassen,  dass  die  Erzählung  von  der  nach 
Gädertz  in  Parchim  geschehenen  Wette  des  Bäckermeisters  Swenn 
aus  Mecklenburg  nach  Amerika  und  so  in  die  Feder  Kaptain  Marryats 
usw.  gelangt  sei,  nicht  umgekehrt.  Ich  denke,  meine  Ausführungen 
auf  S.  87  ff.  sind  so  beweiskräftig,  dass  an  ihnen  nicht  zu  rütteln  ist. 

Gädertz  beruft  sich  auch  auf  das  Urteil  anderer,  welche  gleich 
ihm  meinen  Nachweis  der  Benutzung  der  Fliegenden  Blätter  durch 
Reuter  für  nicht  einwandsfrei  oder  falsch  halten. 

Zu  diesen  soll  —  ich  selbst  gehören.  Er  führt  an,  dass  in 
irgend  welchen  Zeitungen  die  Nachricht  gestanden  habe,  es  sei  in 
meiner  Reuter -Ausgabe  eine  neue  Quelle,  die  ^  Schnurren^  von  1842, 
nachgewiesen,  und  fährt  fort:  ;,Wenn  sich  darin  Stoffe  finden,  die 
uns  auch  in  den  Läuschen  un  Rimels  begegnen,  so  ist  damit  noch 
kein  Beweis  geliefert,  am  wenigsten,  wie  Seelmann  durch  seinen  Ver- 
leger bekannt  machen  lässt:  4n  der  Tat  überraschend  und  völlig 
einwandsfrei'.  Darnach  erscheint  ihm  selbst  wohl  die  erste  Entdeckung 
mit  den  Fliegenden  Blättern  nicht  mehr  ganz  so  überraschend  und 
einwandsfrei."  —  Ich  habe  hierzu  zu  bemerken,  dass  ich  weder  in 
diesem  Falle  noch  je  in  meinem  Leben  —  ich  bin  doch  nicht  Gädertz 

—  weder  direkt  noch  indirekt  eine  Zeile  über  irgend  eine  meiner 
wissenschaftlichen  Arbeiten  in  die  Tagespresse  gebracht  habe,  ferner 
dass  mein  Verleger  weder  die  bezügliche  Notiz  hat  bekannt  machen 
noch  überhaupt  je  eine  Zeile  für  Reklamezwecke  von  mir  verlangt 
hat.  Ja,  ich  erinnere  mich  nicht  einmal,  jene  Notiz  gelesen  zu  haben. 
Als  die  ersten  Bände  meiner  Ausgabe  gedruckt  wurden,  empfing  ich 
monatlich   45  Korrekturbogen   und   hatte   wirklich  weder  Lust  noch 


117 

Müsse    Zeitungen     zu    lesen   oder    gar    für    diese   zu   schreiben.    — 
Gädertz  operiert  also  wieder  einmal  mit  einer  erfundenen  Sache. 

Er  bezieht  sich  dann  auf  einen  Brief  eines  Schülers  Reuters, 
des  Herrn  Geheimrats  Professor  Richard  Schröder  in  Heidelberg,  der 
ihm  auf  eine  Anfrage  schrieb:  ;, Reuter  nahm  die  Scherzgedichte,  wo 
er  sie  kriegen  konnte.  Auf  neue  Entdeckungen  kam  es  ihm  nicht 
an,  sondern  auf  die  drastische  Darstellung,  in  der  er  Meister  war. 
So  manche  seiner  Erzählungen  in  den  Läuschen  un  Rimels  sind  ja 
alte  Scharteken;  und  ich  finde  die  Entdeckung  Seelmanns  nicht  weiter 
interessant.  Die  Fliegenden  Blätter  habe  ich  als  Kind  schon  eifrig 
gelesen.  Wer  sie  in  Treptow  gehalten  hat,  weiss  ich  nicht,  aber 
natürlich  sind  sie  auch  Reuter  nicht  unbekannt  gewesen,  doch  halte 
ich  es  für  wahrscheinlicher,  dass  aus  ihnen  stammende  Schnurren 
weiter  erzählt  wurden,  und  dass  Reuter  manches  auf  diesem  mittel- 
baren Wege  kennen  gelernt  hat.*' 

In  Bezug  auf  diesen  Brief  schrieb  mir  Herr  Geheimrat  Schröder, 
noch  ehe  ich  selbst  den  von  Gädertz  veröffentlichten  Zeitungsartikel 
gelesen  hatte,  folgendes:  „In  der  gestrigen  Nummer  der  National- 
zeitung führt  Gädertz  einen  Brief  von  mir  an,  den  ich  ihm  vor 
einer  Reihe  von  Jahren  geschrieben  habe,  als  ich  von  Ihren  Hin- 
weisen auf  die  Fliegenden  Blätter  als  eine  Quelle  für  die  Läuschen 
un  Rimels  nur  erst  von  Hörensagen  wusste.  Ich  halte  die  in  Ihrer 
trefflichen  Ausgabe  enthaltenen  Quellennachweise  allerdings  für  sehr 
interessant,  weil  sie  einen  Einblick  in  Reuters  Arbeitsweise  gewähren. 
Dass  er  die  Fliegenden  Blätter  unmittelbar  benutzt  hat,  ist 
mir  jetzt  ausser  Zweifel,  wenn  ich  auch  die  Möglichkeit  zugeben 
inuss,  dass  manche  der  darin  enthaltenen  Schnurren,  die  zum  Teil 
dann  von  Mund  zu  Munde  gingen,  ihm  auf  diesem  Wege  und  nicht 
direkt  zugekommen  sind.^ 

Bei  dieser  Gelegenheit  möchte  ich  nicht  versäumen,  auf  eine 
irrige  Angabe  in  meiner  Ausgabe  —  in  der  bald  erscheinenden  neuen 
Auflage  ist  sie  bereits  verbessert  —  hier  noch  besonders  berichtigend 
hinzuweisen.  Als  ich  festgestellt  hatte,  dass  Läuschen  Reuters  derartig 
mit  den  Fliegenden  Blättern  übereinstimmten,  dass  diese  die  Quelle 
sein  mussten,  erschien  mir  die  Feststellung  nötig,  ob  das  Münchener, 
damals  erst  einige  Jahre  erscheinende  Blatt  1852  schon  in  der  kleinen 
Stadt  Treptow  bekannt  und  verbreitet  war.  Ich  brachte  deshalb 
auch  hierauf  die  Rede,  als  Herr  Geheimrat  Schröder  bei  einer  mir 
gewährten  Unterredung  in  seiner  liebenswürdigen  Weise  mir  sehr  aus- 
führliche und  sehr  lehrreiche  Auskunft  über  Reuter,  sein  Wesen, 
seinen  Verkehr  und  seine  Freunde  in  Treptow  gab.  Er  konnte  mir 
in  der  Tat  mitteilen,  dass  die  Fliegenden  Blätter  schon  im  Jahre 
1852  in  Treptow  gelesen  wurden.  Seine  anwesende  Frau  Tochter 
warf  dabei  die  Frage  ein  „Aber  Reuter  hat  die  Fliegenden  Blätter 
wohl  nicht  gehabt?",  worauf  er  entgegnete  „0  doch,  ich  habe  sie  in 
meinem  Arbeitszimmer  liegen  sehen."  —  Ich  merkte  darauf  in  meiner 


118 

Reuter -Ausgabe  an,  dass  Herr  Geheimrat  Schröder  die  Fliegenden 
Blätter  bei  Reuter  gesehen  habe.  Erst  nach  und  durch  den  Druck 
klärte  sich  die  Antwort  als  Irrtum  auf.  Herr  Geheimrat  Schröder 
hatte  den  Namen  ;,Reuter*  überhört  und  die  Frage  auf  einen  Freund 
Reuters  bezogen,  von  dessen  Beziehungen  zu  dem  Dichter  er  gerade 
gesprochen  hatte.  — 

Schliesslich  kann  —  auch  dieses  sei  hier  nicht  übergangen  — 
Gädertz  noch  berichten,  dass  ;, viele  Verehrer  Reuters  die  von  Seel- 
mann gemachte  ^Entdeckung'  mit  einem  mitleidigen  Lächeln  auf- 
genommen haben  und  ihr  keinen  Glauben  beimessen.^ 

*  * 

Gädertz  schliesst  seine  Aufsätze  mit  folgenden  Worten:  ^Dass 
eine  Reuter -Forschung  und  Reuter -Philologie  nach  dem  Vorgange 
Seelmanns  erspriesslich  sei,  wage  ich  zu  bezweifeln. 

;,Was  wohl  Fritz  Reuter  selbst  und  sein  Onkel  Bräsig 
dazu  sagen  würden?!" 

Gädertz  hatte  seine  gegen  mich  gerichteten  Aufsätze  mit  einer 
Ausführung  über  das  erste  Läuschen  Reuters  eingeleitet,  welche  meinen 
Anmerkungen  einfach  entlehnt  war,  vgl.  oben  S.  94.  Die  Apostrophe 
an  Fritz  Reuter  und  Onkel  Bräsig  ist*gleichfalls  entlehnt:  dem  safl- 
rischen  ^Charakterbild  des  Prof.  Dr.  Karl  Theodor  Gädertz"  in  A. 
Römers  Buche  ^Heiteres  und  Weiteres  von  Fritz  Reuter",  S.  228. 
Hier  werden  Fritz  Reuter  und  Bräsig  Worte  in  den  Mund  gelegt,  in 
denen  sie  über  —  Gädertz  sehr  abfällig  urteilen. 

Wer  im  Glashause  sitzt,  soll  nicht  mit  Steinen  werfen.  Es  war 
deshalb  recht  unvorsichtig  von  Gädertz,  über  meine  den  Werken  Fritz 
Reuters  gewidmete  philologische  Arbeit  spöttisch  zu  sprechen. 
Seine  Worte  geben  mir  ein  Recht,  gleichfalls  in  spottende  Polemik 
zu  verfallen,  zunächst  möchte  ich  aber  den  Wert  seines  Urteils  in 
philologischen  Dingen  beleuchten  und  erklären  —  ich  werde  meine 
durchaus  nicht  übertreibenden  Worte  sofort  begründen  —  dass 
Gädertz  kaum  mehr  als  das  Plattdeutsch  der  Strasse  und 
auch  dieses  nicht  einmal  ordentlich  versteht.  Ich  will  hier 
nicht  die  Urteile  abdrucken  lassen,  welche  Gädertz'  berühmter  Lands- 
mann über  ihn  Klaus  Groth  —  und  nicht  nur  diesem  —  mitgeteilt 
hat,  denn  seitdem  sind  Jahre  verflossen  und  Gädertz  könnte  inzwischen 
Plattdeutsch  gelernt  haben.  Die  Leser  dieser  Zeilen  können  selbst 
urteilen,  ich  brauche  sie  nur  auf  die  Erläuterungen  hinzuweisen, 
welche  Gädertz  seiner  1905  erschienenen  Ausgabe  von  Reuters  Stromtid 
beigefügt  hat.  Und  weil  der  mir  hier  zur  Verfügung  stehende  Raum 
nicht  ausreichen  würde,  alle  Böcke,  welche  Gädertz  als  Reuter- 
Interpret  geschossen  hat,  zur  Strecke  zu  bringen,  werde  ich  mich  auf 
eine  Auslese  aus  den  drei  ersten  Kapiteln  der  Stromtid  beschränken. 


119 

Allein  auf  der  ersten  Seite  (S.  7  seiner  Ausgabe)  begegnen 
folgende  Fehler: 

.  viertwis  heisst  „in  Yiertelscheffeln'^,  Gädertz  übersetzt  „fassweise^.  Das 
Viert  hiess  allerdings  in  Mecklenburg  früher  auch  Fass,  doch  ist  diese  Benennung 
veraltet  und  nur  provinziell. 

Landrider  ist  der  reitende  Bote  des  Domanialamtes  (der  an  dieser  Stelle 
die  rückständige  Pacht  von  den  Inhabern  der  Domanialgüter  einzieht,  aber  noch 
nicht  pfändet),  Gädertz  erklärt  „Gerichtsvollzieher". 

vier  einkalürige  Mähren  sind  „vier  in  der  Farbe  übereinstimmende  Pferde", 
Gädertz  übersetzt  „einfarbige". 

Damm  bezeichnet  an  dieser  Stelle  das  vornehme  Seebad  „Heiligendamm", 
Gädertz  gibt  keine  Übersetzung,  versteht  also  den  Strassendamm. 

Aus  den  übrigen  Seiten  verzeichne  ich  hier  z.  T.  recht  wunderliche 
Fehler: 

Lütt  Kropzeug^  wie  Bräsig  so  oft  Lining  und  Mining  nennt,  bedarf  kaum 
einer  Erklärung,  da  das  Wort  Kroppzeug,  Kruppzeug  über  das  niederdeutsche 
Gebiet  hinaus  verbreitet  und  bekannt  ist  (vgl.  Grimms  Wörterbuch  s.  v.).  Gädertz 
deutet  das  Wort  als  kleine  Mädchen,  welche  einen  Kropf  haben.  Er  sagt  S.  22^ 
seiner  Ausgabe  wörtlich:  „Kropptüg,  kleine  Mädchen  mit  Unterkinn". 

Blick  wird  von  Gädertz  S.  57*  als  „Bockgestell"  des  Wagens  gedeutet, 
ia  Wirklichkeit  bedeutet  es  an  dieser  Stelle  die  Nabe  des  Rades. 

Hosenquedder  heisst  Hosenbund.   Gädertz  S.  58*°  übersetzt  „Hosengurt". 

Quese  ist  eine  durch  Quetschung  oder  Druck  der  Haut  entstandene  Blase, 
Gädertz  S.  10«  übersetzt  „Schwiele". 

Messhof  ist  Misthof,  Miststätte,  Gädertz  S.  18  ^^  übersetzt  ungenau 
„Misthaufe",   was  Messhop  wäre. 

FladduP  ist  eine  besondere  Art  altmodischer  Hauben,  Gädertz  S.  20^ 
übersetzt  „Kopfputz  mit  flatternden  Bändern". 

viertimpige  Mutz,  Mütze,  welche  in  vier  Zipfeln  ausläuft,  Gädertz  S.  2V^ 
übersetzt  „viereckig". 

80)  n  ollen  Venynschen  wird  von  Gädertz  S.  26**  „so  ein  alter  Gift- 
molch; von  venenum:  Gift"  erklärt;  venin  seh  heisst  aber  boshaft  und  kommt 
von  mnl.  venijn,  franz.  venin.  An  einen  Giftmolch  oder  Gift  denkt  niemand  bei 
diesem  seit  Jahrhunderten  eingebürgerten  Worte. 

InH  Blage  übersetzt  Gädertz  S.  12 ^  „ins  Blaue".  An  dieser  Stelle  be- 
deutet blag  jedoch  „fem",  ebenso  wie  S.  55  zu  Ende. 

upsiht  soll  nach  Gädertz  S.  33^  „durchgesiebt  (aufgeseihet)"  heisseu, 
die  Milch  wird  allerdings  „geseiht",  aber  nicht  „durchgesiebt". 

harllich  wird  von  Gädertz  S.  22^2  „stark  (herzhaft)"  erklärt.  Das  Wort 
bedeutet  hier  aber  (=  mnd.  hardelik,  hartlich)  „härtlich,  tüchtig". 

muddelt  wird  von  Gädertz  S.  26^  „mengt"  übersetzt,  es  heisst  aber 
„manscht"  oder  „sudelt  zusammen". 

Ne  Nu  fr  von  en  Mann  wird  Jochen  Nüssler  genannt.  Das  bei  Keuter 
öfter  vorkommende  Wort  Nuff,  das  andere  Mundarten  in  der  Form  Nüsse, 
Nusche  kennen,  bedeutet  einen  Menschen  ohne  Tatkraft,  der  nichts  Ordentliches 
zu  Stande  bringt.  Gädertz  S.  30^^  erklärt  Nuss  „Null,  hohl  und  taub  wie  eine 
alte  vertrocknete  Nuss,(!!)"  —  „Nuss"  heisst  bekanntlich  bei  Reuter  Nät. 


120 

Es  muss  mir  jeder,  dem  das  Plattdeutsche  geläufig  ist,  zugeben, 
dass  es  sich  hier  um  ganz  bekannte  Wörter  handelt;  nur  Fladdm' 
und  Buch  machen  insofern  eine  Ausnahme,  dass  ersteres  nur  noch 
alten  Leuten,  letzteres  nur  den  Landleuten  allgemein  bekannt  ist. 
Bei  Ausdrücken  und  Redensarten,  deren  Deutung  er  nicht  anderen 
Erklärern  entlehnen  konnte,  versagt  sein  eigenes  Wissen  völlig.  Ich 
notiere  hier  nur  aus  Hanne  Nute  einige  Beispiele:  Kap.  6,  V.  21 
Nil  geiht  Gotteswurt  jo  äwerall  merkt  er  gegen  allen  Zusammenhang 
an:  ^sprichw.  =  nun  breitet  Gottes  Wort  sich  aus.^  Die  Redensart 
in  welcher  Gotteswort  vermutlich  ursprünglich  die  Bedeutung  ^ Blitz 
und  Donner^  hatte,  ist  jedoch  zu  übersetzen  „Nun  geht  alles  drunter 
und  drüber.^  —  Kap.  7,  V.  70  heisst  Sparlings-Hänschen  „Sperlings- 
Hänschen^  (kleiner  Hans).  Gädertz,  der  nach  seiner  Angabe  stets 
den  echten  Text  unter  Zugrundelegung  der  Niederschrift  des  Dichters 
mit  Benutzung  aller  Drucke  gibt,  in  Wirklichkeit  aber  den  Text  der 
Hinstorjffschen  Volksausgabe  zugrunde  gelegt  und  diesen  nur  hin  und 
wieder  geändert  hat,  bietet  an  dieser  Stelle  Sparlings-Hähnschen 
„Sperlings- Hähnchen^,  gewiss  eine  merkwürdige  Bezeichnung  für 
ein  brütendes  Sperlingsweibchen!  —  Kap.  6,  V.  184  verdort^  was 
„erholt,  beruhigt*  heisst,  wird  von  Gädertz  „vertrocknet*  übersetzt, 
also  von  „verdorren*,  statt  von  „verdoren*  abgeleitet.  —  Kap.  9, 
V.  177  ff.  raten  die  Frösche,  Hochzeit  zu  feiern,  Kuchen  zu  diesem 
Zweck  zu  backen  und  das  Fass  hinter  den  Ofen  zu  stellen,  und  dann 
tüchtig  zu  trinken.  Gädertz  wiederholt  hier  die  falsche  Interpunktion 
der  Volksausgabe  achteren  Ähen  dat  Fat\  und  übersetzt:  [Lasst] 
„hinterm  Ofen  das  Fass!*,  als  wenn  hier  immer  ein  Bierfass  stünde. 
—  Kap.  7,  V.  86  Susenger  wird  von  Gädertz  „Sausänger*  (!)  übersetzt. 
Wie  er  aus  Grimms  Wörterbuche  ersehen  kann,  hat  das  Wort  mit 
„singen*  nicht  zu  tun,  es  bedeutet  „Saudiebe*  und  ist  ursprünglich 
ein  altes  Schimpfwort  für  marodierende  Soldaten.  — 

Die  falschen  Erklärungen,  welche  Gädertz  gibt,  werden  dadurch 
nicht  richtiger,  dass  einige  von  ihnen  sich  auch  in  anderen  Ausgaben 
und  besonders  in  der  Hinstorffschen  Volksausgabe  finden.  Als  er 
sich  trotz  seiner  völlig  unzureichenden  Kenntnis  des  Plattdeutschen 
vermass  Reuters  Werke  herauszugeben,  vertraute  er  auf  die  Hilfe, 
welche  ihm  ältere  Ausgaben  und  plattdeutsche  Idiotiken  boten.  Neben 
vielen  richtigen  Deutungen  entnahm  er  diesen  Quellen  manches  Ver- 
fehlte. Bösere  Fehler  beging  er,  wo  er  aus  dem  Zusammenhange 
Bedeutungen  erriet  oder  auf  so  wunderliche  eigene  Etymologieeu 
wie  Krop  =  hochdeutsch  „Kropf*,  Niiss'  =  hochd.  „Nuss*  baute. 
Wenn  man  bei  der  Herausgabe  älterer  Sprachdenkmäler  mit  Hilfe 
des  Zusammenhanges  oder  der  Etymologie  unbekannte  Wortbedeutungen 
erschliesst,  so  ist  dagegen  Nichts  einzuwenden.  Man  ist  einzig  auf 
jene  Hilfsmittel  angewiesen,  und  Jeder  weiss,  dass  es  sich  um  Ver- 
mutungen handelt.  Anders  liegt  die  Sache  bei  Werken  neueren  Ur- 
sprunges.    Hier  hat  der  Herausgeber  die  Pflicht,  in  allen  zweifelhaften 


121 

Fällen  von  Leuten,  welchen  die  Mundart  des  Verfassers  geläufig  ist, 
die  richtige  Bedeutung  zu  erkunden.  Das  wird  auch  deshalb  zur 
Pflicht,  weil  die  jetzt  angemerkten  Bedeutungsangaben  dermaleinst, 
wenn  das  Plattdeutsche  keine  lebende  Mundart  mehr  sein  wird,  für 
die  Nachwelt  das  werden,  was  der  Gegenwart  die  alten  Scholien  der 
griechischen  Dichter  sind. 

Bei  Reuter  genügt  es  nicht  einmal  immer,  sich  Rats  aus  irgend 
einem  beliebigen  Teile  Mecklenburgs  oder  Vorpommerns  zu  holen. 
Die  Wortbedeutungen  weichen  in  einzelnen  Fällen  selbst  innerhalb 
dieses  Gebietes  von  einander  ab,  z.  B.  heisst  bädeln  bei  Reuter  ^^schnell 
fahren",  nicht  wie  ein  pommerscher  Recensent  meiner  Ausgabe  aus 
seiner  Mundart  schloss  „gemächlich  fahren".  Bei  Brinckman  und  in 
Rostock  wird  man  brät  in  Wut  danit  brät  „bratet"  zu  übersetzen 
haben,  anderswo  fasst  man  es  als  „brütet".  Bekannt  ist,  dass  hül 
und  hot  ihre  Bedeutung  geradezu  tauschen.  Von  den  von  mir 
gegebenen  Wortbedeutungen  glaube  ich  versichern  zu  können,  dass 
ich  in  jedem  mir  zweifelhaften  Falle  in  Mecklenburg  Umfrage  gehalten 
und  lieber  meine  Unkenntnis  eingestanden,  als  eine  Erklärung  erraten 
habe  Nach  der  Bedeutung  von  Schalm,  schalmig  (Reuter  Bd.  2,  S.  25ü, 
Z.  32.  33)  z.  B.  sind  ohne  Erfolg  Hunderte  von  Mecklenburgern 
befragt  worden,  deren  Stand  die  Kenntnis  dieses  Ausdrucks  für  einen 
Fehler  der  Pferde  nahe  legte.  Selbst  achtzigjährige  Tierärzte  konnten 
keine  Auskunft  geben.  Auch  dem  bei  Reuter  häufiger  vorkommenden 
Worte  hohalieren  habe  ich  lange  vergeblich  nachforschen  müssen,  ehe 
mir  der  bekannte  mecklenburgische  Dialektschriftsteller  Friedrich 
Cammin  die  Bedeutung,  und  dass  es  in  Laage  und  bei  Teterow  noch 
oder  noch  vor  nicht  langer  Zeit  im  Gebrauch  war,   angeben  konnte. 

Zum  Sehluss  noch  Folgendes.  Gädertz  hat  —  allerdings  mit 
Unrecht,  wie  ich  S.  116  nachwies  —  zur  Bestätigung  einer  seiner 
Behauptungen  sich  auf  mich  berufen.  Auch  ich  kann  mich  auf  ihn 
beziehen,  nämlich  dafür,  dass  nach  seinem  Dafürhalten  meine  Reuter- 
philologie sehr  förderlich  ist.  Er  hat  das  zwar  nirgend  ausgesprochen 
und  mich  nie  als  Gewährsmann  für  irgend  eine  seiner  Anmerkungen 
genannt.  Er  ist  mehr  für  die  Tat.  Er  hat  an  wohl  hundert  oder  mehr 
Stellen  von  mir  gegebene  Erklärungen  oder  ermittelte  Tatsachen 
übernommen  und  hat  sogar,  soweit  es  ihm  möglich  war,  in  den  zuletzt 
von  ihm  bearbeiteten  Werken  Reuters,  z.  B.  bei  den  Läuschen  und 
Schurr- Murr,  meine  Art  zu  erklären  nachzuahmen  gesucht.  Auch 
hat  er,  wenigstens  an  einzelnen  Stellen,  nachträglich  Zusätze  und 
Besserungen  angebracht,  welche  er  meiner  Ausgabe  entnommen  hat; 
er  hat  ferner  anonym  erschienene,  von  mir  Reuter  zugeschriebene 
Sachen  als  Schriften  Reuters  abdrucken  lassen.  Wissen  möchte  ich 
jedoch, .  warum  er  an  meinem  Wortlaut  immer  etwas  geändert  hat. 
Reuter  tut  im  Schurr-Murr  (Bd.  4,  S.  162)  eines  ;, älteren  Kollegen 
in  der  Poesie,  Hellmuth  SköUin,  jetzt  in  einer  Hofcharge  in  Schwerin" 
Ei-wähnung.      Ich   merkte   hierzu    an,    dass    dieser    grossherzoglicher 


122 

Hausinspektor  mit  dem  Titel  Hofkommissar  war  und:  ;,ein  Buch  hat 
Sköllin  (1803—70)  nicht  erscheinen  lassen.^  Bei  Gädertz  S.  130 
liest  man  „grossherzoglicher  Hofkommissar  (1803 — 70)  hat  seine 
Gedichte  nicht  veröffentlicht.^  Wie  Gädertz  von  Sköllins  Sohne  in 
Warnemünde  erfahren  kann,  hat  Sköllin  wohl  Gedichte  veröflFentlicht, 
nämlich  in  Zeitungen.  Ebenda  S.  134  macht  mir  Gädertz  das  Ver- 
gnügen, meine  Übersetzung  des  Verses  est  bellum  bellum  bellis  bellare 
puellis  abzudrucken.  Es  ist  das  einzige  mal  in  meinem  Leben,  dass 
einer  der  wenigen  Verse,  welche  ich  gelegentlich  fabriziert  habe,  ge- 
druckt, und  nun  sogar  nachgedruckt  ist.  Unerfindlich  ist  mir  aber, 
warum  Gädertz  meinen  Wortlaut  verändert  zu  ;, Schön,  ja  schön  ist 
ein  (statt:  der)  Kampf,  der  mit  schönen  Mädchen  gekämpft  wird.* 
Verse  anderer  ändert  man  doch  nicht.  Oder  sollte  Gädertz  wirklich 
meinen,  dass  seine  lateinischen  Kenntnisse  ihn  berechtigen,  meine 
Übersetzungen  zu  korrigieren?  Da  möchte  ich  ihn  doch  daran  er- 
innern, dass  er  die  in  Reuters  ;, Reise  nach  Braunschweig  ^  angeführten 
Sätzchen,  z.  B.  Pater  mea  in  silvam,  fiir  sinnlos  hält,  trotzdem  er  in 
jedem  lateinischen  Wörterbuche  das  Verbum  meare  findet,  und  es 
soll  mir  auch  nicht  darauf  ankommen,  zum  Beweise  seiner  philologischen 
Bildung  seine  Entdeckung  mitzuteilen,  dass  (der  schon  in  der  Sachsen- 
spiegelglosse citierte,  1400  gestorbene  bekannte  Jurist)  Baldus  de 
Ubaldis  im  Anfange  des  17.  Jahrhundert  ;,ein  damals  berühmter 
Professor  und  Juris  utriusque  Dr.  an  der  Universität  Leipzig '^  gewesen 
ist.  Auf  fast  gleicher  Höhe  steht  die  fernere  Entdeckung,  dass  die 
in  Reuters  Urgeschicht  von  Mecklenborg  zu  Anfang  neben  Johnston 
genannten  Chemiker  John  und  Johnson  1)  Engländer  sind,  2)  gar 
nicht  gelebt  haben.  Er  sagt  nämlich  wörtlich:  „Was  die  drei  Eng- 
länder anbetrifft,  so  scherzt  unser  Humorist  hier  offenbar,  wie  bei 
Lisch  und  Lasch,  Misch  und  Masch.  Nur  Johnston  kommt  in  Frage." 
—  Dass  John  ein  Pommer  und  Johnson  ein  recht  bekannter  englischer 
Chemiker  war,  kann  man  in  meiner  Reuter -Ausgabe  Bd.  7,  S.  517 
nachlesen. 

BERLIN.  ^A^.  Seelmann. 


123 


Fritz  Reuters  Reise  nach 
Braunsehweig. 


Die  niedrigen  Kornpreise,  welche  in  den  dem  Befreiungskriege 
folgenden  Jahren  den  Anbau  von  Getreide  in  Mecklenburg  kaum 
lohnend  erscheinen  Hessen,  hatten  den  Vater  Fritz  Reuters  veranlasst. 
Versuche  mit  dem  Anbau  von  Handelsgewächsen  zu  machen.  Be 
sonderen  Gewinn  glaubte  er  sich  vom  Krappbau  zu  versprechen, 
der,  wie  er  wusste,  in  Holland  mit  gutem  Erfolge  betrieben  wurde. 
Als  er  in  Bohns  ^jWaarenlager-  oder  Producten-  und  Waarenlexikon 
für  Kaufleute  ^  (Hamburg  1805)  las,  dass  im  Herzogtum  Braunschweig 
in  der  Gegend  von  Königslutter  Krapp  gebaut  und  daran  jährlich 
ein  Betrag  von  18000  Talern  verdient  würde,  Hess  er  sich  aus  Königs- 
lutter junge  Krappflänzchen  kommen  und  entschloss  sich  dann  zu 
einer  Reise  dorthin,  um  sich  an  Ort  und  Stelle  über  die  beste  Art 
des  Krappbaues  zu  unterrichten.  Über  seine  Reise  hat  er  später  in 
einem  vom  1.  Oktober  1824  datierten  Aufsatze  ;,Über  den  Anbau  des 
Krapps  (Rubia  tinctorum)^  berichtet,  der  von  mir  in  den  ^  Neuen 
Annalen  der  Mecklenburgischen  Landwirtschaftsgesellschaft^,  Jahr- 
gang 11  (1825)  aufgefunden  worden  ist.^) 

Auf  die  mit  eigenem  Gespann  unternommene  Fahrt  nahm  er 
seinen  Sohn  Fritz,  der  damals  noch  im  Knabenalter  stand  „unter 
der  Bedingung  mit",  wie  Adolf  Wilbrandt  erzählt  „dass  er  auf  Alles 
wohl  acht  gebe  und  nach  der  Rückkehr  seine  Erlebnisse  und  Beob- 
achtungen für  den  Amtshauptmann,  seinen  Paten,  niederschreibe." 
Die  von  Fritz  Reuter  verfasste  Beschreibung  seiner  Reise  wurde  von 
den  Hinterbliebenen  des  besonders  aus  der  „Franzosentid"  bekannten 
Amtshauptmann  Weber  in  dessen  Nachlasse  vorgefunden,  von  ihnen 
Fritz  Reuter,  als  dieser  bereits  ein  berühmter  Mann  war,  übergeben 
und  ist  nach  dessen  Tode  in  seinen  „Nachgelassenen  Schriften"  Bd. 
1,  S.  98  ff.  gedruckt  worden. 

Reuters  „Reise  nach  Braunschweig"  —  diesen  Titel  hat  ihr 
Wilbrandt  gegeben  —  ist  recht  lesenswert.  Ihre  eigentliche  Bedeu- 
tung beruht  jedoch   darauf,    dass   sie   von  Reuter  in  seinen  Knaben- 


*)  Auszüge   aus   dem   Aufsatze  sind   jetzt   bei   A.   Römer,  Heiteres  und 
Weiteres  von  Fritz  Reuter  (Berün  1905),  S.  161  ff.  gegeben. 


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jähren  verfasst  ist  und  uns  somit  eine  Anschauung  seiner  Geistesart 
und  seiner  Bildung  während  seiner  Jugendzeit  darbietet.  Für  ihre 
Beurteilung  ist  es  deshalb  von  besonderem  Belang  zu  wissen,  in 
welchem  Alter  Reuter  die  kleine  Reisebeschreibung  verfasst  hat.  Die 
Angaben  hierüber